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06 Konzert 0418 LE:! Muster HA 22.03.18 19:30 Seite 6

KONZERT N Text: Mathias Schulze; Bild: Ute Langkafel

Weiße Stutzen, rote Kappe: Torsten Scholz, Jahrgang ´73, und seine Beatsteaks kommen nach Leipzig.

Lösen und durchdrehen K Die Beatsteaks haben gerade mit „Yours“ ein Album rausgehauen, das Gäste wie Deichkind, Stereo Total, Farin Urlaub, Francoise Cactus oder Jamie T. begrüßt. Im April kommt die Band in die Arena, ein Old-School-Rockkonzert vom Feinsten steht ins Haus. Grund genug, beim Bassisten und gebürtigen Leipziger Torsten Scholz nachzufragen

Lassen Sie mich mit einer These beginnen: Selbst der unpolitischste Künstler macht Politik, er stützt oder schwächt eine Sache durch seine Haltungslosigkeit. Künstler, die sich in heutigen Zeiten nicht positionieren oder niemanden gegen sich aufbringen, sind ein Trauerspiel. Was halten Sie davon? Stimmt total. Jeder, der sich nicht äußert, ist ein Trauerspiel. Die Beatsteaks sind zwar keine explizit politische Band, also nicht in dem Sinne, wie es beispielsweise „Slime“ sind, aber das Interesse an den gesellschaftlichen Vorgängen ist bei uns sehr stark ausgeprägt. Die Historie der Band ist voll mit Protesten gegen Armut und Nazis. Spüren Sie einen gesellschaftlichen Druck, immer und immer wieder Stellung zu beziehen? Gerade heute, also Mitte März, haben wir das Thema wieder besprochen. Da unsere DNA, unsere humane Haltung, hinlänglich bekannt und schnell zu erkennen ist, geht die Frage eher so: Wie können wir diejenigen lokalen Institutionen, die uns ansprechen, einbinden? So können beispielsweise die Nichtregierungsorganisationen „Amnesty International“ oder „Pro Asyl“ ihre Infostände während der Konzerte hinstellen. Natürlich verknüpft sich damit die Hoffnung, dass sich die Konzertbesucher dort auch Informationen abholen.

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FRIZZ April 2018

Beatsteaks-Fans machen das sicherlich, aber … Die Situation ist doch so: Nehmen wir beispielsweise Helene Fischer, da geht es um die ganz große Reichweite. Da kommt nichts. Kein Aufruf zur Solidarität, keine Abgrenzung zu irgendwas. Das ist doch unglaublich. Diese Forderungen haben schon andere erhoben, Udo Lindenberg, Campino, Klaas Heufer-Umlauf. Sie können sich darauf schon einen Reim machen, oder? Ich kann spekulieren. Sie können das, ebenso wie die Leser, auch. Und wir können den Fakt festhalten, dass Sie sich gar nicht positioniert. Das gilt für fast die gesamte Schlagerbranche, Roland Kaiser ausgenommen.

sind. Oder hängt Deichkind oder Farin Urlaub bei uns im Proberaum ab, ist der Schritt zur Zusammenarbeit ein kleiner.

„Nehmen wir Helene Fischer, da geht es um die ganz große Reichweite. Da kommt nichts. Kein Aufruf zur Solidarität, keine Abgrenzung zu irgendwas. Das ist doch unglaublich!“

Auf dem neuen Album „Yours“ empfangen die Beatsteaks Kollegen wie Deichkind, Stereo Total und Farin Urlaub: Ist das im Jahr 2018 eine notwendige Kollektivierung, um sich auf dem Markt gegen Frau Fischer oder auch gegen Frei.Wild zu behaupten?

In einem Interview auf www.laut.de sprachen Sie über innerlichen Druck vor Konzerten, gerade hat der Fußballer Per Mertesacker über Brechreiz und Durchfall als Folge des enormen Leistungsdruckes gesprochen. Und tatsächlich gibt es auch Musikkritiker, die mit Sprüchen wie „gut oder schlecht abgeliefert“ hantieren. Reden wir zu wenig über eine zynische Leistungsgesellschaft?

(lacht). Nein. Mit Helene Fischer konkurrieren wir nicht. Was vielleicht von außen wie eine „Einheitsfront“ aussieht, ist in Wirklichkeit das Produkt vieler Zufälle. Hat man beispielsweise einen Flügel an Stereo Total verliehen, stellt man fest, dass das coole Leute

Ich möchte meine Situation nicht mit den Fußballern vergleichen. Klar, die Aufregung ist vor jedem Konzert auf jeden Fall immer da. Das liegt aber daran, dass wir einen hohen Anspruch an uns selbst haben, dass wir uns ehrlich im Spiegel anschauen wollen. Der

Druck kommt bei uns eher von innen, nicht von außen, nicht von Aktiengesellschaften. Wir wollen gut gelaunt von der Bühne gehen. Schaffen wir das, dann hatten auch die Besucher Spaß. Das sind komplett andere Voraussetzungen als im Profifussball. Wir sind Typen, die Mugge machen, die Spaß daran haben und deswegen den restlichen Kram drumherum dafür in Kauf nehmen. Irgendwo las ich diese berühmte Lückenfüllerfrage nach den Alben, die Sie auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Ganz oben auf der Liste stand Fehlfarbens „Monarchie und Alltag“. Tatsächlich hat dieses Album einen magischen Charme. Ist so ein Meilenstein heute, 38 Jahre später, inmitten der großen „Alternativlosigkeit“ und Digitalisierung noch möglich? Ich frage nach den gesellschaftlichen Randbedingungen musikalischer Produktionen und Rezeption …. „Monarchie und Alltag“ ist schon etwas ganz Besonderes. Da stimmt der Sound, da stimmt die Mischung, da stimmt der Text, da gibt es diese Gesangsstimme, die nicht wirklich singt. Und klar: Die gesellschaftlichen Randbedingungen, Mentalitäten und die habitualisierten Verhaltensweisen der Musikrezeption haben sich durch die Digitalisierung verändert. Zu glauben, dass dadurch heute keine künstlerische Magie mehr möglich ist, halte ich aber für falsch. Man muss halt mal ein bisschen gucken, was es so gibt. Da sind schon richtig starke Dinge dabei, ich nenne nur ein paar Namen: Die Bands „Pisse“, „Human Abfall“, „Die Nerven“, „Kinderzimmer Productions“, „K.I.Z“ oder „Turbostaat“. Bei den Beatsteaks prallen ost- und westsozialisierte Musiker aufeinander … Bei uns prallen die verschiedensten Sozialisierungen aufeinander, all das bedingt auch den künstlerischen Habitus. Mittlerweile können wir nicht mehr sagen, ob diese Unterschiede was mit dem Osten oder Westen zu tun haben. Dafür kennt auch jeder den Weg und die Welt des anderen zu gut. N Beatsteaks, 13. April, Arena Leipzig, 20 Uhr

Frizz 0418 Leipzig  

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