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FriEnt‐Team

Inhalt

FriEnt wird 10! Umfangreiche Aktivitäten im  Jubiläumsjahr 

FriEnt‐Team FriEnt wird 10! Umfangreiche Aktivitä‐ ten im Jubiläumsjahr

Am 1. September 2001 gründeten staatliche Organisa‐ tionen,  kirchliche  Hilfswerke,  zivilgesellschaftliche  Netzwerke  und  politische  Stiftungen  mit  FriEnt  eine  einzigartige  Vernetzungs‐  und  Lernplattform.  Seit  nunmehr  zehn  Jahren  fördert  FriEnt  den  vertrauens‐ vollen Dialog zwischen Staat und Zivilgesellschaft, regt  Kooperationen  an  und  unterstützt  den  Kompetenz‐ aufbau bei seinen Mitgliedern.   Im Jubiläumsjahr 2011 blicken wir auf die letzten zehn  Jahre  entwicklungspolitischer  Friedensarbeit  zurück.  Gemeinsam  mit  den  FriEnt‐Mitgliedern  wollen  wir  daraus  aktuelle  Herausforderungen  ableiten  und  da‐ mit verbundene Handlungsoptionen für staatliche und  zivilgesellschaftliche Akteure diskutieren.  

Eine Reihe von Fachgesprächen wird in verschiedenen  thematischen  Bereichen  dazu  beitragen.  Neben  den  Fortschritten und „Baustellen“ bei der Integration von  Friedensförderung in klassische Sektoren der Entwick‐ lungszusammenarbeit – Bildung, Gesundheit und Land  –  stehen  der  Blick  auf  die  internationale  Ebene,  um‐ fassende  Ansätze  sowie  Transformations‐  und  Demo‐ kratisierungsprozesse auf dem  Programm.   Weitere Informationen  Marc Baxmann, FriEnt  Marc.Baxmann@bmz.bund.de Natascha Zupan, FriEnt  Natascha.Zupan@bmz.bund.de

Neuer Name  Arbeitsgemeinschaft Frieden  und Entwicklung (FriEnt) ‐ mit  diesem neuen und einheitli‐ chen Namen tragen wir den  Entwicklungen der letzten zehn  Jahre Rechnung. 

FriEnt‐Rundtisch Nahost: Der Men‐ schenrechtsansatz in Palästina

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Mitgliedsorganisationen FES/ÖNZ: Wahlen in der DR Kongo – Konfliktlinien und Konsequenzen 

EED: Sorge um politische Rahmenbe‐ dingungen für zivilgesellschaftliche  Friedens‐ und Entwicklungsarbeit

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ZIF: Briefing zur Vernetzten Sicherheit 

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ZIF: Neue UN‐Empfehlung zur zivilen  Friedenskonsolidierung

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BMZ: INCAF veröffentlicht Planungshil‐ fen zu "Armed Violence Reduction"

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Impuls Natascha Zupan:   Alte und neue Wege beschreiten FriEnt Tipps & Infos  Weltentwicklungsbericht 2011 zu  "Konflikt, Sicherheit und Entwicklung" Weltbildungsbericht: Bildung durch  bewaffneten Konflikt gefährdet

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Eine achtteilige  Essay‐Serie  begleitet  die  FriEnt‐Aktivitäten  im  Jubi‐ läumsjahr.  Zum  Start  geht  Natascha  Zupan  in  dieser  Ausgabe  der  FriEnt  Impulse  ausgewählten  Trends  der  letzten  zehn  Jahre  nach  und leitet daraus alte und neue Herausforderungen ab.  Gleichzeitig  soll  das  zehnjährige  Jubiläum  auch  dazu  dienen,  die  Themen,  Stärken  und  Beiträge  entwicklungspolitischer  Friedensar‐ beit  sichtbarer  zu  machen.  Zum  Start  in  das  Jubiläumsjahr  präsen‐ tiert  die  Arbeitsgemeinschaft  auch  ihr  neues  Logo.  Die  etablierte  Pfeilform  wurde  dabei  aufgegriffen  und  weiterentwickelt.  Symbo‐ lisch  steht  das  Logo  damit  für  die  Untrennbarkeit  von  Frieden  und  Entwicklung.  Bei  FriEnt  arbeiten  die  Mitglieder  der  Arbeitsgemein‐ schaft  gemeinsam  an  der  konkreten  Ausgestaltung.  In  Kürze  wird  auch  die  Homepage  überarbeitet.  Bereits  jetzt  freuen  wir  uns über  Ihre  Rückmeldungen  zum  neuen  Logo  und  zum  neuen  Design  der  Impulse! 

  FriEnt ist eine Arbeitsgemeinschaft von: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Ent‐ wicklung (BMZ) | Evangelischer Entwicklungsdienst (EED) | Friedrich‐Ebert‐Stiftung (FES) | Deutsche Ge‐ sellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH | Heinrich‐Böll‐Stiftung (hbs) | Katholische Zent‐ ralstelle für Entwicklungshilfe / Misereor | Konsortium Ziviler Friedensdienst | Plattform Zivile Konfliktbe‐ arbeitung / Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) | Zentrum für Internationale Friedenseinsätze (ZIF) 

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FriEnt‐Rundtisch Nahost: Der Menschenrechtsansatz in Palästina  Was verstehen wir unter dem „Menschenrechtsansatz“ in der Entwicklungszusammenarbeit  und wie systematisch wenden wir ihn an? Welche Erfahrungen existieren in der Umsetzung  in Israel und Palästina, wo liegen Chancen und Grenzen für die entwicklungspolitische Frie‐ densarbeit  und  wie  können  zivilgesellschaftliche  und  staatliche  Akteure  ihr  Handeln  kom‐ plementär gestalten? Anknüpfend an den letzten FriEnt‐ Rundtisch  Nahost  standen  diese  Fragen  im  Mittelpunkt    des Treffens Ende März in Berlin mit knapp 30 Teilneh‐ Weitere Informationen  menden.   Zunächst  gab  Andrea  Kämpf  (Deutsches  Institut  für  Menschenrechte) einen Überblick über die Kernelemen‐ te  des  Menschenrechtsansatzes,  wie  die  Menschen‐ rechtsstandards und ‐prinzipien und die dualistische Be‐ trachtungsweise  von  Pflichten‐  und  Rechtsträgern.  Tsafrir  Cohen  (medico  international)  und  Giancarlo  de  Picciotto  (Direktion  für  Entwicklung  und  Zusammenar‐ beit, DEZA) berichteten im Anschluss von der Arbeit vor  Ort,  ihren  Erfahrungen  mit  dem  Menschenrechtsansatz  und  beschrieben  Herausforderungen  aus  ihren  jeweili‐ gen Perspektiven. 

Bodo Schulze, FriEnt  Bodo.Schulze@bmz.bund.de

Links & Literatur  Human Rights and the Imbalance of  Power: The Palestinian‐Israeli Conflict Berghof Handbook Dialogue No. 9 |  Marwan Darweish | 2010  The Human Rights‐Based Approach in  German Development Cooperation   GTZ, DIMR | 2009 

Die Diskussion  zeigte,  dass  der  Menschenrechtsansatz  Deutsches Institut für Menschenrechte  von  den  Vertreterinnen  und  Vertretern  der  staatlichen  (DIMR) und  zivilgesellschaftlichen  Akteure  unterschiedlich  sys‐ medico international tematisch in der Planung und Durchführung von Vorha‐ DEZA in Gaza und der Westbank ben genutzt wird, nicht zuletzt aufgrund seiner Komple‐ xität. Dennoch prägt der Ansatz indirekt große Teile der  Arbeit  vor  Ort.  So  böten  Menschenrechte  und  das  Hu‐ manitäre  Völkerrecht  nicht  nur  einen  rechtlichen  Rahmen,  sondern  auch  einen  politischen  Hebel  für  die  Stärkung  benachteiligter  Gruppen.  Ferner  integriere  die  gleichzeitige  Arbeit  mit  Rechts‐  und  Pflichtenträgern  das  Ziel  der  Veränderung  gesellschaftlicher  Machtbezie‐ hungen  bereits  in  den  Arbeitsprozess  –  und  zwar  nicht  nur  beim  Einfordern,  Erhalten  und  Stärken  der  politischen  und  bürgerlichen,  sondern  vor  allem  auch  der  wirtschaftlichen,  so‐ zialen  und  kulturellen  Rechte.  Denn  die  langfristige  Veränderung  gesellschaftlicher  Macht‐ beziehungen zugunsten marginalisierter Bevölkerungsteile sei nicht nur mittelfristig zur Ver‐ besserung  der  Lebensbedingungen  wichtig,  sondern  langfristig  auch  zur  Bearbeitung  von  Konfliktursachen von großer Bedeutung.   Die  Potentiale  für  die  entwicklungspolitische  Friedensarbeit  in  Palästina  und  Israel  wurden  daher als hoch eingestuft, insbesondere wenn der Ansatz stärker als bisher als Analyserah‐ men  für  Vorhaben  genutzt  würde.  So  könnte  die  friedenspolitische  Relevanz  in  einem  von  großen Machtasymmetrien geprägten Umfeld gestärkt werden – auch im Sinne des „Do no  harm“ und der Frage, ob und inwieweit die eigene Arbeit den Status Quo vor Ort festige. Die  spezifischen  politischen  Rahmenbedingungen  stellten  externe  sowie  lokale  Akteure  aller‐ dings  vor  große  Herausforderungen:  So  dürfe  die  Erbringung  staatlicher  Leistungen  nicht  durch  Dritte  substituiert  werden,  selbst  wenn  die  Pflichtenträger  nicht  immer  eindeutig  i‐ dentifiziert  und  zur  Rechenschaft  gezogen  werden  könnten  (israelische  Regierung,  Palästi‐ nensische  Autonomiebehörde,  De‐facto‐Regierung  in  Gaza).  Ebenso  erschwere  eine  schlei‐ chende  Entdemokratisierung  in  Teilen  der  palästinensischen  und  israelischen  Gesellschaft  die Arbeit mit rechtsbasierten Ansätzen. Mit Blick auf komplementäres Arbeiten staatlicher  und zivilgesellschaftlicher Akteure böten sich hinsichtlich Strategien, Ebenen und Partnerzu‐

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gänge große Potentiale, die bislang nur zum Teil genutzt würden. Hierzu seien gemeinsame  Kontextanalysen  wichtig,  um  beispielsweise  Doppelstrukturen  zu  vermeiden  und  Verant‐ wortlichkeiten und Rollen zu klären. Zudem müsse die Risikobereitschaft der Akteure realis‐ tisch  eingeschätzt  und  der  Frage  nachgegangen  werden,  auf  welchen  (politischen)  Ebenen  sie bereit sind, Menschenrechte einzufordern.  Vor  dem  Hintergrund  der  Umbrüche  in  Nordafrika  und  dem  Nahen Osten reflektierten die  Teilnehmenden im zweiten Teil des Rundtisches die Entwicklungen in der Region und disku‐ tierten die Herausforderungen für die Arbeit vor Ort. Beeindruckt von der Kraft der nationa‐ len  Bewegungen,  waren  sich  alle  einig,  dass  die  Unterstützung  von  außen  nicht  vorschnell  und  auf  der  Grundlage  genauer  Analysen  erfolgen  müsste.  Der  Rundtisch  wird  diese  Ent‐ wicklungen  weiterverfolgen  und  sich  den  Herausforderungen  des  Menschenrechtsansatzes  in Palästina auch in Zukunft widmen. 

Mitgliedsorganisationen FES/ÖNZ: Wahlen in der DR Kongo – Kandidaten, Konfliktlinien, Konsequenzen  Die bevorstehenden Parlaments‐ und Präsidentschaftswahlen in der Demokratischen Repu‐ blik  Kongo  (DR  Kongo)  waren  das  Thema  einer  Podiumsdiskussion,  die  das  Ökumenische  Netz  Zentralafrika  gemeinsam  mit  der  Friedrich‐Ebert‐Stiftung  am  18.  April  2011  in  Berlin  veranstaltete.   Daniel Stroux, der Interimsleiter der Wahldivision der Blauhelmmission MONUSCO in der DR  Kongo erläuterte die technische und logistische Unterstützung von Seiten der Vereinten Na‐ tionen  bei  den  anstehenden  Wahlen.  Aufgrund  organisatorischer  Schwierigkeiten  bei  der  Wähler‐ und Kandidatenregistrierung in allen Provinzen ist derzeit noch unklar, ob die Wah‐ len wie geplant im November stattfinden werden. Eine schwach  ausgebildete  Infrastruktur  und  die  teure,  technisch  aufwendige    Erstellung der Wählerlisten und Wahlzettel tragen dazu bei, die  Weitere Informationen  Wahlvorbereitung  ebenso  zu  verzögern  wie  das  ausstehende  Wahlgesetz, das vom Parlament immer noch nicht abschließend  Ilona Auer‐Frege. ÖNZ  beraten und beschlossen ist. Sollten die Wahlen des Präsidenten  office@oenz.de und  des  Parlaments  allerdings  nicht  wie  in  der  Verfassung  vor‐ Florian Dähne, FES  gesehen bis zum 6. Dezember stattgefunden haben, würde dies  Florian.Daehne@fes.de zu einem Legitimationsproblem der amtierenden Regierung füh‐ ren.   Links & Literatur  Jean  Claude  Kibala,  Vize‐Gouverneur  des  Süd‐Kivu,  betonte  die  Bedeutung  von  Wahlen  auf  lokaler  Ebene  für  eine  Vertiefung  Ökumenische Netz Zentralafrika des  kongolesischen  Demokratisierungsprozesses.  Seit  über  40  FES International / Afrika Jahren  ist  in  der  DR  Kongo  nicht  mehr  auf  Provinz‐,  Distrikts‐  und Gemeindeebene gewählt worden. Im Gegensatz zu den Prä‐ sidentschafts‐  und  Parlamentswahlen  sind  auch  dieses  mal  von  Geberseite  bislang  keine  finanziellen  Mittel  für  Lokalwahlen  eingeplant.  Für  Kibala  ist  der  Aufbau eines funktionierenden Staatsapparates allerdings eng verknüpft mit den Partizipa‐ tionsmöglichkeiten der Bevölkerung auf lokaler Ebene. Nur mündige, aktive Bürger könnten  sich für wirtschaftliche Fortschritte einsetzen und vor Ort Politiker aufgrund ihrer Leistungen  bewerten und gegen Korruption direkt vorgehen.   Der kongolesische Pfarrer und Menschenrechtsaktivist Jean‐Gottfried Mutombo unterstrich  die  Bedeutung  freier  Wahlen  als  Identitätsstifter  für  die  kongolesische  Bevölkerung.  Aller‐

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dings müsse,  um  die  Wahlen  gerecht  und  fair  abhalten  zu  können,  ein  viel  stärkeres  Be‐ wusstsein  innerhalb  der  Bevölkerung  geschaffen  sowie  eine  stärkere  Sensibilisierung  über  die Bedeutung von Wahlen in einem demokratischen Prozess angestoßen werden. Nach wie  vor  sei  die  Korruption  nicht  ernsthaft  angegangen  und  neben  der  herrschenden  Straflosig‐ keit eines der zentralen Probleme in der Gesellschaft. Diese Faktoren hätten zu einer Desil‐ lusionierung in der Zivilgesellschaft geführt, die sich von den Wahlen 2006 massive Verbes‐ serungen  erhofft  hatte,  inzwischen  aber  kaum  noch  die  Erwartung  hege,  dass  Wahlen  tat‐ sächlich zu positiven Veränderungen in ihrem von Gewalt und Korruption geprägten Umfeld  führen könnten.  Die  Journalistin  Andrea  Böhm  merkte  an,  dass  sich  die  Durchführung  von  zweiten  freien  Wahlen  in  einem  fragilen  Staat  wie  der  DR  Kongo  immer  schwieriger  gestalte  als  die  hoffnungsbringenden  ersten  freien  Wahlen  nach  einem  politischen  Umsturz.  Vor  allem  ginge  es  dem  amtierenden  Machthaber  zumeist  um  eine  erfolgreiche  Wiederwahl,  bei  der  vielfach  unlautere  Mittel  eingesetzt  würden.  Die  Verfassungsänderung  zu  Gunsten  der  Wahlchancen Kabilas sei ein gutes Beispiel dafür und hätte auf viel nachdrücklichere Kritik  bei  den  internationalen  Gebern  stoßen  müssen.  In  der  DR  Kongo  sei  das  fehlende  Demokratieverständnis  zudem  ein  fundamentales  Problem,  was  sich  auch  in  dem  Bedeutungsdefizit von Opposition zeige. Die oppositionelle Position werde oftmals nicht als  Möglichkeit gesehen, sich konstruktiv in das politische Geschehen einzubringen.   Konsens der Teilnehmenden war, dass den Wahlen eine große Bedeutung für die politische  Zukunft des Landes zukommt. Neben der Hoffnung auf eine fortschreitende Institutionalisie‐ rung demokratischer Prozesse durch und mit Wahlen bestehen allerdings auch berechtigte  Sorgen  bezüglich  der  zu  erwartenden  Freiheit  und  Fairness  der  bevorstehenden  Urnen‐ gangs.  Eine  gewaltsame  Eskalation  bestehender    Konflikte  und  Machtkämpfe  im  Vorfeld,  während und nach den Wahlen steht weiterhin zu befürchten. 

EED: Sorge um politische Rahmenbedingungen für zivilgesellschaftliche Friedens‐  und Entwicklungsarbeit  Die  Mitglieder  von  ACT  Alliance,  dem  weltweiten Bündnis protestantischer Hilfswerke, zei‐ gen  sich  besorgt  über  den  schwindenden  politischen  Handlungsspielraum  für  zivilgesell‐ schaftliche Organisationen. Diese Sorge bestätigt sich in den Ergebnissen von 14 Länderstu‐ dien,  die  nun  in  einem ACT Policy Briefing zusammengefasst wurden. Der EED hat als Mit‐ glied der ACT Alliance gemeinsam mit der Afrikanischen Kirchenkonferenz Länderstudien zu  Ghana, Sambia und Burkina Faso beigetragen.  Demnach gibt es einen Trend zur restriktiven Verregelung von zivilgesellschaftlichen Aktivi‐ täten seitens des Staates. Laut ACT Alliance leiden zivilgesellschaftliche Akteure unter ande‐ rem unter Negativkampagnen, administrativen Restriktionen oder direkter Strafverfolgung.  Damit werden die internationalen Verpflichtungen im Rahmen der Reformen zur Wirksam‐ keit der Entwicklungszusammenarbeit konterkariert. So haben sich die Geber‐ und Partner‐ ländern im Accra Aktionsplan aus dem Jahr 2008 auf die Gewährleistung und Schaffung von  günstigen  Rahmenbedingungen  („Enabling  Environment“)  für  eine  wirksame  Arbeit  zivilge‐ sellschaftlicher Akteure verständigt. Gerade in fragilen Situationen und in von Konflikten be‐ troffenen Ländern sei dieser Trend besonders besorgniserregend.  

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Die Ergebnisse der Studien werden von der ACT Alliance in  die  aktuellen  Vorbereitungsprozesse  für  die  vierte  Mi‐ nisterkonferenz  über  die  Wirksamkeit  der  Hilfe  in  der  Stadt Busan in Südkorea eingebracht. Gleichzeitig beschäf‐ tigt sich die Zivilgesellschaft im Rahmen des internationa‐ len  „Open  Forums“  mit  der  Wirksamkeit  der  Entwick‐ lungszusammenarbeit.  In  diesem  Rahmen  wurden  aus  75  Länderbeispielen  fünf  Minimalkriterien  gefiltert,  die  auf  Länderebene  gegeben  sein  sollten,  wenn  von  „günstigen  Rahmenbedingungen“  für  eine  wirksame  Entwicklungsar‐ beit  der  Zivilgesellschaft  ausgegangen  werden  soll.  Dabei  handelt  es  sich  um:  (1)  Versammlungsfreiheit,  (2)  rechtli‐ che  Anerkennung  zivilgesellschaftlicher  Organisationen,  (3)  Recht  auf  freie  Meinungsäußerung,  (4)  das  Recht  in‐ nerhalb  der  Gesetze  frei  von  ungerechtfertigter  Einmi‐ schung  des  Staates  zu  arbeiten,  (5)  das  Recht  darauf,  Fi‐ nanzmittel  und  Unterstützung  für  diese  Arbeit  zu  mobili‐ sieren und sicherzustellen.  Die  besonderen  Herausforderungen,  die  sich  für  zivilge‐ sellschaftliche  Organisationen  in  Konflikten  und  fragilen  Situationen  stellen,  behandelt  das  Open  Forum  in  einem  eigenen Konsultationsprozess. 

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Weitere Informationen  Peter Lanzet, EED  Peter.Lanzet@eed.de

Links & Literatur Changing political spaces of Civil Soci‐ ety Organisations  ACT Alliance | 2011  Shrinking political spaces for civil so‐ ciety action   ACT Alliance | Policy Brief | 2011  The enabling environment for Civil  Society is shrinking   ACT Alliance | Policy Brief | 2011  Istanbul Principles for CSO Develop‐ ment Effectiveness Open Forum thematic consultation on  CSOs working in situations of conflict

ZIF: Briefing zur Vernetzten Sicherheit   Das  ZIF  beleuchtet  in  einem  neuen  Briefing  das  Konzept  der  Vernetzten  Sicherheit.  Dieses  lässt  sich  demnach  verstehen  als  ein  ganzheitliches  Konzept,  um  Ressourcen  der  militäri‐ schen und polizeilichen Sicherheitskräfte, der zivilen Friedenskräfte, der Diplomatie und der  Entwicklungszusammenarbeit, auf nationaler, internationaler und auf lokaler Ebene, ressort‐  und  institutionenübergreifend  abzustimmen  und  –  durch  Bündelung  oder  Arbeitsteilung  –  optimiert einzusetzen. Ziel ist es, internationale Konflikte wirksam zu bearbeiten und damit  indirekt zur Sicherheit Deutschlands beizutragen.     Weitere Informationen  Andreas Wittkowsky, ZIF  A.Wittkowsky@zif‐berlin.de

Links & Literatur 

Seit 2006 ist Vernetzte Sicherheit ein offizielles Konzept  der  deutschen  Sicherheitspolitik.  Damit  betrifft  es  auch  friedenserhaltende  Einsätze  internationaler  Missionen,  an  denen  deutsche  Institutionen  und  Entsandte  teil‐ nehmen. Allerdings wird der Begriff nicht einheitlich ge‐ braucht und ist Gegenstand innenpolitischer Kontrover‐ sen.  Eine  Begriffsklärung  ist  deshalb  wiederholt  einge‐ fordert worden. 

Instrumentell zielt  das  Konzept  auf  die  Kohärenz  der  deutschen  Aktivitäten  untereinander  sowie  auf  das  Zu‐ sammenspiel von internationalen und lokalen Akteuren  auf  der  multilateralen  Ebene  und  in  den  Konfliktregio‐ nen.  Seine  Umsetzung  erfordert  eine  Kombination  von  dauerhaften  Institutionen,  die  vernetztes  Handeln  er‐ möglichen,  sowie  von  Ad‐hoc‐Arrangements,  die  auf  den  konkreten  Konflikt  maßgeschnei‐ dert sind. In der Praxis stellt sich die Frage, wo sich personelle, finanzielle und organisatori‐ sche  Investitionen  in  neue  Arrangements  der  Vernetzten  Sicherheit  lohnen  –  und  wo  die  Grenzen zur Vernetzung anerkannt werden müssen.  

Das Konzept der Vernetzten Sicherheit:   Dimensionen, Herausforderungen, Grenzen  Andreas Wittkowsky und Jens Philip Meier‐ johann | ZIF | 2011 

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Im Zentrum  der  innenpolitischen  Kontroverse  steht  die  Befürchtung  der  Kritiker,  dass  Ver‐ netzte Sicherheit eine zunehmende Militarisierung der deutschen Außenpolitik und die Un‐ terordnung der zivilen Politikbereiche unter das Militärische bedeute. Genährt worden sind  diese  Befürchtungen  vor  allem  durch  die  Debatte  über  die  Vernetzung  ziviler  und  militäri‐ scher Akteure in Afghanistan. Vernetzte Sicherheit erfordert in solchem Kontext die Berück‐ sichtigung der legitimen Interessen aller beteiligten Akteure – seien sie staatlich oder nicht‐ staatlich.  Grundsätzlich geht es bei Vernetzter Sicherheit nicht um die Unterordnung des Zivilen unter  das  Militärische,  sondern  um  die  Ausrichtung  ziviler  und  militärischer  Ressourcen  auf  das  gemeinsame Ziel Sicherheit. Der umfassende, vernetzte Einsatz ziviler konfliktvermeidender  oder  ‐mindernder  Ressourcen  soll  gerade  die  Notwendigkeit  militärischen  Handelns  mini‐ mieren.   Der Sicherheitsbegriff und die abgeleiteten Ziele bleiben im Konzept aber unbestimmt. Eine  entsprechende Klärung des Sicherheitsbegriffs bleibt also eine Aufgabe deutscher Friedens‐  und Sicherheitspolitik. Möglicherweise findet sich dabei ein Begriff, der sowohl den instru‐ mentellen Aspekt der Vernetzung als auch die inhaltliche Bestimmung umfasst.  

ZIF: Neue UN‐Empfehlung zur zivilen Friedenskonsolidierung  Zivile  ExpertInnen  und  Experten  leisten  im  Rahmen  von  UN‐Missionen  einen  wesentlichen  Beitrag zur Friedensförderung und ‐konsolidierung. UN‐Generalsekretär Ban Ki Moon hatte  im Jahr 2009 in seinem Bericht über ‚Peacebuilding in the Immediate Aftermath of Conflict’  eine Überprüfung angefordert, wie dieser Beitrag verbessert werden könnte. Eine unabhän‐ gige Beratergruppe hat nun im März 2011 zahlreiche Empfehlungen vorgelegt. Eine aktuelle  ZIF‐Kurzinfo fasst die wichtigsten Empfehlungen des Berichts zusammen.    Ownership  ‐  Die  Erfahrung  zeigt,  dass  Friedenskonsolidie‐ rung  nur  erfolgreich  sein  kann,  wenn  betroffene  Gesell‐ schaften  eigenständige  Fähigkeiten  im  Umgang  mit  Konflik‐ ten und den damit einhergehenden Veränderungsprozessen  entwickeln.  Eine  zentrale  Herausforderung  liegt  deswegen  in der Erkennung, Stärkung und dem wirksamen Einsatz von  nationalen  Kapazitäten  sowie  der  raschen  Wiederherstel‐ lung  grundlegender  Regierungsfunktionen.  Bei  der  Umset‐ zung von Maßnahmen sollten nationale Experten daher Vor‐ rang haben. 

Weitere Informationen  Andreas Hirblinger, ZIF  A.Hirblinger@zif‐online.de

Links & Literatur  Civilian Capacity in the aftermath of  Conflict  ZIF Kurzinfo | 2011 

Partnership ‐ Viele der in Friedenseinsätzen benötigten zivi‐ len  Kapazitäten  können  durch  den  Personalpool  der  UN  Website der UN‐Beratergruppe nicht  abgedeckt  werden.  Außerhalb  dieses  Pools  existiert  jedoch in vielen UN‐Mitgliedsstaaten eine beträchtliche An‐ zahl  geeigneter  Experten.  Die  Vermittlung  ziviler  Kapazitäten  aus  externen  Pools  scheitert  jedoch oft an schlechter Koordination. Hier mangelt es an einem Mechanismus, der die ad‐ ministrativen  Beziehungen  zwischen  Mietgliedsländern,  Vermittlungsorganisationen,  Missi‐ onen und den UN koordiniert und so erfolgreiche zivile Partnerschaften zur Personalvermitt‐ lung etabliert. Deswegen wird empfohlen, eine zentrale Koordinationsstelle einzurichten.   Expertise ‐ Wie der Bericht feststellt, benötigen die Vereinten Nationen ein besseres Perso‐ nalmanagement  um  rechtzeitig  auf  die  ständig  wechselnden  Verhältnisse  in  den  Frie‐ denseinsätzen  reagieren  zu  können.  Das  System  sollte  einen  schnellen  Überblick  über  die  tatsächlich zur Verfügung stehenden Kapazitäten bieten sowie Lücken erfolgreich identifizie‐ ren.  Empfohlen  wird  deswegen  unter  anderem  die  Einführung  eines  Cluster‐Systems,  im 

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Rahmen dessen  Kernaktivitäten  der  Friedenskonsolidierung  (beispielsweise  die  Justiz  oder  der wirtschaftliche Wiederaufbau) koordiniert werden.   „Nimble“  ‐  Damit  UN‐Missionen  gut  auf  wechselnden  Verhältnisse  reagieren,  und  die  zur  Verfügung stehenden finanziellen und personellen Mittel effektiv einsetzen können, sollten  sie sich möglichst „flink“ anpassen können. Der Bericht kritisiert diesbezüglich auch die kon‐ zeptionelle  Überfrachtung  der  UN  im  Rahmen  der  friedenserhaltenden  Maßnahmen.  Des‐ wegen empfiehlt der Bericht unter anderem die Haushaltsbefugnisse von Missionsleitungen  zu stärken und Mittel nach dem Prinzip des komparativen Vorteils zu vergeben. 

BMZ: INCAF veröffentlicht Planungshilfen zu "Armed Violence Reduction"  Im Rahmen der Arbeiten zu "Armed Violence Reduction ‐ AVR" hat das „International Net‐ work  on  Conflict  and  Fragility“  (INCAF)  des  OECD  Entwicklungsausschuss  (DAC)  Ende  März  drei so genannte "Programming Notes" als Planungshilfen veröffentlicht.   Die  Mehrheit  der  Menschen,  die  direkt  oder  indirekt  durch  bewaffnete  Gewalt  ums Leben  kommen, ist inzwischen außerhalb von klassischen Konflikt‐ und Kriegsgebieten zu verzeich‐ nen und zum großen Teil auf (organisierte) Kriminalität und Gewalt im persönlichen Umfeld     Weitere Informationen  Christoph Bleis, GIZ  Christoph.Bleis@giz.de

Links & Literatur  Folgende Programming Notes können  über die OECD Library Website bestellt  und/oder als PDF‐Datei heruntergela‐ den werden:  Reducing the Involvement of Youth in  Armed Violence   Preventing and Reducing Armed Vio‐ lence in Urban Areas  Linking Security System Reform and  Armed Violence Reduction  Armed Violence Reduction – Enabling  Development   OECD/DAC | 2009 

zurückzuführen. Genau  hier  setzen die neuen konzepti‐ onellen Analysen, Ansätze und Initiativen zu AVR an. Sie  stellen  die  Menschen,  die  unter  bewaffneter  Gewalt  und  einem  hohen  gesamtgesellschaftlichen  Gewaltni‐ veau leiden, in den Mittelpunkt.   AVR  versteht  sich  damit  als  konzeptionelle  Klammer,  unter der diese Ansätze zusammen mit klassischen Sek‐ toren der Entwicklungszusammenarbeit wie Bildung und  Gesundheit  kombiniert  und  umgesetzt  werden  können.  Eine  solche  integrierte  Perspektive  bietet  die  Möglich‐ keit, das Thema Gewalt in seinen verschiedenen Dimen‐ sionen  und  Ausprägungen  kohärent  zu  bearbeiten  und  gleichzeitig zur Prävention beizutragen.  Die  nun  veröffentlichten  Planungshilfen  brechen  die  konzeptionellen  Debatten  zu  Gewaltprävention  für  die  operative Ebene runter und zeigen konkrete Möglichkei‐ ten  und  Empfehlungen  für  die  Planung  und  Durchfüh‐ rung von AVR‐orientierten Maßnahmen auf.  Das  BMZ  hat  durch  das  GIZ‐Sektorprogramm  „Frieden  und  Sicherheit“  aktiv  die  Arbeitsgruppe  zu  AVR  inner‐ halb  der  OECD  unterstützt  und  die  Erstellung  des  Pa‐ piers  zur  Reduzierung  von  Jugendgewalt  finanziell  ge‐ fördert.  

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Impuls Alte und neue Wege beschreiten  Die  Herausforderungen  entwicklungspolitischer  Friedensarbeit  der  kommenden  Jahre  auf  zwei  Seiten  zu  skizzieren  ist  eine  Herausforderung  an  sich.  Das  Feld  ist  weit  und  reicht  von  Reformprozessen bei den Vereinten Nationen und der Europäischen Union, über Klimawan‐ del,  die  Verknappung  natürlicher  Ressourcen,  die  Rolle  neuer  Geber  wie  China,  Indien  und  Brasilien, Diskussionen über Kohärenz, statebuilding, „good enough governance“ und „hybri‐ de Institutionen“ bis hin zu aktuell noch schwer zu durchdringenden politischen Umwälzun‐ gen im Nahen Osten und Nordafrika. Der folgende Impuls klammert all dies aus und konzent‐ riert sich auf eine Frage: Welche „Bausteine“ machen zukünftig das Handlungsfeld aus?   

Baustein Nr. 1: Debatten erweitern und „strukturelle Prävention“ klären  „Conflict, Security, and Development“ – unter diesem Titel veröffentlichte die Weltbank vor  wenigen  Tagen  ihren  diesjährigen  Weltentwicklungsbericht  (WDR).  Sie  sendet  damit  ein  wichtiges politisches Signal, denn der WDR 2011 widmet sich erstmals gezielt der Frage, vor  welchen Herausforderungen Entwicklung(szusammenarbeit) in von Gewalt geprägten Situa‐ tionen steht. Zentrale Erkenntnisse aus Praxis und Wissenschaft werden hier gebündelt: Die  Bedeutung von Vertrauensbildung zwischen staatlichen Institutionen und Bürgern während  Wiederaufbau‐ und Reformprozessen, die generationsübergreifende Dauer solcher Prozesse  oder  die  Notwendigkeit,  wiederkehrende  Gewaltdynamiken  zu  beachten,  sowie  kreative  und durchaus risikobehaftete Ansätze zu entwickeln, um nur einige zu nennen.   Gleichzeitig  spiegelt  kaum  eine  andere  Veröffentlichung  aus  dem  entwicklungspolitischen  Kontext die diskursive Annäherung von Außen‐, Sicherheits‐ und Entwicklungspolitik so stark  wider,  wie  dieser  Bericht.  Schon  jetzt  ist  absehbar,  dass  er  mit seiner griffigen Forderung nach mehr „citizen’s security,    justice and jobs“ der neue Star in der Debatte um Sicherheit  und  Entwicklung  werden  wird.  Nachdrücklich  zeigt  er  Ent‐ Weitere Informationen  wicklungspolitik  und  ‐praxis  auf,  dass  physische  Sicherheit  Natascha Zupan, FriEnt  (Polizei,  Armee),  ein  funktionierendes  Justizwesen  und  ein‐ Natascha.Zupan@bmz.bund.de kommensschaffende  Maßnahmen  für  die  Prävention  und  die  Bearbeitung  unterschiedlichster  Gewaltphänomene  un‐ abdingbar sind.  So  wichtig  diese  Aspekte  sind,  arbeitet  man  an  der  Schnittstelle  von  Frieden  und  Entwick‐ lung, offenbart sich hier auch eine Schwachstelle des Berichts – und der in den letzten Jah‐ ren  geführten  Diskussionen  über  die  Handlungsoptionen  entwicklungspolitischer  Akteure.  Denn  trotz  eines  gewachsenen  Bewusstseins  über  die  Komplexität  von  Krisen‐  und  Nach‐ kriegssituationen,  trotz  des  in  der  Entwicklungspolitik  vertretenen  weiten  Verständnisses  von  „menschlicher  Sicherheit“,  und  trotz  der  Arbeit  an  „strukturellen  Ursachen“  von  Ge‐ waltkonflikten  hat  sich  die  Debatte  über  die  Handlungsfelder  entwicklungspolitischer  Frie‐ densarbeit in den letzten Jahren verengt ‐ und nach außen verlagert.  Was  ist  mit  dieser  Verengung  und  Verlagerung  gemeint?  Zugespitzt  formuliert,  spricht  ein  Großteil  der  entwicklungspolitischen  Akteure  unter  sich  über  Milleniumsentwicklungsziele  und  die  Paris  Agenda,  aber  kaum  über  Frieden  und  Do  no  harm.  Der  weitaus  kleinere  Teil  hingegen  spricht  mit  Außen‐  und  Sicherheitspolitikern  über  Fragilität,  Governance,  Si‐ cherheits‐  und  Justizsektorreform,  selten  jedoch  mit  anderen  entwicklungspolitischen  Ak‐

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teuren über den Zusammenhang von Gesundheit, Bildung oder ländlicher Entwicklung und  Friedensförderung.   Parallele Diskurse und Abgrenzungen zwischen Sektoren und Politikbereichen sind keine Sel‐ tenheit.  Ohne  Zweifel  ist  dies  nicht  zuletzt  eine  Frage  begrenzter  Kapazitäten,  es  ist  aber  auch  eine  Frage  von  Prioritäten.  Die  Diskussionen  über  Afghanistan,  whole‐of‐government  Strategien, erweiterte Sicherheit und zivil‐militärische Zusammenarbeit haben so viele Res‐ sourcen auf staatlicher wie zivilgesellschaftlicher Seite absorbiert, dass kaum Raum für das  Nachdenken  über  alternative  Ansätze,  eine  Konkretisierung  der  eher  vage  formulierten  „strukturellen  Prävention“  und  sektorspezifisches  Mainstreaming  blieb.  Geht  man  jedoch  davon aus, dass mangelnde oder ungleiche Zugänge zu wirtschaftlichen Ressourcen, politi‐ scher Partizipation oder Bildung häufig Ursache von Gewaltkonflikten sind, so besitzen klas‐ sische  entwicklungspolitische  Sektoren  bei  entsprechend  friedens‐  und  konfliktsensibler  Planung viele Potentiale für präventive oder friedensfördernde Arbeit.   Akteure der entwicklungspolitischen Friedensarbeit müssen in Zukunft Diskurs und Praxis in  beide Richtungen erweitern und klären: einerseits gilt es, den internen Dialog wieder aufzu‐ nehmen  und  gemeinsam  mit  den  Kollegen  der  klassischen  Sektoren  die  Potentiale  zu  kon‐ kreten Handlungsansätzen auszubauen, andererseits müssen sie den politikfeldübergreifen‐ de Dialog zu Frieden und Entwicklung weiterführen. Dabei wird entscheidend sein, ob sich  dieser  externe  Dialog  auf  „citizen’s  security,  justice  and  jobs“  konzentriert  und  entwick‐ lungspolitische  Friedensarbeit  (staatlicher  Akteure)  in  Zukunft  eng  mit  Justiz‐  und  Sicher‐ heitssektorreform sowie ökonomischen Quick‐Impact Maßnahmen assoziiert wird, oder ob  es gelingt, ein umfassenderes Verständnis von Gerechtigkeit und Sicherheit – freedom from  want and freedom from fear ‐ einzubringen. 

Baustein Nr. 2: Paradigmen hinterfragen und Strategien weiterentwicklen  Entwicklungspolitische Friedensarbeit hat seit Mitte der 90er Jahre auf zwei Aspekte abge‐ hoben. Neben der schon erwähnten „strukturellen Prävention“ ging und geht es um die För‐ derung und Stärkung von Institutionen und Mechanismen, die eine gewaltfreie Austragung  von  Konflikten  ermöglichen.  Demokratieförderung,  Menschenrechtsschutz  und  Versöh‐ nungsarbeit heute ihren festen Platz in der Entwicklungszusammenarbeit.   Einen  ebenso  festen,  aber  weniger  offensichtlichen  Platz  haben  die  mit  diesen  Ansätzen  verbundenen  „Theorien  des  Wandels“:  Versöhnung  durch  Dialog  und  Begegnung,  eine  an  marktwirtschaftlichen  Prinzipen  ausgerichtete,  liberale  Demokratie,  Strafverfolgung  und  Rechtsstaatlichkeit,  Zivilgesellschaft  als  Brückenbauer  oder  Motor  demokratischer  Reform‐ prozesse, Allparteilichkeit und Vermittlung ‐ all diese Eckpfeiler nachhaltiger Friedensförde‐ rung  fußen  nicht  zuletzt  auf  unseren  eigenen  Erfahrungen  friedlicher  Transformation  nach  dem Zweiten Weltkrieg.   Doch obwohl vor Blaupausen gewarnt und kontextspezifische Strategieentwicklung als zent‐ ral erachtet wird, greift ein Großteil externer Akteure unter häufig selbst auferlegtem Zeit‐ druck auf etablierte Ansätze zurück. Hierzu gehören beispielsweise Wahrheitskommissionen  und  Strafgerichte.  Aber  welche  Vorstellungen  von  Gerechtigkeit  und  Wahrheitsfindung ha‐ ben Menschen in so unterschiedlichen Kontexten wie Kambodscha, der Demokratischen Re‐ publik  Kongo  oder  Kolumbien?  Und  welche  Schritte  müssen  zivilgesellschaftliche  Akteure  gehen,  um  in  einer  tief  gespaltenen,  hierarchisch  geprägten  Gesellschaften  zum  Brücken‐ bauer zu werden? Führt Dialog tatsächlich zu Versöhnung, oder vertieft er nicht mitunter die  Gräben  zwischen  Bevölkerungsteilen,  weil  Ungleichheiten  und  Marginalisierung  nach  wie  vor Bestand haben? Und wie glaubwürdig können wir in Afghanistan, Bosnien oder Palästina  für Frieden und die Universalität von Menschenrechten eintreten? Dies ist kein Plädoyer für  die Relativierung von Werten oder den Rückzug aus politisch sensiblen Handlungsbereichen.  9


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Im Gegenteil. Schließlich ist Friedensentwicklung auf das Engste mit Werten verknüpft – und  läuft je nach Kontext umso schneller Gefahr, entwertet zu werden.   Wenn  entwicklungspolitische  Friedensarbeit  auch  in  Zukunft  glaubwürdig  und  nachhaltig  Veränderungsprozesse  begleiten  und  unterstützen möchte, muss sie sich der Herausforde‐ rung stellen, nach 15 Jahren Praxis und Forschung ihre Paradigmen zu hinterfragen, inne zu  halten, Bilanz zu ziehen und neue Wege bei der Strategieentwicklung zu gehen.   Natascha Zupan ist Leiterin des FriEnt‐Teams. 

FriEnt Tipps & Info  Weltentwicklungsbericht 2011 zu "Konflikt, Sicherheit und Entwicklung"  Die  Instrumente  und  Strategien  der  internationalen  Gemeinschaft  zur  Befriedung  von  Ge‐ waltkonflikten  und  zur  Transformation  fragiler  Staaten  sind  aktuellen  Herausforderungen  häufig  nicht  gewachsen  und  müssen  angepasst  werden.  So  die  zentrale  Erkenntnis  des  Weltentwicklungsberichts 2011 der Weltbank, der vor kurzem veröffentlicht wurde.  Etwa 1,5 Milliarden Menschen leben heute in Staaten, die von    Gewaltkonflikten  oder  einem  hohen  Maß  an  krimineller  Ge‐ walt gekennzeichnet sind. In der großen Mehrheit handelt es  Links & Literatur  sich um Entwicklungsländer. Anders als noch vor einigen Jahr‐ zehnten vermischen sich in diesen Staaten heute oft politische  World Development Report 2011:  Conflict, Security, and Development  Konflikte,  sozial  motivierte  Gewalt,  Kleinkriminalität,  organi‐ sierte Kriminalität und Terrorismus zu komplexen Gewaltkreis‐ läufen, die die Entwicklung hemmen. Um die Gewaltkreisläufe  zu  durchbrechen  und  Perspektiven  für  eine  friedliche  Entwicklung  zu  schaffen,  fordern  die  Autoren klare Prioritäten für Entwicklung.  Demnach  sind  Investitionen  in  die  Sicherheit  der  Menschen,  in  den  Aufbau  von  Jus‐ tiz/Rechtssystemen  und  in  die  Schaffung  von  Arbeitsplätzen  ganz  zentral,  um  weitere  Ent‐ wicklung zu ermöglichen.   Der Bericht empfiehlt eine Reihe von Maßnahmen, um Vertrauensbildung und institutionel‐ le Reformen zu unterstützen. Dazu gehören Programme zur Gewaltprävention und Arbeits‐ beschaffungs‐Maßnahmen auf Gemeindeebene und eine stärkere Einbeziehung von Frauen  und von lokalen Einrichtungen zur Konfliktlösung. Internationale Entwicklungsagenturen sol‐ len  ihre  Hilfe  stärker  darauf  ausrichten,  Programme  zur  Schaffung  von  Arbeitsplätzen  und  zur Verbesserung von Polizei und Justiz in fragilen Staaten zu finanzieren.  Die Präsentation und Diskussion des Berichts in Deutschland wird am 23. Mai 2011 im BMZ  stattfinden. Neben einer Vorstellung der zentralen Erkenntnisse werden Vertreter von BMZ,  AA,  BMVg  und  der  Zivilgesellschaft  darüber  diskutieren,  wie  die  Ergebnisse  des  Berichts  in  der deutschen Außen‐, Sicherheits‐, und Entwicklungspolitik umgesetzt werden können. 

Weltbildungsbericht: Bildung durch bewaffneten Konflikt gefährdet  Von  den  weltweit  67  Millionen  Kindern,  die  keine  Schule  besuchen,  leben  28  Millionen  in  Ländern  in  Konfliktsituationen.  Bewaffnete  Konflikte  nehmen  diesen  Kindern  ihre  Zukunft.  Das ist das Fazit des UNESCO‐Weltbildungsbericht 2011, der am 1. März 2011 am Hauptsitz  der  Vereinten  Nationen  in  New  York  vorgestellt  wurde.  Sexuelle  Gewalt,  gezielte  Angriffe  auf Schulen und weitere Menschenrechtverletzungen gefährden Bildung   10


Links & Literatur  The Hidden Crisis: Armed Conflict and  Education  Education for All Global Monitoring   Report 2011  Die unbeachtete Krise: Bewaffneter  Konflikt und Bildung  Kurzfassung | Hrsg. von Deutsche U‐ NESCO‐Kommission e.V. (DUK) |   Bundesministerium für wirtschaftliche  Zusammenarbeit und Entwicklung  

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Der Bericht  „Die  unbeachtete  Krise:  Bewaffneter  Konflikt  und  Bildung“  warnt,  dass  die  internationale  Gemeinschaft  die im Jahr 2000 eingegangenen Ziele zur „Bildung für alle“  nicht erreichen wird. Obwohl es viele Fortschritte gibt, wer‐ den die meisten Ziele deutlich verfehlt, insbesondere in Re‐ gionen  mit  dauerhaften  Konflikten.  Der  Bericht  kritisiert,  dass  Bildung  der  am  stärksten  vernachlässigte  Bereich  im  unterfinanzierten System humanitärer Hilfe ist.   Stärkere  gemeinsame  Anstrengungen  von  Partnerländern  und  Gebern  seien  laut  Bericht  erforderlich,  um  die  sechs  EFA Ziele bis 2015 zu erreichen.  Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit  und  Entwicklung  und  die  Deutsche  UNESCO‐Kommission  veröffentlichen  zum  weltweiten  Launch  eine  deutschspra‐ chige Kurzfassung des Berichts. 

      Impressum  Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung  (FriEnt)  c/o BMZ, Dahlmannstr. 4  53113 Bonn  Tel.  +49‐228‐535‐3259  Fax.  +49‐228‐535‐3799  frient@bmz.bund.de  www.frient.de ISSN: 1861‐8642  Redaktion:   Marc Baxmann   Tel. +49‐228‐535‐3447,   Fax: +49‐228‐535‐3799  Marc.Baxmann@bmz.bund.de   V.i.S.d.P:  

Natascha Zupan 

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FriEnt Impulse 04/2011  

Newsletter der Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung (FriEnt)

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