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★ LESERBRIEFE

Corona-Protest

Coronasorgen 2021

«Wir machen auf»-Aktion wird zum Rohrkrepierer

Solidarität ist wichtig

Ihre Editorials vermiesen mir in letzter Zeit das Lesen des GastroJournals. Als Gastro­ nomin bin ich stark betroffen von den Massnahmen. Trotzdem ist für mich Solida­ rität und Mitgefühl mit den vielen Kranken, den Toten und ihren Angehörigen wichtig. Ihre Formulierungen und Ausführungen empfinde ich als unanständig. Hören Sie auf, auf den Mann (Alain Berset) zu schiessen. Der Bundesrat ist ein Gremium, und wir leben in einer Demo­ kratie. Monika Schwerzmann, Geschäftsleiterin, Museumscafé Winterthur

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PA N O R A M A

76 Betriebe öffneten am Montag ihren Beizen trotz Verbot. So die offizielle Version. Waren es in Wahrheit nur ein paar wenige? Hinter der Aktion stehen wohl Verschwörungstheoretiker.

Und wie sieht es mit den 75 anderen Betrieben auf, die sich an der Aktion beteiligten? Trotz intensiver Recherchen weiss das GastroJournal nur von einer knappen Handvoll Betriebe, die tatsächlich mitmachten. Zwar gaben zahlreiche Text Benny Epstein Restaurants und Cafés im Vorfeld an, sie Um 9 Uhr steht Daniela Liebi in der Kü- würden am Montag öffnen. Letztlich che. Die Wirtin vom Restaurant Rothorn verliess aber viele Gastronomen der Mut. in Schwanden BE kocht Ghackets mit Oder sie sahen ein, dass dies der falsche Hörnli. «Blick», «20 Minuten» & Co. sind Weg ist, um auf den Notstand aufmerkvor Ort. Sie berichten am vergangenen sam zu machen. Montag mit Live-Schaltungen und LiveTicker vom Ort des Geschehens. «Zur Not Stehen Coronaskeptiker dahinter? gehe ich für die Aktion ins Gefängnis, Doch wer steht denn überhaupt hinter aber es reicht mir langsam», lässt sich der Aktion? Bekannt wurde sie über eine die 52-jährige Liebi zitieren. unprofessionell gestaltete Website. Die Die Rothorn-Wirtin zeigt Courage Informationen verbreiteten sich über und öffnet ihren Betrieb trotz Verbot. 76 den verschlüsselten Nachrichtenkanal Gastronomie-Betriebe sind es schweiz- Telegram. Als Initiator will sich niemand weit, die an der Aktion «Wir machen bekennen. Es scheint, als stünden auf» teilnehmen. Liebi ist die Lauteste. Coronaskeptiker und VerschwörungsMobilisiert die Medien, nimmt allfällige theoretiker hinter «Wir machen auf». Konsequenzen in Kauf. Fürs Mittagessen Daniela Liebi und ihre wenigen Mitstreiwurden zahlreiche Reservationen getä- ter haben sich wohl von einer äusserst tigt. Rentnerinnen, Büezer, Stammgäste. fragwürdigen Bewegung instrumentaliMit der Polizei rechnet sie auch. sieren lassen. GastroSuisse distanzierte sich beNach dem Essen kommt die Polizei reits im Vorfeld von der Aktion. « Solche Die Beamten kommen bereits am Vor- Aktionen befürworten wir nicht. Sie mittag, fordern Liebi zur Schliessung auf. schaden dem öffentlichen Ansehen der Liebi kocht weiter. Mit dem zweiten Be- Branche und bergen das Risiko, den bissuch wartet die Polizei bis zum Mittags- herigen Goodwill der Bevölkerung zu service. Während die Gäste das warme verlieren», sagt Casimir Platzer. Der VerGericht verspeisen, kommen sie wieder band arbeitet und weibelt im Hinterund teilen der Gastronomin mit, sie grund seit Beginn der Coronakrise auf müsse ihr Lokal nun schliessen. Liebi hat Hochtouren und setzt sich für die Brandie Wahl: Entweder sie beordert ihre che ein. Klar, dass dabei vieles im Stillen Gäste selbst nach draussen oder die Poli- geschieht. Doch gibt es kaum eine anzei übernimmt. Liebi tut es selbst, ehe sie dere leidende Branche, deren Vertreter sich abermals den Medien stellt: «Viel- auf kantonaler wie nationaler Ebene derleicht verliere ich das Wirtepatent auf art laut oder auch im Hintergrund auf eine befristete Zeit.» Auch muss sie mit die Notsituation aufmerksam machen einer saftigen Busse rechnen. und unentwegt nach Lösungen suchen. ZVG

Dass die Gastrobetriebe nun erneut weitere sechs Wochen geschlossen sein sollen, ist schwer begreiflich. Einerseits erfüllen sie eine soziale Bedeutung, andererseits geht es um die Erhaltung von Arbeitsplätzen. Wenn ein Ehepaar oder maximal vier Einzelpersonen pro Tisch sich zu einem Austausch finden wollen, sollte dies wieder möglich werden, wenn auch zu reduzierten Zeiten, beispielsweise zwischen 10 und maximal 21 Uhr. Nach heutigem Wissensstand ist landesweit die Existenz von rund 40 Prozent der Gastrobetriebe bedroht, was den dauernden Verlust von einigen zehntau­ send Arbeitsplätzen und Exis­ tenzen befürchten lässt. Wer die jüngsten Menschenan­ sammlungen und Gedränge in Einkaufszentren oder im öffentlichen Verkehr gesehen hat, bekundet etwas Mühe, die für längere Zeit geplante Schliessung von Gastro­ betrieben zu begreifen. In Bundesbern täte man gut daran, die Haltung gegen­ über den Gastrobetrieben nochmals zu überprüfen, bevor man ihnen weitere Opfer zumutet. Stefan Treier, Wohlen AG

Daniela Liebi vom Restaurant Rothorn musste ihren Be­ trieb nach nur weni­ gen Stunden wieder schliessen.

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GastroJournal 1/2/3 2021  

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