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zeitschrift von studierenden der politikwissenschaft der universit채t z체rich I september 2010 I nr. 9

Nachbarn


SCHWEIZER MONATSHEFTE Zeitschrift für Politik Wirtschaft Kultur seit 1921

«Die Schweizer Monatshefte sind das Zentralorgan zur Ermittlung des politischen Selbstverständnisses in diesem Land» Thomas Steinfeld, Süddeutsche Zeitung (August 2010)

Ist unser Regierungssystem noch zeitgemäss? Kritisch, relevant und brisant: die aktuelle Ausgabe der «Schweizer Monatshefte» mit Reiner Eichenberger, Max Frenkel, Fredmund Malik und anderen. Jetzt bestellen und lesen! www.schweizermonatshefte.ch


Editorial Seien es nun der zu laut eingestellte Fernseher des schwerhörigen Rentners nebenan, die Streitereien zwischen pubertierenden Teenagern und ihren überforderten Eltern oder endlose Diskussionen über die Waschküchenordnung – was wir heutzutage von unseren Nachbarn mitbekommen, hat mit friedlichem Miteinander meist wenig zu tun. Stattdessen gewöhnen wir uns an urbane Anonymität und das peinliche Schweigen im Lift. Angefangen beim einheimischen Wohnblock-Wahnsinn nehmen wir euch auf den folgenden Seiten mit auf einen Ausflug durch die Welt der akademischen und kulturellen Nachbarschaften, machen einen Abstecher in das schweizerisch-österreichische Grenzgebiet und nach Lettland. Christian Reutlinger, Antje Sommer und Eva Lingg erklären uns die Herausforderungen des modernen Mit- und Nebeneinanders im städtischen Siedlungsbrei (S. 6), der trotz allem Aneinander-vorbeileben immer noch zentral bleibt für die Identifikation mit einer homogenen Gruppe, einer Gemeinschaft, die zu unserer jeweiligen Lebensphase passt und unseren Alltag ausmacht. Für einen konkreteren Einblick in moderne Nachbarschaften sind Céline Jourdain und Marco Büsch für uns auf die Pirsch gegangen nach Zürcher Wohnkonzepten (S. 9), die durch ökologische Nachhaltigkeit oder gemütliche, wenn auch sehr durchsichtige Beinahe-Balkone glänzen. Neben weiteren Abstechern in die schweizerischen Nachbarschaftsgeschichten – und davon gibt es in unserem kleinen Land mit seinen 26 Kantonen nicht zu knapp zu berichten – liefern wir euch wie immer Interessantes aus der internationalen Sphäre. Nachdem geklärt ist, warum die Tessiner die Spaghetti schlussendlich doch der Rösti vorziehen (S. 18) und wie es um die Schweizer Migrationspolitik bestellt ist (S. 30), blicken wir nach Belgien, dessen Bevölkerung durch eine tiefe kulturelle und sprachliche Kluft bestimmt wird und gemäss Luka Dobec in eine Zukunft von regionaler Entfremdung statt nationaler Einheit blickt (S. 23). Fabian Urech fragt nach der Aktualität kommunitaristischer Konzepte (S. 15) und Martina Merz diskutiert geeignete Methoden, um wissenschaftliche Disziplinen voneinander abzugrenzen (S. 46). Sie plädiert dafür, neue Perspektiven zu erschaffen, indem man etwa Architektur und Botanik vergleicht und so über einen übermässig kategorisierten Tellerrand hinaus schaut. Unbekannte Pfade verfolgt auch das Bukahara Trio, eine junge Musikergruppe aus Köln, die aus der gemeinsamen WG-Zeit entstanden ist und nun mit Strassenmusik ihr Unwesen treibt (S. 48). Zwar erfahren wir nichts über das sehr wahrscheinlich ausgeprägte Müllproblem dieser drei lustigen Jekken in ihrer Studentenbude, dafür stellt

Stefanie Heine dasjenige der Bewohner des Bonbonpalastes im gleichnamigen Roman von Shafak Elif vor (S. 50). Im Kulturteil erfahrt ihr ausserdem, was das beste Rockalbum der letzten Jahre mit Beerdigungen und Kindheitsträumen zu tun hat (S. 55) und ob Clint Eastwood zum Regisseur taugt (S. 52). Für eine ordentliche Portion Klatsch und Tratsch ist selbstverständlich auch gesorgt. Sarah Schlüter hat sich für euch bei den Mitarbeitern des IPZ umgehört und gefragt, was der neue Institutsstandort noch zu bieten hat, ausser der traumhaften Lage in Downtown Oerlikon (S. 58) und ist nach Bern gefahren, um zu erfahren, wie es um die aussterbenden Studiengänge der Geisteswissenschaften steht. Dies und vieles mehr lest ihr in unserer aktuellen Ausgabe, die euch wie gewohnt fundiertes Fachwissen zum Thema und unterhaltsame Alltagsgeschichten näher bringt. Redaktorin Sarah Schlüter 

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Wie sehen moderne Nachbarschaften in der Schweiz heute aus? Eine sozialgeographische Studie der FHS St. Gallen gibt darüber Aufschluss. Seite 6

Laut Kommunitarismus ist Gemeinschaft das Fundament der Demokratie. In der Postmoderne gibt es allerdings eine zunehmende Tendenz zum Alleinsein. Seite 15

Eduard Gnesa, Sonderbotschafter für internationale Migrationszusammenarbeit, diskutiert Fragen um Einwanderung in die Schweiz und eröffnet neue Perspektiven. Seite 30

Nachbarn

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Im Siedlungsbrei Christian Reutlinger, Eva Lingg und Antje Sommer

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Synergie im Kraftwerk Céline Jourdain

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Wohnen im Panoptikum Marco Büsch

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Alleine Kegeln Fabian Urech und Monika Althaus

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«Nos amis suisses» Emilie Demaurex

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Bürgerrechte für die Besatzer Petra Vogel

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Bye Bye Belgium Luka Dobec

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Vecinos Antonio Danuser

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Nachbarschaft weltweit: 30 Ein- und Ausblicke Fabian Urech

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«Nicht jeder Ausländer muss hornussen» Fabian Urech, Urs Güney

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Gekommen, um zu bleiben Rafael Walthert

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Wenn Geschiedene Nachbarn bleiben Urs Güney

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Wir sind tolerant Marco Büsch

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Kanton Übrig Stefanie Heine

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Akademische Nachbarschaft, polyphone Metrik Martina Merz

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Spaghetti statt Rösti Luca Borioli


inhalt Seit vierhundert Jahren ist Appenzell in die Kantone Innerrhorden und Ausserrhorden geteilt. Bis heute ist diese Grenze klar gezogen. Seite 40

Ein heruntergekommenes Haus wird im Roman «Der Bonbonpalast» sowohl zum Schauplatz verschiedener Geschichten, als auch zum Symbol der Stadt. Seite 50

Das IPZ wechselte diesen Sommer den Standort und ist nun in Oerlikon. Institutsangestellte kommentieren ihre neue Heimat und zeigen sich begeistert. Seite 58

Kultur

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Die Kölner Stadtmusikanten Sarah Schlüter

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Istanbuls Geschichtendeponie Stefanie Heine

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«Get off my lawn!» Christian Wimplinger

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The Neighbors Can Dance Daniel Jung

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Polyrik Stefan Kovac

Institut

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Fort- oder Rückschritt? Sarah Schlüter

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«Politik ist Atemluft» Fabian Urech

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Fragen über Umfragen Olivier Baumann

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«Kleine Siege sind besser als gar keine» Sarah Schlüter

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S‘Nochbers Simon Krüsi

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Rot anstreichen!

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Tür an Tür im Siedlungsbrei Von Christian Reutlinger, Eva Lingg und Antje Sommer Die schweizerischen Siedlungsstrukturen sind sehr heterogen. Von Genf bis zum Bodensee durchzieht die Schweiz ein eher profilloser, agglomerativer Siedlungsbrei, gemischt aus einst städtischen und ländlichen Elementen. Charakteristisch für diesen ist ein unverbundenes Nebeneinander von autarken, in sich geschlossenen «Siedlungsinseln». Als «Wohnadressen» sind sie beispielsweise durch architektonische Gestaltung, Wohnungsgrössen, Ausstattung und Lage auf spezifische Bevölkerungsschichten zugeschnitten. Sie grenzen sich als kleine, überschaubare Einheiten von Wohnanlagen mit anderen Charakteristika ab. Die Heterogenität der Siedlungsstruktur spiegelt sich auch in neuen, vielfältigen Formen von Nachbarschaften. Solche entsprechen weder dem Image des anonymen Nebeneinanders, den eher distanzierten Nachbarschaftsverhältnissen in der Stadt, noch dem Bild der engen zwischenmenschlichen Beziehungen, des «Man-kennt-sich» auf dem Land. Diese Entwicklungen stehen im Fokus der folgenden sozialgeografischen Bestimmung von Nachbarn und Nachbarschaften. Anhand der Ergebnisse eines aktuellen Forschungsprojektes in einer schweizerischen Agglomeration wird gezeigt, dass das tradierte Konzept von Nachbarschaft als homogenes Gebilde immer weniger trägt. Die Vorstellung einer Kongruenz zwischen den gelebten Nachbarschaftsbeziehungen und der baulichen Nachbarschaft trifft die Realität seltener. Mit dem Konzept der «Sozialen Nachbarschaft» plädieren wir für eine Perspektiverweiterung.

Eierausborgen schafft Beziehungen Jeder und jede hat Nachbarn und Nachbarinnen. Und selbst sind wir alle auch für andere die Nachbarn. Meist hat man sich nicht ausgesucht, mit wem man Tür an Tür oder Wand an Wand lebt. Das architektonische Geschick entscheidet, inwieweit es überhaupt zu Kontaktpunkten mit den NachbarInnen kommt. Ein Laubengang zum Beispiel, ein hauseigener Spielplatz oder eine Tiefgarage «erzwingen» alltägliche Kontakte. Dennoch hat man nicht mit jeder Person, die nebenan wohnt, Kontakt. Eine funktionale Vorstellung sozialgeografischer Siedlungsforschung beschreibt zentrale Daseinsgrundfunktionen, das heisst relevante, grundlegende menschliche Bedürfnisse. Zu diesen gehören «in der Gemeinschaft leben» und «wohnen»

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ebenso wie «arbeiten» oder «sich versorgen». Aus den Daseinsgrundfunktionen lassen sich gemäss dem funktionalistischen Konzept der «Münchner Schule der Sozialgeographie» bestimmte Ansprüche an die räumliche Welt ableiten: Insbesondere «in Gemeinschaft leben» und «wohnen» verweisen auf das menschliche Bedürfnis nach persönlichen Beziehungen und Kommunikation. Denn darüber sichern sich Menschen ihre Sozialität und soziale Einbindung ebenso wie Zugehörigkeit und Zugänge zu neuen sozialen Räumen. Diesem in den 1960er Jahren entstandenen Modell zufolge bilden sich aus genannten Bedürfnissen (Kommunikations-) Gemeinschaften im Raum «zwischen» der Privatsphäre der Familie und der Anonymität der Öffentlichkeit: die sozialräumliche Zwischenebene der Nachbarschaft. Definitionen, wie sie sich zum Beispiel im Lehrbuch von Fliedner finden, verschränken die räumliche Dimension mit der sozialen: «Nachbarschaften stellen ein lockeres Netzwerk von Beziehungen dar. Die räumliche Nähe der Nachbarn ist mehr oder weniger zufällig entstanden. (…) Nachbarschaften entwickeln sich im Laufe der Zeit; sie bilden sich aufgrund gemeinsamer Probleme (Hilfsgemeinschaften) und (…) [sind] oft die Keimzelle von Bürgerinitiativen.» Die Verknüpfung der territorial-architektonisch angelegten Nachbarschaft mit den sozial-gelebten Nachbarschaftsbeziehungen, also den persönlichen und interaktiven Ausgestaltungsformen sozialer nahräumlicher Kontakte, bleibt fortan unhinterfragt. Nachbarschaft wird als territorial gebundene, homogene Gemeinschaft in einer kleinräumigen Einheit beschrieben. Diese Vorstellung von Nachbarschaft impliziert ein wohlgeordnetes, auf ein Gebiet bezogenes soziales Zusammenleben. Durch veränderte Mobilität und gesteigerte Möglichkeiten der Vernetzung (neue Medien) differenzieren sich in modernen Gesellschaften die örtlichen Bezüge sozialer Kontakte immer mehr aus. Persönliche Beziehungen erfahren so eine neue räumliche Ausgestaltung und eine Ausweitung. Dadurch werden alltägliche Unterstützungsanliegen und Wohnort entkoppelt. Klassische Formen alltäglicher Hilfe (wie zum Beispiel das «Eierausborgen») werden heute oftmals durch nicht-personalisierte Formen (zum Beispiel zur Tankstelle um die Ecke gehen) substituiert. Um heute die geschilderten heterogenen Siedlungsformen aus sozialgeografischer Perspektive zu betrachten, müssen die territorial-architektonischen und sozialen-gelebten Dimensionen der Nachbar-

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Zwischen anonymem Nebeneinander und romantisierender Intimität entdeckt eine sozialgeografische Studie die moderne Schweizer Nachbarschaft.


«Neue Nachbarschaften» lokalisieren Angeregt wurde dieses Forschungsvorhaben durch Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Projekt «S5-Stadt. Agglomeration im Zentrum». Dieses untersuchte die Region entlang der S-Bahn-Linie 5 von Zürich-Stadelhofen durch das Zürcher Oberland bis an den oberen Zürichsee. Das heterogene Gebiet ist in den vergangenen Jahren immer stärker in den Agglomerationssog des Wirtschaftszentrums Zürich geraten. «S5-Stadt. Agglomeration im Zentrum» versuchte, diesen Lebens- und Wirtschaftsraum und seine Veränderungen zu erfassen und zu verstehen. Einen weiteren Ausgangspunkt für «Neue Nachbarschaften» bildeten die negativen Erfahrungen eines Vereins in Uster: Entsprechend der Vorstellung von Nachbarschaft als «Keimzelle von Bürgerinitiativen» adressierte der Verein die Bewohnerinnen und Bewohner eines Quartiers in Uster als homogene Gruppe. Der Versuch, über sozial Engagierte vor Ort einen Quartierentwicklungsprozess in Gang zu setzen, scheiterte. Hier zeigte sich empirisch, dass die auf der Verschränkung von territorialer Nachbarschaft und sozialer Nachbarschaftsbeziehungen basierenden Homogenisierungsvorstellungen immer weniger adäquat sind, um aktuelle Nachbarschaften zu definieren. Vor diesem Hintergrund standen bei «Neue Nachbarschaften» folgende Forschungsfragen im Zentrum:

nachbarn

schaftsbeziehungen zuerst getrennt untersucht werden. Diese Ausgangsthese wird anhand des empirischen Forschungsprojektes «Neue Nachbarschaften» illustriert, das ein interdisziplinäres Team der FHS St.Gallen durchgeführt hat.

• Welche persönlichen Beziehungsformen wirken in der aktuellen Lebensgestaltung von erwachsenen Menschen primär unterstützend und/ oder belastend? • Wo verorten sich diese persönlichen Beziehungen und wie wird der Kontakt untereinander aufrechterhalten? • Wie stellen sich heute real gelebte Formen von Nachbarschaft zwischen Bewohnerinnen und Bewohnern in ausgewählten Siedlungsformen in der S5-Stadt dar? In einem ersten Schritt wurden Wohnanlagen ausgewählt, die sich in ihrer baulichen Struktur, ihrem Alter, ihrer Bewohnerschaft und so weiter unterscheiden. Unter Einbezug lokaler Akteure standen am Ende drei Siedlungsformen fest, deren spezifische baulich-strukturellen Rahmenbedingungen analysiert wurden. Mit den BewohnerInnen der verschiedenen Siedlungstypen wurden vor Ort in den jeweiligen Wohnungen oder Häusern Interviews geführt. Dabei wurden die qualitativ-funktionalen Aspekte der Nachbarschaft erörtert. Hierzu wurde eine Netzwerkkarte entwickelt, auf der die Befragten diejenigen Personen eintragen konnten, von denen sie im vergangenen Jahr soziale Unterstützung erhalten hatten. Diese Kontakte konnten die Befragten in Kreise unterschiedlicher Reichweite eintragen: zunächst Wohnung, Haus, Quartier, dann S-5-Stadt, Kanton Zürich und schliesslich die Schweiz. Zudem wurden negative Aspekte eruiert, da in Nachbarschaftsbeziehungen stets auch Elemente der Kontrolle und Belastung mitklingen. In den Interviews wurden weiter die spezifischen bau-

AutorInnen Christian Reutlinger (Prof. Dr.) ist Sozialgeograf und Erziehungswissenschaftler mit den Schwerpunkten «Vernetzung, Netzwerke und Raum», «Gemeinwesenarbeit» sowie «Sozialraumforschung und Sozialraumarbeit». Er leitet das Kompetenzzentrum Soziale Räume der FHS St.Gallen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Eva Lingg (Dipl. Ing.) ist Architektin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Soziale Räume der FHS St.Gallen. Antje Sommer, Dipl. Sozialpädagogin, Master of Arts in «Comparative European Social Studies», arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziale Arbeit der FHS St. Gallen in den Bereichen Forschung, Consulting

Siedlungsinseln ermöglichen Identifikation in der Agglomeration.

und Weiterbildung.

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Auf der Sonnenseite wohnen

Literatur FLIEDNER, Dietrich (1993). Sozialgeographie. Lehrbuch der Allgemeinen Geographie. Band 13. Berlin: de Gruyter. LINGG, Eva, REUTLINGER, Christian, STIEHLER, Steve (2009). «Nachbarschaft. Ein Mörtel ohne Kalk». In: Modulør - Architektur, Immobilien, Recht. Urdorf: Boll Verlag AG, 32–38. LINGG, Eva, REUTLINGER, Christian, STIEHLER, Steve, SOMMER, Antje (2010). Neue Nachbarschaften in der S5-Stadt. Von der Metamorphose der nachbarschaftlichen Beziehungen im Quartier. www.s5-stadt.ch REUTLINGER, Christian und WIGGER, Annegret (2010). Transdisziplinäre Sozialraumarbeit. Grundlegungen und Perspektiven des St. Galler Modells zur Gestaltung des Sozialraums. Berlin: Frank & Timme.

Bilder Von Eva Lingg

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Die Transformation der schweizerischen Siedlungsstruktur bringt auch neue, vielfältige Formen von Nachbarschaftsverhältnissen hervor. Die Ergebnisse unserer Studie bestätigen diese These: Homogenität und Heterogenität in der Bewohnerschaft einzelner «Siedlungsinseln» stellen einen spannungsreichen Faktor für die Ausgestaltung von Nachbarschaftsbeziehungen dar. So bildet sich bei der Interviewten Emma eine homogenisierte «Gated Community» innerhalb des Hauses: Die Abgrenzung zur Nachbarschaft und anderen Wohnformen geschieht nicht auf der Basis baulicher Gegebenheiten, sondern über den Status der Bewohnerinnen und Bewohner. Auch der Interviewte Reto beschreibt ein verbindendes Gefühl der Homogenität aufgrund eines ähnlichen Status. Dieses Gefühl wird noch durch eine deutliche Abgrenzung verstärkt: «Die Reicheren, Gehobeneren wohnen auf der anderen Seite der Strasse.» Agglomerative Formen räumlicher Isolation, also ein unverbundenes Nebeneinander, erschweren das Gefühl eines «Miteinanders». Sie führen hingegen zu einer hohen Sensibilität für Homogenität und Heterogenität, die tatsächlich eine wichtige Rolle spielen. In der sonst heterogenen Siedlungsstruktur der Agglomeration bieten die Siedlungsinseln die Chance der Identifizierbarkeit und Bildhaftigkeit. Die Siedlungsinseln haben also das Potenzial, in einer «bildlosen» Umgebung Identifikation zu ermöglichen. Durch die ungenügende Vernetzung der einzelnen Anlagen besteht allerdings auch die Gefahr der Herausbildung von sozial exklusiven Räumen. Die Entwicklung eines Gefühls in Richtung des gemeinsamen Miteinanders und Lebensraumes ausserhalb der Siedlungsinseln wird dadurch erschwert. Zudem zeigte sich, dass das Netz nachbarschaftlicher Beziehungen teils zwar weit aufgespannt ist, allerdings werden erhebliche Unterschiede aufgrund der Lebensphase sichtbar: Phasen mit weniger Mobilität und mehr Bedarf an Unterstützungsmöglichkeiten und Erfahrungsaustausch, wie beispielsweise bei Müttern mit Kindern, weisen ein dichteres Nachbarschaftsbeziehungsgeflecht auf. Sie sind auch mehr im Nahraum verortet. So berichtet Emma von ihren eigenen Mutterschaftserfahrungen und einem immer grösser werdenden Aktionsradius mit steigendem Alter der Kinder. Zugleich verändert sich ihr Tagesrhythmus. Da ihre

Kinder nun Jugendliche sind, ist die Mutterrolle nicht mehr dieselbe. Emmas Lebensentwurf orientiert sich nun stärker an ihren eigenen Bedürfnissen jenseits dieser Rolle: die Kontakte zu einer Nachbarin, die Mutter eines Kleinkindes ist, werden weniger intensiv, da Zeitfenster für gemeinsame Treffen fehlen. Generell bestehen erhebliche Unterschiede im Aktionsradius aufgrund des sozio-ökonomischen Hintergrundes und der Herkunft der Befragten.

Baustrukturen lenken Sozialität Nachbarschaften können, so zeigte die Studie in Uster, sowohl über die baulichen Vorbedingungen, als auch auf der Ebene von Beziehungen gedacht werden. Es zeigte sich jedoch, dass strukturelle Faktoren wie Dichte oder Qualität der Versorgungseinrichtungen, haushaltstrukturelle Zusammensetzung der Wohngebiete oder die Art des Wohnens (Miete oder Eigentum) wichtige Determinanten für das Entstehen von Nachbarschaftsbeziehungen sind. Daher müssen auch «strukturelle Bedingungen» betrachtet werden. Dieses sozialgeografische Konzept wird als «Soziale Nachbarschaften» bezeichnet und kann auf verschiedenen Ebenen untersucht werden. Erstens über die vorgehend benannten strukturellen Bedingungen von Nachbarschaften.

Bauliche Faktoren können netzwerkfördernd wirken.

Zweitens über die sozialen Beziehungen zwischen Menschen, also die Nachbarschaftsbeziehungen. Drittens über die gebauten Siedlungsrealitäten, in welchen (bewusst oder unbewusst) sowohl netzwerkfördernde als auch -hemmende Elemente eingebaut sein können. Erst durch die Analyse und Rekonstruktion «Sozialer Nachbarschaften» über diese drei Zugänge wird es möglich, eine aktualisierte Vorstellung des Miteinanders zu beschreiben und darauf gestalterisch zu reagieren.

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lich-strukturellen Rahmenbedingungen in den Blick genommen, wobei nach Begegnungsräumen oder Konfliktorten gefragt wurde. Als hilfreich erwies sich hier ein standardisierter Kurzfragebogen am Ende des Interviews zu den Eckdaten der Person beziehungsweise der Siedlungsform (Eigentum, Miete, Bezug, Beweggründe für die Auswahl dieser Wohnform und so weiter).


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Synergie im Kraftwerk Ökologisch und solidarisch leben mitten in der Stadt – dies hat sich ein Wohnprojekt in Zürich zum Ziel gemacht. Die bunt gemischte Bewohnerschaft trifft sich auf der Dachterrasse, in den Arbeitsgruppen oder auch mal nur zwischen Bergen von Wäsche. Von Céline Jourdain «Hallo, hallo!», höre ich von weitem meinen Nachbarn rufen, als ich die Strasse überquere und vor dem imposanten Hauptgebäude der Genossenschaft «Kraftwerk1» anhalte, welches mit Klinker versehen ist. Etwas erschöpft von einem anstrengenden Tag als Deutschlehrerin lasse ich mich gerne in ein Gespräch über Gott, ja Gott und die Welt verwickeln und vergesse, dass ich gerade eben nur ins Bett fallen und vom Rest der Welt nichts wissen wollte. Noch nicht lange bin ich Mitglied der 1995 gegründeten Bau- und Wohngenossenschaft «Kraftwerk1». Ich lebe mitten im Industriegebiet Kreis 5 in einer WG, deren Räumlichkeiten sich vom sechsten bis hin zum siebten Stockwerk erstrecken und direkten Zugang auf die Dachterrasse erlauben. Die Wohnung teile ich mit vier Kraftwerk-Bewohnern,

die sich Anfang Jahr glücklicherweise für mich als Mitbewohnerin entschieden haben.

Ein besseres Stück Stadt Ich reisse mich los von der Diskussion vor dem Haus, um all die kleinen Dinge, die noch zu erledigen sind, zu erledigen, bevor der Feierabend Feierabend sein kann. Ich schleiche an der zentral gelegenen Waschküche vorbei und entscheide mich – der Gesundheit und der Figur zu Liebe – wieder mal die gelben Treppen statt einen der vier grauen Lifte zu nehmen. Das zieht Folgen nach sich! Ich verzichte somit darauf, mit Hilfe der Zettel, die jeweils im Lift hängen, über die aktuellen Geschehnisse im Genossenschaftsleben informiert zu werden und werde stattdessen mit anderem belohnt: Stock um Stock erblicke ich die verschiedenen Fussmatten vor den Türen der Nachbarn – mache

Literatur BLUM, Martin, et. al. (1993). Kraftwerk 1: Projekt für das Sulzer-Escher Wyss Areal. Zürich: Paranoia-City-Verlag. tec21, Nr. 42, Sondernummer KraftWerk1, 19. Oktober 2001. www.kraftwerk1.ch

Solidarität und ökonomisches Wohnen mitten im Kreis 5.

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mir meine Gedanken oder erzähle mir kleine Geschichten dazu, was mir hin und wieder ein kleines Schmunzeln entlockt. Ganz spannend ist der Bereich neben den Fussabstreifern: An einigen wenigen Orten ist da nichts ausser dem gelben Boden zu sehen, an anderen Orten gesellen sich Schuhe oder Spielsachen in ganz unterschiedlichen Farben dazu – mal schön Reih um Reih nebeneinander, auf oder in Schuhkästen geordnet, mal chaotisch durcheinander gewürfelt – je nach Nachbar eben individuell anders. Immer mal wieder wird man beim Vorübergehen mit einer sich öffnenden Tür und einer Begegnung beglückt. Diesmal öffnet gerade niemand, und heute bin ich froh darüber. Zum Zeitpunkt meiner Zimmer-Bewerbung wusste ich fast nichts über das Konzept und die Geschichte des Kraftwerks, war aber beeindruckt von der grossen Wohnfläche, der Dachterrasse und der Lage nahe am Fluss beziehungsweise an der Werdinsel. Im Konzept «Kraftwerk1» steckt jedoch einiges mehr: Viele Menschen sehen in dem Projekt eine kleine Stadterweiterung, «ein besseres Stück Stadt» – ein Projekt, das beispielhaft ist für eine «rollende Konkretisierung» von einstmals als utopisch betitelten Ideen Einzelner. In den vier Genossenschaftsgebäuden wohnen rund zweihundertvierzig Menschen mit innovativen Lebenskonzepten in Siedlungsgemeinschaften – vom Single-Haushalt im Zwei-Zimmer-Atelier über die klassische Familienwohnung bis hin zu mittleren und grossen Wohngemeinschaften mit und ohne Kinder – und profitieren von den sich ergebenden Synergien.

Orte des Austausches

Redaktorin Céline Jourdain (28) aus Zürich ist Deutschlehrerin und abschliessende Linguistin. Sie studierte Germanistik, Filmwissenschaft und Philosophie an der Universität Zürich.

Fotografin Inci Satir (26) studiert Germanistik und Geschichte und hat vor einigen Jahren ihre Leidenschaft für die Fotografie entdeckt. Mehr zu sehen gibt es auf ihrer Homepage www.incisatir.ch

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In der gemütlichen WG-Küche wird oft gemeinsam gekocht.

in mein Zimmer. Es scheint niemand ausser mir da zu sein. Vielleicht geniesst Lukas, einer meiner Mitbewohner, gerade unbemerkt ein Sonnenbad in der Hängematte – wäre nicht das erste Mal. Ich werfe meinen schweren Rucksack auf den Sessel, nehme mein Notebook aus der Tasche, gehe die neusten Mails durch und besuche anschliessend kurz die Webseite der Genossenschaft. Diese informiert nebst den Zetteln im Lift oder der Infowand im Erdgeschoss über aktuelle Ereignisse.

Gemeinschaftlich urban leben Ein beachtlicher Teil der Siedlungsinfrastruktur und das Gemeinschaftsleben werden im Sinne der Selbstverwaltung mehr oder weniger professionell von den BewohnerInnen gestaltet. Der sogenannte «Spiritbeitrag», der von allen Bewohnern nach Einkommen geleistet wird, fliesst in einen Pot, welcher unterschiedliche Projekte des Kraftwerks unterstützt. Es werden verschiedene Arbeitsgruppen und Aktionsgruppen gebildet, die sich diversen

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Autorin

Endlich bin ich oben vor unserer Wohnungstür angekommen, wenn auch tief atmend und – aufgrund der hohen Aussentemperaturen – leicht verschwitzt. Eine Nachbarin mit ihrem Baby kommt mir entgegen. Das Kind lächelt etwas scheu, ich freue mich und die Mutter und ich wechseln kurz ein paar Worte miteinander. Es ist nicht das erste Mal, dass wir uns treffen: Sie gehört zu den Kraftwerk-Bewohnern, die ich immer mal wieder treffe, während ich andere Mitglieder sehr selten oder gar nie sehe – wer kennt das nicht. Nebst diesen zufälligen Begegnungen vor dem Eingang oder im Treppenhaus gibt es auch andere Treffpunkte und Orte des Austauschs: den zentralen Waschsalon und die Bar gleich beim Eingang innerhalb des Gebäudes oder den grossen Gemeinschaftsraum mit Küche und Grill auf der Dachterrasse. Die grundsätzliche Haltung der Bewohner ist offen: Man möchte sich begegnen und sich austauschen, gleichzeitig wird aber niemand bedrängt oder gezwungen, in einer speziellen Art und Weise sozial aktiv zu werden. Ich öffne die Tür, lege wie immer den Schlüssel auf die Kommode, streife die Schuhe von den Füssen, trinke kurz ein Glas Wasser in der Küche und schleppe mein ganzes Gepäck die Treppen hinauf,


nachbarn

ein Restaurant, einen Coiffeur, einen Blumen- und Früchteladen, einen Mobilitystandort in der Garage und ein Konsumdepot für Mitglieder der Genossenschaft und das ganze Quartier an. Das 2001 formulierte Ziel, ein modernes urbanes Lebensgefühl mit sozialen und ökologischen Massstäben zu verbinden, ist nicht verloren gegangen. Jede Person, die neu ins Kraftwerk einzieht, hat eine Charta zu akzeptieren, die festlegt, nach welchem Minimalkonsens die Gemeinschaft zusammenlebt. Die zentralen Wörter in dieser Charta sind «Synergie», «Souveränität», «Solidarität» und «Gleichberechtigung». Die konkrete Realisierung der Konzepte wird selbstverständlich durch Bewohner und Aussenstehende immer wieder neu und subjektiv interpretiert und umgesetzt.

Unkompliziertheit nicht nur in der Küche

Aufgaben oder Themen widmen. Die Arbeitsgruppe «KiKo» beispielsweise, die sich aus Eltern und deren Kindern zusammensetzt, nimmt kindergerechte Projekte wie den «Kinderflohmi» oder den «Räbenliechtli-Umzug» in die Hand oder führt Arbeiten im Bereich der Spielplatzgestaltung durch. Eine andere Arbeitsgruppe, «Obenusae» genannt, kümmert sich um Belange auf dem Dach, wie beispielsweise die Pflege der Pflanzen. In etwas anderer Form ist die Kochgruppe organisiert: Sie setzt sich aus mehreren Teilgruppen zusammen, wobei jeden Mittwochabend alternierend eine Teilgruppe für die gesamte Kochgruppe auf der Dachterasse kocht. Es gibt noch einige weitere Gruppen, die das Kraftwerk-Leben spannender und praktikabler machen: so der Filmclub, das Konsumdepot oder die «Pantoffelbar». «Solidarität» und «Ökologie» sind die geltenden Schlagwörter, nicht nur für die Bewohner, sondern für das ganze Angebot der Infrastruktur. Nebst dem Arbeitsraum für neunzig Personen bietet diese

Das Knallen einer Tür reisst mich aus den Gedanken. Nun höre ich auch ein Stimmengewirr. Mein knurrender Magen und die Neugier führen mich in die Küche, in der sich schon einige Leute versammelt haben: Mitbewohner, Partner der Mitbewohner und Freunde. Ich erinnere mich, selbst auch eine Freundin zum Essen eingeladen zu haben, und schon klingelt es an der Tür. In der Küche zaubert mal diese mal jener etwas Essbares auf den Tisch, das eine Grüppchen isst schon, das andere gesellt sich bald dazu. Man teilt ein bisschen von diesem und ein bisschen von jenem, wie es eben passt. Dass es unkompliziert bleibt, ist der Wunsch von allen. Man möchte nicht angestrengt Gemeinschaft schaffen, möchte seinen Freiraum behalten. Durch die geräumige Konstruktion, die der Architekt Christof Glaus in einem Interview als eine Art «modularen Baukasten» bezeichnete, ist genau dies möglich. Nachbarschaft in einer Genossenschaft, in der Solidarität und Ökologie gross geschrieben, aber nicht aufgezwungen werden, scheint mir in einer Zeit, in der die städtische Vereinzelung nicht nur ökologische, sondern auch soziale und finanzielle Probleme schafft, ein Konzept mit Zukunft zu sein.

Nachbarschaftskonzepte konkret Architektur

und

Wohnverhältnisse

bestimmen

Nachbarschaften entscheidend mit. Heute existieren zahlreiche Wohnkonzepte, die auf teils recht unterschiedlichen Ideen des Zusammenlebens basieren. Zoon Politikon blickt hinter die Kulissen zweier Wohnkonzepte und erläutert, inwieweit die Theorie der alltäglichen Praxis entspricht.

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Wohnen im Panoptikum Das architektonische Konzept des Zürcher Brahmshofs zielt auf ein autonomes und offenes Zusammenleben. Einblicke in fremde Wohnungen gehören genauso zu einem Besuch wie Tipps gegen Schimmel.

Alles ist transparent

Autor Redaktor Marco Büsch (20) aus Zürich studiert im 3. Semester Politikwissenschaft, Recht und Soziologie an der Universität Zürich.

Fotografin Inci Satir (26) studiert Germanistik und Geschichte und hat vor einigen Jahren ihre Leidenschaft für die Fotografie entdeckt. Mehr zu sehen gibt es auf ihrer Homepage www.incisatir.ch

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Mit seinem Innenhof, den offenen Gängen, die sich in den einzelnen Stockwerken um den Hof schlängeln, und den Wohnungen, welche wegen der grossen Scheiben gut einsehbar sind, erinnert der Brahmshof ein bisschen an ein Gefängnis. Hier teilt man seine Privatsphäre mit jedem Passanten oder Nachbarn, der an der Wohnung vorbeigeht und einen Blick hinein wirft – ausser man hat den ganzen Tag die Fensterläden unten. Unbemerkt betreten kann man den Hof eigentlich kaum. Alles ist transparent im Brahmshof, die Grenze zwischen dem Öffentlichen und Privaten verschwimmt. Daran muss man sich als Neuzugezogener wohl erst einmal gewöhnen. Ich bin bei einem Freund eingeladen, welcher im Brahmshof wohnt. Als ich mein Handy hervorholen will, um ihn nach der genauen Lage seiner Wohnung zu fragen, sehe ich ihn im ersten Stock auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes winken. Dass man hier tatsächlich keinem Auge entgeht, hat in diesem Fall auch etwas Gutes. Ich begebe mich zum nächstgelegenen Lift, welcher rot eingefärbt ist, nehme dann aber doch die Treppe. Man ist ja noch jung. In jeder der vier Ecken des Brahmshofs hat der Lift eine andere Farbe. Und die Briefkästen passen farblich dazu. Trotz der gleich aussehenden Aussenfronten kann man sich hier also kaum verirren. Nach einer herzlichen Begrüssung setzen wir uns mit einem Bier auf den Balkon, genauer gesagt an einen Ort zwischen Wohnung und Gang, denn ohne klare Abtrennung geht auch hier der öffentliche Teil in den privaten über. Wir überblicken den ganzen Hof. Nur die grosse Linde schränkt unsere Panoramasicht etwas ein. Auf vielen der Beinahe-Balkone wird gegessen, es herrscht ein reges Treiben. Ich

bewundere die vor den meisten Wohnungen in allen Farben blühenden und spriessenden Pflanzen und Blumen. Bei diesem Anblick fällt es nicht schwer zu glauben, dass der Brahmshof 1995 von der Stadt Zürich eine «Auszeichnung für gutes Bauen» erhalten hat.

Ein Fenster zum Fernsehen Nachdem wir das Bier ausgetrunken haben, bekomme ich eine kleine Führung durch die Wohnung, welche sich durchgehend vom Hof bis zur Aussenseite des Brahmshofs erstreckt. Mein Freund erzählt mir, dass es ihn eigentlich kaum störe, den fremden Blicken permanent ausgesetzt zu sein. Man sehe seine Nachbarn ohnehin fast nie – ausser jene der unmittelbar angrenzenden Wohnung. Ihnen kann man durch ein Fenster hinter dem Fernseher direkt in die Wohnung sehen. Beim Fernsehen schaut man unwillkürlich hinüber, wenn sich in der anderen Wohnung etwas tut. Beschwert hätten sich die Nachbarn bis jetzt aber nicht – nur vor zwei Wochen ganz dezent einen riesigen Schrank vor ihr Fenster gestellt. Die Führung wird im Innenhof fortgesetzt. Wir wandern durch die offenen Gänge und gucken in fremde Wohnungen. Man kann fast nicht anders als hineinzusehen. Im Brahmshof scheint es, als wäre Facebook zum Wohnkonzept geworden. Jeder kann in deine Wohnung schauen, du kannst anderen in die Wohnung schauen. Natürlich zeigst du nur so viel, wie du willst, und trotzdem machen viele ihre Wohnung für fremde Blicke offen zugänglich. Mein Freund erklärt mir, dass der Teil des Brahmshofs, in dem er wohnt, dem Jugendwohnnetz «Juwo» angehört. In diesen Wohnungen kann man nur bis zum dreissigsten Lebensjahr bleiben, und nur, wenn das Bruttoeinkommen 30‘000 Franken nicht übersteigt. Zurzeit sind aber kaum Wohnungen frei. Die Wohnungsnot grassiert auch hier. Ein anderer Teil des Brahmshofs ist an die Wohngruppe «Linde» vermietet, die psychisch beeinträchtigten Männern und Frauen eine Möglichkeit zu begleitetem Wohnen bietet. Im Parterre gibt es ein Restaurant, das arbeitsfähigen Sozialhilfeempfängern, die zurzeit keine Anstellung auf dem Arbeitsmarkt finden, Teillohnstellen anbietet. Der ganze Brahmshof steht unter der Schirmherrschaft des evangelischen Frauenbunds, der diese Siedlung und weitere Liegenschaften verwaltet. Auch eine Frauenberatungsstelle und das Kinderhaus «Pilgerbrunnen», welches sich im Hof

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Von Marco Büsch Der Brahmshof ist ein grosser Gebäudekomplex. Eingebettet zwischen blühenden Pflanzen und versteckt hinter meterhohen Bäumen sieht man ihn von weitem kaum. Der Brahmshof liegt in der Nähe des Albisriederplatzes in Wiedikon, inmitten von anderen Wohnsiedlungen, nur einige hundert Meter vom Stadion Letzigrund entfernt. Betritt man durch einen der vier Durchgänge den Innenhof, fällt einem zuerst die riesige, alte Linde auf, welche majestätisch in der Mitte des Hofes thront. Seit fast zwanzig Jahren – seit dem Bau des Brahmshofs – breitet sie sich hier aus.


Waschküchen sind Begegnungsstätten Das Konzept des Brahmshofs baut auf dem Zusammenleben ganz unterschiedlicher Menschen auf. Hier treffen Bewohner aus verschiedensten Kulturen aufeinander, psychisch oder körperlich beeinträchtigte Menschen, alleinerziehende Mütter, junge Auszubildende und Studenten wie auch alte Leute. Ein Grossteil der Wohnungen wird von der Stadt subventioniert. Jeder Mieter wird mit dem Unterzeichnen des Mietvertrags automatisch Mitglied im Bewohnerverein, welcher alle zwei Monate einen Hoftreff abhält und einmal im Jahr ein Hoffest organisiert. Drei Bewohner werden zudem als Vermittler zwischen Verwaltung und Bewohnerschaft

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nebenan befindet, werden von dieser Organisation geführt.

gewählt. Der evangelische Frauenbund organisiert selbst keine Feste oder Anlässe. Das bleibt den Bewohnern überlassen. Indem sie sich organisieren, übernehmen sie Verantwortung für ihr Zusammenleben. Nun fahren wir doch noch Lift: Die Waschküchen befinden sich im obersten Stock. Keine modrigen Kellerräume mit ein paar Waschmaschinen in einem finsteren Winkel, wie in so manchem Mietshaus in der Stadt. Hier findet man eine schöne Terrasse, auf der man seine Wäsche zum Trocknen aufhängen kann, und lichtdurchflutete Räume. So verrückt es klingt: Diese Waschküchen laden zum Verweilen ein! Sicher dienen sie den Bewohnern auch als Begegnungsstätte. Der einzige Haken dabei sind die Wasserrohre, die schon einmal alle darunter liegenden Wohnungen überschwemmten.

Die Architektur des Brahmshofs ist durchsichtig.

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Wir fahren wieder nach unten. Während der Fahrt sehen wir im Lift einen Aushang der Verwaltung, der uns über den Unterschied zwischen normalem Schimmel und einem Wasserschaden aufklärt. Zwei Bilder veranschaulichen die feine Differenz. In beiden Fällen soll man jedoch die Verwaltung kontaktieren. Wir sind dankbar für die Tipps, wie Schimmel ganz vermieden werden kann: «Fenster nicht längere Zeit schräg stellen, sondern öffnen!» Kommunikation steht in dieser Siedlung wohl an erster Stelle.

Toleranz verhindert den Kleinkrieg Hinter dem Brahmshof befindet sich die Badenerstrasse, welche Tag und Nacht stark befahren ist. Dazwischen steht ein Haus, das als Lärmschutz fungiert. Es verwundert deshalb nicht, dass man trotz der Nähe zur Strasse keine Autos hört. Stolz zeigt mir mein Freund nun den Kompost. Im Brahmshof werden die Abfälle sauber getrennt und ökologisch entsorgt. Ein Schild weist allerdings deutlich darauf hin, dass die Nutzung den Anwohnern vorbehalten ist. Denn «zu viele Köche verderben den Kompost». Ein Plan, wer ihn wie und wann ausmisten soll, fehlt aber. Auch dies ist wohl der Selbstorganisation der Bewohner überlassen. Perfekt klappt das zurzeit noch nicht.

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Die Führung endet hier. Auf dem Beinahe-Balkon geniessen wir den Rest eines schönen Sommerabends. Wie es langsam dunkler wird, sieht man in den anderen Wohnungen die Lichter angehen. Vorhänge werden gezogen, Fensterläden aufgemacht. Man kann den Nachbarn bei ihrem Tun zuschauen, und auch sie können uns beobachten. Es scheint, als gäbe es hier nichts zu verbergen. Man lebt so nah aufeinander, dass man sich kaum ausweichen kann. Trotzdem bricht keineswegs wegen jeder Nichtigkeit ein «Kleinkrieg» aus. Dies zu hören ist erfreulich und auch ein wenig überraschend. Das Prinzip «Leben und Lebenlassen» wird im Brahmshof anscheinend gross geschrieben. Von Toleranz sei das gemeinsame Wohnen geprägt, sagt mein Freund. Und mehr noch: Die nachbarschaftlichen Beziehungen gestalten sich friedlich, die Leute seien hilfsbereit. Aus dem zweiten Stock hört man noch immer, wie Leute miteinander essen und angeregt diskutieren. Ich verabschiede mich. Mit dem Gefühl, zumindest einen Teil des Konzepts verstanden zu haben, mache ich mich auf den Nachhauseweg. Im Brahmshof wird niemand gezwungen, sich aktiv an der Gemeinschaft zu beteiligen. Doch man ist automatisch Teil von ihr und sei es nur durch den Umstand, dass alle in die eigene Wohnung schauen können.

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Der Blick in eine fremde Wohnung gehört im Brahmshof zum Alltag.


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Alleine Kegeln Funktionierende Demokratien sind auf ein ausgeprägtes bürgerschaftliches Engagement angewiesen. Diese Grundthese des Kommunitarismus galt lange als ungesichert – bis der Sozialwissenschafter Robert Putnam sie auf ein empirisches Fundament stellte. Von Fabian Urech und Monika Althaus Ist es das Paradox unserer Zeit? Während wir uns durch neue technische Möglichkeiten und die verstärkten Globalisierungs- und Urbanisierungstendenzen virtuell und räumlich immer näher kommen, sind wir uns doch zunehmend ferner. Die Idee vom «globalen Dorf» ist trügerisch: Der einzelne Mensch wird mobiler und unabhängiger, seine Identität ist kaum mehr an Lokalem festzumachen. Damit einher geht eine Atomisierung und Individualisierung der modernen Gesellschaften, die unsere soziale Kohäsion, den gesellschaftlichen Kitt, unterminieren. Was lange lediglich als gängige, von Krisen und Selbstzweifel geprägte Selbstdiagnose westlicher Gesellschaften galt, wurde von Robert Putnam vor zehn Jahren empirisch untermauert. In einer der umfassendsten sozialwissenschaftlichen Studien überhaupt gelang es ihm aufzuzeigen, dass die These des zunehmenden Auseinanderlebens der Gesellschaft zumindest in den USA empirisch belegbar ist. «Bowling alone» benannte der Soziologe und Politikwissenschafter der Harvard University das Phänomen. Putnams These ist so einfach wie überzeugend: Damit eine Gesellschaft ökonomisch, administrativ und politisch arbeitsfähig ist, bedarf es eines gewissen Masses an «Sozialkapital». Der Amerikaner – so zeigt Putnams Studie – findet es allerdings nicht mehr im Verein am schönsten, sondern kegelt lieber allein; ein griffiges Bild, das rasch zum Symbol des Niedergangs von Gemeinsinn und der zunehmenden Entfremdung in postmodernen Gesellschaften wurde.

Der Mensch – ein zoon politikon Diese Erkenntnisse gossen Öl ins Feuer einer Debatte, die in den Vereinigten Staaten und in Europa seit längerem unter dem Schlagwort «Kommunitarismus» geführt wurde. Die klassische Grundannahme des Kommunitarismus lautet, dass der Mensch nicht nur sich selbst, sondern ebenso der Gesellschaft verpflichtet ist. Diese Pflicht entspricht aber gleichsam einem Bedürfnis: Der Einzelne – so das kommunitarische Credo – ist nur als Teil einer Gesellschaft imstande erfüllt zu leben. Er ist also von Natur aus ein gemeinschaftliches Wesen – ein zoon politikon. Die kommunitarische Grundidee reicht bis ins antike Griechenland zurück, erlangte aber erst im 20. Jahrhundert durch die mit der Industrialisierung einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungsprozesse grössere Prominenz.

Für das 18. und 19. Jahrhundert blieb individuelle Freiheit immer sozial eingebunden – durch Familie, Gemeinde, Kirche. Dagegen verschob der mit der Wende zum 20. Jahrhundert einsetzende Vormarsch des Industriekapitalismus die gesellschaftliche Balance zugunsten eines ökonomischen Erfolgs- und Bereicherungsdenkens. Dieses streifte zudem die alten Restriktionen aus Religion und Moral ab. Verlierer sind die sozialen Gemeinschaften und das öffentliche Leben. Bürger ziehen sich in die Privatheit zurück und vergessen ihr bürgerschaftliches Engagement. Der moderne Kommunitarismus entwickelte sich als Reaktion auf den zeitgenössischen Liberalismus, der laut Kommunitarier einen «atomistischen Individualismus» fördere. Er stellte sich damit der universalistischen Vertragstheorie John Rawls’ entgegen und appellierte an eine Rückkehr zur Moralpolitik auf lokaler Ebene. Jede Gesellschaft hat entsprechend ihren kulturellen Ausprägungen eine bestimmte Konzeption des Guten, so die Annahme. Eine umfassende universalistische Theorie der Gerechtigkeit ist aus kommunitarischer Perspektive deshalb zwingend zurückzuweisen.

«No man is an island» Die Ideen des Kommunitarismus erlangten bald über das akademische Umfeld hinaus Bekanntheit. Die Kommunitarier, angeführt von den amerikanischen Vertretern, bemühten sich erfolgreich um eine Berücksichtigung ihrer Ideen im politischen Alltag. Das «Communitarian Network», das in den 1990er Jahren durch den Amerikanischen Soziologen Amitai Etzioni gegründet wurde, propagierte unter der Losung «No man is an island» eine Rückbesinnung auf Gemeinschaftswerte. Der politische Erfolg der kommunitarischen Bewegung stellte sich vorab in der angelsächsischen Welt rasch und in beachtlichem Rahmen ein. Kommunitarische Rhetorik und Ideen spielten eine bedeutende Rolle während den Amtszeiten Bill Clintons und Tony Blairs und hatten durch den erstarkenden kommunitarischen Einflusskreis in Deutschland auch auf die Politik Gerhard Schröders eine gewisse Wirkung. In wissenschaftlichen Kreisen wurden kommunitarische Ideen bereits früh diskutiert. Lange galt die These von der Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts jedoch als Mutmassung und war empirisch nicht hinreichend belegt. Dies änderte sich mit den Forschungsarbeiten Robert Putnams, der dem Kommunitarismus endgültig zum Durchbruch

AutorInnen Redaktor Fabian Urech (25) schloss seinen Bachelor in Politikwissenschaft an der Universität Zürich ab. Kürzlich hat er am Graduate Institute in Genf den «Master in International Studies» begonnen. Monika Althaus (25) hat an der Universität Zürich den Bachelor in Politikwissenschaft abgeschlossen. Momentan studiert sie im Masterstudiengang «Internationale Studien/Friedensund Konflikforschung» an der Goethe-Universität in Frankfurt a.M.

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Alleine auf der Bowlingbahn – ein Sinnbild westlicher Gesellschaften?

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vilgesellschaft in heutigen politikwissenschaftlichen Analysen vorausging.

Alleinsein als Symbol der Postmoderne? Die Diagnose, die Putnam in «Bowling Alone» im Jahr 2000 stellte, verstärkte schliesslich auch das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit an Fragen der sozialen Kohäsion moderner Gesellschaften. Dabei war seine empirische Grundlage mindestens so beeindruckend wie die daraus hervorgehenden Resultate: Basierend auf qualitativen und quantitativen Daten aus fast 500’000 während 25 Jahren gesammelten Interviews und unzähligen Statistiken zieht er folgende Erkenntnis: Die Amerikaner unterschreiben im Laufe der Zeit immer weniger Pe-

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verhalf. Bereits in den 1970er Jahren hatte dieser sich mit der Erforschung der Gesellschaft und deren Beziehung zu Politik und Wirtschaft beschäftigt. In der Studie «Making Democracy Work. Civic Traditions in Modern Italy» untersuchte Putnam, warum die Regionalregierungen des nördlichen Italiens trotz weitgehend übereinstimmender formaler Struktur und Ressourcenausstattung wesentlich erfolgreicher funktionierten als die Regierungen im Süden des Landes. Dabei kam er zum Schluss, dass die Unterschiede in der Performanz mit dem ungleichen Ausmass des bürgerschaftlichen Engagements in den Regionen erklärt werden können – eine Erkenntnis, die der zentralen Stellung der Zi-


Gemeinschaftssinn auch im multikulturellen Kontext? Putnams Warnung vor den Zerfallstendenzen westlicher Gesellschaften können zwar nicht verabsolutiert werden und dürften in anderen empirischen Kontexten durchaus auch in anderer Ausprägung zu beobachten sein. Trotzdem handelt es sich nicht um ein ausschliesslich amerikanisches Phänomen. Die Forderungen nach einem gesellschaftlichen Zusammenrücken klingen zwar zuweilen etwas phrasenhaft, sollten aber gerade im zunehmend verstädterten Europa – also auch in der Schweiz –

nicht überhört werden. Der alte Kontinent ist in dieser Hinsicht gar ein überaus aufschlussreiches, quasi Zeitgeist-konformes Experimentierfeld. Die Europäische Union steht hier im Sinne eines institutionalisierten Zusammenrückens als wackelige Metapher für eine Entwicklung, die noch nicht gänzlich absehbar ist und in regelmässigen Abständen ins Stottern gerät. Gleichzeitig ist sie Abbild einer grundsätzlichen Herausforderung globalisierter Gesellschaften. Zeitgemässe Kommunitarier fragen sich, wie die Synthese zwischen Lokalem und Globalem gelingen kann, wie sich der stark am Lokalen orientierte Gemeinsinn unter den Bedingungen der internationalen Verknüpftheit und Mobilität ausbilden und entfalten kann. Wie entwickelt der Zürcher ein soziales Verantwortungsgefühl gegenüber seiner ihn umgebenden (und oft wechselnden) Gemeinschaft, wenn er doch heute mehr denn je auch Schweizer, Europäer oder Weltenbürger sein soll und kann? Auch Putnam beschäftigt sich in seinen neueren Forschungsbeiträgen mit den Fragen der internationalisierten Gemeinschaften. Er untersucht dabei insbesondere den Einfluss der zunehmenden Migration auf die Sozialkohäsion westlicher Staaten. Putnam hält in seiner 2007 erschienenen Studie «Diversity and Community in the Twenty-first Century» fest, dass der gemeinschaftliche Zusammenhalt durch die zunehmende ethnische Diversität unserer Gesellschaften kurzfristig tatsächlich abnehmen dürfte, dass sich längerfristig allerdings neue Formen des Sozialkapitals über ethnische Grenzen hinweg entwickeln können. Dieses Phänomen ist auch Gegenstand seiner neuesten Publikation, in der Putnam das gemeinschaftsverbindende «ObamaPhänomen» beleuchtet und zur Erkenntnis gelangt, dass sozialer Zusammenhalt auch in multikulturellen Gesellschaften möglich ist. Ob diese neuen Formen der Gemeinschaftlichkeit nachhaltig stabil sind und wie sie sich konkret ausgestalten, bleibt offen. Die technischen Innovationen dürften – so Putnam – hier aber nicht nur Gefahren, sondern auch neue, verheissungsvolle Möglichkeiten mit sich bringen. Schliesslich standen Gemeinschaften seit jeher immer wieder verschiedenen technischen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen gegenüber. Bis heute bewiesen sie dabei meist die nötige Flexibilität, um sich den neuen Umständen erfolgreich anzupassen. Die Paradoxe der Geschichte waren dabei zwar oft eine Hürde, erwiesen sich längerfristig aber nicht selten als günstige Gelegenheit zum gemeinschaftsdienlichen Wandel.

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titionen, treten weniger Organisationen bei, kennen ihre Nachbarn zunehmend schlechter, und haben vor allem weniger Freunde. «Jedes Jahr nimmt der Tod der amerikanischen Gesellschaft wieder eine Anzahl engagierter Menschen weg, und diese werden ersetzt durch wesentlich weniger engagierte Menschen», so Putnams ernüchterndes Fazit. Dieser Niedergang von «Sozialkapital» – sprich: Nachbarschaftshilfe, Wohltätigkeit, privates Engagement – sowie die allgemein verringerte Bereitschaft der amerikanischen Gesellschaft, sich in Gruppen zusammenzuschliessen, kann laut Putnam zu einer verheerenden Untergrabung der Demokratie führen. «Bowling alone» hat nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa und anderswo Aufsehen erregt und zu einer beachtlichen Zahl von Folgepublikationen geführt. Putnam selbst hat in Zusammenarbeit mit anderen Sozialwissenschaftlern 2002 in einer Studie die Entwicklung des Sozialkapitals in acht westlichen Ländern untersucht. Er kommt dabei zum Schluss, dass die Abnahme des gemeinschaftlichen Engagements nicht ausschliesslich ein amerikanisches Phänomen ist, sondern – wenn auch teilweise in anderer Form und Ausprägung – auch in europäischen und asiatischen Ländern zu beobachten ist. Putnam eruiert allerdings nicht nur Missstände und macht auf deren potentiell negative Folgen aufmerksam, er sucht auch nach gesellschaftlichen und realpolitischen Mitteln, um diesen Entwicklungen Einhalt zu gebieten. Im Rahmen des sogenannten «Saguaro Seminars» an der Harvard University bemüht er sich in Zusammenarbeit mit einer Reihe namhafter Wissenschafter, Zivilgesellschaftsangehöriger und Politiker (unter ihnen von 1995 bis 2000 auch Barack Obama) um die Entwicklung von Strategien zur Wiederbelebung des amerikanischen Gemeinschaftssinnes und den Aufbau neuer Formen sozialen Kapitals. In «Better Together» (2001), einer Nachfolgestudie des Seminars zu «Bowling Alone», beschreibt Putnam verschiedene Beispiele von neu gegründeten Communities in den USA, etwa Nachbarschaftsinitiativen oder Internetgemeinschaften, die dem Prozess der Entfremdung der Gesellschaft entgegenwirken könnten.

Literatur PUTNAM, Robert (1993). Making Democracy Work: Civic Traditions in Modern Italy. Princeton: Princeton University Press. PUTNAM, Robert (2000). Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community. New York: Simon & Schuster. PUTNAM, Robert (2007). E Pluribus Unum: Diversity and Community in the Twenty-first Century. Scandinavian Political Studies 30 (2). PUTNAM, Robert (2010). Age of Obama. Manchester: Manchester University Press.

Bild Von Todd Anderson

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Spaghetti statt Rösti Das Tessin und Italien: Gleiche Sprache, gleiches Essen, gleiche Kultur? Nicht ganz. Trotz vieler Gemeinsamkeiten sind es die kleinen, identitätsstiftenden Unterschiede, die man gerne betont.

Trotzdem: Wir sind Schweizer!

Autor Luca Borioli (30) stammt aus Claro im Tessin. Er studiert im 10. Semester Politikwissenschaft und Geographie an der Universität Zürich. Daneben ist er als Musiker tätig.

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Auf Grund dieser Zwiespältigkeit stösst man im Tessin zuweilen auch auf ein widersprüchliches Verhalten. Wir sind täglich mit ItalienerInnen in Kontakt, sowohl als Nachbarn im Dorf als auch als Kollegen auf der Arbeit. Jeder Tessiner hat viele italienische Freunde und sehr oft auch Verwandte. Andererseits kommt es aber vor, dass man sich freut, wenn Italien an der WM ausscheidet und man hört nicht selten Witze oder halb-abschätzige Kommentare über unsere Nachbarn. Auf eine gewisse Art wollen wir uns also abgrenzen und zeigen, dass wir trotz aller Gemeinsamkeiten doch Schweizer sind. Diese Phänomene haben fast immer scherzhaften und nie boshaften Charakter. Man trifft selten auf Leute, die grundsätzlich etwas gegen Italiener haben. Die Annahme, dass die Vorbehalte gegen Italiener stärker werden, je mehr man in die Täler geht, stimmt nicht. Leute mit skeptischer Einstellung gegenüber dem Nachbarn werden sogar eher in Grenzgebieten angetroffen, vielleicht aufgrund der zahlreichen Verflechtungen und des ständigen Kontaktes.

Die gleiche, andere Sprache Möglicherweise müssen wir uns ein bisschen abgrenzen, weil wir sonst «gleich» scheinen. Der wohl auffälligste Unterschied zu den Italienern ist – vielleicht überraschend – die Sprache. Auch wenn wir alle Italienisch sprechen, haben Tessiner einen besonderen Tonfall, der charakteristisch ist. Unsere Sprechweise wurde vor einigen Jahren auch von einem berühmten Komiker-Trio auf die Schippe genommen: Sie klingt für Italiener ziemlich einfältig und bescheiden. Da wir oft Wörter aus dem Deutschen oder Französischen direkt übernehmen, gibt es ab und zu lustige Zwischenfälle, wo man sich nicht sofort versteht. Dass es kaum andere Unterschiede gibt, erstaunt nicht sonderlich. Schliesslich wurde unser Kanton erst 1803 «gegründet». Vorher wurden grosse Teile des heutigen Kantons von den Herzögen von Mailand beherrscht. Tessiner sind wir also seit relativ wenigen Generationen – vorher waren wir «Italiener». Wie kann man also die Beziehung zwischen TessinerInnen und ItalienerInnen zusammenfassen? Das Spektrum der Meinungen über die Italiener reicht von «fleissige Arbeiter, sympathisch, kommen in jeder Situation zu recht, machen Stimmung» bis «lästig, arbeiten für weniger Geld und klauen unsere Arbeitsplätze». Wir werden von unseren Nachbarn teilweise darum beneidet, dass wir in einem Land leben, in dem Vieles besser funktioniert. Verbreitet ist auch das Bild, dass wir oft sehr neutral und meistens sehr ruhig und unauffällig sind. Alles auf eine Sichtweise zu reduzieren ist jedoch nicht möglich.

Die Schweiz und ihre Nachbarn Die Schweiz grenzt an fünf Nachbarstaaten. Das Verhältnis zu diesen ist im historischen Vergleich heute zwar freundlich und kooperativ. In regelmässigen Abständen wird die Beziehung zu den Nachbarn allerdings immer wieder zum Politikum. Wir haben zwei Schweizer gefragt, wie Tessiner und Romands zu ihren Nachbarn stehen.

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Von Luca Borioli Als ich gebeten wurde, über die Beziehung zwischen ItalienerInnen und TessinerInnenn zu schreiben, dachte ich nicht, dass mir dies schwer fallen würde. Schnell wurde mir aber bewusst, dass ich mir darüber nie ernsthaft Gedanken gemacht habe. Etwas zu verstehen, mit dem man aufgewachsen ist und das man kaum wahrnimmt, ist schwierig. Ich will deshalb subjektiv beschreiben, was ich sehe und denke. Denn es gibt im Tessin durchaus viele, teils recht unterschiedliche Meinungen über die Beziehung zu unserem italienischen Nachbarn, ähnlich etwa wie zwischen Deutschschweizern und Deutschen. Als Tessiner lebe ich gewissermassen in einem Zwischengebiet. Auf der einen Seite habe ich viel mehr Gemeinsamkeiten mit ItalienerInnen als mit DeutschschweizerInnen: Ich spreche Italienisch, schaue italienisches Fernsehen, esse lieber Spaghetti als Rösti, und wie viele meiner Freunde interessiert mich das Resultat von Milan-Juventus stärker als das Ergebnis von Basel-St.Gallen. Auf der anderen Seite fühle ich mich hundertprozentig als Schweizer und auf keinen Fall als Italiener. An der WM bin ich natürlich für die Schweiz. Und ich bin mir sicher, dass die grosse Mehrheit der Tessiner diese Meinung teilt.


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«Nos amis suisses» Die Westschweiz teilt mit der benachbarten «Grande Nation» zumindest annähernd die Sprache und viel Kultur. Dennoch gehört ein Quäntchen «Frankophobie» zur Identität der Romands. Von Emilie Demaurex Die Beziehung zwischen Romands und Franzosen ist mindestens so zwiespältig wie jene zwischen Deutschschweizern und Deutschen. Wir teilen viele Aspekte des Alltags: Wir sprechen dieselbe Sprache, wir schauen dieselben Sendungen und wir lesen dieselben Bücher. Natürlich ist die Westschweiz stark durch die französische Kultur geprägt, und wir sind den Franzosen kulturell näher als unseren Landsleuten auf der anderen Seite des Röstigrabens. Und dennoch sind wir keine Franzosen. Wer das Gegenteil behauptet, würde viele Romands schwer beleidigen. Einige Leute betrachten ein bisschen «Frankophobie» gar als Teil der welschen Identität. Warum ist das so? Natürlich gibt es einen Minderwertigkeitskomplex, den die Romands, Deutschschweizer und Tessiner gegenüber ihren grossen Nachbarn empfinden. Bewusst oder unbewusst versuchen wir, die Unterschiede zwischen uns und den Franzosen, Deutschen oder Italienern geltend zu machen.

Der aufgeplusterte Gockel Die Einstellung der Romands gegenüber Frankreich ist normalerweise negativ. Wir werfen den Franzosen oft ihren Chauvinismus vor, besonders im Zusammenhang mit dem Sport. Die Kommentatoren (aber auch die Spieler und Fans) der «Grande Nation» haben den Ruf, sich schon am Anfang des Spiels als Sieger zu gebärden. Ein Romand, der einen solchen Match schaut, wird wahrscheinlich irgendwann während der Sendung «Cocorico» ausrufen – ein Zeichen des Überdrusses, das auf den Gockel, das Nationalsymbol Frankreichs anspielt. Vorgeworfen wird den Franzosen auch, dass sie ihre Kultur in den Vordergrund rücken und alle anderen als unterlegen ansehen. Einige westschweizer Lästermäuler sagen sogar, dass die Franzosen an Ausländern nur dann interessiert seien, wenn diese ihre Liebe zur französische Kultur lauthals beteuern. Ich glaube nicht, dass es so schlimm ist. Richtig ist aber, dass die Franzosen sehr stolz auf ihre Kultur sind. Es gibt zum Beispiel Titel für Leute, die zum Ansehen Frankreichs beitragen. Mein Vater ist jetzt «Chevalier des Arts et des Lettres», da er die französische Sprachprüfung in Genf beaufsichtigt. Trotz der Liebe zu ihrer Sprache neigen die Franzosen dazu, andere französischsprachige Länder und

deren Landsleute nicht ernst zu nehmen. Deshalb haben wir in der Westschweiz den Eindruck, von den Franzosen oft etwas herablassend behandelt zu werden. Dafür steht auch die geläufige französische Betitelung der Schweizer als «nos amis suisses».

Romands ohne Akzent? Es ist schwierig, als Genferin über die Beziehung der beiden Länder zu sprechen, ohne sich dabei von Vorurteilen gegenüber den «Frontaliers» (Grenzgängern) beeinflussen zu lassen. Wer schon einmal unter der Woche in Genf war, wird wissen, worüber ich spreche. Im Jahr 2010 werden ungefähr 65‘000 Grenzgänger gezählt, welche jeden Tag in der Schweiz arbeiten. Oft werden sie zum Sündenbock aller Genfer Probleme gemacht (Verkehrsüberlastung, Lohndumping und so weiter). Allerdings üben sie oft Berufe aus, welche die Genfer nicht übernehmen möchten. Zudem sind die Grenzgänger für die Genfer Wirtschaft sehr wichtig. Dennoch gibt es eine Partei, die sie alle rausschmeissen will, die MCG (Mouvement Citoyens Genevois). Deren letzte Idee war es, die Armee nachts an der Grenze aufzustellen. Welches Bild haben die Franzosen von den Romands? Ich glaube, dass die Mehrheit uns als fröhliche Bergbewohner mit starkem Akzent betrachtet. Unser Französisch wird als zweitklassig angesehen. Ein Grund dafür ist vielleicht, dass alle Franzosen eine alte Ovomaltine-Werbung gesehen haben, in der ein Romand mit einem schrecklichen welschen Akzent die Vorzüge des Getränks preist. Es ist deshalb nicht erstaunlich, wenn ein Romand in Paris mit der Frage «Mais… vous n’avez pas d’accent?» konfrontiert wird. Die französisch-schweizerische Beziehung ist nicht immer einfach. Vielleicht ist die Lage für die Romands und die Tessiner ein bisschen anders als jene der Deutschschweizer. Ein Genfer Schriftsteller, George Haldas, hat zutreffend bemerkt: «Wir Romands sprechen die Sprache eines Landes, dessen Geschichte wir nicht gelebt haben, und gehören einer nationalen Gemeinschaft an, deren Sprache wir nicht sprechen.»

Autorin Emilie Demaurex (23) lebt in Genf. Sie studiert im 7. Semester Internationale Beziehungen an der Universität Genf. Letztes Jahr absolvierte sie einen Austausch an der Universität Zürich.

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Bürgerrechte für die Besatzer Während die Sowjets Lettland nach Kräften russifizierten, versuchten die Letten nach der Unabhängigkeit russische Bevölkerungsteile durch restriktive Einbürgerungsgesetze an den Rand der Gesellschaft zu drängen.

Das ausgeschlossene Drittel Ausgerechnet am Erfolgsmodell Lettland haftet jedoch ein demokratietheoretischer Makel. Ähnliches gilt auch für Estland. In Lettland stellte sich nach der Unabhängigkeit 1991 insbesondere in Bezug auf das Wahlrecht die Frage der Staatsbürgerschaft. Im Zuge dessen setzten sich die Stimmen durch, die nur denjenigen Personen die lettische Staatsbürgerschaft verleihen wollten, die diese bereits vor 1940 besessen hatten. Dies schloss vor allem all jene russischen Bevölkerungsteile aus, die in den vergangenen fünfzig Jahren eingewandert waren. Teilweise waren gar Parlamentsabgeordnete betroffen. Ein Drittel der Bevölkerung wurde somit von einem Tag auf den anderen vom politischen und in gewissem Masse auch vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Der Zerfall der Sowjetunion hatte für viele Einwohnerinnen und Einwohner Lettlands die Staatenlosigkeit zur Folge.

Die Hürden werden hochgeschraubt Erst 1994 wurden mit dem neuen Bürgerschaftsgesetz gesetzliche Bestimmungen zum Einbürgerungsverfahren erlassen. Voraussetzung für die Verleihung der lettischen Staatsbürgerschaft war

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eine Mindestaufenthaltsdauer von fünf Jahren. Für Personen, die während der Sowjetzeit eingereist waren, galt jedoch der 4. Mai 1990, der Tag der Verabschiedung der Unabhängigkeitserklärung, als Stichtag. Die ersten Einbürgerungsverfahren waren somit erst 1995 möglich. Mit der Begründung, eine plötzlich einsetzende Flut von Gesuchen verhindern zu wollen, wurden zeitliche Etappen bestimmt. Während diesen Perioden war es nur Personen, die bestimmte Kriterien erfüllten, möglich, einen Einbürgerungsantrag zu stellen. Die zusätzlichen Restriktionen führten dazu, dass das Einbürgerungsverfahren erst ab dem Jahr 2003 allen Personen offen stand, die die Mindestanforderungen erfüllten. Weiter erschwert wurde die Erlangung der lettischen Staatsbürgerschaft durch die Anforderung, die lettische Sprache zu beherrschen. Nach der kulturellen Unterdrückung des «Lettentums» während der Sowjetzeit wurde die lettische Sprache als ein besonders schützenswertes, identitätsstiftendes Element erachtet. Ab sofort sprachen die Lettinnen und Letten auch im öffentlichen Raum wieder ausschliesslich Lettisch. Nach der Unabhängigkeit im Jahr 1991 beherrschten jedoch nur gerade 18,3 Prozent der russischsprachigen Bevölkerungsgruppen die lettische Sprache. Während der Sowjetzeit war Russisch die offizielle Sprache; Lettisch wurde nur noch privat von ethnischen Lettinnen und Letten gesprochen. Aus diesem Grund bestand für die russischstämmige Bevölkerung in Lettland keine Notwendigkeit, das dem Russischen sehr fremde Lettisch zu erlernen. Nun sah sie sich jedoch mit dem Umstand konfrontiert, dass die Verkäuferin im Quartierladen nur noch in lettischer Sprache auf Fragen antwortete. Die kulturellen Unterschiede zwischen Nachbarn, die die Nationalitätenpolitik der Sowjetunion nicht zu überwinden, aber zumindest etwas zu kaschieren vermochte, traten wieder offen zutage.

In Bedrängnis Die restriktiven Bestimmungen waren vor allem eine Folge der Angst der Lettinnen und Letten, die Existenz von Staat und Nation nicht sicherstellen zu können. Dies lässt sich durch die Geschichte des Landes, insbesondere durch die fünfzig Jahre unter sowjetischer Herrschaft, erklären. Im Zuge der von Moskau gesteuerten Industrialisierung strömten Hunderttausende von Arbeitskräften aus dem Gebiet der Sowjetunion in das Land. Bereits fünfzehn Jahre nach Beginn der Besatzung waren über eine

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Von Petra Vogel Lettland gilt zusammen mit den beiden anderen baltischen Staaten Estland und Litauen als Musterknabe unter den ehemaligen Sowjetrepubliken. Während in vielen Staaten der ehemaligen Sowjetunion in Osteuropa und Zentralasien die Transition vom autoritären zum demokratischen System ins Stocken gerieten, reformierten die baltischen Staaten Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in einem atemberaubenden Tempo. Lettland hat seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1991 bereits mehrere demokratische Wahlen durchgeführt, die von internationalen Beobachtern fast ausnahmslos als «frei und fair» bezeichnet wurden. Den Höhepunkt des Demokratisierungsprozesses bildete zweifellos der Beitritt zur Europäischen Union (EU) im Rahmen der Osterweiterung im Jahr 2004. Über ideologische Grenzen hinweg hatte nach der Unabhängigkeit unter den politischen Akteuren ein Konsens bestanden, alsbald der EU beizutreten. Die breite Gruppe der Beitrittsbefürworter umfasste auch einen grossen Teil der lettischen Kommunisten und liess nur ein paar wenige Hardliner auf verlorenem Posten gegen die demokratische und europäische Öffnung kämpfen.


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halbe Million Arbeiter nach Lettland eingereist und stellten über vierzig Prozent aller in der Industrie Beschäftigten. Nebst der Umgestaltung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse beabsichtigte Moskau, die Bevölkerung zu «russifizieren». Dahinter stand die Absicht, den Widerstand für alle Zeit zu brechen und die Loyalität gegenüber der Sowjetunion langfristig sicherzustellen. Während der Bevölkerungsanteil der ethnischen Lettinnen und Letten kaum anstieg, wuchs die slawische Bevölkerungsgruppe überproportional. Zu Beginn der 1970er Jahre betrug der Anteil der ethnischen Letten gerade noch 57 Prozent an der Gesamtbevölkerung. In den Städten befanden sie sich häufig gar in der Minderheit. In der Hauptstadt Riga lebten damals nur noch 37 Prozent Lettinnen und Letten. Gegen Ende der sowjetischen Besatzung im Jahr 1989 zählte die Bevölkerung nur noch 52 Prozent Lettinnen und Letten, während 42 Prozent der Einwohner russischsprachig waren. Neben den Industriearbeitern lebten auch mehrere tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der sowjetischen Bürokratie in Lettland. Immerhin leitete Chruscht-

schov einen «Lettifizierungsprozess» von Staatsund Parteiapparat ein, welcher sich unter Stalin noch fest in russischer Hand befand. Unter diesen Voraussetzungen ist zu verstehen, weshalb für die russischstämmige Einwohnerschaft in Lettland kein Anreiz bestand, sich die lettische Sprache anzueignen. Im Gegenteil: Wer mit den Mächtigen in Industrie und Verwaltung in Kontakt treten wollte, musste die russische Sprache beherrschen. Aus diesem Grund sahen sich auch immer mehr Lettinnen und Letten gezwungen, Russisch zu lernen. Da in der Schule nur in russischer Sprache unterrichtet wurde, lernten lettische Kinder zwangsläufig Russisch.

Die Heimat einer Minderheit Der geschichtliche Hintergrund macht die Reaktion der ethnischen Lettinnen und Letten nach der Erlangung der Unabhängigkeit nachvollziehbar. Die Ansiedlungs- und Russifizierungspolitik der Sowjetunion wurde als Affront gegenüber der kulturellen Integrität und dem Selbstbestimmungsrecht Lettlands empfunden. Die während der Sowjetzeit eingereisten slawischen Arbeiterinnen und Funk-

Der russische Einfluss ist heute allgegenwärtig: Russisch-orthodoxe Kirche in der lettischen Ortschaft Karosta.

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Westen akzeptierte die lettische Einbürgerungspolitik stillschweigend.

Lettland: Heute fester Bestandteil der EU.

Autorin Petra Vogel (31) aus Rombach studiert im 11. Semester Politikwissenschaft und öffentliches Recht an der Universität Zürich.

Literatur ANTON, Florian J. (2008). Staatlichkeit und Demokratisierung in Lettland: Entwicklung – Stand – Perspektiven. Würzburg: Ergon-Verlag.

Bilder 1. martijn.munneke 2. Vokabre auf flickr.com

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tionäre wurden als unrechtmässige Besatzer angesehen, die das Land kolonisieren wollten. Dass man diesen Personen nach der Unabhängigkeit die lettische Staatsbürgerschaft «schenken» sollte, sah ein Grossteil der lettischen Bevölkerung nicht ein. Historische Minderheiten oder slawische Bevölkerungsgruppen, die bereits vor 1940 in Lettland wohnten, wurden hingegen nicht von der Staatsbürgerschaft ausgeschlossen. Die exklusionistische lettische Einbürgerungspolitik hatte lediglich zum Ziel, die während der Sowjetzeit entstandenen demographischen Verhältnisse rückgängig zu machen. Dieses Vorgehen steht im Einklang mit dem Umstand, dass die heutige Republik Lettland als Fortsetzung der Ersten Republik aus der Zwischenkriegszeit proklamiert wurde. Das sowjetische «Zwischenspiel» wurde als illegal erachtet. Mit der «Abschreckungspolitik» bezweckte man eine freiwillige Rückwanderung der in der sowjetischen Besatzungszeit Eingewanderten. Diese Bestrebungen waren jedoch von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil die anvisierten Bevölkerungsteile Lettland längst als ihre Heimat betrachteten. Diese Leute lebten teilweise seit über fünfzig Jahren oder gar seit ihrer Geburt im Land. Dass es nur zu gesellschaftlichen Spannungen und zu keinen gewaltsamen ethnischen Auseinandersetzungen kam, hatte verschiedene Gründe. Einmal wurde dies durch die Tatsache begünstigt, dass die russische Minderheit nach dem Wegfall der Strukturen der Sowjetunion schlecht organisiert war. Zum andern hielt sich die Kritik aus Russland in Grenzen und der

In den folgenden Jahren ertönte jedoch immer mehr Kritik nicht nur aus Russland, sondern auch vonseiten europäischer Institutionen wie dem Europarat, der EU oder der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Als Reaktion darauf bemühten sich gemässigte Kräfte in den Neunzigerjahren immer wieder, das Bürgerschaftsgesetz zu entschärfen, was ihnen 1998 auch gelang. Die Gesetzesrevision brachte die Abschaffung der Zeitfenster für die Einbürgerung bestimmter Personen und sah vor, allen nach 1991 in Lettland geborenen Kindern die lettische Staatsbürgerschaft zu verleihen. Die Zahl der Einbürgerungen stieg in der Folge sprunghaft an. Trotzdem beläuft sich die Zahl der Staatenlosen, welche sich grösstenteils aus Russinnen und Russen zusammensetzt, noch immer auf mehrere hunderttausend. Im Jahr 2001 schuf Lettland ausserdem die Sprachklausel für das Parlament ab, die von den Abgeordneten die Beherrschung der lettischen Sprache auf höchstem Niveau verlangte. Diese Bestimmung zielte auf bereits Eingebürgerte und sah vor, dass bei ungenügenden Sprachkenntnissen vom Volk gewählte Abgeordnete von ihrem Amt zurücktreten mussten, beziehungsweise es trotz erfolgreicher Wahl nicht antreten durften. Im Weiteren wurden die Anzahl der geschichtlichen Fragen im Rahmen der Einbürgerungsprüfung von 310 auf 93 reduziert und die Einbürgerungsgebühren gesenkt. Die Europäische Union attestierte Lettland, mit der Revision des Bürgerschaftsgesetzes allen Empfehlungen der OSZE nachgekommen zu sein. Angesichts der tiefen Einbürgerungsraten verlangte die EU jedoch, dass die lettischen Behörden die betroffene Bevölkerung aktiv über ihre Möglichkeiten zur Einbürgerung unterrichten. Noch vor dem Beitritt Lettlands zur EU wurde deshalb eine intensive Informationskampagne gestartet und ein staatliches Angebot von kostenlosen Sprachkursen geschaffen. Letzteres deshalb, weil die meisten Gesuche an den sprachlichen Einbürgerungskriterien scheiterten. Dank der Gesetzesrevision und den Informationskampagnen der Regierung konnten die Einbürgerungszahlen Lettlands erhöht werden. Die Anforderungen an die Beherrschung der lettischen Sprache sind jedoch nach wie vor hoch und schliessen noch heute viele vom Einbürgerungsprozess aus.

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Lette zu werden, bleibt schwierig


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Bye Bye Belgium Ist das Verfallsdatum Belgiens bald erreicht? Mitten in Europa und im Herzen der EU zeichnet sich eine Trennung zweier Nachbarn ab, die seit hundertachtzig Jahren einen gemeinsamen Staat gebildet haben. Von Luka Dobec Am 13. Dezember 2006 unterbricht der französischsprachige, belgische Fernsehender RTBF das Programm für eine Sondersendung, welche die Botschaft der einseitigen Unabhängigkeitserklärung der belgischen Region Flandern verkündete – König Albert II. sei ins Exil geflüchtet. 45 Minuten später wird die Täuschung aufgeklärt, nach unzähligen Anrufen auf die Hotline von RTBF und der Intervention durch Ministerin Fadila Lanaan. Was sind die Hintergründe, die dazu führten, dass 90 Prozent der Zuschauer diese Täuschung als Wahrheit aufnahmen? Welche Umstände brachten das Land in diese Position? Im Gegensatz zu den Bürgerkriegen, wie sie in Jugoslawien oder Nordirland herrschten beziehungsweise immer noch aktuell sind, spielt sich der belgische Konflikt auf einer anscheinend gewaltlosen Ebene ab. Er scheint die Aufmerksamkeit politischer Laien und nicht direkt involvierter Personen nicht auf sich zu lenken. Ist es der Mangel an schockierenden Bildern und erschütternden Schicksalen, der uns übersehen lässt, dass in unserer unmittelbaren europäischen Nachbarschaft ein Staat möglicherweise kurz vor einer Spaltung steht? Die Abwesenheit von Krieg und Gewalt ist noch kein Zeichen für den Frieden.

Jahrelanger Sprachkonflikt Der Bundesstaat Belgien ist in drei Regionen eingeteilt – in das französischsprachige Wallonien, das flämischsprachige Flandern und das gemischtsprachige Brüssel, wobei Flämisch die Bezeichnung für das in Flandern gesprochene Niederländisch ist. Eine deutschsprachige Minderheit lebt in der Wallonie an der Grenze zu Luxemburg und Deutschland. Möchte man das Ausmass verstehen, in welchem das Problem in den Köpfen der Menschen verwurzelt ist, muss man realisieren, dass der flämischwallonische Konflikt so alt ist wie das Königreich Belgien selbst. Er begann durch die Bevorzugung der französischen Sprache, welche zur Amtssprache wurde und das Niederländisch zu einem stiefschwesterlichen Dasein verdammte. Niederländisch war nun die Sprache der Holländer und Bauern. Ausgehend von einer Gruppe gebildeter Kleinbürger entstand im 19. Jahrhundert eine flämische Bewegung, welche sich gegen die Unterdrückung wehrte. Als erster grosser Meilenstein galt die Einrichtung des zweisprachigen Unterrichts auf der Sekundarstufe in Flandern. Im Gegenzug entstand

die wallonische Bewegung durch frankophone Bürger Flanderns, welche die drohenden Machteinbusse aufhalten sollte, da ihnen eine Herrschaft der zahlenmässig überlegenen Flamen drohte. Die Weltkriege vertieften die Kluft zwischen den Bevölkerungsgruppen. Die Zusammenarbeit der Flamen mit den deutschen Soldaten im ersten Weltkrieg wurde von wallonischer Seite stark kritisiert, genauso wie der im zweiten Weltkrieg mit den Deutschen kooperierende König Leopold III. Dieser wurde von einer Mehrheit der Flamen gewählt, während die Wallonen entschieden gegen ihn stimmten. Der drohende Bürgerkrieg liess Leopold III. abdanken, um den Thron seinem Sohn Baudouin zu überlassen. Auch erlebte die flämische Wirtschaft einen Aufschwung, der Wallonien, welches an der Reform der Schwerindustrie scheiterte, in den Schatten stellte. 1962 wurden entlang der Sprachgrenze die Regionen Flandern und Wallonien territorial festgelegt – ein weiterer Schritt Belgiens auf dem Weg zu einer Teilung. Die Sprachgrenze teilt das Königreich bis zum heutigen Tag praktisch in zwei Länder mit eigenen Medien und politischen Parteien.

Ein multikultureller Schmelztiegel Die Hauptstadt Brüssel hat in dem zerrissenen Staat allerdings einen Sonderstatus. Dieser hat einen beträchtlichen Einfluss auf die heutige Situation des Landes. Ein Spaziergang durch die Strassen Brüssels zeigt das Bild einer multikulturellen europäischen Stadt, das den Strassen von Paris oder Amsterdam nicht unähnlich ist: Es sind viele Bewohner arabischer und afrikanischer Herkunft zu sehen. Als Ort mit vielen Facetten gehört die Hauptstadt Brüssel zu keinem der Gliedstaaten, sondern bildet eine eigene Region, in der sowohl Niederländisch als auch Französisch Amtssprachen sind. Geografisch gesehen gehört Brüssel zu Flandern, tatsächlich sind jedoch cirka 80 Prozent der Bewohner frankophon. Die französische Sprache breitet sich auch im Umkreis Brüssels aus. Trotz der Amtsprache Niederländisch werden viele Gemeinden rund um Brüssel zunehmend frankophonisiert.

L‘Union fait la force Der Umstand, dass in Belgien sowohl politische Parteien als auch Medien jeweils nur eine Sprachgruppe ansprechen, führt dazu, dass viele Argumente in den laufenden Debatten nur an eine Hälfte der Bevölkerung adressiert sind. «L‘Union fait la force» oder auch «Eendrakt maakt macht» – der

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Redaktor Luka Dobec (21) aus Horgen studiert im 3. Semester Psychologie, Politikwissenschaft und Soziologie an der

Geteiltes Belgien – was dann?

Universität Zürich.

Was würde geschehen, wenn eine Spaltung Belgiens unvermeidlich wäre? Das Zwei-Staaten-Modell sieht vor, dass Belgien in die beiden Nationalstaaten Flandern und Wallonie aufgeteilt wird und Brüssel

Bild Von Fabian Urech

folglich zum Nationalstaat Flandern gehört. Diese Möglichkeit scheint aufgrund der sprachlichen Verhältnisse unwahrscheinlich. Realistischer ist das Drei-Staaten-Modell, welches bei einer Teilung drei neue Nationalstaaten vorsieht: Flandern, die Wallonie und den Stadtstaat Brüssel. Ebenfalls kann man eine Übernahme der Wallonie durch Frankreich und des Gebiets um Eupen, in dem die deutschsprachige Minderheit lebt, durch Deutschland oder Luxemburg in Erwägung ziehen. So entstünden zwei neue, unabhängige Staaten in Flandern und Brüssel. Das letzte, etwas beängstigende Modell ist eine komplette Zerteilung Belgiens. Flandern würde ein Teil der Niederlande werden, die Wallonie ginge zu Frankreich und Eupen zu Deutschland oder Luxemburg. Um Besitzansprüche der Sprachgruppen zu vermeiden, würde nur Brüssel als Stadtstaat überleben – die Hauptstadt der Europäischen Union als eigener Mikrokosmos. Im Falle einer Spaltung wäre die Mitgliedschaft in der EU ein grosser Trumpf: Flamen und Wallonen würde ein friedliches Leben in Nachbarschaft ermöglicht und Kriege, wie sie in ähnlichen Situationen entflammten, müssten nicht gefürchtet wer-

Noch weht die belgische Flagge auf dem Königspalast in Brüssel. Doch ist das «Projekt Belgien» bald am Ende?

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Wahlspruch der Belgier, der die Macht der Gemeinschaft beschwört, scheint in den eigenen Reihen auf wenig Anklang zu stossen. Flamen und Wallonen haben sehr wenig gemeinsam – Medien und politische Parteien sind weitgehend getrennt, die Sprachgrenze impliziert auch eine Divergenz der Mentalität. Die beiden Regionen haben unterschiedliche Ziele und Bedürfnisse, die von grossen Differenzen in politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Fragen ausgehen. Das momentane politische System befriedigt keine der beiden Seiten. Besonders prekär ist dabei die Frage des Geldtransfers von Flandern nach Wallonien und Brüssel. Flandern fühlt sich als Goldesel des Königreichs benachteiligt. Dies gleicht der Situation im ehemaligen Jugoslawien, wo die reicheren Republiken Slowenien und Kroatien ärmere Teile des Landes durchfüttern mussten, was schliesslich in deren Unabhängigkeitserklärungen mündete.


Visionen für die Zukunft Anderseits sind viele aber auch nicht bereit, das gemeinsame «Projekt Belgien» aufzugeben. Einen mutigen Versuch den Zusammenhalt zu stärken wagte der belgische Premierminister Yves Leterme: Er wollte eine Koalition aus fünf Parteien bilden. Was viel versprechend begann, zerbrach bald am Sprachstreit. Ein Mangel an Kohäsion verhinderte solche Pläne. Es fehlt an gemeinsamer Geschichte, um die Bevölkerungsgruppen zusammenzuführen. Wird im Herzen der Europäischen Union kleinstaatlich-nationalistisches Denken über den Geist der Gemeinschaft siegen? Der Fall Belgien ist für die Kritiker der EU ein gefundenes Fressen. Für jene, die sich eine Abkehr der Politik von den sich stetig wiederholenden nationalen Fragen erhoffen, ist Belgien ein Schlag ins Gesicht. Denn die Situation des zerrütteten Landes lässt Zweifel aufkommen, ob die Zeit reif ist für Ideen und Visionen, welche die vom nationalstaatlichen Denken auferlegten Grenzen sprengen. Die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft der Belgier muss allerdings noch nicht aufgegeben werden. Sowohl der Anspruch beider Seiten auf Brüssel als auch mehrere hundert Millionen Staatsschulden, die aufgeteilt werden müssten, stehen einer Teilung Belgiens entgegen. Möglicherweise erweist sich also die Verschuldung als Hindernis, das eine Spaltung aus Bequemlichkeit vermieden wird. Die wirtschaftlich schwache wallonische Region ist von der Finanzspitze Flanderns abhängig und wünscht sich daher keinen gespaltenen Staat. Trotz der Lage in Flandern ist es höchst unwahrscheinlich, dass die frankophone Bevölkerung sich entscheiden würde, Teil eines neuen flämischen Staates zu werden. In Bezug auf die Flamen sollte nicht vergessen werden, dass sie sich oftmals auf die wenigen Gemeinsamkeiten mit den Wallonen besinnen und die Unabhängigkeitsaspirationen ruhen lassen. Den grössten Einfluss auf den Zusammenhalt der Nation dürfte aber weiterhin die gemeinsame Hauptstadt Brüssel haben.

KOLUMNE

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den. Dank dem Schengen-Abkommen müssten Personen, deren Arbeitsplatz sich durch die Teilung plötzlich im Nachbarland befindet, keine bürokratischen Hindernisse bewältigen. Der Euro würde die Frage nach einer neuen Währungen unnötig machen. Für den Rest der Welt wäre eine Spaltung Belgiens definitiv ein Schock. Es würde auch einen Prestige-Verlust für die EU bedeuten, welche in ihrem Zentrum mit derartigen Problemen zu kämpfen hat. Allerdings wäre eine friedliche Teilung Belgiens keine Katastrophe. Vielleicht könnte so sogar ein Konflikt zwischen zwei Bevölkerungsgruppen beigelegt werden, die schon seit der Geburt ihres Landes in einem stetigen Konkurrenzkampf um Macht und Anerkennung stehen.

Vecinos Zwischenstaatliche Beziehungen in Lateinamerika werden weiterhin von den Theorien des Realismus mitgeprägt. Wohl nicht zuletzt, da, wie sich der ehemalige mexikanische Diktator Porfirio Diaz ausdrückte, «Gott so weit und Amerika so nahe» ist. Auch wenn das Auge an der Spitze der Pyramide momentan nicht primär auf die südlichen Nachbarn, auf Spanisch «vecinos» genannt, gerichtet ist, bestand in den letzten 200 Jahren doch eine massive Einflussnahme des Hegemons: von der Monroe-Doktrin über El Salvador bis zur «Unterstützung» Kolumbiens im «War on Drugs». Dieser Konflikt sorgt in Kolumbien nicht nur innenpolitisch, sondern auch in den nachbarschaftlichen Beziehungen für beträchtliche Spannungen. Die Bekämpfung der in den Drogenhandel involvierten Guerrilla-Organisationen Farc und ELN wurde sowohl für die Beziehungen zu Ecuador als auch zu Venezuela zu einer Hypothek. Kolumbiens Regierung wirft den Nachbarn vor, die Rebellen zu unterstützen, oder zumindest nicht genug gegen diese zu unternehmen. In der Auseinandersetzung mit Ecuador, welche im März 2008 zum Abbruch der Beziehungen der beiden Staaten führte, wurde vom damaligen Verteidigungsminister Santos sogar ein Angriff auf Rebellenstellungen im Territorium des Nachbars autorisiert. Dies war eine klare Souveränitätsverletzung und brachte ihm in Ecuador einen Haftbefehl ein. In der ecuadorianischen Öffentlichkeit wird der neue Präsident Kolumbiens deshalb wenig geschätzt. Vehement wird darauf hingewiesen, dass Kolumbien selbst die Sicherung seiner Grenzen vernachlässige. Es habe sich mit seinem Sicherheitsapparat darauf konzentriert, die Kontrolle der wichtigen Gebiete und Verkehrsverbindungen im Inneren Kolumbiens zu garantieren, wobei unter Präsident Uribe tatsächlich grosse Fortschritte erzielt wurden. Dazu stehe die Zahl der an der Grenze eingesetzten Soldaten in einem totalen Missverhältnis. Ecuador habe einen Grossteil seiner Truppen für diese Aufgabe abbestellt, während Kolumbien sich nur sehr wenig für die Sicherung der grenznahen Urwaldgebiete engagiere. Gleichzeitig müssten die Nachbarstaaten, wann immer es innenpolitisch opportun erscheine, als Sündenbock für das nicht eingelöste Wahlversprechen Uribes (die Farc zu besiegen) herhalten. Dass genau dieser Santos nun Präsident geworden ist, lässt viele Ecuadorianer an der geistigen Gesundheit ihrer Nachbarn zweifeln. Präsident Correa versuchte beim Besuch in Bogota anlässlich des Amtsantrittes von Santos die Beziehungen wieder zu normalisieren, wobei gleichzei-

Kolumnist

tig der Konflikt mit Venezuelas Präsident Chavez neu

Redaktor Antonio

aufflammte. Diese Staaten sind als wichtige Handels-

Danuser (30) aus Zürich

partner aufeinander angewiesen, ihre Beziehungen

studierte Politikwis-

sind unter der Oberfläche durch eine beträchtliche Interdependenz geprägt; wie in der Aussenpolitik üblich, kann aber innenpolitisch auf das realistische Säbelrasseln nicht verzichtet werden. Steinbrück und die Indianer lassen grüssen.

senschaft, Völkerrecht, sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Zürich.

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Nachbarschaft weltweit: 30 Ein- u

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Lediglich 80 Kilometer liegen zwischen Alaska und dem russischen Festland. Dass man, wie Sarah Palin meinte, von den USA nach Russland sehen kann, trifft allerdings nur zu, sofern man sich auf der amerikanischen «Little Diomede Island» befindet: Ihre russische Nachbarinsel «Big Diomede Island» ist nur 4 Kilometer entfernt. Dazwischen liegt die internationale Datumsgrenze.

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In der frankokanadischen Provinz Quebec gibt es immer wieder Unabhängigkeitsbestrebungen – 1995 entschieden sich die Bürger der

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Provinz knapp gegen die Loslösung von Kanada: 50,6 Prozent der Stimmbürger sprachen sich gegen die Unabhängigkeit aus. Bei den letzten Wahlen 2007 landete die separatistische Parti Quebecois (PQ) mit ihren Forderungen nach einer Abspaltung der überwiegend französischsprachigen Provinz jedoch nur auf dem dritten Platz. Ein Jahr zuvor anerkannte das kanadische Unterhaus die Provinz als «Nation innerhalb eines geeinten Kanadas».

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Kalifornien gilt bei amerikanischen Präsidentschaftswahlen heute als sicherer «Blue State», das heisst als demokratisch. Das war allerdings nicht immer so. Zwischen 1952 und 1988 wurden


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und Ausblicke 30

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mit einer Ausnahme stets republikanische Kandidaten unterstützt. Die Unterschiede zwischen den Counties bleibeb indes massiv: Während 2008 84 Prozent der Bewohner San Franciscos Obama unterstützten, gingen in Modoc, einem ländlichen County im Nordosten Kaliforniens 67,5 Prozent der Stimmen an McCain.

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Früher lebte die Kaimaninsel, eine britische Kronkolonie 350 Kilometer von Kuba entfernt, vorwiegend vom Export von Schildkröten und Muscheln. Heute ist sie als Steuerparadies das fünftgrösste Finanzzentrum der Welt. Während in Florida auf der anderen Seite Kubas regelmässig

Bootsflüchtlinge aufgegriffen werden, befasst sich die kleine Insel vorab mit Steuerflüchtlingen. Diese sind aber im Gegensatz zu Ersteren herzlich willkommen.

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Die Panamericana, ein System von Schnellstrassen, die Alaska mit Feuerland verbinden, ist komplett befahrbar – bis auf ein 90km langes Teilstück zwischen dem Panamakanal und NordwestKolumbien. Der Grund dafür liegt in der Besetzung der Gebiete durch kolumbianische Guerrilleros. Zudem sind Bedenken von Umweltschützern laut geworden, so dass die komplette panamerikanische Nord-Süd-Verbindung in naher Zukunft wohl nicht

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Chile ist seinen Nachbarn einen Schritt voraus: Das Land ist das erste Südamerikas, das in die OECD aufgenommen wurde. Chile hat bei einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 5 Prozent die Armut innerhalb der letzten 20 Jahre von 40 auf 13 Prozent gedrückt – ein Rekord in Lateinamerika. In einem erinnert Chile ein wenig an die Schweiz: Es hat sich weder vollständig dem wirtschaftlichen Bündnis Mercosur noch der Andengemeinschaft angeschlossen. Dadurch konnten Freihandelsabkommen unter Anderem mit der EU, Japan und der NAFTA geschlossen werden – ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg für Chiles starke Exportwirtschaft.

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Überraschend aber wahr: Die Europäische Union grenzt an die Union Südamerikanischer Nationen (Unasul). Französisch-Guayana ist ein vollintegrierter Teil des französischen Staates und damit auch Teil der EU. Seine Nachbarn sind Surinam und Brasilien – beides Mitgliedstaaten der Unasul. Dessen Hauptsekretariat liegt übrigens in Quito.

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Die Falklandinseln, bestehend aus etwa 200 Inseln, sind ein britisches Überseegebiet mit eigener Verfassung und eigener Währung. Seit 1833 werden die Inseln von Argentinien beansprucht. 1982 wurden sie vorübergehend vom argentinischen Militär besetzt. Nach der Rückeroberung durch das britische Militär schwellte der Konflikt ab, bis in den späten 1990er Jahren die Entdeckung von grossen Ölfeldern vor den Inseln zu erneuten politischen Spannungen zwischen beiden Staaten führte.

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In Südgeorgien und den Südlichen Sandwichinseln, 1400 Kilometer östlich der Falklandinseln, leben lediglich zwei Menschen: ein Marineoffizier und seine Frau. Hin und wieder erhalten sie Besuch von einigen Forschern. Zahlreich sind jedoch die Nachbarn anderer Art: Auf der Insel soll es über 5 Millionen Pinguine geben.

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Bis Ende 2007 hatten 3,4 Millionen der 12,5 Millionen Zimbabwer ihr Land verlassen; die meisten von ihnen flüchteten nach Südafrika. Zimbabwes Pro-Kopf-Einkommen beträgt heute noch 355$. Im benachbarten Botswana sind es 6500$, in Südafrika gar 10‘200$.

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Cabinda ist eine Exklave Angolas, in der 300‘000 Menschen leben. 1975 wurde das Landstück, das von den beiden Kongos umschlossen ist und keine direkte Landverbindung zu Angola aufweist, vom angolanischen Militär besetzt. Trotz regelmässigen Anschlägen von Separatisten und der Ausrufung der unabhängigen «Republik Cabin-

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da» will Angola die Exklave unbedingt behalten. Die Gründe sind bekannt: Cabinda ist reich an Erdöl. Der Erlös der cabindischen Ölproduktion macht 80 Prozent des angolanischen Finanzhaushaltes aus.

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Im Januar 2011 stimmt der Südsudan über seine Unabhängigkeit ab. Er würde damit zum 54. offiziellen Staat Afrikas und sich vom nördlichen Sudan lösen. Im Falle der erwarteten Proklamation der Unabhängigkeit dürfte insbesondere die Grenzziehung zu Konflikten führen. 85 Prozent des sudanesischen Öls stammt aus dem Südsudan, viele Ölfelder liegen in Grenzgebieten.

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Der völkerrechtliche Status des südlichen Teils Marokkos ist seit Jahrzehnten unklar: Marokko beansprucht die Westsahara als Teil seines Staatsgebietes, während die Unabhängigkeitsorganisation Polisario die Souveränität des gesamten Territoriums anstrebt. Sie hat 1976 die «Demokratische Arabische Republik Sahara» ausgerufen. Diese wird international von cirka 50 Staaten und der Afrikanischen Union anerkannt. Das Gebiet steht heute aber zu zwei Dritteln unter der Kontrolle von Marokko, nur ein kleiner Bereich wird von der Polisario kontrolliert.

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Der Nordirlandkonflikt scheint zwar überstanden, noch immer besteht aber eine tiefe Spaltung zwischen den Konfessionen. In Belfast ist dies besonders augenfällig: Die stark segregierten Quartiere sind durch sogenannte «Peace Walls» getrennt, hohe Betonmauern, die im Verlauf des Konflikts seit 1969 kontinuierlich erweitert wurden. Heute sind zwar 81 Prozent der Belfaster generell für eine Entfernung der Mauern, 60 Prozent von diesen glauben aber, dass es hierzu noch zu unsicher sei.

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Die Unterschiede zwischen Osten und Westen sind in Deutschland auch zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung in verschiedenen Bereichen augenfällig. Etwa in der Hochschulbildung: Nur 4 Prozent der westdeutschen Abiturienten nehmen an einer ostdeutschen Universität ein Studium auf. Umgekehrt zieht es 22 Prozent der ostdeutschen Abiturienten zum Studieren in den Westen. So steigen die Studierendenzahlen im Westen, im Osten bleiben die Hörsäle leer. Die Bundesinitiative «Studieren in Fernost» soll nun Westler an die Unis der neuen Bundesländer locken.

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Transnistrien ist der östliche Teil Moldaus und de facto unabhängig von der Regierung in Chisinau. Allerdings wird seine Souveränität von keinem Staat anerkannt. Er ist auf der UN-Liste der nicht selbstverwalteten Staaten, die momentan 16 Einträge umfasst (unter Anderem Westsahara, NeuKaledonien, Gibraltar).

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fertiggestellt werden wird.


Kosovo und Montenegro sind die beiden jüngsten Staaten der Welt. Sie proklamierten ihre Unabhängigkeit 2008 beziehungsweise 2006. Damit bestehen auf dem ehemaligen Staatsgebiet Jugoslawiens mittlerweile sieben Staaten.

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Worte können grosse Bedeutung haben: Mit «Mazedonien» wird geografisch ein Gebiet bezeichnet, das sich von Nordgriechenland über Westbulgarien bis in die gleichnamige Republik ExJugoslawiens erstreckt. Athen beansprucht Mazedonien als sein Kulturerbe, dasselbe tut Skopje. Auf die Proklamation der «Republik Mazedonien» folgte sodann eine diplomatische Krise zwischen beiden Ländern. Wegen des Namensstreits blockiert Griechenland seit längerem die Verhandlungen über ein Beitritt Skopjes zur EU sowie die Aufnahme seines nördlichen Nachbarn in die Nato. 106 Staaten haben den ursprünglichen Namen anerkannt, in diplomatischen Kreisen wird jedoch vorab von der «Former Yugoslav Republic of Macedonia» gesprochen.

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Der Fluss Jordan stellt die Grenze zwischen Israel und den arabischen Anrainerstaaten dar. Für Israel, Syrien, Jordanien und das Westjordanland stellt er die wichtigste Süsswasserquelle dar, was in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Ursache von Konflikten war. Die Quellen des Jordan – und damit der Schlüssel zur Nutzung des Wassers – liegen seit dem Sechstagekrieg von 1967 in israelischer Hand, auf den besetzten syrischen Golanhöhen. Heute liegt der häusliche Wasserverbrauch in Israel mit nahezu 300 Litern pro Kopf und Tag auf europäischem Niveau. Den Palästinensern in den besetzten Gebieten stehen im Durchschnitt nur 70 Liter Wasser pro Tag zur Verfügung.

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In den Vereinigten Arabischen Emiraten liegt der Ausländeranteil bei rund 80 Prozent. Gleiches gilt für das benachbarte Katar. In Bahrain liegt der prozentuale Anteil der Ausländer bei 50 Prozent, in Kuwait bei 60 Prozent. Der tiefste Ausländeranteil weltweit hat Nordkorea.

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Der Aufenthaltsort Osama bin Ladens, der seit 1994 offiziell staatenlos ist, ist seit Jahren unbekannt. Verschiedentlich wird gemutmasst, dass er sich in Pakistan, Afghanistan oder im Iran aufhalte. Anderen Gerüchten zufolge ist bin Laden längst tot. US-Verteidingungsminister Robert Gates meinte im Dezember 2009, dass es seit Jahren keine verlässlichen Informationen über Bin Ladens Aufenthaltsort gebe.

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43 Staaten haben keinen direkten Zugang zum Meer. Kasachstan ist das grösste von ihnen. In Afrika lebt 40,2 Prozent der Bevölkerung in Binnenstaaten.

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Der Karakorum Highway ist eine internationale Fernstrasse, die Pakistan mit China verbindet. Der höchste Punkt der Strecke wird mit 4733 Meter am Khunjerab-Pass erreicht, der auch die Grenze zwischen Pakistan und China markiert. Der Highway ist somit die höchstgelegene Fernstrasse der Welt.

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Bangladesh ist, abgesehen von den Stadtstaaten, das dichtbesiedeltste Land der Welt. Die Stadt mit der höchsten Bevölkerungsdichte ist Mumbai: Fast 30 000 Menschen teilen sich hier einen Quadratkilometer.

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Australier sind ihren Nachbarn am nähesten – zumindest virtuell: Sie verbringen fast 7 Stunden monatlich auf Social Networking Plattformen. Die Schweizer bringen es auf 4 Stunden.

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Hong Kong gehörte bis 1997 zu Grossbritannien. Heute gilt es unter der von Deng Xiaoping entworfenen Doktrin «Ein Land, zwei Systeme» als Sonderverwaltungszone Chinas und verfügt über ein hohes Mass an Autonomie. Das benachbarte Macao stand gar bis 1999 unter portugiesischer Herrschaft, ehe es als zweite Sonderverwaltungszone der Volksrepublik China angegliedert wurde. Mit China sind die beiden Sonderzonen durch diemit 50 Kilometer längste Meeresbrücke der Welt verbunden. 2015 soll sie eröffnet werden.

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Jährlich verlassen rund 500 000 Chinesen ihr Land. Mit 30 Millionen Menschen bilden die Chinesen auch die grösste Diasporagemeinschaft der Welt.

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An der Grenze zu Südkorea schuf Nordkorea 2003 eine zollfreie Sonderwirtschaftszone. Im 66 Quadratkilometer grossen Industriegebiet produzieren verschiedene südkoreanische Firmen (unter Anderem Hyundai) und profitieren von den vergleichsweise tiefen Lohnkosten nordkoreanischer Arbeiter. International wird kritisiert, dass der Monatslohn von 57,50$ nicht direkt an die Angestellten, sondern an den nordkoreanischen Staat ausbezahlt wird.

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Die Mongolei weist die geringste Bevölkerungsdichte der Welt auf. Obwohl viereinhalb mal so gross wie Deutschland, leben nur knapp 2,7 Millionen Einwohner im Land.

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Im März 2009 wurde die Anzahl der Zeitzonen in Russland von 11 auf 9 verringert. Noch immer beträgt die Zeitdifferenz zwischen Kamtschatka und Moskau 8 Stunden. Im benachbarten China gibt es übrigens nur eine Zeitzone.

Autor Redaktor Fabian Urech (25) schloss seinen Bachelor in Politikwissenschaft an der Universität Zürich ab. Kürzlich hat er am Graduate Institute in Genf den «Master in International Studies» begonnen.

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«Nicht jeder Ausländer muss hornussen» Die Professorin an der Uni, der Kellner im Café, der Nachbar im Treppenhaus – die ausländische Wohnbevölkerung prägt die moderne Schweiz mit und ist doch immer wieder Thema kontroverser Debatten. Eduard Gnesa, Sonderbotschafter für internationale Migrationszusammenarbeit, eröffnet neue Perspektiven.

Migrationspartnerschaft, «Protection in the Region», internationaler Migrationsdialog – das klingt gut und hat einen hehren Anstrich. Doch verbirgt sich dahinter nicht primär das Ziel nationale Interessen durchzusetzen, also die illegale Migration in die Schweiz einzudämmen? Eduard Gnesa: Natürlich muss unser Engagement auch im Interesse der Schweiz erfolgen, beispielsweise bei der Vorbeugung der irregulären Migration, aber nicht ausschliesslich. Das Ziel des Bun-

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desrates ist klar: Die Chancen der Migration sind zu fördern und die die negativen Folgen sollen behoben werden. Bei Gesprächen vor Ort wird mir oft bestätigt, dass die Unterstützung der Schweiz sehr geschätzt wird. Gerade in Bereichen, in der unser Land über langjährige Erfahrung verfügt – etwa bei Arbeitsmigration, Integration und Rückkehr –, ist unsere Hilfe und Beratung gern gesehen. Auch hierfür ist Syrien ein gutes Beispiel. Dort unterstützt die Schweiz ein Zentrum, in dem Opfer von Menschenhandel Schutz finden. Und wir haben dem syrischen Staat bei der Ausarbeitung eines Gesetzes gegen den Menschenhandel geholfen, das vom Parlament in Damaskus kürzlich verabschiedet wurde. Natürlich helfen wir jetzt auch bei der Umsetzung dieses Gesetzes. Dass die Migration kontrolliert erfolgt und wir zum Beispiel abgewiesene Asylbewerber zurückführen können, liegt im Interesse der Schweiz. Doch um dieses Anliegen durchsetzen zu können, müssen wir auch die Interessen anderer Staaten berücksichtigen. Gelingt es der kleinen Schweiz, sich im bilateralen Dialog Gehör zu verschaffen? Eduard Gnesa: Was wir in Verhandlungen anbieten können, ist natürlich nicht vergleichbar mit den Mitteln der EU oder der USA. Doch auf die Schweiz ist Verlass. Wenn wir finanzielle Unterstützung versprechen oder andere Formen der Hilfe anbieten, dann erfolgt diese tatsächlich. Das ist die Stärke der Schweiz, und das wissen auch unsere Partner. Millionen zu versprechen und danach Wort zu halten – das sind auf dem internationalen Parkett leider oft zwei Paar Schuhe. Das Bundesamt für Migration wertet im aktuellen Migrationtionsbericht das Dublin-Abkommen, das die Zuständigkeit für die Durchführung des Asylverfahrens in Europa regelt, als Erfolg: Die Schweiz konnte bisher deutlich mehr Asylbewerber in andere Länder zurückführen, als sie selbst übernehmen musste. Italien oder Griechenland ziehen wohl eine negativere Bilanz. Könnten Migrationspartnerschaften nicht auch EU-Grenzstaaten entlasten? Eduard Gnesa: Die Beteiligung der Schweiz am Dublin-System hat sich bisher bewährt und zeigt,

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Das Interview führten Fabian Urech und Urs Güney Herr Gnesa, vor einem Jahr wurden Sie zum Schweizer Sonderbotschafter für Migration ernannt. Wo liegen die Schwerpunkte ihrer Tätigkeit? Eduard Gnesa: In meiner Aufgabe konzentriere ich mich auf die Vertretung der Schweizer Interessen im internationalen Migrationsdialog. Von grosser Bedeutung sind beispielsweise die Verhandlungen zu bilateralen Migrationspartnerschaften. Das ist ein neues Instrument der Migrations-Aussenpolitik. In einem gegenseitigen Interessensausgleich suchen wir im Migrationsbereich die Zusammenarbeit mit anderen Staaten. Der Bundesrat hat mit Serbien, dem Kosovo und Bosnien bereits solche Partnerschaften vereinbart, mit Nigeria ist eine in Vorbereitung. Zudem vertrete ich die Schweizer Interessen in internationalen Organisationen. Daneben unterstütze ich die Schweizer Projekte im Rahmen des so genannten «Protection in the Region»-Konzepts. Die DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) führt in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Migration und der Politischen Abteilung IV im EDA, die mit den Themen «Friedensförderung und Menschenrechte» betraut ist, seit einigen Jahren Programme durch in Regionen, die hohe Migrationsströme zu bewältigen haben. Zum Beispiel in Syrien, wo sich sehr viele irakische Flüchtlinge aufhalten, oder in Marokko, wo es viele «gestrandete» Flüchtlinge aus der Subsahara gibt, die unter schwierigsten Bedingungen leben. Die Schweiz versucht durch ihr Engagement vor Ort den Schutz und die Lebensbedingungen der Migrantinnen und Migranten zu verbessern und – wenn möglich – die Rückkehr in ihre Herkunftsländer zu ermöglichen.


Die besprochenen Programme und Ansätze betreffen vorab Flüchtlinge. Diese machen aber nur einen kleinen Teil der globalen Migrationsbewegungen aus. Eduard Gnesa: Es geht nicht nur um Flüchtlingspolitik, sondern auch um die allgemeinen Migrationsflüsse aus armen Ländern im Zusammenhang mit der Entwicklungszusammenarbeit. Was die Diskussion in der Schweiz betrifft, haben Sie recht: tatsächlich beträgt der Anteil der Asylsuchenden an den 1,7 Millionen Ausländern in der Schweiz lediglich 2,5 Prozent. Und trotzdem spricht man mehrheitlich von diesen.

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dass ein Staat inmitten Europas die Asylthematik ohne enge Zusammenarbeit mit den EU-Staaten nicht bewältigen kann. Die Belastung für die Südstaaten ist durch die neuen Dublin-Regelungen tatsächlich gewachsen. Separate Partnerschaften einzugehen, ist dem EU-System fremd. Hingegen könnte ein besseres «Burden Sharing» für alle Staaten, auch für die Schweiz, gerechter sein. Die Gesamtzahl der Asylsuchenden im Dublin-Raum würde dabei proportional zur Bevölkerung auf die Mitgliedstaaten verteilt. Bestrebungen in diese Richtung wurden bisher leider abgelehnt. Allerdings werden die betroffenen Südstaaten heute schon stärker unterstützt. Einerseits im Sicherheitsbereich an den EU-Aussengrenzen, andererseits im Umgang mit besonders gefährdeten Flüchtlingen, denen rasch ein sicherer Aufenthalt garantiert wird.

Woher kommt diese Fixierung? Eduard Gnesa: Das ist kein spezifisch schweizerisches Problem, Kollegen im Ausland machen dieselben Erfahrungen. Grundsätzlich blickt die Schweiz auf eine lange und erfolgreiche Migrationsgeschichte zurück. Früher kamen Italiener, Portugiesen, Spanier in die Schweiz, später dann Personen vom Balkan und neuerdings aus Deutschland. Die meisten Ausländer haben sich hier sehr gut integriert – durch Erwerbstätigkeit, Familiennachzug und den Erwerb von Bürgerrechten. Viele von ihnen werden heute kaum mehr als Ausländer wahrgenommen. Vielleicht liegt der Grund, weshalb das Asylwesen so stark im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung steht, gerade auch darin, dass die Arbeitsmigration in die Schweiz gut funktioniert. Der Informatiker aus Indien ist genauso willkommen wie die Krankenschwester aus Ostdeutschland, wir brauchen die Tunnelbauer, Hoteliers und Serviceangestellten. Die Asylbewerber jedoch – sie hat man nicht gerufen, sie kommen einfach. Und dann sind sie in den Dörfern und Städten, sind Teil des Alltags und doch fremd. Das Asylwesen weckt Ängste vor allem in kleinen Orten und ist von Vorurteilen belastet. Viele Leute verstehen nicht, warum Asylbewerberinnen und Asylbewerber anfangs nicht arbeiten und weshalb sie überhaupt geflüchtet sind. Sie erzählen die Schweizer Migrationsgeschichte als Erfolgsstory. Gibt es keine Schwierigkeiten? Eduard Gnesa: Im Grossen und Ganzen ist die

Fotografin Inci Satir (26) studiert Germanistik und Geschichte und hat vor einigen Jahren ihre Leidenschaft für die Fotografie entdeckt. Mehr zu sehen gibt es auf ihrer Homepage «Die Beteiligung der Schweiz am Dublin-System hat sich bisher bewährt» – Eduard Gnesa

www.incisatir.ch

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Integration gut gelungen. Natürlich darf aber nicht verschwiegen werden, dass es Probleme gibt, etwa die zu hohe Ausländerkriminalität oder die mangelnde Integration von ausländischen Jugendlichen in den Arbeitsmarkt. Die Anstrengungen von Bund, Kantonen und Gemeinden zur Förderung der Integration in den letzten Jahren sind beträchtlich und werden noch verstärkt. Gegen die negativen Vorurteile gibt es nur ein Mittel: Die Leute müssen besser informiert werden und verstehen lernen, wer diese Leute sind, wieso sie hierherkommen. Und es muss vermehrt auch auf die positiven Seiten der Einwanderung verwiesen werden. Die Schweizer Wirtschaft ist heute stark von Ausländern abhängig: Jeder vierte Erwerbstätige hat keinen Schweizer Pass. Ist man sich der Wichtigkeit der Ausländer für den Schweizer Wohlstand zu wenig bewusst? Eduard Gnesa: Nur eine Minderheit der Schweizer Bevölkerung bringt Ausländern Ablehnung entgegen. Die Schweiz hat zuletzt mehrmals ja gesagt zum freien Personenverkehr mit der EU. Die Bevölkerung lässt sich von Gruppierungen, die mit der Ausländerthematik Ängste schüren wollen, kaum beeinflussen. Sie folgt der Politik der Mehrheit des Parlaments und des Bundesrats. Ich weiss nicht, wie ein Spital in der Schweiz ohne Ausländer funktionieren könnte. Oder ein Tunnelbau, die vielen Hotels. Wir brauchen die Ausländerinnen und Ausländer. Der freie Personenverkehr mit der EU hat massgeblich zum Wirtschaftswachstum in der Schweiz beigetragen. Unternehmen können überdies in Nicht-EU-Staaten die nötigen Spezialisten, Forscher und Kader rekrutieren, hier allerdings kontingentiert und mit Inländervorrang.

Autoren Redaktor Fabian Urech (25) schloss seinen Bachelor in Politikwissenschaft an der Universität Zürich ab. Kürzlich hat er am Graduate Institute in Genf den «Master in International Studies» begonnen.

Redaktor Urs Güney (31) wohnt in Zürich und studiert Germanistik, Politikwissenschaft und Geschichte des Mittelalters.

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Durch den demographischen Wandel dürfte sich der Druck auf den Arbeitsmarkt und die Sozialwerke in der Schweiz in den kommenden Jahren verschärfen. Kann unser Wohlstand langfristig nur durch Migrantinnen und Migranten garantiert werden? Eduard Gnesa: In absehbarer Zeit dürfte es aus demographischen Gründen tatsächlich schwer werden, den Bedarf an Arbeitskräften zu decken. Denn die gleichen demographischen Entwicklungen, die uns Sorgen machen, belasten auch die meisten EU-Staaten. Zudem intensiviert etwa die Deutsche Regierung zurzeit ihre Bemühungen, die Abwanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte zu stoppen. Engpässe auf dem Arbeitsmarkt wird man in einigen Jahren voraussichtlich nicht mehr so einfach durch die Zusammenarbeit mit der EU lösen können. Studien gehen beispielsweise davon aus, dass in der Schweiz in zehn Jahren etwa 150‘000 Personen in Pflegeberufen fehlen werden. Wir müssen in der Schweiz selbst dafür sorgen, dass sich mehr Leute in entsprechenden Bereichen ausbilden lassen. Zudem muss man auch heute schon überle-

gen, unter welchen Bedingungen und in welchen Branchen allenfalls qualifizierte Fachkräfte auch aus Drittstaaten rekrutiert werden könnten, falls der Bedarf in der Schweiz und im EU-Raum nicht mehr gedeckt werden kann. An welche Länder denken Sie dabei? Eduard Gnesa: Ich war kürzlich auf den Philippinen. Dort wird in grossem Rahmen Pflegepersonal ausgebildet. Ziel ist es, dass die Leute einige Jahre im Ausland arbeiten, Geld verdienen und schliesslich zurückkehren. Jährlich schicken diese Personen siebzehn Milliarden Dollar nach Hause – ein enormer Betrag für den philippinischen Staat. Ist es angesichts des Wohlstandsgefälles nicht naiv anzunehmen, dass alle wieder nach Hause zurückkehren? Eduard Gnesa: Da sind Zweifel angebracht, deshalb müsste eine solche Neuerung zuerst genau geprüft werden. Das Beispiel der Politik Toni Blairs ist aus meiner Sicht nicht nachahmenswert. Am WEF 2005 in Davos hatte er verkündet: «Let’s save Africa!» In den drei Jahren danach hat er rund 20‘000 afrikanische Krankenschwestern und Pflegerinnen, die man dort dringend bräuchte, nach England geholt. In der Schweiz würde ein solcher Braindrain keine politische Akzeptanz finden. Das Ziel ist also eine zirkuläre Migration?


Migration betrifft nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Kultur und Identität eines Landes. Verstehen Sie die Ängste der Leute, ihre Heimat durch die Zuwanderung zu verlieren? Eduard Gnesa: Gewisse Ängste verstehe ich. Etwa wenn sich selbst junge Leute abends am Bahnhof nicht sicher fühlen. Missbräuche sind deshalb konsequent zu bekämpfen. Andererseits hat die Schweiz mehrmals bewiesen – mit den Italienern, Portugiesen, Spaniern –, dass Integration hier kein

nachbarn

Eduard Gnesa: Der Begriff ist neu. Wir kennen in der Schweiz den Begriff temporäre Migration: Es gibt Kurzaufenthalter, die bis zu 6 Monate in der Schweiz bleiben, und Jahresaufenthalter. Bei der zirkulären Migration emigrieren die Personen in den Zielstaat und nach einer gewissen Zeit kehren sie wieder in ihr Heimatland zurück. Dieser Vorgang wird kontrolliert und kann mehrmals erfolgen. Die Philippinen sind ein gutes Beispiel: Die Arbeitsmigration wird dort durch den Staat seit Jahren koordiniert. Kanada etwa hat in den letzten Jahren rund 3000 Philippininnen in Pflegeberufen aufgenommen. Viele kehren nach einer gewissen Zeit wieder zurück. Das entspricht dem wirtschaftlichen Interesse beider Staaten. Das System funktioniert, soweit ich weiss, mehrheitlich gut. Allerdings dürfte ein solches System nur mit Staaten funktionieren, die über Erfahrung und Know-how in diesem Bereich verfügen.

grösseres Problem darstellt. Wie war es mit den Tamilen, vor dreissig Jahren? Viele Leute glaubten zuerst, sie seien wegen des Drogenhandels gekommen. Heute sind es Tamilen, die man zum Beispiel in den Restaurants sehr gerne anstellt. Ich glaube, dass die Ängste in der Schweiz nicht so gross sind, wie man immer meint. Die Bevölkerung weiss genau: Wir brauchen sie – und es gibt eine gesetzlich verankerte Integrationspolitik des Staates, aber ebenso die Pflicht der Zuwanderer, sich an unsere Rechtsordnung zu halten. Und trotzdem ernten gewisse ausländerfeindliche Programme starke Zustimmung beim Volk. Eduard Gnesa: Das kann einem schon Sorgen machen. Aber wir leben nun mal in einer direkten Demokratie; die Ausländer- und Asylgesetze müssen beim Volk durchkommen. Das unterscheidet die Schweiz von ihren Nachbarn. Aber ich erachte das als positiven Umstand. So kommen die Ängste der Bevölkerung an die Oberfläche, das zeigt momentan die Ausschaffungsinitiative. Die Positionen werden klar kommuniziert, es kommt zur öffentlichen Diskussion, oft resultiert ein sinnvoller Kompromiss. Dass Integration von Ausländern notwendig ist, wird kaum bestritten. Es gibt allerdings sehr verschiedene Definitionen des Begriffs. Was verstehen Sie unter Integration?

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Wie wird die Integration von den Behörden gefördert? Eduard Gnesa: Die Integrationspolitik erfolgt praktisch in den Gemeinden und Kantonen, die sehr

ZUR PERSON

Eduard Gnesa wurde 2009 zum Sonderbotschafter für internationale Migrationszusammenarbeit im Eidgenössischen Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) ernannt. In dieser Funktion intensiviert und optimiert er die Migrations-Aussenpolitik und unterstützt die Arbeit der seit Jahren bestehenden interdepartementalen Arbeitsgruppe Migration. Dieser gehören unter anderem Vertreter des Bundesamtes für Migration (BFM), der politischen Abteiteilung IV (Friedensförderung und Menschenrechte) der DEZA, aber auch des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) und des Bundesamtes für Polizei (fedpol) an. Von 2001 bis 2004 leitete Eduard Gnesa das Bundesamt für Zuwanderung, Integration und Auswanderung. 2005 wurde er Amtsvorsteher des neu geschaffenen Bundesamtes für Migration, das dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) untersteht. Bereits 1980 trat der Jurist, der in Freiburg studiert hatte, in den Bundesdienst ein und übte hier – unterbrochen nur von einer fünfjährigen Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Bern – verschiedene Funktionen im Bereich Migrationsrecht und -politik aus.

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aktiv sind. Der Bund unterstützt diese jedoch finanziell, damit sie Sprachkurse, Berufslehren oder Weiterbildungen ermöglichen können. Aber auch die Wirtschaftsverbände, Schulen, Kirchen, Vereine, NGOs und viele mehr setzen sich stark für die Integration ein. Besonders wichtig ist dabei auch, dass anerkannte Flüchtlinge bereits früh in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Ohne staatliche Unterstützung geht das nicht. Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Wie sieht die Schweizer Migrationslandschaft in 20 Jahren aus? Eduard Gnesa: Schweizer Firmen werden in einen noch verstärkten internationalen Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte treten; dabei bleibt der Wirtschaftsstandort Schweiz attraktiv – wegen der hohen Löhne, der guten Arbeitsbedingungen und der sozialen Sicherheit. Zudem werden wir einen demographischen Wandel durchlaufen, sodass die Finanzierung der AHV unter Druck kommt. Eine ähnliche Entwicklung dürfte in den meisten EU-Staaten zu beobachten sein. Es wird sich die Frage stellen, ob der EU-Raum als Rekrutierungsgebiet für gewisse Fachkräfte ausreicht. Migrationsursachen wie Umweltzerstörungen und Klimawandel werden zunehmen. Bundesrat und Parlament werden also gefordert sein, die Migrationsregelwerke diesbezüglich zu überprüfen. Die Förderung der Integration wird nach wie vor notwendig sein. Die internationale Steuerung der Migration und die damit verbundenen Sicherheitsfragen bleiben auch in Zukunft wichtige Themen. Voraussehbar ist die Situation in zwanzig Jahren allerdings kaum. Vielleicht ist die Schweiz ja dann in der EU. In Bezug auf unsere europäische Migrationspolitik würde dies nicht viel ändern, weil wir bereits heute am freien Personenverkehr, an Schengen/Dublin, Frontex und Europol teilnehmen. Eigenständig Rekrutierungsabkommen mit nicht-europäischen Staaten zu schliessen, wäre dann wohl schwieriger, weil die Tendenz in der EU zunimmt, auch diese Fragen zu vergemeinschaften. Ein zu beobachtender Wandel ist die engere Zusammenarbeit zwischen Migrations- und Entwicklungsabteilungen. Während die Migrationsbehörden lange im Ruf standen, vorab repressiv zu arbeiten, haftete Entwicklungshelfern das Image von vielleicht etwas naiven Brunnen-Bauern an. Diese Zeiten sind vorbei, auch bei uns: ich erlebe täglich, wie die verschiedenen Amtsstellen des Bundes im Auftrag des Bundesrates in Projekten eng zusammenarbeiten und voneinander profitieren können. Diesen «Whole of government approach» erlebe ich zum Beispiel im Rahmen von «Protection in the Region»-Programmen vor Ort, die auf eine Verbesserung der Situation von Flüchtlingen zielen – von Somaliern in Jemen oder Kenia oder gestrandeten Westafrikanern in Marokko.

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Eduard Gnesa: Integration basiert auf gegenseitiger Achtung und Toleranz und der Respektierung der Bundesverfassung, namentlich der Grundrechte wie z.B. der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die Integration soll den Ausländern ermöglichen, am wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben teilzuhaben. Integration setzt den entsprechenden Willen der Ausländer und die Offenheit der schweizerischen Bevölkerung voraus. Ich bin allerdings gegen eine Assimilation. Der Begriff hat aus meiner Sicht ausgedient. Das hat sich zum Beispiel in Frankreich gezeigt, wo lange versucht wurde, alle Zugewanderten zu Franzosen zu machen. Ich bezweifle, dass Frankreich heute zufrieden auf diese Integrationspolitik zurückblickt. Es muss nicht jeder Ausländer in der Schweiz hornussen oder jassen. Ausländerinnen und Ausländer sollten ihre Kultur und Religion frei leben können, sie sollen wohnen können, wo sie möchten. Diese Freiheiten muss jeder Mensch haben.


Migrationslandschaft Schweiz Ende 2009 umfasste die ausländische Wohnbevölkerung in der Schweiz 1‘680‘197 Personen. Dies entspricht

Studienkurs Politikwissenschaft

einem Ausländeranteil von über 21 Prozent. Mehr als eine Million der in der Schweiz wohnhaften Ausländerinnen und Ausländer sind Staatsangehörige von EU- oder EFTA-Mitgliedern. Rund 90‘000 Personen wanderten 2009 neu in die Schweiz ein. Bei 63 Prozent dieser Menschen erfolgte die Migration zu dem Zweck, in der Schweiz eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen. Fast 45‘000 Personen erhielten im betreffenden Jahr die Schweizer Staatsbürgerschaft. Die Zahl der Asylbewerberinnen und Asylbewerber ist im Verhältnis zu den gesamten Migra-

Einführung in die Politikwissenschaft

tionsbewegungen eher klein: 16‘005 Personen stellten 2009 in der Schweiz einen Asylantrag. Im Vergleich zum Vorjahr hat die Anzahl der Asylgesuche um 3,6 Prozent

Von Thomas Bernauer, Detlef Jahn, Patrick Kuhn und Stefanie Walter 2009, 583 S., brosch., 24,90 €, ISBN 978-3-8329-3807-9

abgenommen. Die wichtigsten Herkunftsländer von Asylbewerbern sind Nigeria, Eritrea, Sri Lanka, der Irak, Somalia, Afghanistan, Kosovo, Georgien, Serbien und die Türkei. 2622 Asylgesuche wurden gutgeheissen. Die Anerkennungsquote entspricht damit 16,3 Prozent aller Anträge. Seit 2008 ist die schweizerische Migrationspolitik durch die Abkommen von Schengen und Dublin eng mit den Strukturen und Prozessen der EU verbunden. Gemäss

»Das Versprechen, die Themen forschungsnah und doch anschaulich zu behandeln, wurde eingelöst« Jürgen Plieninger, www.ifb.bsz-bw.de Juli 2010

dem Dubliner Übereinkommen muss derjenige Staat, in den ein Asylbewerber nachweislich zuerst eingereist ist, das Asylverfahren durchführen. Mit der wirtschaftlichen Globalisierung haben sich auch die globalen Migrationsströme verändert. Neben der definitiven Ein- und Auswanderung, wie sie früher für Migrantinnen und Migranten typisch war, etablieren sich neue Formen nur zeitweiliger Wanderungsbewegungen wie etwa die «zirkuläre» Migration: Arbeitsmigranten pen-

»Das Werk stellt eine Einführung in die Politikwissenschaft dar, an der wohl kein Studierender dieses Faches vorbeikommt...absolute Pflichtlektüre...Aufgrund seiner Aktualität dürfte es auf dem gegenwärtigen Markt wissenschaftlicher Literatur ohnehin konkurrenzlos sein.« Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann, www.socialnet.de Juni 2010 »Diese Einführung ist als Einführung in das Studium der Politikwissenschaft bestens geeignet.« Dr. Klaus Kremb, www.zpol.de April 2010

deln mit kurzfristigem Aufenthalt wiederholt zwischen ihrem Herkunftsland und einem oder mehreren Aufnahmeländern. In der innenpolitischen Arena bahnt sich gegenwärtig eine harte Auseinandersetzung über die Ausschaffungsinitiative der SVP an, die am 28. November 2010 zur Abstimmung kommen wird. Die Initiative verlangt, dass Ausländerinnen und Ausländer ohne Prüfung des Einzelfalls ausgewiesen werden, wenn sie wegen bestimmter Straftaten verurteilt werden oder missbräuchlich Leistungen der Sozialversicherungen oder der Sozialhilfe beziehen. Zugleich mit der Initiative legt das Parlament einen Gegenvorschlag vor, der ebenfalls die Ausschaffung krimineller Ausländer vorsieht, dabei aber die Einhaltung

Weitere Bände der Reihe Föderalismus Eine Einführung Von Roland Sturm unter Mitarbeit von Petra Zimmermann-Steinhart 2. Auflage 2010, 242 S., brosch., 19,90 €, ISBN 978-3-8329-4060-7

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der Grundsätze von Bundesverfassung und Völkerrecht einfordert. Im Gegenvorschlag ist der Entzug des Aufenthaltsrechts an das Strafmass, nicht an die Art des Deliktes geknüpft.

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Gekommen, um zu bleiben Ein Türmchen in Wangen bei Olten wurde zum Symbol eines islamischen Herrschaftsanspruchs. Ein Blick auf die lokalen Wurzeln des Konflikts hilft, die Debatten über Minarette in der Schweiz zu verstehen.

Der Wanderer wird zum Fremden Die Minarettprojekte in der Schweiz sind an den für die Verbindung von Religion und Migration typischen Orten angesiedelt: in Industrie- und Gewerbezonen, in der Nachbarschaft von Autobahnausfahrten, Kreiseln und Tankstellen. Mit dem Anthropologen Marc Augé sind diese Gegenden als Nicht-Orte zu bezeichnen: Orte, denen keine eigene Bedeutung oder Identität zukommt, oder Orte, die man besucht, um bestimmten Zielen nachzugehen,

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und daraufhin möglichst schnell wieder verlässt. Damit haftet diesen Moscheen der Hauch des Vorübergehenden, der Anonymität, des Transits oder des Provisoriums an. Dieser Umgang mit Fremden hat in der Schweiz Tradition, man denke an die Baracken bei Tunnelbauten oder im Asylwesen. Minarette stellen einen Schritt heraus aus dieser anonymen und akzeptierten Verborgenheit im Provisorischen dar. Sie bereiten den Weg für die symbolische Besetzung des Raumes und damit in die öffentliche Wahrnehmung. Mit dem Ägyptologen Jan Assmann lässt sich dieser Turmbau als Medium eines dauerhaften, institutionalisierten kulturellen Gedächtnisses verstehen. Damit können solche Bauprojekte von ihren Gegnern als Symbole von Fremden bezeichnet werden, die mit der Errichtung von Immobilien den Entschluss zum Bleiben signalisieren. «Der Fremde», so schrieb Georg Simmel bereits 1908, sei nicht der «Wandernde, der heute kommt und morgen geht», sondern derjenige, «der heute kommt und morgen bleibt.» Und Simmels Fremder hat es, ganz im Gegensatz zu den Wanderern, in der Schweiz schwer.

Beschränkter Zugang zur Öffentlichkeit Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive kann mit einer Integration eingewanderter Muslime in ein Gefüge schweizerischer oder christlicher Werte – was auch immer darunter verstanden werden mag – genauso wenig gerechnet werden wie mit einer Anpassung alteingesessener Schweizer. Die Bauprojekte sind jedoch Hinweise für eine verstärkte Teilhabe von Religionsgemeinschaften an einem Raum von Möglichkeiten, den ihnen die Gesellschaft bietet. Das Interesse am Bleiben reicht für den Minarettbau nicht aus. Formale Vereinsstrukturen, Kenntnisse über den lokalen Kontext und dessen Abläufe, sowie finanzielle Ressourcen waren notwendig, um eine so komplexe Aufgabe wie ein Bauprojekt erfolgreich angehen zu können. Inklusion, die Einbindung in einen Bereich möglicher Beziehungen innerhalb der Gesellschaft, zeigte sich auch darin, dass der Moscheeverein rechtliche Herausforderungen erfolgreich bewältigte: Unter Einbezug eines Anwalts konnte das Minarettprojekt bis auf Ebene des Bundesgerichts gegen Einsprachen verteidigt werden. Im Kontrast dazu steht die Machtlosigkeit der potentiellen Bauherren gegenüber der Etablierung einer öffentlichen Meinung gegen das Minarettprojekt, also – wie es Gerhards und Neidhardt ausdrü-

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Von Rafael Walthert Im Jahre 2005 plante der türkisch-kulturelle Verein Olten auf das bis dahin unauffällige Gebäude, das in Wangen als Moschee diente, ein Minarett zu setzen. Damals war vielen Schweizerinnen und Schweizern nicht klar, um welche Art Turm es sich dabei handeln sollte. Zur Aufklärung leitete die Fernsehsendung «Schweiz Aktuell» ihre Berichterstattung mit einer gebetsrufuntermalten Diashow verschiedenster Minarette unserer Erde ein. Für viele Einwohner Wangens hatte so etwas keinen Platz im Dorfbild. Zunächst über Leserbriefe, dann über Einsprachen gegen das Baugesuch wandten sich Vertreter verschiedenster Parteien, inklusive dem FDP-Gemeindepräsidenten und dem reformierten Pfarrer, gegen das Projekt. Während der Verein eine sichtbare Präsenz in der Öffentlichkeit anstrebte, wurde genau diese von der Gegnerschaft zu vermeiden gesucht. Der Turm würde als islamisches Bauwerk eine Konkurrenz zum christlichen Kirchturm und ein Eindringen islamischer Identität in den «christlichen Kulturkreis» darstellen. Den «Primat des Christentums» gelte es zu verteidigen, wurde argumentiert. Vergleichbare Konflikte um Minarette und Moscheen sind aus Deutschland schon länger bekannt, die Schweizer haben es nicht erfunden. Die hiesigen Auseinandersetzungen gelangten jedoch im Gegensatz zu jenen im Ausland über die Volksinitiative «Gegen den Bau von Minaretten» auf die nationale Ebene. Unabhängig von lokalen Kontroversen kann aber auch die Schweizer Initiative in ihrer Form und ihrem Entstehen nicht verstanden werden. Was zeigen also die Konflikte um die Minarettbauten in Bezug auf die Strukturen und Deutungsmuster ihres schweizerischen Kontextes auf und wie prägten sie diese? Diesen Fragen wird im Folgenden ausgehend vom Fall Wangen bei Olten und im Rückgriff auf eine Studie des Religionswissenschaftlichen Seminars der Universität Zürich nachgegangen.


Düstere Wolken über dem Wangener Minarett – das Bauprojekt des türkisch-kulturellen Vereins löste hitzige Debatten aus.

cken – einer «Meinung, die in öffentlichen Kommunikationen mit breiter Zustimmung rechnen kann, eine[r] Meinung, die sich in den Arenen öffentlicher Meinungsbildung durchgesetzt hat und insofern ‹herrschende› Meinung darstellt.» Der Moscheeverein verfügte nicht über die notwendigen Kanäle oder Kompetenzen, um sich in die massenmedialen Diskussionen entscheidend einzubringen. Insbesondere standen ihm aber auch Struktur und Logik der Massenmedien entgegen, in denen gerade Akteure, die im Lokalen verankert waren und sich zu dessen Verteidigung aufschwangen, privilegierten Zugang zur Öffentlichkeit genossen. Zwar wird in diese von sozialphilosophischer Seite viel Hoffnung gesteckt: als Medium der zwanglosen Überzeugung durch bessere Argumente verhelfe die Öffentlichkeit, dieses «Netzwerk für Kommunikation», der Vernunft vermehrt zum Durchbruch. Doch in der Praxis erwies gerade sie sich als das eigentlich diskriminierende Medium. Der Erfolg auf der rechtlichen Ebene blieb jedoch von der Öffentlichkeit unangetastet. Das Bundesgericht bestätigte die Einschätzung tieferer Instanzen, dass das «bloss symbolische Minarett» keine ent-

scheidende Veränderung der bisherigen Nutzung darstelle, sodass 2009 das Minarett eingeweiht werden konnte.

Gegner mobilisieren landesweit Gerade die Symbolhaftigkeit wurde von der Gegnerschaft als eigentlicher Stein des Anstosses bezeichnet. Durch die Betonung dieser Dimension wurde die Diskussion über bauliche Eingriffe in den Industriezonen Wangens in kürzester Zeit zu einem Problem von nationaler Bedeutung generalisiert. Während den Minarettgegnern der Transfer vom Lokalen ins Nationale also gelang, fand ein solcher Versuch auf der Seite der Minarettbefürworter erst gar nicht statt. Sie hatten ihr Ziel erreicht. Auf nationaler Ebene setzte sich niemand mit einem mit der Gegnerschaft vergleichbaren Engagement für Minarette ein. Die in lokalen Konflikten entstandenen Deutungsmuster wurden in Verbindung mit dem Know-how landesweit vernetzter Akteure und deren Ressourcenmobilisierung zum durchschlagenden Erfolg. Dabei bot die Divergenz zwischen dem Entscheid des Bundesgerichts in Lausanne und der öffent-

Autor Rafael Walthert ist Soziologe und Religionswissenschaftler und arbeitet am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich.

Projekt «Sichtbar gemachte religiöse Identität, Differenzwahrnehmung und Konflikt» D. Lüddeckens, Ch. Uehlinger, R. Walthert, J. Grigo, A. Kestler, V. Meier, O. Wäckerlig; www.nfp58.ch

Bild Von O. Wäckerlig

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Es geht um Herrschaft, nicht um Heil

Literatur AUGE, Marc (2008). Non-Places. London/ New York: Verso. HÜTTERMANN, Jörg (2006 ). Das Minarett. Zur politischen Kultur des Konflikts um islamische Symbole (Konflikt- und Gewaltforschung). Weinheim: Juventa. MERZ-BENZ, PeterUlrich, WAGNER, Gerhard (Hg.) (2002). Der Fremde als sozialer Typus. Klassische soziologische Texte zu einem aktuellen Phänomen. Konstanz: UVKVerlagsgesellschaft. GERHARDS, Jürgen, NEIDHARDT, Friedhelm (1991). Strukturen und Funktionen moderner Öffentlichkeit: Fragestellungen und Ansätze. Oldenburg: Bibliotheksund Informationssystem der Universität Oldenburg (BIS).

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Die Gegenüberstellung zwischen Islam und NichtIslam erhielt ihre Kontur durch die Identifikation, Charakterisierung und Abgrenzung von Ersterem. Aus der Diskussion um die religiöse Fassung von Formeln wie dem «christlichen Kulturkreis» hielt sich die Minarettgegnerschaft auf der lokalen wie auch auf der nationalen Ebene gezielt heraus. Der Islam diente als Figur, die es erlaubte, auf eine differenzierte Charakterisierung der eigenen Seite zu verzichten. Gerade weil Kirchtürme als Identifikationsmerkmale nicht mehr herhalten können, erwiesen sich Minarette zur Abgrenzung als beliebt. Auf der Seite der Initiativgegner wurde die Religionsfreiheit betont, in die eine Verfassung, die Minarette verbietet, eingreifen würde. Im Kern dieser Semantik stand letztlich die Unterscheidung zwischen säkular und religiös, die sich mit ihrem im Vergleich zu «Islam/Nicht-Islam» höheren Abstraktionsgrad für prägnante Abstimmungskampagnen als weniger geeignet erwies. Mit dem Argument, das Minarett sei ein «Machtsymbol», betonte die Minarettgegnerschaft, dass es nicht um die religiöse Bestimmung des Politischen oder die politische Bestimmung von Religion gehe, sondern um eine politische Einschränkung einer Religion, der eine starke und expansive politische Dimension zuzuschreiben sei. Gegen eine Religion, die sich solcher, über Türme erfolgreich platzierter Machtansprüche enthalte, sei dagegen nichts einzuwenden. Evangelikale Kreise waren zwar in der Minarettopposition aktiv, tatsächlich zeigen aber solche Argumente ebenso wie die übrige Zusammensetzung der Initiativträgerschaft, dass es um Herrschaft ging, nicht um Heil. Nicht nur religiöse Ziele, auch religiöse Argumente und Akteure standen eher im Hintergrund. Religion war wie in anderen öffentlichen Debatten zwar Thema von Diskussionen. Erhöhter Einfluss beziehungsweise Plausibilität kam religiösen Organisationen, Traditionen oder Begründungen dabei aber nicht zu. Selbst religiöse Institutionen wie die etablierten Kirchen argumentieren in der breiteren Öffentlichkeit kaum religiös. Christliche Toleranz lässt

sich nicht anmahnen und mit Sünde und Verdammnis nicht drohen. Gerade durch diese Zurückhaltung wird Religion zur für alle offenen Wühlkiste, aus der Deutungsmuster wie Minarette, Taliban, Burkas oder der «christliche Kulturkreis» hervorgekramt werden können.

Kleidung ist individuell Ebenfalls Teil des Forschungsprojekts war die Thematik religiös konnotierter Kleidung. Auffallend ist, dass im Gegensatz etwa zu Frankreich in der Schweiz religiöse Kleidung weitaus weniger konfliktiv thematisiert wird. Kopftücher lassen sich im Vergleich mit Minaretten weitaus weniger erfolgreich öffentlich kritisieren. Das Gefährdungsszenario liess sich bei Bauten als gemeinschaftliche Manifestation einer globalen Bewegung thematisieren, deren politische Implikationen skandalisiert werden können. Im Unterschied zu den Bauprojekten ist dagegen bei Kopftüchern und anderer religiös konnotierter Kleidung eine Zurechnung auf individuelle Entscheidungen feststellbar, denen in der Schweiz eine hohe Legitimität zugeschrieben wird. Im Gegensatz zu säkularistischen Konzeptionen von Öffentlichkeit und Gesellschaft, wie sie Frankreich prägen, scheint in der Schweiz der Wert der individuellen religiösen Entscheidung über die Freiheit von Religion gestellt zu werden. Dies gilt auch, wenn damit religiöse Diversität ausgedrückt wird. Zwar besteht die Gefahr, dass auch die Kopftuchthematik massenmedial und politisch einträglich aufgegriffen wird. Allerdings nur unter der Voraussetzug, dass die religiöse Kopfbedeckung als Mittel der gemeinschaftlichen Unterdrückung des Individuums thematisiert und damit in einen gemeinschaftlichen, von Herrschaft geprägten Zusammenhang gestellt wird. Die religionswissenschaftliche Forschung legt eine solche Verknüpfung alles andere als nahe. Dass die Angriffe auf Kleidung, die mit Religion assoziiert wird, bisher nicht geschahen, dürfte aber eher darauf zurückzuführen sein, dass aus den Kreisen der Minarettgegner Plädoyers gegen patriarchale Unterdrückung unwahrscheinlich scheinen. Unabhängig vom Ausgang der Minarettinitiative trat der Islam in der Schweiz aus der Bedeutungslosigkeit ins öffentliche Bewusstsein. Aus den Nicht-Orten in Wangen und Langenthal wurden Orte nationaler Bedeutung. Entsprechend gesellten sich zu Zytgloggenturm und Schloss Chillon auch Modellbögen von Minaretten. Heute wissen alle Schweizerinnen und Schweizer, was Minarette sind, dass es Muslime in der Schweiz gibt und dass dies kein provisorischer Zustand ist – sie sind gekommen, um zu bleiben. Ohne Oppositionen und Initiativen hätte das Wangener Minarett jedenfalls weit höher als sechs Meter werden müssen, um diesen Effekt zu erzielen.

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lichen Meinung in Wangen bei Olten die Möglichkeit, einen Anti-Establishment-Diskurs zu eröffnen, wie er für populistische Bewegungen kennzeichnend ist. Es wurden unmissverständliche, konfliktive Kommunikationsformen gewählt, deren Kombination von Konkretion (Turm) und Allgemeinheit (Bedrohung Islam) sich als aufmerksamkeitsträchtig erwies. Über die «Bedrohung des christlichen Kulturkreises» sprach bald das ganze Land. Eingeführt hatte den Begriff der reformierte Pfarrer Wangens. Wie erfolgreich sich diese Idee einer Bedrohung durch den Islam für die christlich geprägte Schweiz durchsetzen konnte, bestätigte schliesslich die Annahme der «Minarettinitiative».


Christian Suter, Silvia Perrenoud, René Levy, Ursina Kuhn, Dominique Joye, Pascale Gazareth (Hrsg.)

Sozialbericht 2008 Die Schweiz vermessen und verglichen 2009, 340 Seiten, ISBN 978-3-03777-063-1, SFr. 42.—

Reihe Sozialer Zusammenhalt und kultureller Pluralismus Esteban Piñeiro, Isabelle Bopp, Georg Kreis (Hrsg.)

Fördern und Fordern im Fokus Leerstellen des schweizerischen Integrationsdiskurses info@seismoverlag.ch www.seismoverlag.ch

2009, 264 Seiten, ISBN 978-3-03777-070-2, SFr. 43.—

Janine Dahinden und Alexander Bischoff (Hrsg.)

Dolmetschen, Vermitteln, Schlichten – Integration der Diversität? 2010, 252 Seiten, ISBN 978-3-03777-083-2, SFr. 43.—

Reihe Differenzen Monica Budowski, Michael Nollert (Hrsg.)

Soziale Ungleichheiten 2010, 240 Seiten, ISBN 978-3-03777-067-2, SFr. 38.—

Reihe Schriften zur Sozialen Frage Stefan Kutzner, Michael Nollert, Jean-Michel Bonvin (Hrsg.)

Armut trotz Arbeit Die neue Arbeitswelt als Herausforderung für die Sozialpolitik 2009, 200 Seiten, ISBN 978-3-03777-085-6, SFr. 38.—


Wenn Geschiedene Nachbarn bleiben Von Urs Güney Wer im Appenzellerland wandert, kann den Säntis sehen und den Kronberg, eine Hügellandschaft in sattem grün und Streusiedlungen auf den Hügelrücken. Die Grenze ist unsichtbar und dennoch da, seit über vierhundert Jahren, auf den Landkarten und in den Köpfen. Für 2013 hat man sich vorgenommen, gemeinsam zu feiern. Zum fünfhundertsten Mal jährt sich dann der Beitritt Appenzells zur Eidgenossenschaft. Wie die offiziellen Feiern aussehen sollen, haben die Regierungen beider Kantone zusammen festgelegt. Die Vorstellungen, wie ein Jubiläum begangen werden kann, gehen allerdings etwas auseinander. In den Dörfern und Weilern sind deshalb viele noch skeptisch. «Ich weiss nicht, ob das gut geht», sagt ein älterer Herr am Bahnhof Appenzell, «ich glaube, es gibt da jetzt schon Konflikte.» In den vergangenen Sommermonaten hat man sich wieder häufig getroffen, in den Berggasthäusern zum Beispiel und auf den «Stobeten». Die Sennenfeste auf der Alp ziehen Gäste aus dem Tal an, aus Herisau, Teufen und Trogen genauso wie aus Appenzell, Gonten oder Haslen. «Da konnte man sehen, dass die Innerrhödler und Ausserrhödler heute eigentlich gut miteinander auskommen», sagt der Mann am Bahnhof. Als Zugezogener könne er natürlich nicht richtig Auskunft geben über die Unterschiede zwischen den Kantonen. «Aber dass wir hier geschlossen sind», sagt er, «das ist unser Vorteil.» Selbst Neuzuzüger suchen auf dem «Flecken» Appenzell die Tradition, das Kleine und Beschauliche.

Der Alpstein weckt die Urgefühle In leuchtendem Rot windet sich die Appenzellerbahn den Hang hinauf. Regula Nyffenegger ist unterwegs nach Heiden, wo sie wohnt und arbeitet. Richtig wohl wird ihr aber, wenn sie in umgekehrter Richtung fährt, nach Innerrhoden rein und auf den Alpstein zu. Dort ist sie aufgewachsen. «Die Verheimatung der Leute hier ist schon sehr stark», sagt sie. Sie spüre das auch selbst. «Ich lebe zwar in Ausserrhoden, aber sterben werde ich als Innerrhödlerin», hält sie unmissverständlich fest, während der Zug gerade in Gais einfährt. Die Grenze liegt nun hinter ihr. Als die Appenzeller 1597 ihr Land teilten, hielt man

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dies für eine vorübergehende Lösung. Mit der Scheidungskonvention, die durch die Vermittlung von sechs eidgenössischen Schiedsrichtern zustande kam, konnte ein drohender Bürgerkrieg im letzten Moment noch abgewendet werden. Doch zugleich markiert sie den Schlusspunkt einer gemeinsamen Geschichte, die rund zweihundert Jahre zuvor in den Appenzeller Kriegen mit dem Befreiungskampf gegen die Herrschaftsansprüche des Fürstabtes von St. Gallen begonnen hatte. Dabei schien zunächst alles gut zu gehen. Die Reformation, die in den 1520er Jahren nach Appenzell vordrang, stiess auf eine leidlich demokratische Tradition. So beschloss man 1525 an der Landsgemeinde, dass jede Pfarrei sich für einen Glauben aussprechen soll. Schliesslich blieb nur der Hauptort Appenzell katholisch, die äusseren Rhoden schlossen sich allesamt den Reformatoren an. Trotz mancher Spannungen gelang in der Folgezeit ein friedliches Zusammenleben. Solange wenigstens, bis der päpstliche Nuntius Francesco Bonhomini 1579 in Appenzell die Gegenreformation einläutete. Nun gewann die katholische Seite neues Selbstbewusstsein. Fast vergessene Marien- und Heiligenfeste wurden wiederbelebt und Kapuziner nach Appenzell berufen. Als darauf die inneren Rhoden aus wirtschaftlichen Motiven begannen, eine eigenständige Aussenpolitik zu betreiben, und beschlossen, zusammen mit den katholischen Orten der Innerschweiz ein Bündnis mit Spanien und dem Herzogtum Mailand einzugehen, war das Mass voll. Die Spannungen eskalierten. Nur durch den Beschluss, sich zu trennen, konnte Schlimmeres verhindert werden. Die Vermittler gingen allerdings davon aus, dass es sich bloss um eine Beziehungspause handle: «Die Trennung soll nicht ewig dauern, sondern nur solange es beiden Teilen gefällt», heisst es deshalb im letzten Paragraphen des Landteilungsbriefs.

Wenig Spielraum für Veränderung Die Grenzen haben sich in den vergangenen 413 Jahren aber nur unwesentlich verschoben. Ob sich daran so bald etwas ändern wird, ist fraglich. «Ich glaube nicht», sagt Regula Nyffenegger, die für das katholische Pfarramt in Heiden arbeitet, «zumindest nicht in den nächsten fünfzig bis hundert Jahren.» Natürlich sei auch in Appenzell die Zeit nicht stehen geblieben. Wenn eine Innerrhoderin in den sech-

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Vor über vierhundert Jahren trennten sich die Appenzeller im Streit in zwei Kantone. Das Leben in guter Nachbarschaft gelingt zwar immer besser, doch noch heute werden hin und wieder alte Wunden aufgerissen.


nachbarn

ziger Jahren einen Protestanten geheiratet hat, musste sie mit schwerwiegenden Konsequenzen bis hin zur sozialen Ächtung rechnen. Ihn zur Familie mitzubringen etwa, wäre ausgeschlossen gewesen. Heute würden das die meisten Leute viel entspannter sehen, sagt Regula Nyffenegger. Wegen der vielen Zugezogenen sei inzwischen auch die innerrhodische Gesellschaft viel durchmischter, und Ausserrhoden sei heute katholischer als noch vor ein, zwei Generationen. «Grosse Unterschiede im Bezug auf das alltägliche Leben gibt es in den beiden Kantonen eigentlich nicht mehr», glaubt die Pfarramtssekretärin. Allerdings sei eine gewisse Rivalität erhalten geblieben, die bisweilen zu handfesten Spannungen führe. So hat man beispielsweise die Ausserrhoder Regierung 2005 nicht an die Stosswallfahrt eingeladen. Dies obwohl die Schlacht, der die Innerrhoder an diesem alljährlichen Feiertag mit einer Prozession gedenken, 1405 noch gemeinsam geschlagen wurde. «Die Innerrhödler halten sich halt oft für die etwas echteren Appenzeller», vermutet Regula Nyffenegger, «und vielleicht sind sie es auch.» In Ausserrhoden zumindest trauern Alteingesessene noch immer ihrer Kantonalbank nach, die 1996 verkauft wurde. Auch die Abschaffung der Landsgemeinde wird inzwischen schon vielfach bereut. «Das Beharrungsvermögen der In-

nerrhödler dagegen ist schon beachtlich», sagt die Exil-Innerrhoderin. «Die halten an ihren Traditionen fest und vermarkten diese auch sehr geschickt.» Die Kehrseite davon sei, dass für grundlegende Veränderungen wenig Spielraum bleibt. «Selbst das Frauenstimmrecht musste den Innerrhödlern ja per Bundesgerichtsurteil aufgezwungen werden», hält Regula Nyffenegger fest.

Man teilt nicht nur den Kantonstierarzt Als vorrangige und ständige Aufgabe der Innerrhoder Politik bezeichnet Daniel Fässler die Erhaltung der Selbständigkeit des kleinen Kantons. «Es ist Aussenstehenden nicht immer klar, warum eine Gemeinschaft von knapp 16‘000 Einwohnern einen eigenen Kanton bilden soll – mit denselben Rechten und Pflichten wie zum Beispiel die Kantone Zürich oder Bern», sagt der regierende Landammann Fässler. «Wir müssen unseren Finanzhaushalt im Griff haben, vielleicht noch etwas sparsamer sein als andere Kantone, und günstige Rahmenbedingungen schaffen für Unternehmen.» Früher als andere Kantone hat Appenzell Innerrhoden die Unternehmenssteuern gesenkt. So habe man in den vergangenen Jahren ein in der Ostschweiz einzigartiges Beschäftigungswachstum und eine positive Bevölkerungsentwicklung erzielt.

In Appenzell ist die Zeit nicht stehen geblieben.

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Da aber in ländlich-peripheren Gebieten die Mittel begrenzt sind, ist die Kooperation mit verschiedenen Partnern von hoher Bedeutung. «Die Zusammenarbeit mit Ausserrhoden funktioniert mindestens so gut wie jene mit St. Gallen», sagt Daniel Fässler. Die Ausgangslage ist oft eine ähnliche, da sich die Strukturen und Herausforderungen der appenzeller Kantone gleichen. Regelmässig treffen sich die beiden Regierungen zu gemeinsamen Sitzungen. Auch auf Ebene der Departementsvorsteher und der Verwaltung bestehen enge Kontakte, manche Aufgaben werden unbürokratisch gemeinsam gelöst. So teilen sich die beiden Kantone den Kantonstierarzt, das Arbeitsinspektorat hat Appenzell Innerrhoden an Ausserrhoden delegiert. Gerade in Bereichen, die Spezialwissen erfordern, lohnen sich aufgrund der geringen Fallzahlen Kooperationen: «Miteinander hat man dann eine sinnvolle Grösse», erklärt der Landammann.

Tourismus, das jüngste Scheidungskind Autor Redaktor Urs Güney (31) wohnt in Zürich und studiert Germanistik, Politikwissenschaft und Geschichte des Mittelalters.

Bilder Von Urs Güney

Doch wo man Partner hat, gibt es auch Konflikte. Ende letzten Jahres wurde etwa die Organisation, die acht Jahre zuvor für ein gemeinsames Tourismusmarketing der beiden Nachbarn gegründet wurde, wieder aufgegeben. Der Entscheid, sich zu trennen, ist gemäss der Ausserrhoder Volkswirtschaftsdirektorin von Innerrhoden ausgegangen. «Darüber, was wie zu vermarkten sei, gingen die Meinungen regelmässig stark auseinander. Die Branche ist für Innerrhoden von überragender

Bedeutung, deshalb wollen wir über die Vermarktung und den Umfang der Zusammenarbeit selbst entscheiden können», erklärt Daniel Fässler die aktuelle Situation. Ausserrhoden gehe es nicht anders. Innerrhoden möchte durch ein koordiniertes Marketing im Kanton die Qualität des Angebots sicherstellen. Dabei setzen die Innerrhoder vor allem auf Naturliebhaber, die Ruhe und Gastfreundschaft schätzen. Der Wandertourismus hat erste Priorität. Deshalb wird etwa das Mountainbiking nicht aktiv vermarktet, es bringt zu viel Hektik in die ruhige Landschaft. Während das Dorf Appenzell das gesellschaftliche Zentrum Innerrhodens bildet, ist die Situation in Ausserrhoden heterogen. Zwischen Urnäsch am Fuss des Alpsteins und Heiden, das sich auf einer Terrasse über dem Bodensee ausbreitet, gibt es nicht nur landschaftlich grosse Unterschiede. Auch politisch und mental scheinen manchmal Welten zwischen den einzelnen Orten zu liegen. Früh haben sich in Ausserrhoden starke Gemeinden gebildet, die ein hohes Mass an Autonomie erlangten. Dies wirkt sich auch auf die Tourismusbranche aus. Lokale Verkehrsvereine rücken im Interesse ihrer Dörfer ihre Tourismusangebote ins beste Licht und bemühen sich um die Erwähnung in Publikationen, die für beide Kantone werben. Im Brauchtumsmuseum in Urnäsch bedauern die Verantwortlichen, dass durch die Auflösung der Marketingorganisation der Blick für das gemeinsame Ganze verloren gegangen sei. «Die Zusammenarbeit an der Basis hat immer hervorragend funktioniert», sagt ein Ausserrhoder Tourismusverantwortlicher. Nun sei die Verunsicherung bei allen Beteiligten gross. «Wir wissen nicht mehr, welches Mass an Kooperation von der Politik noch akzeptiert wird.»

Die Appenzeller vermarkten ihre Traditionalität.

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Berufsbildung, Zivilschutz, Kultur – in unzähligen Bereichen arbeiten die beiden Nachbarn heute aber eng zusammen. «Doch wenn es zu Unstimmigkeiten kommt», sagt Roland Inauen, der das Museum in Appenzell leitet, «brechen bisweilen Wunden auf, die man für längst verheilt gehalten hat.» Denn mit der Landteilung waren die Probleme noch lange nicht gelöst. Wer reformiert war in Innerrhoden musste konvertieren oder unter Verlust seiner Güter das Land verlassen. Ausserrhoden verfuhr gleich mit seinen Katholiken. «Der Begriff konfessionelle Säuberungen wäre wohl etwas stark», sagt der Volkskundler Inauen, «aber die eigentliche Verhärtung setzte erst nach der Landteilung ein.» Die beiden Länder schotteten sich vollständig gegeneinander ab, Mischehen gab es keine mehr, auch der Handel wurde praktisch eingestellt. Mit der Errichtung von Kapellen und Bildstöcken an jeder Ecke in Innerrhoden wurde die konfessionelle Orientierung symbolisch zur Schau gestellt. Die Fronten blieben bestehen bis zur Einführung der Schweizer Bundes-

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Avantgarde und Kirchenmaus


Selbständigkeit schafft Identifikation Trotz dem unterschiedlichen Geschichtsverlauf seien die Gemeinsamkeiten nicht zu unterschätzen, ist der regierende Landammann Daniel Fässler überzeugt. «Wir kommen aus einer Kultur, deshalb kennen und verstehen wir uns gut», sagt Fässler. Eine Kantonsfusion kommt für ihn dennoch nicht in

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verfassung 1848. Gegen diese wehrten sich beide Kantone vehement, da sie die Niederlassungsfreiheit garantierte. Plötzlich konnte sich etwa ein protestantischer Zürcher wieder in Innerrhoden ansiedeln. Für die konfessionellen Minderheiten gehörten ständige Diskriminierungen allerdings auch danach mit zu ihrem Alltag. Die zentrale Bedeutung der Religion hatte sich in Innerrhoden wie in Ausserrhoden gleichermassen erhalten, obwohl die beiden Kantone bis dahin eine völlig unterschiedliche Entwicklung durchlaufen hatten. Während in Ausserrhoden die Industrialisierung früh einsetzte und die Textilwirtschaft blühte, verharrte Innerrhoden im 17. und 18. Jahrhundert in seinem Schicksal. Ausserrhoden prosperierte und gehörte im 18. Jahrhundert zu den dichtest besiedelten und reichsten Gebieten in Europa. Innerrhoden dagegen war mausarm, bis die Rettung durch den aufkeimenden Tourismus im 19. Jahrhundert kam. Daneben konnte sich die Appenzeller Handstickerei als Luxusprodukt auf dem Weltmarkt etablieren.

Frage. Es verlange ja auch kaum jemand ernsthaft von Aargau und Solothurn, dass sie zusammengehen. «Vierhundert Jahre getrennte Geschichte schafft Strukturen, die sich nicht so einfach aufheben lassen», sagt Daniel Fässler. Natürlich ist dem Landammann klar, dass die Bedeutung von Kantonsgrenzen in Zukunft noch stärker abnimmt, die Zugehörigkeit zu Funktionsräumen wie etwa der Region St. Gallen oder gar dem Metropolitanraum Zürich wichtiger wird. Doch nicht nur die Bürgernähe, der unmittelbare Kontakt zur Bevölkerung, sei ein wesentlicher Vorteil des kleinen Gemeinwesens. Die Selbständigkeit schaffe eine Identifikation, die sich wiederum positiv auf den Standort auswirke. «Dass wir hier in Appenzell Appenzeller Bier haben, Appenzeller Biber, das Mineralwasser ‘Flauder’ oder Appenzeller Alpenbitter, verdanken wir der Verwurzelung der Bevölkerung», hält Landammann Fässler zufrieden fest. Der Landteilungsbrief von 1597 stellt eine spätere Wiedervereinigung des Standes in Aussicht. Doch auch im Gutenbergzentrum – einem modernen Einkaufszentrum in Herisau – stösst die Idee nur auf Kopfschütteln. «Nur nichts ändern», sagt dort eine ältere Frau, die sich gerade im Café nach ihren Einkäufen ausruht. «Es ist doch gut so, wie es jetzt ist», ergänzt ihr Mann. Ob die Trennung ewig dauern soll, ist ungewiss. Im Moment wenigstens gefällt sie beiden Teilen noch.

KOLUMNE

Wir sind tolerant Im obersten Stock eines Reihenhauses zu wohnen ist eigentlich eine feine Sache, es sei denn, man lebt in einer der letzten Zürcher Siedlungen mit Holzheizung, wo das Holz noch im Keller gelagert wird. Dies hat auch seine Vorteile neben dem gemütlichen Knistern des Feuers: Einige Nachbarn neigen dazu, ihren Abfall nicht in mühseliger Arbeit in einem überteuerten Züri-Sack zu sammeln und vorne an die Strasse zu stellen. Viel einfacher ist es, den Müll dem Kachelofen zu übergeben, was manchmal zu interessanten, grüngelbbläulichen Kompositionen von Rauch führt, welcher dann aus dem Schornstein emporsteigt. Aber wir bleiben natürlich tolerant. In unserer Nachbarschaft ist man allgemein äußerst tolerant untereinander. Manche würden es vielleicht gleichgültig nennen, aber ich bevorzuge das Wort «tolerant». In unserem Viertel werden Gegenstände, die man nicht mehr braucht, auch nicht einfach weggeschmissen, oder gar auf einem Flohmarkt verkauft. Man stellt sie einfach vorne an den Strassenrand und macht sie somit der Allgemeinheit zugänglich. Nach spätestens einer halben Stunde sind die Sachen dann meistens wieder verschwunden und alle sind zufrieden. Das nenne ich Selbstregulation in Reinkultur.

Wir dulden allgemein sehr viel bei uns: Es gibt zwar einen Waschplan, aber seit Jahren hält sich niemand mehr daran und trotzdem funktioniert es. Unsere Nachbarin von nebenan hört schon im Herbst Weihnachtsmusik in Überlautstärke. Das Nachbarskind unter uns übt seit Monaten fast jeden Tag das gleiche Stück aus «Forrest Gump» auf seinem Klavier. Wir bleiben natürlich tolerant und drehen unsere Musik einfach etwas lauter oder schauen uns den Originalfilm in voller Lautstärke an. Was gibt es Besseres, als wenn man zur Mittags- oder Abendzeit nach Hause kommt und in jedem Stockwerk kulinarische Spezialitäten eines anderen Kulturkreises riecht. Oder auf dem Balkon zu sitzen und versuchen, den Film zu erraten, den sich der Bewohner des Hauses nebenan auf einer gigantischen Leinwand in seinem Wohnzimmer ansieht. In unserer Nachbarschaft sieht man die Dinge nicht so eng, man darf sich nur nicht beschweren. Ruhestörung oder ähnliches gibt es bei uns eigentlich nicht. Erlaubt ist, was stört und wenn es wirklich sehr stört, ist es auch erlaubt, zurück zu stören.

Kolumnist Redaktor Marco Büsch (20) aus Zürich studiert im 3. Semester Politikwissenschaft, Recht und Soziologie an der Universität Zürich.

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Kanton Übrig «Hör uns Helvetia, Söhne, die dir so nah…Sei unser Hort» – Solch hilfesuchende Klänge drangen vor nicht ganz 100 Jahren vom Westen Österreichs Richtung Schweiz.

Go West Den Hintergrund dieser sich wiederholenden Situation in meinem Leben als Vorarlbergerin in Zürich bildeten die Nachwehen des Ersten Weltkrieges.

Auf den Trümmern der untergegangenen Habsburger Monarchie blickte Österreich in eine ungewisse Zukunft. Der Tod von Kaiser Franz Joseph I 1916 und der Untergang der Donaumonarchie 1918 liess Österreich von einem Grossreich zu einem Kleinstaat verkommen. Während die provisorische Nationalversammlung am 12. November in Wien den Anschluss an Deutschland beschliesst, schmiedet Vorarlberg andere Pläne: Man will sich in den sicheren Schoss der Eidgenossen begeben. Die neue Republik Österreich steht im Gegensatz zum neutralen Nachbarn auf wackeligen Beinen. Deutschösterreich gilt als Verlierer des Krieges und sieht sich mit grossen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten konfrontiert. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem fragilen Zustand der neuen Republik macht sich in den Bundesländern zunehmend bemerkbar, Souveränitätsansprüche werden laut. Die Alternativen, die sich einzelne Bundesländer ausmalen, sind vielfältig. Kärnten und Tirol zum Beispiel spielen mit dem Gedanken, sich als unabhängige, neutrale Staaten zu etablieren, Salzburg will sich Bayern anschliessen. 1918 macht Vorarlberg seinem jetzigen

Das Bodenseeufer wäre ein guter Grund gewesen, Vorarlberg zum Schweizer Kanton zu machen.

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Von Stefanie Heine «Vorarlberg…das ist doch…»; «Ja, genau: dieses westlichste Ecklein Österreichs, welches einst Ambitionen hatte, sich der Schweiz anzuschliessen – was abgelehnt wurde.» So meine Antwort auf eine noch nicht ganz, weil schon allzu oft gestellte Frage, nachdem mein Gegenüber zuvor angestrengt versucht hatte, meinen Dialekt irgendwo zwischen Ostschweiz, Liechtenstein und Bayern zu verorten. Die Reaktion, die nun folgt, ist wie immer ein herzhaftes Lachen. Dabei ist der einstige Anschlusswunsch Vorarlbergs schon aus linguistischen, beziehungsweise isoglossischen Gründen nicht verwunderlich. Das von den Einheimischen liebevoll als «Ländle» bezeichnete Vorarlberg gilt für alle anderen Bundesländer Österreichs als «gsi-Berg». Die Übernahme dieser Perfektform von «sein» teilt Vorarlberg im deutschsprachigen Raum ausschliesslich mit den helvetischen Nachbarn.


Der Instinkt drängt Die Motivation dazu lag nicht sehr fern. Während die Schweizer im Wohlstand lebten, hatten die Menschen auf der anderen Seite der Grenze gegen eine Hungersnot zu kämpfen. Das kleine Bundesland war von Viehzucht und Milchwirtschaft abhängig, während es an Ackerland mangelte. Da die Bauern ihren Lebensunterhalt nicht sichern konnten, mussten sich viele von ihnen mit Nebenverdiensten über Wasser halten. Vorarlberg konnte sich folglich aus eigenen Ressourcen nicht selbst ernähren und die kränkelnde deutsch-österreichische Regierung konnte das Ländle nicht unterstützen. Dazu kamen mangelnde Gasversorgung, Knappheit von Brennholz und der Untergang der Textilindustrie. Neben dem in der Notlage begründeten Wunsch nach wirtschaftlichem Wohlstand wurden auch emotionalere Stimmen laut. So proklamierte Paul Pirker, ein Akteur der Anschlussbewegung an die Schweiz, etwa folgende Gründe für einen Zusammenschluss: Der menschliche Instinkt, der die Vorarlberger «zu einem Volke gleicher Rasse, gleicher Gesinnung, gleicher Kultur und zu denselben Sitten hindrängt», sowie «die Liebe zum Frieden, die Liebe zur Ordnung und die Liebe zum Boden». Solche Bekenntnisse zur allgemeinen und nicht geschichtlich verorteten Verbundenheit mit der Schweiz waren nicht unüblich. Ob dies rein rhetorische Mittel zur Mobilisierung des Anschlusses waren, sei dahingestellt. Von vielen Seiten hörte man den Vorwurf, dass der Wunsch Vorarlbergs, zur Schweiz zu gehören, in Gier und Materialismus gründe. Dies nötigte das Ländle zu Rechtfertigungen, die über wirtschaftliche Aspekte hinausgingen. Die leidenschaftlichen Verbundenheitsgefühle bilden auch eine positive Kehrseite zur prekären historischen Lage Vorarlbergs. Die Schweiz stellte ein Ideal von Freiheit, Demokratie und Ordnung dar, das in scharfem Kontrast zu den Ruinen der Monarchie stand.

Gsi-Berger nicht erwünscht Am Willen Vorarlbergs scheiterte der Versuch, Schweizer Kanton zu werden, bestimmt nicht. Wie kommt es also, dass das «Ländle» zum Kanton Übrig geworden ist? Im Gegensatz zu euphorischen Privatinitiativen, dem «Nachbar in Not» zu helfen, zeigte der Schweizer Bundesrat kein grosses Interesse an

nachbarn

Kosenamen alle Ehre und deklariert sich als eigenständiges «Ländle» innerhalb des deutsch-österreichischen Staates. Das zuvor an Tirol angebundene Bundesland hat nun eine eigene Verwaltung und scheut nicht davor zurück, seine eigenen Pläne wacker weiterzuverfolgen: Vorarlberg soll zur Schweiz gehören. Nach einer Bürgerinitiative folgt am 11. Mai 1919 die schicksalsträchtige Volksabstimmung – mit eindeutigem Resultat: Über 80 Prozent der Bevölkerung wollen sich an den westlichen Nachbarn angliedern.

einem Zusammenschluss. In den Verhandlungen mit Vorarlberg nach der Volksabstimmung verhielt sich die Schweiz distanziert und pragmatisch. In den Friedensverträgen von Versailles und St. Germain wurden 1919 die Grenzen von Österreich und der Schweiz festgelegt. Der Anschlusswunsch Vorarlbergs an die Schweiz traf dort auf taube Ohren. Schliesslich zerschmetterte ein klares «Nein» der Schweiz Vorarlbergs Hoffnungen auf ein Teilhaben am Heidiland. Neben wirtschaftlichen Lasten durch einen Anschluss befürchtete die Schweiz auch eine gestörte Balance zwischen Sprachen und Religionen der verschiedenen Kantone. Mit dem Ländle wären die deutsche Sprache und die Katholiken zu sehr ins Gewicht gefallen. Ausserdem litt auch die scheinbar heil davongekommene Schweiz an den Folgen des Ersten Weltkrieges. Die Wirtschaft war angeschlagen und die verschiedenen Sprachgemeinschaften hatten sich durch unterschiedliche Sympathien zu den Nachbarstaaten während des Krieges voneinander entfremdet. Die Schweiz hatte mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen, der Vorarlberger Anschluss stand nicht im Zentrum des Interesses. Zudem war sich die Schweiz ihrer bescheidenen Rolle während der Friedensverhandlungen bewusst und wollte durch den Anschluss von Vorarlberg keine Niederlage riskieren.

«Jeder zweite Vorarlberger wäre lieber Schweizer» Heute fungiert dieses Kapitel der Nachbars-Geschichte von Österreich und der Schweiz hauptsächlich als guter Witz. Heftig aufgewärmt wurde die Angelegenheit allerdings im Oktober 2008. Im Vorfeld einer Ausstellung des Vorarlberger Landesmuseums über den Anschlusswunsch an die Schweiz führte der ORF eine Umfrage im Ländle durch. Die Frage: «Wollen die Vorarlberger immer noch lieber Schweizer sein?» erbrachte das erstaunliche Ergebnis: jeder Zweite sagte ja. Was als Schlagzeile die Welt zum Schmunzeln brachte, war allerdings nicht sehr fundiert. Die Strassenumfrage wurde mit 20 rein zufällig ausgesuchten Leuten durchgeführt und war damit weit davon entfernt, repräsentativ zu sein. Trotzdem ist nicht zu verleugnen, dass in Vorarlberg manchmal gewisse Untertöne vernehmbar sind, die zumindest eine grosse Sympathie für den westlichen Nachbarn durchschimmern lassen. So ist meine Grossmutter felsenfest davon überzeugt, dass es einzig und allein das Schweizer Mehl ist, das ihrem Kuchen eine besondere Note gibt. Viele glauben, dass die Lebensmittel im Migros besser sind und sich die Reise nach St. Margrethen in den Supermarkt lohnt. Auch wird häufig nach einem Job auf der anderen Seite der Grenze Ausschau gehalten. So erklärt sich vielleicht auch, dass ich meistens mitlache, wenn ich erwähne, woher ich stamme.

Autorin Redaktorin Stefanie Heine (27) aus Zürich studierte Englisch, Philosophie und Komparatistik. Sie ist nun Doktorandin in englischer Literaturwissenschaft und Komparatistik an der Universität Zürich.

Bild Von Hansjörg Heine

Literatur VORARLBERGER LANDESMUSEUM (2008). «Kanton Übrig» Als Vorarlberg zur Schweiz gehören wollte. Dornbirn: Vorarlberger Verlagsanstalt.

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Akademische Nachbarschaft, polyphone Metrik Wie lässt sich die Distanz zwischen Wissenschaften bestim​men? Und ​wer legt die Messlatten an? Nachbarschaftsverhältnisse in den Wissenschaften sind eine vielstimmige Angelegenheit.

Martina Merz ist Inhaberin einer Förderungsprofessur des Schweizerischen Nationalfonds am Soziologischen Seminar der Universität Luzern. Die promovierte Physikerin (München) ist seit cirka fünfzehn Jahren in der sozial- und kulturwissenschaft-

Nachbarschaft wächst aus Abgrenzung

lichen Wissenschafts-

Ein prominentes Beispiel für die Herstellung von Nähe und Distanz zwischen wissenschaftlichen Disziplinen ist das vom englischen Schriftsteller C.P. Snow entwickelte Konzept der «Zwei Kulturen». In einer viel beachteten, 1959 gehaltenen Rede führt er die Dichotomie zur Charakterisierung der «Kluft wechselseitigen Unverständnisses» (gulf of mutual incomprehension) zwischen den «literary intellectuals» und den «scientists» (im angelsächsischen Sinne von Naturwissenschaftlern) ein. Die Grobklassifizierung, der zufolge wissenschaftliche Disziplinen zwei umfassenden Kategorien zugeordnet werden können, deren jeweilige Mitglieder einander als enge Nachbarn gelten, verleiht einer weit

und Technikforschung tätig. Seit 2006 leitet sie ein SNF-Projekt, das die Konfiguration und die konstituierenden Prozesse der öffentlich finanzierten Forschung im Bereich der Nanowissenschaften in der Schweiz untersucht.

Bild Von Martina Merz

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verbreiteten Vorstellung Ausdruck, es handle sich bei den «sciences» und den «humanities» um ein klar trennbares Gegensatzpaar. Nachbarschaften definieren sich hier durch die geteilte Unterscheidung von den proklamierten Andersartigen. Solche Dichotomien entfalten ihre Wirkungsmacht als diskursive Ressourcen heute insbesondere wissenschaftspolitisch, wo es um Vorrangstellung, Streben nach Deutungshoheit und Vorteile bei der Mittelzuteilung in der Konkurrenz zwischen Fächern beziehungsweise Fächergruppen geht. Im Alltag machen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen von solch groben dualen Kategorisierungen nur selten Gebrauch. Sie haben differenziertere kulturelle Repertoires, mittels derer sie sich und die jeweils benachbarten Fächer, Spezialgebiete oder Disziplinen charakterisieren. Selbst- und Fremdzuschreibungen werden in bestimmten Situationen kontextspezifisch hervorgebracht. Durch «boundary work» (Gieryn) – das heisst Arbeit, die auf das Ziehen, Verstärken, Bestätigen oder Problematisieren von Grenzen gerichtet ist – versichern sich Wissenschaftler ihrer fachlichen Identität und Zugehörigkeit und behaupten diese gegen aussen. Die Bezugnahme auf benachbarte Wissenschaften, typischerweise durch Abgrenzung, zählt zum Standardrepertoire der Selbstdarstellung.

Vielfältige Unterscheidungskategorien Die Vergleichskategorien, die dabei zum Zuge kommen, weisen eine immense Vielfalt auf: Unterschiede in der wissenschaftlichen Arbeit hinsichtlich methodischer und theoretischer Zugänge, Konstitution der Forschungsobjekte, Qualitäts- und Gültigkeitskriterien, Charaktermerkmale der Forschenden und vieles mehr. Nehmen wir die wechselseitige Bezugnahme von Mathematikern und (theoretischen) Physikern als Beispiel. «Mathematiker haben gelernt, ihre Gedankengänge strukturiert darzustellen, also in der Form Definition, Satz, Lemma, Beweis. Ich denke, dass das etwas ist, was den Physikern teilweise fehlt», behauptet ein junger Mathematiker. «Der Mathematiker geht deduktiv vor und macht auch keine Sprünge»; im Gegensatz dazu «hat ein Physiker Inspiration», ist ein theoretischer Physiker überzeugt. Ein anderer Physiker ergänzt, «a physicist is more creative in thinking of new kinds of proofs for certain problems». Aber auch «Mathema-

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Autorin

Von Martina Merz Nachbarschaft ist eine Beziehung. Im Alltag messen wir sie daran, wie nahe uns jemand räumlich ist: Der Nachbar ist der nebenan, der uns in manchen Fällen das Leben erleichtert (weil wir mal wieder seinen Korkenzieher borgen dürfen) oder es uns zur Hölle macht (weil schon wieder die Polizei wegen Lärmbelästigung vor der Tür steht), oder der (und das ist wohl heute fast der häufigste Fall) uns schlicht unbekannt ist. Wie dem auch sei, per Definition ist Nachbarschaft eine Beziehung der Nähe zwischen Referenzobjekt und -subjekt. Wendet man den Begriff auf die Wissenschaft an, spricht also von akademischer Nachbarschaft oder akademischen Nachbardisziplinen, so impliziert dies, dass eine Vorstellung davon besteht, wie sich die Distanz zwischen Disziplinen messen lässt. Zumindest geht man davon aus, dass nähere und entferntere Nachbarn voneinander unterschieden werden können. Die Aufgabe bedarf also einer Metrik, und hier beginnt das Problem. Denn eine allgemein gültige Metrik liegt nicht vor. Eine erste Frage, die sich stellt, ist, wessen Perspektive uns interessieren soll: Fragen wir die Angehörigen der Disziplinen selbst, wie sie sich von ihren Nachbarn unterscheiden und welche Felder sie dabei besonders im Blick haben? Lassen wir Wissenschaftssoziologinnen, -historiker und Hochschulforscher zu Wort kommen, die Experten solcher Differenzierungen? Oder begeben wir uns auf die Suche nach anderen Repräsentanten von Kategorien akademischer Nachbarschaft?


tiker arbeiten oft sehr intuitiv, aber sie sagen das dann hinterher nicht so. Wenn sie ein elegantes Argument finden, das nur zwei Zeilen braucht, dann werden sie das immer bevorzugen», gibt der junge Mathematiker zu bedenken. Physiker hingegen versuchen, «die Wirklichkeit zu plätten mit Modellen», und entwickeln wegen der Komplexität der Phänomene ein «chaotisches, intuitives Verständnis», so ein Grenzgänger zwischen den beiden Disziplinen.

Wissen um Nähe und Distanz dient der Orientierung Die Selbst- und Fremdzuschreibungen sind mal stereotypisiert und überzeichnet, mal voller Verständnis für und voller Kenntnis über die Arbeitsweise der jeweiligen Nachbarn. In disziplinenübergreifenden Forschungsfeldern dient ein solches Wissen über Nähe und Distanz zu Nachbardisziplinen der Orientierung im Forschungsalltag. In der nanowissenschaftlichen Forschung (zum Beispiel) ist es nützlich zu wissen, dass die Kollegin aus der Physik das Rastertunnelmikroskop bei fehlerhaftem Funktionieren auseinander nehmen kann, während der Chemiker das nie tun würde, sich aber auf die Synthese der Proteine und andere Aufgaben versteht. Zuschreibungen, die für ein wissenschaftliches Feld als typisch gelten, sind oft kontextspezifisch und damit relativ. Hinsichtlich ihrer instrumentellen Fähigkeiten und ihres technischen Geschicks etwa ist die Physikerin den Chemikern überlegen und wird deshalb zu Hilfe gerufen. Mit den Kollegen aus den Ingenieurswissenschaften kann sie in dieser Hinsicht aber nicht mithalten. Und der in den Augen der Mathematiker so intuitive, die Wirklichkeit mit seinen Modellen «plättende» Physiker wundert sich seinerseits über die Meteorologin, die ihm erklärt, dass die Physik bei ihnen «gummiger» ist, also elastischer gehandhabt wird. Meteorologen arbeiteten zum Beispiel auch mit Wetterkarten, in die jemand von Hand Fronten eingezeichnet hat, und mit qualitativen Argumentationen, was den Physikern fremd sei. Wenn Forschende sich in einer interdisziplinären Kooperation mit ihren Nachbarn, deren Arbeit und Spezialgebiet vergleichen und messen, so positionieren sie sich damit nicht im Gesamtspektrum der Wissenschaften, sondern in einem spezifischen Umfeld, das alltäglich in ihrer Reichweite liegt.

Wissenschaftssoziologie verfremdet den Blick Eine andere Perspektive auf akademische Nachbarschaft ist der verfremdende Blick der Wissenschaftssoziologie. Dass zwei Wissenschaften einander hinsichtlich einer zentralen Dimension als benachbart erscheinen, wird zum Ausgangspunkt für einen Vergleich. Vor dem Hintergrund der Differenz zwischen Labor- und Feldwissenschaften etwa, kontrastiert C. Schumacher in einer 2004 erschienenen Studie Botanik und Architektur un-

Nachbarschaft ist eine Beziehung der Nähe zwischen Subjekt und Referenzobjekt.

ter der Annahme, dass die Perspektive, beide als Feldwissenschaften zu betrachten, überraschende Beobachtungen zu Tage fördern kann. Zwei auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Disziplinen werden so in eine analytische Nachbarschaft gestellt. Die Produktivität dieses Vorgehens resultiert daraus, dass die Bezugnahme auf das Konzept der Feldwissenschaft neue Frageperspektiven anregt. So erscheinen sowohl Architektur als auch Botanik, in je spezifischer Weise, als umgebungssensible Disziplinen, deren Angehörige im Alltag heterogenen Anforderungen mit einer grossen Vielfalt an Fertigkeiten begegnen. Dass Architekten und Botanikerinnen wohl zunächst nicht darauf kämen, einander als Nachbarn wahrzunehmen, schmälert die Produktivität des Ansatzes als eine sozialwissenschaftliche Strategie keineswegs. Die eine, objektive Metrik, die Nachbarschaften zwischen Disziplinen misst, scheint es also nicht zu geben. Doch gerade die Betonung der Existenz polyphoner Metriken könnte, in die öffentliche Debatte eingespeist, einen Beitrag leisten, Nähe und Ferne zwischen den Wissenschaften immer wieder neu zu thematisieren – und damit auch neu zu denken.

Literatur GIERYN, T.F. (1999). Cultural Boundaries of Science: Credibility on the Line. University of Chicago Press. HEINTZ, B., MERZ, M., SCHUMACHER, C. (2004). Wissenschaft, die Grenzen schafft. Geschlechterkonstellationen im disziplinären Vergleich. Bielefeld: Transcript-Verlag. HONEGGER, C. et al. (2007). Konkurrierende Deutungen des Sozialen. Zürich: Chronos.

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Die Kölner Stadtmusikanten Die Sprache der Musik existiert weltweit und verbindet – ein Satz, der von vielen ausgesprochen, aber von wenigen so überzeugend gelebt wird wie von einem Trio, das bewaffnet mit 15 Saiten und drei Stimmen der Strassenmusik ein neues Gesicht verleiht.

Autorin

Bandprojekten entsteht ein Melange von tanzbaren Beats, die niemanden auf seinem Stuhl halten. Spätestens wenn alle drei auch noch gleichzeitig ins Mikro singen, ist es um jeden geschehen und der Versuch, die Beine still zu halten, kann gleich aufgegeben werden.

Konzert für die Deutsche Bahn Anfangs ging es noch locker flockig und improvisiert zu und her, man spielte Abwandlungen der vielen Jazz- und Traditionsstücke, welche die drei Musiker dank ihrer Laufbahn und des Studiums beherrschten. In den nächtlichen Gassen Kölns wurde dann auch des Öfteren eine spontane Strassenmusik-Session veranstaltet und festgestellt, dass der Mix bei den Passanten extrem gut ankommt. Im Rahmen des Kölner Karnevals der Kulturen versammelten sich immer grössere Menschenmengen, um zur Musik des Trios abzurocken. Langsam drängten sich die Pläne einer Bandgründung also förmlich auf und als sie auf einer Reihe von Konzerten in der Schweiz ebenfalls viele positive Rückmeldungen bekamen, wurden immer öfter auch Auftritte im heimischen Rheinland und Umgebung gespielt. Nachdem sie vorher jedes Mal unter einem anderen Bandnamen gespielt hatten, entschlossen sich die Jungs, von nun an als «Bukahara Trio» ihr Publikum auf Plätzen, Strassen und Tischen zum Tanzen zu bringen. Ein vorhandener Name und der Entschluss, nun regelmässig aufzutreten, bedeutete aber noch lange nicht, dass nun auch seriös geprobt würde - dafür ist man schliesslich zu talentiert! Also ab in den Zug zum nächsten Gig und auf der Fahrt im Abteil noch ein bisschen üben. Voilà, schon steigt die nächste Party, mitten im Territorium der Deutschen Bahn, deren Kontrolleur auf seine Ermahnung hin, man solle das Musizieren sofort einstellen, nur spöttische Zurufe der von der Musik begeisterten Zuggäste erntete. Einer der Passagiere war ein Mitarbeiter des Kölner Regionalfernsehens und verschaffte dem Trio den ersten Fernsehauftritt.

Redaktorin Sarah

Antinationale Vibes

Schlüter (22) studiert im

Bukahara überzeugen durch ihren einzigartigen Mix von traditioneller arabischer Musik, Jazz und GybsyTunes. Obwohl die musikalische Vermischung erst aufgrund der verschiedenen Kulturkreise möglich wird, in denen die Bandmitglieder aufgewachsen sind und aus denen sie sich gegenseitig inspirieren, geht es nicht darum, ein Paradebeispiel von Völ-

7. Semester Politik- und Literaturwissenschaften an der Universität Zürich.

Bild Von Sarah Schlüter

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Das Cover zum ersten Album.

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Von Sarah Schlüter Daniel, Ahmed und Soufian, drei Jazzstudenten aus Köln, bilden zusammen das Bukahara Trio – eine Band, die mit ihrem aussergewöhnlichen Repertoire und einer fesselnden Bühnenpräsenz von sich reden macht. Geprägt von unterschiedlichen kulturellen und musikalischen Wurzeln trafen die drei Jungs im Studium aufeinander und begannen bald, regelmässig zusammen zu musizieren – zuerst noch ohne Pläne, einmal eine Band zu gründen oder gar eine CD aufzunehmen. Denn das gemeinsame Jammen ist an WG-Parties von Musikstudenten genauso unverzichtbar wie der Vorrat an genügend kaltem Bier. Ahmed ist gebürtiger Palästinenser, der seit vier Jahren in Deutschland lebt und als Jazzbassist schon in unzähligen Musikgruppen mitgespielt hat. Sein früherer Mitbewohner und Kommilitone Soufian, dem sein tunesischer Vater ebenfalls arabische Wurzeln mitgegeben hat, betätigte sich vor und während des Studiums als Songwriter, Gitarrist und Schlagzeuger. Zusätzlich zum jazzigen Grundrepertoire und den Einflüssen arabischer Musik durch Ahmed versorgt Soufian den Sound des Trios mit einer guten Note Gitarren-Groove und sorgt für die passenden Texte, gemeinsam mit Daniel, dem letzten Mitglieds des Dreigespanns. Der Schweizer mit jüdischer Abstammung versetzt der Gruppe durch seine Violine, auf der er seit klein auf die in seinem Elternhaus gehörte Klezmermusik geigt, den letzten Schliff. Gespickt mit einer ordentlichen Portion Funk, Reggae und Ska im Stil von Daniels früheren


Von Multikulti und Ökostrom Eine Freundin, ebenfalls im Bann der drei Jazzstudenten, erschien bald mit der Anfrage, ob man den Abspann des Films «Die vierte Revolution» musikalisch unterlegen wolle. Man wollte. Nun kommt zum Multikulti-Image auch noch das der Vollblut-Ökos hinzu, in dem Film geht es nämlich um freie, alternative Energie. Daran kann man natürlich gar nichts aussetzen. Und die Band kann garantiert auch nicht

kultur

kerverständigung darzustellen. Natürlich profitiert ein jeder von den Inputs der anderen und alle Drei pflegten schon vor der Bandgründung, sich mit Hilfe ihrer Musik über Stereotypen und Ländergrenzen hinwegzusetzen. Das ist wohl auch der gemeinsame Nenner und das Freundschaftsrezept des Männerbundes. Alle sammelten schon früh Erfahrungen als Musiker und lernten, dass eine gemeinsame Sprache keine notwendige Voraussetzung für einen amüsanten Abend ist. Denn musizieren kann man mit Wildfremden genauso wie mit den besten Freunden. Und wenn dabei dann Projekte wie Bukahara heraus kommen, kann man nur sagen: Los Leute, lernt ein Intrument und fangt an zu jammen!

klagen, denn nachdem der Film in den deutschen Kinos angelaufen war, regnete es Konzert-Termine. «Video killed the radio star» sag ich da nur! Einmal im Kino und schon ist man so berühmt, dass sogar renomierte Studentenzeitschriften über einen berichten. Die vielen eingegangenen CD-Bestellungen, welche bisher aufgrund nicht vorhandener Platte zurückgewiesen werden mussten, wurden endlich erhört und nach 60 Stunden am Stück im Tonstudio gibt es Bukahara nun auch in gepresster Version. Da soll nochmal einer sagen, als Konsument hätte man keine Macht über die böse Musikindustrie. Endlich müssen die Fans also nicht mehr jede Nacht durch die Strassen Kölns ziehen, in der Hoffnung, dass Daniel, Ahmed und Soufian wieder mal eine ausgelassene Nacht erleben und spontan irgendwo mit Bass, Geige und Gitarre rocken bis der Kater einsetzt. Alle wahren Groupies dürfen sich natürlich weiterhin um eine Live-Begegnung bemühen, denn eines sei noch gesagt: Das Bukahara Trio gibt dir nicht nur ordentlich was auf die Ohren, sondern ist auch was für‘s Auge!

Bukahara live – ein Augen- und Ohrenschmaus.

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Istanbuls Geschichtendeponie Ein heruntergekommenes Haus in Istanbul, 7 Etagen, 10 Wohnungen, 21 Bewohner und Unmengen von Müll – dies ist der Schauplatz von Elif Shafaks Roman «Der Bonbonpalast».

Ein Blick hinter die Türen Die Geschichte des Bonbonpalastes geht allerdings noch viel weiter zurück. Das Haus wurde auf einem Grund erbaut, auf dem einst zwei Friedhöfe lagen, ein muslimischer und ein orthodoxer. Der Vielfalt des Gebäudes und seiner späteren Bewohner ist damit der Weg bereitet. Die Verbindung der beiden Friedhöfe bildet ein Heiligengrab, das genau in der Mitte steht. Hinter dem zweiteiligen Grab ist zwar keine Leiche zu finden, dafür eine umso spektakulärere Sage: Im Zuge der Belagerung des von den Byzantiner regierten Istanbuls erhielt der osmanische Sultan die ungewöhnliche Hilfe eines Derwisches. Dieser lässt sich von den osmanischen Kriegern mithilfe einer Kanone durch, beziehungsweise in die Stadtmauer schiessen. Nachdem er dort einige Zeit klebte und betete, macht er sich selbst zur Öffnung, durch welche die Armee in die Stadt ein-

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dringen kann. Im Roman verbindet diese Erzählung die Geschichte des Bonbonpalastes und jene eines heutigen Bewohners: Dem überforderten Grossvater Hadschi Hadschi, der auf seine drei Enkelkinder aufpassen muss und seine Aufgabe darin sieht, ihnen schaurige Geschichten zu erzählen. Hier findet der Leser einige von vielen sympathisch-skurrilen Figuren des Textes. Die kleine Enkelin, die mit Vorliebe hässliche Worte wie «Geist», «Weltuntergang» oder «Tod» in einer Tasche sammelt, die sie als schickes Accessoire präsentiert. Der etwas ältere Junge, der an einer tödlichen Krankheit leidet und mit seiner Intelligenz dem Grossvater das Leben zur Hölle macht. Und schliesslich der sechseinhalbjährige dritte Enkel, der sich trotz seines zarten Alters für nichts anderes als Sex interessiert. Einige Zimmer weiter befinden sich der Medizinstudent Sidar, der ein Faible für Friedhöfe und eine Obsession mit dem Tod hat und sein fresssüchtiger Hund Gaba. Sidar besitzt von jedem Objekt nur eins, um sich nicht zwischen zwei entscheiden zu müssen – was ihn seine attraktive Affäre kostet, der er es nicht erlauben kann, eine zweite Zahnbürste mitzubringen. An seiner Zimmerdecke sammeln sich Kinoplakate, Briefe der Eltern, getrocknete Käfer, ein Foto von Wittgenstein und vieles mehr. Diese Kuriositäten müssen an die Decke weichen, da sie an der Wand von Hund Gaba verspeist werden würden.

Berührungen am Rande Die verschiedenen Narrative um die sonderlichen, beinahe über-individuell gezeichneten Figuren im Bonbonpalast berühren sich nur flüchtig, am Rande und zufällig – wie es für Nachbarsbegeg-

ZUM BUCH

SHAFAK, Elif. Der Bonbonpalast. Frankfurt am Main: Eichborn, 2008.

zoon politikon | september 2010 | nr. 9

Von Stefanie Heine Im Bonbonpalast stapeln sich Erzählungen – vergessene, aktuelle, zur Seite gelegte, dringlich wichtige und solche, die auf den ersten Blick keine Relevanz haben. Das marode Gebäude ist ihr riesiger Container, ein Abfalleimer voller Geschichten. Seine eigene beginnt in den 1960er Jahren mit einem russischen Ehepaar, das in jungen Jahren 1920 nach Istanbul kommt, um ihr Glück zu finden. Doch es findet das Gegenteil: Das gemeinsame Kind stirbt und für die Mutter, die die Welt ausschliesslich in Farben wahrnimmt, ergraut alles. Nicht viel später trennen sich auch die Wege des jungen Paares. Einige Jahre und Affären später besucht der Ehemann seine Gattin, die mittlerweile in einer Nervenklinik in Paris weilt. Die Freude über die Rückkehr des verlorenen Ehemanns und dessen Geschenk, ein Tablett mit Bonbons, lässt den verlorenen Farbensinn der vom Schicksal geschlagenen Gattin Bonbon für Bonbon wieder erwachen. Ihr Wunsch ist es nun an den Ort ihres Traumas – nach Istanbul – zurückzukehren. Als zweites Geschenk lässt der Gatte seiner Frau ein Haus bauen: ein prächtiger Jugendstil-Palast. Dass diese Stilrichtung damals schon veraltet war, macht das Gebäude interessanter. Wie die verschiedenfarbenen Bonbons ist jede Etage anders gestaltet und alle Balkone unterscheiden sich voneinander. Bis zu ihrem Tod lebt das Paar nun gemeinsam im «Bonbonpalast», danach erbt die uneheliche Tochter des Mannes das Haus. Da sie in Paris lebt, hinterlässt sie das Haus mitsamt den Möbel und Objekten einer älteren Dame namens Tantchen Madam.


Die Künstlichkeit verzuckert Die Zuwendung zu vernachlässigten Details macht die Schönheit des Bonbonpalastes aus. Überschattet wird diese jedoch an der Art und Weise, wie die Geschichtensammlung präsentiert wird. Da ist einerseits eine sehr gezwungen und losgelöst erscheinende Rahmenhandlung. Ein zum Hauptnarrativ extradiegetischer Erzähler erscheint am Anfang und Ende des Textes. Dieser entlarvt die Geschichte des Bonbonpalastes ganz am Schluss als Fiktion, die er 2002 während eines Gefängnisaufenthaltes nach einer Demonstration am Tag der Arbeit als Zeitvertreib erdichtet hat. Es ist fraglich, was diese überstilisierte Klammer um die Erzählung über das farbenprächtige Haus in Istanbul dem Roman hinzufügen kann, ausser der darin etablierten Plutalität mit einer gesuchten Geschlossenheit Abbruch zu tun. Dann erscheinen die Beschreibungen der eher gekünstelt-verschrobenen Figuren mehr

kultur

nungen charakteristisch ist. So werden die Kunden des Frisörsalons der ungleichen und doch so ähnlichen Zwillingsbrüder Celal und Cemal, der im Erdgeschoss eine Art Gemeinschaftraum für Klatsch und Tratsch fungiert, Zeugen eines seltsamen Spektakels. Am Fenster zieht eine beträchtliche Menge an Kleidern vorbei, direkt in den Garten. Den Hintergrund dieser Szene, die bei den Frisörkunden Anlass für wildeste Spekulationen gibt, findet man erst viel später im Buch: Su, ein kleines Mädchen, wurde in der Schule von Läusen befallen, was ihre von Hygiene besesse Mutter in Schrecken versetzt. Da sie auch nach dem Waschen sicher ist, dass die Läuse noch nicht beseitigt sind, wirft sie voller Panik die Kleidung aus dem Fenster. Ein sämtliche Bewohner verbindendes Element des Romans ist der alles durchdringende Gestank von Müll, den niemand verorten kann. Die Reaktionen darauf sind verschieden: während sich die einen lautstark beklagen, leiden die anderen leise darunter. Der Erzähler, ein menschenverachtender Professor mit Alkohol- und Frauenproblem, begegnet dem Problem auf die kreativste Weise. Mit der Sage um den begrabenen Heiligen unter dem Bonbonpalast im Hinterkopf fertigt er folgende Graffiti vor dem Gebäude an: «Unter dieser Mauer liegt ein Heiliger, werfen sie keinen Müll hierher». Der Appell an den omnipräsenten Aberglauben wird schliesslich Tantchen Madam zum Verhängnis, die des Rätsels Lösung darstellt. Inspiriert von den ihr überlassenen Gegenständen des russischen Ehepaars sammelt sie seit Jahren Müll. Ihre Begründung: «Wenn wir statt den Lebenserinnerungen den Müll sähen, den wir produziert haben, könnten wir um einige Zeit länger leben». Den unbeachteten Dingen, die weggeworfen oder übersehen werden, wird im Roman besonderen Wert zugeschrieben. Sie stehen plötzlich im Zentrum und ihr Aroma dringt bis in die Nasen der Leser vor.

Istanbul: Ort der Sagen und Märchen.

und mehr überzuckert. Die Sprache, und dies mag an der Übersetzung vom Türkischen ins Deutsche liegen, entpuppt sich selbst als Kuriositätensammlung von Worten und Wendungen, die am Nerv der Zeit vorbeigehen. Ob Ausdrücke wie «Lulatsch», «ein saftiges Gehalt» oder «Alkohol ausbrechen» als sympathisch- altmodisch oder ungelenk bis plump erachtet werden, sei dem Leser selbst überlassen. Zudem neigt der Roman dazu, phrasenhaft zu werden und sich an Klischees zu laben. Istanbul wird als «schwangere Frau» beschrieben, das Schicksal ist wankemutig, weil weiblich. Hausfrauen werden in zwei Kategorien unterteilt: solche, die den Hausputz an einem Tag beginnen und am nächsten damit fertig sind, also eine Routine vollziehen, und solche, deren Putzaktionen weder gestern noch morgen kennen – die Radikalen. Zum krönenden Abschluss gibt es noch die schöne Aussage, dass man Frauen nicht durchschauen kann, nur weil man in sie eingedrungen ist.

Bild Von Fabian Urech

Autorin Redaktorin Stefanie Heine (27) aus Zürich studierte Englisch, Philosophie und Komparatistik. Sie ist nun Doktarandin in englischer Literaturwissenschaft und Komparatistik an der Universität Zürich.

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«Get off my lawn!» - Clint Eastwood mit 300 Pferden Clint Eastwood spielt in seinem vorerst letzten Film «Gran Torino» einen modernen Vorstadt-Westernhelden, der seine Nachbarschaft zu beschützen versucht. Eine unterhaltsame Story – vielleicht aber nicht der beste Ratgeber für gute Nachbarschaft.

Rassismus, die erste Walt ist ein lupenreiner Rassist, wenn auch ein beweglicher. Er kennt für seine Nachbarn nur die abschätzige Bezeichnung «gooks», eine andere Hautfarbe als weiss gilt als Grund genug, sein Misstrauen zu erregen. Seinen Sohn und ihn trennen Welten, alleine deshalb, weil der Sprössling ein Vertreter für japanische Autos geworden ist, während Walt sein Leben lang in den heimatstädtischen Ford-Werken am Fliessband stand.

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Auch wenn Walt nicht zum interkulturellen Austausch fähig scheint, erkennt er doch in so manchem Fremden das fördernswerte Potenzial zum amerikanisch Guten: In Thao sieht er es darin, dass der Junge während seiner Strafarbeit für den versuchten Diebstahl unter Walts Aufsicht Ausdauer, Fleiss und Geschick beweist. Um in der amerikanischen Arbeitswelt erfolgreich zu bestehen, lehrt Walt Thao die äusserst komplizierte Sprache des amerikanischen Mannes. Zuerst freundet sich Walt jedoch mit Thaos Schwester Sue an, nachdem diese drei aufsässigen Halbstarken im Muskelshirt mit viel Witz und Mut Paroli bietet. Sie ist es auch, die Walt über die Rolle der Hmong im Vietnamkrieg aufklärt: Ihre Volksgruppe kämpfte auf Seiten der Amerikaner, wofür sie noch heute im asiatischen Raum verfolgt werden und weshalb ihnen in den USA die Einreise erleichtert wird. Walt, durch diese Infos etwas irritiert, lässt sich nun sogar zu einem Familienfest im Nachbarhaus überreden, da es nicht schaden kann, zur Abwechslung auch einmal mit Fremden Bier zu trinken.

Rassismus, die zweite All diese beinahe schamhaften Annäherungsversuche zwischen den asiatischen Nachbarn und dem amerikanischen Lifestyle bleiben jedoch einseitig. Walts Weltbild ist wie der gesamte Film schwarzweiss-malerisch, seine Anstrengungen dienen nur dem Zweck der Assimilation asiatischer Kultur an westliche Werte wie Fleiss und Reichtum. Seine

ZUM FILM

GRAN TORINO, USA 2009. Regisseur: Clint Eastwood. DVD, 111 Minuten, Warner Home Video.

zoon politikon | september 2010 | nr. 9

Von Christian Wimplinger Walt Kowalskis Ford Gran Torino, Baujahr 72, blitzt nach der Sonntagspolitur in der Einfahrt seines Vorstadthauses in Detroit. Dort flattert die Stars-andStripes im dämmernden Abendrot siegesreich dahin und der Protagonist heizt auf der Veranda in schnellen Zügen seine Marlboro nieder. Diese Szene aus Clint Eastwoods Film «Gran Torino» erscheint wie der verzweifelte Versuch einer Bestätigung, dass der American Dream wahr werden kann – wären da nicht diese asiatischen Nachbarn, die dem KoreaVeteranen Walt Kowalski den Abend vergällen und ein American Drama heraufbeschwören. Clint Eastwoods voraussichtlich letzter Film, in dem er selbst darstellerisch mitwirkt, dreht sich in einem breit gefächerten Sinn um Nachbarschaft. Da wären zuerst einmal die bereits angesprochenen, unmittelbaren Nachbarn: Aus Laos vertriebene Hmong, die Walt aufgrund ihres Aussehens ohne grosse Umschweife als Feinde wieder erkennt, wie sie ihm bereits 1952 im Koreakrieg gegenüber gestanden sind. Walt gibt ihnen ausdrücklich zu verstehen, was er von ihnen hält. Seine Feindseligkeit wird verstärkt, nachdem ihr Sohn Thao sich bemüssigt fühlt, Walts Gran Torino zu stehlen, um gegen seinen eigenen Willen in die Strassengang seines Cousins aufgenommen zu werden. Als diese Gang Thao eines Nachts mit Waffengewalt zur Mitgliedschaft bewegen will, wird Walt ungewollt zum Helden seiner asiatischen Nachbarn. Dies geschieht lediglich, weil er seine an der Rasengrenze positionierten Gartenzwerge zu verteidigen sucht. Damit vertreibt er mit gut geöltem Soldatengewehr gleichzeitig das Gesindel, wofür ihn seine Nachbarn reich mit traditionellen Speisen aus ihrer Heimat beschenken. Die nachbarschaftlichen Beziehungen beginnen sich von diesem Zeitpunkt an zu verbessern.


Clint Eastwood spielt den wandelbaren Rassisten. War es sein letzter Kino-Auftritt?

Ressentiments verschwinden nicht, sie werden bestenfalls zur Toleranzfähigkeit adaptiert, was nur eine weitere Spielart rassistischen Denkens darstellt. Walt bleibt ein Einzelkämpfer, wie sich an seinem kreuzbrecherischen Versuch, ein Kühlgerät über die Kellertreppe hinauf zu hieven, zeigt.

So nah und doch so fremd Nicht weniger kompliziert als das Verhältnis zu seinen Nachbarn gestaltet sich Walts Beziehung zu seiner restlichen Familie: Seinen beiden Söhnen und deren Kinder, die zur Beerdigung von Walts Frau in ihren unpassenden und aufreizenden Alltagskleidern erscheinen. Die Enkeltochter ist in dieser Trauersituation taktlos genug, Walt zu fragen, ob sie den Gran Torino erbt, wenn er zu Erde werden wird. Sein Sohn und seine Schwiegertochter tischen ihm zu seinem Geburtstag neben den für den rüstigen Siebziger unnötigen Alltagshilfen auch Broschüren für ein Altersheim auf, woraufhin er die beiden kurzerhand vor die Tür setzt. Weshalb das Verhältnis zu seiner Familie derart zerrüttet ist, bleibt für den Zuschauer unklar. Vermutlich fühlt sich Walt jedoch von der jüngeren Generation unverstanden, da sie ihm für seinen Kriegseinsatz nicht die entsprechende Ehrerbietung entgegen bringen. Walts Kriegserlebnisse geben immer nur unbewusst und andeutungsweise Aufschluss über sein Verhalten. Der Krieg rumort in den Tiefen seines Unbewussten wie die Erinnerungskiste im Keller seines alten Hauses.

Es geht um Leben und Tod Dann gibt es da noch den jungen Pater Janovich, der milchbübisch in den Häusern seiner Gemeindemitglieder herumtapst und mehr Schaden anrichtet als Heil stiftet. Er hat Walts Frau vor ihrem Tod

versprochen, sich um den hinterbliebenen Witwer zu kümmern. Deshalb sieht er sich dazu veranlasst, die Kiste mit seinen Kriegserinnerungen aus dem Keller zu bergen und Walt zu einer Beichte zu bewegen. Aber auch er kommt an den Hardliner Walt nicht heran, ohne seine Gewohnheiten zu ändern: Er lernt, ihn Distanz wahrend mit «Mr. Kowaltski» anzusprechen und ändert auf Walts Einspruch hin seine Trinkgewohnheiten – Gintonic statt Cola light, zumindest solange er sich in einer Bar aufhält. Sein persönlichstes Anliegen ist es, Walt zu einem Gespräch über Leben und Tod zu bewegen, wobei der Jungpriester den Todeserfahrungen des Kriegsveteranen kaum etwas entgegenzusetzen weiss. Für den Theologen Janovich hat der Tod nichts mit dem Leben zu tun, er ist ausserhalb des Lebens, sozusagen in keinem nachbarschaftlichen Verhältnis zu diesem. Walt sieht das ganz anders. Tod passiert im Leben und selbst der eigene Tod unterliegt der Selbstbestimmung, wie er im high-noon-artigen Schlusstakt des Filmes unter Beweis zu stellen versucht.

Clint Eastwoods Western-Ende Clint Eastwood wählt eine prächtige Szene, in der er sich als Schauspieler von der Leinwand, so es wahr ist, für immer verabschiedet. Unerklärlicherweise wurde Walt Kowalski in den Filmkritiken erstaunlich oft mit Dirty Harry assoziiert, wobei man doch in vielen Szenen förmlich die Sporen klingen hört. Vor allem der Schluss des Filmes, in dem sich Walt einem Duell stellt, erinnert stark an Clint Eastwoods Westernanfänge. Übrig bleibt allerdings keine Handvoll Dollar, sondern eine Einstellung von Walts Hand, in der er ein Feuerzeug seines Bataillons hält.

Bild ZVG

Autor Christian Wimplinger (23) aus Wien studiert Germanistik und Philosophie.

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Es lohnt sich, die Wochenzeitung WOZ zu lesen, … weil sie ein erstklassiges Statussymbol ist. … weil zwanzig Minuten Desinformation pro Tag Ihre geistige Gesundheit gefährden können. … weil sie wie eine süsse Erdbeere im bitter-faden medialen Einheitsbrei ist. … weil man damit politisch korrekt das Cheminéefeuer anzünden kann. … weil sie ein Stachel im Fleisch des Law-and-Order-Flügels der SP ist. … weil sie schon 1994 vor den Risiken des Derivatehandels gewarnt hat (und die aktuelle Krise erstaunlich genau vorausgesagt hat). … weil die WOZ sich zu 80 % aus LeserInneneinnahmen finanziert – das garantiert ihre redaktionelle Unabhängigkeit. … weil diese Zeitung keinem Medienkonzern, keiner Partei und keinem dubiosen Investor gehört – sondern den MitarbeiterInnen. … wil d WOZ e gueti Ziitig isch! … weil bei der WOZ zudem jede Zeile ihren Preis wert ist. … weil sich die WOZ jede Woche für eine bessere Welt engagiert. … weil die WOZ die Schreibwerkstatt der Schweiz ist. … weil keine andere Zeitung mit so wenig Mitteln so differenzierte Berichte liefert. … weil die WOZ mit etwas mehr Mitteln noch besseren Journalismus machen könnte. … weil die WOZ überhaupt zu wenig wahrgenommen und zitiert wird. … weil es gut für den Humor ist. … weil es die grauen Zellen anregt … weil der WOZ das Weltblatt «Le Monde diplomatique» gratis beigelegt wird … weil WOZ-Lesen Begeisterung für Subkultur weckt … weil das politische Bewusstsein dann endgültig wach wird. … weil man endlich lesen darf! … weil es LeserInnen frecher macht. … weil die WOZ das Binnen-I erfunden hat. … weil die WOZ sich in Hintergründen auskennt. … weil die WOZ den schönsten Redaktionshund hat. … weil sie den Dingen dort auf den Grund geht, wo andere nur dranbleiben. … weil Dinge neu zu denken sexy ist. … weil die Woche erst losgeht, wenn die WOZ im Briefkasten ist. … weil la crise existe. … weil la crise existe immer noch. … weil sie im Zug nicht auf den Sitzen herumliegt. … weil die WOZ Seiten sinnvoll füllt und so Papier, Wasser und Farbe spart. … weil die WOZ für die LeserInnen schreibt und nicht für die Werbewirtschaft. … weil nicht alles in der Schweiz feige ist. … weil kritisch sein keine Haltung, sondern eine Wochenzeitung ist. … weil Sie in der WOZ lesen können, was die anderen Zeitungen vergessen haben. … damit Sie die «Weltwoche» nicht mehr lesen müssen. … weil sie die besten AuslandskorrespondentInnen hat. … weil sie die schönsten Aufschlagsseitenkarikaturen hat. … weil die Palme Olaf Wasser braucht. … weil es Mut braucht, WOZ-Thesen zu vertreten. … weil ich doch nicht blöd bin. … weil die WOZ die Zukunft mitdenkt. … weil die WOZ die UBS noch nicht übernommen hat. … weil die WOZ nur in Zürich sitzt, aber über den Rest der Welt schreibt. … weil die WOZ Aale liebt und auch Wahlen. … weil die WOZ eine Sportseite hat, die auch Nicht-SportInteressierte interessiert. … weil ich die Welt Woche für Woche besser verstehen lerne. … weil die WOZ die schönste Werbung macht. … weil Sie bei uns finden, was Sie schon immer über die Welt wissen wollten. … weil die WOZ die Wahrnehmung schärft. … weil bei uns noch recherchiert wird. … weil die WOZ Doping für Ihren Geist ist. … weil sie das Gelbe vom Ei ist. … weil es nur 265 Franken kostet, sich für ein ganzes Jahr eine eigene Meinung zu leisten.


kultur

The Neighbors Can Dance Eines der besten Rockalben der letzten zehn Jahre, «Funeral» von Arcade Fire, durchleuchtet das nachbarschaftliche Familienleben aus der empfindsamen Perspektive von Kindern. Von Daniel Jung Heutzutage wird Popmusik zu einem grossen Teil über autobiographische Geschichten rezipiert und verkauft. Natürlich begegnen wir Liedern auch direkt in der Radio-Morgenshow oder im Abspann der Arztserie, wo sie ohne autobiographische Information präsentiert werden. In den meisten schriftlichen Medien jedoch, sei es in der Gratiszeitung oder beim Musikblog, braucht Musik meist die Verbindung zu einer interessanten Lebensgeschichte, um Aufmerksamkeit zu erhalten.

Platte mit Leben, bitte! Eminems spätere Karriere ist hierfür ein Paradebeispiel. Nachdem er seine frühe Karriere rund um Provokationen und das Identitätsspiel mit seinem Doppelgänger «Slim Shady» aufgebaut hatte, handeln die späteren Songtexte immer direkter von seinen persönlichen Erfahrungen und Beziehungen. Die letzten beiden Alben des tablettenabhängigen Sprachtalents aus Detroit hiessen gar «Relapse» (Rückfall) und «Recovery» (Genesung): Titel, die direkt mit der Bewältigung seiner Sucht in Verbindung stehen. Zuvor hatte er bereits in einem stark autobiographischen Film mitgewirkt («8 Mile»). Die Verbindung zwischen Lebenslauf und künstlerischem Produkt wird aber nicht nur im von Authentizität besessenen Genre des Gangsta-Raps hergestellt, wo muskelbepackte Männer mit möglichst vielen Narben von Schusswunden (Akon besitzt eine, The Game fünf, 50 Cent sogar neun) über ihr Leben als «Hustler» und ihre Geschäfte im Club erzählen. Eine vergleichbare Verbindung zwischen Promotion und Biografie spielt auch im Radiopop eine grosse Rolle. Wie Britney Spears zuvor und Miley Cyrus danach, entdeckte Rihanna im Jahr 2007 mit ihrem Album «Good Girl Gone Bad» ihre ureigene, fordernde, weibliche Sexualität und liess das in Interviews und bekleidungsarmen Videoclips die Weltöffentlichkeit wissen. In ihrem dunkleren letzten Werk «Rated R» verarbeitete Rihanna die häusliche Gewalt, die sie durch ihren ehemaligen Partner Chris Brown erlebt hatte. So stand es jedenfalls in jedem Pressetext, der dem Album emotionale Tiefe bescheinigte.

Indie macht mit Sogar die der «alternativen» Szene zugeneigten Künstler verkaufen ihre Musik oft im Verbund mit autobiographischen Identifikationsmustern. So durften die an sehnsüchtiger Folkmusik interessierten

Indie-Hörer vor zwei Jahren in jedem Artikel über Bon Ivers «For Emma, Forever Ago» lesen, wie der Liedermacher sein Debütalbum aufgenommen hat. Nachdem ihn seine Freundin verlassen hatte und seine vorherige Band zerbrochen war, begab sich der Künstler im Winter in eine Hütte im nordwestlichen Wisconsin und zeichnete dort während drei Monaten in absoluter Einsamkeit die Lieder auf. Der beständige Zusammenhang zwischen Autobiographie und Musikvertrieb scheint auf einem starken Identifikationsbedürfnis des Publikums zu beruhen. Seit Elvis Presley hatte die Popmusik stets eine starke Komponente der Identitätsstiftung für das meist jugendliche Publikum, gerade auch in der Abgrenzung zu anderen Generationen. Der Sänger spricht die Hörer direkt an, und diese wiederum können sich in den Problemen, Werten und Frisurentscheidungen des Sängers wiederfinden.

Der Sog der Beerdigung Als Anfang 2005 das Debütalbum von Arcade Fire in Europa veröffentlich wurde (in Nordamerika war es bereits ein halbes Jahr zuvor erschienen), war in jeder Publikation zu lesen, wieso das Album auf den Namen «Funeral» (Beerdigung) getauft wurde: Während der Zeit der Aufnahmen waren mehrere Familienangehörige der Bandmitglieder verstorben. Diese private Tatsache bildete den Hintergrund, vor dem die Musik bekannt gemacht und gehört wurde. In den Liedern selbst betont die Band stark den Wert der Gemeinschaft. In der Zeitschrift «Spex» wurde das Kollektiv aus Montreal 2005 als eine «Streitmacht der Gefühle» beschrieben, das «trotz aller Angriffslust auf der Bühne sehr zerbrechlich wirke». Die siebenköpfige Truppe hat einen orchestralen Sound und entwickelt einen grossen Sog, wenn sie in Fahrt kommt. Das Leadsängerduo Win Butler und Régine Chassagne – die auch miteinander verheiratet sind – werden im Gesang von der ganzen Band unterstützt, welche dann zum charismatischen Chor wird. Daneben wechseln die Musiker fleissig ihre Instrumente. So spielt Régine auf der Bühne unter anderem Akkordeon, Schlagzeug, Xylophon, Keyboards and Orgel.

Vier mal Nachbarschaft Im Gegensatz etwa zu Eminem, der mit «Cleanin‘ Out My Closet» einen wütenden Song an seine Mutter richtete und darin seine Frau und Tochter beim Namen nennt, sind auf «Funeral» aber keine direkt autobiographischen Songs enthalten. Die meisten

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Lieder werden aus der Perspektive von Kindern erzählt, die ihren Ängsten und Hoffnungen freien Lauf lassen. Zur Eröffnung des Albums, im Lied «Neighborhood #1 (Tunnels)», erzählt ein Jugendlicher eine Traumvorstellung. In einer von Schnee überdeckten Nachbarschaft, wo die Eltern weinend in ihrem Schlafzimmer liegen, baut er einen Tunnel durch den Schnee, vom eigenen bis zum Fenster seiner Freundin. Die beiden wohnen dann in der wilden Schneelandschaft, lassen ihre Haare wachsen und passen sich durch eine dicke Winterhaut allmählich an die neuen Umstände an. Dabei entfernen sie sich soweit von der Zivilisation und ihrer Vergangenheit, dass sie sogar die Namen vergessen, die sie für ihre eigenen Babies vorgesehen hatten und sie sich nur noch vage an die Schlafzimmer ihrer Eltern und Freunde erinnern. Das zweite der insgesamt vier auf solche Weise nummerierten «Neighborhood» Lieder heisst «Neighborhood #2 (Laika). Darin berichtet der kindliche Erzähler über einen Teenager-Bruder, der sich von der Familie entfremdet und mit dem Erwachsenwerden kämpft. Für die jüngeren Geschwister ist dessen eigensinniges Verhalten nicht nachvollziehbar. Der Erzähler sagt, dass die Eltern den Bruder ebenso gut hätten Laika taufen können, wie die erste auf Nimmerwiedersehen ins Weltall beförderte russische Astronautenhündin. Die jüngeren Geschwister vergleichen die Aggressivität des Bruders mit derjenigen eines Vampirs und verstehen seine irrationalen Reaktionen nicht: «If you want something, don‘t ask for nothing / If you want nothing, don‘t ask for something.» Schliesslich eskaliert der Konflikt innerhalb der Familie, doch das Lied endet in einem humorvollen Bild von Nachbarn, die zum Blaulicht des vorgefahrenen Polizeiwagens tanzen: «When daddy comes home you always start a fight / So the neighbors can dance in the police disco lights.»

Im Gegensatz etwa zur in der Popkultur allgegenwärtigen Rehabilitationsklinik – als Songtitel bei Rihanna oder Amy Winehouse, als Wohnort bei Eminem – ist das Familienbegräbnis im Albumtitel von Arcade Fire eine unspektakuläre Angelegenheit. Jedoch liegen das Begräbnis wie auch die nachbarschaftlichen Kindheitserinnerungen nahe an der Lebensrealität und ermöglichen daher eine Identifikation mit dem von der Gruppe geschaffenen «Ich» der Lieder auf «Funeral».

Arcade Fire erobert den Vorort Songs haben viele Funktionen. In der Disco sollen sie Leute zur lasziven oder euphorischen Bewegung animieren. Am Radio sollen sie Menschen im Auto oder am Bildschirmarbeitsplatz vor Langeweile schützen. Im Fussballstadion sollen sie die Zuschauer dazu bringen, mehr Coca-Cola zu trinken. Und an Beerdigungen sollen sie Menschen das Weinen erleichtern. Insgesamt geht es also darum, Emotionen einzufangen. «Funeral» ist genau deshalb das berührendste Rockalbum der letzten Jahre, weil es Arcade Fire gelungen ist, die intensiven Hoffnungen und Ängste der Kindheit mit Hilfe von hymnischer Instrumentierung, einprägsamen Melodien und einer kraftvollen Sensibilität zu dokumentieren. Anfang August 2010 ist übrigens bereits das dritte Arcade-Fire-Album mit dem thematisch nahe liegenden Titel «The Suburbs» erschienen. Mathias Menzl vom schweizerischen Musikblog «78s» hat dazu bereits folgende Bewertung geäussert, die noch hyperbolischer als der Lead dieses Textes ist: «Mit ‹The Suburbs› präsentieren Arcade Fire das mutigste, ehrlichste und beste Indie-Rock-Album, das je produziert wurde.»

Zurückhaltende Intimität

Daniel Jung (29) aus Winterthur studiert Anglistik und Geschichte an der Universität Zürich.

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ZUM ALBUM

ARCADE FIRE. Funeral. 2005 Audio CD, Rough Trade (Indigo).

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Autor

Das als Singleauskopplung erfolgreichste Lied schliesslich, «Rebellion (Lies)», handelt von Lügen und Schlaf. Einerseits geht es darum, dass um Disziplin und Ruhe bemühte Eltern ihren Kindern stets erzählen, wie essentiell wichtig das zeitige Zubettgehen sei und welch fürchterliche Konsequenzen der Schlafmangel habe: «People say that you‘ll die / Faster than without water / But we know it‘s just a lie / Scare your son, scare your daughter.» Andererseits sind auch die nächtlichen Träume selbst Lügen, die es den eingeengten Jugendlichen erlauben, ihre Sehnsüchte und Ungezogenheiten in der Vorstellung auszuleben. Diese Träume sind allerdings nicht real und gehören als Täuschungen demaskiert, so wie im von der ganzen Band vorgetragenen, euphorischen Refrain: «Every time you close your eyes / Lies, lies!»


kultur

POLYRIK

Nie wieder neben mir Von Stefan Kovac Wie es einem unter Umständen ergeht wenn man an gewissen Tagen neben sich steht hofft, es solle sich alsbald was ergeben um wieder nach Besserem zu streben, ist vielen unter uns nur allzu gut bekannt jedoch mit üblichen Krankheiten nicht verwandt. Wie es sich dann verhält in der Situation ist im Zustand mit dem Ertrinken eine üble Kombination. So will ich euch nun davon erzählen, wie ich mich und andere, sich daneben benehmen. Natürlich würde ich mich nie dazu auslassen, wäre es nicht hilfreich dies zu verfassen. So sitzt man zum Beispiel an einer Bar weiss eigentlich gar nicht mehr was war nur wie es besser sein könnte oder die ganze Welt sein sollte. Fragt sich, was dieser Gedanke soll und nach dem nächsten Schluck ist man auch schon voll. Nicht dass man dafür bezahlt hätt’ aber in solchen Momenten wäre es doch nett, wäre man mit sich alleine an jener Bar, vielleicht wären dann auch die Gedanken klar, doch so muss man die Theke mit vielen teilen die auch noch lauthals meinen, das, was sie zu sagen pflegen, müsste man als Wichtiges hegen. Dies «Wichtige» will man auf keinen Fall hören, weil es keinen Sinn macht und anfängt zu stören und entschliesst sich die Bar zu verlassen, um wieder andere Gedanken zu verfassen, bevor man hineingezogen worden wäre ins Gespräch über die «wichtige» Privatsphäre. Diese ist’s die einen veranlasst hat zu gehen, die anderen, die würden es nie verstehen, man könnte sich noch lange erklären, sie würden es einem im Munde umdrehen. «Man beschäftige sich mit höheren Dingen...», wir sind uns einig, dies würde Scheisse klingen. Auf dem Nachhauseweg, immer noch neben sich, geht man zu zweit und ärgert sich fürchterlich, dass man sich in solchen Gedanken befindet, jenes Gefühl des Neben-sich-sein nicht verschwindet und je weiter man darüber nachdenken tut, desto tiefer fällt man in die seelische Armut. So geht man weiter und wartet bis man ankommt, vor der Türe, jenes Hauses, in dem man wohnt,

den Schlüssel zücken will um ins Heim zu gelangen, immer noch von den Gedanken befangen, merkt, dass man den Schlüssel vergass, in jener Bar, in der man eben noch sass. Nun steht man nicht nur neben sich, auch die Türe ist zu, wie ärgerlich. «Passt zur Situation», denkt man fluchend und immer noch den Schlüssel suchend, öffnet sich die Türe wie von allein, «Willkommen zu Haus», sagt die daheim. Glück im Unglück wie man es so schön sagt, die Suche nach dem Schlüssel auf den nächsten morgen vertagt, und sich herzlich dafür anfängt zu bedanken, dass man hineingelassen wurde mit seinen Gedanken. «Und sonst so, wie war dein Tag, wie geht es dir?» «Ach weißt du, irgendwie stehe ich heute neben mir! Doch daran mag ich nun gar nicht mehr denken, gute Nacht, ich werde mir eine Mütze voll Schlaf schenken.» So schläft man durch bis zum nächsten Morgen, wacht auf, ein neuer Tag, weg mit den Sorgen, die man noch gestern in seinem Schädel trug, Gedanken, Gefühle, alles nur Unfug. Man blickt zurück, analysiert den gestrigen Tag, und kommt zum Schluss, dass es an einem selber lag. Solche Tage, man kann sie nicht verhindern, mögen einem die Gedanken nicht lindern. Doch jeder hat solche Tage an denen er neben sich steht, alles verflucht und jeder ihm auf die Nerven geht. Darum, was ich sagen will, das sage ich nun klar: «Man ist selber sein bester wie auch schlimmster Nachbar!» Hat man wieder einmal solche Tage, und denkt immer wieder an die gleiche Frage, meint die ganze Welt würde verblassen, ist eines wichtig: Schlüssel nicht liegenlassen!

Dichter Redaktor Stefan Kovac (30) aus Zürich studiert Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft an der Universität Zürich.

Bild Markus Merz auf flickr.com

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institut

Fort- oder Rückschritt? Das Institut für Politikwissenschaften ist diesen Sommer vom Seilergraben nach Oerlikon umgezogen. Bringt die neue Lokalität trotz dezentraler Lage auch Vorteile mit sich? Sarah Schlüter hat sich bei den Institutsangestellten umgehört. Hanna Schwander, Assistentin: «Endlich herrscht am IPZ keine Platznot mehr und die Arbeitsräume gleichen bei sommerlichen Temperaturen nicht mehr einer Sauna! Trotz des vermehrten Kontakts zu den Kollegen, die nun alle auf dem gleichen Stock arbeiten, finde ich die Arbeitsatmosphäre hier ruhiger und konzentrierter. Für Pendler sehe ich kein grosses Problem im Standort Oerlikon, da die S-Bahn-Verbindungen sehr gut sind. Ich hoffe, dass auch die Stadt-Zürcher die Vorteile des neuen IPZ schätzen lernen und den Weg gerne auf sich nehmen.» Christine Lercher, Bibliothekarin: «Endlich verfügt auch das IPZ über eine helle und freundliche Bibliothek, die zum Stöbern und Verweilen einlädt. Die anfänglichen Pläne, alle drei Bibliotheken (Populäre Kulturen, Filmwissenschaften und Politikwissenschaften) zusammen zu legen, wurden glücklicherweise verworfen und wir haben nun se-

parate Räume. Leider sind diese immer noch zu klein bemessen, um all unser Material unterzubringen, wir mussten einige Werke in den Keller auslagern. Trotzdem stellen die vorhandenen Arbeitsplätze mit W-Lan einen Fortschritt dar, verglichen mit dem Seilergraben. Ich freue mich auf die ersten Ströme von Studierenden zu Semesterbeginn.» Hanspeter Kriesi, Ordinarius, Direktor des NCCR Democracy: «Wir arbeiten nun in viel besseren, ruhigeren Büros, geniessen das Tageslicht und die angenehmen Temperaturen in diesem modernen Gebäude – Dinge, die wir am alten Standort vermisst haben. Für das IPZ ist der Umzug ein positiver Schritt in Richtung Wachstum und Innovation und ich bin sehr zufrieden damit. Negativ aufgefallen sind mir die fehlende Mensa – in der Cafeteria hier gibt es nur Snacks – und die etwas zu klein geratene Bibliothek.»

Bilder und Umfrage Von Sarah Schlüter

Mehr Platz, mehr Ruhe, helle Räume: Das neue IPZ.

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Erika Leuenberger, Fachreferentin: «Die Kommunikation ist nun sehr viel einfacher als zuvor. Statt zahllose Emails hin und her zu schicken, kann man nun ein paar Türen weiter anklopfen und

Und doch: die Bibliothek bleibt klein; Mensa gibt es keine mehr.

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die Fragen mit den Kollegen direkt klären. Auch die Interaktion mit den Studierenden stelle ich mir hier einfacher vor, da sie jederzeit zwischen ihren Veranstaltungen bei uns vorbei kommen können. Dieser Austausch ist mir sehr wichtig und ist am alten Standort oft zu kurz gekommen.» Dominic Hoeglinger, Projektmitarbeiter: «Abgesehen von den topmodernen Arbeitsplätzen und der guten Atmosphäre ist es natürlich sehr praktisch, das ganze Institut an einem Ort zu haben. Hingegen sind wir jetzt auch weiter entfernt vom CIS (Center for international Studies), zu dem wir stets engen Kontakt hatten. Diesen aufrecht zu halten wird eine Herausforderung sein, jedoch kein Ding der Unmöglichkeit.»

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Thomas Milic, Lehrbeauftragter: «Es ist grossartig, in einem so modernen Gebäude zu arbeiten und bald zu lehren, wobei ich für die grossen Veranstaltungen wie die «Kernkompetenzen Schweizer Politik» immer noch ins Zentrum fahren muss. Da geht es mir gleich wie vielen Studierenden. Der Kontakt zu den Mitarbeitenden wird hier sehr erleichtert, da alle Lehrstühle des IPZ endlich am gleichen Ort vereint sind. Einziger Nachteil ist die Lage – ein solches Institut mitten in der Stadt – das wäre optimal.»


institut

«Politik ist Atemluft» Für Andreas Gross, der Politologie studierte, sind Theorie und Praxis untrennbar. In ihrer Verschränkung versucht der Lehrbeauftragte, National- und Europarat Politik zu leben. Das Interview führte Fabian Urech Herr Gross, oft hört man, dass Politologen kaum je selbst Politiker werden. Was hat Sie dazu bewogen, den Schritt in die politische Praxis zu machen? Andreas Gross: Studienanfang und der Beginn des politischen Engagements fielen bei mir im Herbst 1972 etwa in die gleiche Zeit. Oder andersherum: Die Wahl des Studiums war auch Ausdruck des Willens zum politischen Engagement. Ich wollte verstehen, weshalb die Welt so geworden ist wie sie ist, damit ich mir besser vorstellen kann, wie wir sie zum Besseren verändern könnten. Ohne die Geschichte kann ich die Gegenwart nicht verstehen und ohne tieferes Verständnis der Gegenwart kann ich keine Vorstellungen zur Zukunft entwickeln, zumal dann, wenn ich vor der Zukunft mehr erwarte als die Fortsetzung der Gegenwart. Später half mir die politische Philosophin Hannah Arendt die vor allem in der deutschen Schweiz prekäre Distanz zwischen Wissenschaft und Engagement besser zu verstehen. Für sie sind das kritische Reflektieren, das Handeln und das Arbeiten in und an der Gegenwart nur drei Aspekte der gleichen intellektuellen Existenz. Sie zusammen zu halten und für einander fruchtbar zu machen, habe ich mir früh als Lebensmaxime zu Eigen zu machen versucht. Die interessantesten Fragestellungen für die wissenschaftliche Arbeit habe ich in der politischen Arbeit gefunden. Ohne die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen fehlt der politischen Arbeit allerdings das Fundament. Journalistisch arbeiten kann man ohne beides ebenfalls schlecht, in gutem Journalismus fliesst das Beste aus den anderen beiden Bereichen zusammen. Gerade in Zürich und in der Schweiz merkt man besonders deutlich, wie fatal es für beide ist, wenn die Sozialwissenschafter in der Politik nicht verankert sind und die Politiker glauben, sich von der Wissenschaft distanzieren zu müssen. Beiden entgeht in einer eigentlich unverantwortlichen Weise, was sie für die Ausschöpfung ihrer jeweiligen unterschiedlichen Potenziale so nötig hätten. Hilft Ihnen bei Ihrer politischen Tätigkeit das theoretische Wissen, das Sie sich im Rahmen Ihres Studiums angeeignet haben? Andreas Gross: Wissen, theoretisches wie praktisches, habe ich mir nicht nur während meines Studiums angeeignet, wie Sie sagen, sondern seither eigentlich jeden Tag: In der Auseinandersetzung mit anderen Menschen, aus Büchern, beim Lesen, Schreiben und Diskutieren. Einsichten ermögli-

chen Handeln, das Handeln ermöglicht neue Erfahrungen aus denen sich wieder neue Einsichten gewinnen lassen. Aus der Theorie allein kann ich doch eigentlich wenig lernen; ich muss die Theorie anzuwenden versuchen, ich muss die Theorie mit der Wirklichkeit verbinden und die Wirklichkeit theoretisch zu ergründen versuchen. Dies ist nötig, um zu lernen und Wissen zu generieren, mittels dem ich dann wiederum meine Theorie verfeinern und mein Handeln verbessern kann. Die Potenziale an Erkenntnisgewinnen und besseren Handlungsweisen, die in diesen permanenten Austauschprozessen und Wechselwirkungen liegen sind den meisten hiesigen Sozialwissenschaftern und PolitikerInnen viel zu wenig bewusst, was an ihren Ergebnissen deutlich zu sehen ist. Dem sollten wir uns auch an der Universität seriös zuwenden.

«Wer der Politik müde ist, ist an den Menschen müde geworden – ich kann mich auf der Welt aber den Menschen nicht entziehen.»

Neben Ihrem politischen Engagement im Nationalund Europarat sind Sie der Wissenschaft bis heute in verschiedenen Formen treu geblieben. Häufige ideologische Grabenkämpfe hier, der Anspruch an Objektivität dort: Wie bringen Sie das unter einen Hut? Andreas Gross: Das politische Engagement bringt eigentlich nur ganz selten ideologische Grabenkämpfe mit sich und die Objektivität ist für die Wissenschaft eine Utopie wie die Gerechtigkeit für einen Sozialdemokraten: Man bemüht sich täglich um sie und strebt sie immer an, weiss aber, dann man sie nie ganz zufrieden stellend erreichen werden kann. Beide Lebens- und Arbeitsbereiche sind doch ungleich vielfältiger, tiefschürfender, inspirierender und anstrengender. Sie zusammen zu halten und beide zu leben – und das erst noch kritisch und innovativ – ist tatsächlich gerade in der deutschen Schweiz sehr schwierig und äusserst anstrengend. Man wird mit unzähligen Hindernissen, Vorurteilen und Verunglimpfungen konfrontiert; ich habe persönlich gewiss einen grossen Preis bezahlt, auf einiges verzichten müssen, doch Freiheiten, Einsichten und Perspektiven gewonnen, die ich sonst kaum hätte erleben können. Dafür bin ich trotz allem dankbar.

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Als Sie vor rund dreissig Jahren in Lausanne Politologie studierten, dürften Sie noch als Pionier und Exote gegolten haben. Heute zählt das Studienfach zu den beliebtesten überhaupt. Wie erklären Sie sich diesen Wandel?

ZUR PERSON

Andreas Gross, Jahrgang 1952, ist Nationalrat der SP Zürich und Europarat in Strassburg. Nach der Matura in Basel studierte er zunächst Geschichte in Zürich, dann Politikwissenschaft in Lausanne. Er hatte seine Studien als Journalist (zuerst Sport, ab 1975 auch Politik) selber finanziert, später als Assistent an den Universitäten Bern und Lausanne gearbeitet sowie Forschungsaufenthalte an der FU Berlin und an der Stanford University absolviert. 1989 gründete Gross das wissenschaftliche Institut für direkte Demokratie in Zürich, seit 1998 ist dieses im jurassischen StUrsanne beheimatet. Seit 1992 übte er Lehraufträge im Bereich der Direkten Demokratie an den Unis in Marburg, Trier, Speyer, Graz und Jena, 2006 in Bern und 2009 auch in Zürich aus. Gegenwärtig ist Gross Lehrbeauftragter für direkte Demokratie an der Universität Jena und an den Fachhochschulen in Aarau und Zürich. Seit Januar 2008 präsidiert er die sozialdemokratische Fraktion der Parlamentarischen Versammlung des Europarates. In seine politische und wissenschaftliche Arbeit

Andreas Gross: Als ich mich 1972 in Zürich für das Nebenfach Politologie einschrieb und bei Prof. Daniel Frei am Montagmorgen um acht jeweils ein Seminar besuchte, war dies ebenso wenig exotisch wie als ich 1978 in Lausanne die politischen Wissenschaften im Zweitstudium studierte. In dieser Beziehung war ich kein Pionier. Die Kombination Geschichte und Politikwissenschaften machte schon damals Sinn. Rein quantitativ war der Andrang einfach noch nicht so gross wie heute und damals gab es unter den PhilI-ern vielleicht noch mehr Germanisten oder Romanisten. Dass sich heute so viele für die Politologie in Zürich interessieren, spricht für die Ausstrahlung der Disziplin und für die Erwartungen, die sie auslöst. Es spricht auch für deren Potenziale, die heute offenbar von vielen als wichtig angesehen werden. Dies sagt jedoch noch nichts darüber aus, ob diese Erwartungen wirklich auch befriedigt werden durch das Fach, wie es heute hier tatsächlich gelehrt wird. Das gleiche gilt und galt übrigens für mein zweites damaliges Zürcher Nebenfach, die Publizistik. Gleichzeitig ist das Angebot an Stellen, die auf das Profil eines Politologen zugeschnitten sind, weiterhin bescheiden. Was brauchen Studienabgänger, um sich beruflich zu etablieren? Andreas Gross: Politologen müssen lernen, sich auf die Gesellschaft einzustellen, das heisst zu zeigen, dass sie an ganz verschiedenen Orten der Gesellschaft wesentliche Beiträge erbringen können – sie können meines Erachtens nicht erwarten, dass sich die Stellen auf ihr Profil zuschneiden. Um sich beruflich einmal etablieren zu können, müssen sich Politologen meines Erachtens um zwei Dinge besonders bemühen: Erstens ist es ratsam, schon im Studium in einem politikwissenschaftlich relevanten Arbeitsbereich zu arbeiten, um arbeiten, denken und handeln schon früh miteinander verbinden zu können. Zweitens müssen sie sich ebenfalls schon möglichst früh um weitere Kompetenzen bemühen, sei dies nun im juristischen, ökonomischen, historischen, philosophischen oder naturwissenschaftlichen Bereich oder gleich in mehreren von diesen. So kommt man den gesellschaftlichen Problemen auf den Grund und kann zeigen, dass man in der Lage ist, zu ihrer Bewältigung beizutragen. Wer jetzt meint, dass dies eine Überforderung wäre, hätte vielleicht gar nicht so Unrecht, muss sich dann aber auch veranlasst sehen, die Gestaltung des gegenwärtigen Politologiestudiums zu hinterfragen und möglicherweise zu reformieren. Doch dies ist ein anderes, weiteres, aber meiner Meinung nach leider vernachlässigtes Feld.

gewährt seine Homepage www.andigross.ch Einblick.

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Können Sie die Kritik der Studierenden am Bologna-System nachvollziehen? Andreas Gross: Gewiss, ich teile sie in manchen Bereichen sogar sehr. Die Berechtigung der Kri-

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War für Sie eine rein akademische Karriere nie eine Option? Andreas Gross: Doch, selbstverständlich. Doch schon bei der Anstellung als Hilfsassisent am Historischen Seminar der Uni Zürich hat man mir als 23-Jährigem mein politisches Engagement vorgehalten. Als ich dann 1981 zur Überzeugung kam, die Schweiz würde ihre Armee besser abschaffen und dafür auch eine Volksinitiative mitorganisierte, war mir bewusst, dass ich wissenschaftlich anders vorgehen muss und die offizielle Schweiz mir dabei nicht behilflich sein wird. Vor zehn Jahren sagte mir dann der Direktor des politologischen Institutes der Uni Zürich, er würde mir eigentlich gerne einen Lehrauftrag geben, doch sie könnten sich dies finanziell nicht leisten – was ich ihm nicht ganz glauben konnte. Schliesslich verdiene ich als Lehrbeaufragter an einer deutschen Uni pro Semester etwa 1200 Euro.


«Politologen müssen lernen, sich auf die Gesellschaft einzustellen. Sie können meines Erachtens nicht erwarten, dass sich die Stellen auf ihr Profil zuschneiden» Sie waren bereits 1979 Präsident der JUSO Schweiz, seit 1991 sind Sie Nationalrat. Wird man der Politik nicht irgendwann müde? Andreas Gross: Für mich macht diese Frage so viel Sinn, wie wenn sie einen Fisch fragen würden, ob er des Wassers überdrüssig werde, oder irgendeinen Menschen, ob er der Luft müde sei. Ich kann nicht leben, ohne mich mit meiner Mit- und Umwelt auseinanderzusetzen, oder nachzudenken, was sich anders besser machen liesse und dafür dann aber auch etwas zu tun. Politik ist nichts anderes und somit weit mehr als die Ausübung eines Amtes. Wer der Politik müde ist, ist an den Menschen müde geworden – ich kann mich auf der Welt aber den Menschen nicht entziehen. Doch ist dies möglicherweise tatsächlich ein Aspekt der gegenwärtigen Krise

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tik ist auch keineswegs überraschend. «Bologna» steht für eine der am wenigsten demokratisch legitimierten Reformen der jüngeren Neuzeit. Vergessen Sie nicht, dass der Pädagoge und «Bologna-Spezialist» Hans Zbingen, zehn Jahre mein Nachbar war im Nationalrat und einer meiner besten Freunde geblieben ist.

des Politischen, den wir zu wenig bedenken. Viele Menschen wissen nicht mehr, wie sie mit anderen Menschen umgehen sollen und wollen. Der Rückzug auf sich selber ist tatsächlich das Ende der Politik. Es spricht gegen unsere Gesellschaft, dass so viele unter uns ganz offenbar dieser Versuchung erliegen. Die Erosion der Substanz des Begriffs der Politk, wie wir sie beobachten können, deutet auch auf nichts anderes hin. Sie gelten als entscheidender Befürworter der direkten Demokratie. Doch angenommen, Sie wären allein herrschender König der Schweiz: Was würden sie ändern? Andreas Gross: Diese Annahme wäre keine Utopie, sondern eine dumme Illusion, deshalb möchte ich davon gleich Abstand nehmen. Ein allein herrschender König, wer auch immer dies wäre, würde für die Schweiz das grösste Risiko darstellen. Deshalb will ihn auch keiner, deshalb sollten wir uns auch eher fragen, was wir in und mit unserer direkten Demokratie besser machen könnten. Übrigens hat mir Max Frisch 1985 auch gesagt, das mit der Schweiz ohne Armee könne ich mit diesem Schweizer Volk doch vergessen, dafür müsste ich ihn erst zum König machen. Worauf ich ihm in seiner schönen Wohnung am Zürcher Bahnhof Stadelhofen antwortete, dass das Schweizer Volk dann ja immer noch das gleiche wäre. Ich fragte ihn auch, was ich machen solle, wenn er als König einmal gestorben sei.

Autor Redaktor Fabian Urech (25) schloss seinen Bachelor in Politikwissenschaft an der Universität Zürich ab. Kürzlich hat er am Graduate Institute in Genf den «Master in International Studies» begonnen.

Bild Andreas Gross: «Ideologische Grabenkämpfe in der Politik sind selten.»

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Fragen über Umfragen Das diesjährige Polito-Wochenende nahm sich neben Zöpfebacken und Haikuschreiben der Auswertung einer Befragung am IPZ an.

Polito Fachverein Universität Zürich Kopfzerbrechen über Kategorien

Autor Olivier Baumann ist Präsident des Polito Fachvereins Zürich.

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Der Fachverein verbrachte zwei Tage über Trogen in einer kleinen Hütte, von welcher aus das Landsgemeindelied sicher gut hörbar gewesen wäre. Im Gepäck unsere eigene Volksbefragung, auf unzähligen Seiten die Polito-Umfrage 2010. 435 Politikwissenschaftsstudierende haben teilgenommen an dieser Umfrage, welche das Studium am Institut für Politikwissenschaft und die Arbeit des Fachvereins gründlich durchleuchtet. Die Studierenden-Volksbefragung war offenbar ein Bedürfnis, denn anders als im Appenzell des zwanzigsten Jahrhunderts gab es eine solch umfassende alljährliche Befragung am IPZ bisher nicht. Wir wollten wissen: Wieso studiert ihr Politikwissenschaften? Wieso an der Uni Zürich? Welche Vorlesung, welches Seminar war gut? Wie viele Kreditpunkte habt ihr gebucht und waren es zu viele oder zu wenige? Was macht der Fachverein richtig, was macht er falsch? Fragen, die nicht durch blosses Aufstrecken bei Zustimmung beantwortet werden können. Neben

vielen Fragen, bei welchen nur der Grad der Befürwortung ausgewertet werden konnte, gab es auch viele offene, die es zu kategorisieren galt. Bei Sonnenschein und unter Aufsicht mehrerer Katzen und Insekten machte sich der Vorstand daran, sinngemässe Kategorien für die spätere Quantifizierung zu finden. Wird für «Es ist alles voll scheisse!» die Kategorie «allgemeine Unzufriedenheit» benötigt? Ist die Antwort «Ich hab gar nicht gewusst, dass es einen Fachverein gibt» der Kategorie «Der Fachverein macht seine Arbeit schlecht» oder «Weiss nicht» zuzuordnen? Ist «Schwarzwäldertorte» ein ernsthaftes Bedürfnis oder gehört sie in die Kategorie «keine Antwort»?

Ein ertragreiches Wochenende Die Resultate nach zwei Tagen im Hort der Partizipationsdemokratie zusammengefasst: Fünf erschöpfte Vorstandsmitglieder. Zwei Zöpfe, gebacken vom Fachverein. Mehrere Sonnenbrände. Zwei Haikus. Viele Ideen für die Events des Herbstsemesters. Die Einsicht, dass das erst der Anfang der Arbeit war. Und natürlich, ein Rohdatensatz mit Anliegen, Wünschen, Kritik und Lob. Doch wozu die Übung? Was wollen wir damit erreichen? Hat sich der Fachverein auf Kosten seiner Mitglieder ein Champagner-Frühstück geleistet? Die Mühe machen wir uns, weil wir überzeugt sind, dass für ein gutes Institut eine unabhängige Evaluation nötig ist. Wir haben die Initiative ergriffen und glauben, dass wir eure Bedürfnisse, die wir durch die Umfrage nun besser kennen, auch besser vertreten können. Ziel ist es, unseren Stimmen im Reformprozess des Instituts mehr Gewicht zu verleihen. Und zum Frühstück gab es natürlich keinen Champagner, sondern Orangensaft. Ob die Polito-Umfrage eine ähnlich hohe Lebensdauer wie die Appenzeller Landsgemeinde erreichen wird, liegt in den Händen der Studierenden. Solange die Beteiligung und das Bedürfnis da sind, wird es sie sicherlich geben. zoon politikon | september 2010 | nr. 9

Von Olivier Baumann Viele Jahrhunderte lang schallte das Landsgemeindelied – bis kurz vor seinem Verschwinden noch von einem reinen Männerchor vorgetragen – an jedem letzten Sonntag im April über die sanften ausserrhodner Hügel. Die Landschaft wie ein Windows Bildschirmschoner. Auf dem Dorfplatz hörte jeder ob der Nachbar falsch oder gar nicht sang, ob er die gleichen Töne oder ein ganz anderes Lied anstimmte. Der ab 1989 gemischte Chor sollte jedoch das Millennium nicht überleben. Zu schwierig war die Arbeit der Dirigenten, welche aus dem Gewühl aus Händen, Füssen und Mäulern, aus dem dicht gedrängten Haufen einen Volkswillen interpretieren sollten, ohne dabei den Takt zu verlieren. Ob der Chor an der ungewohnten Mehrstimmigkeit scheiterte oder ob das öffentliche Singen an Popularität verlor, ist bis heute nicht geklärt. Die Volksbefragung findet nun nicht mehr nur im April, nicht auf dem Dorfplatz und gänzlich ohne Gesang statt. Auf Papier, bald vielleicht schon elektronisch und anonym.


FACHVEREIN

Agenda Dienstag, 21. September Stammtisch ab 18.00 in Oerlikon Dienstag, 28. September Grill ab 18.00 im Park Uni Irchel Dienstag, 19. Oktober Polito Sitzung im Cityport Dienstag, 26. Oktober Stammtisch ab 18.00 in Oerlikon Gast: Urs Bieri, Mitglied der Geschäftsleitung des gfs.Bern. Mittwoch, 27. Oktober Filmabend im Cityport Dienstag, 02. November Polito Sitzung im Cityport Freitag, 12. November Party im StuZ2 Dienstag, 23. November Polito Sitzung im Cityport Dienstag, 30. November Stammtisch ab 18.00 in Oerlikon Gast: Mario Grossniklaus, Redaktor und Moderator beim Schweizer Fernsehen.

Wir suchen Dich! Der StuRa ist das Parlament der Studierenden und vertritt unsere Anliegen gegenüber der Universität und der Öffentlichkeit. Was heisst das? Wir arrangieren Foren wo die Studis ihre Kritik direkt bei den Verantwortlichen anbringen können, sammeln Unterschriften für ein besseres Stipendienwesen, organisieren die Summerbar, Partys in der Mensa usw. damit unsere Uni mehr als nur Studium ist! Wir reden mit, ob in der Unileitung, der Mensakommission, dem ASVZ, der Wohnkommission oder in den über 30 anderen Gremien.

mach mit unter www.stura.uzh.ch


«Kleine Siege sind besser als gar keine» Trotz Protesten von Studierenden legte die Uni Bern im Herbst 2009 Soziologie und Politikwissenschaften in einem neuen Bachelorstudiengang zusammen. Philippe Saner von der Fachschaft Soziologie schildert die Hintergründe und kleine Erfolge.

Es war also seit langem absehbar, dass Soziologie und Politologie dem neuen Fach weichen müssen. Warum habt ihr euch trotzdem dagegen gewehrt und diesen grossen Widerstand organisiert? Philippe Saner: Unsere Kritik hatte zwei Aspekte. Einerseits wollten wir nicht akzeptieren, dass vermeintlich veraltete oder unrentable Studiengänge einfach beseitigt werden, ohne dass sich jemand dagegen zur Wehr setzt. Dies ist übrigens an der Uni Bern mit einigen kleinen Fächern schon passiert, nur dass dort keine aktive Studentenschaft existierte, die gegen diese Massnahmen mobil machte. Der zweite Punkt ist die Art und Weise, wie die Reform angegangen wurde. Wir von der Fachschaft wurden weder rechtzeitig informiert, noch in die Ausarbeitung des neuen Studienganges einbezogen. Stattdessen holte man einen veralteten Studienplan von 2004 aus der Schublade und warb damit lautstark für das neue Fach Sozialwissenschaften. Studierende haben aber das Recht, in die Planung involviert zu sein. Als wir merkten, dass die Einführung des neuen Bachelors nicht mehr zu verhindern ist, konzentrierten wir uns also vor allem darauf, möglichst viel Einfluss auf die Planung und Umsetzung zu gewinnen.

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Der Kurzbeschrieb des Studienganges Sozialwissenschaften auf der Homepage der Uni Bern klingt doch vielversprechend. Warum habt ihr euch – zumindest anfangs – gegen die Einführung gesträubt? Philippe Saner: Das Programm klingt zwar interessant und man scheint während der ersten drei Studienjahre einen Einblick in verschiedenste Bereiche der Sozialwissenschaften zu erhalten. Doch genau dort liegt auch das Problem: Statt einer fun-

«Als wir merkten, dass die Einführung des neuen Bachelors nicht mehr zu verhindern ist, konzentrierten wir uns vor allem darauf, möglichst viel Einfluss auf die Planung und Umsetzung zu gewinnen.» dierten Ausbildung in einem Fach bekommt man nun lauter kleine Kostproben von akademischem Wissen. Die Frage bleibt, ob man nach drei Jahren SoWi genug gelernt hat, um beispielsweise für ein Masterstudium gewappnet zu sein. Unsere Bedenken decken sich mit der Kritik, die auch von Seiten vieler Fachpersonen kam. Wie ist denn der Übertritt in Masterstudiengänge geregelt? Philippe Saner: Die Uni Bern garantiert, dass man mit dem Bachelor in SoWi einen Master in Politologie oder Soziologie antreten darf. An anderen Universitäten funktioniert die Anrechnung aber unter Umständen nicht. Da kann es sein, dass man noch Kurse nachholen muss, damit der Bachelor als vollwertig anerkannt wird. Du hast erwähnt, dass eure Kritik von Fachpersonen unterstützt wurde. Wie war die Situation innerhalb des Departements? Philippe Saner: Universitätsleitung und die Professoren der Politik- und Medienwissenschaft waren schon seit langem für die Reform. Ausserdem gab es einen Professor der Politikwissenschaften, der das Projekt stark forciert hat und sich wohl auch selbst damit profilieren wollte. Da der Masterstudiengang Politologie als Steckenpferd der Uni Bern

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Das Interview führte Sarah Schlüter Kam die Abschaffung der beiden Studiengänge überraschend oder gab es bereits eine Vorgeschichte? Philippe Saner: Die Idee, die zwei Fächer zusammenzulegen und einen gemeinsamen Bachelor zu kreieren, war nicht neu. An der Fakultät Wirtschaft und Sozialwissenschaften gibt es die drei Departemente BWL, VWL und Sozialwissenschaften. Letztere haben bisher die zwei Hauptfächer Politologie und Soziologie sowie das Nebenfach Medienwissenschaften angeboten. Die Unileitung und einzelne Lehrpersonen versuchten schon seit Jahren, aus diesen drei Teilgebieten einen einzigen Studiengang zu machen. Da es aber immer auch Widerstand gegen diese Pläne gab, wurden sie nie umgesetzt. Letztes Jahr hat Rektor Urs Würgler dann durchgegriffen und ein Ultimatum für die Reform des Departements gestellt. Daraufhin wurde innert kürzester Zeit das Ende des bisherigen BachelorAngebotes verkündet.


Die Soziologie-Professorin Honegger sorgte mit ihrem abrupten Rücktritt letztes Jahr für grosse mediale Aufmerksamkeit. Wie kam es dazu und welche Rolle spielte sie in den Verhandlungen mit dem Departement? Philippe Saner: Professorin Honegger hatte schon immer einen schweren Stand im Departement. Als einzige Frau und Alt-Achtundsechzigerin wurde sie oftmals übergangen und ihr Standpunkt bisweilen als verstaubt und unmodern bezeichnet. Der Auslöser für ihren Rücktritt mag zwar die Reform gewesen sein, die Luft war bei ihr aber schon lange

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angesehen wird, vermute ich auch, dass dort jede Sparmassnahme, die andere Bereiche betrifft, willkommen ist. Von Seiten der Soziologie sah das Ganze etwas anders aus: Sowohl wir von der Fachschaft als auch die Lehrpersonen waren gegen die Abschaffung der alten Bachelorfächer. Leider war die Ausgangslage bei uns nicht sehr vielversprechend, da zwei der drei Soziologie-Professuren zum Zeitpunkt der Diskussion nicht besetzt waren. Die einzige Professorin, Claudia Honegger, war mit ihrer Haltung allein auf weiter Flur. Die Studentenschaft der Politologie war seit Ewigkeiten unzufrieden mit ihrem Studienplan, daher begrüssten sie eine Reform grundsätzlich, schlossen sich uns aber teilweise an, als wir gegen das überstürzte und untransparente Vorgehen der Verantwortlichen protestierten.

draussen. Schon früher gab es Gerüchte über eine mögliche frühzeitige Pensionierung. Nach einem anfänglichen Protest wurde es schnell ruhig von ihrer Seite aus und sie beteiligte sich nicht an den Diskussionen über das neue Studienprogramm. Stattdessen nahm ihr Stellvertreter an den Gesprächen teil und versuchte, sich für die Interessen der Soziologen einzusetzen – mit mässigem Erfolg. Wir haben während der grossen Protestwelle versucht, Frau Honegger für unsere Aktionen zu gewinnen und sie zur Solidarisierung mit unserer Bewegung zu motivieren. Ihre Reaktion war nicht ablehnend, aber sie winkte ab mit der Begründung, der aktuelle Kampf müsse von den Studierenden geführt werden, die von den Problemen betroffen sind. Der neue Bachelor Sozialwissenschaften wurde trotz allem Widerstand letztes Jahr eingeführt. Habt ihr euren Kampf verloren? Philippe Saner: Es ging uns wie gesagt mit der Zeit vor allem darum, unser Mitspracherecht bei der Planung des neuen Fachs geltend zu machen. Und das haben wir geschafft. Obwohl wir nie offiziell über die bereits laufende Reform informiert wurden und nicht zu den Gesprächen eingeladen waren, haben wir einen Weg gefunden, uns unsere Stimme zu erkämpfen. Wir haben eine Beschwerde beim Regierungsrat eingereicht und dieser wurde stattgegeben, da der Studienplan ganz offensichtlich ungenügend aus-

«Man muss sein Recht hart erkämpfen.» – Proteste von Studierenden in Bern.

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Philippe Saner ist 23 Jahre alt und studiert Soziologie an der Universität Bern. Er ist aktiv in der Fachschaft Soziologie, die letztes Jahr gegen die Einführung des neuen Bachelors Sozialwissenshaften protestierte. Philippe Saner: «Der Kampf hat uns zusammengeschweisst.»

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drei Jahren SoWi vor allem sehr viele Einführungsvorlesungen besucht, aber keinen Teilbereich richtig vertieft. Sind die Proteste gegen die Reform eures Departements in einen direkten Zusammenhang mit der Kritik an Bologna und Bildungsprivatisierung zu setzen? Philippe Saner: Sicherlich ist auch die Umgestaltung unseres Departements Teil der seit Jahren vorwärts schreitenden Anpassung der Unis und Hochschulen an die Anforderungen von Bologna. Es gab aber wie schon gesagt viele strukturelle Gründe für die Einführung des neuen Studienganges: die Unzufriedenheit der Politologen mit ihrem Studium, der Mangel an Lehrpersonal bei den Soziologen, Einzelpersonen und eine Unileitung, die unbedingt den Schritt in Richtung Fusion der beiden Fächer vorantreiben wollten. Unser Protest begann im Frühling 2009 und hat viele Leute mobilisiert. Diese waren dann auch im Herbst aktiv, als sich europaweiter Widerstand gegen Bologna formierte. Die Zusammenlegung von Politologie und Soziologie mit dem Ziel, ein modernes, interdisziplinäres Studienfach zu schaffen, war natürlich ein dankbarer Aufhänger für fundierte Kritik am Bildungssystem. Am Beispiel Bern konnte man die Verdrängung unrentabler Studiengänge aufzeigen und vor allem die mangelnde Integration der Studierenden in die unipolitischen Entscheidungen anprangern. Dass die Änderungen aber auf dem Mist einzelner Personen aus Wirtschaft und Politik gewachsen sind und diese unsere Uni ihren Interessen unterwerfen möchten, kann man so nicht behaupten. Die Uni Bern wird vor allem von Bund und Kanton finanziert, Gelder aus der Wirtschaft spielen hier keine grosse Rolle. Zwei über lange Zeit unbesetzte Lehrstühle im Fach Soziologie und eine Professorin, die unter internen Machtkämpfen zu leiden hat, das klingt fast nach einer bewussten Unterdrückung der Opposition. Philippe Saner: Dass die Soziologie an unserer Uni bedrängt wird, ist überhaupt nichts Neues. Der Einfluss der Bologna-Reform ist dabei wohl eher indirekt. Im Jahre 2007 hatte der Rektor plötzlich die Idee, man könne das Fach ganz aus dem Angebot streichen und nach Fribourg auslagern. Der Schwerpunkt wird an unserer Uni stark auf Politologie gelegt, Bern als Hauptstadt möchte in dieser Disziplin in führender Position bleiben und vorhandene Gelder hier investieren. Die zwei freien Lehrstühle wurden mehrmals ausgeschrieben und schlussendlich doch nicht neu besetzt. Als Begründung wurde angegeben, es seien keine geeigneten Kandidaten gefunden worden. Es gab sogar schon einen passenden Professor für Sozialstrukturanalyse, der jedoch betreffend

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gearbeitet war. Es war nicht viel juristisches Knowhow nötig, um darin grobe Fehler zu entdecken. Ausserdem wurde die Umwandlung der alten Fächer zum Fach SoWi gar nicht rechtzeitig bekannt gemacht. So gab es letzten August Leute, die sich für Soziologie oder Politikwissenschaften eingeschrieben hatten. Obwohl man ihnen schriftlich mitgeteilt hatte, dass die von ihnen gewählten Fächer leider nicht mehr existieren und sie stattdessen nun SoWi studieren werden, kam man damit nicht durch. Wir haben während des Herbstsemesters erwirkt, dass die betroffenen Studierenden wieder den ursprünglich gewählten Fächern wechseln konnten und somit noch bis 2014 Zeit haben, in diesen Gebieten ihren BA-Abschluss zu machen. Ab 2010 ist es aber endgültig unmöglich, einen Politologie- oder Soziologie-Bachelor in Bern anzufangen. Ein weiterer wichtiger Erfolg ist die Möglichkeit, SoWi im 120er- oder 150er-Hauptfach zu studieren. Ursprünglich waren nur ein Monobachelor mit 180 Kreditpunkten sowie einer im Umfang von 150 ECTS vorgesehen. Uns war jedoch der Erhalt eines grossen Nebenfachs ein zentrales Anliegen. Sonst wäre die Freiheit der Studierenden extrem eingeschränkt geworden. Für ein Masterstudium ist es hingegen meist erforderlich, bereits 60 Kreditpunkte in einem Fach absolviert zu haben. Mit dem 120er Hauptfach ist man also voraussichtlich nicht für einen MAster in Soziologie und Politologie zugelassen – schliesslich gibt es an der Uni Bern noch das vorgegebene Einführungsjahr, das sehr viele Veranstaltungen der Volks- und Betriebswirtschaftslehre enthält sowie propädeutische Veranstaltungen wie Statistik, Mathematik und Recht. Unsere Sorge ist, dass man in


Ist der Rektor an allem schuld? Philippe Saner: Dass er unsere Anliegen nicht unterstützt, hat wohl weniger mit bösem Willen zu tun, als mit der Tatsache, dass er als Naturwissenschaftler einfach zu wenig Verständnis für geisteswissenschaftliche Fächer aufbringt. Projekte aus der Physik, Biologie oder Chemie geniessen generell seine Sympathie und Studiengänge aus diesen Bereichen müssen sicherlich keine Kürzungen fürchten. Die Forderung des Kantons nach einer Lösung für die Probleme an unserem Departement existierte schon seit langem. Der Rektor hat sich nun eben für die Hauruck-Variante entschieden und muss nun auch mit den Konsequenzen leben. Welche Rolle spielen die Fachschaften der Soziologie und Politikwissenschaften noch, jetzt wo es diese Fächer - zumindest im Bachelor - nicht mehr gibt? Philippe Saner: Das ist noch ungewiss. Es gibt die Idee, beide Fachschaften zusammen zu legen und somit auch als Vertretung für die SoWi-Studierenden auftreten zu können. Es ist wichtig, dass die Studierenden weiterhin eine Stimme haben und sich für ihre Rechte einsetzen. Vor allem weil nun auch die Auswertung des ersten Jahres Sozialwissenschaften ansteht und dafür Kritik und Anregungen der Betroffenen gesammelt werden sollten. Es hat meiner Meinung nach keinen Sinn, dass sich die beiden Fachschaften unabhängig voneinander um neue Mitglieder bemühen, obwohl natürlich die zwei Masterstudiengänge Politologie und Soziologie weiterhin existieren und ebenfalls eine Anlaufstelle haben sollten. Man könnte etwa verschiedene Zuständigkeitsbereiche kreieren und konkrete Ansprechpersonen für die verschiedenen Fächer bestimmen. Aber das sind alles noch vage Ideen, was genau passiert, werden wir im Laufe unserer nächsten gemeinsamen Treffen entscheiden.

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seiner Anstellung nie einen definitiven Bescheid von der Uni erhielt. Nach kurzer Zeit hat er die Geduld verloren und die Uni Bern wieder verlassen. Heute sind alle Stellen wieder besetzt, aber ich denke, man kann den langwierigen Prozess der Personalsuche durchaus als Verzögerungstaktik von Seiten der Unileitung werten. Als wolle man allen zeigen, dass die Soziologie in Bern wirklich das Zeitliche gesegnet hat und nicht mehr weiter künstlich am Leben gehalten werden sollte.

betrifft. Wir haben extrem viel Zeit in unseren Widerstand investiert, haben etliche Stunden bei Sitzungen verbracht und nicht wenige von uns haben weniger Zeit für das Studium aufbringen können. Aber ich bereue die Anstrengungen nicht und fühle mich in der Fachschaft auch gut aufgehoben. Denn im Gegensatz zur Unileitung beziehen wir alle Mitglieder in die Diskussionen und Entscheidungen mit ein.

«An der Uni entscheiden nicht die Studierenden, sondern der Rektor und die Profesoren.» Wir haben neue Mitglieder gewonnen und vor allem bestehende Kontakte intensiviert. Das gab uns auch immer neue Energie, wir wurden durch unseren gemeinsamen Kampf zusammengeschweisst. Die Studierenden in Bern sind gut organisiert und geniessen dank der SUB, die einen öffentlich-rechtlichen Status hat, auch eine angemessene Vertretung ihrer Interessen. Zumindest in der Theorie. Ihr wurdet also vor allem desillusioniert? Philippe Saner: Wir wissen jetzt, dass die Realität anders aussieht, dass man sich sein Recht hart erkämpfen muss. An der Uni entscheiden nicht die Studierenden, sondern der Rektor und die Profesoren. Trotz unserer erfolgreichen Mobilmachung und der breiten Solidarität, die uns schweizweit entgegengebracht wurde, mussten wir uns mit einem begrenzten Mitspracherecht zum Thema Studienplan zufrieden geben. Und auch dieses wurde uns nur gewährt, weil wir den Einsitz in die entsprechenden Sitzungen erzwungen haben. Informiert oder gar eingeladen wurden wir nicht. Wir haben gelernt, direkt mit unseren Forderungen auf Personen zuzugehen und uns nicht mehr von den Hierarchien an der Uni einschüchtern zu lassen. Die weit verbreitete Distanz zu Professoren und Mittelbau wurde erfolgreich abgebaut. Erschreckt hat mich persönlich auch, wie schlampig der Studienplan ausgearbeitet war. So hatten wir aber auch stichhaltige Argumente in der Hand und konnten den Regierungsrat von unserer Kritik überzeugen. Immerhin konnten einige Studierende wieder zu Soziologie und Politikwissenschaften zurückwechseln. Von dieser Weisung waren die Verantwortlichen natürlich alles andere als begeistert – und das wiederum hat uns sehr begeistert. Kleine Siege sind besser als gar keine Siege.

Autorin Redaktorin Sarah Schlüter (22) studiert im 7. Semester Politik- und Literaturwissenschaften an der Universität Zürich.

Bilder Von Sarah Schlüter

Welche Lehren habt ihr aus eurer Mobilisierung des letzten Jahres gezogen? Philippe Saner: Die Eindrücke, die wir während unserem Kampf sammeln konnten, variieren sicherlich je nach persönlichen Erwartungen und eingebrachtem Engagement. Ich persönlich spüre vor allem Ernüchterung, was die unipolitischen Abläufe

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S‘Nochbers GUTEN MORGEN FRAU M...

GUTEN TAG FRAU M...

RUHE BOBBY... BLÖDER HUND !!!

WEG DA !!! ER IST KINDER NICHT GEWOHNT

... DER DICKE HERR MACHT UNS SICHER GLEICH PLATZ.

VON WEGEN NACHBARN !!! IM STERBEN KÖNNTE MAN LIEGEN UND NIEMAND KÜMMERTS.

GRRRRRRRR SIMON KRÜSI

Comic-Zeichner Simon Krüsi aus Mettder Krankenpflege und danach im Migrationsbereich und hat vor kurzem einen Master in interkultureller Kommunikation erworben. Er hat schon als 6 jähriger leidenschaftlich gerne Bildergeschichten gezeichnet und ist auch heute noch begeistert von den Möglichkeiten,

«Ihr führt Krieg? Ihr fürchtet euch vor einem Nachbarn? So nehmt doch die Grenzsteine weg – so habt ihr keinen Nachbarn mehr. Aber ihr wollt den Krieg und deshalb erst setztet ihr die Grenzsteine.»

die das Medium als

Friedrich Nietzsche

Erzählform bietet.

«Ein Zaun verbindet Nachbarn, sein Fehlen entzweit sie schnell.» Erhard Blanck 70

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Gegensatz

menstetten arbeitete in


agenda

ROT ANSTREICHEN! Uni-Veranstaltungen Andere Veranstaltungen

Spieler, Spekulanten und Projektemacher. Figuren und Figurationen der Krise um 1700 4.10.2010, 19:30 - 20:15 Uhr

Referent: Marcus Sandl Ort: Uni Zürich, Raum: KOL G 201

Schillers Wilhelm Tell und das Problem der Demokratie 21.10.2010, 18:15 - 20:00 Uhr

Referent: Prof. Dr. Jörg Paul Müller Ort: Uni Zürich, Raum: KO2 F 180

Uni-Reform und Auswirkung auf Wissenschaft und Bildung 28.10.2010, 09:00 - 17:00 Uh Podiumsdiskussion mit Daniel Wyler, Egon Franck, Otfried Jarren, Antonio Loprieno, Julian Führer, Klaus Haberkern. Ort wird später bekannt gegeben

Frauenrechte in Literatur und Systemen des Rechts 28.10.2010, 18:15 - 20:00 Uhr

Referentin: Prof. Dr. Beate Rudolf Ort: Uni Zürich, Raum: KO2 F 180

Empirische Analyse von Handelspolitik im allgemeinen Gleichgewicht 11.10.2010, 17:15 Uhr Referent: Prof. Dr. Peter Egger Ort: ETH Zürich, Raum: HG F 30

Aktuelles über die Schweizer Luftwaffe 18.10.2010, 18:15 - 19:30 Uhr Referent: M. Gygax Ort: ETH Zürich, Raum: HG D 3.2

Die Perspektive der Migration - Ausgrenzung und Integration in Zeiten des Postkolonialismus 27.10.2010, 20:00 - 21:30 Uhr Referentin: Dr. Manuela Bojadzijev Ort: Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1

40 Jahre NADEL - Thema: Migration und Entwicklung 29.10.2010, 15:00 - 17:30 Uhr Referenten: Dahinden Martin Prof. Dr. Kappel Rolf Küng Rudolf Prof. Dr. Skeldon Ronald Prof. Dr. Wunderli-Allenspach Heidi Ort: ETH Zürich, Raum: Auditorium Maximum

Models of the world, worlds of the model? Reflections on the geographies of markets 13.12.2010, 18:15 - 19:00 Uhr

Referent: Prof. Dr. Christian Berndt Ort: Uni Zürich, Raum: KOL G 201

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zoon politikon - thema "nachbarn" - nr. 9 / september 2010