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HABARI Zeitung der Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) • 21. Jahrgang Nr. 4/06 Fr. 5.–

Das Geheimnis um den Rhinotod ist gelüftet Vom «Umlegen» einer Giraffe «Der Bundesrat opfert die Urvölker»


Foto: Ruedi Suter

Editorial

Ihr Mitwirken ist entscheidend

Foto: Arnet

Wir geben es zu: Der Verein Freunde der Serengeti Schweiz tanzt auf zwei Hochzeiten. Im ostafrikanischen Tansania pflegt er enge Kontakte zu den lokalen Behörden und Fachleuten, um die wirklichen Bedürfnisse in den Nationalpärken erfassen zu können – und dies möglichst ungefiltert und klar formulierbar. In unseren Mitgliedern, die in Tansania leben und wirken, haben wir für das Sammeln dieser wichtigen Informationen eine äusserst wertvolle Quelle. Dies befähigt den FSS, die ausgewählten Projekte effizient und zielgerichtet durchzuführen. So haben sich die Freunde der Serengeti in Tansania über Jahre bei den Afrikanerinnen und Afrikanern einen hohen Grad an Akzeptanz und Vertrauen geschaffen. Dies wiederum öffnet uns so manche Bürotür, so manches Park-Gate. Und in der Schweiz? Da tanzen wir nach derselben Melodie. Wir setzen auf Vertrauen, Zuverlässigkeit und Transparenz, was sich jetzt auch in der Verleihung des ZEWO-Gütesiegels an den FSS manifestiert. Es gibt keine Zweifel: Unsere Mitglieder sind motiviert. Und sie sind sehr hilfsbereit, wenn man sie um einen Gefallen zu Gunsten unserer gemeinsamen Lieblinge bittet – der schützenswerten Wildtiere Tansanias. Hier kommt uns zugute, dass sich unser Berufsspektrum enorm weit spannt. Unser Knowhow verteilt sich auf zahlreiche Berufe wie zum Beispiel Handwerker, Juristen, Kauf- und Medienleute, Zoologen, Techniker, Landwirte und Ärzte beider Geschlechter. Alle diese unterschiedlichsten Charaktere sind als engagierte Reisende auch bereit, das Ihrige für unsere Arbeit in Tansania beizutragen. Dafür sei wieder einmal allen herzlich gedankt! Die durch uns zusammengetragenen Beträge für die Mitgliedschaft reichen aber leider bei weitem nicht aus, alle Bedürfnisse unserer afrikanischen PartnerInnen zu decken. Wir bitten Sie darum: Beteiligen Sie sich an unserer Weihnachtsspende unter dem Motto «Wasser für unsere Wildhüterfamilien»! Motivieren Sie Ihre FreundInnen, Ihre Firma, Ihre Abteilung, es Ihnen gleichzutun! Fordern Sie HABARIS und FSS-Flyers an, welche Sie Ihren Bekannten und Kunden abgeben können! Nennen Sie uns Investoren mit Herz, Institutionen und Stiftungen, die allenfalls bereit wären, uns in unserer unentgeltlichen Arbeit zu unterstützen – auf dass wir voller Elan und mit genügend Mitteln in das Jahr 2007 starten können! Beni Arnet, Präsident FSS

Inhaltsverzeichnis Qualitätsbeweis: Der FSS hat jetzt das ZEWO-Zertifikat

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Rinderpest: Und plötzlich krepierten sie zu Millionen

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Tiermedizin: «Giraffen sind eine echte Herausforderung»

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Protest: «Der Bundesrat opfert die Urvölker»

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Weihnachtsspende: FSS im Kampf gegen den Durst der Ranger

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Habari-Impressum Ausgabe: 21. Jahrgang, Nr. 4/06, Dezember 2006 Auflage: 3000 Exemplare Herausgeber: Verein Freunde der Serengeti Schweiz (FSS) FSS-Vorstand: Beni Arnet, Präsident; Bruno Karle, Kassier; Silvia Arnet, Sekretärin. Sekretariat FSS: Silvia Arnet, Postfach, CH-8952 Schlieren. Tel.: ++41 044 730 75 77, Fax: …78, Web: www.serengeti.ch, E-Mail: silvia.arnet@bluewin.ch, PC: 84-3006-4 Redaktion: Ruedi Suter, Pressebüro MediaSpace, Postfach, CH-4012 Basel, Tel.: 061 321 01 16, E-Mail: fss@mediaspace.ch; Monica Borner Titelbild: Geier im Anflug. Foto: Gian Schachenmann, Arusha Leserbriefe: Bitte an die Redaktion. Kürzungen vorbehalten Anzeigen: Schellenberg Media, André Bolliger, Postfach 130, CH-8330 Pfäffikon ZH Tel.: 044 953 11 80, Fax: 044 953 11 54, E-Mail: a.bolliger©schellenbergdruck.ch Wissenschaftlicher Beirat: Die Zoologen Monica Borner, Zürich, und Dr. Christian R. Schmidt, Frankfurt am Main. Layout: provista – concept • prepress • publishing • design, Urs Widmer, Lettenweg 118, CH-4123 Allschwil, Tel.: 061 485 90 70, E-Mail: info@provista.ch Druck: Schellenberg Druck AG, CH-8330 Pfäffikon, Tel.: 044 953 11 80 Habari-Abonnement im Mitgliederbeitrag inbegriffen. Der FSS ist ZEWO-Mitglied. Habari heisst «Nachricht» auf Kisuaheli. Es erscheint 4x im Jahr.

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Spitzmaulnashorn im NgorongoroKrater in der Regenzeit.

VON PETE MORKEL * Januar 2001: Im Ngorongoro-Krater sterben überraschend die zwei Nashornkühe Maggie und Bahati. Bis kurz vor ihrem Tod zeigen beide keinerlei Symptome, erst unmittelbar bevor sie sterben, erscheinen sie sehr geschwächt und müssen sich oft hinlegen. Ein rätselhafter Tod. Als wir die Nashörner post mortem untersuchen, sind sie * Der südafrikanische Tierarzt Dr. Pete Morkel ist Projektleiter der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt am Ngorongoro-Krater und verantwortlich für alle Nashornprojekte. Er hat auch den Transfer des vom FSS geretteten Nashornbullen Richi nach Südafrika überwacht.


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Nashornsterben: Das Geheimnis ist gelüftet Es war eine Tragödie: Viele der sorgsam gehüteten Nashörner im tansanischen Ngorongoro-Krater starben 2001 unter mysteriösen Umständen. Heute weiss man warum.

augenscheinlich in guter Verfassung, was ihr Ableben nur noch unerklärlicher macht. Bei genauerem Hinsehen jedoch diagnostizieren wir Gelbsucht, blutigen Urin und eine hämolytische Anämie, was bedeutet: Die roten Blutkörperchen hatten sich zunehmend aufgelöst. Ausserdem sind der Darminhalt und der Kot eine Spur dunkler als normal. Und unter dem Mikroskop sind in Blut-, Hirn- und Milzausstrichen viele kleine Einzeller, die Erreger von Babesiose, zu sehen. Die anschliessende molekularbiologische Untersuchung zeigt, dass unsere Nashorndamen tatsächlich an Babesiose gestorben sind – und zwar an zwei neuen Arten des Einzellers: Babesia bicornis und Theileria bicornis.

Zecken, Stress und Siechtum Babesiose erregende Einzeller wurden erstmals vor 40 Jahren bei kenianischen Spitzmaulnashörnern nachgewiesen, seither wurden jedoch verhältnismässig wenige Fälle von Erkrankungen beschrieben. Wahrscheinlich gehen aber einige Todesfälle von Nashörnern auf Babesias Rechnung, ohne dass es bemerkt worden wäre. Warum die Krankheit, die von Zecken übertragen wird und meist unbemerkt verläuft, für unsere Nashörner plötzlich tödlich endete, fanden wir erst heraus, als wir uns die ökologischen Zusammenhänge im Krater näher betrachteten. Typischerweise rafft

Babesia Tiere dahin, die unter starkem Stress stehen. Durch den fast vollständigen Ausfall der beiden Regenzeiten kam es 1999/2000 bei uns zu einer der schlimmsten Dürreperioden der Geschichte, die viele Tiere im Krater das Leben kostete, insbesondere Büffel, aber auch Gnus, Zebras, Nilpferde und Elefanten. Hinzu kam, dass sich durch das ElNiño-Phänomen drei Jahre zuvor Unmengen an braunen Zecken im Krater entwickelt hatten und nun die Tiere befielen. Diese beiden Faktoren, die Dürre und die hohe Anzahl an Zecken, waren offenbar die Stressfaktoren, die den Ausbruch und den schweren Verlauf der Babesiose bei den Nashörnern im Krater begünstigten. HABARI 4/06 3


Foto: Ruedi Suter

Nicht tot, aber faul: Touristenmagnet Nashörner im Ngorongoro-Krater.

Problematische Pflanzen Es galt zu handeln: Neun der im Krater verbliebenen Nashörner wurden mit Hilfe eines Narkosegewehres geimpft. So wurden möglicherweise infizierte Tiere behandelt und bei den übrigen für eine gewisse Zeit Vorsorge getroffen. Und als uns klar wurde, dass ökologische Probleme im Krater die Stressfaktoren erhöhten, ergriffen wir sofort mehrere Massnahmen, um den Zustand im Krater zu verbessern: Es wurde kontrolliert Feuer gelegt, um zum einen die Zeckenzahl zu reduzieren und zum anderen die Grasqualität wieder zu verbessern. Auch die Bekämpfung bzw. Kontrolle von invasiven Pflanzen zeigte Erfolge. Zwei problematische Pflanzenarten werden nun während der Regenzeit regelmässig mit Traktoren gemäht. Durch diese Massnahmen wird der Krater hoffentlich wieder attraktiver für die Liebhaber von kurzem Gras, beispielsweise die Gnus. Es ist uns ausserdem gelungen, den GorigorSumpf wieder herzustellen. Dieser war fast komplett ausgetrocknet, da während der ElNiño-Niederschläge Abflussgräben gezogen worden waren, um die Touristenstrassen zu erhalten. Der Sumpf ist aber ein sehr wichtiger Teil des Ökosystems und stellt während der Trockenzeit für viele Tierarten im

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Krater eine reich gedeckte Tafel dar. Seit den Erfahrungen aus dem Jahr 2001 sind die Ranger zudem unerbittlich geworden, was die Störung der Nashörner anbelangt. Einige Strassen, vor allem die durch den LeraiWald, wohin sich die Nashörner gerne zurückziehen, wurden für Kraterbesucher bereits geschlossen.

allem durch die Reduzierung der Störungen, etwa durch zu dicht heranfahrende Touristenautos, gut von der Katastrophe des Jahres 2001 erholt. Erst kürzlich wurde wieder ein Jungtier geboren. Insgesamt leben nun wieder an die zwei Dutzend Nashörner im Ngorongoro-Krater. Und diese stehen selbstverständlich rund um die Uhr unter Beobachtung durch die Park-Ranger.

Verbesserungen nötig Klar ist: Solange es Nashörner im Krater gibt, wird es dort auch Babesiose geben. Wahrscheinlich gibt es sie seit jeher, und bei der nächsten Dürreperiode werden mit Sicherheit auch wieder Tiere erkranken. Deswegen müssen wir die Nashörner immer gut beobachten, ganz besonders während der Trockenphasen. Und wenn man doch ein Nashorn mit Symptomen entdeckt, ist es wichtig, das Tier möglichst nicht aufzuregen, da Babesiose durch die Zerstörung der roten Blutkörperchen die Sauerstoffmenge im Blut stark verringert und es so zu einer Unterversorgung mit Sauerstoff und zu Herzversagen kommen kann. Es ist wichtig, dass wir weiterhin den ökologischen Zustand im Krater verbessern und den Nashörnern so wenig Stress wie nur möglich zumuten. Mittlerweile haben sich die Nashörner im Krater dank intensiver Betreuung und vor

Tückische Einzeller Babesiose ist eine von Einzellern (Babesia) übertragene Krankheit, die hauptsächlich bei Grosssäugern in wärmeren Gebieten der Erde vorkommt. Der Parasit wird durch Zecken übertragen und greift die roten Blutkörperchen an. Die meisten grossen Säugetiere in Afrika sind mit diesem Parasiten infiziert, meist ohne Symptome zu zeigen. Es kann jedoch in bestimmten Stresssituationen dazu kommen, dass sich der Parasit rasant vermehrt und dann das typische Krankheitsbild auslöst: Schwächung, Kurzatmigkeit, blutigen Urin, Gelbsucht und Anämie. Dass Babesiose zum Tode führt, ist bei Wildtieren eher selten zu beobachten, stellt aber bei Nutztieren ein doch recht weit verbreitetes Problem dar. pm


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FSS mit ZEWO-Zertifikat! Jetzt gehört auch der FSS zu den hehren Mitgliedern der Stiftung ZEWO. Das bedeutet: Vorteile, Vorteile, Vorteile.

doch jetzt neue Perspektiven und Wege zur Geldmittelbeschaffung – etwa beim Lotteriefonds oder bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). Aber auch bei allen Frauen und Männern, denen der FSS noch kein Begriff ist und die mit einem guten Gefühl einen Batzen in den Schutz der ostafrikanischen Fauna investieren möchten.

Sie ist prima, die Arbeit des Vereins der Freunde der Serengeti Schweiz. Etwas, an dem der ehrenamtlich wirkende Vorstand des FSS nie gezweifelt hatte. Aber das genügt nicht mehr, in einer raffgierigen Welt voller Abzocker und krummer Geschäftemacher. Zudem sind Nabelschauen nicht unbedingt objektiv, und so ist es hilfreich und nützlich, wenn einmal professionelle Begutachter ein strenges Auge auf das werfen, was Organisationen wie der FSS versprechen und tatsächlich machen oder eben nicht machen. Das ist nun geschehen: Der FSS liess sich unter die Lupe nehmen. Und zwar von den respektierten Fachleuten der Stiftung ZEWO, der schweizerischen Fachstelle für gemeinnützige und Spenden sammelnde Organisationen. Ihr Zweck ist es, die Transparenz und Lauterkeit im Spendenmarkt Schweiz zu fördern.

Freude für Steuerzahler Und übrigens: Spenden an Hilfswerke mit ZEWO-Gütesiegel können sowohl bei der direkten Bundessteuer als auch bei den Kantons- und Gemeindesteuern in Abzug gebracht werden. • Zulässige Abzüge bei der direkten Bundessteuer: Alle natürlichen Personen können freiwillige Geldleistungen an gemeinnützige Organisationen mit Sitz in der Schweiz steuerlich in Abzug bringen. Die Zuwendung muss im Steuerjahr je-

«Existenzielle Bedeutung»

FSS-Präsident Beni Arnet freut sich am Vertrauensbeweis.

Foto: Ruedi Suter

Wer nach genauer Prüfung ihren Segen erhält, darf sich im Himmel der Ehrlichen und Angesehenen ein Plätzchen suchen, darf das magische ZEWO-Gütesiegel benutzen, darf auf Rabatte und Sonderkonditionen bekannter Unternehmen und Institutionen bauen und auf das gefestigte Vertrauen von Sponsoren und Spendern zählen. Kurzum, ein FSS mit dem rot umkreisten Gütesiegel verspricht nun auch offiziell, was ein FSS ohne dieses Siegel bislang einzuhalten versucht hat: Korrektheit, Transparenz und Verhältnismässigkeit – Qualitäten, die nun auch die Prüfer bestätigen konnten, nachdem vom Vorstand noch ein paar kleinere Verfahrensanpassungen umgesetzt worden waren. «Gute Nachrichten: Seit heute Morgen haben wir das ZEWO-Zertifikat in den Händen», meldete FSS-Präsident Beni Arnet am 24. Oktober den Vorstandsmitgliedern erfreut. Und an der Herbstversammlung in Zürich konnte er die gute Kunde den Versammelten überbringen (Bild). Das sei für den Verein, so der Präsident, ein «Schritt von existenzieller Bedeutung», eröffnen sich

doch mindestens 100 Franken betragen. Ab dem Steuerjahr 2006 können neu maximal 20 Prozent vom Reineinkommen abgezogen werden. – Dieselbe Regelung gilt für juristische Personen. Einschränkungen: Nicht abzugsfähig sind statutarisch geschuldete Mitgliederbeiträge. • Zulässige Abzüge bei den Kantons- und Gemeindesteuern: Spenden an gemeinnützige Organisationen können bis zu einer von den Kantonen festgelegten Limite von den Steuern abgezogen werden. In den Kantonen Zürich und Aargau beispielsweise können bis zu 20 Prozent des Reineinkommens abgezogen werden, sofern die Zuwendungen insgesamt mindestens 100 Franken pro Jahr betragen. In den meisten anderen Kantonen gilt: bis zu 10 Prozent des Reineinkommens. Die kantonalen Steuerbehörden geben gerne Auskunft. WICHTIG: In den Kantonen Zürich und Aargau sind sowohl Spenden und Legate als auch reguläre Mitgliederbeiträge abzugsfähig! Grundsätzlich müssen die Zuwendungen in allen Kantonen belegt werden – was sich auch lohnt.

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WILDTIERKRANKHEITEN

Und plötzlich krepierten sie zu Millionen Es war ein verheerender Import: 1880 schleppten Europäer die Rinderpest in Afrika ein. Diese kostete Millionen Tieren das Leben. Allein in der Serengeti starben über eine Million Gnus an der Virus-Seuche. Eine Katastrophe, der man heute vorzubeugen versucht.

VON TITUS MLENGEYA * Bis zu zwei Millionen Gnus dürften einst die grossen Herden in der Serengeti umfasst haben. Doch beim Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert war dieser riesige Bestand auf einen kläglichen Rest zusammengeschmolzen. Der Grund hiess Rinderpest. Die Herden der im selben Gebiet lebenden Noma-

den litten ständig mehr oder weniger unter dieser rasch ansteckenden Seuche, und so schwappten die Krankheitswellen auch immer wieder in die Gnuherden hinein. Da vor allem die Jungtiere erkrankten und starben, konnte sich der Gnubestand nicht mehr erholen – es überlebten nur noch zwischen 200 000 und 300 000 Tiere.

Vorsorge mit Impfungen * Dr. Titus Mlengeya ist der leitende Veterinär des Serengeti-Nationalparks. Er wuchs in einem Dorf am Rande der Serengeti auf.

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Auf diesem Stand fanden Bernhard und Michael Grzimek die Gnubestände noch Ende der 1950er-Jahre vor, als sie mit ihren Tier-

zählungen und Migrationsstudien begannen. Zur gleichen Zeit starteten die Behörden eine afrikaweite Impfkampagne gegen die Rinderpest (siehe Kasten). Der Erfolg war bald sichtbar. Als die Rinderherden als ständige Quelle der Neuinfektion ausgeschaltet waren, begann auch die Gnupopulation der Serengeti wieder kontinuierlich zu wachsen – bis zu ihrem heutigen Stand von rund 1,2 Millionen Tieren. Auf diesem Niveau hat sie sich, reguliert durch die in der Trockenzeit zur Verfügung stehenden Futtermengen, eingependelt.


Tiere, welche die Krankheit überleben, sind zudem ihr Leben lang immun. Das bedeutete allerdings auch: Der Erreger war in den Herden immer präsent, und Jungtiere ohne ausreichende Immunität wurden bevorzugt Opfer der Krankheit.

Krankheitstransfer ausschalten Heute wandern rund 1,2 bis 1,3 Millionen Gnus durch die Savannen des SerengetiÖkosystems. Dank der Ausrottung der Rinderpest ist die endlose Wanderung der gewaltigen Gnuherden heute wieder zu einem einmaligen Schauspiel geworden, das die Menschen immer wieder staunen lässt. Unsere Aufgabe ist es, Krankheiten oder auch andere Störungen zu verhindern, die diese spektakuläre Gnuwanderung in irgendeiner Form beeinträchtigen könnten – vor allem den Krankheitstransfer zwischen Haustieren und Wildtieren. Das aber ist keine leichte Aufgabe für unser kleines Team der Serengeti-Tierärzte.

Rinderpest: Die Schreckensvision vom letzten Gnu erfüllte sich nicht.

Ganz Afrika verseucht Die Rinderpest ist eine tödliche Viruserkrankung, die alle Paarhufer befallen kann. In Afrika, genauer gesagt in Äthiopien, kam dieses Virus 1880 an – eingeschleppt von einer italienischen Expedition. Ende des 19. Jahrhunderts breitete sich die Krankheit schliesslich wie ein Lauffeuer über den ganzen Kontinent aus, vom Horn von Afrika bis runter zum Kap, und tötete massenweise Vieh und Wildtiere. Der Tod ihrer Kühe und gleichzeitig der wilden Wiederkäuer bescherte den Bauern

Afrikas eine schreckliche Hungersnot, die auch unzähligen Menschen das Leben kostete.

Überlebende sind immun Ganze Landstriche wurden leergefegt von Wildtieren, Menschen und deren Vieh. Mit der Zeit jedoch konnten sich einige der überlebenden Tiere erholen. Ihre geschrumpften Bestände waren ausserdem nicht mehr ganz so anfällig für weitere Krankheitswellen, da sich die Rinderpest nur in grossen Herden halten kann.

Foto: Gian Schachenmann

Verheerende Rinderpest Die Rinderpest gilt als die schlimmste Rinderseuche. Sie ist hochinfektiös und für Rinder und Büffel meist tödlich. Heute kommt sie vor allem in Ostafrika Morbillivirus und Asien vor. Menschen kann die Rinderpest direkt nichts anhaben. Aber in Gebieten, wo Nomaden von der Rinderhaltung leben, führt die Seuche auch zu Hungersnöten mit oft einschneidenden ökonomischen und politischen Folgen. Der Epidemie von 1890 sollen in Afrika gegen 90 Prozent aller Rinderbestände zum Opfer gefallen sein. In den 1980er-Jahren wütete die Rinderpest auch im Sahel. Ihr Erreger ist ein Virus (Morbillivirus [Bild]), das zur selben Gattung wie das Staupe- und Masernvirus gehört. Übertragen wird das Morbillivirus vor allem durch direkten Kontakt, infiziertes Wasser und Tröpfcheninfektion. So können auch wilde Wiederkäuer wie Gnus und Büffel angesteckt werden. Die angesteckten Tiere leiden unter hohem Fieber und Ausfluss aus Augen, Nase und Maul. Sie fressen nichts mehr, werden apathisch und bekommen blutigen Durchfall mit Schleimhautfetzen. Nach rund einer Woche werden die Tiere vom Tod erlöst. Vor der Rinderpest geschützt sind einzig jene Wiederkäuer, die geimpft wurden oder eine Immunität entwickeln konnten. fss

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«Giraffen sind eine echte Herausforderung» Die Krankheiten der Tiere werden im Wildparadies Serengeti genau beobachtet – von einer kleinen Tierarzttruppe, die bei Bedarf auch Hand anlegt. Was passiert, wenn eine Giraffe «umgelegt» werden muss, schildert Serengeti-ChefVeterinär Titus Mlengeya* in einem Gespräch mit Christiane Schelten von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt.

CS: Die Serengeti ist ja eigentlich ein «ungestörtes Paradies» – ein intaktes Naturgebiet. Warum braucht der Nationalpark Tierärzte? Titus Mlengeya: Da haben Sie Recht – die Serengeti selbst ist mehr oder weniger intakt. Aber drum herum passiert viel, und das beeinflusst auch den Park. Wie überall leben immer mehr Menschen um den Park herum. Landwirtschaft, Viehhaltung, Siedlungen bis direkt an die Parkgrenzen – all das beeinflusst den Park. Je intensiver der Kontakt zwischen Haustieren und Wildtieren an diesen Grenzen wird, desto höher ist das Risiko für Krankheitsübertragungen. Nicht nur für Tiere, sondern auch für Menschen. Daher wurde unsere Veterinärabteilung eingerichtet. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt hat sie aufgebaut, und nun hat die Nationalparkbehörde TANAPA sie übernommen.

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CS: Wie sieht es mit den Wildtierkrankheiten aus – ist das ein Problem im Park? Mlengeya : In den letzten Jahren haben Krankheiten die Wilderei von Platz eins der Todesursachen verdrängt. 1994 beispielsweise gab es ein Massensterben von Löwen durch eine Staupe-Infektion. Ein Drittel der Löwen in der Serengeti – rund 1000 Tiere – starben, und die Krankheit ging dann auf Schakale und Hyänen über. Die Wildhunde waren aufgrund einer Tollwut- plus möglicherweise einer Staupe-Infektion mehr als zehn Jahre lang aus dem Serengeti-Ökosystem verschwunden. Die Maul- und Klauenseuche setzte den Gnus 1997 zu, und ein Jahr später starben mehr als 1000 Impalas in der südlichen Serengeti durch eine AnthraxInfektion.

Foto: Ruedi Suter

Der Giraffenhals ist ein bevorzugter Kletterplatz für hungrige Madenhacker.

CS: Greifen die Veterinäre ein, wenn sich ein Tier verletzt? Mlengeya: Unsere Politik ist es, den menschlichen Einfluss auf den Park und seine Tiere zu minimieren und die Dynamik des Ökosystems nicht zu beeinträchtigen. Das heisst, wir entfernen zwar täglich Schlingen von Wilderern bei allen möglichen Tieren vom Warzenschwein bis zur Hyäne, aber ansonsten beschränken sich unsere Eingriffe auf die Gebiete ausserhalb des Parks.

CS: Also durch Milzbrand? Mlengeya : Genau. Und im Jahr 2000 schliesslich hatten wir eine erschreckende Zahl von Todesfällen im Ngorongoro-Krater! Mehr als 800 Büffel starben, und die wenigen, übrig gebliebenen Nashörner im Krater wurden ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen. Ich könnte jetzt endlos weitermachen, aber was ich vor allem sagen will: Krankheiten sind in der Tat ein echtes Problem, in der Serengeti wie auch in den anderen Parks.

CS: Titus Mlengeya, schildern Sie uns doch bitte kurz den Alltag eines Serengeti-Tierarztes: Wie sieht der aus? Mlengeya: Oh, da gibt es viele verschiedene Aufgaben! Schwerpunkt ist jedoch in der Tat die Krankheitsüberwachung. Das heisst: Wir packen das Fernglas und das Narkosegewehr, fahren ins Gelände hinaus und schauen uns die Tierherden an. Oder wir bekommen von Rangern, Wissenschaftlern oder auch Touristen über Funk konkrete Hinweise auf kranke Tiere und wo sie zu finden sind. Wichtig ist auch die so genannte Postmortem Untersuchung an Kadavern. Da nehmen wir zum Beispiel Gewebeproben und untersuchen sie im Labor. CS: Wie die Rinderpest drastisch zeigte, können tödliche Krankheiten auch von ausserhalb eingeschleust werden. Was unternimmt Ihr Team dagegen? Mlengeya: Selbstverständlich stehen wir auch mit den Veterinären in den umliegenden Dörfern in regem Austausch. Ihre Informationen sind für uns ein wichtiges Frühwarnsystem. In den Dörfern führen wir zudem regelmässig Impfkampagnen durch. Damit wollen wir verhindern, dass Krankheiten von den Haustieren auf die Wildtiere übertragen werden und so in den Park eindringen. CS: Welches Tier ist für Sie die grösste Herausforderung? Mlengeya: Die meisten Leute denken, Löwen wären das Schwierigste. Aber Löwen sind einfach zu behandeln. Wenn man sie richtig angeht und die Narkose gut macht, ist ein Löwe problemlos. Nein, da denke ich an einen ganz anderen Patienten. Das schwierigste Tier ist für mich – die Giraffe! Sie zu behandeln, bedeutet eine echte Herausforderung. Denn wenn die Narkose erst einmal sitzt, sind Giraffen in ihrem Verhalten absolut unkalkulierbar. CS: Und wie äussert sich das? Mlengeya: Nun, manchmal fallen sie einfach sofort um. Manchmal aber laufen sie auch einfach wie in Trance weiter und knallen mit Riesenschritten gegen die Bäume. Oder sie rennen unkontrolliert in uns rein, wenn wir nicht schnell aus dem Weg gehen.


Foto: ZGF

CS : Das klingt gefährlich, auch für die Doktoren! Mlengeya: Allerdings! Ich kann Ihnen versichern: Eine Giraffe umzulegen, die drei bis vier Mal so gross und zehn Mal so schwer ist wie du selbst, das ist kein Kinderspiel. Nicht viele in unserem Team haben den Schneid, eine Twiga umzulegen. Aber auch nachher wird’s nicht viel einfacher. Denn liegt sie schliesslich narkotisiert am Boden, kann es bei Giraffen leicht zu Atemproblemen kommen. Deshalb müssen wir ihr, sobald sie liegt, das Gegenmittel spritzen. Dann versuchen wir sie festzuhalten, indem wir ihr Kopf und Hals auf den Boden drücken. All das ist ein ganz schöner Stress – und zwar für uns und die Giraffe! Denn sie ist wach und wird nur mit einem Tuch über den Augen beruhigt. Ich bin jedes Mal heilfroh, wenn so ein Manöver ohne Schaden –

und zwar auf beiden Seiten – über die Bühne geht. CS: Ein abenteuerlicher Job, den Sie da haben. Mlengeya: Na ja, wenn man ein Tier fängt und körperlich im Einsatz ist, kommt man sich schon manchmal wie ein Cowboy vor. Aber das täuscht. Der grösste Teil meiner Arbeit ist harte Wissenschaft: Wir versuchen zu verstehen, was im Serengeti-Nationalpark passiert, wir versuchen herauszufinden, wie die Tiere und ihre Umwelt miteinander in Wechselwirkung stehen. Und dann alle diese Konferenzen und der ganze Papierkram! Das alles ist – glauben Sie mir – nicht wirklich abenteuerlich.

Foto: Ruedi Suter

In solchen Situationen muss man fix und entschlossen zupacken. Wir versuchen dann, sie mit einem Seil auf den Boden zu bringen, was oft unsere ganze Kraft erfordert.

Foto: ZGF

«Operation Heikel»: Eine Giraffe hinzulegen, braucht viel Fingerspitzengefühl.

* Dr. Titus Mlengeya ist der leitende Veterinär des Serengeti-Nationalparks. Er wuchs in einem Dorf am Rande der Serengeti auf. (Das Interview erschien im Magazin «Gorilla» der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt.)

Trio Langhals mit Überblick. HABARI 4/06 9


B U S C H T R O M M E L

höht, ohne dass dies in den bisherigen Abschätzungen zur Klimaveränderung berücksichtigt wurde», sagen die Staubforscher. Später wollen sie den Staubwolken mit Flugzeugen nachfliegen – um zu sehen, wohin sich diese Massen verschieben. pte/s

F ORSCHUNG

Überall Sahara-Staub MAINZ. – Afrikareisende wissen es: In der Luft fliegt Staub mit, oft sehr viel Staub. Fragt sich nur, wie sich der Staub in der Atmosphäre auf die Klimaveränderung auswirkt. In Südmarokko, am Rande der Sahara, versuchte darum eine 40-köpfige Forschergruppe herauszufinden, wie es in der Luft um die Zusammensetzung und die Verteilung von Sand- und Staubteilchen steht. «Bisher ist unbekannt, wie sich die eineinhalb Milliarden Tonnen von Staub und Sand auswirken, die jährlich von den Wüsten der Erde in die Atmosphäre gelangen – ob sie zum Temperaturanstieg auf unserem Planeten beitragen oder ihm entgegenwirken», begründete der deutsche Wissenschaftler Lothar Schütz vom Institut für Physik der Atmosphäre an der Universität Mainz den Wüsteneinsatz gegenüber der Nachrichtenagentur pressetext. Dessen Ziel sei, meteorologische Situationen mit wenig Staub und solche mit Staubstürmen messtechnisch zu erfassen. Das Forscherteam hatte Messcontainer im Atlas-Gebirge auf knapp 4000 Meter Höhe aufgestellt. Jetzt werden die Daten und gesammelten Proben ausgewertet. Dann hoffen die Experten, mehr über die Strahlungswirkung von Staub und Sand und vielleicht auch etwas über ihren Einfluss auf unser Klima sagen zu können. Verblüffend: Sahara-Staub wird bis zu 5000 Meter hoch in die Atmosphäre getragen und zieht über den Atlantik bis in die Karibik und an den Amazonas. Dabei erreichen die Staubwolken gigantische Ausmasse – bis zu einer halben Million Quadratkilometer. Die Frage sei, welchen Einfluss dieser Transport von Staub auf die Strahlungsbilanz in der Atmosphäre habe, da der Staub auch Träger und Deponieflächen von Gasen sei, erinnern die Wissenschaftler. Es könne sein, dass in dieser Höhe Prozesse stattfinden, die dem Temperaturanstieg entgegenwirken. Insgesamt gelangen jährlich rund fünf Milliarden Tonnen Staubteilchen oder Aerosolpartikel in die Atmosphäre. Der Grossteil davon stamme aus natürlichen Quellen, ein Teil davon ist von Menschen verursacht. 60 Prozent der 1,5 Milliarden Tonnen Staub stammten aus dem Wüstenkomplex der Sahara. «Während der anhaltenden Dürreperiode in der Sahelzone der letzten Jahrzehnte wurde die weltweite Staubproduktion möglicherweise um ein Drittel er-

B ESTÄNDE

Virunga-Flusspferde massakriert

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«Bundesrat opfert Urvölker» BERN. – «Der Bundesrat lässt Indigene im Stich», kritisieren die sich in der Schweiz für indigene Völker einsetzenden Nichtregierungsorganisationen das Ergebnis der Bundesratssitzung vom 18. Oktober, bei der auch der Bericht zur Situation der Fahrenden in der Schweiz verabschiedet wurde. Ein wichtiger Teil des Berichts behandelt die innenpolitischen Auswirkungen einer allfälligen Ratifizierung der Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die – als Ausnahme – auch die Rechte der Urvölker themati-

KINSHASA. – Die Ranger und Wildtiere des Virunga-Nationalparks in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) werden zunehmend Opfer massiver Gewalt und Wilderei: Ranger sterben, und einigen Tierarten droht die Ausrottung. So sollen wöchentlich durchschnittlich 150 FlusspferHadzabe-Frauen in Tansania de abgeschlachtet werden. Laut einer neuen Zählung der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) sollen inzwischen 98 Prozent der Flusspferde im Park umgebracht worden sein. Der Park liegt im Osten von Kongo-Kinshasa. Er ist auch UNESCO-Weltnaturerbe und Heimat der seltenen Berggorillas (vgl. HABARI 3/06, Seiten 3- 6). Die ZGF führte am 23. Oktober mit Unterstützung des US Fish and Wildlife Service die Zählung der Flusspferde aus der Luft durch. Das Resultat bestätigte, was die seit längerem anhaltende Wilsiert. Nun aber rät der Bundesrat von einer derei befürchten liess: «Nur noch 629 FlussÜbernahme dieses international bislang einpferde sind übrig von einem Bestand, der zigen verbindlichen Rechtsinstruments zum Anfang der 70er-Jahre bei rund 30000 lag», Schutze von indigenen und tribalen Völkern stellen Forscher fest. Dies entspreche einem ab. Der verabschiedete Bericht, kritisiert die Bestandsrückgang von 98 Prozent. Allein in NGO-Koalition Swisspro-ILO 169 (vgl. HABARI den ersten beiden Oktoberwochen hätten 3/06, Seite 11), zeichne ein krass «übertrieWilderer «mehr als 400 Flusspferde» umgebenes Bild» von dem, was der Schweiz nach bracht. einer Ratifizierung der Konvention blühen soll: Grund für das massive Töten von Flusspferuntragbare finanzielle und rechtliche Verden und auch Elefanten sei das Elfenbein der pflichtungen. Mit der Abschreibung des PosTiere. Genau wie Elefantenstosszähne erzietulats Nr. 99.3433 von Nationalrat Remo Gysin len die Hauer der Flusspferde hohe Preise auf (BS) drohe die Diskussion um die Rechte der dem Elfenbeinmarkt. «Das Elfenbein wird aus Urvölker im Schweizer Parlament «in weite den Camps der Rebellen und Milizen wahrFerne zu rücken». scheinlich über Uganda und den Sudan auf Dies sei umso tragischer, als sich die Schweiz den internationalen Schwarzmarkt gebracht», mit dem Bericht über die Menschenrechtsauserläutert ZGF-Projektleiter Robert Muir in Visenpolitik für die Jahre 2003 – 2007 explizit runga. Die unübersichtliche Lage in der Deauch für die Rechte der indigenen Völker mokratischen Republik Kongo ausnutzend, einzusetzen versprach. Zum Beispiel in der hätten vor allem Mai-Mai-Rebellen, aber auch UNO oder der Entwicklungszusammenarbeit. andere lokale militärische Gruppierungen beMax Mader, Sprecher der NGO-Koalition, gonnen, im grossen Stil im Park zu wildern. sagte gegenüber dem Schweizer InternetporSeit September stünden nicht nur die Wildtal OnlineReports.ch: «Ohne die Ratifizierung tiere des Nationalparks unter Beschuss, sonder ILO-Konvention 169 wird die Schweiz dern auch die Ranger der kongolesischen Parkweiterhin nicht fähig sein, gegenüber andebehörde ICCN (Institut Congolais pour la Conren Regierungen den notwendigen moraliservation de la Nature): «In letzter Zeit gab schen und diplomatischen Einfluss zugunsten es wiederholt Überfälle auf Rangerposten und der Rechte der indigenen und tribalen Völker Patrouillen, die mehrere Tote und Verletzte auszuüben: Das können wir nicht akzepforderten.» tieren.» Foto: Berühmt

Foto: zvg

Forschungsflug

I NDIGENE


왘 Neue Mitgliederbeiträge. Obwohl es den FSS-Mitgliedern weh tut, wurden an der FSSHerbstversammlung vom 27. Oktober 2006 tapfer die Mitgliederbeiträge erhöht: mit 78 Stimmen bei keiner Gegenstimme und einer Enthaltung. Ein Resultat, das beeindruckt und das überdurchschnittliche Engagement der FSSMitglieder spiegelt. Zuvor hatte der neue Vereinspräsident, Beni Arnet, die Notwendigkeit einer Beitragserhöhung erklärt. Was 1994 100 Franken wert war, sei heute nur noch 87 Franken wert; der Mitgliederbestand von zurzeit 1250 Personen stagniere, mit dem Rückzug der Schweizerischen National-Versicherung sei der grösste Sponsor weggefallen, das Vereinsvermögen schmelze und, last but not least, seien die Bedürfnisse der afrikanischen PartnerInnen für die kostspielige Erhaltung ihrer Parks und Tierwelt nach wie vor gross. «Die weit offene Schere zwischen den Bedürfnissen und den Mitteln droht, FSS-Projekte abzuschnipseln», warnte Arzt Arnet, der mit neuen Massnahmen dem FSS zu stärkeren Muskeln verhelfen will. Eine wichtige Massnahme hierfür sei darum auch die Erhöhung der Mitgliederbeiträge. Dass die nicht nur weh tun, dafür garantiert der FSS mit seinen Aktivitäten im Busch: Afrika werden sie gut tun.

Mitgliederbeiträge bisher NEU CHF CHF Junioren bis 18 Jahre 15.00 15.00 Einzelpersonen 50.00 75.00 Paare 75.00 100.00 Gönner/Firmen ab 100.00 ab 200.00

왘 FSS zündet weitere Stufe. Der FSS-Vorstand will für den Verein, in enger Zusammenarbeit mit allen FSS-Mitgliedern, eine neue Zündstufe starten, um bekannter zu werden und das schwindende Vereinsvermögen aufzustocken. Dies erklärte Vereinspräsident Beni Arnet an der mit 80 Personen einmal mehr erfreulich gut besuchten Herbstversammlung vom 27. Oktober im Restaurant Neu Klösterli in Zürich. Angepeilt und teils bereits in der Realisierung sind: • Die Professionalisierung der Mittelbeschaffung. • Die Modernisierung des Internet-Auftritts. • Die Ermunterung aller Mitglieder zum aktiven Mitdenken und Mitmachen. • Die bessere Nutzung des Know-hows und der Kontakte der FSS-Mitglieder. • Die Aktivierung oder Verstärkung der Verbindungen zu Reiseveranstaltern, Transportfirmen und Fluggesellschaften. • Die Platzierung einer Adress-, Anmeldeund Warenkarte im HABARI.

Foto Ruedi Suter

FSS-Kompass

Iraq-Jungmänner: Blick in die Zukunft des FSS.

• Die Motivierung potenzieller Sponsoren und Vermächtnis- und Legat-Schenkenden für eine FSS-Unterstützung. • Das Auflegen des HABARI in Wartezimmern von Praxen, Aufenthaltsräumen und Lesesälen. • Vermehrte Kooperation mit ähnlich orientierten Organisationen. • Die Prüfung neuer Wege wie ein Co-Marketing mit Firmen. Der FSS-Vorstand wird nun einen Leitfaden mit Richtlinien erarbeiten.

왘 «EinfachLuxuriös Tansania». Das Schweizer Fernsehen hat zwei Mitarbeiterinnen mit Equipen nach Tansania entsandt, um eine Folge seiner Serie «EinfachLuxeriös» zu drehen. Der FSS-Vorstand hat das Fernsehteam im Zusammenhang mit dem Wildschutz und den Nationalpärken beraten. Läuft nichts schief, wird die Sendung am 14. Dezember um 21 Uhr auf SF1 ausgestrahlt. Mehr Informationen können auf der Homepage www.einfachluxurioes.sf.tv abgerufen werden.

HABARI : Immer und überall Haben Sie einen Warteraum, ein Vorzimmer, eine Lese-Ecke ? Wenn ja, liegen da auch schon griffbereite HABARI-Ausgaben, die zum Lesen und Fotogucken einladen? Wenn nicht, melden Sie sich doch bitte bei Silvia Arnet im FSS-Sekretariat (Tel. +41 [0]44 730 75 77) oder schreiben Sie an fss@mediaspace.ch und verlangen Sie Hefte. Wir möchten den FSS auch vermehrt über die Zeitschrift HABARI bekannt machen. Bitte, denken Sie immer und überall daran – wie unser Leser, der Zoologe Dieter Stumpf aus Basel. Er hat uns diesen «Helge» (siehe Bild) unverzüglich geknipst und geschickt – aus Wien, Österreich.

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G L O B A L I S I E R U N G

Schweizer Premiere: FSC-Holz aus Afrika Was kürzlich undenkbar war, ist am 26. Oktober 2006 Realität geworden: Umweltorganisationen, Bundesstellen und Holzindustrielle warben gemeinsam für das FSC-Holzgütesiegel: In Klingnau (AG) wurde die Ankunft der überhaupt ersten Ladung von zertifiziertem Tropenholz aus Afrika gefeiert – mit gemischten Gefühlen.

VON RUEDI SUTER Im Sägewerk der Gebrüder Kappeler + Co rollte ein Stapler mit riesigen Greifarmen auf den mit grossen Baumstämmen beladenen Eisenbahnwaggon zu, griff einen der Stämme, hob ihn wie ein Zündholz hoch und

karrte ihn zur Säge hinüber. Dort wurde der Stamm aus dem Herzen Afrikas zu Brettern zersägt, die später als solide Türen Schweizer Heime schliessen werden. Ein historisches Ereignis, nach den Abertausenden von Tonnen, die in den letzten Dekaden unter zumeist zweifelhaften Umständen aus Afrika in die Schweiz transportiert wurden. Anders diesmal: Jetzt durfte man mal sehen, wie ein im Kongo legal geschlagener, legal transportierter, legal exportierter und legal eingeführter und bezahlter Sipo- oder Sapelli-Mahagoni als gestapeltes Rundholz aussieht.

tion der «beispiellosen Partnerschaft» zwischen Nichtregierungsorganisationen, Bundesstellen und Unternehmen sein sollte. Da traten tatsächlich Widersacher friedlich geeint auf, die sich vor wenigen Jahren teils noch böse in den Haaren lagen: Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) mit seiner Berater-Organisation Intercooperation, der Verband Schweizerische Türenbranche (VST), die Türenfabrik Brunegg AG und der Tropical Forest Trust (TFT). Dann aber auch der WWF Schweiz und Greenpeace Schweiz, der FSC Schweiz als Gütegarant sowie die Holzlieferanten tt Timber International AG/Congolaise Industrielle des Bois (CIB) als Teil der DHL-Gruppe, die im Kongobecken Urwälder bewirtschaftet und diese erste Tropenholz-Ladung aus ihrer ersten zertifizierten Konzession von Kabo in Kongo-Brazzaville nach Europa lieferte.

Gegner werden zu Partnern

«Zwiespältige Gefühle»

Angereist waren Fachleute und zwei Diplomaten der Volksrepublik Kongo (Brazzaville), weil der Anlass auch eine Demonstra-

Das Verbindende ist das Gütesiegel des Forest Stewardship Council (FSC), der mit dem einzigen international gültigen und an-

Fotos : Ruedi Suter

Gebrüder Kappeler, Klingnau: Einzige Grosssägerei für Tropenholz in der Schweiz.

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Das kleinere Übel? Etwas afrikanischen Charme in den Aarenebel vermochte Gabriel Nguengue-Montse (Bild) zu bringen. Der Wirtschaftsattaché der kongolesischen Vertretung in Genf gab sich erfreut, dass sein Land dank der CIB nun zertifiziertes Holz liefern könne. Für FSC-kritische Organisationen ist das Label im Zusammenhang mit Afrikas letzten Regenwäldern allerdings völlig untauglich, da sich insgesamt nichts ändere. Andauernder Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen und Korruption würde mit dem FSC kein Riegel geschoben. Und Marcus Walsh von der BirdLife European Forest Task Force meint: «ZertifizierungsOrganisationen wie FSC haben das Problem, dass sie nicht den Umweltschutz, sondern die Wirtschaft repräsentieren. Das wird von Regierungen und Handel ausgenutzt, um in Wäldern schlagen zu lassen, die streng geschützt werden müssten.» Aber auch die FSC-Kritiker argumentieren nicht ohne Zwiespalt. Gerade im Zusammenhang mit dem bedrohten Kongobecken, in das nun auch chinesische Holzkonzerne einfallen, die auf gar nichts Rücksicht nehmen. Von den beiden Übeln scheint ihnen da die zweischneidige FSC-Lösung immer noch das kleinere zu sein. Jedenfalls aber müsste, so die einhellige Meinung, die Einhaltung der FSC-Vorschriften mit regelmässigen, nicht angemeldeten Besuchen kontrolliert werden – und die Türen in der Schweiz müssten aus einheimischem Holz gefertigt werden.

FSS-Weihnachtsspende

Der FSS sammelt: für die Wasserversorgung in Afrika Wasser für die Wildhüter! In der Schweiz sind wir reichlich mit Wasser versorgt und halten dies für ziemlich selbstverständlich. Da denkt man vielleicht seltener an die Menschen, für die sauberes Wasser leider fast ein Luxus ist. Sie müssen oft mit einem einzigen Eimer Wasser pro Tag für eine ganze Familie auskommen – zum Trinken, zum Kochen, zum Waschen. Auch die Ranger der tansanischen Nationalparks und ihre Familien kennen diese Sorge. Die abgelegenen Wildhüter-Posten werden in erster Linie an Stellen gebaut, wo sie für den Parkschutz strategisch sinnvoll sind. Ob der Platz und seine Umgebung auch Wasser bieten, ist da von zweitrangiger Bedeutung. So liegen die Posten manchmal weitab von jedem trinkbaren Wasser. Ein existenzielles Problem, das der FSS seit Jahren zu lösen hilft. Um das Grundbedürfnis der Ranger nach Wasser sicherzustellen, investiert unser Verein regelmässig in die Wasserversorgung. Im Westen der Serengeti zum Beispiel baute der FSS ein Bohrloch mit einer Solarwasserpumpe, das fünf Ranger-Posten im Süden und Südwesten des Parks mit Wasser versorgt: Kirawira, Simiyu, Mamarehe/Duma, Nyamuma und Nyasirori. Der FSS konnte zwei ehemalige Schweizer Armeelastwagen der Marke Steyr organisieren, die das Wasser in Tanks von der Pumpe zu den Posten transportieren (vgl. HABARI 3/06, S. 14). Auch abgelegene Posten wie Moru werden so dank dem FSS regelmässig mit Wasser versorgt. Ausserdem hat unser Verein im Südosten des Tarangire-Nationalparks ein Bohrloch anlegen lassen und einen Wassertransporter für den Park zur Verfügung gestellt. In allen vom FSS gebauten Posten wurden zudem Regenwassertanks installiert. Die afrikanischen Partner zeigen sich immer wieder sehr dankbar für diese Art von Unterstützung. Natürlich müssen all diese Einrichtungen auch unterhalten werden. Die Bohrlöcher versanden, die Pumpen brauchen Ersatzteile, und die Fahrzeuge, welche durch die schweren Lasten und die holprigen Strassen stark strapaziert werden, müssen hin und wieder ersetzt werden. Deshalb rufen wir dieses Jahr zu einer Weihnachtsspende für die Wasserversorgung der Ranger auf. Bitte helfen Sie kräftig mit! Die Menschen, die sich unter harten Lebensbedingungen für den Schutz der einmaligen Parks einsetzen, sollen darauf zählen können, jeUnser Konto: den Tag für sich und ihre Familien genug sauberes Wasser zu haben. Vielen Dank und Freunde der Serengeti Schweiz schöne Feiertage! Postfach CH-8952 Schlieren PC: 84-3006-4 Ihr FSS-Vorstand Vermerk: «Weihnachtsspende» Foto: Arnet

erkannten Holzlabel glaubwürdig dafür sorgen soll, dass die Waldbewirtschaftung verantwortungsbewusst betrieben wird. Guido Fuchs sagte als Geschäftsführer des FSC Schweiz: «Die 80 Kubikmeter haben symbolisch den Beweis erbracht, dass die FSCZertifizierung auch in Afrika möglich ist. Aber es ist erst ein Tropfen auf dem heissen Stein. Wir brauchen noch viel mehr urwaldfreundliches Holz aus Afrika.» Dass die Umweltorganisationen nur mit zwiespältigen Gefühlen die afrikanischen Baumriesen im Schweizerland sehen, brachte Damian Oettli vom FSC-Förderer WWF zum Ausdruck: «Das Herz blutet, hier solche Stämme zu sehen. Aber nur Wälder, die einen Wert haben, werden erhalten.» Nachhaltige Waldbewirtschaftung sei deshalb notwendig, unterstrich Oettli die Philosophie des WWF. FSC, betonte GreenpeaceVertreter Frantisec Hudec, dürfe nicht dazu führen, dass auch noch die letzten intakten Urwälder geöffnet werden.

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STREIFLICHT ■ Rhino-Zunahme. Dank den ständigen Anstrengungen zum Schutz der Spitzmaulnashörner in Kenia gibt es nach Jahren der Verluste durch Wilderei und Lebensraumzerstörung nun wieder erfreuliche Nachrichten. Laut einem offiziellen Bericht der Kenya Wildlife Services gab es Ende 2003 nur noch 428 Tiere. Doch zwei Jahre später konnten die Ranger insgesamt 539 Tiere zählen. Die Zunahme von 111 Spitzmaulnashörnern wird auf den besseren Schutz der Bestände und der Sicherung von Lebensräumen mit besonders geeignetem Nahrungsangebot und günstigen Fortpflanzungsmöglichkeiten zurückgeführt. Trotz dieser guten Entwicklung warnt der WWF aber davor, nun sorglos zu werden. In Kenia und andernorts in Afrika sind Spitzmaulnashörner nach wie vor speziell durch Wilderer gefährdet, die auf ihre Hörner aus sind. Das Horn ist immer noch hochbegehrt für traditionelle Medizin in Teilen Asiens. mb/wwf 왗 ■ Verhaftet. Der Elfenbeinhandel in Ostafrika ist nach wie vor streng verboten. Doch dies hinderte den Tansanier Elirehema Abbasi nicht, trotzdem mit Elfenbeinverkauf sein Glück zu versuchen. Abbasi lebt in Usa River nahe Arusha. Bei ihm fand die Polizei aufgrund eines telefonischen Hinweises 14 Stosszähne und zwei Felle von Leoparden, die ebenfalls streng geschützt sind. Abbasi sei Mitte Oktober beim Versuch gefasst worden, seine illegale Ware an den Mann zu bringen, erklärte Basilio Matei, der Kommandant der Arusha Regional Police, gegenüber der Presse. Für die Stosszähne hätte er 900 000 (900 CHF) und für die Leopardenfelle 400 000 Tansanische Schillinge (400 CHF) einstreichen wollen. Bereits am 1. Oktober wurde ein weiterer Tansanier verhaftet: Bei Azimio Saidi, Wachmann in der Kira Estate, wurden zwei Stosszähne beschlagnahmt. ne 왗 ■ Tutu tadelt. Friedensnobelpreisträger und Bischof Desmond Tutu verurteilte in scharfen Worten die Regierung Botswanas wegen ihrer Vertreibungspolitik gegen die Urbevölkerung der San (Buschmänner). Am 6. November rief er laut der Menschenrechtsorganisation Survival International die Regierenden auf, die San-Gruppen der Gana und Gwi nicht zu zerstören (vgl. HABARI 3/06, Seiten 8 – 11). «Die San-Buschmänner verkörpern eine 100 000 Jahre alte Kultur, die als Weltkulturerbe respektiert werden muss. Auch wenn Fortschritt notwendig ist, kann es nicht sein, dass der einzige Weg hierzu über die Vertreibung der San vom Land ihrer Vorfahren und die Zerstörung ihrer Traditionen ist», machte Desmond Tutu in einem Filminterview klar. Das traurige Schicksal der Indianer, Aborigines und Tibeter zeige, was geschehe, wenn eine Kultur im

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Namen des Fortschritts vernichtet werde: «Zehntausende Jahre an Weisheit, Naturwissen, Heilmethoden und Zusammenleben verschwinden mit diesen Menschen», sagte der frühere Antiapartheidkämpfer. «Ich rufe die Regierung Botswanas und die Welt auf, eine Lösung zu finden, welche die wunderbare, spirituelle Kultur der San respektiert», schloss Desmond Tutu seinen Aufruf. 왗 ■ Angst vor Schlangen. Sie ist jünger als der Mensch: die Angst vor giftigen Schlangen. Und sie war mit ein Grund dafür, dass die Primaten ihre Sehfähigkeit enorm verbessert haben. Das jedenfalls meint die Forscherin Lynne Isbell von der University of California aufgrund ihrer Studien. Vor rund 90 Mio. Jahren sei es dazu gekommen, dass die Augen der Primaten mehr in Richtung Schädelmitte «wanderten», während sich bei anderen Tieren die Sehorgane rechts und links am Schädel befinden. Die zentrale Augenposition erlaubt eine wesentlich grössere Tiefenschärfe, berichtet National Geographic. Vor rund 60 Mio. Jahren sollen erstmals giftige Schlangen entstanden sein. Um ihren drohenden Angriffen auszuweichen, hätten die Primaten bessere visuelle Fähigkeiten zu entwickeln begonnen. «Das Resultat war eine bessere RundumSehfähigkeit der anthropoiden Primaten, zu denen auch der Homo sapiens gehört. Im Vergleich zu früheren Primaten, die sich ausschliesslich vor Würgeschlangen in Acht nehmen mussten, war das ein evolutionärer Vorteil», folgert nun die Forscherin. Moderne Säugetiere entwickelten sich erst vor rund 100 Mio. Jahren – und die Schlangen sollen aller Wahrscheinlichkeit nach ihre ersten grossen Feinde gewesen sein. pte 왗 ■ Europas Versagen. Der Völkermord in Ruanda von 1994, den die Grossmächte nicht verhindern wollten, scheint sich mit anderen Voraussetzungen im sudanesischen Darfur zu wiederholen. Ausser Erklärungen der Betroffenheit und Geld für humanitäre Hilfe komme von Europa wenig Unterstützung für die Zivilbevölkerung, kritisiert Ulrich Delius, Afrikaexperte der Gesellschaft für bedrohte Völker, in einer Medienmitteilung. Nur der britische Premierminister Tony Blair habe sich in jüngster Zeit hervorgetan durch energische Forderungen nach einem schnellen Einsatz von UN-Friedenstruppen im Westen des Sudan. Hingegen sei von den Regierungen Deutschlands, Italiens, Frankreichs und Spaniens wenig über konkrete Initiativen zum Stopp des Genozids in Darfur zu hören, kritisiert Delius. Eine einheitliche europäische Afrika-Politik stecke noch immer in den Kinderschuhen, und nationale Egoismen behinderten bis heute eine offensive Vertretung gemeinsamer Interessen und Grundwerte. Ulrich Delius: «Die EU gebärdet sich gegenüber der sudanesischen Führung wie ein zahnloser Tiger. Und wenn der

von Zeit zu Zeit laut brüllt, nimmt ihn in Khartum inzwischen auch niemand mehr ernst.» Da Brüssel seinen ständigen Erklärungen der Betroffenheit keine Taten folgen lasse, habe die Glaubwürdigkeit Europas in Menschenrechtsfragen beträchtlich gelitten. 왗 ■ Gnadenfrist für Elefanten. Das Elfenbeinhandelsverbot bleibt vorerst bestehen. Dies entschied der Ständige Ausschuss des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (WA) Anfang Oktober. Unter dem Druck der Elfenbeinhandelsgegner entschied die Konferenz in Genf, das bestehende Handelsverbot aufrechtzuerhalten. Zur Diskussion stand der Verkauf von 60 Tonnen Elfenbein aus Botswana, Namibia und Südafrika. Die Konferenz erteilte hierfür kein grünes Licht, weil ein eigens etabliertes Überwachungssystem bislang keine adäquaten Informationen über das Ausmass der Wilderei geliefert hat. Allerdings soll der Elfenbeinhandel nächsten Sommer neu diskutiert werden, sobald das Kontrollsystem MIKE (Monitoring the Illegal Killing of Elephants) neue Daten zur Elfenbeinwilderei vorlegt. Die deutsche Organisation Pro Wildlife äusserte allerdings grundsätzliche Zweifel an MIKE: Erfasst werde nur ein Bruchteil der tatsächlichen Wilderei, und dies fast ausschliesslich in Schutzgebieten, obwohl Elefanten mehrheitlich ausserhalb von Parks lebten. Zudem habe das vor sechs Jahren ins Leben gerufene MIKE «bereits Millionen Euro verschlungen», ohne zuverlässige Daten zu liefern. Pro Wildlife: «Anstatt Millionen in die fragwürdige Zählung toter Elefanten zu stecken, sollten die Gelder besser in sinnvolle Schutzprojekte investiert werden.» pw 왗 ■ Java-Nashorn. In Indonesien haben Wissenschafter in den letzten Wochen Zeichen eines wahren Baby-Booms bei den Java-Nashörnern gefunden. Nach einem Erdbeben auf Java untersuchte ein Team von Biologen und Wildhütern im Ujung-Kulon-Nationalpark die Situation der Nashörner und entdeckte dabei Spuren von vier verschiedenen Nashornkälbern. Das sind die ersten bekannten Geburten seit drei Jahren. Java-Nashörner leben tief im Tropenwald und sind deshalb kaum zu beobachten. Dennoch hatte ein Team das Glück, ein weibliches Kalb mit seiner Mutter zu sehen. Mit im Park aufgestellten Fotofallen hofft nun das Team, auch Fotos der anderen Neugeborenen zu erhalten. Das Java-Nashorn ist die seltenste der fünf Nashornarten. Sein Bestand im javanischen Ujung-Kulon-Nationalpark wird auf zwischen 28 und 56 Tiere geschätzt. Die einzige andere bekannte Population von höchstens acht Tieren lebt im CatTien-Nationalpark in Vietnam. Dass die Population in Java sich so erfreulich fortpflanzt und hoffentlich nun langsam anwächst, gibt Hoffnung für die Zukunft der seltensten Nashornart. mb/wwf 왗


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