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José Saramago – Allegorie und Lebensnähe (Kultur, Aktuell, NZZ Online)

19.06.10 02:37

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Samstag, 19. Juni 2010, 02:36:42 Uhr, NZZ Online

Nachrichten › Kultur › Aktuell 18. Juni 2010

José Saramago – Allegorie und Lebensnähe Zum Tod des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers Blitzende Augen hinter grossen Brillengläsern: So hat man den portugiesischen Schriftsteller José Saramago in Erinnerung. Er trat hervor als politischer Kolumnist, Lyriker und Romancier. Die Lust am Fabulieren hatte er nach eigener Aussage von seinem Grossvater geerbt, einem Schweinehirten.

Der portugiesische Schriftsteller José Saramago ist gestorben. (Bild: Reuters)

Thomas Sträter Die Lusitanisten sind vermutlich die unbekannteste Unterabteilung der Romanisten. Selbst gebildete Menschen wissen selten, dass diese Wissenschafterspezies sich mit Sprache und Literatur der portugiesischsprachigen Länder beschäftigt. Als sie sich 1999 zu ihrem Internationalen Kongress in den Räumen der Katholischen Universität von Rio de Janeiro trafen, sass da auch als Ehrengast der im Jahr zuvor als erster portugiesischsprachiger Autor überhaupt mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete José Saramago häufig in den alten, unbequemen Schülerpulten. Sie müssen für ihn, den hochgewachsenen, trotz seinen damals 76 Jahren noch voller Spannkraft wirkenden Mann wahre Folterbänke gewesen sein. Davon unbeeindruckt hörte er sich immer geduldig, hin und wieder schmunzelnd mit blitzenden Augen hinter seinen grossen Brillengläsern, die ihn manchmal sicherlich befremdenden theoretischen Kommentare zu speziellen Problemen seiner Prosa an, machte sich Notizen und gab stets gut gelaunt, doch dezidiert seine Meinung dazu kund. Wenn der Bus die Kongressteilnehmer von einem Veranstaltungsort zum nächsten transportierte, fand man ihn häufig im angeregten Gespräch meist mit einer jüngeren Literaturwissenschafterin auf der letzten Bank über seine Literatur, über Gott – an den er nicht glaubte –, die Welt und Portugal. Gewöhnliche Menschen José Saramago verkörperte einen ausgestorbenen Typ von Schriftsteller. Seine Romane, die in viele Sprachen übersetzt wurden und als gelungene Beispiele komplexer postmoderner, von einer zahlreichen Leserschaft geschätzter Literatur gelten, aber auch seine Erzählungen, Theaterstücke und Lyrik lassen einen gebildeten Autor vermuten, wahrscheinlich sogar einen, der selbst Literatur studiert und unterrichtet hat. Doch in Wirklichkeit war José Saramago Autodidakt und stammte aus ärmsten Verhältnissen. Die Grosseltern, bei denen er aufwuchs und an deren hartes, naturverbundenes Leben er in bewegenden Worten in seiner Stockholmer Nobelpreisrede sich erinnerte, waren Schweinehirten. Seinen Grossvater, der weder lesen noch schreiben konnte, verehrte er als den weisesten Mann, den er je gekannt hatte. Von ihm habe er die Lust am Fabulieren und Geschichtenerfinden geerbt. Eine Probe davon gibt er gleich zu Anfang der Rede in der doppelbödigen Anekdote, wie sie in frostigen Nächten die Ferkel zu sich ins Bett holten, um sie vor dem Erfrieren und sich selbst das tägliche Brot zu schützen. Wie in einer Frucht des riesigen alten Feigenbaums, unter dem der Alte mit seinem Enkel in wärmeren Nächten einen Blick auf das Mysterium

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des Weltalls warf, ist hier der Erzählkosmos des portugiesischen Romanciers enthalten: Alltägliche Geschichten von gewöhnlichen Menschen, deren Leben ein steter Kampf um Würde und Selbstbehauptung gegen die ökonomischen und politischen Zwänge aller Zeiten ist. Dabei scheint am Horizont schwach die Utopie einer besseren, gerechteren und freieren Welt in den magisch-realen Fiktionen seiner Erzählkunst auf, die schon von den Lateinamerikanern so erfolgreich praktiziert wurden: Das Flugschiff, mit dem man der Erdenschwere des portugiesischen absolutistischen 18. Jahrhunderts und seiner Inquisition entkommt («Das Memorial»); das Phantom des von dem Dichter Fernando Pessoa erfundenen Alter Ego mit eigener Biografie und Werk in Gestalt des Ricardo Reis, den Saramago zum Sterben in das Lissabon der dreissiger Jahre und des luso-hispanischen Faschismus zurückkehren lässt («Das Todesjahr des Ricardo Reis»); oder die Iberische Halbinsel, die nach einem Erdbeben als Insel von Europa abbricht und wie einst portugiesische Karavellen über den Atlantik Richtung Brasilien treibt («Das steinerne Floss»). Geboren wurde Saramago am 16. November 1922 in Azinhaga, einem kleinen Dorf im Ribatejo, der Mitte Portugals. Der kleine José war kaum vier Jahre alt, als die portugiesische Verfassung von den Militärs ausser Kraft gesetzt wurde und eine Diktatur begann, deren Ende er erst als über Fünfzigjähriger erleben konnte. Das politische Engagement in der Opposition zum autoritären Salazar-Regime war für einen Künstler und Intellektuellen seiner Generation geradezu eine (Über-)Lebensnotwendigkeit. Doch der Weg dorthin schien ihm nicht vorgezeichnet. Seine Eltern hatten nicht das Geld, den begabten Knaben auf ein Gymnasium zu schicken. So schliesst er eine Industriefachschule ab, arbeitet zunächst als Maschinenschlosser und später in der Verwaltung einer Sozialkasse. In der Freizeit schreibt er an einem Roman, der 1947 unter dem Titel «Land der Sünde» erscheint, aber von Publikum wie Kritik kaum bemerkt wird. Linker, Atheist – und Schriftsteller Der kleine Angestellte mit literarischen Ambitionen aus Lissabons Altstadt – ein Schicksal, das an seinen Landsmann, den Dichter Fernando Pessoa erinnert – sieht sich an seinem Arbeitsplatz immer stärker werdender politischer Repression ausgesetzt. Endlich gelingt es ihm, den unbefriedigenden Broterwerb mit einer Tätigkeit in einem Verlag einzutauschen. Er kann nun Literatur und Journalismus zu seinem Hauptberuf machen; Saramago veröffentlicht in den sechziger Jahren den Band «Die möglichen Gedichte», schreibt Literaturrezensionen und, soweit die Zensur das zulässt, politische Chroniken. Im Zuge des wachsenden Widerstandes gegen das Salazar-Regime und den Kolonialkrieg in Angola tritt er der Kommunistischen Partei bei, der er als überzeugter, doch unorthodoxer Linker die unverbrüchliche Treue hält. Als 1974 mit der Nelkenrevolution nach über einem halben Jahrhundert endlich die Demokratie erlangt wurde, bedeutete das für ihn weniger einen Einschnitt als die Bekräftigung seines Entschlusses, endgültig eine Existenz als freier Schriftsteller zu wagen. Aus dem politischen Kolumnisten und Lyriker Saramago entpuppt sich, zunächst noch zaghaft, der Romancier. Es folgen noch ein Erzählband, Theaterstücke und die für sein kommendes erzählerisches Werk entscheidende Erkundung seines Landes, «Reise nach Portugal», gleichsam das Motto aller seiner Romane, die seine Heimat zum Thema haben. Mit Beginn der achtziger Jahre – Saramago ist in einem Alter, in dem andere daran denken, sich zur Ruhe zu setzten – erscheinen dann in Abständen von zwei bis drei Jahren seine Romane, werden in viele Sprachen, sogar das Chinesische, übersetzt und machen Saramago zum bekanntesten zeitgenössischen Schriftsteller portugiesischer Sprache, in der sich immerhin über 200 Millionen Menschen auf vier Kontinenten verständigen. Saramagos siebter Roman, seine gegen Klerus und Amtskirche gerichtete, gewiss nicht unreligiöse Auseinandersetzung mit der christlichen Botschaft des Neuen Testaments, stellt «Das Evangelium nach Jesus Christus» dar. Natürlich wurde der erklärte Atheist seiner ketzerischen Interpretation des Heilsgeschehens wegen vom Vatikan heftig kritisiert, der dann übrigens auch seine Missbilligung über die Erteilung des Nobelpreis an ihn zum Ausdruck brachte. Doch mehr als diese vorhersehbare Reaktion dürfte Saramago die Entscheidung seiner Regierung getroffen haben, diesen Roman von der Kandidatur zum Literaturpreis der Europäischen Gemeinschaft auszuschliessen. Der kulturpolitische Skandal um sein apokryphes «Evangelium» liess den bekennenden Iberer, der auch noch in dritter Ehe ganz unpatriotisch eine Spanierin geheiratet hatte, das «Exil» einer vulkanischen Kanareninsel wählen.

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Vielleicht spielten aber bei diesem demonstrativen Rückzug auch arbeitstechnische Gründe eine Rolle. Ähnlich wie Victor Hugo, der sein tatsächlich aufgezwungenes Exil auf Guernsey als ein seltenes Privileg schätzte, frei von gesellschaftlichen Verpflichtungen seiner Arbeit nachzugehen, konnte sich der als brillanter Redner vielgefragte Saramago in die Abgeschiedenheit seines atlantischen Eilands zurückziehen, das auf alten Karten als eine der Inseln der Glückseligen figuriert. Von dort erreichten seine Tagebücher «Hefte von Lanzarote» (bislang nicht auf Deutsch übersetzt) als Botschaften aus der Werkstatt des Schriftstellers in jährlichem Rhythmus seine Leserschaft. Und weitere erzählerische Werke folgten, wie sein Versuch über Ausgrenzung und Unterdrückung, dargestellt anhand eines epidemieartig auftretenden Verlusts des Augenlichts in «Stadt der Blinden», dann die Suche nach Identität und Wesen des Menschen im Labyrinth der Archive und Karteikarten von «Alle Namen». Seine philosophisch ambitionierteste Fiktion, «Das Zentrum», modernes Höhlengleichnis und Allegorie auf Globalisierung und Kommerz, stellte den Abschluss dieser als Romantrilogie konzipierten Bestandsaufnahme der Welt am Ende des Jahrtausends dar. Hatte José Saramago in diesen Werken zu einem nüchterneren, weniger barocken Stil gefunden, so war auch hier stets seine vertraute Erzählerstimme gegenwärtig, die in direktem Zwiegespräch mit dem Leser Handlungen oder Verhaltensweisen seiner Romangestalten wie in alten Almanachen und Handbüchern ironisch relativierend erklärte und kommentierte. Nicht zufällig hiess einer seiner ersten Romane «Handbuch der Malerei und Kalligraphie». Kritiker der Zeitläufte Eine schöne Ausstellung widmete sich vor zwei Jahren mit Film-, Foto- und Tondokumenten, unveröffentlichten Manuskripten und persönlichen Gegenständen seinem Leben und Werk. Konzipiert wurde sie auf Lanzarote; doch sehen konnte man sie auch im Lissabonner Palácio Nacional de Ajuda, obwohl Saramago seine Landsleute kurz davor geärgert hatte mit dem Vorschlag, Portugal solle sich doch ins benachbarte Spanien integrieren. Immer wieder sorgte der streitbare Zeitgenosse für politsche Erregung. Als sich der Rowohlt-Verlag, welcher sein Werk jahrelang auf Deutsch herausbrachte, weigerte, das israelkritische Blogtagebuch zu veröffentlichen, wechselte er zu Hoffmann und Campe, wo es neben dem Roman «Die Reise des Elefanten» – sie führt von Lissabon an den Wiener Hof des 16. Jahrhunderts – im kommenden Herbst erscheinen soll. Angekündigt ist dort auch der letzte Roman, «Kain», mit dem der leidenschaftliche Provokateur aneckte, als er die Bibel, seine Romanvorlage, als «Handbuch der schlechten Gewohnheiten» und «Katalog der Grausamkeiten» bezeichnete. – Wie das deutschsprachige Publikum auf sein Spätwerk reagiert, das wird José Saramago nicht mehr erleben. Der portugiesische Iberer, dem das Magische seiner Sprachkunst schon als Bestandteil seines Namens eingeschrieben war, ist am gestrigen Freitag 87-jährig auf Lanzarote gestorben.

Polemik: Blog der Kassandra [http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/kassandrarufe_von_aussen_1.2669792.html]

Link: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/kassandrarufe_von_aussen_1.2669792.html Zürich: Horror am Bistrotisch [http://www.nzz.ch/2005/02/05/ku/articleckqbk_1.90065.html] Link: http://www.nzz.ch/2005/02/05/ku/articleckqbk_1.90065.html Saramago: Atheist eckt an [http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/saramago_eckt_wieder_an_1.3910017.html]

Link: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/saramago_eckt_wieder_an_1.3910017.html Ausstellung: Träume eines Nobelpreisträgers [http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/traeume_eines_nobelpreistraegers_1.738661.html]

Link: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/traeume_eines_nobelpreistraegers_1.738661.html Gestorben: José Saramago [http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur/portugal_literatur_saramago_tod_1.6152085.html]

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