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Editorial Liebe Leserinnen und Leser Viele von euch hat das Zoon während der letzten Jahre in euren Kaffeepausen begleitet, zahlreichen geschmacklosen Mensaessen ein wenig Würze verliehen und die Tramfahrt verkürzt. Mittlerweile können wir auf zehn abwechlungsreiche und unterhaltsame Ausgaben zurückschauen. Anlässlich dieses historischen Moments möchten wir uns bei allen bedanken, die unser Magazin unterstützt und am Leben erhalten haben: unsere Leser, alle ehemaligen Redaktionsmitglieder, die zahlreichen freien Autoren, deren Texte wir veröffentlichen durften. Ihr haltet eine Jubiläums-Ausgabe in den Händen, deren Gelingen zwischenzeitlich auf wackeligen Beinen stand, die nun aber mit spannenden Beiträgen aus den unterschiedlichsten Bereichen glänzt. Wie immer haben wir uns in der Welt umgeschaut und Konflikte, Besonderheiten und Meinungen zum Titelthema zusammengetragen. Angefangen bei den Herausforderungen einer religiös durchmischten Gesellschaft wie in Syrien oder Nigeria, über die Frage nach einem Ersatz für traditionelle religiöse Praktiken in einer säkularen Welt, bis hin zur Durchleuchtung des ewigen Antisemitismus und seiner Verknüpfung mit der kapitalistischen Entwicklung führt euch unser Thementeil durch allerlei Wissenswertes über Gott und die Welt. Des weiteren erfahrt ihr, wo der christliche Fundamentalismus in der Schweiz noch immer verteidigt wird und warum ein verschärftes Migrationsgesetz das Problem der Staatenlosigkeit nicht lösen kann. Zwei Welten-

bummler erzählen, wieso es sich lohnen kann, einfach mal alles hin zu schmeissen und Europa den Rücken zu kehren und junge Demonstranten aus Kairo geben Auskunft über ihre Motivation für ihre Teilnahme an den Strassenprotesten der letzen Wochen. Am IPZ stellen sich ab diesem Semester zwei neue Professoren der Aufgabe, die Studierenden für politische Philosophie und Methoden zu begeistern. Dies und vieles mehr lest ihr im aktuellen Heft, wir wünschen euch viel Spass damit. Seit der ersten Ausgabe im Jahre 2005 hat unser Heft einige Tiefs, aber vor allem viele Hochs erlebt und konnte sich bei vielen von euch einen festen Platz in der Lektüre der ersten beiden Semesterwochen sichern. Leider verlieren wir in letzter Zeit mehr Redaktoren als unsere Professoren Kopfhaare. Unser Antrag, die Mitarbeit in unserer Redaktion mit Kreditpunkten zu belohnen, wurde leider abgelehnt. Daher an dieser Stelle ein Aufruf zur Rettung des untergehenden zOOn pOlitikOn: Leistet euch wieder mal ein zeitraubendes Hobby, das zudem finanziell völlig uninteressant ist. Ob organisieren, schreiben, redigieren, layouten oder fotografieren – alle Skills und kreativen Ideen sind herzlich willkommen. Kommt bei uns vorbei, schnuppert ein bisschen Zeitungsluft und seid Teil einer weiteren legendären Epoche unseres Magazins. Euer Redaktionsteam

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Nicht nur die Spannungen zwischen mehreren Konfessionen, sondern auch die Rolle der Religion an sich beschäftigt Syrien. Seite 10

Wer sich als Atheist bezeichnet und statt Religion lieber auf Umweltschutz setzt, ist deshalb noch lange nicht ungläubig. Seite 13

Wer im Kanton Wallis auf dem Grundrecht der Religionsfreiheit beharrt, muss im schlimmsten Fall mit Entlassung rechnen. Seite 32

Gott und die Welt

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Religiös jenseits konfessioneller Kirchen? Friedhelm Hengsbach SJ Vielfalt der Religionen im autoritären Staat Anna Scherer Die frommen Atheisten Norbert Bolz Zur ewigen Konjunktur des Antisemitismus Gerhard Hanloser Zwischen Hoffnung und Vergeltung Fabian Urech Klein Jemen, grosse Themen Jan Raudszus Wenn Goethe Aristoteles spielt Marco Büsch Für den Islam in den Ring steigen Luka Dobec Gemeinsame Basis – unterschiedliche Wege Peter-Ulrich Merz-Benz «Die Barriere der Angst ist durchbrochen» Sandra Boulos

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Debatte über die Trennung von Kirche und Staat Antonio Danuser Wenn Verfassung und Grundrechte sich kreuzen Valentin Abgottspon Der Krise ein Gesicht Melanie Pfändler Schuld und Sühne im Zeitalter des Downloads Marco Büsch Thoughts on Statelessness Antonio Danuser

zoon politikon | februar 2011 | nr. 10

Meinung


inhalt Auch das Nichtstun will gelernt sein. Der Weltreisende Goran brauchte Monate, um sich an seine neue Freiheit zu gewöhnen. Seite 45

Die frischgebackenen IPZ Professoren Cheneval und Steenbergen erzählen von ihren Plänen und methodischen Ansätzen. Seite 56

Das Bologna-System öffnet neue Türen für Bachelor-Abgänger. Orientierung ist gefragt im Dschungel der Masterprogramme. Seite 59

Kultur

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«In die Welt gegangen, um Bücher zu schreiben» Urs Güney Marrakech and the art of doing nothing Goran Saric Jamaikas Hippies im Schatten der Gesellschaft Sarah Schlüter Hiobs Quäntchen Glück Christian Wimplinger Welche Götter, Welche Welten? Stefan Kovac

Institut

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«The best political science department in Switzerland» Sarah Schlüter An der Bologna-Kreuzung: Abbiegen oder geradeaus? Fabian Urech

«Wahrscheinlich werde ich Pfarrer» Annina Schlatter Studenten beleben politischen Diskurs www.vimentis.ch Digitale Vernetzung mitgestalten www.politnetz.ch Talk on Mars - Gott und die Welt Simon Krüsi Rot Anstreichen!

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Religiös jenseits konfessioneller Kirchen?

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Von Friedhelm Hengsbach SJ Zwei Finanzkrisen im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts haben drei eingespielte Denkmuster moderner Gesellschaften durchkreuzt. Zum einen, dass mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus das Ende der Geschichte und der Anbruch einer neuen Friedensordnung unter US-amerikanischer Dominanz gekommen sei. Zum anderen das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte des Marktes und den schlanken Staat als den besten aller möglichen Staaten, sowie dass die Religion aus der öffentlichen Sphäre aufgeklärter Gesellschaften endgültig wegschmelze.

Konflikt» in Afghanistan. All diese Themen wurden jedoch von der Aufdeckung sexueller und gewalttätiger Übergriffe kirchlicher Amtsträger der katholischen Kirche überschattet, die in geschlossenen pädagogischen Milieus vor allem so genannter Elitegymnasien katholischer Orden ihre erzieherische und religiöse Macht gegen die ihnen Anvertrauten eingesetzt hatten. Die öffentliche Empörung galt auch der skandalösen Vertuschung solcher Vergehen durch die jeweiligen Verantwortlichen, denen das Image der Institution wichtiger war als die Aufklärung, der Respekt gegenüber den Opfern und die wirksame Bestrafung der Täter.

Religion im Spiegel der Zeit

Ambivalenz des Religiösen

Im deutschen Sprachraum war während des Jahres 2010 die Religion ungewöhnlich oft ein Thema öffentlicher Debatten. Die Bemerkung der Bischöfin Käßmann während des Neujahrsgottesdienstes, dass in Afghanistan nichts gut sei, löste eine aufgeregte Debatte über den Sinn des kriegerischen Einsatzes aus. Der Volksentscheid in der Schweiz gegen den Bau von Moscheen und Minaretten war der Auftakt zu Kampagnen gegen unliebsame Zuwanderer aus fremden Kulturen. Thilo Sarrazin machte sich zum Sprecher einer unterschwelligen Identitätsangst vor sozialem Abstieg, kultureller Überfremdung und religiösem Unverständnis. Der Europäische Gerichtshof stiess mit seinem Urteil gegen Kreuze in öffentlichen Einrichtungen Italiens auf ein geteiltes Echo. Dass Kardinal Lehmann sich anfänglich weigerte, den Kulturpreis des Landes Hessen zusammen mit dem muslimischen Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani entgegen zu nehmen, weil dieser beschrieben hatte, wie zwiespältig er Darstellungen der Kreuzigung Jesu empfinde, wurde in den Medien äußerst kritisch aufgenommen. Für Unverständnis und heftige Empörung sorgte die Absicht des Papstes, mit der der Pius-Bruderschaft Frieden zu schließen und deren Leiter, den britischen Erzbischof Williamson, der den Holocaust leugnet, wieder in die Kirche aufzunehmen. Im Dunst religiöser Vorurteile wurden politische Problemfelder an der Nahtstelle von Religion und Gesellschaft debattiert, etwa der EU-Beitritt der Türkei oder der Kampf gegen den angeblich islamischen Terrorismus, der Krieg zwischen Israel und den Palästinensern sowie der «kriegsähnliche

Religiös empfindende Menschen trauern darüber, dass das Verhältnis der Religionen in der Geschichte wiederholt von Hass, blutiger Feindschaft und brutalem Vernichtungswillen bestimmt war, dass religiöse Differenzen jederzeit zu Konfliktherden entarten können. Selbst in der Gegenwart werden bedrohliche Konfliktlinien zwischen Religionen und Kulturen konstruiert und insbesondere dem Islam «blutige Grenzen» bescheinigt. Als hätten Christen die Pogrome gegen Juden nicht als gottgewollt gerechtfertigt und ein Gemetzel an den Muslimen in Jerusalem nicht mit ruhigem Gewissen zu Ende geführt, bis sie vor Freude weinend am Grab ihres

«In Deutschland richtet sich diese Angst gegen die Muslime, seitdem in der westlichen Welt die öffentliche Tollwut gegen den Islam grassiert (...). Seit dem 11. September 2001 wird die Angst vor Terroranschlägen politisch geschürt, sie entlädt sich in Kriegen, die angeblich die Freiheit verteidigen, und in Gesetzen, die Freiheitsrechte der Bürger einschränken.» Friedhelm Hengsbach SJ

Erlösers niederknieten. Religiöse Überzeugungen sind nicht dagegen immun, ethnische und soziale Konflikte unerbittlich aufzuheizen. Selbst religiösen Menschen fällt es nicht leicht, sich von der Angst vor fremden Religionen zu befreien.

zoon politikon | februar 2011 | nr. 10

Die Kirche wird zu einem gewinnbringenden Unternehmen umstrukturiert, die Religionen werden für politische Zwecke instrumentalisiert. Welche Priorität hat der Glaube überhaupt noch innerhalb der Religionen?


In Deutschland richtet sich diese Angst gegen die Muslime, seitdem in der westlichen Welt die öffentliche Tollwut gegen den Islam grassiert. «Über den Islam weiss ich nichts, aber er macht mir Angst», lautete der Titel eines Hörspiels, das vor zwanzig Jahren ausgestrahlt wurde. Seit dem 11. September 2001 wird die Angst vor Terroranschlägen politisch geschürt, sie entlädt sich in Kriegen, die angeblich die Freiheit verteidigen, und in Gesetzen, die Freiheitsrechte der Bürger einschränken. Eine sublime Abwertung fremder Religionen findet sich in einer Passage des Sozialrundschreibens Papst Benedikts XVI., der vor einem undifferenzierten Dialog der Religionen warnt, als wären alle Religionen als gleich einzustufen. Eine angemessene Unterscheidung müsse sich auf das Kriterium der Liebe in der Wahrheit stützten. Der ganze Mensch und alle Menschen seien das Kriterium, um Religionen zu beurteilen. «Das Christentum, die Religion des Gottes, der ein menschliches Angesicht hat, trägt in sich selbst ein solches Kriterium», meinte der Papst. In einer programmatischen Rede zum 20. Jahrestag der deutschen Vereinigung hat Bundespräsident Wulff versucht, den Deutschen mit der Freude über die nationale Einheit die Angst vor den vermeintlich Fremden in Deutschland zu nehmen. Deutsche Muslime und Musliminnen hätten ihm geschrieben: «Sie sind unser Präsident.» Natürlich sei er ihr Präsident, der Präsident aller Menschen, die in Deutschland leben. Ein zweiter Brief habe ihn sehr berührt, in dem eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern mit familiären Wurzeln in 70 verschiedenen Ländern meinten: «Für uns spielt keine Rolle, woher einer kommt, sondern vielmehr, wohin einer will. Wir glauben daran, dass wir gemeinsam unseren Weg finden werden. Wir wollen hier leben, denn wir sind Deutschland». Christian Wulff hat im Verlauf der Rede einen Satz ausgesprochen, der Unverständnis und Proteste auslöste: «Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.» Seltsamerweise haben gerade katholische Bischöfe und Vertreter der so genannten christlichen Parteien heftigen Einspruch erhoben. Sie haben auf das christlich-jüdische Erbe als der bestimmenden «Leitkultur» der Bundesrepublik verwiesen, ohne zu erwähnen, wie sehr gerade dieses Erbe geschichtlich belastet ist. Sie verlangen von den Muslimen, dass sie der abendländischen Wertegemeinschaft beitreten. Das Grundgesetz gründe nämlich «auf unserem christlich-jüdischen Erbe», erklärte der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag. Tatsächlich ist jedoch der moderne Verfassungsstaat und dessen Kern, die Proklamation der Menschenrechte gegen die Kirchen durchgesetzt worden. Folglich muss das Grundgesetz

nicht getauft werden. Die Begriffe: «Christentum», «Islam», «christlich-jüdisches Erbe» sind politische Kampfbegriffe. Sie helfen nicht, die Pluralität der Lebensstile, Bildungsniveaus und sozialen Schichtungen der in Deutschland lebenden Menschen angemessen zu benennen. Sie vermischen die religiöse, moralische und die politische Dimension. Wertorientierungen sind nämlich an individuelle Subjekte, singuläre Lebensgemeinschaften oder partikuläre Milieus gebunden. Dagegen erkennen Menschen mit abweichenden moralischen, kulturellen und religiösen Wurzeln, wenn sie in einer plu-

Der Markt: Die Kirche reagiert auf niedrigere Nachfrage.

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ralistischen, weltanschaulich neutralen Gesellschaft zusammenleben, allgemeine Rechtsnormen, an erster Stelle die Menschenrechte als für sich verbindlich an. Das staatliche Verfassungsrecht, das die Menschenrechte kodifiziert, nicht jedoch ein Bündel partikulärer Werte oder religiöser Überzeugungen ist das Medium friedlichen Zusammenlebens.

Kirche im Kapitalismus

Friedhelm Hengsbach SJ ist ein deutscher Jesuit und emeritierter Professor in Christlicher Sozialwissenschaft der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main.

Bilder Theo Zierock, Ulla Baumgart

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Friedhelm Hengsbach SJ

«hinkende» Trennung zu einer «freundlichen Kooperation» geworden. Der Staat stattet die Kirche mit Sonderrechten aus, die zum Teil auf frühere Tauschgeschäfte nach den reformatorischen und napoleonischen Turbulenzen zurückgehen. Zu ihnen gehören das Recht, Staatsleistungen zu beanspruchen. Beispielsweise werden in Bayern die Bischöfe, Weihbischöfe und die Regenten der Priesterseminare direkt vom Freistaat bezahlt, während andere Länder Pauschalbeträge überweisen. Sach- und Personalkosten für den konfessionellen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen übernimmt der Staat, kirchliche Amtsträger, die bei der Bundeswehr, bei der Bundespolizei und in Justizvollzugsanstalten seelsorglich arbeiten, stehen im Staatsdienst und in dessen Sold. Unter den international einzigartigen Sonderrechten, die der Staat den deutschen Kirchen gewährt, gehört die Steuerhoheit. Für die meisten Bistümer sind die Kirchensteuern die Haupteinnahmequelle. Sie gelten allgemein als effizient und gerecht, insofern sie die Steuersubjekte nach ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit belasten, in die staatliche Einkommen- und Lohnsteuer eingekleidet sind und so den Steuerwiderstand senken. Das zentrale Erhebungsverfahren erleichtere, so wird behauptet, einen Finanzausgleich zwischen den Gemeinden und Bistümern, während das Staatsinkasso den Verwaltungsaufwand senke. Der katholischen Kirche droht eine Restauration zur Kultkirche. Gegen die von der Mehrheit der Kirchengemeinden akzeptierte Öffnung der Liturgie zu einer lebendigen Sprache und zur alltäglichen Lebenswelt melden politisch konservative und humanistisch ausgebildete Akademiker Vorbehalte an.

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Autor

Eine «Kirche im Sozialismus» existiert in Europa nach dem Fall der Mauer nur noch als Reliquie jener Überzeugung evangelischer Christen und Christinnen in der ehemaligen DDR, die sich bewusst als Kirche nicht neben dem, sondern im real existierenden Sozialismus behaupten wollten. Die katholische Kirche in der Bundesrepublik Deutschland, auf die sich exemplarisch meine Überlegungen beziehen, scheint sich die Frage nicht zu stellen, ob ihre Existenz im Kapitalismus bloss dem Wohnen in einem fremden Haus gleichkomme, in dem man sich allenfalls darüber verständigt, wer wann die Eingangstreppe reinigt. Zwar kennen Bischöfe und Kirchenmitglieder die Stimme des Evangeliums: «Ihr wisst, dass die Fürsten der Heiden sie beherrschen und die Großen über sie Macht ausüben. Bei euch soll es nicht so sein!». Aber hat das Lesen und Hören dieser Botschaft ihr Handeln in einer kapitalistischen Gesellschaft infiziert? Die katholische Kirche ist Arbeitgeberin. Insbesondere ihre karitativen Einrichtungen unterstellen sich den Funktionsregeln eines marktwirtschaftlichen Wettbewerbs, der sich zunehmend auch unter Anbietern personennaher Dienstleistungen ausbreitet. Sie bedienen sich einer betriebswirtschaftlichen Kalkulation, die einzelne exakt abgegrenzte Kostenelemente bestimmten Leistungseinheiten direkt zuordnet. Fürsorglich eingestellte Prälaten räumen ihre Sessel für dynamische Geschäftsführer. Personalabbau, Arbeitsverdichtung, unbezahlte Mehrarbeit und flexible Arbeitszeiten auf Abruf werden unter solchen «effizienten» Geschäftsführern als Trophäen gehandelt. Diese geben den Außendruck nach innen und nach unten weiter. Sie reduzieren das Personal in der Küche, in der Wäscherei sowie in der Reinigung und verdichten die Arbeitsleistung der dort Beschäftigten. Sie lagern Abteilungen aus, die angeblich nicht zum Kerngeschäft gehören und nötigen die Belegschaft, einer Lohnsenkung zuzustimmen und auf bisher gezahltes Weihnachts- und Urlaubsgeld zu verzichten. Sie gründen 100%ige Töchter als Leiharbeitsfirmen mit kirchennahen, kirchenfernen und nichtkirchlichen Belegschaften und abweichenden Entgelten. Der Grundsatz: «Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!» ist im kirchlichen Dienst längst ausgehebelt. Die katholische Kirche in Deutschland ist als Körperschaft öffentlichen Rechts organisiert. Zwar sind Kirche und Staat in Deutschland getrennt, es gibt keine Staatskirche. Aber inzwischen ist die


Volk Gottes im kirchlichen Exil Unter den katholischen Christen gärt es. Es regen sich Widerstand und offener Protest gegen die Kommerzialisierung von Entscheidungen in der verfassten Kirche und den karitativen Einrichtungen, die der Glaubwürdigkeit der Glaubensgemeinschaft schaden. Katholiken empfinden die freundliche Kooperation zwischen Staat und Kirche zunehmend als störend. Die Staatsleistungen passen ihrer Meinung nach nicht mehr in die politische Landschaft. Eine größere Distanz zur staatlichen Hoheitsverwaltung wäre insbesondere für die kirchliche Präsenz beim Militär und beim Strafvollzug wünschenswert. Der verfassungsrechtlich garantierte konfessionelle Religionsunterricht an öffentlichen Schulen und die Konfessionsbindung theologischer Fakultäten wirken in einer weltanschaulich neutralen Gesellschaft wie ein Fremdkörper. Auch die Kirchensteuer wird nicht mehr gleichmütig hingenommen. Die Sympathie mit einem freiwilligen Beitragssystem, das die Mitwirkung des Staates, der Banken und der Arbeitgeber beim Steuerinkasso beseitigt, wächst. Die Kirche sollte eine private verbandliche Organisationsform wählen und zur Staatsmacht einen grösseren Abstand halten. Viele möchten sich persönlich für die Zahlung der Kirchensteuer entscheiden, so dass sich das kirchliche Engagement und die Zahlungsbereitschaft stärker decken. Die Ortsgemeinde sollte der erste

gott und die welt

Sie finden bei einigen nachwachsenden Bischöfen und jungen Klerikern einfühlsame Befürworter. Diese entdecken kultische Traditionen in der Bibel, die an das nationale Zentralheiligtum des Tempels in Jerusalem geknüpft waren, und spielen die Kultkritik der Propheten, die distanzierte Einstellung Jesu zum Tempelkult und den vollständigen Verzicht der Urkirche auf «kultisch-priesterliche» Titel ihrer Gemeindeleiter herunter. Ausserdem verweisen sie in Erwartungen einer säkularen Gesellschaft an eine «Civil Religion» und die Kirchen als Agenten religiöser Dienstleistungen. Sie sollen durch ihre Wertorientierungen und moralischen Überzeugungen den Zusammenhalt der Gesellschaft gewährleisten und sinnstiftende Horizonte für die komplexen, oft gar widersprüchlichen Erfahrungen des wirtschaftlichen, politischen und technischen Alltagsgeschäfts und dessen Interessenkonflikte liefern. Bei schicksalhaft hereinbrechenden Katastrophen, Amokläufen und Massenunfällen, die durch technisches oder menschliches Versagen, durch kriegerischen Terror oder durch unfassbar entfesselte Gewalt Einzelner verursacht sind, sollen sie Trauerarbeit leisten und das Gespür für «Transzendenz» wach halten. All dies, damit die Menschen die Vorläufigkeit gelingenden Handelns und die Endlichkeit der Welt bescheiden annehmen und sich in der Rebellion gegen gesellschaftliche Krisen, politische Fehlleistungen und finanzielle Engpässe nicht aufreiben.

Adressat des Kirchenbeitrags sein. Ein Alarmzeichen des Widerstands gegen das extrem hierarchische Kirchenregime ist der steigende Trend der Kirchenaustritte, die vor staatlichen Behörden erklärt werden müssen. In einem Pilotprozess, den ein katholischer Kirchenrechtler angestrengt hat, wird derzeit vor staatlichen Gerichten geprüft, ob mit dem Austritt aus der Körperschaft öffentlichen Rechts automatisch ein Glaubensabfall verbunden und die Mitgliedschaft in der Glaubensgemeinschaft aufgekündigt sei. Die sexuellen und gewalttätigen Übergriffe kirchlicher Amtsträger haben zahlreiche Katholiken dazu gebracht, sich nicht mit einer Entschuldigung und einem versprochenen Gesinnungswandel zufriedenzugeben. Systemfehler verlangen strukturelle Änderungen, etwa die Preisgabe einer verkrüppelten Sexualmoral oder den Abschied von einer ausschließlichen Männermacht und die Zulassung von Frauen zu allen Entscheidungspositionen in

«Der steigende Trend der Kirchenaustritte ist ein Alarmzeichen des Widerstands gegen das extrem hierarchische Kirchenregime.» Friedhelm Hengsbach SJ

der Kirche. Auch die Entkopplung der Berufung zu einem kirchlichen Amt und der zu einer partnerschaftslosen Lebensform, die bisher nicht selten nur widerwillig hingenommen wurde, sowie die Beseitigung der geschichtlich gewachsenen absolut monarchischen Kirchenverfassung harren einer Reformation. Solche Katholiken, die ursprünglich in einer konfessionell abgegrenzten Kirche beheimatet sind, fremdeln ihr gegenüber, fühlen sich in einem kirchlichen Exil, das sich von der Nachfolge des Jesus von Nazareth weit entfernt hat. Dieser hat ja keine konfessionell abgegrenzte Kirche verkündet, sondern das Reich Gottes, die Gottesherrschaft. Mit dieser Botschaft ist Gottes schöpferisches und heilsames Handeln gemeint, das alles zerbricht, was den Menschen bedrückt, niederhält und unterjocht. Sie befreit ihn vielmehr und lässt ihn frei atmen, damit er aufrecht gehen kann. Solche Menschen sollen den Atem Gottes in sich spüren, lebendige Wesen werden und so mehr lieben und mehr glauben. «Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf der Erde!» So beten die Christen als Volk Gottes jenseits konfessioneller Kirchengrenzen, wie Jesus sie gelehrt hat. Sie beten darum, dass dieses Reich in den Herzen der Liebenden und Glaubenden ankommt und dass es die Glut ihres Engagements für Gottes Gerechtigkeit leuchten lässt.

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Vielfalt der Religionen im autoritären Staat «Jeder Mensch hat zwei Heimaten: Syrien und seine eigene». Dieses Sprichwort stellt Syrien als die Wiege bedeutender Hochkulturen dar. Das Nebeneinander der Religionen beherrscht bis heute Gesellschaft und Politik des Landes, meist in friedlicher Manier.

HOTTINGER, Arnold (2006). Die Länder des Islam – Geschichte, Traditionen und der Einbruch der Moderne. Zürich: NZZ Verlag SCHARRI, Rafik (2006). Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick. München: DTV. MAALOUF, Amin (2003). Der Heilige Krieg der Barbaren – Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber. München: DTV.

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inzwischen ausgewandert. Doch auch in ethnischer Hinsicht herrscht keinesfalls Homogenität. Neben Arabern sind in Syrien auch Kurden und Armenier beheimatet.

Historische Koexistenz der Religionen Die historischen Bauwerke Damaskus’ zeugen von dem seit Jahrhunderten bestehenden Nach- und Nebeneinander von Islam, Christen- und Judentum in der Region des vorderen Orients. Nähert man sich der Altstadt vom Flughafen her, sieht man als erstes die antike Stadtmauer und die Pauluskirche, die an ein wichtiges biblisches Ereignis erinnert, das an dieser Stelle stattgefunden haben soll. Der erblindete Paulus, auf der Flucht vor den erzürnten Juden, soll hier in einem Korb die Mauer hinuntergelassen worden sein. Nach seiner geglückten Flucht trug er den Gedanken des Christentums in die Welt hinaus. Nur zehn Gehminuten von der Pauluskirche entfernt im Zentrum der Altstadt steht die berühmte Omayyadenmoschee, eine der wichtigsten heiligen Stätten des Islams überhaupt. Einst Tempel der Aramäer, wurde er von den Römern in einen Jupitertempel umgewandelt und in byzantinischer Zeit zu einer Kirche umgebaut. Nach der Eroberung durch die Araber wurde sie eine zeitlang von Christen und Muslimen gemeinsam besucht. Im Jahre 705 liess Kalif Walid den Tempel in eine prachtvolle Moschee umbauen, auf dass der Ruhm Damaskus’ weit in die islamische Welt hinaus strahlen würde. An diesem Ort stand auch das erste Minarett der Welt – ein Wachturm aus byzantinischer Zeit, der beim Umbau in seiner ursprünglichen Form belassen wurde. In Anspielung auf die vormals christliche Nutzung der Moschee wird ihr Ostturm noch heute JesusMinarett genannt. Eine Autostunde von Damaskus entfernt liegt das christliche Dorf Maalula, der letzte Ort, an dem noch Aramäisch – die Sprache Jesus’ – gesprochen wird.

Weitgehend friedliches Zusammenleben Ereignisse wie die Vertreibung irakischer Christen oder das Attentat auf Kopten in Ägypten im Dezember 2010 haben weit über die arabische Welt hinaus Betroffenheit ausgelöst. Mancherorts wird gemunkelt, Christen seien in keinem arabischen

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Literatur

Von Anna Scherer Damaskus an einem Mittwochnachmittag. Ein eilender Geschäftsmann in westlicher Kleidung, der in der Badgadstrasse nach einem Taxi ruft. Daneben ein alter Mann mit der Kopfbedeckung der Beduinen, die durch Arafat auf der ganzen Welt berühmt wurde. Im Café neben der Uni sitzen zwei junge Studentinnen, die eine mit buntem Kopftuch, die andere trägt ihre Frisur offen zur Schau. Beide sind stark geschminkt und tragen eng anliegende Kleider. Einige Meter weiter eine Gleichaltrige mit Niqab (einem Gesichtschleier), ihren Sohn hinter sich herziehend. Nur noch ihre grünen Augen sieht man, sogar die Hände sind trotz der glühenden Hitze in schwarze Handschuhe gehüllt. Man sieht Kinder, welche in den Gässchen der Altstadt Fussball spielen und Strassenverkäufer, die ihre Waren so lautstark anpreisen, dass man es bis ins Innere der Häuser hört. Ein paar Ecken weiter stehen junge Frauen in himmelblauen Gewändern, welche sie während des Monats Mai zu Ehren der Jungfrau Maria tragen. Und durch das Menschengedränge des Suq al Hamadiye schlendert eine Gruppe älterer Frauen, in den schwarzen Tschador gehüllt, schwatzend und lachend auf dem Weg in die Moschee. An wenigen Orten der Welt ist das Strassenbild wohl so vielfältig wie in Damaskus. Ein Bild, das unter anderen ein Abbild der religiösen Verhältnisse des Landes ist und sich nicht nur in Menschen und Kleidung, sondern auch in der Architektur zeigt. Geht man durch die Strassen von Damaskus, so findet man auf engstem Raum eine grosse Anzahl Kirchen unterschiedlicher Glaubensrichtungen, schiitische und sunnitische Moscheen und gar die Überreste einer Synagoge. Minarette und Kirchtürme zieren hier gleichermassen die Silhouette der Stadt. Über 85% der Syrer sind muslimischen Glaubens, davon die überwiegende Mehrheit Sunniten. Die relative Abschottung der einzelnen Siedlungsräume in der Wüste ermöglichte das Überleben von Minderheiten. Heute rechnen sich etwa 10% der Syrer dem Christentum zu. Sie sind griechisch-orthodox, syrisch-katholisch, armenisch-gregorianisch oder Maroniten, um nur einige Gemeinschaften zu nennen. Dazu kommen Schiiten und die schiitischen Sekten der Drusen, Alawiten und Ismailiten. Die meisten Juden sind wegen des Konflikts mit Israel


In Damaskus stehen Moscheen neben Kirchen. Meist läuft das Nebeneinander der Konfessionen friedlich ab.

Land mehr sicher. Auch in Syrien war das Zusammenleben nicht immer friedlich. Im Mittelalter Schauplatz der Kreuzzüge, kamen noch 1860 bei einem Massaker durch die Drusen in Damaskus mehrere Tausend Christen ums Leben. Dennoch funktioniert das Miteinander der Religionen heute weitgehend ungestört. Wenn am Freitag die Strassen Damaskus menschenleer sind, weil die über 85% Muslime im Land die Zeit mit ihrer Familie oder in der Moschee verbringen, herrscht im christlichen Bab Tuma reger Betrieb. Sonntags jedoch, sind die Geschäfte in den christlichen Vierteln geschlossen und die Kinder gehen nicht zur Schule. Religion wird von vielen Syrern als Privatsache betrachtet. Man fragt andere Leute nicht nach ihrem Glauben – so die Devise vieler Damaszener. Dennoch können Einheimische die Religionszugehörigkeit meist anhand bestimmter Merkmale beispielsweise anhand der Kleidung erkennen. Besonders konservative Kreise wünschen sich jedoch, dass der Islam auch im öffentlichen Leben eine stärkere Rolle spielen sollte. Bislang wusste die politische Elite dies aber erfolgreich zu verhindern.

Regime einer religiösen Minderheit Obwohl sich 72% der Syrer zum sunnitischen Islam bekennen, liegt die Regierung der Arabischen Republik Syrien seit über dreissig Jahren in der Hand einer religiösen Minderheit: der Alewiten. Die ursprünglich in den Bergen angesiedelte Religionsgemeinschaft wurde während Jahrhunderten von den Osmanen verfolgt. Heute zählen sich etwa

12% der Gesamtbevölkerung zu den Alawiten. Von vielen orthodoxen Muslimen werden sie als Sekte angesehen. Tatsächlich bezieht ihre Religion viele altorientalische und christliche Elemente mit ein. Die Riten sind geheim und werden nicht im öffentlichen Raum praktiziert. Um den sunnitischen Vorwurf einer unislamischen Sekte zu entkräften, liess Hafez al-Asad, der Vater des heutigen Präsidenten Bachar al-Asad, gar ein Rechtsgutachten (fatwa) einholen, welches zum Ergebnis kam, dass die alawitische Lehre durchaus als schiitische Glaubensrichtung einzuordnen sei. Gleichzeitig verankerte er in der Verfassung, dass der Staatspräsident ein Muslim sein muss. Hafez al-Asad amtierte seit 1967 als Verteidigungsminister der sozialistischen Baath-Partei, die 1963 an die Macht gekommen war. Zuvor hatte der Bauernsohn die Militärakademie absolviert und war danach in wichtige Positionen innerhalb von Partei und Armee aufgestiegen. 1970 putschte er gegen die amtierende Regierung und wurde vom Volk zum Präsidenten und Generalsekretär der Baath-Partei gewählt. Sein autoritäres Regime wurde von weiten Teilen der Bevölkerung begrüsst, da nach längerer Zeit der Instabilität wieder Ruhe im Land eingekehrt war. Die Schattenseiten der neu gewonnen Stabilität waren massiv eingeschränkte Grundrechte, eine weitgehende Überwachung und die Inhaftierung von Regimekritikern. Nach Hafez al-Asads Tod im Jahre 2000 trat sein zweitgeborener Sohn Bachar al-Asad die Nachfolge an. Der in London ausgebildete Arzt versucht sich an einer langsamen

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Liberalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse. So liess er 600 politische Gefangene frei, erlaubte die Verwendung von Mobiltelefonen und den Aufbau von Internetcafés. Dies zeigte auch die Fussballweltmeisterschaft vom letzten Sommer, als in ganz Damaskus Public-Viewing-Zonen eingerichtet wurden. Noch vor einigen Jahren hätten die jungen Syrer ihre ungestüme Begeisterung für Brasilien oder Deutschland nicht in aller Öffentlichkeit zeigen dürfen.

Ein Balanceakt Autorin Anna Scherer (23) schloss ihren Bachelor in Politikwissenschaften an der Universität Zürich ab und studiert im 2. Semester Master in International Affairs am IHEID in Genf. Sie hat letztes Jahr einen viermonatigen ArabischSprachaufenthalt in Damaskus gemacht.

Bild Anna Scherer

Die Erhaltung der Macht hängt für die Familie Asad bis heute von der Fähigkeit ab, die Balance zwischen konservativen Strömungen und dem Wunsch nach gesellschaftlicher Öffnung Aufrecht zu erhalten. Die harte Repression gegen Regimekritiker bleibt nicht auf Einzeltäter beschränkt. Bei der blutigen Niederschlagung eines Aufstands der militanten Muslimbrüder in Hama 1982 wurden weite Teile der Stadt zerstört und je nach Angaben zwischen 7000 und 30‘000 Menschen getötet. Die Muslimbruderschaft wurde zerschlagen und ihrem «Kampf gegen den weltlichen Staat Syrien» ein Ende gesetzt. Nicht nur die radikalen Muslimbrüder, sondern die sunnitischen Bevölkerungsteile im Allgemeinen, streben bis heute nach mehr Einfluss in Politik und Verwaltung. Hafez al-Asad versuchte seine Macht zu festigen, indem er die wichtigsten

Posten an Vertrauensleute alawitischer Herkunft vergeben hat. Der Beschluss vom vergangen Juni, Dozentinnen das Tragen des Niqabs zu verbieten oder diese in den Innendienst zu versetzen, gilt als Versuch, dem Islamismus einen Riegel vorzuschieben. Einen Monat später wurde auch Studentinnen an staatlichen Universitäten das Tragen des Gesichtsschleiers untersagt. Dennoch weiss Bachar al-Asad, dass er gewisse Linien nicht überschreiten darf, um die konservativen Kräfte im Land nicht gegen sich aufzubringen. Zwar ist die Muslimbruderschaft bis heute verboten, im Nachbarland Jordanien, wo sie zugelassen ist, erfreut sie sich jedoch einer nicht unerheblichen Unterstützung aus weiten Teilen der Bevölkerung. Zudem stellt sich die alte politische Elite gegen eine Demokratisierung – die Angst vor einem Machtverlust ist zu ausgeprägt. Ein Beispiel dafür ist die nach dem Jahre 2000 ausgebaute Pressefreiheit, welche jedoch bald nach der Einführung wieder eingeschränkt wurde. Trotz der erzielten Fortschritte bleibt die Menschenrechtslage im Allgemeinen besorgniserregend. Es bleibt jedoch zu bedenken, dass nicht zuletzt das friedliche Zusammenleben der Religionen von der verhältnismässig stabilen politischen Situation im Land profitiert.


gott und die welt

Die frommen Atheisten Vom Wissenschafter über den Konsumenten im Kaufrausch bis hin zum systemkritischen Öko, niemand ist vor religiösem Fundamentalismus gefeit. Wer keinen Gott hat, sucht sich eben einen neuen, zur Not in Gestalt des neuesten Nike Sneakers.

Von Norbert Bolz Atheisten und Wissenschafter neigen dazu, die Gretchenfrage danach, wie man es selbst mit der Religion halte, durch die Frage zu ersetzen, warum andere Religion nötig haben. Doch nur scheinbar haben wir es hier mit einem Wissen zu tun, das den Glauben hinter sich lässt. Ein kleiner Perspektivenwechsel genügt, um zu sehen, dass der Atheismus selbst ein Glaube ist – nämlich der Glaube an den Unglauben. Die Ungläubigen brauchen den Glauben an die Nichtexistenz Gottes. Der Atheist ist zur Gottlosigkeit bekehrt, sein Unglaube eine raffinierte Form der Frömmigkeit. Der Atheist leugnet Gott immer im Namen eines unbekannten Gottes. Zwar stilisiert er sich gern als unerschrockenen Aufklärer, doch in Wahrheit sucht er Entlastung. Der Atheist leugnet Gott, um sich nicht mit ihm vergleichen zu müssen. Immerhin macht er sich noch die Mühe, Gott zu leugnen. Von Gott abzufallen, ist freilich ein Akt des Glaubens. Und hier ist aus der Perspektive des Frommen eigentlich nur noch ein Schritt zu tun, denn der Glaube ist der überwundene Unglaube. Schon Max Stirner hat den Atheismus als die hartnäckigste Form der Frömmigkeit entlarvt. Im Atheismus wird lediglich die vakant gewordene Systemstelle des christlichen Gottes durch den Menschen umbesetzt. Den Ausweg aus diesem Dilemma weist dann die «Gott ist tot»-Formel Nietzsches. Seine grundlegende Einsicht besteht darin, dass der

«Die Gläubigen bekennen ihren Glauben, die Ungläubigen sind die Sklaven ihres Glaubens.» Norbert Bolz

Atheismus gescheitert ist. Und deshalb setzt er an die Stelle der Gottesleugnung den Gottesmord. Das lässt sich nicht mehr überbieten, und auch Freuds Aufklärung folgt noch dieser Spur Nietzsches. Doch mit Stirner und Nietzsche hat eben zugleich die Aufklärung der Aufklärung begonnen, und sie muss sich eine theologische Interpretation bieten lassen, nämlich aus der Perspektive einer Religion nach der Aufklärung: Aufklärung war die Flucht des Menschen vor dem allmächtigen Gott in den Atheismus. Und es war das Selbstmissverständnis der Aufklärung, in der Religion einen Feind zu sehen. Denn Christentum ist selbst schon Aufklärung – als Religion. Die Dialektik der Aufklärung besteht heute

darin, dass Aufklärung, die einmal Europa vom religiösen Fundamentalismus befreite, selbst fundamentalistisch geworden ist; man denke nur an den britischen Biologen Richard Dawkins und seinen Kreuzzug gegen die Religion. Wie vor zweitausend Jahren weckt die Offenbarung Glauben oder Wut. Der aufklärerische Furor, mit dem ein atheistischer Wissenschafter wie Dawkins heute die Bestsellerlisten stürmt, markiert keinen Fortschritt in der Gewissheit, dass Gott nicht existiert. Er ist vielmehr ein Symptom dafür, dass der zur Selbstverständlichkeit gewordene Säkularismus der modernen Welt heute von einer neuen Religiosität herausgefordert wird. Immer mehr Menschen glauben nicht mehr an den Unglauben.

Der blinde Fleck unseres Denkens Wissenschaft schafft nur noch Wissen ohne Gewissheit. Es gilt heute als gesichert, dass die Grundlagen der Wissenschaften unsicher sind. Eine solche Wissenschaft ist nicht mehr skandalträchtig. Weder fühlt sich der moderne Mensch von ihren Ergebnissen betroffen, noch kann er für sie ein Mass an seiner eigenen Erfahrung finden. Mit der Expansion des Wissens wächst das Nichtwissen – und damit der Glaubensbedarf. Moderne Wissenschaft ist so hochabstrakt, dass wir ihre Befunde und Hypothesen nicht mehr mit der Interpretation unserer Lebenswelt vermitteln können. Diese prinzipielle Unnachvollziehbarkeit der modernen Wissenschaft für den Laien macht Religion in Sachen Weltanschauung konkurrenzlos. Darwin war eine Gefahr für die Kirche – Dawkins ist es nicht mehr. Blanke Irreligiosität ist ein Abwehrmechanismus. Man meidet die Stelle, wo sich eine Frage stellt, auf die es keine Antwort gibt. Es gibt Leute, die nur mit den Schultern zucken, wenn man «von Gott» spricht. Sie können noch nicht einmal wissen, dass sie Ungläubige sind. Aber die Geschichte des Atheismus mahnt auch die Gebildeten unter den Ungläubigen zur Vorsicht. Kann man Religion erklären, ohne dass die Erklärung selbst religiös wird? Vor allem die Gottesleugner verfangen sich ja in der Paradoxie, die Religion gerade durch ihre Negation zu bestätigen. In der Regel glaubt man, was andere glauben, weil sie es glauben. Das gilt gerade auch für Wissenschafter, die natürlich lieber von «Paradigma» sprechen. Wissen ist ein gut sondierter und dann als Objektivität institutionalisierter Glaube. Um es mit einer beliebten Metapher neuerer Erkennt-

Autor Norbert Bolz ist Professor für Medienwissenschaften an der Technischen Universität Berlin und Autor von «Das Wissen der Religion: Betrachtungen eines religiös Unmusikalischen» (2008) und «Die ungeliebte Freiheit. Ein Lagebericht.» (2010).

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nistheorie zu sagen: Der Glaube ist der blinde Fleck der Erkenntnis. Wir können jeden atheistischen Wissenschafter, der die Struktur der Welt bewundert, als religiösen Ungläubigen verstehen. Der Wissenschafter glaubt an die Wissenschaft, der Astrologe glaubt ans Horoskop, der Fundamentalist glaubt an die Heilige Schrift. Man denkt mit dem, was man glaubt; und jeden hat ein Glaube im Griff. Die Gläubigen bekennen ihren Glauben, die Ungläubigen sind die Sklaven ihres Glaubens. Alles Verstehen ist nur in einer Vorurteilsstruktur möglich, und es gehört deshalb zu einer Abklärung der Aufklärung, das Vorurteil zu rehabilitieren. Jede Kultur ist ein unentrinnbares Vorurteil. Und immer dann, wenn sich etwas von selbst versteht, hat uns ein Glaube im Griff. Auch wenn man vergleicht oder beobachtet, wie andere beobachten, kann man doch immer nur an einem Ort sein; man hat immer nur eine Perspektive: «soweit ich sehe…». Denken ist nicht das Gegenteil von glauben, denn man denkt immer im Rahmen eines Glaubens. Nicht du hast einen Glauben, sondern der Glaube hat dich. Man denkt mit dem, was man glaubt – dieses Bewusstsein haben die Intelligenten unter den Frommen den aufgeklärten Universalisten voraus. Mit anderen Worten: Der Glaube, der uns hat, ist der blinde Fleck unseres Denkens.

Wissenschaft als Religionsersatz? Wer erkennt, dass alle Erkenntnis in einem Glaubensrahmen stattfindet und dass die letzte logische Ebene eines Arguments das Bekenntnis des eigenen persönlichen Glaubens fordert, hat keine Angst mehr vor Dogmatismus und Orthodoxie. Es geht hier um das Bewusstsein, in jedem Akt der Erkenntnis von unbewiesenen Glaubensüberzeugungen ausgehen zu müssen. Die meisten Wissenden können aber nicht glauben, dass auch ihr Wissen auf einem Glauben beruht. Man müsste die, die glauben zu wissen, dazu bringen, zu wissen, dass sie glauben. Deshalb hat die Religion heute das Problem der Platonischen Höhle: Man kann den «wissenden» Höhlenbewohnern nicht klarmachen, dass es ein Draussen des Glaubens gibt. Metaphysisch ist das Bedürfnis nach der einen Wahrheit. Man kann nämlich kein Relativist sein. Genauer gesagt, man kann als Intellektueller zwar einer relativistischen Erkenntnistheorie anhängen, aber man kann nicht relativistisch leben. So wächst auch heute wieder das Bedürfnis nach einer transzendenten Verankerung des Lebens. Um es paradox zu formulieren: wir glauben an Gott auch ohne an ihn zu glauben, weil wir ihn als höchsten Zeugen für die Formulierung der Wahrheit brauchen. Dass Religion nur durch Religion ersetzt werden kann, scheint heute unstrittig. Mag auch der einzelne ohne ihren Trost auskommen – die moderne Gesellschaft kann nicht auf die Funktion der Religion verzichten. Das scheint der vernunftmässigen Selbstgewissheit der Aufklä-

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rung und ihrem wissenschaftlich-technischen Projekt der Moderne zu widersprechen. Doch gerade die Entzauberung der Welt durch Wissenschaft hat überhaupt erst die Unvermeidlichkeit der Religion evident gemacht. Deshalb liegen Glaube und Wissen auch nicht mehr im Streit. Der Religion geht es um Sein oder NichtSein; der Wissenschaft geht es um das Anders-seinKönnen von allem. Zwar wird die Wissenschaft als Grundlage unserer technischen Weltbeherrschung für uns immer wichtiger; aber zugleich wird sie in ihrer schwindelerregenden Abstraktheit für unsere Alltagspraxis und Weltorientierung immer unwichtiger. Gerade indem sie sich souverän behauptet und jeden Zweifel an ihrer Legitimität niederschlägt, erzeugt die Wissenschaftswelt ein Vakuum der Bedeutsamkeit.

Komm, wir bauen uns einen Glauben Moderne Wissenschaft ist zentrifugal – sie entfernt sich vom Menschen und seiner Erde in astronomische und Nanodimensionen. Religion dagegen ist zentripetal – christlich verweist sie auf das historische Ereignis der Inkarnation, neuheidnisch auf die kosmische Ausnahme Erde. Gerade die Erfolge von Wissenschaft und Technik führen zu einer Rückwendung des humanen Interesses: man fliegt in den Weltraum – um schliesslich den kostbaren blauen Planeten Erde zu entdecken. Man erzieht zur Multikulturalität – um schliesslich die Einzigar-

Dem Globus geht die Luft aus - Radikale Umweltbewegungen wenden s


sich gegen das System und funktionieren doch nach religiösen Mustern.

gott und die welt

tigkeit der europäischen Kultur zu entdecken. Man startet ein Jahrhundertexperiment des Atheismus – um schliesslich die Unvermeidlichkeit der Religion zu entdecken. Aber nicht nur in der abstrakten Welt der Wissenschaft, sondern auch in der ganz handfesten Realität unseres konsumistischen Alltags zeigt sich, dass man nicht nicht-religiös sein kann. Längst sind die alten Götter des Heidentums wiedergekehrt. Man ist grün und vergöttert die Natur; man gewinnt das Design des neuen Mikrochips in buddhistischer Meditation; man ist Holist und glaubt an die schöpferische Macht des Chaos. Der Aberglaube erweist sich hier als die Wahl der Eigenformel. Heute wird tatsächlich jeder nach seiner eigenen Fasson selig. Und deshalb leben wir in einem Polytheismus der Marken und Moden. Die Götter, die aus dem Himmel der Religionen verdrängt wurden, kehren als Idole des Marktes wieder. Werbung und Marketing besetzen die vakantgewordenen Stellen des Ideenreiches. Düfte heissen «Ewigkeit» und «Himmel», Zigaretten versprechen Freiheit und Abenteuer, Autos sichern Glück und Selbstfindung. Mit einem Wort: Marken besetzen Werte, um sie schliesslich zu ersetzen. So entfaltet sich heute der Konsumismus als die Religion der Gottunfähigen. Doch nicht nur der Konsumismus, sondern auch seine grünen Feinde zeigen religiöse Züge. Schon heute ist die Religion des Sorgens und Schützens die eigentliche Zivilreligion der westlichen Wohlstandswelt. Wir folgen dabei den grünen Hohe-

priestern, die uns weg von Gott Vater und hin zu Mutter Erde führen. Dieser Kult der Natur, der den Verlust der Gnade kompensiert, gipfelt in der Liebe zum Lebendigen an sich. Die Öko-Religion hat durchaus ihre Priester, ihre Pilgerfahrten und ihren Heiligen Gral. Nur dass die jungen Glaubenshelden heute Ölplattformen besetzen und die «Rainbow Warrior» gegen finstere Atommächte in See geht. Greenpeace – das sind die Kreuzritter der heilen Welt. Sie stehen deutlicher als andere Nicht-Regierungsorganisationen für eine neue Religiosität, die auf den Namen «Umweltbewusstsein» getauft ist.

Vom Proletariat zum grünen Rosenkranz Umwelt heisst der erniedrigte Gott, dem Sorge und Heilserwartung gelten. Die Heilssorge unserer Zeit artikuliert sich als Sorge um das ökologische Gleichgewicht. Und das bedeutet im Klartext: Für die fundamentalistischen Grünen ist Natur selbst die Übernatur. So funktioniert das Umweltbewusstsein als Quelle einer neuen Religiosität. Dieses grüne Glaubenssystem ist natürlich viel stabiler als das rote, das es ablöst. Die Natur ersetzt das Proletariat – unterdrückt, beleidigt, ausgebeutet. Die Enttäuschung des linken Heilsversprechens hat apokalyptische Visionen provoziert, nämlich solche vom Untergang der Umwelt. Man sieht hier deutlich, wer vom Niedergang der christlichen Kirchen profitiert. Es sind vor allem diejenigen Organisationen, die den unverändert starken religiösen Impuls in ein neues Glaubensschema umleiten können. Wir erinnern uns an die RAF, denken aber auch an den fundamentalistischen Terror und die selbsternannten Retter von Flora und Fauna. Sie alle entfesseln mit dem Gesetz des Herzens den Wahnsinn des Eigendünkels. Die Öko-Religion ist der neue Glaube für die gebildete Mittelklasse, in dem man Technikfeindlichkeit, Antikapitalismus und Aktionismus unterbringen kann. Diejenigen, die sich mit religiöser Inbrunst der Natur zuwenden, sind von der Geschichte enttäuscht. Und weil sie sich nicht mehr in die Arme der Kirche zu werfen wagen, beten sie grüne Rosenkränze. Die Natur ersetzt Gott als externe Instanz des Urteils über die Gesellschaft. So hat sich das Devotionsbedürfnis auf die Natur verschoben: die Umwelt als Übernatur. Diejenigen, die es entrüstet als Zumutung von sich weisen, Gottvater anzubeten, huldigen ganz selbstverständlich einem Kult der Mutter Erde. Und der hat alle Evidenzen der modernen Medienwelt auf seiner Seite; das Foto vom blauen Planeten ist wohl das am häufigsten reproduzierte. Die ikonische Qualität der aus dem Weltraum gesehenen Erde hat der Öko-Religion eine unvergleichliche Aura verschafft. Dieses Bild steht für die Sakralisierung der Erde und die grosse Rückwendung des menschlichen Interesses von der Vermessung des Unermesslichen zur Sorge um die eigene Endlichkeit.

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Zur ewigen Konjunktur des Antisemitismus Von Gerhard Hanloser Der moderne Antisemitismus beerbte den christlichen Antijudaismus. Die Juden waren bis zur Zeit der Aufklärung eine klar erkennbare ethnisch-religiöse Minderheit, die aufgrund ihrer von Kirche und Fürsten aufoktroyierten ökonomischen Stellung das Stigma des Wuchers und des Geldgeschäfts trug. Mit Antisemitismus wird der Schutz durch Obrigkeit eingeklagt, er stellt eine «konformistische Rebellion» dar. Er lädt sich national auf, beschwört die nationale Gemeinschaft und markiert die Juden als anational oder als Nation in der Nation. Der Antisemitismus schaffte so das, wozu die Ökonomie nicht im Stande war: Gemeinschaft. Antisemitismus ist so auch mehrheitlich eine Ideologie und Strategie, die pseudo-rebellisch ist, und sich gegen eine elitäre Übermacht, die den Juden zugeschrieben wird, zur Wehr zu setzen vorgibt. Antisemitismus gründet sich nicht auf realem Verhalten von Juden. Der Antisemitismus unterscheidet sich vom Rassismus dadurch, dass letzterer gegen das «Minderwertige» vorgeht, also sich von einem «Unten» oder einem «Untermenschen» abgrenzt. Antisemitismus hingegen behauptet die Existenz eines verschwörerischen, omnipotenten «jüdischen Drahtziehers», der sozusagen über allem steht.

Der Markt, vermeintliches Wundermittel Sowohl die liberale Haltung zum Antisemitismus wie die marxistische Theorie transportierten im 19.Jahrhundert den Glauben, dass Antisemitismus als letztlich vormodernes Phänomen mit der Durchsetzung des Marktes und des ihn begleitenden «Überbaus» verschwinden würde. Die liberale Vorstellung «enthält das Bild einer Gesellschaft, in der nicht länger Wut sich reproduziert und nach Eigenschaften sucht», so Adorno und Horkheimer. Freiheit und Gleichheit, die Werte der Aufklärung, entziehen demnach dem Antisemitismus den Boden. Der propagierte Optimismus hat sich bekannterweise so nicht in die Realität umgesetzt. In die Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts fällt die besondere Verbindung von Antisemitismus und Antikommunismus. «Der Jude» gilt als Inbegriff für revolutionäre Bedrohung. In persona sind einige Juden und Jüdinnen, die sich aktiv als RevolutionärInnen betätigten, heute noch bekannt. Rosa Luxemburg und Leo Jogiches, der an der Spitze der deutschen Kommunisten stand, Eugen Levine

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an der Spitze der bayerischen Räterepublik, Karl Radek, aber auch Namen wie Trotzki, Kamenew, Sinowjew, Litwinow oder Isaac Deutscher gehören dazu. Tatsächlich erhofften sich in der Geschichte nicht wenige Juden von einer universalistischen, kommunistischen Weltrevolution das Abschaffen jeglicher Hierarchien und Unterdrückungsverhältnisse. Auch heutige antisemitische Ausfälle erinnern an diese historische Wahlverwandtschaft von Judentum und revolutionärem Denken. So etwa die Rede des CDU-Mitglieds im deutschen Bundestag Martin Hohmann am 3.Oktober 2003 zum Nationalfeiertag Deutschlands. Diese antisemitische Rede verfolgte das Ziel, die Idee der Deutschen als Tätervolk zu widerlegen und die Juden als die wahren Täter darzustellen. Dies aus dem Grund, weil ein hoher Anteil von Bolschewiki Juden gewesen sein sollen. Hohmanns Antisemitismus ist im Kern antikommunistisch und antiegalitär motiviert. Hohmann weiß schließlich auch folgendes zu berichten: «So stammt Karl Marx über beide Eltern von Rabbinern ab. Sein Porträt hing im Wohnzimmer einer jüdischen Frauenforscherin, die im Übrigen bekennt: ‚Ich bin damit groß geworden, dass ein jüdischer Mensch sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt, progressiv und sozialistisch ist. Sozialismus war unsere Religion‘.» Dem bekennenden Christen Hohmann ist dies natürlich ein Graus und seine Rede endet auch mit den Worten «Mit Gott in eine gute Zukunft für Europa! Mit Gott in eine gute Zukunft besonders für unser deutsches Vaterland!» Dieser Antisemitismus erinnert zu sehr an den klassischen modernen Antisemitismus, er ist im Kern dysfunktional geworden und wird von Medien wie herrschender Elite geächtet. Tatsächlich gibt es heutzutage auch weniger wahrnehmbar eine Wahlverwandtschaft zwischen jüdischer Herkunft und revolutionärer Gesinnung. Norman Finkelstein oder Noam Chomsky wären vielleicht Namen, die man nennen könnte. Werden diese Personen zuweilen auch heftig und von verschiedener Seite angefeindet, so versuchen ihre Gegner doch meist, antisemitische Stereotype zu vermeiden. Der Marxismus und die europäische Arbeiterbewegung des 19.Jahrhunderts waren stets direkte Feinde der Antisemitenbewegung und boten auch eine konkurrierende Weltauffassung zum antisemi-

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Analysen zur Entwicklung des Kapitalismus stellen einen Schlüssel zum Verständnis des Antisemitismus und seiner Metamorphosen dar. Ein geschichtlicher Überblick.


Der ewige Sündenbock Wenn die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus nicht in den Griff zu bekommen ist, werden die Verwalter des Vorherrschenden zuweilen autoritär und suchen nach einem Sündenbock. Nun hat sich heutzutage ein ganzes Warensortiment von möglichen Sündenböcken etabliert, auf das man, je nach Bedarf und politischer Opportunität, zurückgreifen kann. Das stereotype Denken mit fahndendem Blick hat sich als besonders lohnendes Objekt des Abstrafens heutzutage den «faulen Arbeitslosen» als Ganzem herausgesucht. «Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Deka-

«Wenn die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus nicht in den Griff zu bekommen ist, werden die Verwalter des Vorherrschenden zuweilen autoritär und suchen nach einem Sündenbock.» Gerhard Hanloser

denz ein. An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern», schrieb der deutsche Aussenminister Westerwelle in einem Gastbeitrag für die «Welt» am 12. Februar 2010 mit Blick auf Hartz-IV-EmpfängerInnen. Diese Hetze folgt einerseits einer Strategie (wird also instrumentell eingesetzt), ist zum anderen aber auch Ideologie (wird geglaubt, kommt aber einer Selbsttäuschung gleich). Strategie ist sie auf Seiten der herrschenden Klasse, bei Westerwelle und Co., Ideologie ist sie bei den abhängigen Schichten, die selbst kurz vor Hartz IV stehen und

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tischen Wahn an. Der Marxismus versuchte, Kapitalismus als soziales Verhältnis zu begreifen; war die Arbeiterbewegung von ihm geprägt, erwies sie sich als relativ immun gegenüber dem Antisemitismus.

verkehrter Weise gerade deshalb vehement gegen die vermeintlich faulen Arbeitslosen wettern. Kritik des vermeintlich arbeitslosen Einkommens und des Parasitären gehörte stets zum modernen Antisemitismus. Eine solche demagogische Anklage kann sich freilich auch von der Figur des Juden lösen – und andere Personen in denunziatorischer Absicht markieren. Eine kritische AntisemitismusForschung muss heutzutage gegenüber diesen Tendenzen hellhörig sein, denn sie kann (ähnlich wie im Fall der antimuslimischen Anfeindungen) Verwandtes entdecken, muss dabei aber stets die Unterschiede betonen.

Islamophobie der neue Antisemitismus? In letzter Zeit wurde hauptsächlich von dem Antisemitismusforscher Wolfgang Benz die These verfolgt, dass die heutige Islamophobie viel vom alten Judenhass transportiere. Wortwörtlich schrieb er: «Die Parallelen zu Antisemitismus und Judenfeindschaft sind unverkennbar: Mit Stereotypen und Konstrukten, die als Instrumentarium des Antisemitismus geläufig sind, wird Stimmung gegen Muslime erzeugt. Dazu gehören Verschwörungsfantasien ebenso wie vermeintliche Grundsätze und Gebote der Religion, die mit mehr Eifer als Sachkenntnis behauptet werden. Die Wut der neuen Muslimfeinde gleicht dem alten Zorn der Antisemiten gegen die Juden.» Meines Erachtens sind lediglich einzelne Motive des Antisemitismus und nur einige Ausprägungen des modernen Antisemitismus mit der Islamophobie zu vergleichen, und zwar solche sozialrassistischer Natur. So attackieren die antimuslimisch eingestellten Stimmen das «Rückschrittliche, Fremde, Arme», das Lumpenproletarische an eingewanderten Muslimen in ähnlicher Weise wie sozialrassistische Antisemiten die osteuropäischen «Luftmenschen»

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Bild Die Judenvernichtung im Nationalsozialismus ist traurige Vergangenheit. Antisemitismus ist aber kein Schnee von gestern.

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Instrumentalisierung des Antisemitismus

Autor Gerhard Hanloser (38) aus Freiburg im Breisgau hat Soziologie und Geschichte studiert und ist nun Sozialwissenschaftler und Erwachsenenbildner. Er schreibt für zahlreiche linke Zeitschriften und hat unter anderem das Buch «Krise und Antisemitismus» veröffnetlicht.

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Offener und auf Mord drängender Antisemitismus findet sich heutzutage am ehesten im arabischen Raum. So bekam das Holocaust-Leugnen ein international beachtetes Forum auf der so genannten Holocaust-Konferenz, die vom 11. bis 12. Dezember 2006 in Teheran auf Geheiss des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad stattfand. Der 11. September 2001 hat auch in den Metropolen auf dieses Phänomen aufmerksam gemacht: den terroristischen Islamismus, in dessen ideologisches Weltbild auch der Antisemitismus gehört. Al-Kaida hetzt gegen «Juden und Kreuzfahrer» und will den «dekadenten» westlichen Kapitalismus treffen. Die Täter des 11. September beziehen sich auf den unlösbar erscheinenden Israel-PalästinaKonflikt. Doch ihr spezifischer Antisemitismus hat Gründe und Wurzeln, die jenseits von Zion liegen. Die Politisierung des Islam und die weitere Auflösung traditionell geprägter Gesellschaften machten den Antisemitismus zu einem passenden Bestandteil einer antiwestlichen Spielart der autoritären wie terroristisch-nihilistischen Selbstbehauptung islamistischer Machtaspiranten. Weil der Anschlag auf das World Trade Centre den USA in vielerlei Hinsicht politisch gelegen kam, entstanden verschiedene Verschwörungstheorien rund um den 11. September. Einige mit klar antisemitischem Inhalt. Die perfideste Behauptung, die von MuslimDemonstrationen in Indonesien bis zum Internetanbieter freenet reicht, ist diejenige, wonach jüdische Angestellte im WTC im Vorfeld des Anschlags gewarnt worden seien. Die Rolle, die der europäische Antisemitismus im islamisierten Antisemitismus spielt, lässt sich auch an einem Dokument ablesen, das als folgenreichster Exportartikel weltweit den Antisemitismus beflügelt und unterfüttert hat: «Die Protokolle der Weisen von Zion». In ihnen wird die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung dokumentiert, die alles Bestehende niederreissen und unterlaufen will. Das erstmalig 1905 in Russland zur Abwendung von Liberalismus wie Revolution veröffentlichte Buch wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zur Grundlage der antisemitischen Propaganda des arabischen Nationalismus, um Israel als ein Produkt der «jüdischen Weltverschwörung» darzustellen und findet heute noch Verbreitung. Bereits mit der Einwanderung von Juden nach Palästina beginnt eine Geschichte von Migration, Kampf um Land, zionistischer Besiedlung und antisemitischer Feindschaft, die sich nur noch schwer auseinanderdividieren lässt. In

den 30er Jahren wehrten sich die arabischen Fallachen in Palästina gegen den Verkauf des Landes an zionistische Aufkäufer, die die arabischen Bauern durch jüdische Siedler ersetzen wollten. Zwei Momente kamen in diesen Protesten und Revolten zusammen: Auf der einen Seite die Weigerung, sich von den eigenen Subsistenzmittel trennen zu lassen und auf der anderen Seite eine sich steigernde antijüdische Haltung unter der arabisch-palästinensischen Bevölkerung. Die antisemitische Agitation palästinensischer Eliten, darunter der erklärte HitlerAnhänger und Antisemit al Husseini – Grossmufti von Jerusalem – heizte den Konflikt weiter an. In den arabischen Despotien erhob sich ein antijüdischer und später antiisraelischer Kanon, der an die nationalsozialistische Sprache der dreissiger Jahre erinnerte und zum Angriffskrieg kurz nach israelischer Staatsgründung führte. Mit dem Krieg von 1948 hatten schließlich die Despoten des arabischen Raums ihren Sündenbock markiert: Auf einen ganzen Staat, der als «westlich», fremd und ausbeuterisch hingestellt werden konnte, sollten sämtliche inneren Probleme der postkolonialen Regime abgewälzt werden.

Ideologischer Schutzwall für Israel Wenn diese antiisraelische Propaganda sich als «Antizionismus» bezeichnet, so hat sie mit dem klassischen marxistisch-leninistischen Antizionismus vor Stalin nichts mehr gemein. Schwieriger gestaltet sich die Frage, inwiefern linker Antizionismus auch Antisemitismus ist. Welche Israel-Kritik ist antisemitisch? Wie weit darf Israel-Kritik gehen, fragt gelegentlich die Öffentlichkeit. Alle diese Debatten bewegen sich im Spannungsfeld zwischen den Tatsachen, dass sich einerseits der Antisemitismus zuweilen als Israel-Kritik gebärdet, und dass es andererseits «billig und rationalisierend zugleich» ist, «eine jede Kritik an Israel, auch eine Fundamentalkritik am Zionismus, als antisemitisch abzutun», so Dan Diner. Denn die Realität des Nahostkonflikts und der unhaltbaren Besatzungspolitik Israels lässt sich nicht ausblenden. Eine TäterOpfer-Wahrnehmung allein vor dem Hintergrund des tatsächlich vorhandenen Antisemitismus und der palästinensischen Terroraktionen verkennt und verdreht die Machtpositionen in diesem Kampf um Souveränität, Land und Staatswerdung. Daneben muss auch auf die Funktion reflektiert werden, die «Antisemitismus» als Code im politischen Handgemenge einnimmt. Der zum Staat gewordene Zionismus baut seine aggressiv-nationalistische Seite weiter aus und rechtfertigt nicht nur die Existenz eines jüdischen Staates in Palästina, sondern auch die reale Staatspraxis über die Existenz des Antisemitismus. Dies führt zur politischen Instrumentalisierung der Warnung vor Antisemitismus, auch bei Gruppierungen, die sich dem Staat Israel kritiklos verbunden fühlen.

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verachteten. Dabei wird oft der Religion etwas unterstellt und unterschoben, was real gar nicht von dieser propagiert und vertreten wird. Andere Motive des modernen Antisemitismus wie das Antikommunistische, Antirevolutionäre, aber vor allem das Schein-Antikapitalistische bleiben ausgespart.


Nigeria kommt nicht zur Ruhe. Die anhaltenden Gewaltkonflikte brechen häufig entlang religiöser Gräben auf, basieren aber nicht nur auf der schwierigen Koexistenz von Muslimen und Christen im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas. Von Fabian Urech Abuja liegt in der Trockenzeit zu Jahresbeginn in einer dichten Wolke. Der Harmattan, ein westafrikanischer Wind, trägt den Sand der Sahara durch die Sahelzone bis in Nigerias Hauptstadt und legt einen dichten Schleier über Strassen und Häuser. Am geschäftigen Alltag der Bewohner ändert dies allerdings wenig. Hier, in der neuen, am Reissbrett entworfenen Metropole erinnert auf den ersten Blick wenig an die mannigfaltigen Probleme Nigerias. Die breiten Strassen sind in bestem Zustand, viele Häuser sind neu und zeugen vom Wohlstand ihrer Bewohner, und die andernorts so zahlreichen Bettler, Mototaxis und Strassenhändler sind im ausgedehnten Stadtzentrum nirgends zu finden. Wäre Abuja ein Sinnbild des gesamten Landes – es gäbe wenig Grund zur Sorge. Doch der oberflächliche Glanz der vor knapp 20 Jahren eingeweihten Hauptstadt – zuvor war Lagos das politische Zentrum des Landes – täuscht. Nigeria, das letzten Oktober den 50. Jahrestag seiner Unabhängigkeit feierte, blickt auf eine problemgeladene, zerrüttete und von grossen Hoffnungen und noch grösseren Enttäuschungen geprägte postkoloniale Geschichte zurück. Das erdöl- und bevölkerungsreichste Land des Kontinents kommt nicht zur Ruhe. Es scheint gar, als wären die Probleme und Missstände, mit denen Nigeria zu kämpfen hat, im Laufe der letzten Jahrzehnte nicht weniger, sondern mehr geworden – trotz oder gerade wegen des Ressourcenreichtums. Korruption, Nepotismus, ethnische und religiöse Konflikte, eine korrumpierte politische Führung an der Spitze eines schwachen Staats sowie eine eklatante Ungleichheit zwischen einer kleinen Elite und der grossen Masse: Nigeria widerspiegelt die Missstände vieler afrikanischer Staaten. Während allerdings in einigen Nachbarstaaten in den letzten Jahren vielversprechende Schritte in eine bessere Zukunft eingeleitet wurden, bleibt die Situation im wirtschaftlich und politisch wichtigsten Staat Westafrikas prekär. Trotz des Endes der Militärdiktatur und einer langsam, aber stetig wachsenden Wirtschaft, kommt es seit zehn Jahren in verschiedenen Landesteilen zu blutigen Unruhen. Insgesamt sollen Gewaltkonflikte in dieser Zeitspanne um die 10 000 Menschen das Leben gekostet haben; laut «Human Rights Watch» starben alleine im vergangenen Januar 200

Menschen. Dabei bleiben die Meldungen über die gewalttätigen Auseinandersetzungen in Nigeria in westlichen Zeitungen oft Randnotiz. Kaum je wird nachgefragt, wo die ursächlichen Hintergründe des Konfliktes liegen. Stattdessen wird die Gewalt auf den oberflächlichsten Nenner reduziert. Von Auswüchsen eines afrikanischen «Religionskrieges» ist sodann die Rede, von einem ewigen Kampf zwischen radikalen Christen und Muslimen. Allzu selten wird dabei über diese vereinfachende Dichotomie hinausgeblickt und der Versuch angestellt, die verworrenen Konfliktlinien freizulegen.

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Zwischen Hoffnung und Vergeltung

Baustelle zwischen den Religionen Die Hauptstadt Nigerias, mit deren Planung bereits 1976 begonnen wurde, ist noch immer eine Grossbaustelle. Auf der Zentrumsachse, die vom imposanten Stadtmerkmal Abujas, dem Aso Rock, wegführt und von zwei grossen, mehrspurigen Hauptverkehrsadern begrenzt wird, ist vieles auch nach mehreren Jahrzehnten noch im Entstehen begriffen. Zahlreiche Baufelder liegen brach, die bereits fertiggestellten Gebäude – oft prächtige Bauten, die als Hauptsitz nationaler Ministerien dienen – wirken etwas fremd und isoliert in der dünn besiedelten Stadtlandschaft. Da und dort jedoch wird gebaut, zum Beispiel am «Sani Abacha Way» (sic!). Das Bild, das sich dem Besucher hier bietet, hat Symbolcharakter: Am Anfang der Strasse befindet sich die Nationale Moschee, deren goldene Kuppel zusammen mit den vier Minaretten die Skyline der Stadt entscheidend mitprägt. Gegenüber steht das neue Ökumenische Zentrum des Landes, eine christliche Begegnungsstätte, die mit ihrem hohen Kirchturm das andere Ende der Strasse markiert. Dazwischen findet sich, als beinahe zynisches Abbild der Realität, eine Grossbaustelle. Das Verhältnis zwischen Christentum (ungefähr 50% der Bevölkerung) und dem Islam (rund 40%) war nicht immer so konfliktgeladen wie heute. Arabische Händler brachten den islamischen Glauben bereits vor knapp tausend Jahren in die Sahelzone, als Religion spielte er jedoch lange eine nachgeordnete Rolle. Den Emiren und Kalifen war der Handel (nicht zuletzt mit Sklaven) oft wichtiger als der Glaube. Christliche Missionare drangen erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts ins Landesinnere vor und vermochten vor allem im Süden Nigerias die

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Bevölkerung zu ihrem Glauben zu bekehren. Während und nach der Kolonialisierung galt die religiöse Teilung des Landes lange als lediglich ein Merkmal unter vielen. Die gesellschaftliche Fragmentierung ist in einem Land mit rund 150 Millionen Einwohnern, die etwa 400 Volksgruppen angehören und über 400 Sprachen sprechen, normal und nicht per se problematisch. Es waren die bis 1999 regierenden Militärs, die den Vielvölkerstaat mit autoritären Methoden einigermassen zusammenhielten. Das latente Konfliktpotential entlang religiöser und ethnischer Identitäten, dessen sich die Regierung spätestens seit dem Biafra-Krieg Ende der 1960er Jahre bewusst war, wurde so während Jahrzehnten relativ erfolgreich kontrolliert. Die gesellschaftlichen Spannungen entluden sich erst mit dem Tod des Militärdiktators Sani Abacha und den ersten halbwegs demokratischen Wahlen im Jahr 1999. Freilich waren mit dem Regimewechsel viele Hoffnungen verbunden. Eine neue Verfassung wurde eingeführt, informelle Absprachen sollten die friedliche Koexistenz und Kooperation des christlichen Südens und des muslimischen Nordens regeln. Dazu gehört die Abmachung, dass Christen und Muslime sich nach spätestens zwei Amtszeiten im Präsidentenpalast abwechseln sollen, und die jeweils andere Religionsgruppe den Vizepräsidenten stellt.

Literatur CUNLIFFE-JONES, Peter (2010). My Nigeria: Five Decades of Independence. Basingstoke: Palgrave Macmillan. CAMPBELL, John (2010). Nigeria: Dancing on the Brink. Lanham MD: Rowman & Littlefield. BERGSTRESSER, Heinrich (2010). Nigeria: Macht und Ohnmacht am Golf von Guinea. Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel.

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Kaum war die neue, laizistische Verfassung verabschiedet und der Christ Olusegun Obasanjo zum Präsidenten gewählt worden, erklärten zwölf grösstenteils muslimisch geprägte nördliche Bundesstaaten, dass für sie ab sofort die Scharia als Rechtsgrundlage gelte. Dem Verfassungsbruch, der beinahe einer Unabhängigkeitserklärung vom Rest Nigerias gleichkam, hatte die schwache Zentralregierung in Abuja nichts entgegenzusetzen. Vielmehr legte die symbolische Abspaltung Konfliktlinien offen, die viele längst überwunden glaubten. Öffentliche Gewaltausbrüche gab es erstmals im Jahr 2000 in der im Norden gelegenen Stadt Kaduna, als Christen öffentlich gegen die Einführung des muslimischen Rechtssystems demonstrierten. Mehr als 1000 Menschen – Christen und Muslime – wurden umgebracht, und es dauerte nicht lange, bis die Gewalt auch auf andere Städte des Landes übergriff. Im Norden und insbesondere im Zentrumsgürtel des Landes, durch den sich die imaginäre Grenze beider Religionen zieht, kam es in der Folge immer wieder zu Anschlägen und gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die Anlässe für die Exzesse scheinen dabei oft banal und teilweise weit hergeholt. Als 2002 die Miss-World-Wahlen in Nigeria stattfinden sollten, erzürnte ein unsensibler Zeitungskommentar die Muslime. Allein in Kaduna wurden daraufhin 215 Tote gezählt. Auch 2010 kamen mehrere Hundert Menschen ums Leben: Im Januar wurden

Baustelle zwischen Moschee und Kirche in Nigerias Hauptstadt Abuja - e

in der Ortschaft Kuru Karama mehr als 150 Muslime getötet, bei einer Vergeltungsattacke starben danach im März in der Umgebung der Stadt Jos mindestens 200 Christen. Am Weihnachtsabend tötete ein Bombenanschlag am gleichen Ort 31 Menschen, worauf Anfang Januar wiederum tödliche Vergeltungsakte erfolgten. In den nördlichen Provinzstädten Jos, Bauchi oder Maiduguri muss bis heute jederzeit mit Gewalteskalationen gerechnet werden. Der Konflikt hält sich durch Vergeltungsakte selbst am Leben und ist auch durch die stationierten Truppen nicht gänzlich kontrollierbar. Die Lage hat sich seit den Anschlägen in Abuja im Oktober und an Silvester vergangenen Jahres sowie im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen im kommenden April noch verschärft.

Mehr als ein Religionskrieg Durch die anhaltende Gewalt fühlen sich heute viele Angehörige beider Religionen bedroht oder marginalisiert. Den religiösen Gruppierungen auf beiden Seiten – einige von ihnen mit fundamentalistischen Tendenzen – spielt die Frustration der Bevölkerung in die Hand. Die Religion ist nicht nur ein grosses Geschäft, sondern mittlerweile auch wichtiger Bestandteil vieler nigerianischer Lokalkulturen. 92% der Nigerianer geben an, sehr religiös zu sein. Dennoch haben die Konflikte des Landes nicht nur

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Unruhen, Morde, Krisen


ein Bild mit Symbolcharakter?

religiöse Ursachen. Vordergründig erscheinen viele der Gewaltexzesse zwar religiös inspiriert, ausgelöst und getragen von muslimischen und christlichen Eiferern, die Bibel und Koran missbrauchen, um ihre Anhängerschaft gegen die «Andersgläubigen» zu mobilisieren. Häufig liegen die eigentlichen Konfliktursachen allerdings in umstrittenen Land- und Weiderechten, im Kampf um politische Macht auf der Bezirks- und Gemeindeebene oder im unsicheren Rechtsstatus von Zuwanderern aus anderen Provinzen. Darüber hinaus sind die Gründe auch in der Perspektivlosigkeit einer extrem jungen, armen Bevölkerungsmehrheit zu suchen, die in Nigeria in so starkem Kontrast steht zum dekadenten Lebensstil der wenigen Öl-Millionäre, deren Prachtsvillen und Luxuslimousionen entscheidend zum trügerischen Glanz Abujas beitragen. «Um Religion geht es am wenigsten», meint auch Peter Cunliffe-Jones, Journalist und Nigeria-Experte. Der Bundesstaat Plateau, der lange geradezu als Paradebeispiel für Toleranz und Harmonie galt, dessen Hauptstadt Jos mittlerweile jedoch zum nationalen Zentrum religiöser Gewalt verkommen ist, sei dafür ein gutes Beispiel. Weil das lokale Recht Zugezogene und Einheimische unterscheidet, werden muslimische Hausa-Fulani in der christlich regierten Stadt das Etikett «zugezogen» nicht mehr los, obwohl sie teilweise seit Jahrzehnten hier le-

gott und die welt

ben. Ihnen ist es verboten, sich um politische Ämter zu bewerben oder an lokalen Wahlen teilzunehmen, sie bekommen keine Stellen im öffentlichen Dienst und kaum Zugang zu Universitäten. «Einheimische» Händler und Viehzüchter versuchen, die «Zuwanderer» von Gewerbe, Handel und Weideland fernzuhalten. In Plateau, wo die Armut der Menschen besonders gross ist, sind diese Umstände ein idealer Nährboden des Zorns. John Campell, ehemaliger US-Botschafter in Abuja und Autor, sieht die Ursachen des Konflikts letztlich nicht in der religiösen Spaltung der nigerianischen Gesellschaft, sondern in der ungerechten Ressourcenverteilung des potentiell reichen Landes. Weitere Faktoren sind die grassierenden Korruption und die Absenz einer leistungsorientierten politischen Elite, die das wirtschaftliche Potential des Landes ausschöpfe und die Öl-Millionen zum Wohle der Bevölkerung einsetze: «Nigeria wird von untereinander kooperierenden Eliten regiert, die von der Aufrechterhaltung des ungerechten Status Quo profitieren. Solange die politische Korruption nicht eingedämmt ist, wird sich kaum etwas ändern.» Religion ist selten die eigentliche Ursache der Unruhen, sie ist sehr oft lediglich der offensichtlichste gemeinsame Nenner und ein naheliegendes, effektives Instrument zur Polarisierung und Mobilmachung. Gewisse Kreise verstehen es denn auch bestens, religiöse Komponenten als Machtmittel einzusetzen und bewusst in ihr politisches Programm zu integrieren. Die Wurzeln der Konflikte sind, wie das Beispiel Jos zeigt, oft viel konkreter. Sie sind im lokalen Kontext eingebettet und leiten sich nicht selten von Armut und sozialer Ungleichheit ab, von denen grosse Teile der Bevölkerung betroffen sind.

Entscheidende Wahlen Nigeria steht nach den anhaltenden Unruhen – einmal mehr – am Scheideweg. Die anstehenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im April dürften für die Zukunft des Landes von grosser Bedeutung sein. Auch hier ist die Situation äusserst verworren. Nach dem Tod des erst seit zweieinhalb Jahren amtierenden muslimischen Präsidenten Umaru Yar‘Adua im Frühjahr 2010 hat der VizePräsident Goodluck Jonathan, ein Christ aus dem Süden, die Regierungsgeschicke übernommen. Sein Versprechen, baldige Neuwahlen durchzuführen, hat er trotz etlicher Verzögerungen eingehalten, seine anfänglich geäusserte Absicht, nicht selbst zu kandidieren, erwies sich jedoch als leere Worthülse. Durch die Kandidatur Jonathans, der zum offiziellen Kandidaten der wählerstärksten Partei PDP gekürt wurde und gute Chancen hat, die Wahl zu gewinnen, fühlen sich manche muslimische Nigerianer betrogen. Da der informellen Absprache zufolge der Präsident abwechselnd aus dem Norden und dem Süden kommen soll und vor Yar‘Adua der Christ Olusegun Obasanjo acht Jahre lang regier-

Autor Fabian Urech (26) studiert am Graduate Institute in Genf Internationale Beziehungen und Politikwissenschaft.

Bilder Fabian Urech

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Die Wirtschaft als Brücke? Trotzdem herrscht im Land erneut grosse Hoffnung, der Glaube an eine bessere Zukunft scheint trotz der vielen Enttäuschungen ungebrochen. «Diesmal wird alles anders», meint ein Taxifahrer in Abuja und steht damit für die Stimmungslage einer Bevölkerung, die sich vom Optimismus partout nicht abbringen lässt. Vielleicht sind die Hoffnungen diesmal tatsächlich nicht gänzlich unberechtigt. Die eingeleiteten demokratischen Reformen haben das

Land in den letzten Jahren trotz anhaltender lokaler Gewalt in vielen Teilen stabilisiert. Die Verfassungskrise, die durch den Tod Yar’Aduas ausgelöst wurde, ist überstanden und von der kommenden Wahl versprechen sich internationale Beobachter eine Konsolidierung des zwar weiterhin fragilen, aber vorwärtsgerichteten politischen und wirtschaftlichen Reformkurses Nigerias. Für das Jahr 2011 prognostiziert der Internationale Währungsfont ein Wirtschaftswachstum von 7,4%. Auch die Baustelle in Abuja zwischen Kirche und Moschee ist Zeuge des soliden Aufschwungs der nigerianischen Wirtschaft. Alsbald wird auf dem langgezogenen Baufeld am Sani Abacha Way ein modernes Bürogebäude stehen. Vielleicht ist auch dies ein Bild mit Symbolcharakter: die Wirtschaft als Brücke. Womöglich sind die vielen nigerianischen Konfliktherde letztlich nur durch wirtschaftliche Prosperität nachhaltig zu bekämpfen, durch «less talking and more acting», wie es ein Bewohner der Hauptstadt beschreibt. Erst wenn jene Leute, die heute zu töten bereit sind, Arbeit und ein Dach über dem Kopf haben, ist wirklicher Friede möglich und trifft der religiöse Fundamentalismus ins Leere.

Bringt Goodluck Jonathan Nigeria den lang ersehnten wirtschaftlichen Aufschwung?

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te, stünde das Amt des Präsidenten zumindest für die kommende Amtszeit einem Muslimen aus dem Norden zu. Trotz des valablen Leistungsausweises Jonathans dürfte der mit seiner Kandidatur verbundene Bruch des Rotationsprinzips die Unruhen im Land eher noch verstärken. Auch die nunmehr erhofften freien und transparenten Wahlen sind unter diesen Voraussetzungen noch keine Garantie für die Stabilisierung des Landes. Denn unter den momentanen Umständen werden sich bei jedem möglichen Wahlausgang Kreise finden, die sich als Verlierer und Hintergangene fühlen und sich der Religion als politisches Instrument zur Mobilisierung und Rechtfertigung bedienen.


gott und die welt

Klein Jemen, grosse Themen Terrorismus, Armut und Wüste sind die Schlagworte, die dem Europäer als erstes in den Sinn kommen, wenn er an den Jemen denkt. Diese pessimistische Sichtweise wird die Probleme des Landes aber nicht lösen. Von Jan Raudszus Der Jemen steht vor einem Berg von innerstaatlichen und aussenpolitischen Problemen, der in den nächsten Jahren wohl nicht schrumpfen wird. Neben den aktuellen Protesten der Bevölkerung gegen die Regierung ist Terrorismus der wichtigste Marker, für den der Jemen zurzeit wahrgenommen wird. Al-Kaida hat hier Geschichte geschrieben. Im Jahr 2000 wurde die USS Cole im Hafen von Aden von Selbstmordattentätern angegriffen und 17 Marinesoldaten getötet. Zwischenzeitlich diente der Jemen immer wieder als Durchgangsbasis für die terroristische Organisation. Nachdem die Terrorkampagne in Saudi Arabien erfolgreich von den dortigen Behörden niedergekämpft worden war, schlossen sich im Januar 2009 schließlich die Überreste des saudischen Auslegers und der jemenitische Zweig zur «al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel» zusammen. Diese neue Franchise operiert von Jemen aus und war verantwortlich für die Planung von TerrorAnschlägen im Dezember 2009 (siehe etwa «der Unterhosenbomber»). Im vergangenen Herbst verschickte die Organisation zudem UPS-Pakete mit explosivem Inhalt. Die Regierung von Präsident Ali Abdullah Saleh sieht sich aber noch vor andere Herausforderungen gestellt. Im Norden schwelt seit 2004 ein bewaffneter Konflikt mit den «Houthis». Ein unübersichtlicher Konflikt, in dem die materielle Marginalisierung der Region genauso eine Rolle spielt wie ideologische Differenzen. Die Situation wird durch Stammesbeziehungen zusätzlich verkompliziert, die durch den Konflikt überlagert, und durch diesen teilweise absorbiert wurden. Im Süden manifestiert sich das Gefühl von wirtschaftlicher Marginalisierung in einer separatistischen Bewegung. Breite Teile der südjemenitischen Bevölkerung haben das Gefühl, bei der Vereinigung der beiden Landesteile im Jahr 1990 zu kurz gekommen zu sein. Dieser Unmut hat sich bereits 1994 in einem Bürgerkrieg niedergeschlagen.

Khatanbau verschlechtert die Lage Zu den sicherheitspolitischen Herausforderungen kommen große sozioökonomische Schwierigkeiten. Die Bevölkerung ist jung. Man schätzt, dass etwa 50% der unter 15 Jahre alt sind. Die Wirtschaft liegt am Boden. Der Aussenhandel existiert kaum und im Gegensatz zu seinen Nachbarn ist der Jemen nicht mit Ölreichtum gesegnet. Die Arbeitslosigkeit

Von Armut und Hitze gebeutelt: Strassenszene in Sana‘a

ist hoch. Dazu gesellt sich eine chronische Wasserknappheit, die akut zu werden droht, da es bisher kein angemessenes Wassermanagement gibt. Mittlerweile werden sogar nicht-regenerierbare fossile Wasserreserven angebohrt. Der Bau der nötigen Entsalzungsanlagen gestaltet sich schwierig, da die Hauptstadt Sana‘a im Gebirge auf ca. 2’200 Metern liegt. Der Transport des Wassers von der Küste würde den jemenitischen Staat vor große Herausforderung stellen. Das Wasserproblem wird zudem durch einen weiteren Faktor verschärft: Khat. Die Alltagsdroge des Jemen ist traditionell tief in der Gesellschaft verankert und wird in den Ländern am Horn von Afrika schon seit Jahrhunderten konsumiert. Die Blätter werden gekaut und

Bild Michael Hilti

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nach mehreren Stunden konstanten Kauens wieder ausgespuckt. Die Wirkung ist mild stimulierend und ist fester Bestandteil der allnachmittaglichen «Khat Chews» überall in Jemen. Der Anbau der Pflanze ist sehr wasserintensiv und hat zur Verdrängung anderer traditioneller «Cashcrops» wie Kaffee geführt. Leider kann Khat ausser in die Niederlande und nach Großbritannien nicht exportiert werden und dient daher dem Staat nicht als Einnahmequelle.

Autor Jan Raudszus (24) hat den Bachelor in

Tourismus als Weg aus der Krise?

Politikwissenschaften

Die Voraussetzungen für Sprachschulen sind optimal. Man erhält oft die Gelegenheit, die neuen Arabischkenntnisse im Gespräch anzuwenden. Die Menschen sind gastfreundlich und freuen sich sehr über Besucher. Doch wo sich noch im Jahre 2008 hunderte von Studenten tummelten, verlieren sich heute gerade noch einige Dutzend Sprachschüler auf den leeren Gängen. Die prekäre Sicherheitslage und das hohe Risiko eines Attentates lassen die Touristenströme versiegen. Die Perspektiven für den Jemen sind wenig rosig. Einige Staaten wie Deutschland, Großbritannien und die USA engagieren sich stark entwicklungspolitisch im Jemen. Darüber hinaus haben sich mehrere Staaten zur informellen Gruppe «Friends of Jemen» zusammengeschlossen. Die Anstrengungen haben aber

an der Universität Zürich abgeschlossen und lernt derzeit am Yemen College for Middle Eastern Studies Arabisch. Er kam mit dem Jemen in Kontakt, als er für die Initiative for Intercultural Learning (IFIL.ch) im Jahre 2008 eine Studienreise organisierte. Er bloggt über seine Erfahrungen auf www.currentyemen. wordpress.com

bisher die Situation nicht nachhaltig verbessern können. Oft genug scheitern Projekte an den korrupten Strukturen im Land.

Der Präsident wankt Rasches Handeln ist geboten. Präsident Saleh hält sich zwar mit Hilfe eines ausgeklügelten Patronatssystems an der Macht, langsam aber sicher kommt diesem jedoch die finanzielle Basis abhanden. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Protestwelle in Tunesien, Ägypten und etlichen anderen arabischen Staatet zeigt sich, dass ein Festhalten an den alten Autokraten des Mittleren Ostens zu überdenken ist. Wenn das Regime aber implodiert, sind die Folgen nur schwer abzuschätzen. Es könnte entweder ein breiter Konflikt zwischen verschiedenen Stammesfraktionen um die zentrale Macht im Staat entstehen oder eine plurale Aushandlung neuer Machtverhältnisse folgen. Auch ein faktisches Auseinanderfallen in drei Landesteile ist möglich. Die Folgen für die Region sind schwer einzuschätzen und die ungewisse Zukunft wirft viele Fragen auf. Was wären beispielsweise die Auswirkungen für die Nachbarstaaten und den internationalen Schifffahrtsverkehr, wenn statt einem, zwei zerfallene Staaten den Golf von Aden umgäben?

KOLUMNE

Kolumnist Redaktor Marco Büsch (20) aus Zürich studiert im 4. Semester Politikwissenschaft, Recht und Soziologie an der Universität Zürich.

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Ein weiteres Mal stehe ich in der leeren Eingangshalle der UZH und versuche, das neueste «zoon politikon» an den Mensch zu bringen. Die Szenerie erinnert an die Anfangssequenz des Films «Spiel mir das Lied vom Tod»: Imaginäre Heuballen wehen vorbei, aber dies ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Dann plötzlich klingelt die Glocke und eine Flut von Studenten ergiesst sich an uns vorbei und wir stehen mitten in der Brandung, immer mit einem schleimig bis gewinnenden Lächeln das «zoon» anpreisend. Die meisten ignorieren uns, nur manchmal steuert tatsächlich jemand auf unseren Tisch zu und will sich ein Heft nehmen, dreht aber gleich wieder ab, wenn er darauf hingewiesen wird, dass das Heft fünf Franken kostet. Am Ende der Pause kehrt wieder Stille in die Hallen ein und man kann sich ganz auf die vereinzelten Nachzügler konzentrieren. Natürlich ist es nicht so, dass wir nur ignoriert werden. Manchmal kommen auch – vornehmlich ältere – Leute auf uns zu und beginnen ein Gespräch über Gott und die Welt und man hört dann auch gerne zu. Trotzdem ertappt man sich dabei, wie man jedem verpassten Passanten als potentiellen Käufer hinterher zu trauern beginnt und deshalb versucht, das Gespräch abzuklemmen (diese «Schnurris» kaufen ja eh nie etwas), kurz: Man wird ein so richtig hässlicher Profitmaximierer. Das Verkaufen zeigt einem einerseits eine unschöne Seite seiner selbst, andererseits kann man fortan die anderen Verkäufer und Flyerverteiler nicht mehr so schamlos gezielt ignorieren. Zwei Wochen und hunderte verkaufte Hefte später ist der Stress vorbei, bis man im nächsten Semester wieder in der Eingangshalle steht und sich so frei nach Goethe denkt: Da steh’ ich nun, ich armer Tor, und verkauf’ so viel als wie zuvor!

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Wenn Goethe Aristoteles spielt


Radikale Auslegungen des Islams sind in Europa auf dem Vormarsch. Der Deutsche Pierre Vogel und der Islamische Zentralrat der Schweiz werden gemeinhin als die populärste Vertreter dieser Bewegung gesehen. Eine kurze Übersicht. Von Luka Dobec Der Einzug des Islam in den europäischen Alltag übt auf ebenso viele Menschen eine Faszination aus, wie er Ängste in der Bevölkerung weckt. Seit den terroristischen Anschlägen in New York, Madrid und London wird der Begriff Terrorist von vielen Menschen gleichgesetzt mit bärtigen Personen muslimischer Herkunft. Die so genannten Salafisten haben es sich zur Aufgabe gemacht, junge Muslime zu einem fundamentalistischen Islam zu führen und sie zu radikalisieren. Unsere Nachbarn von heute könnten die irregeleiteten Extremisten von morgen sein.

bei Konvertiten entsprechend oft zu beobachtenden. Auch ist es die Gruppendynamik, die radikale Konvertiten für ihren Eifer mit Akzeptanz belohnt und dadurch ihren Fanatismus potenziert. Ein anderer möglicher Erklärungsansatz wäre, die Anziehungskraft radikaler Islamauslegungen auf Jugendliche in die Tradition jugendlicher Protestbeziehungsweise Anti-Haltungen gegenüber der Gesellschaft einzuordnen. Man könnte also die Zuwendung der Jugendlichen zum Islam auch als eine der momentan sehr spärlich gesäten Möglichkeiten begreifen, mit denen sie die Gesellschaft

gott und die welt

Für den Islam in den Ring steigen

Junge Wilde werden radikale Konvertiten Der Salafismus stellt eine religiöse Strömung innerhalb des Islam dar, dessen Anhänger sich auf die Ursprünge des Islams beziehen und den Wunsch hegen, ihr Leben am authentischen «Ur-Islam» auszurichten. Obwohl die Salafisten nach wie vor eine Minderheit darstellen, befinden sie sich insbesondere in Mitteleuropa im Aufschwung. Diese Entwicklung kann mitunter durch die starke Präsenz im Internet begründet werden, wo der als «Hassprediger» bezeichnete deutsche Konvertit Pierre Vogel – auch Abu Hamza genannt – in unzähligen Videobotschaften seine Ansichten und Erkenntnisse zur Religion und religiösen Unterschieden darlegt. Vermutlich ist der Grund für die Anziehung, welche der Islam auf junge Menschen ausübt, auch das Tabu, welches von dieser zum Feind der Bevölkerung stilisierten Religion ausgeht. Die Gefahr von Konvertiten geht vom Wesen des Rituals der Konvertierung aus: Die neue Identität ist alles bestimmend und verlangt eine strikte Abgrenzung von alten Überzeugungen. Der Fokus wird auf nicht verifizierbare Ansichten wie das Leben nach dem Tod gerichtet und durch die Weltfremdheit der Konvertiten oft noch verstärkt. Die emotionale Unausgeglichenheit bewegt desorientierte Personen zur Suche nach einer Wahrheit, an der sie sich festhalten können. So treffen radikale Bewegungen gerade bei jungen Menschen, die mit der erwähnten Problematik kämpfen, auf fruchtbaren Boden. Als Folge des Bedürfnisses, sich in der neuen Umgebung zu profilieren, entsteht ein der Radikalisierung des Gedankenguts förderliches Klima. Eine Verengung der Weltanschauung und Isolation sind

Seit Vogel die Boxhandschuhe an den Nagel gehängt hat, kämpft er nur noch für den Islam.

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Die Stars der Szene

Autor Redaktor Luka Dobec (21) aus Horgen studiert im 2. Semester Anglistik und Germanistik an der Universität Zürich.

Bild flickr.com

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Als Gallionsfigur des Salafismus im deutschsprachigen Raum dient Pierre Vogel, der in der Schweiz durch die gegen ihn verhängte Einreisesperre zur Zeit der Minarett-Debatte Bekanntheit erlangte. Die Öffentlichkeit richtete ihre Augen auch auf den islamischen Zentralrat der Schweiz, dessen berühmteste Vertreter Nicolas «Abdullah» Blancho und Qaasim Illi sind. Sie alle sind Konvertiten, die einen strengen Islam propagieren. Pierre Vogel war bis zum Jahre 2002 Profiboxer im Sauerland-Boxstall, als er im Alter von 24 Jahren seine sportliche Laufbahn aus religiösen Gründen beendete. Das beim Boxen erworbene Durchsetzungsvermögen setzte er in der Folge für die Verbreitung des salafistischen Islams ein. Seine Vorstellungen von der Welt sind prononciert: Geschlechtertrennung, Verschleierung der Frau, Aufopferung des Lebens für die Religion als Weg zum Paradies. Den Vorteil dieser radikalen Interpretation des Islam sieht er gerade in seiner klaren Botschaft: Taten lassen sich als gut oder böse einstufen, das Ergebnis ist der Himmel oder die Hölle. Er schafft es durch sein charismatisches Auftreten, den strengen Islam für die Jugend «cool» zu machen, wie zahlreiche Videos und Kommentare im Internet beweisen. Die Bezeichnung «Hassprediger», mit der er oft beschrieben wurde, ist jedoch trotz vieler grenzwertiger Aussagen nicht korrekt. So bevorzugt er etwa Frieden gegenüber Gewalt, hält sich aber auch mit bewussten Provokationen nicht zurück. Beispielsweise prophezeite er Bundeskanzlerin Angela Merkel ewige Höllenqualen, sollte sie vor ihrem Tod nicht zum Islam konvertieren. Somit ist Pierre Vogel trotz sehr charismatischer Inszenierung vielen ein Dorn im Auge. In der Schweiz sind die zwei berühmtesten Figuren des radikalen Islams Nicolas Blancho und Qaasim Illi, die dem 2009 gegründeten islamischen Zentralrat angehören. Blancho, 27, wächst konfessionslos als Sohn einer Schweizer Familie auf. Gemäss der Aussage seines ehemaligen Lehrers Alain Pichard war Blancho ein mittelmässiger Schüler, der ziellos wirkte. Erst der Kontakt mit dem Islam brachte eine Veränderung in seinem Leben. Blancho beendete seine Lehre als Drucker, schaffte die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium und erlangte die Matura.

Heute studiert er Islamwissenschaften. Trotz seiner sanftmütigen Erscheinung sehen viele Experten in ihm eine Gefahr. Etwa weil er versucht, eigene Aussagen zur Scharia und zum Dschihad durch brillante Rhetorik zu relativieren. Qaasim Illi, 29, geboren als Patric Illi, trat dem Islam im Alter von 20 Jahren bei. Als bekennender Feind des Staates Israel war Illi auch der Gründer der «Pro-PLO»-Organisation, für welche er wiederholt vor Gericht stand. Verurteilt wurde er nur ein Mal, zu einer minimalen Geldbusse. Heute distanziert er sich öffentlich von seiner radikalen Vergangenheit. Berühmtheit erlangte Illi vor allem durch sein Engagement in der Debatte um das Burkaverbot. Nach eigenen Aussagen gibt ihm der Islam den Halt, den er in seinem Leben vorher oft vermisste.

Huntington lässt grüssen Es ist schwierig, die Aushängeschilder der radikalen Konvertiten einzuschätzen. Die fremde Weltanschauung, welche sie propagieren, wird geschickt durch Rhetorik und Charisma verdeckt. Das macht sie für Aussenstehende oft unberechenbar. Auffallend ist, dass die Bewegungen insbesondere beim jungen Publikum auf Resonanz stösst. Trotzdem scheint die Schweiz nicht unmittelbar vom Terror bedroht zu sein, obwohl das Risiko radikaler Einzeltäter nie ausgeschlossen werden kann. Samuel P. Huntington postulierte in seinem Werk «Kampf der Kulturen» die Unausweichlichkeit des Konfliktes zwischen Islam und Westen, der sich auch in dieser Problematik widerspiegelt. Er ortet die Wurzel des Konfliktes nicht in der fundamentalistischen Komponente des Islams, sondern in den fundamentalen Unterschieden zwischen der islamischen und der westlichen Glaubenswelt, welche ein angepasstes Zusammenleben verhindern. Beide Religionen sind monotheistisch und expansionsorientiert, was eine Kooperation erschwert oder gar verunmöglicht. Nicht Institutionen und verschiedene Auslegungen von Gott heizen demzufolge die Gemüter auf und zerstören den sozialen Frieden, sondern das konstante Bedürfnis nach einer Vergrösserung der jeweiligen Einflusssphäre.

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heutzutage überhaupt noch zu provozieren vermögen. Die öffentlichen Zurschaustellung einer sehr rigiden, erzkonservativen Lebenshaltung gegenüber einer enthemmten aufgeklärten Gesellschaft des «anything goes». Gewissermassen schliesst sich dabei der Kreis, welcher vor langer Zeit durch den Sermon von der «moralisch verluderten Jugend» seinen Anfang nahm und nun, begleitet von den obligatorischen Entrüstungsstürmen in sein Gegenteil verkehrt wird.


gott und die welt

Gemeinsame Basis – unterschiedliche Wege Zwei Protestantismusthesen im Vergleich: Max Webers idealtypische Konstruktion kann der universalgeschichtlichen Rekonstruktion Ernst Troeltschs systematisch gegenübergestellt werden, da beide Thesen auf der Geschichtslogik Rickerts beruhen. Von Peter-Ulrich Merz-Benz Einer der bedeutendsten Erklärungsansätze betreffend der Entstehung der modernen Welt oder, präziser, die Hervorbildung «der schicksalsvollsten Macht unsres modernen Lebens: des Kapitalismus» ist die Protestantismusthese von Max Weber. Für Weber steht fest, dass in Ergänzung der «ökonomischen Bedingungen» der Kapitalismus in seiner Entstehung «auch von der Fähigkeit und Disposition der Menschen zu bestimmten Arten praktisch-rationaler Lebensführung abhängig ist» (Weber) – Arten der Lebensführung, die in den sie «formenden Elementen» zurückverweisen auf «religiöse Mächte» und dabei insbesondere auf den Protestantismus. Im protestantischen Verständnis der Heilsgewinnung liegt die Begründung für die dem Wert der Berufsarbeit für unser Denken und Tun noch immer zukommende herausragende Bedeutung.

Zwischen Phänomen und Entwicklung Diese These war in der Vergangenheit Gegenstand zahlreicher geschichts- und sozialwissenschaftlicher Forschungsvorhaben; doch ein entscheidender Problempunkt ist bis heute offengeblieben: Bekannt und auch dokumentiert sind die von Weber in seinen religionssoziologischen Arbeiten vorgenommenen Bezugnahmen auf einzelne Werke des Theologen, Religionshistorikers, Geschichts-

Merz-Benz orientiert sich nicht nur barbiertechnisch an Weber

philosophen und Soziologen Ernst Troeltsch. Kaum bekannt, geschweige denn inhaltlich und systematisch erschlossen ist dagegen der Sachverhalt, wonach Ernst Troeltsch in seinen Schriften eine ’eigene’ Protestantismusthese entwickelt hat. Troeltsch begreift den Protestantismus erklärtermassen unmittelbar als Teil eines universalgeschichtlichen Zusammenhangs und schreibt ihm auch als solchem universalgeschichtliche Bedeutung zu, während Weber den Protestantismus in seinem Einfluss auf die menschliche Lebensführung primär als Ein-

«Troetschl begreift Protestantismus [...] als Teil eines universalgeschichtlichen Zusammenhangs.» zelphänomen sieht, dem erst im Gefolge des für die moderne Welt insgesamt schicksalshaften Kapitalismus universalgeschichtliche Relevanz zuwächst. Was das Verhältnis der von Weber und Troeltsch ausgearbeiteten Beziehungen zwischen Protestantismus und moderner Welt indes so reizvoll und erläuterungsreich macht, ist der Umstand, dass Weber und Troeltsch für ihre Erklärungsversuche dieselbe methodologische Grundlage in Anspruch nehmen: die Geschichtslogik Heinrich Rickerts. So bietet sich die Möglichkeit, von einer gemeinsamen Basis aus die logische Struktur sowie den Inhalt der jeweiligen Protestantismusthese herauszuarbeiten und die beiden Varianten der These einander gegenüberzustellen. Die nachstehenden Bemerkungen sollen hierzu einige Anhaltspunkte vermitteln. Die Protestantismusthese Max Webers ist die idealtypische Konstruktion einer geschichtlichen Entwicklung. Eine reale geschichtliche Entwicklung umfasst eine Reihe von aufeinanderfolgenden historischen Individuen, einzigartigen Wirklichkeitszuständen, welche durch gleichfalls individuelle Wirkungsverhältnisse miteinander verbunden, ja im Zuge dieser Wirkungsverhältnisse selbst erst entstanden sind. Das ist der Rickertsche Begriff einer geschichtlichen Entwicklung, den Weber uneingeschränkt übernimmt. Der Idealtypus seinerseits enthält zu einer geschichtlichen Entwicklung das «Idealbild», mithin das «Idealbild einer Umbildung», wie sie in all den einzelnen Begebenheiten des kausal bedingten Geschehens nur andeutungsweise

Autor Peter-Ulrich MerzBenz ist Professor für Soziologie an der Universität Zürich.

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Berufserfüllung als Selbstverwirklichung

Literatur MERZ, Peter-Ulrich (1990). Max Weber und Heinrich Rickert. Die erkenntniskritischen Grundlagen der verstehenden Soziologie. Würzburg TROETSCHL, Ernst (1911): Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der modernen Welt. München/Berlin WEBER, Max (1988): Vorbemerkung. In: Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I. Tübingen: 1-16 WEBER, Max (1988): Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. In: Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I. Tübingen: 17-206

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Was bedeutet das für die Protestantismusthese? Den Endpunkt der fraglichen Entwicklung bildet der Idealtypus des kapitalistischen Unternehmers. In ihm ist dargestellt, was es heisst, die kapitalistische Gesinnung, den «kapitalistischen Geist» unverkürzt auszuleben: sich erweisend als ein Mensch von kühler Bescheidenheit, der nichts hat «von seinem Reichtum für seine Person, – außer: der irrationalen Empfindung guter ’Berufserfüllung’» (Weber). Verantwortlich für das Hervorkommen dieser besonderen Qualität des Wirtschaftshandelns zeichnet die protestantische Berufsethik. In ihrer idealtyischen Fassung ist sie gefügt aus Elementen, welche Weber in erster Linie dem Calvinismus entnommen hat. Die wichtigsten Elemente sind: 1) das Bestimmtsein des Verhältnisses zum Glauben nicht durch eine Institution, sondern durch individuelle Glaubensgewissheit – mit der Konsequenz der innerlichen Isolierung der Gläubigen; 2) eine geänderte Auffassung des religiösen Gnadenstandes, des Heilsgedankens – resultierend in der Übertragung der Heilsgewissheit in eine Selbstgewissheit im Heil, eine Selbstgewissheit, die fortwährend angestrebt wird mittels einer diesseitigen, methodisch kontrollierten und, weil doch nur gelebte Frömmigkeit verkörpernd, in einem neuen, «innerweltlichen» Sinne asketischen Lebensführung; und 3) das Ausleben dieser innerweltlichen protestantischen Askese in der Berufsarbeit. Damit erfährt die «rastlose, stetige, systematische, weltliche Berufsarbeit» eine ausdrücklich «religiöse Wertung», «als [des] höchsten asketischen Mittels und zugleich sicherster und sichtbarster Bewährung des wiedergeborenen Menschen und seiner Glaubensechtheit» (Weber). Sich durch «gute ’Berufserfüllung‘» seines Heils gewiss werden zu wollen – das ist der Antrieb, der die besondere Qualität des kapitalistischen Geistes und mit ihm die Dynamik des kapitalistischen Wirtschaftshandelns ausmacht.

Moderne Welt vs. Mittelalter Ernst Troeltsch geht es in seiner Protestantismusthese unmittelbar um «die Darlegung des Kausalzusammenhangs zwischen Protestantismus und moderner Welt». Doch argumentiert Troeltsch erklärtermassen nicht mit «Idealbegriffen»; ihm ist es vielmehr um die Bildung «empirisch-historischer Allgemeinbegriffe» und mithin die Rekonstruktion der vorfindlichen universalgeschichtlichen Zusammenhänge zu tun. Und auch Troeltsch bezieht sich dabei auf Rickert. Der Begriff der modernen Welt kann laut Troeltsch nur in «Abhebung gegen die vorangehenden Perio-

den» bestimmt werden, in erster Linie gegen die religiöse, durch den Katholizismus geprägte Einheitskultur des Mittelalters. Moderne Welt: das bedeutet die Ersetzung dieser Einheitskultur durch eine Vielzahl autonom erzeugter Kulturideen – Kulturideen, welche ihre Geltung selbst zu begründen vermögen, «aus ihrer überzeugenden Kraft» (Troeltsch).

«Gute Berufserfüllung [...] ist der Antrieb [...], der die besondere Qualität des kapitalistischen Geists ausmacht.» Dem Wirken der Rationalität ist es im weiteren zuzuschreiben, dass an den autonom erzeugten Kulturgebilden auch deren historische Bedingtheit und mithin Relativiertheit offenbar wird. Autonomie und Relativiertheit der Kulturgebilde machen schliesslich den für die moderne Welt charakteristischen Individualismus aus. Der Begriff des Protestantismus zerfällt von vornherein in zwei historische Auftretensformen. Es gibt den «alten, echten Protestantismus» (Luthertum, Calvinismus, Zwinglianismus), der für sich eine kirchliche Kultur im Sinne des Mittelalters pflegt, sowie den Neuprotestantismus (Täufertum, Spiritualismus), der einzig noch als individualistische Überzeugungsreligion auftritt. Der Neuprotestantismus ist selbst Teil der modernen Welt, weshalb eine Wirkungsmacht bezüglich deren Herbeiführung einzig dem Altprotestantismus zukommt. Dass dieser es vermocht hat, die Kraft der von ihm selbst ja ’belebten’ kirchlichen Kultur zu brechen, ist nach Troeltsch der einzigartigen Amalgamierungsfähigkeit des Protestantismus mit den Strömungen der modernen Welt schlechthin zuzuschreiben. Der Protestantismus stellt dem modernen Leben in Gestalt der individuellen Glaubensgewissheit nichts weniger als das Modell zu Verfügung, ja der Protestantismus ist dafür verantwortlich, dass der Individualismus sich «in die Seele unserer ganzen Kultur eingesenkt» hat (Troeltsch). Wiederum spielt der Gedanke der Heilsgewissheit eine entscheidende Rolle, wobei Troeltsch sich allerdings – im Gegensatz zu Weber – nicht auf Calvin, sondern auf Luther bezieht. Auch Luther kennt die innerweltliche Askese als Mittel zur Erlangung von Heilsgewissheit, doch nicht in Gestalt der rastlosen Berufsarbeit, sondern als eine unvermittelte Martyriumsfreudigkeit in der Welt, als ein Sich-ergeben in den Weltlauf. Dank dieser Unbestimmtheit vermag die innerweltliche Askese sich an den unterschiedlichsten Wirklichkeitsmomenten zu vollziehen und vermag die individuelle Glaubensgewissheit zum Konstituens jedes besonderen Lebensbereichs zu werden.

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und partiell verkörpert ist. Der Idealtypus als eine logisch-methodische Konstruktion ist eine Eigenleistung Webers, gefügt allerdings aus Bestandteilen der Rickertschen Geschichtslogik.


«Die Barriere der Angst ist durchbrochen» Schlagartig geriet Ägypten ab Ende Januar 2011 ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit, als hunderttausende Bürger begannen, auf den Strassen zu protestieren. Woher kommt dieser plötzliche Mut zum Widerstand gegen das Regime? Ein Blick hinter die Kulissen. gerichtet worden, Bürger kontrollieren die Eingänge zum Platz, freiwillige Strassenputztruppen säubern den Tahrir, den Platz der Befreiung. Am 25. Januar 2011 begann es. «Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit» waren die zentralen ersten Forderungen. Über Facebook und Twitter riefen Jugendliche der Mittelschicht zu Demonstrationen auf – und lösten ein enormes Echo aus. Ägypter und Ägypterinnen, die zuvor als apathisch und politisch uninteressiert galten, die ihr Schicksal zu akzeptieren schienen. Einige versuchten schon länger, einer weiteren Amtszeit unter Hosni Mubarak entgegenzusteuern, andere sahen keine Alternative zur Präsidentschaftsübergabe an seinen Sohn Gamal Mubarak. Alle diese Ägypter strömten zu Tausenden, später gar zu Millionen zu den Demonstrationen in den grossen Städten des Landes. «Weder das Regime, noch die Sicherheitskräfte, noch das Volk, noch die Demonstranten selbst hätten sich vorstellen können, dass eine solch grosse Zahl an Teilnehmern erreicht werden würde», erzählt der ägyptische Journalist Michael Fares. Die Demons-

Hände hoch für die Demokratie: Protestierende Ägypter auf dem Tahrir-Platz.

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Von Sandra Boulos Noch zu Beginn des Jahres rollte wie gewöhnlich der Verkehr über den Tahrir-Platz, einen der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte Kairos. Nur wenige Wochen später, um die zweite Februarwoche, ist der Platz nicht wieder zu erkennen. Zehntausende Ägypter und Ägypterinnen befinden sich auf dem Tahrir, auf dem sie seit zwei Wochen täglich demonstrieren, für mehr Demokratie, für Freiheit, für soziale Gerechtigkeit, gegen Korruption und für den Sturz des Regimes und Hosni Mubaraks, des Präsidenten, der seit knapp 30 Jahren das Land regiert. «Wandel» und «Veränderung» heissen die Schlagwörter. Mit Instrumenten untermalte Sprechgesänge werden skandiert; Reden gehalten, Ägyptenfahnen geschwenkt, kurze lustige Theaterstücke mit Mubarak, weiteren Ministern, US-Präsident Obama und dem Volk als Hauptfiguren vorgeführt. Unzählige Plakate schmücken den Platz, hunderte werden von den Demonstranten selbst in die Höhe gestreckt; dutzende Zelte sind zur Übernachtung auf dem Tahrir-Platz aufgestellt. Feldspitäler sind ein-


Symbolfigur Khaled Said Mohamed Maamoun, 28 Jahre alt, war vor dem 25. Januar 2011 nie an einer Demonstration. Vor diesem sogenannten «Tag des Zorns» hätte sich der Programmierer niemals vorstellen können, Barrikaden aufzustellen um Polizeiautos am Heranrücken zu hindern, durch Tränengasschwaden zu rennen, von einem Gummigeschoss im Gesicht getroffen zu werden und Zeuge zu werden, wie Menschen kaltblütig getötet werden. «Ich denke, die Annahme, dass ich alleine protestieren und mich so einer grossen Gefahr aussetzen würde, hielt mich vor dem 25. Januar zuhause.» Jeder Protestierende habe an diesem Tag einen grossen Vertrauensvorschuss eingesetzt. «Und je mehr Menschen wir waren, desto sicherer fühlten wir uns», erzählt er. Seit der ersten Demonstration vom 25. Januar folgte für Mohamed die Teilnahme an zahlreichen weiteren Kundgebungen. Aus einem Gefühl der Verantwortung gegenüber seinem Land, der Hoffnung auf Wandel und dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit und mehr Freiheiten, habe er sich entschieden an den Demonstrationen teilzunehmen. Es sei auch eine Art kumulativer Effekt gewesen, die ihn zur Teilnahme bewogen hätte: das ständige Lesen von regimekritischen Nachrichten und natürlich der Tod des nun berühmten jungen Bloggers Khaled Said. Khaled Said war ein 28-jähriger ägyptischer Blogger aus Alexandria, der über Drogengeschäfte von Polizisten berichtete. Eines Tages im Juni 2010 wurde er von zwei Polizisten aus einem Internetcafé gezerrt, in den Eingang eines Gebäudes gebracht, dort verprügelt und tot liegen gelassen. Khaled Said wurde zu einer Symbolfigur für den Kampf gegen Folter und Polizeibrutalität. Das Foto vom entstellten Gesicht des jungen Bloggers habe Mohamed Maamoun zum ersten Mal an öffentliches Protestie-

gott und die welt

tranten trotzten der Polizeibrutalität, Tränengas, Steinen, Molotow-Cocktails und Verhaftungen und versammelten sich auch an den folgenden Tagen auf dem Tahrir-Platz. «Die Demonstranten ermutigten sich gegenseitig. Und je mehr es um Leben und Tod ging, desto überzeugter und kämpferischer wurden sie», erinnert sich der Journalist an die ersten Demonstrationstage. «Die Barriere der Angst ist durchbrochen. Und sie wird nicht wiederkehren», sagte auch Mohamed El-Baradei, ehemaliger Chef der Atomenergiebehörde nach den ersten Protesttagen. Hosni Mubarak hatte sein Amt 1981 angetreten; kurze Zeit später wurde das Notstandsgesetz eingeführt. Korruption, Arbeitslosigkeit, fehlende Demokratie gab es schon vor 2011. Doch zu früheren Demonstrationen strömten die Menschen höchstens zu Hunderten heran; die Polizisten überboten die Demonstranten oft zahlenmässig. Die Proteste blieben ohne grossen Einfluss und ohne grosses Echo. Erst die «Revolution des 25. Januars» änderte dies.

ren denken lassen. «Ich denke, dass die meisten von uns sich mit ihm identifizieren konnten.» Auch weitere Ereignisse haben zu dieser «Explosion» Ende Januar geführt, meint Maamoun: Der Einfluss der Wirtschaftskrise auf die Unter- und Mittelschicht, während die Oberschicht und das Regime eine völlige Entfremdung vom Volk zeigten; Berichte von Korruption, die gefälschten Parlamentswahlen im Herbst 2010 und schliesslich auch der Anschlag auf die Kirche in Alexandria an Neujahr, bei dem 23 Menschen starben. «Meiner Meinung nach spielte auch El-Baradei eine grosse Rolle. Mit seinem Auftauchen auf der politischen Bühne zwang er die Menschen, eine Wahl zu treffen – sei dies für oder gegen Mubarak – und diese zu begründen», fügt Mohamed Maamoun hinzu.

Lebendige Zivilgesellschaft Hisham Ibrahim, der ebenfalls von Anfang an zu den Demonstrationen ging, sieht die Parlamentswahlen vom letzten Herbst – als der Wahlbetrug besonders deutlich zum Vorschein trat und Mubaraks Partei über 90% der Stimmen «gewann» – als einen der wichtigen Gründe, weshalb es nun zu diesen Protesten kam. Der 25-jährige Börsenmitarbeiter wollte damals wählen gehen. «Doch ich wurde am Eintritt ins Wahllokal gehindert.» Ibrahim erlebte wie eines Tages Mubarak-Befürworter und Schergen auf Pferden und Kamelen, ausgerüstet mit Stöcken und Schwertern, über den Tahrir-Platz ritten und kurz darauf der Platz einer Kriegszone glich: Steine flogen, später wurden Molotow-Cocktails von nahe liegenden Gebäuden geworfen. Trotzdem verliess er den Platz nicht. «Freunde von mir waren verletzt und mussten gepflegt werden.» Die meisten Menschen waren vom Ausmass der Aufstände in Ägypten überrascht, doch die Proteste kamen nicht aus dem luftleeren Raum. Die Bewegung «Kefaya» [«Genug»] agiert seit mehreren Jahren gegen die Präsidentschaft von Hosni Mubarak und eine mögliche Übergabe an den Sohn Gamal. Verschiedene Facebookgruppen, wie die Gruppe «We are all Khaled Said», informieren die Menschen über Polizeibrutalität und Fälle von Korruption. Die «Jugendbewegung des 6. April» ist eine säkulare Oppositionsgruppe, die schon in früheren Jahren zu Generalstreiks aufrief und sich für Reformen einsetzte. Die Zivilgesellschaft in Ägypten ist äusserst lebendig; kritische politische Diskussionen fanden schon vor dem 25. Januar 2011 haufenweise statt. Doch die Angst vor der Staatssicherheit war präsent. «Ich hatte oft politische Diskussionen mit Freunden; doch automatisch haben wir immer unsere Stimme gesenkt», erzählt Hisham Ibrahim. Tunesien habe sicherlich eine Rolle gespielt für den Aufstand der Ägypter, meint Ibrahim. «Tunesien zeigte uns, dass auch tatsächlich etwas erreicht werden kann, wenn man sich gegen das eigene Regime auflehnt.»

Autorin Sandra Boulos ist schweizerisch-ägyptische Doppelbürgerin und hält sich zurzeit in Ägypten auf. Sie hat Allgemeine Geschichte, Politikwissenschaft und Englische Literatur studiert. (Abschluss: November 2010). Die Gespräche mit den Demonstranten wurden zwischen dem 8. und dem 10. Februar 2011 geführt.

Bild Sandra Boulos

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gott und die welt

Debatte über die Trennung von Kirche und Staat Die Hochschulgruppe «frei denken» hat am 10. Dezember 2010 Vertreter aller Jungparteien zu einer Diskussion an der Uni Zürich eingeladen. Die Debatte um Religionsfreiheit und taditionelle Werte verlief wie erwartet turbulent. Von Antonio Danuser An der sehr gut und von Menschen jeden Alters besuchten Veranstaltung diskutierten nach einem einführenden Referat von Valentin Abgottspon, welches uns der Referent freundlicherweise in schriftlicher Form zur Verfügung gestellt hat, Cédric Wermuth (Präsident der Jungsozialisten JUSO), Brenda Mäder (Präsidentin Jungfreisinnige), Cesar Andres (Vizepräsident Junge CVP), Jonas Landolt (CO-Präsident Junge Grüne Stadt Zürich), Eliane Hiestand (Junge SVP Kanton Zürich) und Roman Rutz (Co-Präsident Junge EVP) über aktuelle Fragen zum Verhältnis zwischen Religionsgemeinschaften und Staat. Zum Einstieg bezogen die Jungpolitiker zur von Abgottsponn aufgeworfenen Frage nach der Berechtigung des Kruzifix’ im Schulzimmer Stellung. Landolt sprach sich klar für die Trennung von Kirche und Staat aus, welche, wie man schon an der Präambel der neuen Bundesverfassung sehen könne, jedoch noch nicht ganz verwirklicht sei. Er betonte zudem, dass in der Grünen Partei noch kein Positionspapier zu diesen Fragen existiere. Wermuth sagte, die SP sei für einen strikten Laizismus mit pragmatischer Note. Er sei überzeugter Atheist und finde es komplett absurd, was in der «Affäre Abgottsponn» gelaufen sei. Auch Mäder ist der Ansicht, dass das Kruzifix in der Schule nichts verloren habe.Sie gab zu bedenken, dass Politiker in dieser Frage oft nicht Stellung beziehen würden, aus Angst sie könnten Wählerstimmen verlieren. Die FDP setze sich klar für Meinungs- und Religionsfreiheit, sowie für die Abschaffung der Kirchensteuer für juristische Personen ein. Gemäss Andres habe das Bundesgericht in der Kruzifixfrage nicht eindeutig entschieden und er tendiert zur Meinung, dass religiöse Fragen nicht auf Bundes-, sondern auf kantonaler Ebene gelöst werden sollten. Er spricht sich zudem gegen eine strikte Trennung von Religion und Staat aus, da die Religion nicht an den Rand gedrängt werden sollte. Auch Rutz zeigte sich schockiert von den Zuständen im Wallis und sieht die Religionsfreiheit als einen zentralen Punkt des liberalen Staates. Dieser dürfe aber bestimmten Gruppen Sonderrechte gewähren, wenn es um Traditionen wie von der Bevölkerung akzeptierte Feiertage gehe. Dies dürfe aber

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zu keiner Benachteiligung anderer Gruppen führen. Hiestand wies darauf hin, dass man in Zürich zu Recht den Kopf schüttle, das Wallis aber eben völlig anders sei. Sie sprach sich zwar grundsätzlich auch für die Religionsfreiheit aus, betrachtet aber eine gewisse Privilegierung einer Religion als vertretbar, wenn sie einen grossen Teil der Geschichte und Identität des betreffenden Landes prägt. Auch sie sprach sich gegen die Zwangsbesteuerung von juristischen Personen aus. Dann wandte sich die Diskussion der Frage nach der christlichen Prägung der Schweiz zu. SP, Freidenker und Grüne sehen die Schweiz eher von der Aufklärung geprägt. In der Folge entbrannte eine hitzige Debatte darüber, ob Werte wie Solidarität, gegenseitiger Respekt und ähnliches auf die christliche Tradition oder die Aufklärung und Menschenrechte zurückzuführen seien. Auf der einen Seite

Eine weisse Wand ohne Kruzifix?: Podiumsdiskussion um Religionsfreihe


Als nächstes wurde die Frage nach der öffentlichrechtlichen Anerkennung des Islams im Kanton Luzern und die dadurch entstehende Privilegierung gegenüber anderen Vereinen erörtert. Hier befürwortete Andres von der JCVP auch eine Kirchensteuer für andere Religionen, da religiöse Vereine auch für das Allgemeinwohl tätig seien. Die JUSO hingegen will sich für eine schrittweise Übernahme der Sozialarbeit der Kirchen durch die öffentliche Hand einsetzen. Landolt befürwortet eine Beibehaltung der Steuer, welche für soziale Dienste verwendet werden soll, aber nicht unbedingt an die Kirche gebunden zu sein braucht. Wermuth schloss sich dieser Argumentation mit dem weiterführenden

eit.und die Rolle des Staates in religiösen Fragen.

meinung

vertrat Hiestand die Ansicht, die ganze Schweizer Gesetzgebung sei von christlichen Werten geprägt und unterscheide sich dadurch von der Gesetzgebung islamischer oder hinduistischer Länder, während Wermuth auf die universellen Werte der Aufklärung als wichtiges normatives Element der Gesetzgebung verwies. In diesen – stark durch das jeweilige Weltbild geprägten – Fragen ergab sich erwartungsgemäss keine Übereinstimmung unter den Jungpolitikern. Desweiteren wurde der kulturelle Hintergrund als Faktor der Diskriminierung bestimmter Gruppen diskutiert. Hier befürwortete Rutz von der JEVP das Recht, Privilegien an grosse eingesessene Gruppen zu vergeben, solange die Grundrechte respektiert würden.

Argument an, dass die Abschaffung der Kirchensteuer nicht zu einer weiteren Steuersenkung für Unternehmen werden soll. Mäder machte in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass Neuenburg und Genf keine Kirchensteuer kennen und die sozialen Dienstleistungen trotzdem erbracht würden. Zum Erstaunen des Publikums wies der Moderator darauf hin, dass im Kanton Bern die Pfarrerlöhne vom Staat (also durch die normalen Steuern) bezahlt würden, weil die Kirche ihre Ländereien und andere Besitztümer vor Urzeiten gegen die bezahlung der Priesterlöhne auf Lebzeiten der Kirche an den Kanton abgegeben hat. Es folgte die bildungspolitische Frage, ob an theologischen Fakultäten auch Imame ausgebildet werden sollen. Wermuth war dagegen, weil er fand, es müssten dann auch atheistische Prediger ausgebildet werden, und Rutz sprach sich gegen die Tätigkeit im Ausland ausgebildeter Imame aus. Mäder war der Ansicht, dass es Realität werden wird, dass man Imame ausbilden muss. Andres sieht auch Vorteile bei der staatlichen Ausbildung von Priestern, weil sonst zu viele Fanatiker diese Posten übernehmen würden, wie man es beispielweise in den USA sehe. In der Frage, ob auch islamischer Religionsunterricht zuzulassen sei, oder eher ein Fach Ethik geschaffen werden sollte, in welchem neutrale Werte vermittelt werden, herrschte wiederum Uneinigkeit zwischen den Jungpolitikern. Mäder war sich dabei nicht sicher, ob das überhaupt praktizierbar sei, denn in diesem Fall würde alles von den Werthaltungen der Lehrer abhängen. Andres sprach sich für einen allgemeinen Pflichtreligionsunterricht aus, während Landolt ihm widersprach: Die Grünen seien da total dagegen. Jugendliche sollen lernen, kritisch zu denken, und sie sollen das Recht haben, ohne religiösen Einfluss aufzuwachsen. Das fand wiederum Hiestand von der Jungen SVP einen sehr interessanten Ansatz. Kindern das Recht zu geben, nicht religiös aufzuwachsen, würde dann ja auch heissen, ihnen das Recht zu geben, nicht politisch geprägt aufzuwachsen, also ganz ohne Einstellungen und Werte, was nicht praktizierbar sei. Sie betonte, dass das Christentum in der Schweiz auch Teil der Geschichte sei und die Kinder aller Konfessionsrichtungen Reformation und Christentum kennen sollten. Mäder pflichtete ihr bei, will diese Bildung jedoch auf freiwilliger Basis und ausserhalb der Schule ansiedeln. An den vielen Voten aus dem Publikum nach der Podiumsdiskussion war klar zu erkennen, dass die Beziehung zwischen Religion und Staat noch immer – oder seit dem Bedeutungszuwachs der Islamdebatte wider vermehrt – ein Thema ist, welches die Meinungen spaltet und zu hitzigen Debatten unter Bürgern und somit auch unter Politikern führt.

Autor Redaktor Antonio Danuser (30) studierte Politikwissenschaft, Völkerrecht sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Zürich.

Bild Theo Zierock

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Wenn Verfassung und Grundrechte sich kreuzen Im Wallis sind Staat und Kirche immernoch stark verknüpft, was ein Lehrer letztes Jahr an der eigenen Haut zu spüren bekam. Seine Darstellung der Geschehnisse.

Valentin Abgottspon.(31) aus Staldenried (Wallis) studierte Germanistik und Philosophie und arbeitete in den letzten 4 Jahren als Oberstufenlehrer an der Orientierungsschule Stalden, bis er aufgrund seiner Forderung nach säkulären staatlichen Schulen entlassen wurde.

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einen säkularen Staat des 21. Jahrhundert passen wollen. Im Artikel 3 heisst es: «Die allgemeine Aufgabe der Walliser Schule besteht darin, die Familie bei der Erziehung und Ausbildung der Jugend zu unterstützen. Zu diesem Zwecke erstrebt sie die Zusammenarbeit mit den öffentlich-rechtlich anerkannten Kirchen (nachfolgend Kirchen genannt). Sie bemüht sich, die sittlichen, geistigen und körperlichen Anlagen des Schülers zur Entfaltung zu bringen und ihn auf seine Aufgabe als Mensch und Christ vorzubereiten.» Eine jüdische Lehrperson in Sitten müsste demnach also beispielsweise ein Mädchen buddhistischer Eltern auf ihre Aufgabe als Christ vorbereiten! Im besagten Gespräch wurde immer wieder auf diesen Artikel zurückgegriffen. Mein Einwand, dass

Freidenker Die Freidenker Vereinigung Schweiz (FVS) ist die wichtigste Interessenvertretung der Konfessionsfreien in der Schweiz und wurde im Jahre 1908 gegründet. Sie vertritt eine empirische, naturalistische Weltanschauung, die ohne Spekulationen über nicht Beweisbares auskommt. Sie setzt sich für die Anerkennung und Durchsetzung der Menschenrechte ein, sowie für die strikte Trennung von Staat und Religion (Laizismus). Sie kämpft dafür, dass keine religiöse Gemeinschaft Sonderrechte gegenüber der restliche Gesellschaft für sich beanspruchen kann. Die FVS bietet auch weltliche (d.h. religionsfreie) Rituale an. Am häufigsten sind die Dienste für religionsfreie Abdankungsfeiern gefragt. Anfangs Mai 2010 wurde die Sektion Wallis des FVS gegründet und Valentin Abgottspon zum Präsidenten gewählt. Eine weitere humanistische Vereinigung stellt die Giordano Bruno Stiftung dar, eine Denkfabrik, bestehend aus zahlreichen Wissenschaftlern, Philosophen und Künstlern, zur Förderung des evolutionären Humanismus. Der Veranstalter der Podiumsdiskussion, die Hochschulgruppe «Freidenken» vertritt das Denken der FVS und der Giordano Bruno Stiftung an den Hochschulen.

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Autor

Von Valentin Abgottspon Vor mittlerweile bald zwei Jahren habe ich das Kruzifix aus meinem Klassenzimmer entfernt und damit einen Prozess losgetreten, der zu meiner fristlosen Entlassung geführt hat. Es entbrannte ein «Streit ums Kruzifix». Am 11. August 2010 fand zwischen zwei Vertretern der Dienststelle für Unterrichtswesen des Kantons Wallis und mir ein Gespräch statt. Diese Unterredung führte ich – und das habe ich klar so ausgedrückt – als Präsident der Freidenker-Sektion, als Staatsbürger also, und nicht etwa als Lehrer. Inhalte der Unterhaltung waren unter anderem Reglemente und Verordnungen zum Schulmessbesuch, die ich in der heutigen Zeit als nicht mehr angemessen betrachte. So stellt beispielsweise die enge Einbindung von Religion in den Schulunterricht viele konfessionsfreie Eltern vor Schwierigkeiten. Da Vorbereitungen für katholische Rituale wie die Erstkommunion oder Konfirmation an vielen Primarschulen während den Unterrichtszeiten stattfinden – ja es existiert tatsächlich noch ein solches Schulsystem in der Schweiz –, müssen die Eltern sich überlegen, ob sie ihre Kinder für diese Zeit von der Schule dispensieren wollen. Doch würden die Kinder bei einem allfälligen Fernbleiben des Unterrichts drei bis vier Wochen des Stoffes verpassen. Die Dienststelle sah jedoch keinerlei Bedarf, die Situation zu ändern, nicht einmal die Schulen bezüglich dieser Problematik zu sensibilisieren. Zusätzlich machte ich auch auf den Bundesgerichtsentscheid aufmerksam, dass religiöse Symbole aus Schulräumen anstandslos zu entfernen seien, wenn Eltern, Lehrpersonen oder religionsmündige Schülerinnen oder Schüler dies verlangen würden. Mir wurde mitgeteilt, dass im Wallis auf eine Professionalisierung der Schulleitungen hin gearbeitet werde, ich solle mir keine Sorgen machen, die Schulleitungen und Schulbehörden würden bestimmt angemessen reagieren. Der Beamte, ein Jurist der Dienststelle für Unterrichtswesen, vermochte nicht professionell zu argumentieren und seine privaten Ansichten zum Christentum von allgemeinen Überlegungen zu trennen. Es sind aber nicht nur Politiker, Beamte und ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung, denen laizistische Ideen fremd sind. Auch das Gesetz über das öffentliche Unterrichtswesen aus dem Jahre 1962 beinhaltet Bestimmungen, welche nicht so recht in


meinung Schulleitung und Behรถrden arbeiteten im Fall Abgottspon Hand in Hand und stellten ihm unter anderem die nebenstehenden sieben Forderungen. Da der Lehrer diesen nicht nachkommen wollte, wurde er kurzerhand entlassen, nachdem seine berufliche Qualifikation plรถtzlich als unzureichend befunden wurde.


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Melanie Pfändler (22) studiert im 5. Semester Politikwissenschaften, Psychologie und Populäre Kulturen an der Universität Zürich. Sie hat 3.5 Jahre als freie Mitarbeiterin für den Tages Anzeiger gearbeitet.

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dieser wohl verfassungswidrig sei, zumindest aber im Einzelfall nicht angewendet werden dürfe, war den Beamten ziemlich egal. Statt weitere Bestimmungen, Reglemente oder Verordnungen aufzuzeigen, wurde infrage gestellt, ob ich denn überhaupt noch weiter unterrichten könne. Mir war zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich klar, ob ich die Ankündigung einer entsprechenden Überprüfung als Drohung und/oder als Anweisung zu Schweigen auffassen sollte. Einigermassen frustriert jedenfalls beendete ich dieses Gespräch. Die Schulleitung sollte von mir aus ruhig Auskunft über meine Arbeitsleistung geben, aber sie sollte auch guten Gewissens sagen dürfen, dass ich nicht dabei mithelfe, die Schülerinnen und Schüler auf ihre Aufgabe als Christen vorzubereiten. Daher stellte ich der Schulleitung und der Schulpräsidentin einen Brief zu, in welchem ich forderte, das Kruzifix aus dem Lehrerzimmer zu entfernen, mich von sämtlichen religiösen Anlässen zu dispensieren und ich kündigte zudem an, dass ich nicht mehr bestimmen wolle, wer von meinen Schülerinnen und Schülern in den Messen Lektoren und Messdiener sein sollten. Es erreichte mich daraufhin ein Brief mit sieben Forderungen, der von allen Gemeindepräsidenten der Schulregion und auch von fast allen Mitgliedern der Schulkommission unterschrieben worden war (sh. S. 35). Gefehlt hat einzig die Unterschrift des Priesters. In Stalden ist der römischkatholische Priester von Amtes wegen Mitglied der regionalen Schulkommission. Ich antwortete dann, dass es nicht in Frage komme, in meinem Schulzimmer ein Kruzifix aufzuhängen oder hängen zu lassen würde. Ich kündigte auch an, dass ich auf mein Grundrecht nicht verzichten und, sollte die Schulbehörde diese Forderung aufrecht erhalten, eine beschwerdefähige Anordnung mit Rechtsmittelbelehrung verlangen würde. Statt einer beschwerdefähigen Anordnung erhielt ich dann während der letzten Lektion vor den Herbstferien eine fristlose Kündigung ausgehändigt. Mittlerweile ist ein Rechtsgutachten von Prof. Markus Schefer (Universität Basel) erschienen, welches nachweist, dass sowohl die Kündigung als auch Teile des Unterrichtsgesetzes und der Praktiken an öffentlichen Schulen im Wallis verfassungswidrig sind. Gerade dieser Fall macht für mich klar, wie nötig es ist, dass sich auch säkulare Leute in Vereinigungen organisieren. An den Hochschulen hat sich mittlerweile eine Gruppierung gebildet, die mit der FVS und der Giordano Bruno Stiftung zusammenarbeitet. Die religiösen Vereinigungen verfügen über enorm viel Lobby-Einfluss und geniessen auch in vielen Bereichen eine Art Gratis- und Vorschussrespekt. Meine Erfahrungen liefern ein sehr konkretes, anschauliches Beispiel, wo die Trennung von Staat und Kirche noch immer nicht funktioniert.

KOLUMNE

Der Krise ein Gesicht Wegrationalisieren, freistellen, human resources dezimieren, seinen Posten verlieren, auf der Strasse landen, gefeuert, gespickt oder gegangen werden – man kann es drehen wie man will, meinen Job bekomme ich nicht wieder. Vergangenen Herbst wurden beim Tages-Anzeiger 37 Stellen gestrichen. Siebenunddreissig. Klingt nach wenig in diesen Tagen. Klingt nach mehr, wenn man die Leute kennt, die auf diesen 37 Bürostühlen sassen: Die Redaktorin mit dem gefrässigen Pausbackenkind, der tätowierte Witzbold, der in seiner Freizeit in einer Hardrockband spielt, der Weltenbummler, der immerzu Kolumnen über Hühner schrieb. Laut dem SECO gab es in der Schweiz Ende 2010 rund 50‘000 Arbeitslose mehr, als vor dem realwirtschaftlichen Ausbruch der Krise. Und ich? Ich bin nicht mal drin in der Statistik. All die freien Mitarbeiter, die sich mit Artikeln und Redaktionsaushilfen ihre WG-Zimmer und Skiferien finanzierten, tauchen in keiner Wertung auf. Rechnet man die grosszügigerweise dazu, fielen allein im Zürcher Oberland 56 Schreiberlinge dem Tamedia-Krisenmanagment zum Opfer; hochgerechnet also rund 250 Mitarbeiter, wenn man alle Lokalredaktionen in die Rechnung miteinbezieht. Im Zuge der Finanzkrise wurde in der Chefetage das Steuer radikal herumgerissen. Eine bessere Zeitung sollte her. Mehr Qualität mit weniger Geld. Schlanker sollte er werden, der Tagi –«urbaner»! Konkret: In sechs Regionalredaktionen ging Ende Dezember das Licht aus; die Lokalnachrichten werden fortan vom Zürcher Oberländer, dem Zürcher Unterländer und anderen Blättern (denen wohlgemerkt nicht gerade der Ruf schlanker Urbanität vorauseilt) eingekauft. Über die Auswirkungen, die der stetige Spardruck auf die Vielfalt und die Unabhängigkeit in der Schweizer Medienlandschaft hat, lässt sich streiten. Die Betroffenen spüren die Konsequenzen am eigenen Leib. Das muss nicht zwingend tragisch sein. Unser Hausfotograf hat sich seinen Traum der Selbstständigkeit erfüllt, eine Redaktorin ist nun glückliche Bibliothekarin, eine andere arbeitet in einem Nationalpark und eine dritte als Reiseleiterin auf den Lofoten. Krise als Chance, wenn man so will. Doch auch wenn nicht jeder Entlassene ein verzweifelter Familienvater ist: Solche Geschichten erinnern uns daran, die persönlichen Schicksale hinter den Prozenten zu sehen. Für mich gaben diese 37 Journalisten der Krise ein Gesicht. Oder um den guten Herrn Frisch zu bemühen: «Wir entliessen Arbeitskräfte und es gingen Menschen.»

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Kolumnistin


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Schuld und Sühne im Zeitalter der Downloads Es ist nicht lange her, da hat die Compact Disc die Schallplatte fast gänzlich verdrängt. Nun hängt sie selbst an den Schläuchen und droht den sinkenden Verkaufszahlen zu erliegen. Ein Plädoyer für das Drehen der kleinen Scheiben und das Riechen an Booklets.

Was ist eine Platte wert? Machen wir also eine Gegenüberstellung der Vorund Nachteile: Für die illegalen Downloads spricht sicher, dass sich jeder, unabhängig vom Einkommen und von der sozialen Schicht, mit Musik eindecken kann. Auf den Downloadseiten sind alle gleichberechtigt. Des Weiteren hat sich durch die neue Internetkultur die Anzahl an Musikveröffentlichungen dermassen erhöht, dass man zwar alles kaufen möchte, was man gerne hört, dies aber

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schlicht und einfach nicht mehr kann. Natürlich muss man nicht jede neue Platte gehört haben, aber man will ja auch nichts verpassen. Nicht in unserem total aufgeklärten Informationszeitalter. Ein weiteres oft gehörtes Argument ist, dass in der Musikindustrie früher zu fest auf Gewinne geachtet wurde und jetzt wieder mehr die Musik im Vordergrund stehe. Illegale Downloads könnten ein Mittel im Kampf gegen die Kommerzialisierung sein, denn ohne das liebe Geld wird Musik wieder der Musik wegen gemacht und das kommt letztlich den Musikliebhabern zugute. Der Markt reguliert sich entsprechend dieser Logik quasi selbst. In der HipHop-Szene ist es mittlerweile Standard, zuerst einige Mixtapes mit unveröffentlichten Songs zum freien Download zur Verfügung zu stellen und erst später ein richtiges Album zu produzieren. Man appelliert damit an das Gewissen des Konsumenten, leider mit meist zweifelhaftem Erfolg. Einen etwas anderen Weg hat die Band Radiohead eingeschlagen. Sie veröffentlichte ihre Platte im Eigenvertrieb. Der Clou: Die Fans durften den Preis selber bestimmen. Es konnte sich also niemand mehr beschweren, dass die Platte zu teuer sei. Die selbe Band liess auch ein Konzert in Prag von fünfzig Besuchern filmen und bot die Aufnahmen dann gratis auf ihrer Website an. Dasselbe machte auch Metallica. Es zeigt sich, dass den Fans heutzutage für ihr Geld (oder eben gratis) eher mehr geboten wird als früher, die Musiker aber leider weniger davon haben. Das ultimative Mittel gegen die Musikpiraterie wurde bis anhin noch nicht gefunden, man sieht jedoch, dass es an kreativen Ideen nicht mangelt.

Apple hat Grund zur Freude Apple eröffnete mit dem itunes-Store eine weitere Möglichkeit: die der legalen Downloads. Interessanterweise hat dieser Store grossen Erfolg und es scheint, als wäre er der Retter des Musikbusiness. Doch es gibt auch Nachteile: Zum einen beschwerten sich viele Musiker darüber, dass sie ausgebeutet würden und dass die grossen Majorlabels grössere Margen erhielten als Indielabels. Zum anderen ist es auch bedenklich, dass in einer globalisierten Welt mit einer schier unendlichen Masse an Musik eine Firma in Monopolstellung entscheiden kann, welche Songs sie in ihr Sortiment aufnimmt und welche Künstler auf der Startseite vorgestellt

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Von Marco Büsch Letztes Jahr schloss der CD- und Plattenladen «Rock On» am Kreuzplatz seine Pforten, als der jahrelange Kampf gegen die stetig rückläufigen Verkäufe im Musikgeschäft verloren schien. Der Besitzer Ruedi Fehlmann hatte den Laden 1979 eröffnet und sich dort sein kleines Reich geschaffen. Für die meisten Leute war das Innere des Geschäfts das reine Chaos, aber Ruedi wusste immer, wo alles war und hatte stets einen Tipp parat, egal für welchen Musikgeschmack. Ich war zwar kein Stammkunde, begab mich aber gerne in Ruedi’s Katakomben, um mich durch die Raritäten der Musikgeschichte zu wühlen. Und dann war dieser Laden plötzlich weg. Ich dachte sofort an all die Alben und Songs, die ich in letzter Zeit aus dem Internet heruntergeladen hatte. Vor ein paar Jahren hatte ich angefangen mit ein paar wenigen Stücken, immer darauf bedacht, als Ausgleich auch ab und zu auf legalem Weg ein Album zu kaufen. Der Weg des geringsten Widerstands beziehungsweise der geringsten Ausgaben wurde aber immer verlockender. Überhaupt stieg die Zahl der monatlichen Veröffentlichungen der Musiker und Bands ins Unermessliche, sodass eins zum anderen kam und ich mit der Zeit fast jede Woche Alben herunterlud, jedoch nur einmal im Monat eine CD kaufte. Als «Rock on» plötzlich seine Pforten schloss, erwachte mein schlechtes Gewissen aus dem Wachkoma. Ich fühlte mich schuldig. Nicht so pseudoschuldig, wie wenn man im Flugzeug fliegt, obwohl man sich der Klimaerwärmung klar bewusst ist. Der Mensch bereut ja meistens erst, wenn es zu spät ist und bis zur Klimakatastrophe dauert es wahrscheinlich noch ein Weilchen. Aber dieser Musikshop schloss nun wirklich, für immer. Und alles nur wegen der illegalen Downloads – wegen mir!


Hans im Schneckenloch Es liegt im Wesen des Menschen, dass er Ressour-

Original oder Download? Nicht immer ein leichter Entscheid.

meinung

werden, welches das digitale Pendant zum klassischen Schaufenster darstellt. Eine solche Macht untergräbt die Unabhängigkeit der Künstler und Labels und deshalb ist der itunes-Store alleine sicher keine optimale Lösung. Die neue Auftrittswut im Musikbusiness hat positive und negative Aspekte. Es ist lobenswert, wenn Bands wieder vermehrt den direkten Kontakt zum Kunden suchen und den Raubkopien die unvergessliche Einzigartigkeit eines Liveauftritts entgegensetzen. Auf der anderen Seite wirkt es befremdlich, wenn die Rolling Stones immer wieder auf ihre «letzte» Tournee gehen und jedes Mal horrende Eintrittspreise verlangen oder amerikanische Hip-Hop-Bands, nach denen in den USA kein Hahn mehr kräht, in der Schweiz fünf Auftritte im Jahr haben. An dieser Stelle muss natürlich auch gesagt werden, dass der Konsument die Hauptschuld an dieser Misere trägt, denn Angebotsmenge und Angebotspreise werden sich natürlich nicht verändern, solange die Nachfrage konstant so hoch bleibt. Auf jeden Fall spricht die Schliessung des «Rock On» für sich. Die ganze Branche leidet unter den rückläufigen Plattenverkäufen: Die Plattenhersteller, die Werbung, die Labels, die Musiker und die Verkäufer – tausende Arbeitsplätze sind betroffen. Wirtschafts-darwinistisch könnte man argumentieren, dass sich der Markt gesund geschrumpft hat und jetzt nur noch die Allerbesten nach oben kommen. Abgesehen vom subjektiven Musikgeschmack jedes Einzelnen würden mir hingegen wohl die meisten in meiner Behauptung zustimmen, dass in den Charts selten die beste Musik nach oben kommt, sondern eher Musik mit der geschicktesten Vermarktung und der besten Ausrichtung auf kaufkräftige Zielgruppen. Kurzum, die illegalen Downloads haben der Verkommerzialisierung der Musik nochmal einen starken Schub gegeben und die Fronten zwischen den zwei Gruppen von Musikern verschärft: zwischen einer, die mit der Musik möglichst viel Geld verdienen will und der anderen, die ihre musikalische Unabhängigkeit über alles stellt und hofft, dass sich Qualität immer durchsetzen wird.

cen, welche er im Überfluss besitzt, nicht gleich zu schätzen weiss wie Ressourcen, die knapp sind. Die Musik ist dabei keine Ausnahme. Anfänglich erscheint es verlockend, sich alle Musik der Welt gratis downloaden zu können. Aber wenn man schliesslich alle Alben hat, die man immer schon haben wollte, bleibt eine gewisse Leere zurück. Die Musik hat nicht mehr den selben Wert. Man hört sie sich nicht mehr an, man konsumiert sie nur noch. Früher kaufte man sich im Laden eine CD, legte sie zu Hause in seine Musikanlage und lauschte den Klängen, während man das Booklet aus der Hülle nahm, sich die Bilder ansah und die Credits und Danksagungen las. Ein Freund und ich führten vor kurzem ein Gespräch über die Zeiten vor dem Downloaden und er erzählte mir, er vermisse vor allem den Geruch der Booklets, an ihm habe er sofort erkannt, ob eine CD gut sei oder nicht. Früher hörte man sich ein Album auf jeden Fall mehrmals an und gab ihm noch eine Chance, wenn es beim ersten Mal nicht gleich funkte. Man hatte schliesslich gutes Geld dafür bezahlt. Wenn man sich aber ein Album herunterlädt, gibt man ihm meistens keine zweite Chance. Man spielt jeden Song kurz an, packt einige auf seinen ipod und der Rest wird wieder entsorgt. Musik wird zu einem Wegwerfprodukt, zu Abfall. Diese Entwicklung des Musikhörens ist äusserst unbefriedigend, sollte Musik doch Freude bereiten und nicht fliessbandmässig angehört werden. Natürlich wird niemand zu dieser schnellen Nummer gezwungen, aber man könnte ja irgendwo zwischen all den langweiligen Alben und Mixtapes eine Perle verpassen – und wer will das schon. Also wird fleissig weiter ohne Mass und Ziel heruntergeladen.

Kaufen aus Respekt Meistens erkennt man den Wert einer Sache erst, wenn diese nicht mehr vorhanden ist. Musik wird es wahrscheinlich immer geben, aber kann man das auch von der eigenen Lieblingsband sagen? Oder von seinem Lieblingsmusikladen? Zumindest in der Stadt Zürich gibt es nur noch eine Handvoll Musikshops, allesamt kämpfen sie ums nackte Überleben. Ich denke nicht, dass man sich jedes Musikstück kaufen muss, der Trend zum Downloaden ist wohl unaufhaltsam. Aber wenn man ein Album wirklich gut findet, sollte man doch erwägen, es käuflich zu erwerben. Anders gesagt, wenn die Musik einer Band einen durchs Leben begleitet, sollte man ihr den nötigen Respekt erweisen und auch dafür bezahlen. Ich bin zwar nicht sehr bibelfest, aber Selbstsucht beziehungsweise Völlerei gehören immernoch zu den sieben Todsünden und dies sicher nicht unbegründet. Ob man der Selbstsucht aus religiösen Gründen entsagt oder nicht, ein schlechtes Gewissen ist niemals eine angenehme Sache. Und was bringt schon ein Download, wenn man nicht am Booklet riechen kann?

Autor Redaktor Marco Büsch (20) aus Zürich studiert im 4. Semester Politikwissenschaft, Recht und Soziologie an der Universität Zürich.

Bild Sarah Schlüter

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Thoughts on Statelessness The intense public debate on migration issues missed an underlying legal problem: the de facto statelessness. The upcoming implementation of the expulsion initiative is unable to solve this problem.

Initiatives are promotion Similarly to most European countries, the overall situation for refugees and asylum seekers in Switzerland is currently rather difficult, as the regulations become stricter and the public debate on migrants is increasingly hostile. Traditionally, initiatives were mainly launched by groups of citizen or interest groups to address issues which were not

Härtere Migrationspolitik und stabilere Grenzen schaffen nur kurzfristig Abhilfe.

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addressed in the parliamentary political process. Recently, political parties increasingly use initiatives to promote their positions and leading issues before elections. This can be seen as a form of «freeriding», in the sense that the state has to send the information material to the whole voting population (which is free of charge for the initiator). Also concerning media and public debates, this is a cheap way to make the party’s important positions known. In the last two years, the SVP (Swiss People’s Party) was especially successful with two initiatives: the prohibition to build further minarets in Switzerland in 2009, and recently the so-called expulsion initiative to repatriate foreign citizens automatically, even for minor crimes. Both plebiscites were successfully accepted by a majority of the voting population. Back to where you came from! In this framework, one specific group of migrants has a huge impact on the public debate: the so called «globules dealers» who sell small amounts of illegal drugs (cocaine, heroin etcetera) in big cities. At the moment, these dealers are predominantly of African descent. Due to the very low amounts of drugs, they are very difficult to prosecute by the police. In the unlikely event of a legal procedure before a judge, they get convicted to minor sentences in most cases. In the eyes of many citizens this group is a main factor for a general feeling of insecurity and the impression that the police is helpless about the laws currently implemented. The chain of argumentation is simple: they are delinquents; they do not respect the law, so they have to «go to where they come from.» The SVP claims that the situation will be improved by implementing a new law following the expulsion initiative. No-land’s people However, the real issue is a de facto statelessness problem. In Switzerland, there are many people who migrate illegally over the known routes from south and east in order to apply for asylum without providing any (or false) personal identification papers. The reasons for the lack of identification papers are manifold. In many cases, people smugglers tell the migrants that they do not have any chance to get asylum with their proper identification papers (which is for example the case for Nigerian citizens). Other reasons for a lack of identification papers are that people lost their papers on the journey, they really did not get them due to political persecution or sim-

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Von Antonio Danuser The broader legal framework concerning refugees in Switzerland is quite similar to most European countries. Switzerland is a member of the 1951 Convention Relating to the Status of Refugees and the related Protocol of 1967, as well as of the 1954 Convention on Statelessness. Although not a member of the European Union, cooperation in many political fields is very close. In 2008, the country became a member of the Dublin Regulation, which regulates the coordination of all memberstates in respect to asylum issues. Through a centralized database, the authorities of al the participating countries can check, whether or not a particular individual has already handed in an asylum request elsewhere. Should this be the case, the person is sent back to the country where the first request had been filed, without granting the individual any further legal means.


Statelessness is precarious A number of attempts by the Swiss government to solve this issue have failed. The most famous one, dating back to 2003, when an already signed migration agreement between Switzerland and Senegal failed, due to hesitations of the Senegalese Parliament. The agreement would have permitted to send the rejected asylum seekers, who, according to the Swiss authorities are probably from West Africa, to Senegal –regardless of their nationality. Switzerland tried to delegate the most delicate question – the clarification of the identity and nationality of the individuals in question – and the repatriation to this country. The methods to clarify the nationality without identification papers (for example language tests etcetera) are highly questionable and in many cases not regarded as sufficient for repatriation by the Swiss courts. In the end, the treaty was rejected due to internal Senegalese and international pressure. The problem remains unsolved. The de facto stateless people are mostly treated like illegal migrants with no right to work or any other rights guaranteed by the relevant international agreements. They are provided with the absolute minimum, only that basic human rights guaranteed by the European Convention on Human Rights are not violated. They normally live in emergency assistance centres where nothing else but food and housing are provided. To encourage a voluntary departure of the country, the authorities implemented a procedure called dynamisation. This involves a weekly change of centre, which impedes asylumseekers to build up any relationship with their environment and leave the country by themselves. De facto stateless people, among them whole families, are doomed to live under these emergency assistance conditions for years or disappear totally into illegality, since no country would consider them as citizens. Several individuals completed already more than one cycle in the dynamisation process and came back to the same centre several times. The new law that will be implemented following the SVP initiative will therefore not solve the problem it

meinung

ply never had papers. The issue I want to address is the situation of these de facto stateless persons staying in Switzerland. If the government cannot proof their nationality, they cannot be sent back, even if the authorities dismiss the asylum request on the grounds of non-cooperation of the asylum seekers to reveal their identity. As a consequence, these people do not get the status of refugees. Nevertheless, they are still there and are treated like illegal immigrants, who get the absolute minimum social welfare, locally called «Nothilfe» (emergency assistance). Sometimes they are imprisoned up to a maximum of 18 months in a detention centre where the migration officials bring people they want to repatriate to their home countries.

wants to address – aside from the fact that it is probably not conform with the European Convention on Human Rights and the Agreement on the Free Movement of Persons Switzerland has signed with the European Union. These de facto stateless people who evoke most insecurity amongst a majority of Swiss citizens will stay in the country. The normative blur In my view, the statelessness issue in the new century has to be addressed with the following normative blur in mind: The relevant international legal frameworks were created in a period, in which the state-centric view on international relations (all states together constitute the international community) was nearly unchallenged in Europe. In the legal framework for refugees and stateless people currently implemented the identification and assignability of a person to a nationality and a state is a crucial point to apply these regulations. When this framework, initially designed to meet the challenges Europe faced after World War II, was implemented at the global level through the United Nations, these regulations became applicable even to regions of the world where these preconditions are not met. Due to the different culture of public administration, and as the Paper of the 2010 High Commissioner’s Dialogue on Protection Challenges states «owing to resource and capacity constraints» of the states in question they are not capable to provide their citizens with the services that strong states provide without problems. The conception of the world as an interaction of states that underlies the legal framework was challenged in the 1990s by new theories which state that other actors (IGOs, INGOs etc.) are also relevant in a «globalized» international system and some states (for example so called weak and failed states) are not able to act. Consequently, in order to address migration issues in general and the statelessness issue in particular, these transformations of the international environment have to be taken into account. To guarantee protection and assistance to de facto stateless persons currently living in Switzerland and other parts of Europe, it is necessary to find a new solution to this underlying problem. On the one hand, to enhance the personal situation of the affected persons and help them to get the legal and human rights status they deserve. On the other hand, to solve the problems this situation implicates for the framework of European human rights and migration laws, especially the current shortcomings of the Dublin-framework in Greece.

Autor Redaktor Antonio Danuser (30) studierte Politikwissenschaft, Völkerrecht sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Zürich.

Bild www.flickr.com

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«In die Welt gegangen, um Bücher zu schreiben» Curdin Seeli kehrte vor sechs Jahren der Uni Zürich den Rücken und lebt nun als freier Autor in Barcelona. Letzten Herbst publizierte er unter dem Pseudonym «Harlekin» seinen ersten Roman.

Dabei warst du im Studium durchaus erfolgreich – unter anderem als Co-Autor eines Beitrags in einem politikwissenschaftlichen Sammelband. Was waren die Gründe, die dich dazu bewogen haben, die Uni vorzeitig zu verlassen? Harlekin: Ich habe sehr bald gemerkt, dass mir wissenschaftliches Arbeiten nicht genug Freude bereitet. Ich war trotzdem sehr zielorientiert im Studium. Ich wollte schnell fertig sein, um endlich meinen Wünschen und Träumen nachgehen zu können. Das hat viel Disziplin gebraucht, aber es gab auch recht erfolgreiche Momente. Selbst diese haben mich allerdings dem belletristischen Schreiben noch näher gebracht. Ich habe mir bewiesen, dass es an der Uni klappen kann. Mit dieser Erfahrung konnte ich mich schliesslich gegen das Liz und für das Schreiben entscheiden. Die Entscheidung war für mein

ZUM BUCH

HARLEKIN (2010). Weiss auf Weiss. Zürich: Verlag Harlekination.

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Umfeld dann aber trotzdem ein ziemlicher Schock – und auch für mich selbst. Hast du dennoch etwas mitgenommen von der Uni? Haben die Theorien und Perspektiven, die du hier kennen gelernt hast, deine Sicht auf die Welt beeinflusst? Harlekin: Ja, natürlich. Im ersten Moment, als ich mich von der Uni verabschiedet hatte, habe ich das zwar noch praktisch alles abgelehnt. Ich war aus-

«Schreiben ist für mich eine Möglichkeit, der Welt näher zu kommen, mich und sie und das dazwischen ein bisschen besser zu verstehen.» Curdin Seeli, alias Harlekin

gebrannt und musste erst einmal Distanz gewinnen. Aber ganz klar: die grundlegende Arbeitsweise der Wissenschaften, das Unterscheiden von Theorie- und Empirieebenen, Arbeiten schreiben und strukturieren, Texte scannen und sich dabei auf das Wichtigste zu konzentrieren – das alles ist enorm hilfreich in vielen Lebenslagen. Ich habe eine Zeit lang einfach vergessen, was ich alles nicht gewusst habe, bevor ich an der Uni war. Und was war schockierend an deiner Entscheidung gegen die Wissenschaft, für das Schreiben? Harlekin: Als mein Prof davon gehört hat, meinte er nur: «Ein Brotloser also.» In der Schweiz – wenigstens in den Kreisen, in denen ich aufgewachsen bin und mich bewegte – sind ein geregeltes Einkommen, Abschlüsse und Sicherheiten sehr wichtig. Zudem habe ich mich allein auf den Weg in die Welt gemacht, um Bücher zu schreiben. Ohne zu wissen, ob das klappt – das hat mich manchmal schon ins Wanken gebracht. Du arbeitest seit gut fünf Jahren als Schriftsteller. Was hat dich zum Schreiben gebracht, was bedeutet dir die Literatur und das Schreiben? Harlekin: Schreiben ist für mich eine Möglichkeit, der Welt näher zu kommen, mich und sie und das dazwischen ein bisschen besser zu verstehen. Über das Schreiben habe ich eine Form gefunden, Dinge

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Das Interview führte Urs Güney Du hast Politikwissenschaft und Linguistik studiert. Warum hast du dich für diese Fächer entschieden? Harlekin: Ich wollte ursprünglich Germanistik studieren. Sprache und Bücher haben mich schon immer interessiert und berührt. Die Literaturwissenschaft hat mich dann aber nicht so gepackt, darum habe ich zu Politikwissenschaften und Linguistik gewechselt. Schlussendlich war ich aber allgemein nicht gerade glücklich an der Uni. Vielleicht bin ich etwas zu egozentrisch, um einen guten Wissenschaftler abzugeben.


meinem bürgerlichen Namen Bücher rausgeben möchte. Distanz zu schaffen, ist mir sehr wichtig. Nicht nur zwischen mir und den Lesenden, auch zwischen mir und meinen Büchern. Wenn man das eigene Buch in die Hand nimmt, dann ist es etwas vollkommen anderes, ob da dein eigener Name draufsteht, oder eben ein Pseudonym. Zudem gefällt mir der Name Harlekin sehr: das Bild, die Assoziationen.

Mit der Entscheidung, die Uni zu verlassen, hast du zugleich auch Zürich den Rücken gekehrt. Du arbeitest in Barcelona, manchmal auch in Paris, San Francisco und unterwegs – braucht ein Schriftsteller diese Ungebundenheit? Harlekin: Es gibt sicher verschiedene Herangehensweisen. Für mich ist es sehr wichtig, alleine zu sein, wenn ich einen längeren Text schreibe. Ich gehe dann irgendwo hin, ein, zwei, drei Monate und schreibe buchstäblich wie verrückt. Danach komme ich nach Barcelona zurück und arbeite den Rest des Jahres mit dem Text. So hat das jetzt schon viermal funktioniert. Wenn man das eigene Leben verlässt, wird es einfach, neue Leben zu beschreiben, weil man eigentlich alles, was man erlebt, auch als Fiktion erlebt.

Ein wichtiges Thema in «Weiss auf Weiss» ist die Identitätsfindung – ganz harmlos eigentlich. Zu-

kultur

zu teilen. Eine Form, die ich sonst in meinem Leben nicht fand. Dinge, die ich anders nicht teilen konnte. Bücher sind für mich ein Stück Geborgenheit. Meine eigenen wie auch die von anderen, die mich berühren. Das funktioniert bei mir aber grösstenteils über Intuition und Emotion, nicht literaturwissenschaftlich. Nichts Schlimmeres, als einen Text zu zerdenken, finde ich – sei das als Autor oder als Leser.

Ist denn der Ort, wo du hingehst, gar nicht wichtig? Oder gibt es Städte, Länder, Umgebungen, die dich besonders geprägt und beeinflusst haben? Harlekin: Ich habe gemerkt, dass es für mich schon leichter ist, wenn ich in westlichen Ländern und in Städten bleibe. Ich war einmal in Marokko für fünf Wochen, in einem kleinen Ort. Das war wunderbar, aber ich hätte keinen Tag länger dort sein können und suche diese Erfahrung vorerst nicht mehr. Ich mag Orte, wo ich untergehen kann, das ist in Marokko nicht möglich, schon gar nicht ohne andere Touristen. In Paris ist Schreiben etwas sehr Willkommenes. Sie feiern Schriftsteller und das Drum und Dran – eine Zeitlang war das wichtig zu erfahren. In San Francisco habe ich sehr genossen, dass da alle irgendetwas schreiben oder malen oder filmen – du kannst ins Starbucks sitzen und der Typ neben dir fragt: «Was machst du?» Ein Buch schreiben. Und er sagt: «Cool, ich bin grad an der Steuererklärung.» Diese Entspanntheit dem Schreiben und der Kunst gegenüber hat mich sehr beflügelt. Und Barcelona hat natürlich das Meer und das Licht, um schreiben zu können – ganz klar. Vor kurzem hast du deinen ersten Roman publiziert – «Weiss auf Weiss» – worum geht es darin? Harlekin: Eine Liebesgeschichte, Dreiecksbeziehung, Familiengeschichte. Du publizierst unter dem Namen «Harlekin»... Harlekin: Ich wusste schnell, dass ich nicht unter

Buchautor Harlekin streifte seine alte Identität ab, um den Kopf frei zu haben für Neues.

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Autor Redaktor Urs Güney (31) studiert Germani-

gleich geschehen aber auch Verbrechen. Hängen diese Motive, Unschuld und Abgrund, wenn man so will, zwangsläufig miteinander zusammen? Harlekin: Ich denke, dass in Liebesgeschichten und auch in Familien oft Grenzen überschritten werden, die niemand überschreiten wollte – ursprünglich. Wenn sich ein junger Mensch seiner Herkunft, seiner Geschichte, also ein Stück weit seiner Identität bewusst wird, sind diese Dinge oft schwer voneinander zu trennen, ja. «Weiss auf Weiss» begleitet einen Menschen während dieses Prozesses. Einem Prozess mit Erkenntnissen, die aus der Unschuld einen Abgrund machen. Aber auch Befreiung schaffen... Ich glaube nicht, dass Unschuld per se auch schon den Abgrund in sich birgt. Aber sie kann als Pose für schreckliche Dinge benutzt werden.

stik, Politikwissenschaft und Geschichte des Mittelalters an der Universität Zürich.

Bild Urs Güney

Der Text verstrickt die LeserInnen in eine komplexe Welt aus Szenen und Episoden, Andeutungen und Zweifeln, Gedanken und Gefühlen. Manchmal wird der Leser auch direkt angesprochen mit Fragen, die er sich so vielleicht noch nie gestellt hat. Wie kommt es zu dieser ungewöhnlichen Struktur? Harlekin: Das habe ich mich auch gefragt. Ich

habe einfach drauflos geschrieben, mit dem Vorsatz, erst am Schluss mit dem Nachdenken zu beginnen. Sehr oft war ich selbst tief im Text verstrickt. Die Fragen waren dann eine gute Möglichkeit, eine Verbindung nach aussen zu schaffen. Und natürlich sind das vielfach auch Fragen, die ich mir eigentlich selbst stelle. Ich habe mich auf diesen Text wirklich eingelassen. Erst war der Text da, und dann kam ich und habe versucht zu verstehen, was da stand. Erstaunlicherweise habe ich schlussendlich sehr gut verstanden, was ich schrieb. Das hat mich selbst verblüfft. Wir haben viel über die Welt gesprochen, wechseln wir einmal die Ebene: Gott kommt in deinem Roman nicht gut weg. Was hat er angestellt? Harlekin: Gott selbst hat nichts gemacht. In der Welt wird Gott aber oft benutzt, um die Pose der Unschuld zu untermauern – und das ist höllisch gefährlich. Zurück zur Welt: Ein bestimmter Tennismatch kommt immer wieder vor in deinem Roman – was können wir heute aus dem Damentennis der späten 80er Jahre lernen? Harlekin: Dass Steffi Graf ein kurzes Tennisröckchen mit zugtoilettenseifengrünen Blumen darauf trug. Und dass gute Nerven mehr als die halbe Miete sind – nicht nur auf Tennisplätzen.

Welches sind deine nächsten Ziele und die nächsten Projekte des Verlages? Harlekin: Diesen Herbst will ich meinen zweiten Roman herausgeben. Zudem bemühe ich mich um Gelder, damit ich jährlich einem Autor oder einer Autorin die Möglichkeit bieten kann, den Erstling zu publizieren – und zwar ohne selbst 10‘000 Franken bezahlen zu müssen, wie das heute gang und gäbe ist. Was mich interessiert sind neue, unverbrauchte Texte – wenn dann von Literatur gesprochen wird, dürfen sich andere darum kümmern. Zudem werde ich an Wettbewerben teilnehmen, damit ich häufiger auf Tischen in Buchhandlungen lande – ich sage mir: was lange währt, und: so Gott will.

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Du hast nicht nur einen Roman publiziert, sondern auch einen Verlag gegründet – Was reizt dich an der Verlagsarbeit? Harlekin: Vom Papier über die Schrift bis zum Logo alles selber bestimmen zu können, ist grossartig. Allerdings hatte ich auch viele Zweifel, ob ich in dieses Business wirklich einsteigen soll. Irgendwann war ich dann bereit, den ganzen Aufwand auf mich zu nehmen, damit ein Buch von mir erscheint. Jetzt plane ich Schritt für Schritt weiter. Selbst zu schreiben und zu publizieren, das ist schon ein ziemlicher Spagat. Mir schwebt auch etwas vor mit jungen, neuen Autoren, aber das steht noch halbwegs in den Sternen.


kultur

Marrakech and the art of doing nothing Die wunderbare Reise von Goran Saric und seinem Zweirad Birgit begann letzten November in Zürich und wird, wenn alles nach Plan läuft, noch ein Weilchen andauern. Für euch haben wir in chronologischer Reihenfolge ein paar seiner ersten Eindrücke abgedruckt. Von Goran Saric 10. November, 2010: Noch 12 Stunden bis zur Abfahrt und ich sitze immer noch vor dem Computer und scanne Dokumente! Nachdem ich mich bereits vier Mal endgültig von meinen besten Freunden verabschiedet habe, bin ich schlussendlich doch froh, dass ich nur 13 Tage in Verzug bin. Glücklicherweise habe ich Freitag, den 13., um einen Tag verpasst, wäre wohl auch nicht das beste Omen gewesen vor der Abreise. Meine Familie versucht mich tatsächlich immer noch zu überzeugen, später zu gehen oder gar nicht. Die traurigen Blicke und Weinattacken meiner hysterischen Jugo-Mama sind langsam nicht mehr auszuhalten, als ob ich für 30 Jahre zu Zwangsarbeit in Sibirien verdonnert worden wäre. Sie fragte mich doch vorhin tatsächlich, ob ich morgen Bananen mit auf die Reise mitnehmen möchte?! Wie auch immer, die Gute wird das schon überleben. Morgen fahre ich nach Lausanne, wo ich bei einer Freundin das Weekend verbringen. Danach werde ich wohl via Genf nach Lyon weiterreisen und dort, falls möglich, couchsurfen. 21. November, 2010: In Valence fand ich bei Cécile und ihrem Sohn eine Unterkunft als Couchsurfer, von wo ich am darauf folgenden Tag die Strecke Richtung Marseille in Angriff nahm. Da ich leider viel zu spät und Null vorbereitet los fuhr, war ich fast gezwungen, die Autobahn zu nehmen. Ich fror mir

Der Sprung raus aus dem Trott, rein in die Freiheit ist getan.

die ersten 100km wortwörtlich den Arsch ab, da es schon Nacht war und ich zu faul, die Innenhandschuhe in meinem Gepäckchaos zu suchen. Auf der Autobahn fuhr ich gemütlich den Lastwagen hinterher, da ich wegen meines Ladegewichts und wegen des schwachen Motors nicht mit 120km/h fahren wollte. In Marseille boten mir Caroline und Yotam ihre Couch an und zeigten mir die Stadt von all ihren Facetten. Als ich bei ihrem Block ankam, rannten lauter Immigranten-Kids zu meinem Motorrad und wollten das ich irgendwelche Tricks und krumme Dinge damit mache. Meine Gastgeber wohnten in einem fantastischen Apartment im

«Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben.» Alexander von Humbold

elften Stock im Zentrum, von dem aus man eine Wahnsinns-Aussicht hatte. Wir besuchten ein richtig abgefucktes Punkkonzert, das schrecklich und viel zu Laut war, so wie Punkkonzerte nun mal sein müssen! Marseille ist echt ‘ne geile Stadt, dreckig, lebendig und voller easy Leute. Die meisten, mit denen ich gesprochen habe, waren zwar keine Franzosn, harmonisierten aber super mit der rebellischen Stimmung, die in dieser Stadt herrscht und die an allen Wänden abgelesen werden kann. Definitiv eine Stadt, die ich während der Sommerzeit zukünftig wieder einmal besuchen werde. Morgen gehts weiter nach Perpignan, wo ich bei Radia als Couchsurfer unterkommen werde. Und bald steht dann die Überfahrt nach Afrika an. 26. Januar, 2011: Hallo liebe Leser! Ich habe Weihnachten und Neujahr überlebt und stecke immer noch in Marokko. Zuerst ein Zitat: Nach Merzouga machte ich mich auf den Weg Richtung Marrakesch. Dazwischen lagen jedoch über 600 Kilometer, so stoppte ich auf der Reise noch zwei Mal in kleineren Dörfern, die nicht weiter erwähnenswert sind. Im Vorfeld haben mir schon viele Reisende berichtet, dass Marrakesch ziemlich hektisch und stressig sei und dass man es dort nicht länger als drei Tage aushalte. Wirklich super – ich

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Goran und seine zweirädige Lebensabschnittsgefährtin Birgit kurz vor der Überfahrt nach Afrika.

Goran Saric (24) aus Zürich ist Informatiker und derzeit Weltenbummler auf dem Weg nach Madagaskar. Weitere witzige Anekdoten und philosophische Weisheiten aus Gorans Reise findet ihr in seinem Onlinetagebuch auf www.goga.ch!

Bild Goran Saric

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westlicher Holzköpfe die Leute deformieren. Kein einziges Klischee hat sich bestätigt, was mich auch nicht überrascht hat.

The kids from the hood Das Dachzimmer war leider nur für eine Woche frei, die restliche Zeit wohnte ich ausserhalb des Stadtzentrums mit einem Künstler zusammen. Dieser war im Besitz einer rolligen Katze, die mich permanent auf Trab hielt. Ich hatte am Anfang keine Ahnung, was los war mit dem Biest und sah als einzigen Ausweg, sie regelmässig in die Küche und ins Bad einzusperren, da sie mich keine Minute schlafen liess. Als mir ein paar Couchsurfer anhand der deutlichen Indizien klarmachten, dass die Katze einfach dringend eine sexuelle Interaktion brauchte, wurde mir einiges klar. Meinen Mitbewohner interessierte das nicht gross und er machte keine Anzeichen, dieses Problem irgendwie lösen zu wollen. Ich war kurz davor als Katzenzuhälter einzuspringen und der armen Katze einen Kater zu besorgen. Jedoch beruhigte sie sich aus unerklärlichen Gründen. Ich weiss echt nicht, was mein Mitbewohner mit dem armen Ding angestellt hat, aber sie ist nicht mehr rollig.

Nichtstun wird definitiv unterschätzt Die Tage beim Künstler habe ich mit Lesen, Gitarre spielen, Kaffee trinken, Leute treffen und Nichtstun verbracht. Während dem Nichtstun erwischte ich mich manchmal beim NochwenigerTun. Zwischen Nichtstun und Nochwenigertun lernte ich manchmal ein wenig Französisch, überraschenderweise

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Autor

kam gerade aus der total relaxten Wüste und wollte einen ganzen Monat in Marrakesch verbringen. Wie auch immer, als ich in der Nacht im Verkehrschaos der Stadt endete, erlebte ich zum ersten Mal den lokalen Fahrstil, der nur mit dem Adjektiv «wahnsinnig» gerecht beschrieben werden kann. Auf den Strassen in Marrakesch mutieren die Fahrzeuge zu Tieren. Nach dem darwinistischen Vorbild überlebt nur der Stärkste und somit hat der wahnsinnigere und mutigere Fahrer in der Regel Vortritt. Das Hupen gleicht mehr einem tierischen Fauchen, dessen Inhalt von keinem Menschen verstanden wird. Neben Autos findet man alles Mögliche vor: Rollstühle, Esel, Kids auf Skateboards, Pferde und unzählige kleine Mopeds, die teilweise beladen sind wie transatlantische Fähren. Nach ein paar Tagen hatte ich den Fahrstil adaptiert und war wegen meiner unbenutzten und lauten Hupe sicher unterwegs. Durch Chris (der Typ mit der Vespa, mit dem ich die restliche Strecke bis nach Südafrika fahren werde) kam ich an weitere Leute, die mir halfen, mich einzuquartieren. Ich wollte in Marrakesch bleiben, da mein Bruder hier landen sollte, mein bester Freund Dani auch bald hier sein würde und ich ja irgendwo auf Chris warten musste, da er mich sonst nie einholte. Die erste Woche lebte ich in einem Dachzimmer bei einer netten religiösen Familie, die mich behandelte wie ihren verlorenen Sohn, der nach tausend Jahren Krieg wieder den Weg nach Hause gefunden hat. Der Aufenthalt dort erinnerte mich an die Anti-Islam-Propaganda in ganz Europa. Unglaublich, wie Politiker und dummes Unwissen


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mit nicht besonders grossem Erfolg. Das Beste am Ganzen: Es ist mir total egal und ich finde Nichtstun mega geil! Es gehört definitiv zu den Tätigkeiten, die man in Europa mehr praktizieren sollte. Ich brauchte also ganze zwei Monate, um endlich mal relaxt nichts zu tun, ohne mich dabei schlecht zu fühlen. Ich habe auch aufgehört, zu versuchen, früh aufzustehen, und mir einen Sport daraus gemacht, möglichst lange zu schlafen, dann aufzustehen und zu lachen, falls schon wieder Nacht war. Ein weiteres Thema, das mich beschäftigt, ist Zucker. Dass ich noch nicht an Diabetes erkrankt bin, verdanke ich wohl einem Wunder. Die Menschen hier überzuckern alles extrem. Und wenn man etwas ohne Zucker bestellt, wird man als Idiot belächelt und man findet trotzdem Zucker im Glas. Wenn ich nicht gerade schleichend an Diabetes erkrankte, fand ich mich oft auf einer Strasse oder an einem Platz verweilend wieder, ohne wirkliches Ziel. Ziemlich abgefahren, wenn man irgendwo ohne Ziel landet und eine Menge Zeit hat. Man fängt an, die Möglichkeit zu geniessen, sich in Gedanken zu verlieren und erkennt Details, die man sonst nicht wahrnimmt, weil man ja normalerweise immer einem Ziel folgt und darauf fokussiert ist. Es ist, als ob man den Bus nimmt, um in ihm Zeit zu verbringen und nicht um von A nach B zu gelangen.

The Gang Mein Bruder Milan besuchte mich anfangs Januar noch und hatte zwei neue Josefs (so hatte ich meine Handschuhe getauft, die ich kürzlich verloren habe) für mich dabei. Zufälligerweise trafen wir in einem Restaurant Dani und Cathe, die Milan aus Zürich bekannt waren. Wir mieteten ein Auto und fuhren sieben Tage lang durch Marokko, besuchten sehr viele Kashbahs, schliefen in der Wüste und surften an der Küste. Surfen ist echt super cool und ich habe mich trotz der Gefahr, von menschenfressenden Haien zerfetzt zu werden, ins tiefe Meer getraut. Wir hatten eine super Zeit und ich vermisse die lustigen und dummen Gespräche jetzt schon! Als Milan abreiste, wurde ich plötzlich ziemlich krank und verbrachte eine schreckliche Woche mit der rolligen Katze in der Wohnung. Dabei wurde ich fast wahnsinnig. Es war das erste Mal, dass ich an dem ganzen Trip zweifelte und mir nichts anderes als ein Easyjet-Flugticket nach Zürich wünschte. Krank im Ausland zu sein ist echt die schlimmste HeimwehErscheinung, bei der sogar Neocitran nostalgische Gefühle auslöst und man sich nach der warmen Dusche und Zentralheizung sehnt. Aber auch diese Woche ging zum Glück vorbei und ich will mittlerweile alles andere als zurück nach Hause! Chris (der Vespa-Mann) ist mittlerweile in Tarifa und auch bald in Afrika. Morgen landen Dani, die Häbbis und Elias und ich werde mit ihnen einige Tage an der Küste surfen und Marrakesch endgültig verlassen.

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Jamaikas Hippies im Schatten der Gesellschaft Von Sarah Schlüter Was unsereiner über die Inhalte und Ziele von Rastafari weiss, beschränkt sich meist auf einige medial stark verbreitete Begriffe. Irgendwie geht es um Dope, Dreadlocks, Gott und Bob Marley. Rastas sind bekannt für ihren gemütlichen, von Reaggaemusik und Drogenkonsum geprägten Lebensstil werden aber auch mit einer naturverbundenen Suche nach absoluter «Reinheit» in Verbindung gebracht. Materieller Reichtum gehört weniger in das Wertesystem, das wir mit den sympatischen Hippies aus Jamaika assoziieren, obwohl bekannte Reggae-Stars wie die Söhne Bob Marleys nicht allzu schlecht von ihrem musikalischen Erfolg leben dürften. Da fragt man sich, was von den Songtexten über Befreiung, Nächstenliebe und Jah noch zu halten ist und ob Rastafari nicht längst Opfer der geschickten Vermarktung rot-grün-gold gestreifter, mit Hanfblatt bestickter Pulswärmer geworden ist. Ein Streifzug durch Jamaika, die Heimat von Reggae und Rastafari, eröffnet neue Perspektiven auf die von Klischees überladene Kultur. Was ist dran am Gerede von Jah? Einmal auf der Insel angekommen, müssen die zuvor gefestigten Vorstellungen einer vom Kommerz zerstörten, schon lange nicht mehr authentischen Kultur bald revidiert werden. Das Strassenbild in den Städten und vor allem auf dem Land ist durchtränkt von Rastafari. Und damit sind nicht die kitschigen Souvenirshops gemeint, deren Betreiber sich mit dem Hype um Bob Marley eine goldene Nase verdienen möchten. Der Anteil von Rastas, ob jung oder alt, ist weit grösser, als ich vor meiner Ankunft erwartet hatte. Von der Einseitigkeit des Musikgeschmacks ganz zu schweigen. Aus jedem Laden, Auto, Imbiss oder Wohnzimmer schallt laute Reggae-Musik in deren Rhythmus sich allgemein das Leben abzuspielen scheint. Mit gemächlichem Schritt schiebt ein jeder sich durch die Strassen, um alle 50 Meter mit einem Bekannten oder Verwandten auf ein Tütchen und ein Schwätzchen zu verweilen. Was in meinen touristischen Augen zuerst aussieht wie das mit Klischees überladene Set eines Reggae-Videos, ist verblüffenderweise Realität: Menschen mit aufgetürmten Dreadlocks, denen seit Jahrzehnten keine Schere mehr nahe gekommen ist, verfilzten Bärte, riesigen bunten Strickmützen,

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unter denen die Haarpracht verschwindet, Halsketten und T-Shirts mit Bildern von Haile Selassie oder Bobby. Zwar sind nur etwa zehn Prozent der jamaikanischen Bevölkerung bekennende Rastafari, die modische und musikalische Orientierung aber ist weit verbreitet. Die von den «original Rastas» abfällig als «Dreads» bezeichneten Männer, die zwar mit den typischen Dreadlocks glänzen, ansonsten aber keine Ahnung haben von Rastafari, sind ausserdem im ersten Moment, zumindest äusserlich, kaum von Ersteren zu unterscheiden. Schnell stellt man allerdings fest, wer die Haarpracht lediglich für die Steigerung seiner Flirtchancen mit amerikanischen und europäischen Touristinnen trägt und wem es mit dem «natural lifestyle» ernst ist. An jeder zweiten Ecke gibt es einen Food-Stand, der «ital» Gerichte verkauft: veganes Essen, das ohne den Zusatz künstlicher Inhaltsstoffe wie Geschmacksverstärker und oftmals sogar ohne Salz gekocht wird (schmeckt auch so...). Nicht alle Rastas sind konsequent in ihrem Verzicht auf die verpönten Nahrungs- und Genussmittel wie Fleisch, Alkohol und Zigaretten. Überhaupt gibt es unzählige Abstufungen in der Intensität des Glaubens und der Positionierung gegenüber dem Rest der jamaikanischen und internationalen Gesellschaft. Wo die einen offen auf Ausländer reagieren, verschliessen sich andere und äussern sich feindselig gegenüber Weissen und deren «unnatürlichem» babylonischen Lebensstil. Rastafari ist keine einheitliche Religion, sondern in unterschiedlichste «tribes» oder «houses» unterteilt, die verschiedene Werte und Interpretationen vertreten. Haile Selassie, dessen Namen man ebenfalls aus Reggae-Liedern kennt, wird als Repräsentant von «Jah» (abgeleitet von Jehova) angesehen, von den meisten Ratafaris aber nicht in Form einer ChristusFigur interpretiert, sondern eher als Messias, als Botschafter von Jah, und gleichzeitig als irdischer politischer Akteur für Gerechtigkeit und Freiheit. Selassie war der letzte äthiopische Kaiser, der das Land in den 1930er Jahren ebenso wie später von den 40ern bis in die 70er hinein regierte. Haile Selassies königlicher Titel lautete «Ras Tafari Makonnen», wovon sodann der Name der Rastafari-Religion abgeleitet wurde. Äthiopien spielt in den Augen der Jamaikaner, die grösstenteils von ehemaligen versklavten Afrikanern abstammen, eine wichtige

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«Jah! Rastafar-i»: Ein Ausruf, der in Jamaikas Strassen aus jedem Winkel ertönt und den auch hierzulande alle Reggae-Fans kennen. Was steckt hinter dem mystifizierten Glaubensbekenntnis der Anhänger von Haile Selassie?


Näher an Gott dank «Zion Wires» Das kurzsichtige Abtun von Rastafari als Sektenkult einiger verirrter Ganja-Konsumenten stellt aber eine zu einseitige Sichtweise dar. Bereits die rasante globale Ausbreitung (Rastafari wird als die am schnellsten wachsende soziale und religiöse Bewegung der Welt bezeichnet) und die tiefgehende,

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Rolle innerhalb der afrikanischen Gemeinschaft. Der unabhängige Staat war bis 1957 eine Enklave zwischen seinen kolonialisierten Nachbarländern, weshalb der Kult um Kaiser Selassie mit der Forderung nach afrikanischer Unabhängigkeit und dem Widerstand gegen die koloniale Unterwerfung in Verbindung gebracht wird. Ein weiterer Faktor der Mystifizierung Äthiopiens ist der Glaube an die Abstammung des ersten äthiopischen Kaisers Menelik I. vom israelitischen König Salomo, also eine indirekte Verwandschaft mit Jesus, in deren Linie denn auch Selassie einzuordnen ist. Äthiopien fungiert als Antithese zum biblischen Babylon, in dessen Tradition die Handlungen aller unterdrückenden politischen und ökonomischen Mächte interpretiert werden. Was dem aufgeklärten Zuhörer oft als wild zusammengekleisterte Verschwörungtheorie erscheint, ist für viele Rastas bitterer Ernst: Die Dominanz der Weissen, die kapitalistische Unterdrückung der Massen, politische Ungerechtigkeiten, Terroranschläge, Weltkriege, der Tod von Bob Marley - alles ein babylonischer Komplott der herrschenden Klasse.

lebenslange Prägung der Jamaikaner durch die Religion machen eine genauere Betrachtung nötig. Ebenso die historische Entwicklung des Glaubens, die stark mit dem Sklavenhandel verstrickt ist und als Instrument der Selbstbehauptung der entwurzelten jamaikanischen Bevölkerung angesehen werden muss. Rastafari stellt gleichermassen den Widerstand gegen die weisse Dominanz und den Weg aus der Identitätslosigkeit dar. Die Heimkehr nach Afrika – wenn auch nicht in physischer Hinsicht, so doch wenigstens in spiritueller Form, ist der Ausgangspunkt, um den sich der Glaube ausgebreitet hat. Afroamerikanische Missionare des 19. und 20. Jahrhunderts hatten einen massgeblichen Einfluss auf die Gründung der Religion, so etwa Marcus Garvey und seine «United Negro Improvement Association» UNIA. Er forderte, wie viele seiner Mitstreiter zu Anfang des 20. Jahrhunderts, die Wiederbelebung der schwarzen Identität, in politischer wie in spiritueller Hinsicht. Garvey prophezeite die Befreiung des afrikanischen Kontinents durch einen weisen schwarzen König - hier kommt aus Sicht der Rastas natürlich nur Haile Selassie in Frage. Leonard Howell, einer der ersten Rastas, der 1930 die Botschaft von Selassies Krönung nach Jamaika brachte, trug massgeblich zur Verehrung des äthiopischen Herrschers als Erlöserfigur bei. Selassie, der die Macht über Staat und Religion unter seiner Krone vereinte, forcierte die Bindung zum Karibikstaat und besuchte Jamaika im Jahre 1966, was dem Wachstum der Rastafari-Bewegung nochmal

Zwischen Bananenstauden und Kokospalmen findet man so manchen von einem Rastafari betriebenen Imbissstand - meist gibt es hier nur «ital food».

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Für ein Schwätzchen mit dem Nachbarn fehlt nie die Zeit.

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erinnern sollen. Niemand steht zwischen Gott und dem Rasta, es gibt keine Vermittler und Übersetzer, niemanden, der auf Erden die wahrhaft Gläubigen von den Ungläubigen unterscheiden könnte. Ein Leben abseits von Babylon? Ein beträchtlicher Teil der Rastas lebt weitgehend autark von den Erzeugnissen des eigenen Gartens oder den Produkten, die in der Nachbarschaft angebaut und getauscht werden. Das Bild von Ganja rauchenden Männern jeden Alters, die vor ihrer bescheidenen Wellblech- oder Holzhütte auf einer sonnigen Mauer sitzen und ganzen Tag mit vorbei gehenden Freunden und Familienmitgliedern diskutieren, bevor sie sich abends dann doch noch ein, zwei Stunden ihrem Gemüsegärtchen widmen, ist für europäische Augen mehr als ungewohnt. Im Gespräch stellt sich dann oft heraus, dass ihre Situation ohne Lohnarbeit und demnach ohne Aussicht auf materiellen Wohlstand, manchmal der Diskriminierung der Rastas geschuldet, manchmal aber auch eine selbstgewählte Verweigerung ist. Der glückliche Umstand, dass die jamaikanische Erde so fruchtbar ist und praktisch aus jedem ausgespuckten Fruchtstein eine neue Pflanze erwächst, ermöglicht den Kleinbauern eine Existenz, zwar von der Hand in den Mund, jedoch ohne Hunger und Elend. Ein Leben abseits des Arbeitsmarktes ist heutzutage aber nur noch teilweise möglich und viele Rastas sind gezwungen, zumindest einer Nebenbeschäftigung nachzugehen, um über die Runden zu kommen und ihre Sprösslinge zu ernähren. Besonders in den grösseren Städten ist ein Ausweichen vor Modernisierung und Konsum schwierig, die Zeiten des ungestörten Kommunenlebens gehören der Vergangenheit an. Dörfliche communities hingegen, welche die Betonung noch stark auf die Naturverbundenheit von Rastafari legen, folgen tatsächlich einer Lebensweise, die dem individualistischen Menschenbild der kapitalisierten Welt widerspricht. Muster wie die Anhäufung von Wohlstand, das abgekapselte Leben in einer Kleinfamilie und das zukunftsorientierte Denken gehören definitiv nicht zur Idee von Rastafari. Die offen gelebte Sexualität und der verbreitete Marihuana-Konsum unter den Dorfbewohnern erinnern stark an die hiesige 68er Bewegung: tatsächlich gab es zu dieser Zeit intensive Kontakte zwischen Jamaikanern und westlichen Hippies, die auf der Insel einen wahrhaftigen Garten Eden vorfanden. Statt der Kleinfamilie trifft man in Jamaika auf ein Leben in netzwerkartigen Strukturen von mehreren Erwachsenen und deren Nachwuchs. Ein jeder ist hier «brother» und «sista», was durch die verwobenen Familienstrukturen zum Teil der Wahrheit entspricht, aber auch durch die symbolische Verschmelzung zu einer neuen «Familie» gegen die weissen Unterdrücker zu erklären ist. Das dörfliche Leben in nachbarschaft-

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einen massiven Schub gab. Selbst die repressiven Massnahmen der Regierung und die fortschreitende Ausgrenzung der Rastas vom gesellschaftlichen Leben (etwa Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt) konnten den Kult nicht brechen, sondern stärkten in vielen Fällen die ablehnende Haltung der Rastas gegenüber kapitalistischer Modernisierung und der westlichen Kultur. Obwohl das Mit- und Nebeneinander von Rastas und Nicht-Rastas in Jamaika auf den ersten Blick friedlich und problemlos zu funktionieren scheint, sind gewisse Strukturen einer Parallelgesellschaft nicht zu übersehen. Rastafari konnte den Charakter einer UntergrundBewegung im Widerstand gegen das Establishment und die Selbstbehauptung des Ich im Gegensatz zur Unterwerfung unter politische und religiöse Rangordnungen über die Jahrzehnte aufrecht erhalten. Statt der Orientierung an Autoritätspersonen wie Priestern und Kirchenvätern geschieht in der Rasta -Kultur eine Wendung nach innen, zum eigenen Ich. Gott ist in jedem, jeder IST Gott. Das Erlernen der Rituale und Weisheiten geschieht ebenfalls in einer nicht institutionalisierten, familiären Art und Weise, indem Wissen und Ansichten mündlich weitergegeben und beim gemeinsamen «reasoning» geteilt werden. Mit Hilfe von Marihuana versetzt man sich dabei in einen meditativen Zustand der Selbst- und Gottesreflexionen, was zu neuen Erkenntnissen oder - realistisch betrachtet - wohl eher zu abgedrehten Drogenräuschen verhilft. Hier spielen die Dreadlocks eine entscheidende Rolle. Auch «zion wires» genannt, fungieren sie wie Antennen, die eine Verbindung zu Jah herstellen und ausserdem an die Mähne eines mächtigen Löwen und damit an Afrika


Brethren, sistren and I Die homophoben und sexistischen Elemente der Religion werden oft kritisiert. Wahrhaftig machen auch meine Freundin und ich schon nach einigen Tagen in Jamaika Erfahrungen mit diesen diskriminierenden Konzepten. Eine Frau, die die Insel besucht und nicht interessiert ist an einer Beziehung mit einem Einheimischen, sei dies auch nur für einige Tage, wird mit Argusaugen beobachtet und Homosexuelle brauchen gar nicht erst auf die Idee kommen, einen Fuss auf den jamaikanischen Sand zu setzen. Der Diskurs über menschenfeindliche Aufforderungen zur Tötung von Homosexuellen in den Songtexten bekannter Reggae-Musiker wie «Buju Banton» oder «Sizzla» nahm auch hierzulande viel Raum ein und und führte zu etlichen Konzert-Absagen. Jegliche Abweichung vom «natural way of life» ist gemäss allgemeinem Konsens der Rastafari zu verachten und zu bestrafen. Auch die «sistren», weibliche Rastas, reihen sich meist ein in die Verbreitung dieser Ideologien, indem sie die biblischen Rollenmuster propagieren. Die Wurzeln des patriarchalisch geprägten Rollenverständnisses der jamaikanischen Gesellschaft sehen viele Experten in den früheren ökonomischen Umständen. Die Männer waren, wie in Europa, seit jeher dafür verantwortlich, für den Unterhalt ihrer Familie zu

sorgen. Die finanzielle Unabhängigkeit gilt somit als eindeutiges Zeichen von maskuliner Stärke und ist nicht auf das schwache Geschlecht zu übertragen. Obwohl auch die Rasta-Frauen ihre Identität als «lioness» und «emperesses» betonen, also durchaus von einer weiblichen Stärke und Besonderheit sprechen, bewegen sie sich meist in den Mustern einer häuslichen, familiären Zuständigkeit und sehen sich als rationale und emotionale Stütze ihres Ernährers. Diese traditionelle Aufgabenverteilung wird allerdings im modernen Zeitalter untergraben durch den ökonomischen Zwang, der auch vor den autark lebenden Rastas nicht Halt macht. Das Überleben durch kleine Selbstversorger-Shops und nachbarschaftliches Kommunendasein wird verunmöglicht durch die wachsende Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Kann der Ehemann und Kindsvater dies nicht garantieren, muss eben die Frau einspringen und sich einen Job suchen. Durch die ökonomisch höher gestellte Position mancher Frauen wird die Überlegenheit der Männer generell in Frage gestellt. So entsteht ein Paradox zwischen der spirituellen Einheit in Jah und der damit verbundenen Ablehnung aller von Babylon herangetragenen Unterdrückungsmechanismen und der Unmöglichkeit, abseits des Marktes zu existieren. Die kapitalistische Interpretation der Frau als sexualisiertes Objekt, die durch Werbung und Marketing verbreitet wird, ist selbstverständlich abzulehnen und im Sinne von Rastafari durch ein Ideal der Natürlichkeit zu ersetzen. Was aber ist «natürlich»? Die weibliche Rolle, wie sie durch die Bibel vermittelt wird? In diesem Sinne gilt die Frau, so sehr sie auch für ihre Rolle als Mutter geschätzt werden mag, schnell bloss noch als Gebärmaschine und Hausmütterchen. Durch eine solche Sichtweise werden neue Unterdrückungsmechanismen institutionalisiert, die sich wenig von den scheinbar so verachteten babylonischen Werten unterscheiden: das schwache Geschlecht, die Norm der Heterosexualität, die Verantwortlichkeit des Mannes als Ernährer. Die Separierung von menstruierenden Frauen von ihren Ehemännern ist nach wie vor gang und gäbe in vielen Rasta-Haushalten, ebenso wie die Verweigerung jeglicher Verhütungsmethoden. Wer schlussendlich mit einer Horde von Kindern zu Hause hockt und auf Unterhalt hofft, ist klar: nicht der Mann. Zwar muss hier gesagt sein, dass die Versorgung der Kinder, nicht bloss in finanzieller Hinsicht, für viele Rastas auch Männersache ist. Viele kümmern sich liebevoll um ihre Sprösslinge, was ihnen das Macho-Image natürlich erstmal nimmt. Die Ablehnung weiterführender Ausbildung und «babylonischer» Karrierewege jedoch verunmöglicht oft die finanzielle Versorgung der Kinder und treibt die gesamte Rasta-Gemeinschaft in einen ewigen Kreislauf von Armut und Randständigkeit, der die Diskriminierung innerhalb der sich modernisierenden jamaikanischen Gesellschaft nährt.

gott und die welt

lichen Gemeinschaften wirkt auf den ersten Blick sympathisch und die Vorstellung, von materiellen Werten Abschied zu nehmen, um mehr Zeit für die Selbstfindung zu haben, regt zum Träumen an. Die negativen Seiten des bescheidenen Daseins der Rastas im Schatten der modernen Gesellschaft, zeigen sich jedoch bald, insbesondere wenn man den einheimischen Frauen ein Ohr schenkt. Zwar gibt es in vielen Communities auch Frauen, jedoch sind sie allgemein in der Minderheit und kommen meist durch die Beziehung zu einem Rastaman in Kontakt mit der Religion. Frauen, die nicht Rastafari sind, blicken oft verachtungsvoll auf die Rastas herab, da diese in ihrer strikten Ablehnung Babylons meist weder eine Ausbildung noch einen festen Job haben und eine karge Existenz als Shop-Betreiber oder Ganja-Dealer vorziehen. Das hindert die Herren der Schöpfung aber nicht daran, ihr Erbgut möglichst weit zu verbreiten und trotz leeren Taschen zahlreiche Nachkommen zu zeugen, für deren Bedürfnisse sie schlussendlich nicht aufkommen können. Die Rechtfertigung dieses Verhaltens ist schnell gefunden: die Bibel sagt, der Mensch solle sich fortpflanzen. Ausserdem sei es wichtig, die schwarze Gemeinschaft weiter wachsen zu lassen, betonen die nach Afrika orientierten Rastafari. Was passieren kann, wenn man die Bibel zu ernst nimmt und in rassistischen Kategorien denkt, kann man zur Genüge an den meisten Religionen dieser Erde beobachten und hier stellt Rastafari keine Ausnahme dar.

Autorin Redaktorin Sarah Schlüter (22) studiert im 8. Semester Politik- und Literaturwissenschaften an der Universität Zürich.

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kultur

Hiobs Quäntchen Glück Die Gebrüder Coen haben sich in der Independent-Filmszene einen festen Platz erkämpft. Mit «A serious man» (2009) wagten sie sich an die uralten Fragen der Menschheit. Ob sie aber auch Antworten liefern? Von Christian Wimplinger «Es gibt einen kausalen Zusammenhang zwischen unseren Handlungen und dem, was uns hier auf Erden widerfährt.» Diese Überzeugung bildet seit Jahrtausenden das Fundament jüdischen Weltverständnisses, das auch ein ehrenwerter Ausreisser wie Hiob nicht zu erschüttern vermag. Hiob hat nichts verbrochen, soviel steht fest. Und dennoch hat er Gottes Strafen zu erdulden. Vielleicht hat sich sogar Gott etwas zu schulden kommen lassen? Der Allmächtige scheint seiner aufgestachelten Wettlaune erlegen zu sein, anstatt für die reibungslose Zuordnung von wohlgesonnenem Schicksal und gutem Handeln zu sorgen. Der Teufel kommt bei ihm zu Besuch, macht grossspurig weltmännische Faxen und, zapzarap: kostet das Hiob gleich sein Eigentum, die Gesundheit und die Familie. Die Geschichte vermittelt den Eindruck, dass unser Ergehen von der äusserst überempfindlichen Reizbarkeit Gottes abhinge. Die schickere Alternative ist aber zweifellos zu sagen: «Gottes Wege sind unergründlich.» Gott ist jedoch nicht nur für die Belohnung moralisch guten Handelns verantwortlich, sondern seit Newton auch eine Wirkgrösse der Mechanik. Er bürgt für den Zusammenhang zwischen materieller Ursache und Wirkung. In der mittelalterlichen Scholastik sprach man hinsichtlich dieser Frage, ob Gott alle Kausalzusammenhänge bereits in der Schöpfung determiniert habe oder ob er kontinuierlich für sie Sorge trage, von einer Arbeitsbeschaffung Gottes, wenn man sich für Letzteres aussprach. Im Zeitalter des Handwerkes war ein untätiger Gott schwer vorstellbar.

Culture Clash oder: Just physics? Oder ist es vielmehr Gott, der durch den Hiob-Mythos Arbeit schafft? Ethan und Joel Coen wagen sich mit A Serious Man erneut an dessen Aktualisierung heran. Und auch hier stellt sich für den Protagonisten Larry Gopnik, als ihm seine Frau Judith die Scheidung ankündigt, die Frage: «Warum? Ich hab‘ doch nichts gemacht!» - «Eben darum», müsste die ausbleibende Antwort lauten. Die simple Feststellung, dass unter Umständen Nichtstun am Schlimmsten sein kann, macht noch lange keinen guten Film. Dass den Coen-Brüdern aber ein solcher gelang, steht für mich ausser Zweifel. Wie kommt es zu dieser Scheidungsankündigung? Larry Gopnik ist ein arbeitsamer Physikprofessor an der Universität Minneapolis, Minnesota, im Jahre 1967. In seinen Vorlesungen spricht er gerne mal

über Schrödingers Zombie-Katze, um seinen Studentinnen und Studenten klar zu machen, dass es in der Quantenmechanik Teilchen gibt, die sich an mehreren Orten gleichzeitig befinden. Die Quantenmechanik hat bekanntlich die Newtonsche Mechanik für überholt erklärt. Und insofern sie nur Theorie bleibt, läuft auch privat alles prima. Aber es kommt anders. Ein koreanischer Student, der aufgrund einer nicht bestandenen Prüfung in Larrys Büro erscheint, liefert den Beweis, dass er die geprüfte Quantenmechanik samt Schrödingers Katze verstanden hat. Es taucht wie aus dem Nichts ein Geldkuvert auf, das Larry als Bestechungsversuch des koreanischen Studenten interpretiert. Als Larry ihn tags darauf, um die Situation zu klären, zu sich bittet, weist der Student darauf hin, dass er nichts vermisse. «I know where everything is.» Ergo könne die Geldspende nicht von ihm sein. Und lehrt Larry nicht selber im Hörsaal, ein Teilchen könne sich gleichzeitig an verschiedenen Orten befinden? Wieso dann nicht auch ein Geldkuvert? «Accept the mystery!», meint der Vater des Studenten zu Larry. Die folgenden Hiobsbotschaften für Larry scheinen sich in ihrer irrwitzigen Komik gegenseitig übertreffen zu wollen. Zu Beginn steht die Scheidung und die darauffolgende Wiedervermählung von Larrys Frau mit Sy Ableman, der Larrys Aussichten auf eine Beamtenposition an der Universität mit brieflichen Verleumdungen an die Begutachtungskommission torpediert. Larrys Auszug von Zuhause wird an seinem eigenen Tisch von seiner Nochehefrau und deren Liebhaber Sy mit liebevoll bösem Kopftätscheln beschlossen.

Hauptprotagonist Larry Gopnik sucht den Draht zu Gott.

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Die simple aber harte Logik des Geldes macht Larry schuldig, obwohl er, wen wundert‘s, wieder nichts getan hat. Das Geld im Kuvert lag einfach auf seinem Schreibtisch, aber rein technisch betrachtet, verpflichten ihn die 3000 Dollar in seinen Händen dazu, ein «Nicht bestanden» aus seinem Notenbüchlein auszuradieren. Der enttäuschte Ausdruck Benjamin Franklins auf der 100-Dollar-Note, der materielle Ursprung von Larrys schlechtem Gewissen, gebietet, gerecht zu handeln, was gleichzeitig bedeutet, den restlichen Studierenden Unrecht zu tun. Auch Larrys Sohn Danny, das einzige rothaarige Schäfchen der schwarzhaarigen Familie Gopnik, behält nur mit Mühe die Schuldenübersicht – Schulden, die notwendig waren, um seinen beträchtlichen Bedarf an Marihuana zu finanzieren. Gleich zu Filmbeginn, nach einem Präludium in einem mittelalterlichen Schtetl, wird die Beschlagnahmung von Dannys Radio, in dessen Ledertasche er einen schuldigen zwanzig Dollarschein steckt, mit Larrys Gesundheits-Check parallel montiert. Der Film endet wiederum mit einer Parallelmontage, in der Larry von seinem Arzt über seine bedenklichen Röntgenresultate informiert wird und Danny, während ein wuchtiger Tornado die Stadt zu zerstören droht, abermals versucht, seinem Mitschüler zwanzig Dollar zurückzugeben. Die Geldschulden werden auf diese Weise in enge Verbindung mit moralischer Schuld und deren Vergeltung durch Krankheit und Katastrophen gebracht. Zu den Schuldenbergen, die sich vor Larry aufzutürmen beginnen, addieren sich in tragikomischer Wucht die Beerdigungskosten von Sy Ableman. Es scheint den Coen-Brüdern Spaß zu machen, ihre erschaffene Figur Larry zu quälen – wie sie auch in einem Interview gestehen.

Unerhörtes auf Radio Rabbi

Autor Christian Wimplinger (24) studiert Germanistik und Philosophie an der Universität Wien.

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Genau in der Mitte des Filmes weckt eine dritte Parallelmontage bei den ZuseherInnen die Erwartung, dass Larry und Sy Ableman in einen gemeinsamen Verkehrsunfall verwickelt werden. Tatsächlich geschehen jedoch zeitgleich zwei unabhängige Verkehrsunfälle, wobei Larry mit einem Blechschaden davonkommt, Sy Ableman kostet es das Leben. Larry weiss um die Simultanität der Unfälle – ein weiterer Grund, um bei den Rabbinern Rat zu suchen. Was hat Gott mit uns vor und was will er uns damit sagen? Könnte nicht doch Larry der Verursacher des tödlichen Unfalls sein? Zumindest in einer quantenmechanischen Welt? Der zweite Rabbi, den Larry besucht, erzählt ihm die abgedrehte Geschichte eines Zahnarztes, der auf der Innenseite des Gebisses einer seiner nicht-jüdischen Patienten den folgenden Schriftzug auf hebräisch eingraviert findet: «Help me. Save me.» Doch was hilft das Larry? Selbst der Rabbi zuckt lächelnd mit den Schultern. Die Quintessenz der Erzählung

des Rabbis stimmt in etwa mit den Resultaten des Heisenbergschen Beweises der Unschärferelation überein: «It proves we can’t ever really know what’s going on.» Es muss also ein noch älterer, noch weiserer, noch lebenserfahrener Rabbi her, der naturgemäss sehr ausgelastet ist, obwohl er alleine in seiner faustischen Kammer hockt und tut, was ein weiser Rabbi tun muss: denken. Keine Zeit für Larrys Probleme. Dennoch erhält der Zuschauer eine Kostprobe seines scharfen Verstandes, als Danny nach seiner Bar Mizwa zu einem Gespräch mit dem Rabbi gebeten wird. Dieser spricht mit getragener salbungsvollen Stimme: «When the truth is found to be lies and all the hope within you dies, then what?» Ein Zitat aus einem Song der Band «Jefferson Airplane», die 1967 auf allen Radiokanälen zu hören ist. Vielleicht hat der Rabbi in seinen Denkpausen zum Radio gegriffen und wertvolle Inspiration erfahren?

Heute live zu Gast: Gott «Better find somebody to love» - so der Titel des Songs, aus dem der Rabbi zitierte. Der Weisheit letzter Schluss ist einfach und wird, wie im streng orthodoxen Glauben üblich, nicht durch einen Rabbi vermittelt. Denn ein Jude braucht kein Verbindungsglied zu Gott. Die göttliche Erklärung wird stattdessen ganz unorthodox-orthodox via Wellenlängen verbreitet. Larry selbst hat Gelegenheit, die Macht dieser Worte an eigenem Mark und Bein zu spüren, als er auf dem Dach seines Hauses fachmännisch-ungeschickt mit der Antenne herum hantiert. Die ZuseherInnen hören dabei, wie bei der Suche nach einem Radiosender, ein schwer zu differenzierendes, verrauschtes Gemenge aus «Jefferson Airplane» und dem Singsang der Rabbiner. Seine Aufmerksamkeit wird jedoch von einer sündig nackten Frau in Nachbars Garten abgelenkt. Larrys geheimnisvolle sonnenbadende Nachbarin lässt sich frisch gekühlten Eistee zu einem freundlich knisternden Zug Marihuana schmecken. Wenn doch auch Larry die Stimmen aus den Radiosignalen hören und dem Rat «Better find somebody to love» folgen könnte, dann bliebe ihm der mühsame Weg zu den Rabbinern erspart.

ZUM FILM

A SERIOUS MAN, USA (2009). Regie: Ethan und Joel Coen. 106 Minuten, Universum Film.

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Schuld und Schulden


Welche Götter gegen welche Welten? Von Stefan Kovac Seit tausenden von Jahren in denen wir die Welt regieren, versuchen wir zu erfahren, zu erklären und probieren, mit irgendwelchen Beweisen, Götter nachzuweisen. Meistens sind sie sehr amüsant, manche argumentativ interessant, viele beruhen auf Erscheinungen andere auf Erleuchtungen, alle sind hingegen spekulativ, weil immer inkonklusiv. Götter, ich will es nicht missen, sind stets eine oder mehrere Entitäten, und um darüber genaueres zu wissen, schliessen wir aus ihren Spezialitäten, Eigenschaften, Möglichkeiten und weisen hin auf Dinge, die unseren Verstand übersteigen, schreiben diese nieder, als machen sie Sinn, um damit andere zu überzeugen. Ich will hier auf keinen Fall blasphemisch wirken, doch einiges sei noch erwähnt. Warum mir beim Glauben die Neuronen streiken, mich das Gerede von einer höheren Macht meist beschämt. Nehmen wir an, dass jeder Gott sei, und jeder dieser, egal welcher Religion, sei wahr, wie kein Huhn ohne Ei, so fragt man sich in solcher Situation, welcher Gott hat denn die Welt gegeben, in der wir um seines Glaubens leben? Meinerseits bin ich Fan des alten griechischen Glaubens, weil es den demokratischen Gedanken enthält, an der Spitze ein Triumvirat herrscht, das meistens, mit Streit zwischen den einzelnen Götter anfängt: Zeus die Blitze schleudert, der Poseidon das Meer mit seinem Dreizack aufwirbelt wie Hades mit dem Totenheer, und allesamt versuchen, über die Welt Gottesfurcht zu legen, während die Menschen jenen ihre Opfergaben geben.

polyrik

POLYRIK

Ich kenne das nicht, ich habe eine Schwester, die Vera, ohne Kinder, nicht wie Zeus mit der Hera. Nun jedoch zurück zu unserem Thema, irgendwie ergibt der Gedanke kein Schema, denn, was für ein Gott es auch sein soll, wäre er noch so mächtig und unglaublich toll, Alleinerschaffer oder in Zusammenarbeit, wäre alles wahr, es stünden Welten für uns bereit. Jedem Gott seine eigene Welt, in der er jeden und alles kennt, es wäre wie im Schlaraffenland und niemand nehme mehr Überhand. Die Diskussion über den Glauben wäre vorbei, doch das Huhn stammt immer noch aus dem Ei, das habe ich erst kürzlich gelesen, auf meiner Welt mit seinen Wesen, jeder Welt seinen eigenen Glauben, es gäbe keine Verstände mehr zu rauben. Doch diese Welten beruhen auf diesem Planeten, mit Glauben, Religion und den jeweiligen Propheten. Jeder hat Recht, Götter sind gross, die Welt ist klein, doch dass etwas ist und nicht ist, kann einfach nicht sein. Entweder ist es oder es ist eben nicht, muss jeder selber wissen, das ist meine Sicht. In Diskussionen über den Glauben und Gott, setze ich mich jeweils ab, die habe ich satt. Und fragt mich dennoch jemand, passiert jeweils selten, tue ich überrascht: «Welche Götter gegen welche Welten?»

Dichter Redaktor Stefan Kovac

Jene, die Brüder haben, wissen es besser als ich, Kämpfe innerhalb der Familie sind fürchterlich, das muss den alten Griechen zugestehen, Blitze wären imposant gegen Bruders Benehmen.

(31) aus Zürich studiert Geschichte, Philosophie und Politikwissemschaft an der Universität Zürich.

Bild Yonatan Bren

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«The best political science department in Switzerland» Die Personalkrise am Institut für Politikwissenschaft entschärft sich langsam aber sicher. Zwei Disziplinen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, erhalten neue Professoren. Das zoon politikon fühlte ihnen ausserhalb des Vorlesungssaals auf den Zahn.

Marco Steenbergen Welche sind Ihre Forschungsschwerpunkte, was interessiert Sie besonders auf Ihrem Gebiet? Marco Steenbergen: My research can be divided into methodological and substantive contributions. Since my chair is in methods, I’ll start with my methodological research first. Here, I am particularly interested in two areas: causal inference and choice models. Causality is a bit like the holy grail of political science. Ultimately, political scientists would like to know what causes outcomes like war and prosperity. But drawing valid causal inferences is also one of the most difficult challenges of science. The old dictum that correlation is not causation remains very true. While it is relatively easy to assess whether two phenomena hang together, marking one as a cause and the other as the effect is difficult. Even if we have a clear cause in mind – for example, some policy – then establishing its true effect is not easy. But a lot of progress has been made and my research team and I have been working to expand political scientists’ tool chest for drawing causal inferences. My work on choice models has a different background. It is inspired by two ideas. The first is simply that choice is a defining aspect of politics – politics is about making choices. The second is that, if we want to model choice behavior, it better reflects realistic assumptions about human decision making. Many of the statistical models of choice treat people as if they are capable of handling large amounts of information. We know this is not true. Thus, I have been working on models that make more realistic assumptions about human behavior. Actually, my methodological work on choice behavior ties in very neatly with my substantive work. Apart from being trained as a methodologist, my background is in political psychology.

in political psychology fit particularly well with the focus on democracy that is reflected in, for example, the NCCR. I also was particularly interested in the position because it is a methods professorship. Methods training has always been an important part of my teaching. When I decided to move from the US to Switzerland in 2007, I decided that I needed a break from it. My chair in Bern was in political sociology and political psychology. But I very quickly found that one of the most important contributions I can make to students’ education is by imparting methodological knowledge. Thus, even in Bern I have begun to teach more methods. I am looking forward to doing even more of this in Zürich. Was erhoffen Sie von Ihrer Arbeit and der Uni ZH? Haben Sie bestimmte Pläne oder Ziele bezüglich des Methoden-Unterrichts? Marco Steenbergen: My hope is to help strengthen the IPZ even further. The methods chair provides unique opportunities in this regard. Methodology plays an ever more central role in political science. Political methodology is now a recognized sub-field of political science and many of the best depart-

ZUR PERSON

Marco Steenbergen Marco Steenbergen wird zum HS 2011 hin die Vorlesung zur Einfühung in die Methoden übernehmen. Er hat an der Universität Amsterdam den Doktor in Politikwissenschaften gemacht und war associate professor an der Carnegie Mellon University und assistance professor an der University of North Carolina. In den letzten vier Jahren war er Professor für Politische Soziologie und Politische Psychologie an

Was fürt Sie an die Uni Zürich, wie kommt es zu der Anstellung als Methoden-Professor am IPZ? Marco Steenbergen: What brings me to Zürich is actually quite simple. In my opinion, the IPZ is the best political science department in Switzerland and one of the best in Europe. I want to be part of such a department. I also believe that my interests

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der Universität Bern. Kleine Randbemerkung: Die Vorlesung wird dann schon auf Deutsch gehalten.

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Die Interviews führte Sarah Schlüter


Was bieten Sie den Studenten und was erwarten Sie von Ihren Studenten? Wie gestalten Sie Ihren Unterricht? Marco Steenbergen: Few students are drawn to political science because of methods. I did not start out that way either. I was interested in international relations when I started by BA and only then decided to study methods because they seemed relevant for the kinds of questions I wanted to answer. Eventually, I got hooked on the methods and sort of abandoned international relations. The nice thing about this path is that I discovered the value of political methodology myself. Nowadays, it is more common to force students to study methods before they can discover their need. That does not make

institut

ments around the world have invested heavily in methodological training. By establishing a dedicated methods chair in 2005, the IPZ has signaled that it, too, values the importance of good methodological training. My goal is to use the chair to offer BA, MA, and PhD students the best methodological training there is. This means, of course, state-of-the-art training. However, it also means training that integrates well with the needs of the other fields in the IPZ. And it means training not just in data analysis but also in research design data collection, which are often neglected.

for the best incentive to learn methods. So what to do? I think the answer is partially to make methods less scary and partially to emphasize their great value. Methods are scary because they involve mathematics. Many students are drawn to political science precisely to avoid math. But not all methods involve mathematics. Much of methodology is more about logic than numbers and can be taught perfectly without complex equations. Of course, not everything can be done this way and mathematics is an essential tool, especially in statistical analysis. The key, then, is to take away students’ fear of math by giving them the required background knowledge. Taking away fear is only part of the story, though. It is also essential to persuade students that methods are useful. This is actually easier now than when I was an undergraduate. At that time, much of the cutting edge research in political science did not involve particularly sophisticated methods. That has changed. If you want to get up to speed, for example, with the literature on civil wars you should be prepared to get into some rather complex methods. What has also changed is the market value of good methodological training. Students who are well-trained in methods not only have a better chance of admission to a good PhD program but also far better in the job market.

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Francis Cheneval Welches sind Ihre Forschungsschwerpunkte? Francis Cheneval: Momentan arbeite ich vor allem in der Demokratieforschung und interessiere mich dabei sehr für die normativen Aspekte. Die philosophischen Ansätze verknüpfe ich mit Studien zu Europa und zu den Internationalen Beziehungen. Geplant ist ebenfalls eine Mitarbeit beim Kompetenzzentrum für Menschenrechte (MRZ) der Uni Zürich.

Autorin Redaktorin Sarah Schlüter (22) studiert im 8. Semester Politik- und

Woraus wird Ihre Tätigkeit an der UZH sonst bestehen? Francis Cheneval: Zu Beginn des HS 2011 werde ich die Vorlesung zur Einführung in die Politische Philosophie von Frau Dr. Baer übernehmen. Zusätzlich sind ein Seminar zu Macchiavelli und eine Konferenz über Eigentums- und Landrechte vorgesehen. Sicherlich werde ich in Zukunft auch einige Seminare zur Geschichte des politischen Denkens oder zur Demokratieforschung anbieten. Zuerst einmal möchte ich aber gemächlich starten und mich in Ruhe einarbeiten.

Literaturwissenschaften an der Universität Zürich.

Bild Theo Zierock

Was möchten Sie durch Ihre Professur erreichen oder verändern? Francis Cheneval: Die erwähnte Einführungsvorlesung wird insofern umdisponiert, dass weniger ein geschichtlicher Abriss als eine systematische Be-

ZUR PERSON

Francis Cheneval Francis Cheneval wird auf das HS 2011 hin die Vorlesung zur Einführung in die Politische Philosophie von Josette Baer übernehmen. Er war professeur visiteur an der Université Libre de Bruxelles und professeur invité an der Ecole practique des hautes études in Paris. Zurzeit ist er unter anderem Dozent im Master of Advanced Studies in International and European Security an der Universität Genf und auch im Master of Advanced Studies in Applied History und Applied Ethics an der Univesität Zürich.

handlung der politischen Denker angestrebt wird. Ausgehend von Theorien und Begriffen möchte ich den Studierenden einen Überblick verschaffen. Durch die Kombination verschiedener Disziplinen in meiner Forschung und im Unterricht kann ich hoffentlich auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit an der Uni Zürich weiter fördern.

Professor Cheneval schätzt das Angebot am IPZ. Er möchte aber auch eniges verändern.

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Was erwarten Sie von Ihren Studierenden? Francis Cheneval: Die Interessen gehen manchmal ein wenig auseinander, wenn Politologie- und Philosophiestudierende in einem Seminarraum sitzen. Ich wünsche mir von den Studierenden, dass sie offen sind für die Verbindung von normativen und institutionellen Herangehensweisen. In Nantes, Brüssel und Oxford habe ich sehr kommunikative und interessierte Studierende erlebt, die sich aktiv am Unterricht beteiligten. Das finde ich sinnvoller als das blosse Zusammentragen der nötigsten Informationen für die Prüfung. Lebendige Seminare sind stets fruchtbarer für beide Seiten.

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Warum gerade die Uni Zürich? Francis Cheneval: Abgesehen davon, dass in Zürich schweizweit der einzige Lehrstuhl in Politischer Philosophie angeboten wird, wurde meine Entscheidung durch meine langjährigen Kontakte mit dem National Center of Competence in Research (NCCR) Democracy und mit Georg Kohler beeinflusst. An vielen Unis sind die Bereiche Politik-/ Sozialwissenschaften und Philosophie administrativ getrennt, was dann oft zu einer geistigen Trennung führt. An der Uni Zürich ist das anders, das finde ich interessant. Der Lehrstuhl ist übrigens sehr gut ausgestattet, hat ein breites Angebot und gute Mitarbeitende.


institut

An der Bologna-Kreuzung: Abbiegen oder geradeaus? Durch die Bologna-Reform eröffnen sich den Bachelor-Absolventen neue Möglichkeiten für das weitere Studium. zoon politikon stellt verschiedene Masterstudiengänge vor, die Studierenden der Politikwissenschaften an Schweizer Universitäten offenstehen. Von Fabian Urech Gut ein Jahr nach den vehementen Protesten und den Hörsaalbesetzungen an verschiedenen Hochschulen Europas ist die Kritik an der Bologna-Reform zwar nicht verstummt, jedoch leiser geworden. Die Argumente der Reformgegner bleiben freilich unverändert: Das neue System sei zu verschult und unterminiere die akademische Freiheit. Die faustische, hinterfragende Studiennatur werde ersetzt durch den leistungsorientierten, effizient reproduzierenden und konformen Studenten, der Bildung als Ware und die Universität als Lieferant derselben zu verstehen hätte. Viele der Beanstandungen haben grundsätzliche Fragen am neuen Hochschul-Bildungssystem aufgeworfen, die weiterhin nach einer Beantwortung und Klärung verlangen. Zur verbesserten Umsetzung der Grundidee von Bologna – der interuniversitären Vergleichbarkeit und Kompatibilität europäischer Studiengänge – bleibt weiterhin viel zu tun. Allerdings war und ist es falsch, Bologna schwarzmalerisch und pauschal als unabwendbares Ende des freiheitlichen Universitätsideals anzusehen und als Prozess zu verdammen, der zur totalen Ökonomisierung der Hochschulbildung führen wird. Wer das neue System und dessen Möglichkeiten differenziert betrachtet, wird feststellen, dass die Reform nebst den in der Öffentlichkeit prominent diskutierten Nachteilen auch einige Vorteile gegenüber dem Vorgängersystem bietet. Die Unterteilung in Bachelor und Master – eines der markantesten Merkmale der Bologna-Reform – eröffnet den Studierenden beispielsweise die Möglichkeit, ihr Studium an verschiedenen Universitäten zu absolvieren. Diese Mobilität ist neu und war im alten Lizentiatssystem zumindest in dieser Form kaum möglich. Durch die Zweiteilung der universitären Ausbildung sind in den vergangenen Jahren an vielen Schweizer Universitäten spezialisierte Master-Studiengänge entstanden, deren thematischer Fokus eng umgrenzt ist und die es den Studierenden entsprechend erlauben, sich bereits früh auf ihr bevorzugtes thematisches Fachgebiet zu konzentrieren. Diese Entwicklung ist in verschiedensten Fachbereichen zu beobachten und wird von Universitäten zunehmend genutzt, um ihr Profil zu stärken. Aufgrund des Systemwechsels und der generell wachsenden Fachinstitute, sind in der

Politikwissenschaft in den letzten Jahren verschiedene neue Master-Studiengänge entstanden. Absolventen eines Bachelors in Politikwissenschaften haben damit für die Fortführung ihres Studiums die Qual der Wahl – denn diese Entscheidung will gut überlegt sein.

Konsekutive Masterstudiengänge Die konsekutiven Masterstudiengänge in Politikwissenschaft stellen die Fortsetzung des disziplinären Grundstudiums im Bachelor dar und entsprechen thematisch meist den klassischen Lizenziatsstudiengängen. Der Unterschied zum alten Liz-Abschluss liegt allerdings in der Möglichkeit, den zweiten Teil des Studiums an einer anderen Universität zu absolvieren – und nach Wunsch in einer anderen Sprache oder in einem neuen thematischen Spezialgebiet. Momentan werden an vier Schweizer Hochschulen konsekutive Masterstudiengänge in Politikwissenschaft angeboten: in Zürich, Bern, Lausanne und Genf. Während Zürich (Uni & ETH) und Genf über das breiteste Studienangebot innerhalb der Politikwissenschaft verfügen, sprechen für die Studiengänge an den kleineren Universitäten Bern und Lausanne die besseren Betreuungsverhältnisse. Zwar werden an jeder der vier Universitäten alle Teildisziplinen des Fachs unterrichtet, jede Universität verfügt aber über thematische Schwerpunkte und traditionell gewachsene Stärken. Daher lohnt es sich, die Curricula der verschiedenen Studiengänge vorab anzuschauen und mit den eigenen thematischen und fachlichen Präferenzen zu vergleichen. Denn die Anzahl methodischer Pflichtkurse, die Spezialgebiete der Professoren oder sonstige Anforderungen und Möglichkeiten – etwa das obligatorische Austauschsemster an einer fremdsprachigen Universität (Bern) oder die Anrechenbarkeit eines Praktikums (Lausanne) – können wichtige Entscheidungshilfen sein. Wichtig sind diese Anhaltspunkte insbesondere für jene Studierende, die bereits wissen, welchen beruflichen Weg sie nach Studienabschluss einschlagen möchten. Wer etwa im internationalen Bereich Fuss fassen möchte, dürfte in Zürich und insbesondere in Genf die besten Bedingungen vorfinden, wer sich jedoch im Bereich der Schweiz- und Europa-Politik spezialisieren möchte, findet in Bern und Lausanne ein passenderes Angebot.

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Wer sich nach dem Bachelor-Studium auf ein Teilgebiet innerhalb seines Fachs konzentrieren will, hat dank spezialisierten Studiengängen die Möglichkeit, sich bereits auf der Masterstufe vollumfänglich dem präferierten Fachbereich zuzuwenden. Streng genommen werden in der Schweiz heute allerdings erst drei disziplinäre Masterprogramme mit einem Spezialfokus auf einen Teilbereich der Politikwissenschaft angeboten. Die ETH Zürich sowie das

Graduate Institute in Genf führen international renommierte, grösstenteils in Englisch unterrichtete Masterprogramme im Bereich der Internationalen Beziehungen durch. Beide Institute verfügen über einen thematischen Schwerpunkt im Bereich der Sicherheitspolitik, bieten den Studierenden aber auch in anderen Themenbereichen ein recht vielfältiges Angebot. Zudem dürften die Betreuungsverhältnisse aufgrund der teilweise recht kompetitiven Zulassungsbedingungen sowie die internationale

Ceci est l‘université de Genève. Wieso nicht zum Masterstudium in die Calvinstadt?

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Spezialisierte Studiengänge


Interdisziplinäre Studiengänge Die deutlichsten Spuren hat die Bologna-Reform im Bereich der interdisziplinären Masterstudiengänge hinterlassen. Viele Schweizer Universitäten haben in den vergangenen Jahren neue Programme zusammengestellt, die auf Inhalten verschiedener Fachbereiche aufbauen. Das thematische Spektrum der Optionen, die für Bachelor-Absolventen der Politikwissenschaft in Frage kommen, ist äusserst breit. Nebst «klassischeren» interdisziplinären Angeboten im Bereich der «International Affairs» (Genf, St. Gallen, Luzern) oder der Entwicklungsstudien (Genf und – mit anderer Grundausrichtung – Basel) bieten viele Schweizer Universitäten auch neuartige Fächerkombinationen im Einheitsstudium an: Die Universitäten Bern, Basel und Zürich führen beispielsweise den «Master of Arts in Religion – Economics – Politics» im Programm, in Bern kann (auf Englisch) «Political and Economic Philosophy» studiert werden, und in Genf wird der «Master of Arts in Standardization, Social Regulation and Sustainable Development» angeboten. Des Weiteren stehen Studierenden auch neue, sehr praxisnahe Studiengänge offen, die aufbauend auf einer spezifischen Fächerkombination (und teilweise mit Praktikumspflicht) auf eine Tätigkeit in einem definierten Berufsfeld vorbereiten: Der Joint-Master der Universitäten Bern, Lausanne und Lugano in «Public Management and Policy» sowie der Studiengang «Social Work and Social Politics» an der Universität Fribourg sind Beispiele hierfür. Gewachsen ist auch das Angebote an interdisziplinären Master-Studiengängen mit regionalem Fokus. Für Studierende, die sich für die Schnittstellen

institut

Durchmischung der Studentenschaft beider Studiengänge schweizweit einzigartig sein. Die Universität Bern bietet ab dem kommenden Herbstsemester erstmals einen spezialisierten Studiengang in Schweizer Politik und Vergleichender Politik an. Ein Novum in der Schweiz – und gleichzeitig der erfolgversprechende Versuch des Berner Instituts, sein fachliches Profil weiter zu schärfen und dabei auf den bereits bestehenden Stärken aufzubauen. Auch die Studierenden schärfen durch das Absolvieren eines spezialisierten Programms ihr Profil, was bei einem späteren Berufseinstieg im entsprechenden Fachbereich Vorteile mit sich bringen kann. Es gilt jedoch diese Vorteile gegenüber jenen der thematisch breiteren konsekutiven Studiengänge abzuwägen; das einmal gefasste Label des Spezialisten ist nicht leicht wieder loszuwerden, was die beruflichen Möglichkeiten durchaus auch einschränken kann. Zudem bieten auch die meisten konsekutiven (und interdisziplinären) Masterstudiengänge die Möglichkeit, sich in einem Teilbereich des Fachs zu spezialisieren, sodass die effektiven Inhalte verschiedener politikwissenschaftlicher Studiengänge recht ähnlich gestaltet werden können.

der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eigenheiten des Alten Kontinents interessieren, wird an drei Schweizer Universitäten (Fribourg, Basel, Genf) der «Master in European Studies» angeboten. Und auch jene, die sich aus einem interdisziplinären Blickwinkel vorab mit dem afrikanischen oder asiatischen Kontext befassen möchten, stehen Programme mit entsprechendem geographischen Fokus offen (Basel bzw. Genf).

Die Qual der Wahl Die durch den Systemwechsel bedingten Veränderungen im Bereich der akademischen Lehre haben das Studienangebot eindeutig diversifiziert. Dabei stellt insbesondere das vielfältige Angebot auf Masterstufe die Studierenden vor die schwierige Wahl des Studienorts und der thematischen Ausrichtung im zweiten, letztlich wegweisenden Studienabschnitt. Die viel gebeutelte Bologna-Reform scheint in diesem Bereich die Freiheit für die Studierenden tatsächlich erhöht zu haben. Denn während die kurzen Erasmus-Austauschprogramme noch immer kaum mit den oft stark modularisierten Studienplänen an der Heimuniversität zu vereinbaren sind und oft zu einer Verlängerung der Studiendauer führen, bietet das Bachelor-Master-System einen Übergang, der die inter-universitäre Mobilität der Studierenden tatsächlich fördert und neue Möglichkeiten bietet, den letzten Abschnitt des Studiums den eigenen Interessen, Berufswünschen und Fähigkeiten entsprechend auszurichten. Die hier beschriebenen Studiengänge stellen allerdings nur einen Teil der möglichen Optionen dar, die einem Bachelor-Absolventen in Politikwissenschaft offen stehen. Schliesslich hängt der Fortgang des Studiums nicht selten auch vom Nebenfach ab; und einige Studierende entscheiden sich, auf Masterstufe den Fachbereich gänzlich zu wechseln. Wer im Masterstudium etwa auf (sein vormaliges Nebenfach) Volkswirtschaft, Recht, Geographie oder Ethnologie umsattelt möchte, muss zwar häufig einige Kurse aus dem Pflichtcurriculum dieses Fachs wiederholen, verfügt aber danach über einen gleichwertigen Master-Abschluss – und hat den Politologie-Bachelor bereits im Sack. In jedem Fall ist es lohnend, sich vor der Entscheidung – und die muss bei einem etwaigen Anmeldeschluss im Januar früh gefällt werden – ausführlich über die verschiedenen Angebote zu informieren und so in Erfahrung zu bringen, was sich hinter den teilweise recht ähnlichen Bezeichnungen verschiedener Studiengänge verbirgt.

Autor Fabian Urech (26)

Auf der Folgeseite sind alle genannten Masterprogramme tabellarisch aufgelistet.

studiert am Graduate Institute in Genf Internationale Beziehungen

Die Webseiten swissuniversity.ch und berufsberatung.ch bieten eine nützliche Übersicht über alle Masterstudiengänge, die an Schweizer Universitäten angeboten werden.

und Politikwissenschaft.

Bild Fabian Urech

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ECTS / Dauer

Semestergebühren (CHF)

Anmeldeschluss (HS)

Internet

120 (90) / 4 Semester

ca. 690.-

30. April

www.ipz.uzh.ch

Master of Arts in Political Sciences

Universität Bern

120 (90) / 4 Semester

ca. 655.-

30. April

www.ipw.unibe.ch

Maîtrise universitaire en science politique

Université de Lausanne

90 / 3 semester

ca. 500.-

30. April

www.unil.ch/iepi

Master of Arts in Political Sciences

Université de Genève

90 / 3 Semester

ca. 500.-

28. Februar

www.unige.ch/ses/ spo/

Master in International Relations/Political Science

Graduate Institute, Genf

120 / 4 Semester

1500.-

15. Januar

www.graduateinstitute.ch/politicalscience

Master Schweizer Politik und Vergleichende Politik

Universität Bern

90 / 3 Semester

ca. 655.-

30. April

www.ipw.unibe.ch

Master of Arts in Comparative and International Studies

ETH Zürich

90 / 3 Semester

ca. 640.-

15. April

www.cis.ethz.ch

Master of Arts in Political and Economic Philosophy

Universität Bern

120 / 4 Semester

ca. 655.-

30. April

www.philosophie. unibe.ch

Master of Arts HSG in International Affairs and Governance

Universität St. Gallen

90 / 3 Semester

1020.-

30. April

www.mia.unisg.ch

Master of Arts in Standardization, Social Regulation and Sustainable Development

Université de Genève

120 / 4 Semester

ca. 500.-

30. April

www.unige.ch/ses

Master of Arts in Social Sciences: Social Work and Social Politics

Universität Fribourg

120 / 4 oder 90 / 3 Semester

655.-

30. April

www.unifr.ch/lettres

Master of Arts in Religion – Economics – Politics

Universitäten Basel, Luzern, Zürich

120 / 4 Semester

700.-

30. April

www.zrwp.ch

Master in International Affairs

Graduate Institute, Genf

120 / 4 Semester

1500.-

15. Januar

www.graduateinstitute.ch/mia

Master of Science in Sustainable Development

Universität Basel

120 / 4 Semester

700.-

30. April

www.msd.unibas.ch

Maîtrise universitaire en lettres et sciences humaines

Université de Neuchâtel

120 / 4 Semester

515.-

30. April

www2.unine.ch/ maps

Master in Development Studies

Graduate Institute, Genf

120 / 4 Semester

1500.-

15. Januar

www.graduateinstitute.ch/development

Master of Arts in European Studies

Universität Fribourg

120 / 4 Semester

655.-

30. April

www.lettres.unifr.ch

Master of Arts in European Studies

Universität Basel

90 / 3 Semester

700.-

30. April

www.europa.unibas. ch

Master of Arts in European Studies

Université de Genève

120 / 4 Semester

500.-

31. März

www.unige.ch/ieug

Master of Arts in African Studies

Universität Basel

120 / 4 Semester

700.-

30. April

www.zasb.unibas.ch

Master of Arts in Asian Studies

Université de Genève

90 / 3 Semester

500.-

30. April

www.unige.ch/ maspea

zoon politikon | februar 2011 | nr. 10

Universität Universität Zürich

Studiengang/Titel

Masterstudiengänge Politikwissenschaft 62

Master of Arts in Sozialwissenschaften (Politikwissenschaften)


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«Wahrscheinlich werde ich Pfarrer» Den Religionswissenschaften insbesondere der Theologie haftet ein bisschen das Klischee an, es werde nur von Fanatikern oder zumindest Strenggläubigen studiert. Werden diese Klischees Lügen gestraft oder ist doch ein Körnchen Wahrheit dabei? Die Interviews führte Annina Schlatter

Stefanie Neuenschwander

Silja Jenni

Alter: 20 Fach, Semester: Theologie im Vollstudium, 4. Semester

Alter: 20 Fach, Semester: Religionswissenschaft im Hauptfach, 2. Semester Was hat dich dazu bewegt RW zu studieren? Silja Jenni: Religion ist ein Phänomen, das in jeder Gesellschaft auftaucht. Religion ist allumfassend, aber auch ein Streitpunkt. Sie zeigt einem die Abgründe der Menschheit, zu was Menschen fähig sind. Das fasziniert mich. Welche Fächer stehen auf deinem Studenplan fürs nächste Semester? Silja Jenni: Systematische Religionswissenschaft, Religiöse Gegenwartskulturen, Einführung in das Christentum und in den Buddhismus. Was sind deine Berufsvorstellungen? Silja Jenni: Ehrlich gesagt, ich habe noch keine. Welchen Beitrag kann die RW deiner Meinung nach an die Gesellschaft leisten? Silja Jenni: Die Religion spielt überall eine Rolle. Sie kann Anlass für Konflikte sein, wobei die Religionswissenschaft hier eine Vermittlerrolle einnehmen kann. Die Religion greift mitunter über in andere Bereiche wie Wirtschaft, zum Beispiel in Ethikfragen oder spielt eine Rolle im Kontakt mit dem Nahen Osten. Auch da sind Religionswissenschaftler/innen gefragt. Wieso sollte Religion ernst genommen werden? Silja Jenni: Religion ist vielen Menschen sehr wichtig. Allerdings sollte sie auch nicht zu ernst genommen werden, es muss ein Ausgleich stattfinden. Was bedeutet dir Religion persönlich? Silja Jenni: Ich bin selber nicht gläubig, vor allem nicht in einem christlichen Sinne. Deshalb wäre es mir auch zu eingeschränkt, Theologie zu studieren. Meine eigene Position könnte man vielleicht mit Humanismus beschreiben. Es fasziniert mich, dass Menschen auf etwas beharren können, für das es keine empirischen Beweise gibt.

Was hat dich dazu bewegt Theologie zu studieren? Stefanie Neuenschwander: Jedenfalls nicht mein Hintergrund, ich bin nicht christlich erzogen worden. Eigentlich bin ich eher der naturwissenschaftliche Typ, meine Wahl lag zwischen Mathe oder Theologie! Schlussendlich überwog die Neugierde und ich entschied mich für Theologie. Ich wollte mich gerne mit einem Thema befassen, bei dem es kein richtig oder falsch gibt. Bei der Theologie ist ein klares Thema gegeben – der christliche Glaube – den man dann auf verschiedene Arten angeht. Das stört mich zum Beispiel an der Philosophie oder der Religionswissenschaft, es sind einfach zu viele Themen. Ich besuche diese Fächer aber gerne im Wahlbereich.

«Religion ist vielen Menschen sehr wichtig. Allerdings sollte sie auch nicht zu ernst genommen werden.» Welche Fächer stehen auf deinem Studenplan fürs nächste Semester? Stefanie Neuenschwander: Einführungen in den Islam und in den Buddhismus, ein Methodenkurs in Bibelexegese, Seelsorge-Vorlesungen, Hebräisch und eine Seminararbeit in Neuzeitlicher Kirchenund Konfessionsgeschichte. Was sind deine Berufsvorstellungen? Stefanie Neuenschwander: Anfangs habe ich gedacht: Alles, bloss nicht Pfarrerin! Jetzt sehe ich das etwas anders, wahrscheinlich werde ich in der Kirche landen. Mein Ziel ist es aber, für eine Zeit im Ausland zu arbeiten. Meine erste Wahl wäre die USA. Welchen Beitrag kann die Theologie deiner Meinung nach an die Gesellschaft leisten? Stefanie Neuenschwander: Glaube hat ein grosses Gefahrenpotential. Er kann Konflikte auslösen, Menschen können durch ihren Glauben auch leicht manipuliert werden. Durch die Theologie kann

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Francesco Catani Alter: 27 Fach, Semester: Theologie im Vollstudium, 6. Semester Was hat dich dazu bewegt Theologie zu studieren? Francesco Catani: Der Auslöser war primär das Interesse. Die Theologie erlaubt einen spannenden Einblick in die moderne Gesellschaft, da diese einen christlichen Hintergrund hat. Welche Fächer stehen auf deinem Studenplan fürs nächste Semester? Francesco Catani: Praktische Theologie, Kirchengeschichte, Systematische Theologie, Ethik, Philosophie.

diese Gefahr erkannt und teilweise abgewandt werden, allerdings nur so weit, wie die Theologie den Glauben überhaupt beeinflussen kann. Glaube kann aber auch eine grosse Bereicherung für die Gesellschaft in Form von Hoffnung und Trost sein. Die Theologie besitzt die Möglichkeit, diese positiven Seiten des Glaubens zu fördern und der Gesellschaft zugänglich zu machen. Was bedeutet dir Religion persönlich? Stefanie Neuenschwander: Für mich war die Neugierde der Grund für meine Entscheidung. Ich hatte am Anfang des Studiums keine Ahnung vom Glauben. Mehr und mehr empfinde ich ihn als ein extrem spannendes Phänomen. Glaube kann aber auch sehr vereinnahmend sein, das macht mir bisweilen Mühe und auch Angst. Aber der Glaube ist wichtig in der Gesellschaft, grundsätzlich finde ich ihn toll. Wie hat dein Umfeld auf deine Studienwahl reagiert? Stefanie Neuenschwander: Ein Kollege hat mich angeschaut und entsetzt gefragt: Willst du Nonne werden (lacht)? Meine Eltern und meine Schwester haben positiv reagiert, sie finden es spannend. Mein Umfeld war eher skeptisch, sie haben sich vor allem gefragt, wie mir so etwas überhaupt in den Sinn kommt. Den meisten von meinen Kollegen war es anfangs egal, seit ich aber studiere, kommt das Thema Glaube oft in Diskussionen auf.

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Was sind deine Berufsvorstellungen? Francesco Catani: Wahrscheinlich werde ich Pfarrer. Welchen Beitrag kann die Theologie deiner Meinung nach an die Gesellschaft leisten? Francesco Catani: Die Theologie kann den Einzelnen unterstützen und fördern in der Findung eines spirituellen Deutungshorizontes. Das war jetzt et-

«Die Theologie kann helfen, dass Leute Spiritualität [...] für die Bewältigung ihres Alltags [nutzen].»

was abgehoben, hm? Anders gesagt, die Theologie kann helfen, dass Leute Spiritualität als eine Ressource nutzen für die Bewältigung ihres Alltags. Wie siehst du die Zunkunft der Theologie? Francesco Catani: Die Zukunft der Theologie wird sicher herausfordernd. Sie muss sich ihre Rechtfertigung in der Gesellschaft neu erkämpfen. Es gibt eine Diskrepanz zwischen akademischer und gelebter Religion. Ich wünsche mir, dass die akademische Religion in der Zukunft mehr gehört wird und sich selber mehr in den öffentlichen Dialog einbringt.

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Francesco Catani: «Es ist unglaublich spannend!»

Was gefällt dir besonders am Studium, was weniger? Francesco Catani: Die Vielfalt der Fächer, die ist einfach genial! Weniger gefallen mir die Begegnungen mit Menschen, die einen religiösen Tunnelblick haben. Solche gibt es auch einige an der Theologischen Fakultät. Jede Bemerkung, die nicht ihrem persönlichen Glauben entspricht, nehmen sie extrem ernst und persönlich. Das finde ich sehr mühsam.


Welchen Einfluss hat/hatte deine persönliche Einstellung zur Religion auf dein Studium und deine Berufsvorstellungen? Francesco Catani: Sie spielt sicher mit, ich versuche sie aber während dem Studieren im Zaum zu halten. Möchtest du sonst noch etwas sagen? Francesco Catani: Auch wenn es nicht immer einfach ist, war die Entscheidunge zum Theologiestudium eine der besten, die ich je getroffen habe. Es ist einfach unglaublich spannend!

Carina Russ Alter: 24 Fach, Semester: Theologie im Vollstudium, 8. Semester Was hat dich dazu bewegt Theologie zu studieren? Carina Russ: Eigentlich wollte ich Philosophie studieren, mir haben aber dann die sozialen Aspekte gefehlt. Für mich heisst Theologie, die Vernunft der Philosophie weiterzudenken. Das Studium ist auch sehr vielfältig, das hat mich angesprochen. Es beinhaltet Geschichte, Psychologie, alte Sprachen und viel Philosophie.

institut

Was bedeutet dir Religion persönlich? Francesco Catani: Meine Beziehung zum Glauben ist bereichernd, aber auch anstrengend. Eine Art Hassliebe, könnte man sagen.

dann in spezialisierter Form, zum Beispiel als Seelsorgerin. Wieso sollte Religion ernst genommen werden? Carina Russ: Jeder hat etwas Religiöses in sich, die Frage ist, ob oder wie man es auslebt. Wie sehe ich mich als Mensch? Diese Frage kann transzendental verstanden werden. Das hat sehr viel mit dem Menschen an sich zu tun, deshalb ist es wichtig, dass man das ernst nimmt. Was bedeutet dir Religion persönlich? Carina Russ: Ich sehe Glaube nicht dogmatisch, sondern als aktive, reflektive Auseinandersetzung mit der Welt. Ich glaube, dass wir als Mensch nicht nur so geschaffen sind, sondern einen transzendenten Bezug haben. Die meisten Theologiestudenten/innen sind meiner Meinung nach gläubig, das heisst, sie glauben an Gott, aber nicht unbedingt mehr. Möchtest du sonst noch etwas sagen? Carina Russ: Mir ist es wichtig zu betonen, dass Theologie nicht eine persönliche, sondern eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Glauben ist. Sie reflektiert Inhalte des Glaubens kritisch, mit Hilfe von vernunftsbezogenen Methoden und mit einer interdisziplinären Arbeitsweise. Religion und Theologie sind nicht das gleiche, und diese Unterscheidung ist wesentlich.

Welche Fächer stehen auf deinem Stundenplan fürs nächste Semester? Carina Russ: Viel Ethik, zum Beispiel eine Arbeit zum Thema Werte, und Religionsphilosophie. Was gefällt dir besonders am Studium, was weniger? Carina Russ: Das Studium in Zürich finde ich eigentlich super, es ist facettenreich und das Angebot ist gross. Was mir auch gefällt ist die persönliche Betreuung, die kleine Fakultät und die tollen Kommilitonen. Weniger gefällt mir die starke humanistische Ausrichtung. Ich würde es bevorzugen, wenn sich das Studium mehr an die heutige Gesellschaft anbinden würde, sich also mit gesellschaftlichen Problemen oder Politik befassen würde, wie das etwa die Befreiungstheologie gemacht hat. Was sind deine Berufsvorstellungen? Carina Russ: Ich möchte gerne im Bereich der Ethik tätig werden. Das Ethik-Zentrum war es deshalb auch, was mich aus Deutschland nach Zürich gelockt hat. Der Journalismus, vor allem Radiojournalismus, würde mich ebenfalls interessieren. Das Pfarramt ist eine sichere Alternative, aber wenn,

Carina Russ: «Religion und Theologie sind nicht das gleiche.»

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Alter: 24 Fach, Semester: Theologie, Philosophie, Politische Ökonomie im 10. Semester Was hat dich dazu bewegt Theologie zu studieren? Michael Braunschweig: Als Pfarrerssohn hat mich das theologische Denken, wie ich es in Diskussionen mit meinem Vater immer wieder erleben durfte, herausgefordert und fasziniert. Auf einen Punkt gebracht ist es die Frage: Was wäre anders, wenn Gott wirklich ist. Welche Fächer stehen auf deinem Stundenplan fürs nächste Semester? Michael Braunschweig: Religionsgeschichte: Wie entstand das Judentum? Jerusalem zwischen Juden, Christen, Muslimen, Homiletik: Geschichte der Predigttheorie, Neues Testament: Theologie des NT, Kirchengeschichte: Karl Barth, Makroökonomik II, Phänomenologische Religionsphilosophie und si-

«Der Bus-Satz: «Wahrscheinlich existiert Gott nicht. Geniesse das Leben.» ist vollkommen richtig.»

cher noch einige andere Dinge. Was gefällt dir besonders am Studium, was weniger? Michael Braunschweig: Besonders gut gefällt mir die Fächervielfalt, die historische Tiefe, die systematische Differenzierung, die analytische Schärfe, die hermeneutische Sorgfalt, die Themenbreite (fast eine ganze Philosophische Fakultät) das Betreuungsverhältnis, unsere CMS-Verantwortliche und die familiäre Atmosphäre.Weniger gefällt mir auch wieder die familiäre Atmosphäre (sic!), die BolognaÜberregulierung und das starre Zwangskorsett der Modularisierung, die Tendenz zur «Grundkursierung» und Verflachung der Lehrformen.

Autorin Annina Schlatter (20) aus Zürich studiert im zweiten Semester Religionswissenschaften an der Uni Zürich.

Bilder Annina Schlatter

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Was sind deine Berufsvorstellungen? Michael Braunschweig: Legion! Die Frage, was könnte ich mir nicht vorstellen, wäre bedeutend einfacher. Welchen Beitrag kann die Theologie deiner Meinung nach an die Gesellschaft leisten? Michael Braunschweig: Die Theologie ist die Reflexion von Religion aus einer Innenperspektive – meiner (klassisch reformierten) Meinung nach hat der Staat ein Interesse an gut ausgebildeten kritischen Akademikern im Kirchendienst. Aber nicht nur in der Kirche, sondern in jeder Religionsgemeinschaft, die über eine entsprechende Tradition der

hermeneutischen und historisch-kritischen Auseinandersetzung verfügt. Die Religionswissenschaft kann in ihrer soziologischen Richtung zum Beispiel Grundlagenwissen für politische Entscheidungen liefern beziehungsweise generell als Sozialwissenschaft zur Selbstaufklärung der Gesellschaft beitragen. Wie siehst du die Zukunft der Theologie? Michael Braunschweig: Die akademische Theologie hat meines Erachtens einen historisch guten Stand. Offen ist, ob die prognostizierten Säkularisierungstendenzen und die Schrumpfung der Zahl der Kirchenmitglieder (in den Hauptarbeitsfeldern universitär geschulter Theologen) einen Einfluss haben werden und, wenn ja, welchen. An der UZH würde es mich freuen, die heutige Theologische Fakultät mit den Islamwissenschaften zusammengehen zu sehen unter einer «School of religion», an der auch islamische Theologie gelehrt und geforscht wird. Wieso sollte Religion ernst genommen werden? Michael Braunschweig: Das kommt darauf an, was man unter «Religion» versteht. Das geht vom ganz weiten Begriff der «Kultur» zum spezifischen, einen, wahren Glauben. Jedenfalls ist Religion immer auch Teil einer Gesellschaft und erfüllt spezifische Funktionen. Wer Religion nicht ernst nimmt, nimmt die Gesellschaft beziehungsweise Individuen, die sich religiös artikulieren, nicht ernst. Was bedeutet dir Religion persönlich? Michael Braunschweig: Auf dem Papier bin ich Mitglied der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. Gehöre ich damit einer Religion an? Oder ist das einfach eine weitere Dimension meines Bürgerseins in einer Zürcher Gemeinde? Ich bin nicht «religiös» im landläufigen Sinne, aber ich mag viele Aspekte der christlichen Traditionen, lasse mich gerne von biblischen Texten provozieren und freue mich daran, anderen Menschen mit rituellen Handlungen eine Freude zu machen. Die sozialen Aspekte des Kirche-Seins sind für mich zentral. Aber natürlich verfüge ich auch über religiöse Deutekategorien, wobei ich sehr zurückhaltend bin bei deren Artikulation. Ganz kurz gesagt: Die besondere Grammatik von «Gott» ist für mich einfach faszinierend. Möchtest du sonst noch etwas sagen? Michael Braunschweig: Der Bus-Satz: «Wahrscheinlich existiert Gott nicht. Geniesse das Leben.» ist vollkommen richtig: Erstens ist Gottes Existenz sicher keine Frage der Wahrscheinlichkeit. Zweitens: Wo «Gott» der Freude am Leben abträglich ist, wäre es wohl besser, er würde nicht existieren.

zoon politikon | februar 2011 | nr. 10

Michael Braunschweig


Studenten beleben politischen Diskurs Seit 7 Jahren existiert der politisch neutrale und ehrenamtliche Verein Vimentis. Von Studierenden gegründet und getragen, ist vimentis.ch für zehntausende Leser zu einer beliebten Dialog-Plattform geworden.

Interaktiver Austausch mit Politikern Vimentis Dialog fördert den Austausch zwischen Politikern und der Bevölkerung und verwickelt die BürgerInnen in spannende Diskussionen mit den bloggenden PolitikerInnen. Leistet damit einen Beitrag zur politischen Meinungsbildung in der Schweiz. Rund 40 Bundesparlamentarier haben bisher im Blog aktuelle Fragen der Schweizer Politik thematisiert. Mit Hans Fehr (SVP), Kathy Riklin (CVP), Geri Müller (Grüne), Hans-Jürg Fehr (SP) Martin Landolt (BDP), Kurt Fluri (FDP) oder Natalie Rickli (SVP) zählen hochkarätige National- und Ständeräte zu den Autoren. Mehrmals wöchentlich finden die Leser aktuelle Blogbeiträge zu brisanten politischen Fragen. Mit der Möglichkeit, Blogs zu bewerten und zu kommentieren steht es den Nutzern zudem offen, selber die Politiker oder andere User in Diskussionen zu verwickeln. «Es freut uns ausserordentlich, dass einige Politiker von der Möglichkeit Gebrauch ma-

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chen, in direkten Kontakt mit der Leserschaft zu treten. Denn unser erstes und wichtigstes Ziel ist es, den Austausch zwischen Politik und Volk in der Schweiz zu verbessern», sagt Till Ebner,Leiter von Dialog. Grundvoraussetzung Neutralität In der Tradition des Vereins Vimentis wirkt die parteiübergreifende Plattform Vimentis Dialog unter der Voraussetzung der politischen Neutralität. Dies ermöglicht den Einbezug aller politischen Gruppierungen und Meinungen und trägt dazu bei, unterschiedliche Lösungsansätze für politische Probleme aufzuzeigen. «Bei uns wird niemand benachteiligt», bestätigt Till Ebner, «jede Gruppierung aus dem gesamten politischen Spektrum ist bei uns willkommen. Schliesslich geht es uns um das Wohl der Schweiz und unserer Demokratie und nicht um die Durchsetzung spezifischer politischer Interessen.» Der Verein Vimentis Vimentis ist ein neutral und ehrenamtlich arbeitender Verein mit dem Zweck die politische Meinungsbildung zu fördern. Vimentis Dialog ergänzt die zwei bisherigen Standbeine des Vereins, die Online-Umfrage und die Informationsplattform. Mit der OnlineUmfrage, welche mit jährlich rund 20‘000 Teilnehmern die grösste sozialpolitische Online-Umfrage der Schweiz ist, wird der Austausch zwischen der Bevölkerung und der Politik verbessert. Sie bietet den BürgerInnen die Möglichkeit, ihre Anliegen direkt in die Politik einzubringen. Die Informationsplattform hat zum Ziel, einfach verständliche, sachliche und neutrale Informationen zu aktuellen politischen Themen bereitzustellen. Hierzu gehören Texte zu Abstimmungen, aktuellen politischen Themen sowie ein Lexikon, welches die wichtigsten (wirtschafts-)politischen Begriffe erklärt. Mach auch DU mit! Wir sind der Überzeugung, dass das Zusammenbringen und die Diskussion der Meinungen aller BürgerInnen und Politiker einen wesentlichen Beitrag leisten kann, um die demokratische Entscheidungsfindung zu stärken und damit auch in Zukunft eine positive Entwicklung der Schweiz garantiert. Es würde uns deshalb freuen, wenn möglichst viele politisch Interessierte vom laufend ausgebauten Angebot von Vimentis und Vimentis Dialog Gebrauch machen und an der Diskussion über tragfähige Lö-

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Der Verein ist in allen Parteizentralen bekannt und wird von den Präsidenten aller grossen Parteien unterstützt. Das neueste Produkt des Vereins – «Vimentis Dialog» – öffnet die Tore für die breite Bevölkerung, um mit Politikern und anderen Interessierten in Kontakt zu treten. Während des letzten Jahres baute das Dialog-Team von Vimentis, bestehend aus fünf (ehemaligen) Studenten, die attraktive Blogplattform für Politiker und politisch Interessierte in der Schweiz auf. Sie wird inzwischen von Politikern/innen von Links bis Rechts gleichermassen geschätzt und genutzt. Im Januar 2011 brachte es Vimentis Dialog auf eine Leserschaft von über 20’000 Personen.


gott und die welt

Digitale Vernetzung mitgestalten Die heterogene Schweiz mit ihren institutionalisierten direktdemokratischen Partizipationsmitteln ist der ideale Ort, um digitale Diskurs-, Partizipations- und Vernetzungsformen weiterzuentwickeln. Genau daran arbeitet das Zürcher Startup politnetz.ch. Bürgerinnen und Bürgern informieren sich zunehmend online, sei es auf News-Plattformen oder über soziale Medien wie Facebook. Politikerinnen und Politiker, Kandidierende und Interessengruppen interessieren sich immer mehr für diese neuen Kanäle. Doch allen ist mehrheitlich unklar, was wichtig und was nötig ist, um in diesen «Teilöffentlichkeiten» so aufzutreten, damit Bürgerinnen und Bürger sich für ihre Inhalte interessieren. Auch Behörden von Städten, Kantonen und vom Bund sind vom Drang in diese neuen Welten ergriffen. Stimmen sichtbar und zugänglich machen Die entscheidende Frage ist, wie sich aus den bereits vorhandenen Mitteln ein Mehrwert für unsere Gesellschaft schaffen lässt, der unser Staats- und Politikverständnis aufnimmt und vielleicht sogar auf eine neue Partizipationsebene transformiert. Bis anhin liess sich vor allem beobachten, wie soziale Medien für Mobilisierungskampagnen genutzt wurden. Für eine Mobilisierung reichen bisweilen einzelne Impulse aus, tragfähige Diskurs-, Partizipations- und Vernetzungsbeziehungen, die für eine produktive (Re-)Politisierung einer Gesellschaft nötig sind, erfordern mehr. Öffentlicher Diskurs kann in sozialen Medien ähnlich wie am Stammtisch stattfinden. Ein Ort, wo Menschen mit ihren Meinungen direkt und trotzdem fair aufeinander treffen ist politnetz.ch. Ziel ist es, Politik nicht als schwarz oder weiss darzustellen, sondern Unterschiede möglichst vielfältig zum Ausdruck bringen zu können: Zum Beispiel, indem die Meinungen von einzelnen Parteimitgliedern zu Abstimmungen sichtbar gemacht werden. Dabei zeigen sich nicht immer eindeutige ideologische Gräben entlang von Parteigrenzen, sondern auch sprachregionale Konfliktlinien, Generationen- und Geschlechterunterschiede, die mitunter bedeutsamer sind. Verstärkung gesucht Eine wissenschaftliche Auswertung und Ergänzung ist die ideale Erweiterung dieser neuen Diskurs-, Partizipations- und Vernetzungsmittel. Nicht zuletzt wird das Internet auch für Meinungsforschung und Trendanalysen immer wichtiger. Wer sich von der Vision von politnetz.ch angesprochen fühlt, und mit dazu beitragen möchte, meldet sich mit den üblichen Unterlagen (Motivationsschreiben, CV) bei: andreas.amsler@politnetz.ch.

www.politnetz.ch/abstimmungen www.politnetz.ch/wahlen

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Talk on Mars Gott und die Welt Comic-Zeichner Simon Krüsi aus Mettmenstetten arbeitete in der Krankenpflege, danach im Migrationsbereich und hat vor kurzem einen Master in interkultureller Kommunikation erworben. Er hat schon als 6 jähriger leidenschaftlich gerne Bildergeschichten gezeichnet und ist auch heute noch begeistert von den Möglichkeiten, die das Medium als Erzählform bietet.

IMPRESSUM Zoon Politikon – Zeitschrift von Studierenden der Politikwissenschaft der Universität Zürich, Rämistrasse 62, 8006 Zürich.

HERAUSGEBER Matthias Müller, Tamara Malenovic.

LEITUNG PRODUKTION Antonio Danuser, Sarah Schlüter.

GRAFIK/LAYOUT

ABOSERVICE

Redaktionsteam.

Versand Einzelexemplar CHF 7.2 Ausgaben CHF 14.4 Ausgaben CHF 28.-

TITELBILD Theo Zierock

ERSCHEINUNGSWEISE

REDAKTION

2 x jährlich

Fabian Urech, Marco Büsch, Dinah Jost.

EINZELPREIS

KORREKTORAT

Direktverkauf: CHF 5.Im Buchhandel: CHF 7.50

Redaktionsteam.

FREIE BEITRÄGE Stefan Kovac, Anna Scherer, Luka Dobec, Christian Wimplinger, Urs Güney, Annina Schlatter, Valentin Abgottspon, Peter-Ulrich Merz-Benz, Gerhard Hanloser, Friedhelm Hengsbach, Melanie Pfändler, Jan Raudszus, Goran Saric, Norbert Bolz, Sandra Boulos, Simon Krüsi.

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DRUCK Zentralstelle der Studentenschaft der Universität Zürich.


Uni-Veranstaltungen

agenda

ROT ANSTREICHEN! Über die Freiheit im Islam 19.05.2011, 18:15 - 19:30 Uhr Referentin: Dr. Necla Kelek AISEC Zurich Info Event 01.03.2011, 12:30 - 13:45 Uhr

Ort: Uni Zürich, Raum: KO2 F 121

«Bürokratie‑Stopp!» Bemerkungen zur eidgenössischen Volksinitiative aus staats‑ und verwaltungsrechtlicher Perspektive 07.03.2011, 18:15 - 19:00 Uhr

Referent: PD Dr. Markus Schott Ort: Uni Zürich, Raum: KOL G-201

Ort: Uni Zürich, Raum: KOL G 201

Andere Veranstaltungen «Rot und schwarz» 21.03.2011, 20:30 Uhr Zwischen politischer Umwälzung und religiöser Konformität im Frankreich der Restaurationszeit. Theaterstück nach dem gleichnamigen Roman von Stendhal. Ort:Theater Pfauen Zürich

Plädoyer für Neutralität 29.03.2011, 18:15 - 19:30 Referent: Ulrich Tilgner Ort: Uni Zürich, KOL-G-201

Circulating Norms - Zum Demokratie- und Menschenrechtsbegriff in der Islamischen Republik Iran 02.05.2011, 18:15 - 19:00

Der Preis der Sicherheit: Die Armee im Spagat zwischen finanziellem Korsett und Bedrohungslage 22.03.2011, 12:00 - 14:00 Uhr Referent: Prof. Dr. Albert Stahlel Ort: Institut für strategische Studien, Wädenswil, Beethovenstr. 32, 8002 Zürich

Referent: Prof. Dr. Katajun Amirpur-Kermani Ort: Uni Zürich, KOL-G-201

3. Aarauer Demokratietage Referate und Podiumsdiskussionen 07. und 08.04.2011

Fokus Islam: Einsichten und Aussichten Ab 03.05.2011 jeden Dienstag, 18:15 - 19:45

Referenten u.a: Hanspeter Kriesi, Daniel Kübler, Pascale Bruderer, Francis Cheneval. Oswald Sigg Ort:Zentrum für Demokratie, Aarau

Organisiert durch Lic. phil. Sarah Farag und M.A. Deniz Yüksel. Ort: Uni Zürich, KOL-F-123

Informationen und Anmeldung unter: www.demokratietage-zda.ch

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