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GIGANTEN

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Text_Gavin McClurg dt. Bearbeitung_Sören Otto Foto_Jody MacDonald

Die Giganten der Meere faszinieren und verängstigen zugleich. Eine Truppe unerschrockener Waverider stieg in Indonesion auf Gavin McClurgs weltreisenden Katamaran und suchte Monsterwellen. Der Kapitän berichtet über eine erfolgreiche Mission.

Ben Wilson ist so tief in der Barrel, dass ihm fast die Filmkamera aus der Hand gerissen wird

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Die, auf die wir so inständig hoffen, kommen immer aus dem Südpolarmeer. Von da aus reisen sie schnell, donnern uns mit 600 nautischen Meilen am Tag entgegen. Giganten werden ausschließlich dann kreiert, wenn ein heftiges Tiefdruckgebiet vom Polarkreis aus eine weite Strecke zurücklegt und auf dem Weg Windgeschwindigkeiten von bis zu 160 km/h generiert – ein Sturm also, der weit stärker ist als ein tropischer Zyklon. Auf der Wetterkarte sehen sie aus wie ein dickes, leuchtendes, wirbelndes Fragezeichen in karminrot. Für das untrainierte Auge ist diese Farbe nicht spannender als eine rote Ampel. Aber für jene, welche die größten Wellen der Welt abreiten wollen, könnte kein schöneres Kunstwerk existieren.

Indonesien fängt den Swell aus dem Südpolarmeer wie ein riesiger Magnet ab Jeden Winter machen sich Surfer zu den bekannten indonesischen Inseln auf, in der Hoffung, dass die antarktische Furie ihre Energie an den dortigen Riffen freisetzt. Die Chancen stehen gut. Die Inselgruppe ist geographisch einzigartig gelegen, um den Swell aus dem Südpolarmeer wie ein riesiger Magnet abzufangen. Tausende Kilometer Küstenlinie von Timor bis Sumatra entgegnen dem saubersten – viele sagen sogar, es sei der beste – Swell auf diesem Planeten. Es gibt einen bestimmten Ort, dem sich Surfer und in letzter Zeit vermehrt Kitesurfer Jahr für Jahr zuwenden: Lakey Peak in Sumbawa. Zwischen August und Oktober versuchen Profis und Amateure hier ihr Glück. Alle auf der Suche nach der perfekten Barrel. Leider ist Lakey auch für Malaria, Dengue-Fieber und andere lebensbedrohliche Krankheiten berühmt. Doch davon ließen sich dieses Jahr nur Wenige abschrecken.

Jesse Richman kennt große Wellen aus seiner hawaiianischen Heimat, hatte aber in Lakey ordentlich Muffensausen

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Ein bestimmter Wellenjäger hat sich in seiner langen Karriere besonders dem Lesen und Auswerten von Wetterkarten verschrieben. Wie kein anderer ist Ben Wilson permanent auf der Suche nach den bunten Kreisen. Immer dem Swell auf der Spur – und seitdem er kitet - in Kombination mit Wind natürlich. Er reist mehr, als dass er bei Frau und Kind im gemeinsamen Haus an der australischen Sunshine Coast ist. Das ist der Preis, wenn man sich als professioneller Kitesurfer behaupten will. Mit Ben hatten sich pünktlich zur Ankunft des Swell ein Dutzend Waverider in Lakey eingefunden. Nicht nur, um die Welle ihres Lebens zu finden, sondern auch, um Fotos für Sponsoren zu sammeln. Nichts verkauft sich besser als Monsterwellen. Ben schrieb mir bereits zwei Wochen, bevor er sich auf unserem Boot “Discovery“ einschiffen sollte: “Gavin, das Teil sieht mächtig aus, Kumpel. Ich beobachte es weiter.” Zu diesem Zeitpunkt sorgte der Sturm bereits für zwölf Meter Swell, war aber noch über 12.000 Kilometer entfernt. Viel zu weit weg, um durchzudrehen, aber trotzdem verfolgungswürdig.

Nichts verkauft sich besser als Monsterwellen Lakey, Sumbawa liegt in der Hu’u Bay. Sie ist eine Bucht, so groß, dass ich während unseres zweimonatigen Aufenthalts nicht eine Menschenseele getroffen habe, die je den einzigen Bahnhof der Region gesehen hat. Diese Größe ist aber auch der Grund dafür, dass etwas entsteht, an dem es in sonstigen Teilen Indonesiens mangelt: Wind. Er fängt irgendwann im August an, konstant und stark zu wehen, bis der Monsun Ende Oktober einsetzt. Doch der Wind ist auch hier launisch und setzt oftmals später ein oder ganz aus. Viele Kitesurfer bekamen das schon zu spüren. Es gibt mehr Theorien über den Wind als es

Je höher die Wellen, desto fetter werden die Aerials – eine Rechnung nach Bens Geschmack

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Bertrand Fleury bremst kurz ab, um in der

Die Idylle an Land trügt: Draußen auf dem Riff

Barrel untertauchen zu können

entladen sich gigantische Wassermassen

Moskitos gibt – und davon gibt es schon verdammt viele. Eine besagt, dass das Hinterland sich im hiesigen Winter dermaßen aufheizt, dass es irgendwann zum Knall kommt und Seewind entsteht. Hu’u Bay beherbergt über ein halbes Dutzend Weltklasse-Breaks, der berühmteste ist Lakey. Startet man ganz oben in der Bucht, kann man downwind Cobblestones, Lakey Pipe, Lakey Peak, Nungas sowie Periscopes kiten und es vor Sonnenuntergang nach Hause schaffen.

Seit seiner Jugend ist Ben 15 Jahre am Stück nach Lakey gekommen

Das Leben in Indonesien ist einfach und wird geprägt von Fischerei und Landwirtschaft

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Auf Sumbawa gibt es auch Tage ohne Swell – aber verdammt wenige

Der Kite wird von einem Kiteboy abgebaut und getragen. Diese Jungs verdienen mit drei Dollar gemessen am relativ niedrigen Einkommen recht viel. Sie begleiten einen am Strand mit dem Motorroller, sammeln einen ein und fahren wieder zum Ausgangspunkt. In Lakey 39


entstehen die meisten Fotos von hohlen Tubes; dieser Break ist den Pros vorbehalten. Welleneinsteiger kommen in Nungas zum Zuge, wo auch 20-sekündige Ritte möglich sind und ein Sturz eher das Ego verletzt als den eigenen Körper. Auch an normalen Tagen. Und uns erwartete nichts Normales.

Dreifach kopfhohe Giganten hämmerten gnadenlos auf das Riff. Wir saßen in der ersten, obgleich beängstigenden Reihe. Ben Wilson, Cameron Dietrich, Bertrand Fleury, Jessie Richman, Marc Ramseier, Philippe Alengrin und einige weitere Furchtlose trotzten den Wasserbergen oder wurden von ihnen kurzzeitig begraben.

Die Vorhersage legte noch zu und Befürchtungen machten die Runde, es könnte zu groß werden. Die Wellenperiode pendelte sich zwischen 18 und 20 Sekunden ein, was in Wellenreitkreisen generell für schlaflose Nächte sorgt. Ben Wilson und sein Kollege, der australische F-One-Teamfahrer Daniel Bevin checkten lange vor dem großen Swell ein, um sich an das Leben an Bord zu gewöhnen. Während die Leute an Land sich mit einem Magenvirus und den Moskitos herumschlugen, wurden wir auf offener See von unserem balinesischen Meisterkoch verwöhnt. Seit seiner Jugend ist Ben 15 Jahre am Stück nach Lakey gekommen. Angesichts seines Lächelns, wenn er seinen Kite bei uns auf dem Vorderdeck absetzen und nicht auf dem Strand landen musste, kam es mir so vor, als genösse es unser hoher Gast dieses Mal ganz besonders.

Das erste Opfer des gigantischen Swells war der Brite Christian Black, ein Veteran der ActionsportFotografie. Da die Fischer sich weigerten, ihr Leben und das ihrer Kähne aufs Spiel zu setzen, mussten die Fotografen umdisponieren. Die Option, von Land aus mit großen Objektiven zu arbeiten, fiel weg, weil der Spray der brechenden Wellen einen dichten Nebel erzeugte. Die vor Jahren für einen Surf-Contest errichtete Tribüne auf dem Riff war unerreichbar.

In den Tagen vor dem großen Ereignis beschwerten wir uns alle nur über eine Sache: zu wenig Schlaf. Meine Beklemmung resultierte aus persönlichen Zweifeln, ob meine Fähigkeiten ausreichen würden, um solch einen Swell zu überleben, und daraus, ob ich eine ruhige Ankerstelle für die Discovery finden würde. Wir ankerten hinter Nungas, wo der Halt auf dem Grund gut und es in den zweite Sorge mag für den einen oder anderen banal erscheinen. Aber in der vergleichsweise letzten Wochen stets ruhig war. Aber es war jungen Kite-Industrie müssen sich Pros hervor tun, sich von der Masse abheben. Das kann nicht schwer, sich vorzustellen, wie sich unser mitunter bedeuten, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Oder das des Fotografen. wohl behütetes Nest in einen Strudel verwanIch sah mehr gebrochene Boards als deln würde. Die Pros kämpften auch mit Ängsten, wenn auch aus anderen Gründen: Jeder Trip kommt für sie einem Glücksspiel gleich. Sie müssen ihre Kosten immer ins Verhältnis zum Ertrag setzen. Würde der Swell wirklich so groß werden, dass sich ihre Mühen gelohnt haben? Wenn ja, würden sie auch die von den Sponsoren geforderten Fotos bekommen? Diese

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erfolgreiche Drop-Ins Am letzten Freitag des Septembers waren die Tage des Ausharrens gezählt. Nungas feuerte doppelt kopfhoch. Lakey Pipe verursachte Wasserexplosionen, so hoch, dass man sie aus zwei Kilometern Entfernung sehen konnte. Samstagmorgen mussten wir die Discovery hundert Meter weiter in Richtung offene See und vom Break weg verholen. Die Swellhöhe verdoppelte sich erneut. In Periscope einen Abgang zu machen, war gleichbedeutend mit einer Partie Russisch Roulette. Lakey Peak und Pipe kamen ähnlichen Todesfallen gleich. Die wenigen Wellenreiter, die sich trauten, probierten es in Nungas, wo sie eine Stunde gegen die Strö-

Enorme Wassermassen waren in Bewegung. Während Jody mit einer typhusartigen Erkrankung und dem schwankenden Mast zu kämpfen hatte, schlug sich Christian mit seinen Flossen und einem fünf Kilogramm schweren Unterwassergehäuse durch die Wellen. Er machte nur einen Fehler. Und dieser hätte ihn das Leben kosten können. Einen beherzten Duck Dive unter einem heftigen Wellenset hindurch setzte er zu tief an und wurde aufs Riff geschmettert. Trotz dicken Neoprenanzugs erlitt er schwere Schürfwunden vom Steißbein bis zum Nacken. Sein Kopf prallte so hart auf, dass er kurzzeitig bewusstlos war. Wie durch ein Wunder gab ihn das Riff frei und mung paddelten, um sich im Line-Up in Position zu bringen. Ich sah mehr gebrochene Boards spülte ihn zu uns an Bord, wo Christian sich innerhalb von zwei Tagen gesund schlief. als erfolgreiche Drop-Ins.

Wie durch ein Wunder gab ihn das Riff frei und spülte ihn zu uns an Bord Am Nachmittag motorten wir zum Riff und versuchten, uns im Schutz versprechenden Channel zwischen Peak und Pipe zu positionieren. Auf diese Weise hätte Jody vom Mast aus fotografieren können. Das Risiko war jedoch enorm hoch. Würde ich den kleinsten Fehler am Steuerrad begehen, wäre unser 18 Meter langer und eine Million teurer Katamaran dahin. Und mit ihm unsere Träume. Der Swell sorgte für fünf Meter hohe Wellen, die sich teilweise im Channel entluden. Eine Stelle, die normalerweise locker mit dem Beiboot befahren werden kann, entwickelte sich in ein beispielloses Chaos. Die Kitesurf-Show war atemberaubend. In Wellen, die kein Surfer anpaddeln könnte, ließen sich die wenigen Waverider von ihren Kites hineinziehen.

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Mit der Kamera in seiner Rechten macht

Panik pur: Coverboy Cameron Dietrich

Ben dem Fotografen vor ihm Konkurrenz

hat eine Monsterwelle im Nacken

Eine erneute Zunahme des Swells zwang uns dazu, auf einen ruhigen Ankerplatz einige Kilometer in die Bucht hinein auszuweichen. Am nächsten Morgen, der als Big Sunday in die Geschichte Lakeys eingehen sollte, war nicht ein Surfer im Wasser. Die Größe und Kraft des Ozeans war gleichermaßen beängstigend und beeindruckend. Als der Wind aufkam, trauten sich nur die Mutigsten in Lakey Pipe. Daniel und ich brachten Jody mit dem Beiboot in Position. Wir wurden mit mehr als nur guten Fotos belohnt. Wir wurden Zeuge des größten Swells in der Surfgeschichte von Lakey Peak. Später kehrten wir nach Nungas zurück, ich pumpte meinen Kite auf und begab mich in die größten und furchteinflößendsten Wellen meines Lebens. Für eine Stunde erlebte ich auch den Kick, die Angst und die schiere Freude beim Abreiten dieser Monster. An diesem Abend kam alles zu einem abrupten Ende und wir dösten zur Geräuschkulisse der brechenden Wellen dahin. Monsterritte wurden uns wie sorgfältig eingepackte Geschenke aus weit entfernten Ländern dargereicht. Aber im Gegensatz zu den Wellen, die an der indonesischen Küste verendeten, haben wir die Erinnerungen. Und die leben für immer in unseren Köpfen.

Aus dem Masttopp geschossen wirkt Lakey an harmlosen Tagen wie ein Freeride-Paradies

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