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Und dann trat Jakob in unsere Welt Text: Elisabeth Leitner Fotos: Franz Litzlbauer

Elisabeth Leitner war fast 40, als sich ein Kind ankündigte. Nach allgemeinen Maßstäben eine „Risiko-Schwangerschaft“. „Ein Wunder, dass du da bist“ – so erzählt sie es jetzt. Jakob wird bald zwei. Das Leben der Eltern hat er gründlich „gewandelt“.

Mag.a Elisabeth Leitner ist Redakteurin der KirchenZeitung Diözese Linz für den Bereich Kultur. Ihr Mann Franz Litzlbauer arbeitet für die Caritas der Diözese Linz. Jakob erkundet die Welt.

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ch habe nicht mehr damit gerechnet, dass es noch passiert und ein kleiner Mensch in mein, in unser Leben tritt. Bis zum 40. Lebensjahr wollte ich mich ja gedulden, dann sollte das Thema „eigene Kinder“ erledigt sein – so lautete mein Plan. Mein Partner Franz sah das nicht ganz so streng, aber ich war mir sicher. Schließlich gab es auf dieser Welt noch viele andere Dinge zu tun: ein Studium beginnen, eine Ausbildung wagen, Meditieren, Schreiben, Kontakte pflegen und Reisen. Die Liste war schon lang – ganz ohne Baby. Und dann ist plötzlich Jakob in mein, in unser Leben getreten und die Welt ist eine andere geworden. Den ersten Schwangerschaftstest absolvierte ich heimlich, kurz vor dem jährlichen Eröffnungsabend im Landestheater: ein Programm-Überblick für das ganze Jahr sollte an diesem Abend auf der Bühne geboten werden. Und mein Jahres-Programm? Ich konnte kaum fassen, was das Sichtfeld anzeigte: Ich war schwanger! Ich hatte an diesem Abend keine Zeit mehr, um darüber nachzudenken. Ich war spät dran. Also, hinein ins Theaterleben! Niemandem von meinem Testergebnis zu erzählen, fiel mir schwer. Die nächsten Tage brachten Gewissheit. Mein Mann Franz und ich konnten es kaum glauben. Tatsächlich: ich war schwanger. Ein „Buzz“ – so nannten wir das „Bauchbaby“ – war unterwegs!

WIRD ES DAS KLEINE WESEN SCHAFFEN? Die Zeit der Schwangerschaft war eine Herausforderung für mich. Die ersten Wochen verliefen zwar problemlos. Doch dann folgten mehrere Krankenhausaufenthalte wegen verschiedener Komplikationen. Wird es das kleine Wesen schaffen? Wochenlange Übelkeit, Gewichtsverlust und starkes Erbrechen – und das über den ganzen Tag verteilt – setzten mir arg zu. Ich wälzte trübe Gedanken, fühlte mich krank, weit weg von allem, was mir bisher vertraut und wichtig war. Die Veränderungen machten mir zu schaffen. Franz umsorgte mich rührend. Da kamen Qualitäten zum Vorschein, die auch ihn selbst erstaunten und mich zuversichtlich stimmten, dass unser Nachwuchs gut versorgt sein würde. Ab der Mitte der Schwangerschaft normalisierte sich mein Zustand, es kehrte so etwas wie Alltag ein: arbeiten gehen, Termine wahrnehmen, Freundinnen treffen. Nur abends lockte mich die Couch mehr als so manches kulturelle Abenteuer. Mit dem Gewicht nahm auch meine Müdigkeit zu. Die Beine schmerzten, das Kreuz tat weh und richtig: Ich war ja auch nicht mehr die Jüngste mit 40. Eine neue Hauptbeschäftigung drängte sich auf: Babysachen organisieren und Kontroll-Termine absolvieren. Ganz schön viel Aufwand ... wer hätte das gedacht? Die Unterstützung, das Mitdenken, Mitfreuen und Mitfiebern von so vielen Seiten hat uns beide sehr beeindruckt: sämtliche Freundinnen und Freunde liehen und schenkten uns Kleidung, Möbel und Spielsachen. Franz war voller Tatendrang und kaufte gleich zu Beginn der Schwangerschaft etliche rosa Babysachen – in der festen Annahme, ein Töchterchen zu bekommen. Ich erinnere mich noch gut daran, als wir die erste Ladung Babygewand gewaschen und am Wäscheständer im Wohnzimmer aufgehängt haben. Diese Mini-Söckchen und Strampler – sollten die wirklich für unser Baby sein? Und als wir den frisch erstandenen Kinderwagen durch die Gegend schoben, konnte ich mir kaum vorstellen, dass ein paar Wochen später unser kleiner Sprössling darin schlummern würde. Würde es tatsächlich passieren?

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„Die nächsten Tage brachten Gewissheit. Mein Mann Franz und ich konnten es kaum glauben. Tatsächlich: ich war schwanger.“


LOSLASSEN VOM ALTEN In der Arbeit bereitete ich mich schweren Herzens auf den vorläufigen Abschied vor. Wochenlang sortierte ich Bücher, Presseunterlagen, Fotos aus, löschte nicht mehr benötigte Daten am Computer und bemühte mich, Platz zu schaffen für meine Karenzvertretung. Der Tag der Übergabe kam. Die Tränen liefen mir noch über die Wangen, als ich die Tür meines Arbeitsplatzes hinter mir schloss. Das Neue war noch nicht da, das Alte musste ich schon loslassen. Kein leichter Schritt für mich. Und wer war ich so ganz ohne Arbeit, ohne Kulturtermine, ohne meine Zeitung? – Gedanken wie diese wirbelten in meinem Kopf herum und sorgten am Beginn des „Mutterschutzes“ für Verwirrung. Der Geburtstermin rückte näher, und ich konnte mich von Tag zu Tag besser mit den neuen Lebensumständen abfinden. Nach vielen Arbeitsjahren war jetzt Kinder-Zeit angesagt. Gut so. Dass sich mein Leben, mein Alltag für einige Zeit radikal ändern würde, war mir klar. Franz schätzte die zukünftige Familien-Situation lockerer ein und glaubte, neben der Arbeit seinen Hobbies wie Fotografieren, am Computer arbeiten und Tennis spielen, nachgehen zu können, ganz nach dem Motto: „Das Baby wird ja auch mal schlafen wollen ...“. Ich war mir da nicht so sicher. – Ich hatte noch die aufwühlenden Erzählungen schlafloser Nächte und anstrengender Tage von jungen, frischgebackenen Eltern im Ohr, erinnerte mich an die schwarzen Ringe unter den Augen mancher Freundinnen und den meist gehörten Satz: „Keine Zeit mehr für irgendwas!“

ÄNGSTE, SORGEN Ich versuchte in den letzten Wochen der Schwangerschaft „alles niederzureißen“, wurde jedoch von meinem Körper und meinem „Buzz“ immer wieder in die Schranken

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gewiesen. Mein Credo „Geht nicht, gibt’s nicht“ fing zu bröckeln an. Die gutgemeinten Ratschläge von Freundinnen nach dem Motto „Genieß die Zeit, die du noch hast“ verhallten ungehört. Wie ich mit 20 kg mehr um die Hüften als Genussspecht durch die Gegend laufen sollte, blieb mir ein Rätsel. Ich kämpfte mit meinen Ängsten, machte mir als „Risiko-Schwangere“ Sorgen um die Gesundheit meines Babys – und war schließlich bereit für das große Ereignis. Und dann – trat Jakob in unsere Welt. Auf einmal war er da, und nichts schien mir so wie früher zu sein. Dieses kleine Wesen, das uns alle anrührte, zu Tränen rührte und mit seinem Dasein überwältigte. Noch nie habe ich in meinem Leben so intensive Glücksgefühle gespürt als in den ersten Tagen und Stunden nach seiner Geburt. Und ich hätte nur milde – und vielleicht ein wenig verständnislos – gelächelt, wenn mir jemand in diesen Worten von der Geburt seines Kindes erzählt hätte. Im Krankenhaus fühlte ich mich zeitweise, als wäre ich auf einem anderen Planeten gelandet: dauerstillen, verzweifeln, weil es nicht klappt, Milch abpumpen, Fläschchen geben, stundenweise schlafen, Sorgen machen um den kleinen Wicht. Bekommt er genug zu essen? Viel Unsicherheit begleitete die ersten Tage. – Auf einmal Eltern, plötzlich „Mama“ und „Papa“ zu sein und von anderen so bezeichnet zu werden, fühlte sich erstaunlicherweise gar nicht komisch an. Groß war nach einer Woche die Aufregung beim Verlassen des Krankenhauses. Jetzt waren Franz und ich alleine für Jakob verantwortlich. Würden wir, als frisch gebackene, spät berufene Eltern, „alles richtig“ machen? Ich, die ich nie besonders häuslich war, verbringe seither meine Tage mit Jakob zuhause. Die ersten Wochen und Monate verlangten uns dreien einiges ab. Stillen ohne Pause, häppchenweise Schlafen, ständig darauf bedacht sein, dass es dem Kleinen gut geht und

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die eigenen Bedürfnisse hintan stellen – soviel Flexibilität, Kreativität und Einsatz Tag und Nacht entrissen mir den Satz: „Mama-Sein: der anstrengendste Job, den ich je gemacht habe!“. Franz nimmt seine Vater-Rolle sehr ernst und bemüht sich, Jakob trotz seines 40 Stunden-Jobs oft zu sehen, zu betreuen, für ihn da zu sein. Morgens und abends ist daher Papa-Zeit. Seine Aufgabe ist es, den Kleinen fit für den Tag bzw. die Nacht zu machen. Das kostet Kraft und geht an die Substanz. Wenn Franz und ich abends müde und erschöpft auf der Couch landen, wollen wir nur noch eines: Ruhe!

SCHÖN UND ANSTRENGEND IST ES Spielgruppe, Schwimmkurs, mit Freudinnen treffen sind nun die Höhepunkte meiner Woche. Die Abendtermine im vergangenen Jahr kann ich an einer Hand abzählen. Konzert- und Kinobesuche haben einen aufregenden Seltenheitswert. „Schön und anstrengend ist es“, antworte ich meistens auf die Frage nach meinem Wohlbefinden. Es ist nicht so, dass ich mich plötzlich am Herd selbst verwirkliche und beim Putzen mein Selbstwert aufgemöbelt wird. Es ist Teil der momentanen Vereinbarung. Nicht mehr, nicht weniger. Nach Jakobs zweitem Geburtstag haben wir vor, die Zeiten für das Arbeits- und Familienleben neu aufzuteilen. Jetzt bin ich gerne für Jakob da. Da sich auch die Großeltern mit viel Begeisterung einbringen, ergibt sich so manche Frei-Zeit für Mama und Papa. Einmal durchschnaufen, Zeitung lesen, ins Museum gehen oder in der Sonne liegend ein Nickerchen machen ... Herz, was willst du mehr!

EIN WUNDER, DASS DU DA BIST Jeden Tag staune ich, mit welchem Eifer Jakob die Welt entdeckt und sie sich vertraut macht. Beobachten, schauen, nachahmen, den eigenen Willen kundtun zählen zu seinen Haupttätigkeiten. Der kleine Zwerg schläft wenig, braucht viel Aufmerksamkeit und schenkt unendlich viel Freude. Unglaublich, wie so ein kleiner Mensch die Welt – meine, unsere Welt – verändern kann. Wenn er, so wie jetzt, durchs Wohnzimmer krabbelt, Stecker und Kabel herauszieht, auf der Flöte trötet, meine Aktenhüllen aus der Schublade räumt und dabei alles brabbelnd kommentiert, muss ich lächeln: „Was für ein Wunder, dass du da bist“, denk ich mir. Für das Geschenk seines Lebens, das Franz und mich überrascht hat, sind wir beide dankbar. Tag für Tag.

Jeder Tag schlägt eine neue Seite auf.

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Und dann trat Jakob in unsere Welt  

Aus dem Jahrbuch der Diözese Linz 2013

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