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21.05.2010

17:49 Uhr

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GESELLSCHAFT N Text: Jürgen W. Schmidt

Der letzte Platz K Die Stadt Halle hat ja ein gewisses Talent, überregional für negative Schlagzeilen zu sorgen. Jüngstes Beispiel: Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, ist Halle die ärmste Großstadt Deutschlands. Das kann man als Einheimischer natürlich sportlich sehen und sagen: „Was soll’s, haben wir mal wieder den letzten Platz“, wie es viele in Halle tun. Man kann es aber auch mit Prof. Dr. Martin Rosenfeld vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle halten, der die Ursachen genau untersucht hat und im FRIZZ-Interview ein deutlich differenzierteres Bild zeichnet, als es die Statistik aussagt.

Herr Prof. Rosenfeld, die uns vorliegenden Zahlen des Prokopfeinkommens sind von 2007. Sind die noch aktuell? Die Erhebung von 2007 ist noch relativ aktuell. Wenn man bedenkt, dass im Jahr 2008 die globale Wirtschafts-und Finanzkrise eingesetzt hat, die natürlich zu Verwerfungen geführt hat, da kann man 2007 schon als normales Jahr sehen. Ist diese Erhebung für Halle ein Imageschaden? Ja und nein! Es hängt davon ab, wie wir den Imageschaden interpretieren. Der Hauptgrund für die scheinbar ungünstige Platzierung von Halle liegt darin, dass Halle in die falsche Liga einsortiert wird. In dieser Erhebung sind alle Oststädte am Schluss aufgeführt. Deshalb müssten eigentlich – leider eine Erste und eine Zweite Liga geführt werden: für Ost- und Weststädte. Schaute man sich dann die Zweite Liga aller ostdeutschen Städte näher an, würde Halle mit 230.000 Einwohnern im Mittelfeld der Zweiten Liga landen. Aber das ist eben die rein administrative Sicht. Welche ist die ökonomische? Betrachtet man die Stadt ökonomisch, so ist sie eigentlich eher mit Städten wie z. B. Weimar oder Jena zu vergleichen. Und in dieser Liga sähe Halle eigentlich recht gut aus. Die Ursache dafür, das Halle ökonomisch kleiner ist als dies in den Einwohnern zum Ausdruck kommt, liegt darin, dass Halle nicht wie Dresden und Leipzig die Speckgürtel eingemeindet hat. Damit verlieren wir in Halle viele der Besserverdienenden, die im Stadtumland wohnen und nicht in der Stadt. Würde man diese mit ihrem Einkommen der Stadt Halle zu-

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FRIZZ Juni 2010

rechnen, so wäre das Einkommen in Halle deutlich höher. Das heißt, wenn ich Leipzig und Dresden in den Grenzen von 1998/99 vor der Gebietsreform in Sachsen nehmen würde, hätten diese Städte auch ein schlechteres Ergebnis beim Einkommen der privaten Haushalte als jetzt.

Welche Gründe gibt es noch? Der zweite Grund für die relativ geringe ökonomische Größe von Halle ist ein Mangel an Zentralität, das heißt, Halle nimmt nur begrenzt zentral örtliche Aufgaben wahr. Halle nennt sich zwar Oberzentrum, aber wenn man die nächstliegenden Städte, wiederum aus ökonomischer Sicht, betrachtet wie Magdeburg oder Rostock, dann sieht man doch, dass diese wesentlich zentraler im Gesamtraum liegen als Halle.

„Es gibt viele Fehlentscheidungen, die schon vor der Wende getroffen wurden.“

Die Speckgürtel nicht eingemeindet und das Umland findet nicht den Weg zum Einkaufen in der Stadt: „Halle hat sich heute wirtschaftlich fast so abgeschottet wie früher durch die Stadtmauern.“ Prof. Dr. Martin Rosenfeld, Institut für Wirtschaftsforschung Halle

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