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FROH!

Magazin für DIE SCHÖNEN TAGE DES JAHRES nummer 1 7 EURO ISSN 1869-1528

Wenden


Editorial Jubelnde Massen in Berlin. Menschen, die auf der Mauer Fahrrad fahren und auf den Dächern von Trabis trommeln. Mauerbrocken und Hammerschläge. Die Erinnerungsmaschine ist angeworfen: Wir sehen, wie zwei Gesellschaften im Vollgas der Ereignisse ineinander rauschen. Wir erinnern uns an aufgeregte Eltern vor den Fernsehern, vielleicht auch an weinende Mütter und demonstrierende Väter. Dann reiben wir uns die Augen und wundern uns, wie schnell die Zeit vergangen ist. Der Reiz, eine Ausgabe zu machen, die sich mit dem Thema ‚Wende‘ befasst, lag für uns als Redaktion auf der Hand: Wir wollten das Ding ins Jetzt holen, am Puls unserer Generation sein und die Geschichten hinter der Geschichte zeigen. Wir wollten mit vollem Karacho an den Jubiläumsparaden vorbeiziehen und etwas Neues zum Wende-Diskurs beitragen. Aber wir haben schnell gemerkt, dass die Straße, die zurück ins Jahr 1989 führt, so geebnet nicht ist – auch wenn sie viel befahren wird. Hier ist vorausschauendes Fahren angesagt und gutes Kartenmaterial schwer zu bekommen. Die Medienbilder sind schlechte Berater, je näher man versucht an sie heranzukommen, desto verschwommener werden sie. Irgendwo haben wir dann gewendet. Und aus diesem Wendemanöver ein Heft gemacht, das das Wenden in sich trägt. Wir haben den Begriff auf sich selbst angewendet, ihn in alle Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt. Wir haben ihn dem öffentlichen Diskurs entwendet und ihn heimlich unter der Rückbank nach draußen geschmuggelt. Keine Angst, wir geben ihn nachher wieder zurück! FROH! Wenden ist eine sehr verspielte Ausgabe geworden – wir haben z.B. ein Wendekarten­spiel, das auch als Herbarium verwendet werden kann (ab Seite 13), sowie eine nahezu vollständige Geschichte der bedeutendsten Sportwenden (Seite 8). Außerdem haben wir nach Wende-Orten gesucht. Heuersdorf (ab Seite 46), das inzwischen hinter Flatterbändern und Polizeisperren verschwunden ist, weil die Region die Braunkohle braucht, ist vielleicht das verstörendste Beispiel: Ein Geisterort, der die Erinnerung an das Leben noch in sich trägt. Die Geschichte von 99998 Volkenroda, dem Ort mit Deutschlands letzter Postleitzahl, zeigt hingegen, dass sich immer noch etwas wenden kann (ab Seite 56). Im Zentrum unserer Ausgabe steht aber der Mensch – der ewige Wendehals unter den Lebensformen. Wo das Leben sonst auf Kontinuität setzt, kleine Schritte unternimmt statt sich große Sprünge zu erlauben, da erfinden wir uns neu, setzen alles auf eine Karte und schauen zu, wie der Croupier unsere Lebensträume vom Tisch kehrt (Seite 66). Wir nehmen das Leben in seinem ganzen Wendespektrum wahr, wir drehen und wenden es wie ein Vexierbild (Seite 76), bis wir nicht mehr wissen, wo oben und unten ist. Unser Autor Jens Toennesmann hat seinen Gesprächspartnern die einfache Aufgabe gestellt, eine Lebenslinie zu zeichnen, die alle Wendepunkte des eigenen Lebens aufgreift und visualisiert (Seite 72). Die entstandenen Diagramme wirken an ihrer Oberfläche formal und aufgeräumt, darunter jedoch kocht es. Ähnlich systematisch sind Peter Bongard und Markus Kuhlen vorgegangen, die mit Menschen gesprochen haben, deren Leben eine drastische Wende erfahren hat (ab Seite 60). Ihre Gesichter, die in beeindruckenden Schwarz-Weiß-Fotos festgehalten sind, erzählen diese Lebenserinnerungen noch mal aufs Neue. Alle diese Geschichten, so unterschiedlich sie auch sein mögen, haben doch eines gemeinsam: den Menschen, der die Ereignisse in den Setzkasten der eigenen Biographie einsortiert und sagt: Das bin ich! Als wir gemerkt haben, dass es zum ‚Wendejahr‘ nichts mehr beizutragen gibt, haben wir uns kurzerhand gegen den historischen Singular entschieden und den Plural gewählt: Wenden kann es jederzeit geben! Das ist die heimliche Hoffnung, die uns mit den Menschen bei den Montagsgebeten verbindet (Seite 22), eine Hoffnung, die mit der Überraschung rechnet und nach Zwischenräumen sucht, in denen das Wunder passieren kann. Eure FROH! Redaktion

PS:   Das Cover verdanken wir Jon Adrie Hoekstra, der die allgemeine Überzeugung, das Brot falle immer auf seine belegte Seite, anhand einer Versuchsreihe mit verschiedenen Brot- und Marmeladensorten überprüft hat. Das Bild zeigt selbst gemachte Himbeermarmelade und Deutsche Markenbutter (gesalzen) auf Kommissbrot auf lackiertem Estrich. Jeanette Corneille hat in mühsamer Handarbeit das Muster der Innenseiten gestickt.


INHALT 7

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8 da geht noch was ! Vor dem Spiel ist nach der Wende

18 Wie war das gleich noch mal? Vier Erinnerungsversuche

10 BACK ’N’ ROLL Rezepte für Schnellwender

22 Wunder der Wende Ein Montagsgebet mit Pfarrer Christian Führer

SPIELWENDEN

3 EDITORIAL 6 IMPRESSUM 81 Der FROH! Faktor In eigener Sache

12 Liedervereinigung Der Soundtrack zur Wende 13 Das Blatt wenden Ein Herbarium zum Spielen

ZEITENWENDEN

28 MONTAG MIT IGEL Eine Geschichte zum Vorlesen 32 Wir wollten zusammen gehören. Dadurch ist viel verhindert worden. Die Autorin Jana Hensel im Gespräch


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36 Zeitreise Zahlen haben noch nie mehr Spaß gemacht

46 Wo ist Heuersdorf? Eine Spurensuche

38 Fluchtpunkte Drei Grenzübergänge

54 Ich bin in der Heimat hängen geblieben. Der Filmemacher Volker Koepp im Gespräch

60 Sei Du selbst Vier Menschen, bei denen sich alles geändert hat

WENDEPUNKTE WENDEKREISE LEBENSWENDEN

40 Die Zeit ist reif. Randnotizen einer Recherche 42 auf dem weg Eine Illustration von Michael Gibis 44 Von jetzt auf gleich Ein paar Fakten zum Auswendiglernen

56 99998 Volkenroda hat Deutschlands letzte Postleitzahl – Eine Wendegeschichte

68 Einer von uns Nach einer wahren Begebenheit 72 Lebenslinien Dein Leben als Linie 76 Am Stammtisch der Skepsis Ein Plädoyer 80 10 Dinge, die Dein Leben verändern werden 82 Auf die Plätze, fertig, FROH! Eine Projektvorstellung

23% aller deutschen Jugendlichen finden das jährliche Theater um den Mauerfall übertrieben.


da geht noch was ! Ein Überblick über die größten Sportwenden

1936 Jesse Owens vs. Luz Long Weitsprung, Olympische Spiele, Berlin

Der sportliche Gegner wird zum Wendehelfer: Der AfroAmerikaner Jesse Owens steht nach 2 Fehlversuchen bereits vor dem Aus. Dank der Tipps seines deutschen Kontrahenten Luz Long schafft er die Qualifikationsweite und holt am Ende die Goldmedaille. Sportsmann Long gewinnt Silber und einen Freund – für Hitler ein Affront gegen die Rassenehre. Später fällt Long im Krieg und die einstigen Konkurrenten sehen sich nie wieder.

Text: Michael Basseler Illustration: Emily Weiss

1999 Bayern München vs. Manchester United Fußball, Finale der Champions League, Barcelona

Die ‚Mutter aller Niederlagen‘ ist auch die Mutter aller Wenden im Sport: Es läuft die 91. Minute. Bayern führt seit Mario Baslers Freistoß mit 1:0 und verwaltet den Vorsprung, wie es im Fußballdeutsch so schön heißt, recht souverän. Dann kommt, was Oli Kahn später als Schicksal bezeichnen wird: ManU erzielt zuerst den Ausgleich, bevor ‚Babyface-Bomber‘ Ole Gunnar Solskjaer sogar noch der Siegtreffer für die Briten gelingt.

1987 Steffi Graf vs.  Martina Navratilova Tennis, French Open Finale, Paris

„Die Gräfin“, gerade mal zarte 17, liegt im dritten und entscheidenden Satz bei Aufschlag Navratilova schon 3:5 zurück, schafft aber mit einem Break die Wende und gewinnt am Ende sensationell mit 8:6 – ihr erster Grandslam Sieg. Das Jahr 1987 markiert auch eine Wende in der Hierarchie des Damentennis: nach über fünf Jahren als Nummer 1 muss Navratilova der deutschen Tennislegende Platz machen.

1989 Ivan Lendl vs.  Michael Chang Tennis, French Open, Paris

Lange läuft alles wie erwartet: Lendl, Nummer 1 der Welt, gewinnt die ersten beiden Sätze gegen den 17-jährigen Nobody jeweils mit 6:4. Im dritten Satz dann die Wende: Chang nimmt Lendl zuerst den Aufschlag und dann den Satz ab. Ab dem vierten Satz wird das Spiel endgültig zum Drama: Chang ist von Krämpfen geplagt und liegt minutenlang erschöpft auf dem Platz. Seine ‚Mondbälle‘ und der Aufschlag von unten werden zum Kult – und bringen ihm am Ende noch den Sieg. Später gewinnt Chang sogar das Turnier.

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SPIELWENDEN

66% der Deutschen empfinden Stolz, wenn bei einem Sportereignis …


1993 Karlsruher SC vs. FC Valencia Fußball, Uefa-Pokal, Karlsruhe

1991 Carl Lewis vs. Mike Powell Weitsprung, Leichtathletik-WM, Tokio

Nach dem 3:1 Sieg im Hinspiel gilt der spanische Tabellenführer Valencia schon als sicherer Sieger, bevor „Euro Eddy“ Edgar Schmitt seine Sternstunde erlebt: Beim 7:0 der Badener netzt er gleich vier mal ein (im KSC-Tor übrigens auch hier dabei: Oli Kahn). Kurz vorher erlebte Schmitt auch privat eine Wende – er hatte er sich in der Woche des Hinspiels mit seinem Auto gleich mehrfach überschlagen.

Der wohl spannendste Weitsprungwettkampf der Geschichte. Trotz gleich vier Versuchen über 8,80 m muss sich Lewis geschlagen geben. Nach einem knapp ungültigen Satz in Weltrekordnähe im vierten, gelingt Powell schließlich im fünften Versuch der Sprung seines Lebens. Mit 8,95 m knackt er den über 20 Jahre alten Rekord von Bob Beamon und dreht das Duell mit Lewis.

2003 Lance Armstrong vs. Jan Ullrich Radsport, Tour de France, Col du Tourmalet

Auf der letzten Pyrenäenetappe hat sich das Favoritentrio Armstrong, Ullrich und Mayo vom Feld abgesetzt, als Armstrong mit dem Lenker an der Tasche eines Fans hängen bleibt und stürzt. Er rappelt sich auf und fährt am verdutzten Ullrich vorbei zum Etappen- und später auch Toursieg. Anschließend beschuldigen sich beide gegenseitig des unsportlichen Verhaltens: Ullrich habe nicht gewartet, Armstrong habe die Verwirrung zur heimtückischen Attacke genutzt.

1994 Franziska van Almsick /  Dagmar Hase Schwimmen, 200 m Freistil, Schwimm-WM, Rom

„Goldfisch“ Franzi verpatzt das Semifinale in ihrer Paradedisziplin und qualifiziert sich als Neuntschnellste nicht für den Endlauf. Die Wende wird in diesem Fall von einer Teamkollegin eingeleitet: die fürs Finale qualifizierte Dagmar Hase tritt ihren Startplatz an ihre Freundin ab und van Almsick wird am Ende mit neuem Weltrekord doch noch Weltmeisterin. Tragisch: Als Hase über die 400m das Gleiche passiert, zeigt sich Jana Henke weniger solidarisch und schwimmt lieber selbst.

1986 Bayer Uerdingen vs. Dynamo Dresden Fußball, Europapokal der Pokalsieger, Krefeld

Dynamo gewinnt das Hinspiel des Viertelfinales 2:0 und reist mit einem klaren sportlichen und politischen Auftrag zum Gegner in den tiefen Westen. Bis zur Pause läuft noch alles nach Plan. Die Gäste aus der DDR führen mit 3:1, etliche Fans verlassen bereits frustriert die Grotenburg-Kampfbahn – fünf Tore fehlen den Uerdingern zu diesem Zeitpunkt zum Weiterkommen. Die Wende beginnt in Hälfte zwei: Am Ende heißt es 7:3, Bayer erreicht sensationell doch noch das Halbfinale. Zu allem Überfluss für das gedemütigte DDR-Regime nutzt Dresdens Stürmer Frank Lippmann die Pleite auch noch zur Flucht und bleibt im Westen.

1974 Muhammed Ali vs. George Foreman Boxen, „Rumble in the Jungle“, Kinshasa

Alis große Zeit ist schon vorbei, und doch kommt sie erst noch: Der 32-Jährige Ex-Weltmeister hatte jahrelang wegen seiner Wehrdienstverweigerung nicht boxen dürfen und steht dem für seine brachiale Schlagkraft bekannten Weltmeister Foreman gegenüber. In den ersten Runden lässt sich Ali absichtlich immer wieder in die Seile drängen und steckt Schlag um Schlag ein. In der 8. Runde ist es dann soweit: Foreman ist konditionell am Ende, Ali deckt ihn mit einem regelrechten Feuerwerk an Schlägen ein und schickt ihn auf die Bretter. Ali ist erst der zweite Athlet, der die Boxerweisheit „They never come back“ widerlegt und sich den Gürtel zurück holt.

Die Videolinks zu diesem Artikel findest Du auf der FROH! Website: www.frohmagazin.de/sportwenden

… die deutsche Nationalhymne gespielt wird. Nur 33% singen mit.

SPIELWENDEN

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gebrauchten, wie wir aus dem Osten immer noch fröhlich sagen). Das Gefühl aber, nicht am rechten Platz zu sein, blieb – egal ob in Hamburg, Bonn oder Berlin. Wo hören die vernünftigen Argumente für meine späte Republikflucht auf, wo fangen die bequemen Ausreden an? Ich fühle mich, so blöd es klingen mag, irgendwie verpflichtet. Verortet. Oder eben verbunden – mit einem Landstrich, der für mich zur Heimat geworden ist, weil er durch das Ende der DDR an den Rand rückte. Der zur Schrumpfzone wurde und in vierzig Jahren als Altersheim der Republik verspottet werden wird. Dort komme ich her – und da muss ich wieder hin. Irgendwie.

Zauberin sein Ich saß hinten im Trabi, meine vier Schwestern neben mir, über und unter uns Gepäck. Wir waren auf dem Weg zu unserem „Westkontakt“ nach Altenkirchen im Westerwald. Ich war 10 Jahre alt, aber noch nie auf einer so guten Autobahn gefahren. An uns vorbei flog ein Schild auf dem stand: „Endlich erneuern wir für Sie die A4“. Am nächsten Morgen war unser erstes Ziel der Jumbo Einkaufsmarkt. Mein Vater hatte uns 80 DM unseres Begrüßungsgeldes zur freien Verfügung gegeben. Er wollte mal schauen, was seine Mädels mit soviel Geld im neuen Westen anfangen würden. Ich traute meinen Augen kaum, als ich die bunte Neonwelt sah, in der sich die Regale weit über unsere Köpfe erstreckten. Es gab jeden Artikel in zigfacher Ausführung. An den Seiten der Etagen führte eine Rolltreppe in ein weiteres Stockwerk. Meine Schwestern und ich beschlossen, erst ein-

mal zusammen zu bleiben und das nächstgelegene Süßigkeitenregal anzusteuern. Gummibärchen mit und ohne Lakritz, Wein- und Lachgummi, saure Stäbchen. Und natürlich: Goldbären! Kaugummis in allen Formen, Farben und Geschmackrichtungen. Am liebsten hätte ich alles auf einmal gekauft und probiert. Ich konnte mich nicht entscheiden, denn ich wollte doch auch nicht alles Geld auf einmal ausgeben. Da es meinen Schwestern ebenso ging, machten wir einen Plan: Jede kaufte von jedem Artikel drei Tüten unterschiedlicher Sorte. Die Kunst lag in der richtigen Absprache: Zuhause könnte dann jede von uns drei mal vier Gummibärchensorten, drei mal vier Schokoladensorten und drei mal vier Kaugummisorten probieren. Bis wir diese Entscheidung getroffen hatten, war bestimmt eine Stunde vergangen. Ich wollte mir aber auch noch etwas ganz Besonderes kaufen. Etwas Eigenes. Ich ging in die Spielzeugabteilung und hörte den Familienpfiff meines Vaters, der sich von Zeit zu Zeit um den Verbleib seiner Mädchen sorgte, nur noch von Ferne. Puzzles hatte ich relativ schnell verworfen, nach einer halben Stunde stand kurz „Malen nach Zahlen“ ganz oben auf der Liste. Oder doch Scotland Yard? Dann entschied ich mich für einen Zauberkasten, der 20 DM kostete. Vorne drauf war ein wunderschönes Bild, drinnen ein Zauberhut, eine Anleitung für die Tricks und ein echter Zauberstab! Das sollte mein neues Hobby werden: Zauberin sein. Es dauerte eine Weile, bis sich unsere Familie wieder gefunden hatte. Die Kassen brachten wir geduldig hinter uns: Die langen Schlangen war man ja schon vom Bananen kaufen gewöhnt. Ich war sehr zufrieden mit meinem Einkauf. Zauberin bin ich heute nicht mehr, aber die restlichen 50 DM habe ich angespart. Für härtere Zeiten.

ZEITENWENDEN 19


Am Samstag gingen wir nicht in die Schule Unser erster Schultag begann mit einem Fahnenappell auf dem Schulhof. Ich fand das langweilig, dachte aber nicht weiter darüber nach. Ich war kein Pionier und manchmal machte ich mich über den Pioniergruß lustig: „Seid bereit!“ – „Immer bereit!“ Wie blöde Hähne sahen sie aus, wenn sie ihre Hände an den Kopf hielten. Bereit wofür? Die Hetzereien gegen Westfernsehen, Westprodukte und Werbung aus dem Kapitalistischen Ausland nahmen in diesen Wochen zu. Das gipfelte darin, dass uns irgendwann in diesem September verboten wurde, Westsachen mit in die Schule zu bringen. Bisher war uns nur nicht erlaubt gewesen, bunt bedruckte Plastetüten aus dem Westen zur Zeugnisausgabe mitzubringen. Unsere Beutel hatten gefälligst einfarbig und unauffällig zu sein – und wir möglichst auch. Das Verbot hatte keine Konsequenzen. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass jemand von uns sein Verhalten änderte. Das war unsere Art von Revolution. Am 10. November – es war ein Freitag – wurde in der Schule diskutiert. Über die DDR und mögliche Zweifel, die an ihr bestanden. Da wir keinen Fernseher besaßen, hatte ich die Sätze von Günter Schabowski, nach denen jeder DDR-Bürger ausreisen durfte, verpasst. So richtig begriff ich alles erst, als ich am Freitag Mittag von der Schule nach Hause kam und mein Vater mir verkündete, dass wir nach Lübeck fahren würden. Auf der Strecke, kurz vor der Grenze wo wir unser Visum bekommen sollten, erlebten wir den ersten Stau. Wir mussten Ewigkeiten warten. Mein Vater, der vorher schon nach Westdeutschland gereist war, erklärte uns, dass wir Vieles sehen, uns aber nichts würden kaufen können. Hinter dem Grenzübergang fuhren wir direkt in ein Lübecker Wohngebiet. Fremde Leute standen da an der Straße und begrüßten uns überschwänglich, reichten Sekt ins Auto, klatschten, freuten sich. Meine Mutter weinte.

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Ich staunte vor allem über das viele Licht. Das war anders als bei uns. Noch in dieser Nacht fuhren wir wieder zurück nach Hause. Irgendwann hatte ich mal meinen Vater gefragt, warum nicht auch wir gingen. Ausreisten aus der DDR, wo alles so verlogen war und wir nicht in Freiheit leben konnten. Er legte großen Wert darauf, dass wir nur dann etwas verändern könnten, wenn wir in diesem Land blieben. Am Samstag gingen wir nicht in die Schule. Wir durften ausschlafen. An den folgenden Samstagen war nie die ganze Klasse anwesend. Jeder machte, was er wollte, schwänzte auf Geheiß der Eltern hin die Schule, entdeckte den Westen. Es war Mitte Dezember, als unser Direktor entschied, dass ab sofort kein Schulunterricht am Samstag stattfinden würde. Im Herbst 1989 war ich 11 Jahre alt. Die Ereignisse existieren nur als Erinnerungsfetzen in meinem Kopf. In meiner Erinnerung hatte ich eine glückliche Kindheit in der DDR.


Wir wollten zusammen gehören. Dadurch ist viel verhindert worden. Jana Hensel hat mit Zonenkinder eines der einflussreichsten Bücher zur Wende geschrieben. Im Gespräch erzählt sie uns, wie es um das gegenseitige Kennenlernen von Ost und West heute steht und warum sie keine Bilder von der Mauer mehr sehen möchte. Interview: Sebastian Pranz Illustration: Jeanette Corneille


Ihre Arbeiten drehen sich ja immer wieder um Wendepunkte: In Zonenkinder beschreiben Sie das Ende Ihrer Kindheit; Neue deutsche Mädchen handelt u.a. vom Frau-Werden und vom Eintritt in das Berufsleben. Sie sind eine aufmerksame Beobachterin gesellschaftlicher und persönlicher Wenden. Was fasziniert Sie daran? Ich denke, Wenden oder Brüche ereignen sich eigentlich fast zwangsläufig. Was mich beim Schreiben interessiert, ist der Punkt in diesem Prozess, an dem die Wirklichkeit, über die wir uns alltäglich verständigen, nicht mehr mit der Wirklichkeit übereinstimmt, in der wir leben. Zonenkinder ist entstanden, weil ich das extreme Bedürfnis hatte, über dieses Thema, das in der Öffentlichkeit eigentlich nicht vorkam, zu schreiben. Und auch mein jetziges Buch ist der Versuch, das herkömmliche Sprechen über den Osten, das ziemlich eingefahren und völlig von medialen Klischees überlagert ist, in Frage zu stellen und eine Wirklichkeit hinter der angenommenen zu suchen. In Ihren Texten findet sich immer beides: eine sehr persönliche Perspektive, die auch intime Erlebnisse einschließt, und eine gesellschaftliche Beobachtungshaltung. Nicht zuletzt sind Ihre Bücher ja z.T. auch als ‚Sachbuch‘ deklariert. Wie passt das zusammen? Ich tue mich ein wenig schwer mit der Deklarierung meiner Bücher als ‘Sachbuch, weil ich immer in einer Zwischenform arbeite: Meine Texte haben einen thesenhaften Anspruch, sie wollen Wirklichkeit oder Gesellschaft erklären, aber sie wollen eben auch erzählen. Bei ‚Neue deutsche Mädchen‘ haben wir uns damals beispielsweise dem Vorwurf ausgesetzt, dass wir uns zu wichtig nehmen, weil wir mit unserer privaten Biographie an die Öffentlichkeit treten. Dabei nehmen meine Texte das ‚Ich‘ gar nicht wichtig, weil ich nicht glaube, dass meine Erfahrungen singulär sind. Viele Dinge, die ich erlebe, erleben viele andere auch. Und mich interessiert nicht die Ausnahmesituation, nicht der Sonderfall, sondern das vermeintlich Alltägliche und das auf den ersten Blick Banale. Was würden Sie aus heutiger Sicht über das Ende der DDR sagen: war es eine Zeit des Neubeginns oder eher ein kollektiver Kulturschock, der viele verunsichert und gelähmt hat? Zuerst muss man sagen, dass 1989 für Ostdeutschland ein Anfang war, ein Neubeginn.

Und für viele, gerade in der älteren Generation, kam dieser Neubeginn einem schockhaften Zurückversetzen in ein kindliches Stadium gleich. Meine Elterngeneration ist parallel mit uns noch mal erwachsen geworden. Im Gegensatz dazu stellt dieses Datum für Westdeutschland eher das Ende einer Entwicklung dar, nämlich das Ende von Nachkriegsdeutschland. Wenn man Reden von Willy Brandt oder Helmut Kohl aus dieser Zeit liest, dann sieht man, wie hier für die Westdeutschen eine geschichtliche Epoche zu Ende geht, während für den Osten alles aufbricht. Das sind zwei ganz unterschiedliche Perspektiven auf ein und dasselbe geschichtliche Ereignis. Als Beispiel könnte man den Brandtschen Satz nehmen: ‚Nun wächst zusammen, was zusammengehört‘. Für den Westdeutschen ist endlich alles wieder an seinem Platz, während aus ostdeutscher Sicht gerade alles in Bewegung gerät. Mit diesem Satz beginnt mein neues Buch und interessanterweise hat Willy Brandt diesen Satz ja nie gesagt – er ist ihm vom Zeitgeist nachträglich in den Mund gelegt worden. Und Brandt hat sich dieser Lüge irgendwann angeschlossen und selbst behauptet, dieser Satz stamme von ihm. Umso mehr müssen wir ihn natürlich als Ausdruck eines ‚Wollens‘ verstehen und wahrscheinlich ist er nicht zuletzt deshalb zum großen Motto der Deutschen Einheit geworden. Dennoch ist dieser Gedanke als Motto im Ansatz völlig falsch, finde ich.

zwischen Hingezogen sein und sich Fremd fühlen. Die Koordinaten dieses Konfliktes haben sich geändert: Wie steht es inzwischen um die ostdeutsche Identitätsfindung? Zonenkinder war der Blick auf eine sehr spezielle Generation. Und vielleicht ist dieses Buch ja auch deshalb so stark rezipiert worden, weil es die positiven Aufbruchsgeschichten einer Generation erzählt, die man sonst so selten hört. Für die Ostdeutschen als Ganzes ist der Prozess der Deutschen Einheit ein sehr grundlegender Anpassungsprozess mit vielen Konsequenzen: Selbstverleugnung, vorauseilendem Gehorsam etc. Am auffälligsten ist es, dass man sich in Ostdeutschland mit einem prinzipiell fremden Blick selbst gesehen hat und wahrscheinlich noch immer sieht. Die Ostdeutschen haben eigentlich keine Worte und keine Sprache für ihre momentane Situation, für das, was sie in den letzten 20 Jahren erlebt haben. Stattdessen flüchten sie sich in von außen gegebene Bilder und kommen schließlich in ihren eigenen Beschreibungen selbst nicht vor. Haben Sie den Eindruck, dass sich diese Klischees und Fremdbilder geändert haben? Nein, das ist das Schockierende. Wenn man sich die Klischees anschaut, die der Westen über den Osten bildet und umgekehrt, dann muss man sagen, dass diese Bilder vom ersten Tag nach dem Mauerfall an da waren: Der Westdeutsche kommt rüber, um sich Grundstücke zu ‚koofen‘ und einen auf dicke Hose zu machen, und der Ostdeutsche ist ein bisschen tapsig, ein bisschen hinterher.

Warum? Weil Brandt einer Generation angehört, Was könnte man dem denn entgegensetzen? die sich tatsächlich an eine Zeit der ZusamDas Problem liegt meiner Meinung darin, mengehörigkeit erinnerte. Aber dennoch dass der Osten immer noch als Gesellschaft ist es nicht diese Politikergeneration gewesen, dargestellt wird, die die Umbrüche der die die Einheit gestaltet hat: Brandt selbst letzten zwei Jahrzehnte ausschließlich passiv ist drei Jahre nach dem Mauerfall gestorben. hingenommen hat – als eine demokratisch Unsere Generation hat diesem Motto defizitäre Gesellschaft. Dabei sollten wir lange nach gehangen, weil ein selbstbewussuns erst einmal fragen: was sind denn die tes Behaupten von Anderssein keinen Platz realen Erfahrungen der Ostdeutschen mit hatte: wir wollten zusammen gehören. Demokratie? Die erste kollektive Erfahrung Dadurch ist viel verhindert worden. Ich ist sicherlich die freie Meinungsbekundung glaube, es wäre viel gesünder gewesen, wenn im Rahmen der Proteste im Jahr 1989. Aber sich Ost und West als Fremde begegnet was ist das Erbe dieser Protestkultur? Denn wären und nicht der Illusion aufgesessen auch danach gab es ja zahlreiche Demonshätten, gleich zu sein. trationen, bspw. gegen die Schließung von Betrieben. Diese Ereignisse kommen aber in Den Identitätsfindungsprozess der Zonenkinder der Erinnerung des Ostens nicht vor – beschreiben Sie ja als einen ständigen Konflikt der Osten erzählt sich selbst, dass man die zwischen Überanpassung und Abgrenzung, Wende passiv erlebt habe.

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Und Sie meinen, das ist eine westdeutsche Perspektive, die vom Osten übernommen wird? Zumindest lässt sich diese Lesart besser in die demokratische Geschichtsarchitektur der Bundesrepublik einfügen. Man kann natürlich auch fragen, wem überhaupt das Recht eingeräumt wird, über die Revolution als solche zu sprechen und an die Protestkultur dieser Zeit anzuschließen. Letztendlich sind das nur die Bürgerrechtler und die wenigen Oppositionellen aus dieser Zeit. Ich möchte deren Leistung nicht in Abrede stellen, aber man darf nicht vergessen, dass es sich hierbei nur um eine äußerst marginale Gruppe handelt. Posthum wird diese Bürgerbewegung aber als die einzig Überlebende rezipiert. Wir haben eine museale Auseinandersetzung mit der DDR, und wir haben die Ostalgie als popkulturelles Phänomen. Würden Sie sagen, dass wir eine neue Erinnerungskultur brauchen? Eigentlich ist die Ostalgie ein weiteres gutes Beispiel dafür, dass der Ostdeutsche seine Kritik an der Gegenwart in den Vokabeln der Vergangenheit formuliert. Mein Versuch mit „Achtung Zone“ ist es , 1989 in die Gegenwart zu ziehen. Dieses Jubiläum sollten wir nicht länger zum Anlass nehmen, zum x-ten Male Bilder von der Mauer zu zeigen

Und wie würden Sie die westdeutsche Perspektive auf den Mauerfall beschreiben? Wir kommen nicht weiter, wenn der Westen die Brucherfahrung immer delegiert und sich selbst als Kontinuum versteht. Warum legt der Westen auf diese Ereignisse einen derart fremden Blick, warum erzählt er sie sich nicht endlich als Teil seiner eigenen Geschichte? Und damit endlich auch als die Geschichte eines Bruches. Jana Hensel wuchs in Leipzig auf und lebt heute als Autorin und Journalistin in Berlin. Ihr Essayband Zonenkinder erschien im Jahr 2002 und stand über ein Jahr auf der deutschen Bestsellerliste. 2008 erschien Neue deutsche Mädchen (mit Elisabeth Raether). Ihr Buch Achtung Zone. Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten erscheint im Oktober 2009.

„Die Ostalgie ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Ostdeutsche seine Kritik an der Gegenwart in den Vokabeln der Vergangenheit formuliert.“ oder die obligatorische Frage zu stellen: Was haben Sie am 9. November 1989 gemacht? Das alles ist inzwischen zu einer ziemlich kanonisierten Erinnerungsindustrie geworden, die nichts mehr abbildet, sondern die Entwicklungen, die der Osten in den letzten Jahren durchlaufen hat, unter sich begräbt. An meine eigenen Bilder von diesem Tag komme ich doch ohnehin nicht mehr heran. Ich kann mich nicht mehr an das erinnern, was ich damals erlebt habe. Ich erinnere mich nur noch an die tausendfach medial aufbereiteten Erinnerungen davon, an all die Fernsehbilder, die wir jedes Jahr aufs neue zu sehen bekommen. Aus Sicht eines Ostdeutschen ist das tragisch – man beruft sich immer wieder auf ein Ereignis, das eigentlich für einen selbst nicht mehr verfügbar ist.

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WENDEPUNKTE Jede Wende hat einen Punkt, an dem die Richtung der Ereignisse umschlägt. Für einen kurzen Moment, im Scheitel der Kurve, eröffnet sich ein Zustand der Schwebe, in dem jeder Zielpunkt möglich ist: Zukunft und Vergangenheit, Ost und West, Aufbrechen und Zurücklassen liegen hier so dicht beieinander wie sonst nicht. In diesem magischen Moment können wir begreifen, dass die Wirklichkeit letztlich nur eine Sicht der Dinge ist. Nur ein Schritt zur Seite und die Welt ist aus den Angeln gehoben.


ich bleibe JÜRGEN Bevor er bei Big-Brother eingezogen ist, war Jürgen Milski Feinblechner bei Ford. Heute singt er am Ballermann, moderiert im Fernsehen, pendelt zwischen Mallorca, Köln und München. „Mein Leben hat sich komplett verändert“, sagt er. „Nur ich bin immer noch der Gleiche.“ Texte und Interviews: Peter Bongard und Markus Kuhlen Photos: Peter Bongard

VORHER

DANACH

6.30 Uhr Aufstehen, 7.15 Uhr Dienstantritt, 15.15 Uhr Feierabend. Danach viel Zeit für Familie, Freunde und Sport. So sah ein normaler Tag im Leben von Jürgen Milski aus. Geboren 1963 in Köln, einfache Verhältnisse, Schule, Ausbildung. Mit 23 Jahren geht Milski zu Ford, wird Feinblechner im Prototypen-Bau. „Ein super Job. Ich war damals glücklich“, sagt er mit leuchtenden Augen. Eines Tages blättert er auf dem Betriebsklo in der Bild, liest über Big Brother: „Mein erster Gedanke war, wer ist denn so bescheuert und macht da mit. Aber dann hat mich interessiert, wie wohl ein Casting für solch eine Show laufen könnte.“ Milski meldet sich an, übersteht Runde um Runde, entwickelt Ehrgeiz, wird eingeladen. „Erst hab’ ich abgelehnt, dann hab’ ich mir gesagt: Komm, den Käse machst Du mal zwei Wochen mit. Meine Kumpels haben gemeint, wenn ich nicht spätestens Karneval raus bin, gibt es richtig Ärger“, erzählt er mit einem lauten Lachen. Doch auch im Haus packt ihn wieder der Ehrgeiz – Jürgen bleibt bis zum Schluss und wird Zweiter.

20 Uhr in den Flieger nach Mallorca, 2.30 Uhr auf die Bühne im Oberbayern, 5 Uhr im Bett, um 9 Uhr wieder aufstehen. Wenig Zeit für die Familie, sehr, sehr wenig für Freunde, Sport meist nur zwischen zwei Drehs. So sieht Jürgens Leben heute aus. Party- und Ballermann-Hits, etwa eine Million verkaufte Singles, weit über 100 Auftritte pro Jahr, Sendungen bei 9Live, Co-Moderationen bei Big Brother und RTL, Pilotfilm für eine Fernsehserie und und und. „Drei Wochen, nachdem ich aus dem Haus kam, habe ich gesagt, das war mein größter Fehler“, erinnert sich Jürgen. „Heute sage ich, es war das Beste, was ich je gemacht habe. Ich bin richtig glücklich.“ Leben, Einkommen, Umfeld: Alles hat sich geändert. Nur Jürgen nicht. Sagt er. Und lebt es. Sein AldiMountainbike kettet er vorm Luxushotel an den Blumenständer, sein Handy auf dem Tisch ist aus einer Zeit, als Rudi Völler noch Bundestrainer war. Er hat keinen Manager, ist nicht stolz auf seine TVAuftritte, sondern auf seine Tochter und bringt sein Geld zur Bank statt zum Juwelier. Die Freunde sind noch die gleichen wie früher, er ist seit 30 Jahren mit seiner Freundin zusammen. Jürgen ist echt, das ist sein Geheimnis. Deswegen ist er glücklich, deswegen mögen ihn Medien und Fans. Er selbst sagt: „Ich bin kein Moderator, auch kein Sänger und bestimmt kein Star. Ich bin und bleibe einfach Jürgen.“ Das ist sein größter Erfolg.

DIE WENDE Als die Containertür zuging, war er Jürgen Milski, als sie nach 103 Tagen wieder aufgeht, ist er Big-Brother-Jürgen und bekannter als der Bundeskanzler. Bei seinem Auszug jubeln ihm 9000 Menschen zu. „Ein geiler Moment“, erinnert sich Jürgen, lacht und schlägt die Hände vors Gesicht. Doch der geile Moment hält nicht lange, schnell wird sein Leben zur Hölle. Überall erkennen ihn die Menschen, auf der Straße rennen Fremde hysterisch auf ihn zu, im Freibad wird um ihn, Freundin und Tochter vom Bademeister rot-weißes Flatterband gespannt, um etwa 200 Schaulustige zurückzudrängen. „Es ist grausam, wenn man sich nicht mehr normal bewegen kann. Es war wie im Gefängnis. Ich hatte unser kleines glückliches Leben zerstört“, sagt Jürgen. Er will es zurück, will wieder einfach nur Jürgen sein. Deshalb zieht er die Notbremse, setzt sich gegen die Wünsche der Medien durch, schlägt unterschriftsreife Werbeverträge über viel Geld aus. Er schafft das, weil er weiß, dass er vorher glücklicher war. Jürgen geht zurück zu Ford, kommt zur Ruhe. Aber nach einiger Zeit fängt das Grübeln an. Es war eine große Chance: Er stand gerne auf der Bühne, Singen macht ihm Spaß, er hätte viel Geld verdienen können. Genug für die Ausbildung der Tochter. Genug für die Erfüllung des großen Traums vom eigenen Häuschen mit Garten. Vielleicht schlägt auch der Ehrgeiz wieder durch. Jürgen geht zurück auf die Bühne, zurück zu den Medien – nicht weil ihn jemand zwingt, sondern weil er es will. Diesmal soll alles nach seinen Regeln laufen. Und er setzt sich durch.

LEBENSWENDEN 61


Lebenslinien Kurven, Talfahrten, Höhenflüge: Wer sein Leben in eine Linie verwandelt, lernt viel über die Wendepunkte der eigenen Biographie – und darüber, dass weder das große Geld noch grenzenlose Freiheit glücklich machen. Text: Jens Toennesmann

Die Stimmungskurve seines Lebens zeichnen? Mein Gesprächspartner greift zum roten Stift. „Ach, das geht schnell.“ Meint er. Minuten vergehen, bis er den ersten Strich malt – und mehr als zwei Stunden bis zum letzten. Dazwischen liegt ein langes Gespräch über Wenden und Scheinwenden, das Ying und Yang der Freiheit, Wert und Unwert des Geldes. Über die große Euphorie und die Katerstimmung danach. Ein Gespräch, in dem der 32-Jährige vieles sagt und noch mehr denkt. Das eigene Leben im Kopf Revue passieren zu lassen ist das eine – darüber zu reden und es aufzumalen etwas ganz anderes. Keine Biographie verläuft schnurgerade. Wer seine persönliche Stimmungskurve aufmalt, nimmt mit jeder Bewegung nach oben oder unten eine Bewertung vor: Steigt die Linie, wurden die Zeiten besser. Fällt sie, ging es bergab. Denn unser Glück schwankt – ebenso wie das Vermögen, das wir besitzen und die Unabhängigkeit, die wir zu haben glauben. Wer all das in Linien verwandelt, merkt schnell, dass Geld nicht automatisch glücklich macht. Eine Binse. Aber auch Freiheit kann dem schnell zu viel werden, der sich nach Orientierung sehnt. Während sich die Linie langsam als Extrakt der Erinnerungen aufs Papier windet, füllen sich das Blatt mit Wendepunkten und der Kopf mit Gedanken, Fragen, Zweifeln. Es war nicht alles schlecht – aber wird je alles gut? War diese Krise nötig, damit jener Höhenflug erst möglich wurde? Und was wäre, wenn…?

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Ja, was wäre nur, wenn? Zumindest eine theoretische Alternative wohnt jedem Wendepunkt inne. Hinter einigen steckt ein schwerer Schicksalsschlag oder ein glücklicher Zufall, hinter anderen eine dumme oder kluge Entscheidung. Viele Wenden stellt das Leben mit dem Menschen an – nur wenige der Mensch mit seinem Leben. „Ich versuche seit Jahren mich zu verändern“, sagt mein Gesprächspartner. „Aber ich schiebe es immer vor mir her. Alles passiert, einfach so.“ Es geht immer weiter: Auf und ab. Ab und auf.


Er, 32: Wende zum Guten Im Herbst 1989 steigt er mit seiner Schwester und seiner Mutter in Magdeburg in den Zug nach Prag. Dort klettern sie über einen Zaun, in eine Zeltstadt, eingegraben in den Matsch der westdeutschen Botschaft. Abends hört er Genscher reden – und steht ein paar Tage später im Unterricht an einem Gymnasium im Bergischen Land, 24 Augenpaare auf sich gerichtet. „In der DDR wurde uns eingebläut, die BRD sei der Klassenfeind“, erinnert er sich, „und plötzlich war ich selber dort.“ Auf ihn wartet nicht die große Freiheit, sondern die totale Desorientierung. Im Osten hatte er Freunde in der Schule, Böller zu Sylvester und einen Schwarzweißfernseher im Zimmer. Im Westen sind Ersparnisse, Freunde und Fernseher plötzlich weg. Erst als er aus dem Aussiedlerheim auszieht und anfängt, für ein paar Mark Zeitungen auszutragen, kann er sich „aus der Rolle des armen DDR-Kinds“ befreien. Er spart, kauft sich einen Computer, macht den Führerschein und Abitur, fährt in die USA und richtet sich die erste eigene Wohnung ein. Er wird zum jüngsten Ratsmitglied seiner neuen Heimatstadt gewählt und beginnt, zu studieren. Er tut sich zusammen und trennt sich, vielleicht einmal zu viel. Er studiert und studiert, vielleicht etwas zu lange. Seine Grundstimmung wird schlechter. Nur sein eigenes Unternehmen sorgt dafür, dass sie heute nicht ganz im Keller ist. Obwohl das Geld reicht und seine Freiheit nie größer war: Er ist frei, aus 30 Zahnpasta-Sorten die leckerste zu wählen – aber auch frei, sein Studium abzubrechen und

morgen auszuwandern. „Ich bin jung“, sagt der 32-Jährige, „alle Möglichkeiten stehen mir offen.“ Das ist ein Satz, den man oft hört – aber selten so, wie er ihn sagt. Er klingt wie jemand, der ratlos vor einem Wegweiser steht – und dann der Einfachheit halber erstmal geradeaus weiter geht. „Die Freiheit“, sagt er, „hat auch ihre negativen Seiten. Zu viel davon macht unglücklich.“ Aber so soll der Text nicht enden. Sondern mit einem Satz, den er gleich mehrmals sagt, damit er in dem langen Gespräch nicht verloren geht: „Ich bin Optimist. Ich glaube fest dran, dass die Dinge sich zum Guten wenden.“

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Auf die Plätze, fertig, FROH! FROH! stellt mit jeder Ausgabe ein gemeinnütziges Projekt vor, das sich für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Menschen einsetzt und gesellschaftliche Alternativen entwickelt. anorak21 sind Raumpioniere in Nordhessen. Interview mit Pascal Bewernick Foto: Samuel Waldeck

Vor zehn Jahren haben wir anorak21 gegründet. Mitten in Nordhessen, wo es sonst kaum Angebote für Jugendliche gibt. Zusammen mit den Dorfkids haben wir in einem Pferdestall begonnen Partys und Konzerte zu organisieren. Wir haben mit ihnen eine Miniramp und einen Streetballplatz gebaut, Filme gedreht und ein kleines Fanzine rausgebracht. Mittlerweile sind wir ein eigenständiger Verein und aktiver Teil der Jugendhilfelandschaft unseres Landkreises. Neben unserer Offenen Jugendarbeit, zu der wöchentlich zwischen 25–40 Kids kommen, veranstalten wir mit Jugendlichen Konzerte und supporten Nachwuchsbands aus unserer Region. Wir haben einen Bandproberaum und nehmen Jugendliche, die ein neues Zuhause brauchen, bei uns auf.

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Manche entdecken, wie viel Potential und Schönheit in ihnen liegt, weil andere an sie glauben. Sie wagen sich, ihr Leben zu entdecken. Ein Herzstück unserer Arbeit ist das Leben als Gemeinschaft. Zurzeit leben wir hier mit vier Familien, zwei Singles und zwei Jugendlichen, die wir betreuen, in unseren Häusern. Bei unseren gemeinsamen Mahlzeiten ist immer genug Platz, dass sich der Postbote oder die Jugendlichen aus unserem Dorf mit an unseren Tisch setzen. Als Lebensgemeinschaft teilen wir unsere Freude, unseren Zorn, unsere Trauer und wenn es erforderlich ist, auch unseren Geldbeutel. www.anorak21.de


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