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06-07 Gesellschaft 0212 LE:! Muster HA 23.01.12 18:19 Seite 6

GESELLSCHAFT N Text & Foto: Gernot Borris

„DIE Migrantin gibt es nicht“

Das Buch „8 km2 Integration“ schildert Migration im Leipziger Westen aus interkultureller Frauensicht. Am Projekt beteiligt waren: Ana Sanchez Santolino (2.v.l.), Eva Brackelmann (5.v.l.) und Katharina Kleinschmidt (6.v.l.).

K Einwanderung und Integration am Beispiel des Leipziger Westens

Leipzigs Westen wandelt sich. Fabrikschornsteine und Industriearbeiter prägen schon lange nicht mehr die Szenerie. Der Leipziger Westen gibt sich kreativ, vielfältig und bunt. Diese Vielfalt ist immer mehr eine interkulturelle, die Menschen aus ganz unterschiedlichen Herkunftsländern prägen. Wie Frauen im Leipziger Westen ihren multiethnischen Alltag erleben, davon erzählen einige von ihnen in dem jüngst erschienenen Buch „8 km² Integration - der Leipziger Westen aus interkultureller Frauensicht“. Es entstand zwischen Mai und Dezember 2011 mit Unterstützung des Bundesprogramms „Stärken vor Ort“ und ist nun im Lindenauer Verlag Paperone erschienen. Die Bilder im Band stammen von der Leipziger Fotografin Christiane Eisler. Der Buchtitel klingt irgendwie nach Erzählungen vom „Migrationshintergrund“. Dieses in unserer zeitgenössischen Amts- und Hochsprache so oft bemühte Wort offenbart schon rein phonetisch eine Problem beladene Sicht auf das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Das Buchprojekt ist jedoch anders angelegt. „Die Migrantin gibt es nicht“, betonen die beiden Herausgeberinnen Eva Brackelmann und Katharina Kleinschmidt. Für das Megathema Migration und Integration zukunftsweisend ist aus ihrer Sicht ein potenzial-orientierter Ansatz. Migrantinnen brächten Ressourcen und Potenziale ein, die eine Chance für unsere Gesellschaft sein können. „So muss Mehrsprachigkeit in einer Kindertagesstätte kein Problem darstellen“, führen die Herausgeberinnen als Beispiel an, „sondern kann für alle anderen Kinder die Möglichkeit zum Spracherwerb einer fremden Ausdrucksweise bieten.“ In der Tat: Mehrsprachige Kindertagesstätten sind bei bildungsbewussten Eltern stark angesagt. Denn im frühkindlichen Alter prä-

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FRIZZ Februar 2012

nischen Republik, Ecuador, Russland, Spanien, Tadschikistan, der Türkei, der Ukraine und sehr verschiedenen Regionen Deutschlands. So kreisen die Berichte der Frauen um eines der ältesten Themen der Menschheit im Allgemeinen und von Büchern im Besonderen. Es geht um Ankommen, Zugehörigkeit, Heimat und die Suche nach Identität. Da ist Ana Sanchez Santolino. Vor zwölf Jahren kam die Spanierin als „unschuldige und erfahrungsdurstige Erasmus-Studentin“ nach Heidelberg. Ganz „unvorhersehbar und „Ich habe es gehasst, vollkommen ungeals Ausländerin an meinem plant“ lebt sie mittlerAkzent ‚enttarnt‘ zu werden.“ weile mit ihrem deutAna Sanchez Santolino, immigriert aus Spanien schen Mann und den gemeinsamen Kindern in Leipzig. „Ich habe nicht nur eine group, eine spanischsprachige neue Heimat und meine Familie Spielgruppe und schließlich ein gefunden, ich habe auch mich spanischer Trommelkurs und ein selbst gefunden“, lautet Anas ReKindertanzkurs dazu. sümee. Natürlich erzählen die GeschichAna erlebte an sich das, was wisten der Frauen auch von den senschaftliche Erkenntnisse sowie Schwierigkeiten, sich in einer ununsere Alltagserfahrung uns gleivertrauten und nicht nur sprachchermaßen nahe legen. Die Zugelich unverständlichen Gegend zuhörigkeit zu einer uns prägenden rechtzufinden. Von Vorurteilen und Stereotypen ihnen gegenüber Gruppe nehmen wir meist erst ist verschiedentlich die Rede. dann bewusst wahr, wenn wir uns Die am Buchprojekt beteiligten plötzlich in einem anderen sozialen Frauen kommen ursprünglich aus oder geografischen Umfeld beweArgentinien, Chile, der Dominikagen. Zeichen landsmannschaftligen sich sprachliche Grundmuster bei Kindern im alltäglichen Austausch mit Muttersprachlern beinahe wie von selbst ein. Eine solche Entwicklung beobachtet Antje Al-Abbadi vom Plagwitzer Familienzentrum Treffpunkt Linde in ihrem Haus nebst Kita seit etwa zwei Jahren. Erst kamen vermehrt Mütter mit Migrationshintergrund, schreibt sie in dem Buch. Mit der Zeit entstand eine interkulturelle Krabbelgruppe. Später kamen in Selbstorganisation eine englischsprachige Play-

cher Zugehörigkeit setzt man eher an fernen Stränden, als am heimischen Badestrand. Doch Ana ist in Leipzig nicht auf Urlaub. Ihr neues Umfeld erwartete von ihr „typisch spanische“ Eigenheiten. Selbst die Kartoffelsuppe nach sächsischem Rezept hielten ihre deutschen Gäste für eine spanische Spezialität. Ana hingegen wollte unbedingt dazugehören. „Am Anfang habe ich meine eigene Herkunft teilweise abgelehnt“, schreibt sie im Rückblick, „ich wollte die deutsche Kultur förmlich aufsaugen, ich habe es gehasst, als Ausländerin an meinem Akzent ‚enttarnt’ zu werden.“ Mit der Zeit gelang ihr die Balance zwischen beiden Kulturen. Die Geburt ihrer Kinder veränderte dann alles. Sie sollten „das weitertragen, was ich bin“. Ana sieht sich seit dem in ihrer eigenen Familie als einzige Bastion ihrer spanischen Herkunftsfamilie. Unser menschlicher Bauplan hilft Ana bei ihrem Unterfangen. Mittels Spiegelneuronen nehmen Kinder das Verhalten ihrer Eltern auf und speichern so implizit kulturspezifische Verhaltensmuster, lernte Ana bei einem Vortrag. Damit sei mit der Pubertät der Kinder größtenteils Schluss. Doch bis dahin hat Ana ja noch etwas Zeit.

Frizz 0212 Leipzig  

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