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jetzt bereits Teil unserer Lebenswirklichkeit ist.

Die „gute alte Zeit“. Bis vor wenigen Jahren folgten Projekte nach einem einfachen: „Bis zum 1. Juli soll alles fertig sein. Um die Vorgaben zu erfüllen, stehen 20 Mitarbeiter und 300.000 Euro Budget zur Verfügung“. Danach schrieb ein durchsetzungsstarker Projektmanager einen detaillierten Plan und brachte sein Projektteam auf Kurs. Schon konnte es losgehen. Doch diese „gute alte Zeit“ ist vorbei. Heute hat jedes größere Unternehmen viele Projekte am Start, die um Zeit, Geld und Personal konkurrieren, während die Welt im Minutentakt neue Impulse setzt. Sie produzieren ein System für autonomes Fahren? Plötzlich kann es eine bessere Erfindung geben als die technische Basis, mit der Sie arbeiten. Oder ein neues Gesetz, das die Latte in Sachen Sicherheit deutlich höher legt – und schon müssen Sie Ihre Plane flexibel anpassen können und wollen.

Umgekehrt geht besser. Studien zufolge floppen zwei Drittel aller Projekte: zu teuer, zu spät oder zu schlechte Ergebnisse – wenn sie überhaupt fertig werden. Natürlich sind die Projektteams mit den Anforderungen gewachsen. Doch trotz immensem Know-how ist ihnen die Welt davongerast. Hier kommt Agile ins Spiel: die praxisstarke Vision, bessere Ergebnisse, günstiger und mit mehr Schöpferfreude entstehen zu lassen. Wo der Mensch in klassischen Projekten dem Prozess als Zahnrad dient, bestimmt er bei Agile den Prozess. Die Allmacht des Plans ist ebenso gebrochen. Stattdessen prägt das konkret Machbare alles Handeln. Fixierte man früher die Ergebnisse und passte die Zeitfenster an, bilden heute Zeit und Takt die festen Leitplanken und das Ergebnis wird variabel. Scheinbar verrückt. Gab man das Ziel nicht auf, um dass es entscheidend ging? Doch plötzlich hielt man Termine und Budgets

nicht nur ein, sondern war schneller und billiger – bei hervorragenden Resultaten. Erreicht wurde das auch durch einen neuen Geist der Wertschätzung von Geleistetem, wo man früher lieber den Schuldigen für Fehler anprangerte.

Kluge Politik der kleinen Schritte. Agiles Vorgehen ist iterativ und inkrementell. Iterativ heißt, schrittweise zur Lösung zu kommen, inkrementell, kleine Schritte zu tun. Bildhaft gesagt lichtet man den Nebel der Komplexität durch wachsames Vorantasten, den Leuchtturm immer im Blick, auch wenn die beste Route noch gefunden werden muss. Stößt man auf ein Hindernis, geht man ein nur kurzes Stück für einen neuen Anlauf zurück. Im agilen Projekt trifft man sich täglich zu einem Daily, in dem das Vortagsergebnis bewertet und ein neuer Tagesplan entworfen wird. Hat etwas nicht geklappt, passt man den Plan einfach an. Flexibles Umplanen ist normal und kein letztes Mittel mehr, wenn längst alles verfahren ist. Nach zwei Wochen endet ein Sprint, nach dem ein weiterer „Ergebniskassensturz“ gemacht wird: Was wurde geschafft, was nicht und warum? Und was lernen wir für den nächsten Sprint? Sechs Sprints ergeben eine Etappe von 12 Wochen, und eine flexibel gewählte Zahl von Etappen führt zum Ziel. Wer einmal Kindern am Bach beim Dammbau zugesehen konnte, hat eine Vorstellung davon. Kinder fangen einfach an. Sie experimentieren spielerisch

und probieren konstruktiv herum. Sie beratschlagen permanent, ihr Ziel und die Richtung stets im Auge. Am Ende, nach vielen kleinen Erfolgen und viel weniger Rückschlägen, feiern sie Richtfest. Das ist der Kern von Agile: Eine menschengerechte Arbeitsweise, mit der Komplexität gemeistert werden kann. Außerdem ist Agile demokratisch. Kein Zampano diktiert mehr, was zu leisten ist. Die Projektinhaber priorisieren, was sie bis zu einem bestimmten Punkt brauchen, um das Vorhaben voranzubringen. Das Team aber bestimmt selbstgesteuert, was davon wie und wann gemacht werden kann. So kommt Vertrauen ins Spiel, eine der größten Motivationsquellen überhaupt.

Agil agieren, denn die Welt ist komplex. Wer das verstanden hat, sieht die Welt mit anderen Augen. Früher war sie einfach, später kompliziert, heute ist sie komplex. Globalisierung, Internationalisierung, Digitalisierung und viele „ierungen“ mehr haben das Leben tief verändert. Und genau deshalb gibt es immer mehr beratungsintensive Finanzprodukte mit zwar langen Laufzeiten, aber flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten. Das ist herausfordernd, sicher, und anstrengend dazu. Aber ist es nicht auch spannend, in dieser Welt der Zukunft „agiler Lotse“ seiner Kunden zu sein?

Heinz Erretkamps agilean

Info Heinz Erretkamps ist einer der Pioniere in der Einführung, Integration und Anwendung agiler Projektmethoden im Non-IT Bereich. Als Leiter des Knowledge Managements bei Johnson Controls Automotive Europe machte er dort agile Methoden im Produktionsbereich erfolgreich. Seit einigen Jahren verknüpft er agiles Projektmanagement und Lean Development in der Entwicklung von mechatronischen Produkten auch über die Grenzen der Automobilindustrie hinaus. Heute ist der der Certified Scrum Master, Scrum Product Owner und Certified Scrum Professional überzeugt davon, dass ganze Unternehmen „agil“ gemacht werden können und lebt diese Mission in seiner Arbeit, seinen Vorträgen und Publikationen.

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finanzwelt Online-Ausgabe 02 / 2016 / Die Zukunft mitgestalten

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