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[REISELUST] SCHOTTLAND

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Ein Schiff, ein Mann, eine Mission: Gavin McClurg ist Kapitän der „Discovery“, einem 17-Meter-Katamaran. Sein letzter Kitetörn zu den Äußeren Hebriden wäre beinahe auch der letzte seines Lebens geworden. Nach fünf Jahren im Zeichen der Best Odyssey sollte der hohe Norden Europas der krönende Abschluss einer fast zweifachen Weltumrundung sein. Er wurde für den erfahrenen Waterman gleichzeitig zu einer Reise zu sich selbst. AU S G A BE 2 / 2 01 2 9 1

TEXT GAVIN MCCLURG FOTOS JODY MACDONALD

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Typisches Bild im Norden Schottlands: Burgen wie diese gibt es noch zu Dutzenden und das mittelalterliche Gefühl sozusagen automatisch dazu.

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ie Geschwindigkeit, mit der wir heute über den Planeten fahren oder fliegen können, ist ein Segen, gleichzeitig aber auch ein Fluch. Häufig denke ich darüber nach, welche Herausforderung es für unsere Gäste an Bord der „Discovery“ sein muss, ihre Ruhe und Entspannung mit dieser fast schon grenzenlosen Mobilität unter einen Hut zu bringen. Zwischen dem Abend auf dem heimischen Sofa und der Ankunft in einem sonnigen Paradies mit türkisfarbenem Wasser liegen häufig nur wenige Stunden. Realitäten verschmelzen auf diese Weise so intensiv miteinander, dass der Geist das Gefühl des Ankommens nur schwierig in der gleichen Geschwindigkeit herstellen kann. Nach dem Aufwand, den sie logistisch betreiben, um zwei Wochen auf der „Discovery“ ihren Urlaub zu verbringen, dauert es Tage, bis die Sorgen um Arbeit, Rechnungen, Haustiere und alltägliche Probleme der entspannten Lebensgeschwindigkeit auf dem Katamaran weichen. Und genau an diesem Punkt, wenn Smartphone und Co. fast gänzlich aus dem Bewusstsein verschwunden sind, finden sie sich schon am Flughafen wieder. Das Gefühl, alles Erlebte wie in einem Traumzustand wahrgenommen zu haben, bricht wie ein Wirbelsturm über sie herein und innerhalb eines Wimpernschlages haben die Arbeit und der Alltag sie zurückgewonnen. Die Reiseimpressionen verblassen zusehends und enden in den Abgründen des Gedächtnisses, wo sie als alte Erinnerungen fragmentarisch archiviert werden. In diesem Paradoxon ist die Menschheit heute mehr denn je gefangen. Mit dem Fortschritt der Technologien wird das Leben immer schneller und schneller. Angesichts der Erwartung, auf diese Weise kostbare Zeit zu sparen, steht uns eigentlich nur immer weniger davon zur Verfügung. In den vergangen fünf Jahren der Best Odyssey habe ich das Schiff lediglich sechs oder sieben Mal für mehr als ein paar Stunden verlassen. Theoretisch sollte ich also immun gegen den Druck dieses Paradoxons sein, stets voll im Flow der Entschleunigung. Aber die Technologisierung zieht heute ihre Bahnen schon längst nicht mehr nur um die Metropolen des Planeten, sie erreicht auch die letzten Winkel unserer Erde. Wenn ich an Land bin, kann ich jederzeit twittern oder mich auf Facebook mit Freunden austauschen, auch wenn ich es meist nicht tue. Liegen wir hingegen nach mehreren Tagen auf See in einer traumhaft schönen Bucht vor Anker und der Geruch des Essens zieht, während die Sonne am Horizont versinkt, über Deck, liegt eigentlich niemand entspannt 92 AUS GA BE 2 / 2012

FÜNF JAHRE AUF SEE: EINE BILANZ Gesegelte Meilen: 54.000 Die erste von insgesamt fast zwei vollbrachten Weltumsegelungen: am 10. Dezember 2010 in der Nähe der Kapverden Besuchte Länder: 50 Durchgeführte Trips: 90 Tage mit Gästen an Bord: 986 Dokumentierte jungfräuliche Kitespots: 148 Zerstörte Beiboote: 2 Abgesagte oder verspätete Trips: 0 Investition in Nahrung: 123.312 US-Dollar Ungefähre Menge an getrunkenem Bier: 4.320 Flaschen Erlittene Staphylokokken-Infektionen (inklusive meiner Frau): 23 Kiteprofis an Bord: 37 Riffe, auf die ich die „Discovery“ gefahren habe: 3 Menschen, die ich von Bord schicken musste: 1

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[REISELUST] SCHOTTLAND herum und genießt das Hier und Jetzt. Alle sitzen wie gebannt vor ihren Computern oder PDAs. „Schnell, schnell, bevor der Empfang wieder weg ist!“ Das Problem besteht darin, dass wir alle darauf trainiert sind, effektiv zu sein. Sich erfolgreich in dieser Welt durchzuschlagen, besitzt oberste Priorität. Und nicht selten macht genau dieser Ablauf auch eine Menge Spaß. Die Flucht aus dem sorgfältig konstruierten Netz ist auch nicht unmöglich, fällt aber den meisten sehr schwer. Bei unserem letzten Stopp, der die fast fünf Jahre dauernde Best Odyssey beendete, lagen wir in Stornoway, am nördlichsten Ende der Äußeren Hebriden, vor Anker. Mit unseren Gästen verfolgte ich online den Red Bull X-Alps, einen Gleitschirm-Event, der sozusagen eine Mischung aus Ironman und Tour de France für Paraglider ist. Wenige Tage später wurden wir ebenfalls über einen Live-Stream im Internet Zeugen des wohl mächtigsten Swells, der jemals den Spot Teahupoo auf Tahiti heimgesucht hat. Alles in Echtzeit, alles während wir uns am anderen Ende der Welt im Salon der „Discovery“ aufhielten. Beeindruckend und faszinierend zugleich. Vor wenigen Jahren sogar noch unvorstellbar. Doch jeder dieser Momente stand auch in einem wachsenden Konflikt mit dem alten Sprichwort: „Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite des Zauns.“ Und genau dort will und wollte ich Absolute Ruhe und das Gefühl von Schwerelosigkeit: Wenn keine Wellen laufen und der Wind ausbleibt, sucht Gavin McClurg seine Entspannung beim Paragliding. Die „Discovery“ verfügt sogar über eine eigens dafür angefertigte Winde, mit der er sich in den Himmel ziehen lassen kann.

[REISELUST] SCHOTTLAND immer hin, auf die andere Seite, die reale Seite, wo das Gras so grün ist, wie es nur in der Realität sein kann. Abseits der „Discovery“ sahen wir uns einer der ältesten Steinformationen der Megalithkultur gegenüber, den Callanish-Steinkreisen. Einem Platz, an dem die Menschen schon 3.000 Jahre vor Christus gelebt haben. Klar haben sich die Dinge seit dem Neolithikum auf der Erde verändert. Offensichtlich war diese Einsicht beim Betrachten der beeindruckend rauen Landschaft allerdings nicht. Der Kontrast zwischen unserem technologischen Fortschritt und der Natur umso größer. An diesem Flecken Erde ist der Fortschritt vorbeigezogen und hat ihm so eine mystische Schönheit geschenkt. Denkt man sich die täglich ankommenden Fähren und Fischerboote weg, fühlt man sich wahrhaftig in der Zeit zurückversetzt. Wir segelten um das Cape Wrath und entlang der Nordküste Schottlands, um die Orkaden zu erkunden, fasziniert davon, am Fuße der Klippen von Hoy kitesurfen zu gehen. Wir tranken Scotch in der Highland-Park-Destillerie, lauschten an einem Torffeuer Geschichten über alte Mythen – und all das mit einer Ruhe und Langsamkeit, die in der heutigen Zeit kaum mehr zu finden ist. Ich liebe diese ausgeglichene, ruhige Art, das Leben anzugehen. Ich möchte zurück zu dieser gemächlichen Geschwindigkeit und könnte schwören, dass es die Art des Lebens

Mystische Steinformationen im hohen Norden Schottlands geben Verweise auf frühe menschliche Kulturen. Immer auf der Suche. Nach sich selbst, dem Kick und der Herausforderung: Kapitän McClurg.

ist, mit der ich aufgewachsen bin. Womöglich aber auch nur eine romantische Erinnerung, aufgrund derer ich glaube, fähig zu sein, dieses Leben auch heute noch leben zu können. Nachdem unsere Entdeckerfreude gestillt war, kehrten wir zurück zu den Äußeren Hebriden, für den letzten Trip der Saison. Erneut vorbei am Cape Wrath hinüber zur Westküste, wo wir nur auf kleine Siedlungen und Heerscharen von Vogel- und Robbenkolonien trafen. Ein enormes Tiefdruckgebiet erfasste uns und brachte starken Regen sowie Windgeschwindigkeiten bis über 40 Knoten mit sich. Zur gleichen Zeit traf der erste mächtige Swell der Saison von Westen her auf die Küste und ich versuchte, die „Discovery“ so geschützt wie möglich zu platzieren. Gleichzeitig aber auch nah genug am Geschehen, um wenigstens ein paar der Wellen kiten zu können. An dem Tag, als Wind und Wellen ihren Gipfel erreichten, war ich nicht imstande, smart zu bleiben und an Ort und Stelle zu verweilen. Es ist grundsätzlich meine Aufgabe, für die Sicherheit aller Passagiere und Besatzungsmitglieder zu sorgen, mich inbegriffen. Um aber dort zu kiten, wo die Wellen liefen, hätte ich mich bei extrem böigem, ablandigem Wind 15 Kilometer weit von der „Discovery“ entfernen müssen. Im Falle eines Materialbruchs oder eines anderen Problems hätte ich mich also in einer mehr als misslichen Lage befunden. Allein, bei tosender Brandung und immer weiter vom Land weg abtreibend. Ich konnte es in dieser Situation selbst nicht verstehen. Doch heute weiß ich genau, warum ich trotzdem aufs Wasser ging, obwohl sich jede Faser meines Körpers dagegen zur Wehr setzte. Es war die Guillotine, die mir mein Erlebnis beschneiden und meine Welt diktieren wollte. Ich musste das Adrenalin spüren, die Angst fühlen, anstatt als Zaungast den Kick anderer über einen Live-Stream zu teilen.

EINE ODYSSEY ALS GESCHÄFTSIDEE Vor 14 Jahren stach die „Discovery“ erstmals für die Offshore-Odyssey in See. Der 17 Meter lange und neun Meter breite Katamaran hat vier Kabinen für Gäste und die Unterkünfte für die Crew zu bieten. Sämtliche Annehmlichkeiten sind an Bord enthalten, um den Gästen eine außergewöhnliche und besonders autarke Reise zu den abgelegensten Kitespots weltweit zu ermöglichen. Wer eine Kabine auf der „Discovery“ beziehen möchte, muss natürlich auch tiefer in die Tasche greifen als der klassische Pauschalurlauber. Die Geschäftsidee basiert auf einem Time-Sharing-Konzept. Man kauft sozusagen Firmenanteile und hat je nach Höhe der Einlage entsprechende zeitliche Ansprüche für den Aufenthalt an Bord. Die Route wird immer so frühzeitig bekannt gegeben, dass Interessenten sich schon weit im Voraus überlegen können, in welcher Region sie auf dem Traumschiff mitreisen wollen. Die Anreise wird natürlich selbst organisiert. In regelmäßigen Abständen werden auch immer wieder Kiteprofis auf die „Discovery“ eingeladen, um Reisegeschichten zu produzieren, welche die Unternehmung zusätzlich vermarkten. Von 2006 bis Ende 2011 fuhr die „Discovery“ unter der Flagge der Best Odyssey. Mit deren Ende wurde Kapitän McClurg aber natürlich nicht zur Landratte. Nach etlichen Monaten der Vorbereitung und einer grundlegenden Überarbeitung des Katamarans stach er bereits im April wieder in See. Diesmal unter dem Namen „The Ocean Odyssey“. Momentan sind noch Plätze an Bord der „Discovery“ zu haben. Informationen über das Unternehmen und den potenziellen Aufenthalt an Bord gibt es unter www.offshoreodysseys.com.

Ich musste das Adrenalin spüren, die Angst fühlen, anstatt als Zaungast den Kick anderer über einen Live-Stream zu teilen.

An diesem Flecken Erde ist der Fortschritt vorbeigezogen und hat ihm so eine mystische Schönheit geschenkt. 94 AUS GA BE 2 / 2012

Die Welt ist dieser Tage ohnehin zu sehr von Angst beschnitten und, welch große Überraschung, der Grund dafür ist unser enormer Fortschritt, der uns stets in Sicherheit wiegt, auch wenn sie noch so trügerisch ist. Aber das war nicht die Art von Angst, der ich von einem inneren Drang geleitet entgegentreten musste. Ich spreche von wahrhaftiger Angst, die entsteht, wenn wir etwas machen, was womöglich und sogar wahrscheinlich unsere Grenzen überschreitet. Etliche Tage konnte ich aufgrund der Wetterverhältnisse nicht kiten, nicht surfen und auch nicht paragliden. AU S G A BE 2 / 20 12 9 5


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Steinplatten und dünn besiedelte Küstenregionen: Die nördliche Westküste Schottlands ist ein echtes Naturerlebnis.

Ich hatte Spaß. Die Art von Spaß, die uns die modernen technologischen Möglichkeiten stets suggerieren, aber niemals wirklich bieten können.

Zahnloser Riese: Tierwelt und Vegetation profitieren von der Abgeschiedenheit der Äußeren Hebriden.

Ruhigere, ausgeglichenere Menschen drehen in solchen Momenten sicherlich nicht so durch, wie ich es tat. Sie lesen stattdessen ein Buch, spielen ein Spiel oder finden Gesellschaft im Internet. Ich meine zu wissen, dass auch ich diese Ausgeglichenheit besaß, bevor uns die moderne Welt so viel Zeit „schenkte“. Doch auch in diesem Punkt ist es vielleicht wieder nur eine trügerische Erinnerung, die mich in falschem Glauben wiegt. Also ging ich aufs Wasser. Lange nachdem die „Discovery“ hinter einer Wand aus Regen verschwunden war, lange nachdem es vielleicht noch die Option gegeben hätte, dass mir jemand zur Hilfe kommt, geschah, was eigentlich geschehen musste. In Böen um 50 Knoten Geschwindigkeit kollabierte mein Kite immer wieder und während ich nur darauf bedacht war, zwischen den riesigen Wogen zu bremsen und den Schirm irgendwie in der Luft zu halten, stürzte ich. Ein kurzer Blick zur Küste und mir war klar, dass ich es mit dem Kite niemals zurück an Land schaffen würde. Ich betätigte das Quick Release und begann, zu schwimmen. Im Augenwinkel konnte ich sehen, wie mein Kite mit rasender Geschwindigkeit auf das Meer hinausjagte. In diesem Moment überkam mich, was mein Unterbewusstsein zuvor heraufbeschworen hatte: eine enorme Dosis rohe Angst.

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Elf Grad Wassertemperatur, den Wind zum Gegner und meterhohe Wellen, die sich über mir entluden. Ich holte tief Luft und schwamm, als ginge es um mein Leben, denn das tat es auch. Jetzt nur keinen Krampf bekommen und keine Panik ausbrechen lassen, schoss es mir durch den Kopf. 30 Minuten später war die Küste immer noch in weiter Ferne und ich unfähig zu beurteilen, ob das Land überhaupt näher kam. Keine Ahnung, wie lange ich in dieser tosenden Brandung geschwommen bin, doch irgendwann konnte ich das rettende Ufer ausmachen. Fünf Stunden später erreichte ich die „Discovery“. Die meiste Zeit davon kämpfte ich im Wasser ums Überleben, bevor ein Sandsturm mir den folgenden Fußmarsch zu einer weiteren Hürde gestaltete. Es war rückblickend aber viel mehr als nur die Suche nach der „Discovery“, es war die Begegnung mit der rauen Seite unserer Natur und irgendwie auch die Suche nach mir selbst. Ich kann mich zumindest erinnern, dass ich, während meine Lunge brannte und mir meine Beine fast wegknickten, die gesamte Zeit ein Lächeln auf den Lippen hatte. Ich hatte Spaß. Die Art von Spaß, die uns die modernen technologischen Möglichkeiten stets suggerieren, aber niemals wirklich bieten können. An solche Tage wird man sich immer erinnern. Diese Erfahrungen lassen dich das Leben wirklich spüren. Und in diesen Momenten wird alles sehr langsam, fast könnte man meinen, die Zeit bliebe stehen. Der Verstand sieht absolut scharf, es gibt keine Ablenkung und keine Verwirrung. Ich dachte in dieser Situation in keiner Sekunde über unsere nächsten Marketingschachzüge nach oder darüber, wie ich die Besucherzahlen auf unserer Homepage steigern kann. Diese Momente sind pur und absolut unverfälscht. Kein Gedanke wird darauf verschwendet, wie es weitergeht und was als Nächstes kommt. Aber genau das ist es, was ich wie jeder andere jetzt auch wieder mache. fs

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