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Die Biernachtsgeschichte Ein Radler wird vergoren In jenen Tagen erließ Kaiser Paulaner den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Promillelisten einzutragen. Dies geschah zum ersten Mal; damals war Franziskaner Stadthalter von München. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch das Märzen von der Stadt Villach aus Kärnten hinauf in die Steiermark in die Stadt Gössers, die Leoben heißt. Es wollte sich eintragen lassen mit Limone, seiner Verlobten, die einen Radler erwartete. Als sie dort waren, kam für Limone die Zeit ihrer Abfüllung, und sie vergor ihren Radler, den Erstvergorenen. Sie wickelte ihn in Dosen und legte ihn in eine Kühltruhe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. In jener Gegend lagerten Wirte auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihren Gästen. Da trat der Bierführer des Braumeisters zu ihnen und der Glanz des Braumeisters umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Bierführer aber sagte zu ihnen: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Gössers der Retter vergoren; er ist der Durstlöscher, der Gersten-Limonen-Saft. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet einen Radler finden, der, in Dosen gewickelt, in einer Kühltruhe liegt.“ Und plötzlich war bei dem Bierführer ein großes Heer von Betrunkenen, das den Braumeister lobte und sprach: „Verherrlicht ist der Braumeister in der Höhe und auf Erden ist der Durst gelöscht bei den Trinkern seiner Gnade.“ Als der Bierführer sie verlassen hatten und in die Brauerei zurückgekehrt war, sagten die Wirte zueinander: Kommt, wir gehen nach Leoben, um das Ereignis zu sehen, das uns der Braumeister verkünden ließ. So eilten sie hin und fanden Limone und Märzen und den Radler, der in der Kühltruhe lag. Als sie ihn sahen, erzählten sie, was ihnen über diesen Radler gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über die Worte der Wirte. Limone aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach. Die Wirte kehrten zurück, rühmten den Braumeister und priesen ihn für das, was sie gehört und gesehen hatten; denn alles war so gewesen, wie es ihnen gesagt worden war.

© 2010 Franz-Stefan Stockbauer

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Die Huldigung der Sterndeuter Als der Radler zur Zeit des Königs Puntigamer in Leoben in der Steiermark vergoren worden war, kamen die Sterndeuter Pils, Weizen und Bock aus dem Osten nach Graz. Und fragten: Wo ist der neugegorene König der Mischgetränke? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. Als König Puntigamer das hörte, erschraken er und mit ihm ganz Graz. Er ließ alle Braumeister und Alkoholgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Messias vergoren werden solle. Sie antworteten ihm: „In Leoben in der Steiermark; denn so steht es bei dem Propheten: Du, Leoben im Gebiet von Murtal, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten vom Murtal; denn aus dir wird ein Radler hervorgehen, der Durstlöscher meines Volkes in Österreichs.“ Danach rief Puntigamer die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war. Dann schickte er sie nach Leoben und sagte: „Geht und forscht sorgfältig nach, wo der Radler ist; und wenn ihr ihn gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige.“ Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo der Radler war; dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. Sie gingen in das Wirtshaus und sahen den Radler und Limone, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Hopfen, Malz und Wasser als Gaben dar. Weil ihnen aber im Rausch geboten wurde, nicht zu Puntigamer zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.

© 2010 Franz-Stefan Stockbauer

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Die Biernachtsgeschichte  

Kiruna lässt grüßen...

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