__MAIN_TEXT__

Page 1

herzogenrie

d.de

56. AUSGABE / JAHRGANG 20

Vielfalt leben

STADTTEILZEITUNG HERZOGENRIED


Seite 2

Aus dem Herzogenried Inhalt

Inhalt

Corona ist noch nicht besiegt

4

6

7

11

13

15

17

18

19

23 Foto: M. Baier

V.i.S.d.P.: Interessengemeinschaft Herzogenried Förderverein e.V. Redaktionsadresse: Herzog-Stadtteilzeitung c/o Quartiermanagement Herzogenried Am Brunnengarten 8 68169 Mannheim · Tel.: 0621 - 28 000 345 Gestaltung & Satz: Holger Klement Matthias Scheib Redaktionsteam: Petra Leinberger Quartiermanagement Herzogenried Monika Schleicher Irmgard Rother Nadine Schwerdel Jessica Schadt Ilse Platzmann Ursel Kravat Michael Baier Gerd Müller Kinderredaktion: Lea, Leon, Svea Titelfoto: Johanna Keller Anzeigen: Die aktuellen Mediadaten und Anzeigenpreise erhalten Sie auf Anfrage unter: Herzog-Stadtteilzeitung c/o Quartiermanagement Herzogenried Petra Leinberger · Am Brunnengarten 8 68169 Mannheim · Tel.: 0621 - 28 000 345 herzogenried.mannheim@diakonie.ekiba.de Druck: Mannheimer Morgen Großdruckerei und Verlag GmbH Auflage: 4.000 Exemplare

Inhalt 3 3 4 4 5 6 6 6 7 8 9 9

Editorial Ein Spaziergang durch den herzog(enried) Weiter gemeinsam und solidarisch in Zeiten der Pandemie Die Kinderredaktion stellt sich vor Herzogenriedlerin des Jahres 2019 vielseitig interessiert und engagiert Das Atelier Kunst und Natur erstrahlt in neuem Glanz Das Projekt „Gesund im Herzogenried“ stellt sich vor Erste Ergebnisse der Stadtteilbefragung HELGE Radfahren Lernen – ein Weg zu mehr Selbstbestimmung und Teilhabe Multihalle: Ein Stuhl, ein Dach, viele Ideen. Migrationsbeirat: Zahra Alibabanezhad Salem übernimmt den Vorsitz Igelrettung im Garten

10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24

Vielfalt in Geschichte und Statistik Ali und die Jungs Was bedeutet Vielfalt in der Küche? Avin Meine persönlichen Erfahrungen Bisera Emma / Madiha Sachin Belvadi Emine Sandra Edgar Filiz /Fouzia Maria / Sevim Unser Lieblingsplatz im Herzogenried: unser Balkon Unser Alltag ist vielfältig, Vielfalt ist unser Alltag

24 25 26 27 27 27 28 28 29 29 29 30 31 31

Fritz-Salm: Straße für Alle!! Nikolausaktion: Man muss sich nur zu helfen wissen! Jugendhaus Herzogenried Weltkindertag-Aktionen im Herzogenried Schulkindbetreuung in Zeiten von Corona Neues aus der Käthe-Kollwitz-Grundschule Was macht Uschi Glas im Herzogenried Die ‚Müttermafia‘ stellt sich vor Das Vorlesecafé der Stadtteilbibliothek Herzogenried Interkulturell macht Schule SPORTPARK Phönix 2022 Radfahren für alle -Paracycling im RRC Endspurt Mannheim RAPSODI Musik-Kunst-Kultur Von der Schutthalde zur "wilden Wiese"


Aus dem Herzogenried Editorial

Seite 3

Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Herzogenriedler*innen, Da ist er, der neue „herzog“! Beflügelt durch die wirklich sehr positive Reaktion auf die letzte Ausgabe haben sich alle Beteiligten an die Erarbeitung dieser nun vorliegenden Ausgabe gemacht. Das Motto lautet diesmal: „Vielfalt leben“ – echt Herzogenried! Die äußeren Rahmenbedingungen für diesen „herzog“ waren denkbar schwierig.

Zustandekommen dieses „herzog“ gilt also Petra Leinberger. Aber auch der inzwischen deutlich gewachsenen Redaktion und allen, die einen oder mehrere Artikel beigetragen haben, sagen wir „danke!“. Ferner auch unserem Layouter Matthias Scheib. Und ohne unsere Inserent*innen wäre der „herzog“ auch nicht denkbar. Auch ihnen ein herzliches Dankeschön, wie auch nicht zuletzt den Menschen, die für den Vertrieb unserer Zeitung sorgen.

Nun wünschen wir viel Vergnügen beim Lesen! Auf konstruktive Kritik, Lob und weitere Anregungen freuen wir uns!

Bleiben Sie gesund!

Thomas Trüper 1. Vorsitzender Interessengemeinschaft Herzogenried e. V.

Über Corona und den erneuten Lockdown-light brauchen wir gar nicht mehr zu reden. Wir alle, Sie alle wissen ganz genau, wie sehr diese Pandemie das tägliche Leben belastet und natür- Bunter Stadtteil – offene Menschen lich auch das soziale Leben: Kontakte vermeiden, wo es nur geht, heißt die Devise. Das betrifft dann natürlich auch die Arbeit in den Vereinen und in der Liebe Leser*innen, Feiern, beim gemeinsamen Kochen und Redaktion. Essen, beim Sport, bei Spaziergängen getreu dem Motto „nach dem herzog ist oder auf dem Spielplatz. Ich bin Aber noch etwas gilt es zu erwähnen: vor dem herzog“ begann unser deutlich begeistert, wie groß auch die Seit Juli haben wir ja keine gewachsenes Redaktionsteam bereits Bereitschaft ist, selbst initiativ zu Quartiermanagerin mehr, weil der kurz nach der Verteilung des letzten werden, sich einzubringen und Prozess der Wiederbesetzung sich so herzogs (Corona Extra) mit den unterstützend tätig zu werden. Das ist lange hinzieht, wenn auch jetzt mit Vorbereitungen für diese vorliegende doch die ideale Voraussetzung dafür, absehbarem Ende. Das ist eigentlich Ausgabe. Wir diskutierten die dass wir gemeinsam noch besser eine Situation, in der so etwas Ausgestaltung des Schwerpunktthemas werden und unser Herzogenried als Anspruchsvolles wie die Erstellung „Vielfalt (er)leben im Herzogenried“ einen friedlichen und fröhlichen Ort einer ansprechenden und informativen und entwarfen einen Interviewleitfaden der Begegnungen und des toleranten Quartierszeitung gar nicht gelingen für die Porträts zu diesem Thema. Das Miteinander erhalten und weiter kann. Team schwärmte aus, um Bewohn- ausgestalten. Wir hoffen, die Porträts er*innen für die Porträts anzufragen gefallen Ihnen! Aber wir haben ja die „Assistentin“ im und die Interviews zu führen. Aus den Natürlich kommen auch wie immer in Stadtteilbüro: Petra Leinberger. Petra Interviews entstanden dann in ge- unserer Stadtteilzeitung Vereine, ist so vom Herzogenried und seinen wissenhafter und sorgfältiger Arbeit die Institutionen und Akteur*innen zu Menschen begeistert, dass sie sich Porträts, die – wie ich finde – sehr Wort, die von ihren Aktivitäten in entschlossen hat, alles in einem anschaulich und teilweise auch unter diesen herausfordernden Monaten Quartiermanagement Erforderliche im die Haut gehend aufzeigen, wie unter- berichten. Faszinierend, wie kreativ Rahmen ihrer Arbeit zu übernehmen schiedlich zwar die Geschichten und und dennoch verantwortungsvoll Aktibzw. weiterzuführen. Aber was heißt Lebenswege der Bewohner*innen hier vitäten und Angebote um- und ausgehier „im Rahmen ihrer Arbeit“? Sie sind, wie sehr uns alle aber dennoch die staltet werden, statt einfach tatenlos zu arbeitet „einfach“ wie eine Sehnsucht nach Begegnungen eint, warten bis unser „normales“ Leben Quartiermanagerin weiter. Ihre nach Gesprächen miteinander- beim wieder zurück ist. Assistentin ist sie selbst – was eigentlich Seien Sie gespannt, was Uschi Glas im den Rahmen sprengt. Herzogenried machen will, wie die Zukunftsmusik des Phönix e.V. klingt, Petra hat die Gelegenheit bekommen, wie Paracycling auf der Radrennbahn sich auf die Stelle als Quartierfunktioniert und warum sich Mütter im managerin (bzw. GemeinwesenarbeiHerzogenried zu einer Mafia zuterin) beim Diakonischen Werk, dem sammengefunden haben. Genießen Sie zuständigen Dienstgeber, zu bewerben. die „wilde Wiese“ der KleingartenWir alle drücken ihr (und uns!) die anlage, die wie der kleine Igel, den Frau Daumen. Über 150 mit dem HerzogenBraun gerettet hat, Beispiele für gelebte ried verbundene Menschen haben Naturverbundenheit sind. Lehnen Sie diesen Wunsch auch durch ihre Untersich zurück, studieren Sie erste Ergebschrift zum Ausdruck gebracht. nisse der HELGE-Befragung, lernen Sie Ein dickes Lob und großer Dank für das unsere neue Kinderredaktion und die

Thomas Trüper / Foto: Irmgard Rother

Ein Spaziergang durch den herzog(enried) Koordinatorin des Projektes „Gesund im Herzogenried“ kennen. Lesen Sie über die vielfältigen Aktivitäten von Schulen, Kita, Jugendhaus, Schulkindbetreuung, Vorlesecafé, Quartiermanagement und dem Atelier Kunst und Natur. Und es gibt noch einiges mehr in diesem herzog zu entdecken – von Multihalle über Migrationsbeirat bis zum Aktionsfond. Was Sie in dieser Ausgabe leider nicht finden werden, ist eine Übersicht von Terminen – zu unsicher die Lage, was wann und wie möglich sein wird. Aber wir halten Sie auf dem Laufenden. Nun wünschen wir Ihnen viel Vergnügen beim Lesen und freuen uns natürlich, wenn Sie uns wissen lassen, wie diese Ausgabe Ihnen gefallen hat. Wir sind für Lob und Kritik empfänglich und laden Sie herzlich ein, uns Ihre Meinung zu sagen! Passen Sie weiterhin gut auf sich und Ihre Mitmenschen auf, dann können wir hoffentlich im nächsten Jahr auch wieder Feste der Begegnung planen. Herzliche Grüße aus dem Quartierbüro Petra Leinberger

Der herzog zum Mitnehmen Büros des Concierge-Service der GBG im Herzogenried Friseur + Nagelstudio Am Steingarten Hairgallery Buchta, Ulmenweg 1-5 Kiosk Verde Ulmenweg 1-5 Physio SOS Ulmenweg 1-5 Gartenklause Gaststätte Phönix Kassenhäuser Herzogenriedpark Atelier am Brunnengarten 20 Naturfreundehaus Herrenried 18


Seite 4

Aus dem Herzogenried

Weiter gemeinsam und solidarisch in Zeiten der Pandemie

Aufruf zur Einreichung von Projektanträgen

In der letzten Ausgabe lag der Schwerpunkt auf dem Thema Coronapandemie und wie wir damit umgehen. Wir konnten erfahren, dass fast alle Befragten großen Wert auf Abstandsregeln, Hygieneregeln, Maskentragen zum Schutz ihrer Mitmenschen und gegenseitiges Helfen, wo Not am Mann ist, gelegt haben.

Aktionsfonds „Zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechtsradikalismus, Muslimfeindlichkeit, Antisemitismus und Antiziganismus“ zum zweiten Mal ausgeschrieben. Im Rahmen der Etatverhandlungen zum Doppelhaushalt 2020/2021 wurde vom Gemeinderat der Stadt Mannheim mehrheitlich die Einrichtung eines Aktionsfonds zur Stärkung zivilgesellschaftlichen Engagements gegen Rechtsradikalismus, Muslimfeindlichkeit, Antisemitismus und Antiziganismus beschlossen. Der Aktionsfonds ist ein Angebot an die Stadtgesellschaft sich sowohl mit bewährten Ansätzen aber auch neuen Ideen auf möglichst vielfältige Weise für unsere freiheitlich-demokratischen Werte einzusetzen sowie rassistischen und menschenverachtenden Gesinnungen aktiv entgegenzuwirken. Für das Jahr 2021 schreibt die Stadt Mannheim aktuell den Aktionsfonds „Zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechtsradikalismus, Muslimfeindlichkeit, Antisemitismus und Antiziganismus“ mit einem Fördervolumen von 120.000,- € aus. Die Ausschreibung wendet sich ausdrücklich auch an Aktionsgruppen und

Nicht zuletzt deshalb sind die Zahlen der Neuinfektionen vom exponentiellen Wachstum im April ins Sinken geraten. Aber Covid 19 ist längst nicht vorbei! Die Zahl der Neuinfektionen steigt leider wieder bedenklich an und hat inzwischen den höchsten Stand seit Beginn der Pandemie erreicht. Auch in Mannheim hat die Zahl der Neuinfektionen das durch unsere Solidarmaßnahmen gegenüber unseren Mitmenschen geschaffene niedrigere Niveau über die Sommermonate drastisch beendet. Die Wissenschaft kennt solche Effekte auch aus anderen Bereichen und nennt sie Präventionsparadoxa. Die Gewöhnung an die positiven Ergebnisse, die durch präventive Maßnahmen erzielt werden, lassen die Notwendigkeiten

dieser Maßnahmen in den Hintergrund oder gar in das Vergessen geraten. In der Folge werden die Maßnahmen nicht mehr mit der nötigen Konsequenz umgesetzt oder als nicht mehr nötig angesehen. Vielleicht geht es uns momentan genauso und unsere „Großzügigkeit“ bei der Umsetzung der allgemein anerkannten AHA-Regeln ist die Ursache für die neuerliche Verschärfung der Pandemie. Aber es ist nach wie vor müßig, sich rückblickend darüber Gedanken zu machen, wer was und wie falsch gemacht hat oder zu „großzügig“ geworden ist. Schuldzuweisungen bringen uns nicht vorwärts. Unser Handeln im Jetzt hilft das Virus wieder weiter einzudämmen und letztlich auch irgendwann zu besiegen. Solidarisches oder unsolidarisches, vernünftiges oder unvernünftiges Handeln ist keine Frage des Alters, der Herkunft oder des . Es ist die Stärke gelebter Vielfalt.

TEXT: MICHAEL BAIER

Bürgerinitiativen, die (stadtteilbezogene) Projekte zu den Themenfeldern des Aktionsfonds umsetzen möchten. Der Förderaufruf 2021 ist i. d. S. als nachdrücklicher kommunaler Impuls zu verstehen, in Reaktion auf die Ereignisse in Halle und Hanau sowie auf bundesweit fortbestehende, starre Feindbildkonstruktionen und extremistisch motivierte Morde, das breite zivilgesellschaftliche Engagement der Mannheimer Bürgerschaft gegen Rechtsextremismus und weitere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu stärken und zu unterstützen. Anträge können unter mannheim.de/ buendnis heruntergeladen werden. Die Antragsfrist endet zum 15.12.2020. Weitere Informationen und Rückfragen unter 0621/293-9802.

GEZ. SYLVIA LÖFFLER STADT MANNHEIM DEMOKRATIE & STRATEGIE RATHAUS E5, 68159 MANNHEIM TEL.: +49 621 293 9802 FAX: +49 621 293 47 9802 SYLVIA.LOEFFLER@MANNHEIM.DE

Eine Seite im herzog für Kids von Kids

Die Kinderredaktion stellt sich vor In den letzten Monaten hat sich neben Hier sind sie, unsere „rasenden dem Redaktionsteam der Erwachsenen Reporter*innen“ Lea, Leon und auch ein kleines Team für eine zukünf- Svea. tige Kinderseite im herzog zusammengefunden. Mit ersten Themen, wie Natur und Musik, haben die 3 sich bereits beschäftigt und freuen sich auf weitere Ideen und Anregungen. Auf jeden Fall wollen die Kinder Anfang 2021 zum Thema Umwelt- und Klimaschutz recherchieren. Dabei wird sie Larissa von der Klimaagentur Mannheim unterstützen. Sie werden sicher spannende Dinge lernen und im kommenden herzog darüber berichten. Wir hoffen, dass sich noch weitere Kinder melden, die auch beim herzog mitmachen und über ihren Stadtteil und andere spannende Themen berichten möchten.

Traut Euch und meldet Euch! Wann unser nächstes Treffen stattfinden wird, können wir leider an dieser Stelle (Corona!!!) noch nicht mitteilen, aber wenn Ihr Interesse habt, meldet Euch gerne persönlich, telefonisch oder per Mail im Quartierbüro! TEXT: PETRA LEINBERGER FOTOS: NADINE SCHWERDEL

Lea Hallo, ich heiße Lea Schadt, bin 10 Jahre alt und wohne mit meiner Familie im Herzogenried. Meine Hobbys sind Inliner fahren, Sport und Tanzen. Am liebsten esse ich Döner, Pizza oder Burger. Ich freue mich auf meine Mitarbeit in der Kinderredaktion.

Svea Hey, ich bin die Svea, immer gut drauf und wohne mit meiner Mamma und Leon Schwester seit 12 Jahren im Herzogenried. Damit habe ich euch jetzt Hallo, auch mein Alter verraten. mein Name ist Leon und ich bin fast 12 Meine Hobbys sind schwimmen, tanJahre alt. Ich wohne im Herzogenried zen, singen und Freunde treffen. Ich seit 8 Jahren mit meinen Eltern und helfe gerne bei Festen und möchte im zwei kleineren Brüdern. nächsten Jahr Babysitten machen. Meine Lieblingsessen: Spagetti, PomMeine Hobbies sind Fußball, Schach- mes und Bretzel. Was mag ich nicht: spiel und mit Freunden treffen. Seit 3 Obst und Gemüse. Jahren spiele ich im Verein Fußball. Ich werde zusammen mit meinen In meiner Freizeit bin ich oft im Atelier, Freunden künftig die Kinderseite im ich bin ein sehr kreativer Junge und Herzog machen und ihr werdet sicher freue mich auf viele Erfahrungen in der öfter von mir lesen und hören. Kinderredaktion. Eure Kinderreporterin Svea


Aus dem Herzogenried

Seite 5

Ilse Platzmann wurde 80

Herzogenriedlerin des Jahres 2019 vielseitig interessiert und engagiert An einem Sonntag im August 1940 wurde Ilse Platzmann als drittes Kind eines Gutsbesitzerpaares in Sachsen geboren. Als Tochter aus „gutem Hause“ wuchs sie in den ersten Jahren gut beschützt, aber doch mit viel Platz und Freiheit heran. Anfang 1945 fanden sich die aus der Heimat im Osten vertriebenen Schwestern und Schwägerinnen der Mutter (mit ihren Kindern) und andere Verwandte ein und wurden im Haus und im Dorf untergebracht. Im großen Familienverband erlebte man die Bombardierungen in der Umgebung, das Eintreffen der amerikanischen Soldaten, das Kriegsende und die Übergabe an die russischen Besatzer. Aufgrund der Bodenreform erreichte die Eltern Ende Oktober 45 – am Geburtstag der Großmutter – die Aufforderung, mit ihren 5 Kindern binnen 24 Stunden den Ort zu verlassen, sich nach Coswig zu begeben und sich dort zu melden. Es gelang ihnen, in Leipzig statt um- auszusteigen und sich so einem Aufenthalt in einem Lager zu entziehen. Kurze Aufenthalte in Leipzig, im Harz, in Göttingen und ein längerer in Ostfriesland folgten. Im März 1946 bestand Aussicht auf einen Neuanfang im Süden, wohin Verwandte geflüchtet waren, die dort eine Gärtnerei eröffnen wollten. Die Familie erhielt eine trockene, helle Wohnung über dem Amtsgericht zugewiesen und blieb in Greding, auch als die Gärtnerei sich als „flop“ erwies. Die beiden Großen gingen zur Schule, Ilse anfangs in den von Nonnen geleiteten Kindergarten, ab September in die Schule. Der Vater arbeitete anfangs in der Gärtnerei, später als mobiler Händler für Sämereien, Steckzwiebeln, Gartengeräte u. a.. Er schrieb auch Artikel für die Tageszeitung. Die Mutter hatte einen 7Personen-Haushalt zu versorgen, ohne fließend Wasser in der Wohnung und Kaninchen und Hühner zu füttern. Die Kusine verkaufte jetzt an der Autobahnausfahrt „Schnitten und Muckefuck“ (belegte Brote und Ersatzkaffee), später erweiterte sie um Geschenkartikel und Souvenirs, zog damit in eine Baracke. So entstand der „Giftshop“ in Greding, wo die Mutter später Arbeit fand. Ilse war wissbegierig und lernte mit Freude - trotz einer Klassengröße von 60 (!) Kindern. Nach der Grundschule war das Gymnasium in Ingolstadt eine kurze aber lehrreiche Episode: „Gnadenthal“ hieß das Mädchengymnasium mit Internat. Evangelische Kinder konnten als Externe die Schule besuchen, im Internat war aber kein Platz für sie. Ein ehemaliger Gasthof

„Schmalzbuckel“ war zur Unterbringung der Mädchen umgebaut worden. Zum Mittagessen waren die Kinder bei Familien eingeladen, jeden Wochentag eine andere Adresse, am Sonntag im Pfarrhaus. Ab Januar 1951 wechselten Ilse und ihre Schwester nach Neuendettelsau im fränkischen Land. Ilse erhielt ein Stipendium „zur Förderung des akademischen weiblichen Nachwuchses“ und hatte den festen Willen, das Beste daraus zu machen. Im März 1953 verunglückte der Vater tödlich auf einer Dienstreise. Für die Mutter blieb es schwierig. So verließ Ilse die Schule mit Mittlerer Reife, um die Mutter finanziell zu entlasten. Sie absolvierte zur Vorbereitung aufs Leben erst einmal ein Haushaltsjahr in Nürnberg, bei dem sie nebenher Französisch-Kurse belegte. Im Anschluss daran machte sie eine kaufmännische Ausbildung im Groß- und Außenhandel bei Karstadt in Nürnberg. Abends lernte sie weiterhin Französisch - erst Auslandskorrespondenz, dann in einem sogenannten „Dolmetscher“Lehrgang“. Eigentlich wollte Ilse nämlich immer noch das Abitur machen. Dann kam es aber zu einer frühen Familiengründung und aus dem Abitur wurde wieder nichts. Ilse hatte Spaß – auch Mühe - an der Erziehung ihrer drei Kinder, in Hessen und auf der Schwäbischen Alb. Schließlich wurde sie 1975 in Mannheim sesshaft! Als die Jüngste in den Kindergarten kam, hatte Ilse angefangen, halbtags zu arbeiten. Der Seniorchef holte sie morgens ab, fuhr zum Kindergarten und brachte sie ins Büro. Bei der wechselnden Gesundheit ihres Mannes behielt sie in Mannheim einen Teilzeitjob bei und engagierte sich – im Lauf der Jahre mit allen drei Kindern - bei der Hausaufgabenhilfe in der Neckarstadt. So entstanden Kontakte zu ausländischen – meist türkischen – Familien. Als 1980 die türkischen Familien wegen der Unruhen in der Heimat ihre Kinder nach dem Urlaub mit herbrachten, erhielten die Hausaufgabenhelfer türkischen Unterricht von einer türkischen Kollegin und spielten „Memory“ mit den Kindern- jeder nannte die Abbildung der aufgedeckten Karte auf deutsch und türkisch. Die Freude an Erwerb und der Weitergabe von Wissen hat sie sich bis heute bewahrt. Vorträge in der Abendakademie, im Marchivum, Zeughaus oder auch mal im Friedrich-EbertHaus in Heidelberg, Exkursionen - Ilse

ist gern dabei. 35 Jahre wohnt Ilse jetzt im Herzogenried. Durch die eigenen Fluchterfahrungen und die damit verbundenen Herausforderungen, sich in unbekannter Umgebung zurechtfinden zu müssen, empfindet sie für Menschen mit Migrationserfahrung, besonders Mütter und Kinder, immer besondere Empathie. Ilse liebt die Natur und gerne geht sie im nahen Herzogenriedpark spazieren, dreht dort in wechselnder Begleitung ihre Runde. Bewegung und frische Luft sind ihr wichtig, auch die Botanik, insbesondere die Bäume interessieren sie: der Blauglockenbaum aus China, der Tulpenbaum mit seiner charakteristischen Blattform sowie der Gingko. Viel Freude machen Ilse heute auch ihre Garten-Projekte, z. B. das Areal neben dem Herzogenriedpark, das sich Menschen teilen und nach Lust und Laune bepflanzen. So wachsen dort Tomaten, Kürbisse, Weintrauben, Kohlrabi, Kartoffeln, Pfefferminze aber auch Sonnenblumen und Artischocken. Das kleine Fleckchen hat sehr gewonnen, seit es von der Gemeinschaft versorgt wird. Interessant ist auch der Garten hinter dem Naturfreundehaus im Herrenried. Hier gibt es neben den Pavillons der Imker mehrere Hochbeete, die kostenfrei an Senioren vergeben werden. Besonders wichtig ist Ilse auch nachhaltiges Wirtschaften. Sie ist immer darauf bedacht, dass Dinge weiterverwendet oder sinnvoll dem Recycling zugeführt werden. Alles bringt sie in die entsprechenden Behälter: ausrangierte Bücher in den Bücherschrank, überflüssige Schuhe und Kleidung, zum Teil auch Geschirr, zum Diakonie-Punkt Konkordien in R3 und der Biomüll landet auf dem Kompost. Über das übrig gebliebene

Essen ihrer Geburtstagsfeier im Naturfreundehaus freuten sich die Gäste der „Mannheimer Platte“ in H7,26. Ilse engagiert sich darüber hinaus bei der IGH (Interessengemeinschaft Förderverein Herzogenried e.V.), ist am Wirken des Quartiermanagements interessiert und fiebert hier derzeit besonders beim Fortgang des Radprojektes mit: weitere Unterstützung der diesjährigen Absolventinnen und neue Radkurse für Erwachsene im nächsten Jahr. Wir wünschen Ilse Platzmann weiterhin Gesundheit und Freude bei ihren vielseitigen Aktivitäten! Und wenn Sie sie treffen: Sprechen Sie sie gerne an für einen kleinen Plausch hat sie eigentlich immer Zeit. TEXT: ILSE PLATZMANN UND BEATE KNOBLACH-GERARDS FOTO: PETRA LEINBERGER

Wertvolle Adressen/Kontakte "Mannheimer Platte", H7 26, 68159 Mannheim, Tel. 0621 291329 (Di/Mi/Sa 11:00 – 14:30 Uhr) Öffnungszeiten: Di/Mi/Sa 11:00 bis 14:30 Uhr

Naturfreundehaus/ kostenlose Hochbeete Natur Freunde-Stadtheim Zum Herrenried 18, 68169 MA Tel. (0621) 30 37 47

DiakoniePunkt Konkordien Anlaufstelle für Menschen in Not R 3, 2b, 68161 Mannheim Telefon: 0621 97665700 diakoniepunkt.konkordien@dia konie-mannheim.de

Hausaufgabenhilfe: Jugendhaus Herzogenried Zum Herrenried 12, 68169 MA Tel.: 0621/293-7666


Seite 6

Aus dem Herzogenried

Das Atelier Kunst und Natur erstrahlt in neuem Glanz

Ausgebremst von Corona – die Wiedereröffnungsfeier fiel aus Im letzten herzog berichtete ich Euch davon, dass die Sanierungsphase unsers Ateliers sich dem Ende näherte und wir alle uns auf die Wiedereröffnung freuen. Im Juli waren die umfassenden Sanierungsarbeiten abgeschlossen, die Räume sind dank des Engagements der GBG so viel schöner und noch zweckmäßiger. Nun begannen wir, das Atelier wieder mit Leben zu füllen: Wände streichen, Möbel stellen, Schränke einräumen, Regale mon-

tieren, Werkzeug, Maschinen und Material wieder an ihrem Platz zu montieren und einzulagern. Den Sommer konnten wir erfreulicherweise dafür nutzen, die Räume wieder so einzurichten, dass einer erneuten Nutzung nichts mehr im Wege stand. Und es haben so viele Hände mit angepackt – nicht nur die vielen Aktiven, die das Atelier bislang schon nutzen – sie alle namentlich zu erwähnen würde den Rahmen sprengen -

sondern z.B. auch Ali und die Jungs, Marco, Filiz Freund und Brigittes Mann waren immer zur Stelle, wenn wir tatkräftige Unterstützung brauchten – danke dafür! Das Quartiermanagement hatte uns ein schlüssiges Hygienekonzept „verordnet“, erste Aktivitäten fanden wieder statt, Freude, Begeisterung und Pläneschmieden kehrten zurück. Der Termin für die Eröffnungsfeier stand, die Flyer für Kurse und Workshops waren gedruckt. Dann hat Corona wieder zugeschlagen, die Veranstaltung musste kurzfristig abgesagt werden, ebenso die Kurse und Workshops. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, dass wir bald wieder loslegen können und das verspreche ich euch: wenn es wieder möglich ist, holen wir auch die Einweihungsfeier nach – und zwar richtig! Ich freue mich darauf und hoffe, Euch dann alle gesund und munter begrüßen zu können!

Eine Überraschung habe ich noch! Vom 23.11.bis 28.11.2020, also eine Woche vor dem 1. Advent, findet bei uns ein kleiner Adventsbasar statt, wie schon in den vergangenen Jahren auch. Ab 11.00 Uhr kann man täglich bei uns Adventskränze, Gestecke; Mistelzweige und Tannengrünsträuße sowie viele weihnachtliche Basteleien durch einen Spendenkauf erwerben. Der Einkauf im Atelier erfolgt unter CoronaBedingungen: bitte habt Verständnis, dass Wartezeiten entstehen können. Gerne gehen wir auch auf besondere Wünsche ein. Diese solltet ihr mir aber rechtzeitig mitteilen – unter der Nummer 0176 86 35 94 81 bin ich immer erreichbar. TEXT: GERHARD MÜLLER, ATELIER KUNST UND NATUR FOTOS: PETRA LEINBERGER

Gesundheit und Lebensqualität im Stadtteil

Das Projekt „Gesund im Herzogenried“ stellt sich vor Ziel des Projekts ist es, bis September 2024 Strukturen im Herzogenried aufund auszubauen, die Sie als Anwohner*innen dabei unterstützen, Ihr Leben gesund und zu Ihrer Zufriedenheit zu gestalten. Dazu sollen Informationen rund ums Thema Gesundheit und eine bewusste, gesunde Alltagsgestaltung verbreitet und bestehende Angebote aus dem Sozialund Gesundheitsbereich miteinander vernetzt werden. Zum Aufgabengebiet zählt aber auch die Erarbeitung konkreter Angebote der Gesundheitsförderung wie etwa die Gestaltung von Bewegungsangeboten im öffentlichen Raum.

Themen, die bearbeitet werden, sehr Quartierbüros. Lisa Mergelmeyer ist seit vielfältig sein. Über Bewegung, Ernähr- einem Jahr für die Koordinierungsstelle ung oder den Umgang mit Stress sind Gesundheit der Stadt Mannheim tätig zahlreiche Themen denkbar und das und übernimmt nun auch die Koorauch in verschiedenen Umgebungen – dination des Projekts „Gesund im im Verein, in der Schule, im Park oder Herzogenried“. Sie ist regulär am in den Höfen von Steingarten, Sonnen- Montagnachmittag, den gesamten garten oder Brunnengarten – und in verschiedenen Formen, zum Beispiel als gemeinsame Bewegungsgruppe, Koch- Herzogenried trifft Wissenschaft kurs oder Vortragsreihe. Leider können aufgrund der aktuellen Corona-Lage im Moment noch keine Veranstaltungen bekannt gegeben werden. Die Stadtteilbefragung HELGE (Herzogenrieder Erhebung zu Natürlich stehen Sie als Anwohn- Lebensqualität und Gesundheit im er*innen im Mittelpunkt des Projekts, Erwachsenenalter) ist nun das sich an Ihren Bedürfnissen und abgeschlossen. 363 von 2.000 zufällig Das Projekt richtet sich nicht speziell an Gestaltungsideen orientieren soll. ausgewählten Herzogenriedler*innen eine Alters- oder Personengruppe, Deshalb sind Sie herzlich eingeladen, haben an der Befragung teilgenommen. sondern an alle Bewohner*innen des Ihre Ideen einzubringen und sich an der Wir bedanken uns bei allen ganz Herzogenrieds. Deswegen können die Umsetzung zu beteiligen. Auch mit den herzlich, dass sie sich die Zeit dafür bestehenden Einrichtungen im Stadtteil genommen haben. Derzeit werten wir ist eine Zusammenarbeit geplant, bei die Befragung aus, wir wollen Ihnen der gemeinsam Ideen entwickelt und aber bereits jetzt erste Ergebnisse umgesetzt werden. Wie wir gerade alle vorstellen - angelehnt an den merken, ist Gesundheit eine wichtige Schwerpunkt „Vielfalt erleben im Grundlage für unser gesamtes Leben Herzogenried“. und verdient deswegen in allen Herzogenried ist bunt, das zeigt auch Bereichen Beachtung. die Stadtteilbefragung HELGE. Bei der Frage, welche Sprache bei den Das Projekt „Gesund im Herzogenried“ Teilnehmenden zuhause hauptsächlich wird durch die Techniker Krankenkasse gesprochen wird, wurden neben gefördert und ist eine Kooperation des „Deutsch“ insgesamt 26 weitere Jugendamts und Gesundheitsamts, der Sprachen angegeben. Von A wie GBG, des Diakonischen Werks und des Arabisch bis U wie Ungarisch zeigt sich

Mittwoch und Freitagvormittag im Quartierbüro für Anwohner*innen und interessierte Kooperationspartner*innen erreichbar. TEXT + FOTO: LISA MERGELMEYER

Erste Ergebnisse der Stadtteilbefragung HELGE bei den Teilnehmenden eine große Vielfalt an Sprachen.

Eins haben alle Teilnehmenden unterschiedlichster sprachlicher und kultureller Hintergründe gemeinsam: Sie leben gerne im Herzogenried. Auf die Frage wie es den Teilnehmenden im Stadtteil Herzogenried gefällt, antworteten 77,9% mit „sehr gut“ oder „gut“. Niemand von den Befragten gab an, dass es ihm im Stadtteil „gar nicht gut“ gefällt.


Aus dem Herzogenried

Seite 7

Radfahrkurse: gut für das Klima, gut für die Gesundheit, gut für das Miteinander

Radfahren Lernen – ein Weg zu mehr Selbstbestimmung und Teilhabe

Diese Zufriedenheit spiegelt sich auch in der Verbundenheit mit dem Stadtteil wider. 22,9% der Befragten stimmten der Aussage „Ich fühle mich mit dem Herzogenried verbunden“ voll und ganz zu. Der Großteil der Teilnehmenden, insgesamt 51,1%, stimmten eher zu. 17,1% der Befragten fühlen sich mit dem Herzogenried eher nicht verbunden, 8,9% fühlen sich gar nicht verbunden.

Doch wie ist der Kontakt im Herzogenried untereinander? Mit der Frage „Wie eng ist der Kontakt zu ihren Nachbarn?“ wollten wir herausfinden , wie eng die Menschen in den Nachbarschaften im Stadtteil miteinander verbunden sind. 32,1% der Befragten gaben an „sehr engen“ oder „engen“ Kontakt zu den Nachbarn zu haben. 35,3% der Befragten haben „weniger engen Kontakt“ zu ihren Nachbarn, 24,6% „nur flüchtig“. 8,1% der Teilnehmenden haben „gar keinen Kontakt“ zu ihren Nachbarn.

Die hier dargestellten Ausschnitte sind nur ein kleiner Teil der spannenden Ergebnisse der Stadtteilbefragung. Sie machen deutlich, dass trotz oder vielleicht gerade aufgrund der Vielfalt im Herzogenried eine große Verbundenheit zum Stadtteil besteht. Sie zeigen jedoch auch, dass wir alle in unseren Nachbarschaften noch ein Stück mehr aufeinander zugehen könnten. Wir freuen uns darauf, Ihnen möglichst bald, spätestens in der nächsten Ausgabe des herzog, weitere Ergebnisse der Stadtteilbefragung vorstellen zu können. TEXT: HANNAH RÖHRBEIN, CARLOTTA ALBERT, KRISTINA HOFFMANN, MIPH

Im letzten herzog berichteten wir über die ersten Schritte unseres Projektes „Auf eure Räder, um das Leben zu ändern“ - Radlernkurse für Erwachsene. Ausgestaltung, Planung und Organisation steckten damals noch in den Anfängen. Alle standen in den Startlöchern und sehnten den Beginn des ersten Kurses herbei – die beiden Trainer, Hans Peter Eckert und Conny Kraft, die angemeldeten Teilnehmer*innen und natürlich auch wir, die das Projekt „angezettelt“ hatten. Nachdem wir noch einige formale Hürden überwinden mussten, konnte es endlich losgehen und seither ist viel passiert. Mitte August begann der erste Kurs auf dem Gelände des RRC Endspurt 1924 Mannheim e.V. hier im Herzogenried und wirklich: ein geschützter Ort für die ersten Versuche ist so viel wert! Am ersten Kurstag waren alle Beteiligten sehr aufgeregt und auch voller Vorfreude. Die Gruppe war bunt gemischt - verschiedene Muttersprachen, Geburtsländer, Berufe und Temperamente. Einige Teilnehmer*innen waren sehr ängstlich, fürchteten zu stürzen oder zu „scheitern“, andere wiederum waren sehr zuversichtlich und konnten es kaum erwarten, auf eines der großen roten Räder zu steigen. Der Kurs (10 Tage à 2 Stunden) ist jedoch in 3 Phasen aufgeteilt und beginnt zunächst auf einem Tretroller. Die Teilnehmer*innen drehten unermüdlich ihre Runden auf den gelben Erwachsenenrollern, angeleitet und immer wieder ermutigt von den Trainern. Wer den Roller gut beherrschte und das Gleichgewicht gut hielt, durfte auf das kleinere Laufrad mit ausklappbaren Pedalen, also Phase 2, umsteigen. Auch hier hieß es dann üben, üben, üben bis auch das Rollen und Gleiten auf diesem Laufrad gut klappte. Dann erst wurden die Pedale hinzugenommen und die ersten vorsichtigen „echten“ Radfahrbewegungen erlebt. Auf Phase 3, das große Fahrrad, durfte umsteigen, wer das kleine Rad gut und sicher beherrschte. Es war bei allen eine riesengroße Freude, ein großes Glück, wenn die ersten Runden auf dem großen wunderschönen, roten Rad geschafft waren.

den Kurs mit Erfolg und erlernten das Radfahren. Die Wetterbedingungen - von sehr heiß bis sehr regnerisch - waren herausfordernd, wurden aber mit Bravour und Durchhaltevermögen angenommen – Chapeau! Die beiden Trainer „Hape“ und Conny überzeugten durch ihre Geduld und ihr Talent, in den sehr gemischten Gruppen individuell auf Bedürfnisse und die unterschiedlichen Fortschritte einzugehen- niemand blieb auf der Strecke, alle hatten Spaß und freuten sich an den eigenen, aber auch den Fortschritten der anderen. Die Dynamik und Solidarität innerhalb der Gruppen, gegenseitige und gemeinschaftliche Unterstützung, auch über Sprachbarrieren hinweg, hat uns begeistert und trug sehr zum Erfolg der Kurse bei. Natürlich gab es Stürze, Rückschläge und Enttäuschungen – immer jedoch fing die Gruppe, die Gemeinschaft das auf und die Tränen wurden getrocknet. Am 9.10.2020 veranstalteten wir dann im Rahmen der einander.Aktionstage eine Informationsveranstaltung, um das Projekt vorzustellen - ein Radcheck lud zusätzlich ein, Räder auf Verkehrsund Wintertauglichkeit überprüfen zu lassen. Leider erwischten wir einen dieser weniger schönen Tage im Oktober – Sturm und Regen – aber dennoch konnten wir einige Besucher*innen begrüßen und auch fast alle Teilnehmer*innen der beiden Kurse drehten noch einmal ein paar Runden auf den Rädern. Als nächsten Schritt möchten wir Radpatenschaften vermitteln – also Menschen, die routiniert und gerne Radfahren, mit den Teilnehmer*innen der Kurse zusammenbringen, damit das Erlernte im echten Straßenverkehr weiter praktiziert werden kann und die Teilnehmer*innen noch mehr Sicherheit erlangen. Für die ersten „Tritte“ im Straßenverkehr stellen wir den Teilnehmer*innen (und auch anderen Interessierten) Leihräder zur Verfügung, die wochenweise ausgeliehen werden können.

Der zweite Kurs schloss sich direkt an und die Erfahrungen und Fortschritte waren ähnlich wie im ersten Kurs. Durchschnittlich verbrachten die Teilnehmer*innen je 2 Tage auf Tretroller und Laufrad und 6 Tage auf dem großen Fahrrad. ALLE Teilnehmer*innen absolvierten

Gemeinschaftsprojekt von Quartierbüro und „Gesund im Herzogenried“, dessen neue Koordinatorin Lisa Mergelmeyer sich Ihnen in diesem herzog ebenfalls vorstellt. Schließen möchte ich diesen Beitrag mit den Worten einer Teilnehmerin, die sie abends in die whatsapp–Gruppe

WER INTERESSE HAT, RADPAT*IN ZU WERDEN, BITTE UNBEDINGT IM QUARTIERBÜRO MELDEN – Freiheit! Selbstbewusstsein! wir freuen uns auf Sie. Unabhängigkeit! Die Radkurse sind übrigens das erste

schrieb, nachdem sie die ersten Tritte auf dem Rad geschafft hatte. „Wirklich war heute ein sehr schöner Tag! Ich hatte das Gefühl, als würde ich wie ein Vogel fliegen. Ich dachte, es wäre schwierig, aber im Gegenteil, alles kommt Schritt für Schritt. Wie aufgeregt ich bin, meine Kinder sehr bald auf einer Radtour zu begleiten“ Danke, Nabila, für deine schönen und motivierenden Worte!

Wir danken für die großartige Unterstützung: All den mutigen Teilnehmer*innen der Kurse, Hans-Peter Eckert und Conny Kraft (ADFC), Elles Magermans dh fotografiert für Betreuung und wunderschöne Fotos, RRC Endspurt 1924 Mannheim e. V., Vielfaltskooperation – Mannheimer Bündnis für ein Zusammenleben in Vielfalt - gefördert im Rahmen des Bundesprogramms Demokratie Leben, Stadt Mannheim – Jugendamt und Gesundheitsamt, MIPH – Mannheimer Institut für Public Health, Stadt Mannheim – Fachbereich Stadtplanung, Monnem Bike – Stadt Mannheim


Seite 8

Aus dem Herzogenried

Bürger*innenbeteiligung Multihalle, Bericht vom Workshop der Bezirksbeirät*innen am 18. September 2020

Ein Stuhl, ein Dach, viele Ideen. Um den Prozess der bereits angestoßenen Beteiligung für die Multihalle Mannheim weiterzuführen, hatten wir – DIESE Studio aus Darmstadt – gemeinsam mit Guillem Colomer von COFO Architects die Möglichkeit, einen Workshop mit den Bezirksbeirät*innen Neckarstadt West und Neckarstadt Ost sowie Vertreter*innen der Interessengemeinschaft Herzogenried Förderverein e.V. (IGH) zu realisieren. Im Frühjahr wurden wir von der Stadt Mannheim angefragt, als Planungsund Gestaltungsbüro beim Beteiligungsprozess der Multihalle mitzuwirken. Als Team aus Gestaltern, Planern und Handwerkern haben wir bereits langjährige Erfahrung als Macher in gemeinschaftlichen Prozessen gesammelt. Wir begleiten Projekte, wo das gemeinsame Initiieren, Produzieren und Erleben im Vordergrund steht. So haben wir auch im Herzogenried gearbeitet und wir möchten davon gerne hier berichten. Bei der ersten Besichtigung der Halle im Frühsommer waren wir erstmal unheimlich fasziniert vom Raumeindruck.

Es sind uns die zahlreichen Erinnerungsstücke, die von der Geschichte der Multihalle erzählen, ins Auge gefallen: Von den Mülleimern, zu den Wägen und Sitzbänken der Mittelalterausstellungen, bis zu den markant farbigen Stühlen der BUGA.

Von Tatjana Dürr, der Referentin für Baukultur, haben wir dann erfahren, dass die beeindruckende Dachkonstruktion von Frei Otto noch mehr in sich trägt, als man denken könnte. So soll die Multihalle zukünftig ein Begegnungsort und Möglichkeitsraum für alle Mannheimer*innen werden, der wie ein überdachter öffentlicher Platz funktionieren soll.

Doch wie schafft man den Brückenschlag von der weitreichenden Strahlund Anziehungskraft des einmaligen Baudenkmals zur Verbundenheit mit der unmittelbaren Nachbarschaft? Wir haben uns gefragt, was die Multihalle für die Mannheimerinnen und Mannheimer bedeutet und wie die Menschen aus dem Herzogenried zur Multihalle stehen. Denn es sind genau diese Menschen, die neben der kulturellen und kommerziellen Nutzung das Gesicht der Multihalle prägen sollen. Um herauszufinden, wer zukünftig ein Teil der Multihalle werden könnte, mussten wir die Nachbarschaft und Ihre BewohnerInnen kennenlernen. Wir haben uns dafür einen Stapel der Stühle, die wir bei der Besichtigung vorgefunden haben, auf einen Stuhlwagen gepackt und sind ins Herzogenried gezogen. Der Stuhl steht für uns stellvertretend für eine belebte Multihalle. Jeder, der einmal in der Multihalle war, kennt diese Stühle oder saß sogar einmal auf einem von ihnen. So wollten wir anhand des Stuhls die Idee einer aktiven Multihalle mit den Ideen

und Anliegen der Bürger*innen verknüpfen. Mit der Unterstützung von Petra Leinberger vom Quartiermanagement konnten wir verschiedenste in der Nachbarschaft aktive Menschen treffen, zur Multihalle befragen und zusammen mit den Stühlen in ihren jeweiligen Vierteln ablichten.

So entstand eine Fotoserie mit Portraits von Menschen, die sich mit viel Herzblut und Engagement für ihr Viertel einsetzen. Die Fotos zeigen die Gesichter der zukünftigen NutzerInnen der Multihalle und eigneten sich deshalb gut, um sie am Workshop mit den PolitikerInnen und InteressensvertreterInnen auszustellen. Neben der


Aus dem Herzogenried

Seite 9

Wechsel im Mannheimer Migrationsbeirat

Mit Zahra Alibabanezhad Salem übernimmt erstmals eine Frau den Vorsitz Dokumention des bürgerschaftlichen Potentials wollten wir mit dem Workshop das lokale Wissen der politischen Lokalvertreter*innen einholen und die Idee der Multihalle weiter in die Nachbarschaft tragen. Am Tag des Workshops haben wir nun mit den Expert*innen aus der Nachbarschaft spielerisch Anknüpfungspunkte gesucht, die schon im Stadtteil vorhanden sind und haben sie gemeinsam zu konkreten Testprojekten weiterentwickelt. Es zeigte sich schnell, dass es viele verschiedene und wertvolle Ressourcen und Einrichtungen im Herzogenried gibt, wie z. B. der lokale Fastnachtsverein, die internationale Kochgruppe, die ‚Müttermafia‘, das Atelier Kunst und Natur oder die Gruppe von den Jungs um Ali. Es bietet sich nun die große Chance, Ideen, Wünsche und Bedürfnisse der BewohnerInnen in die Multihalle einfließen zu lassen. Sie kann Raum bieten, um gemeinsam Projekte, wie eine Freiluft-Kochshow mit der Quartiersküche, eine Spielzeugebox für die freie Kinderbetreuung oder einem mobilen Außenlabor für Schulen umzusetzen.

Gleich mehrere personelle Wechsel im Vorstand standen auf der Tagesordnung der Sitzung des Mannheimer Migrationsbeirates Anfang Oktober im Stadthaus. Zur neuen Vorsitzenden wurde Zahra Alibabanezhad Salem gewählt. Die Politik- und Islamwissenschaftlerin ist bereits seit Januar stellvertretende Vorsitzende des Beirates und übernimmt den Vorsitz von Miguel Angel Herce, der sein Amt nach über fünf Jahren aus persönlichen Gründen aufgibt: „Ich verlasse den Vorstand mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, so Herce. „Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Ich freue mich jedoch, dass mit Zahra Alibabanezhad Salem nun zum ersten Mal seit Gründung des Gremiums eine Frau den Vorsitz innehat, in die ich vollstes Vertrauen habe und die den Beirat mit fachlicher Expertise und großem Engagement vertreten wird“. Herce selbst wird weiterhin als sachkundiger Einwohner im städtischen Integrationsausschuss aktiv sein. Seine Nachfolgerin Alibabanezhad Salem blickt ihrer neuen Aufgabe mit Vorfreude entgegen: „Der Migrationsbeirat hat als Schnittstelle zwischen Politik, Verwaltung und Stadtgesellschaft eine wichtige Funktion inne. Wir haben die Möglichkeit, uns an vielen Stellen einzubringen und Entwicklungen kritisch und konstruktiv zu begleiten und mitzugestalten – dies wollen wir in den kommenden vier Jahren nutzen.“

Neben Herce verlässt auch Ömür Tosun nach mehr als fünf Jahren den Vorstand des Gremiums, wird als Migrationsbeirätin aber ebenfalls weiterhin dessen Belange vertreten, u. a. im Integrationsausschuss. Erich Schimmel, stellvertretender Vorsitzender, dankte sowohl Tosun als auch Herce (beide seit 2010 Mitglieder im Migrationsbeirat), für ihr langjähriges Engagement: „Wir sind alle sehr froh, dass uns beide auch in Zukunft mit ihrer Expertise und Erfahrung im Beirat unterstützen“. Die beiden freien Vorstandsposten neben Alibabanezhad Salem und Schimmel übernehmen ab sofort Gledis Londo und Hussein Abdi, die hierfür das Vertrauen der Beiratsmitglieder*innen erhielten. Die Politikwissenschaftlerin Londo, von 2016 bis 2018 bereits im Projekt „Migrants4Cities“ der Stadt Mannheim aktiv, ist ebenso wie Abdi seit Ende 2019 Mitglied im neu berufenen Migrationsbeirat. Abdi vertritt den Beirat u. a. im städtischen Begleitausschuss „Zusammenleben in Vielfalt“ und ist zudem Vorsitzender des somalischen Kulturvereins Mannheim „Dangarad“. Der Migrationsbeirat der Stadt Mannheim ist seit dem Jahr 2000 das offizielle Vertretungsorgan der Mannheimer*innen mit Migrationsbiografie gegenüber dem Gemeinderat und der Stadtverwaltung und wurde per gemeinderätlichem Beschluss Ende November 2019 neu berufen. Er entsendet einzelne Mitglieder als sachkundige Einwohn-

er*innen in den Gemeinderat und dessen Fachausschüsse und hat Rede-, Anhörungs- und Antragsrecht zu allen integrationsbezogenen Angelegenheiten auf kommunaler Ebene. Er tritt als Impulsgeber und Interessensvertretung für die Belange der Mannheimer*innen mit Migrationsbiografie ein und engagiert sich im Sinne der „Mannheimer Erklärung für ein Zusammenleben in Vielfalt“ für ein gelingendes und respektvolles Zusammenleben in unserer Stadt. Weitere Informationen zu den Aufgaben und Mitgliedern des Gremiums sind zu finden unter: www.mannheim.de/migrationsbeirat. TEXT: M. HEIDL FOTO: MANNHEIMER MIGRATIONSBEIRAT

Viel Zeit im Garten verbracht - da kann man viel erleben Mit dem Stuhlprojekt wie auch mit dem Workshop haben wir ein lebendiges Viertel mit viel Engagement und tollen Initiativen kennengelernt. Es wurden viele Anknüpfungspunkte gefunden, die den Wert der Multihalle als Gemeinschaftsraum für die Nachbarschaft aufzeigen. Die Idee, mit der Multihalle einen Veranstaltungsraum und Gastronomiebetrieb auch lokalen Initiativen und Bewohner*innen zur Verfügung zu stellen, wurde unserer Meinung nach untermauert. Es würde uns freuen, wenn es gelingt, weitere Brücken zwischen zwischen Planung, zukünftiger Nutzung und der Nachbarschaft zu schlagen, um sich so dem Gedanken von Frei Otto der Multihalle eines offenen Raums für eine offene und vielfältige Gesellschaft weiter anzunähern. DIESE STUDIO, WWW.DIESE.STUDIO FOTOS VON FABIAN STRANSKY, HTTP://FABIANSTRANSKY.COM

Igelrettung im Garten Wir waren im Garten, jeder hatte seine Arbeit, doch plötzlich sagte mein Mann: „Da bewegt sich doch etwas im Grünen in Richtung des Gartens hinter dem unsrigen“. Da gibt es – wie um fast alle Gärten – einen Hasendraht und in diesem Hasendraht hatte sich ein kleiner Igel verheddert. Um zu dem Igelchen zu kommen, musste mein Mann zunächst durch den Garten unseres nächsten Nachbarn, dann erreichte er den Garten hinter uns und genau da hing der kleine Igel in dem Draht und konnte sich selbst nicht mehr befreien. Wer weiß, wie lange er sich schon bemühte um herauszukommen! Leider war keiner der anderen Gärtner*innen anwesend. So holte mein Mann eine Beißzange und zwickte den Draht an mehreren Stellen durch. Es war nicht nur ein dünner gewöhnlicher Draht,

nein, der Draht war ziemlich dick und er musste kräftig drücken und dabei aufpassen, dass er nicht ein kleines Beinchen vom Igel erwischte. Ich hätte das nicht geschafft. Als der Draht dann endlich an vielen Stellen durchgeschnitten war, fiel der kleine Igel heraus. Ich fing ihn mit einer Plastiktüre auf, denn – wie man Igel so kennt – war auch er sehr stachlig. Solange mein Mann den Draht wieder zurechtbog, damit sich keiner der Gärtner*innen je daran verletzt, hielt ich den Igel auf meinem Schoß. Er war nicht ganz „eingerollt", ich konnte noch sein Gesicht mit seinen Augen sehen, - und er fühlte sich ganz warm und lebendig an. Sein Beinchen zog er flugs ein, und weg war's. Nachdem er sich etwas ausgeruht hatte, man hörte ihn schon motzen, suchten wir im Garten einen passenden Platz,

einen, in dem er sich in eine dunkle Ecke zurückziehen konnte. Es gibt eine Stelle, an der wir einiges an Hölzern aufbewahren. Dort vor dem „Eingang“ niedergesetzt, rannte er sofort los, und zum Abschied hörten wir von ihm nur noch einige kleine schnarchende Laute. Jetzt hoffen wir, dass er in der kommenden Nacht seine alte Ecke wieder entdeckt. Auf jeden Fall habe ich vor den Eingang noch 4 Hundeleckerli gelegt und einen Teller mit Wasser. Wir wünschen dem Igelchen viel Glück und hoffen, es vielleicht mal wieder zu sehen. ... und am nächsten Tag waren tatsächlich alle Hundeleckerli weg!

TEXT: ELLO BRAUN


Seite 10

Schwerpunkt: Vielfalt

Vielfalt erleben im Herzogenried

Vielfalt in Geschichte und Statistik Das Herzogenried entstand in den 70er Jahren als ein bundesweites Modellprojekt für Wohnen im Grünen. Realisiert wurde dies durch die Anbindung an den Herzogenriedpark, Verbannung von Parkverkehr aus dem Wohngebiet hin in drei Parkhäuser an der Peripherie des Viertels, Bepflanzungsmöglichkeit der Häuser durch große, tiefe Balkontröge und eine durchlässige Bebauung. Von den 12,4 ha, die die Siedlung Herzogenried umfasst, wurden bis 1977 nur 4,8 ha bebaut, der Rest sind Grün- und Gehölzflächen und immerhin 0,3 ha der Gesamtfläche sind Spielplätze. (Daten nach 75 Jahre GBG, Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft mbH 19262001, erschienen 2001, S. 204)

Eigentumswohnungen und Wohnung- Wir haben im Schwerpunktthema dieses en, die von jeder/jedem frei mietbar herzogs versucht, ein Bild des Lebens zu sind. zeichnen, das sich hinter dieser statistischen Vielfältigkeit verbirgt. Die gleiche Bauweise für alle Kategorien sollte sicherstellen, dass man es den Dazu haben uns junge, mittelalte und Häusern nicht ansieht, zu welcher der alte Herzogenriedler*innen aus ihrem drei Kategorien es gehört. Leben und von ihren Erfahrungen mit Vielfalt erzählt. In der Regel sprechen Ende 2019 lebten im Herzogenried die Artikel von Zustimmung, oft von 7.590 Menschen, davon waren 2.360 Begeisterung für das Viertel. Sie unter 25 und 1.404 über 65 Jahre, die eröffnen auch oftmals Ideen, wie unser meisten (3.826) sind zwischen 25 und Zusammenleben hier noch besser wer65 Jahre alt. den könnte.

Laut des Artikels von HELGE in diesem Heft, sprechen diese 7.590 Menschen neben deutsch 26 weitere Sprachen. Im Herzogenried leben Menschen aus weit über 100 Nationen, 4.480 Neben einem grünen Stadtteil sollte das Menschen waren 2017 Menschen mit Herzogenried auch einer werden, der Einwanderungsgeschichte bzw. MenVielfalt in der Bevölkerung zulässt. Es schen aus Familien mit sollte kein Stadtteil mit sozial gesehen Einwanderungsgeschichte. mehr oder weniger homogener Bevöl- (Daten nach Einwohnerbestand Mannkerung entstehen, sondern man baute heim der kommunalen Statistikstelle Wohnungen, für die ein Wohnberech- und Mannheimer Sozialatlas 2017) tigungsschein nötig ist ebenso wie

Wir hoffen, Sie finden die Berichte so spannend und bewegend wie wir sie beim Lesen fanden und danken allen von ganzem Herzen, die bereit waren, ihre Erfahrungen mit allen Herzogenriedler*innen zu teilen. TEXT: MONIKA SCHLEICHER FOTO: MICHAEL BAIER


Schwerpunkt: Vielfalt

Seite 11

Ali und die Jungs Wenn man auf Bewohner*innen eines Viertels schaut, geht es oft darum, wie viele Nationen an einem Ort zusammen leben, wie die Infrastruktur ist, wie begütert oder weniger begütert die Bewohner*innen sind. Die Frage ‚wie leben eigentlich Jung und Alt‘ zusammen ist seltener ein Thema. Bei uns im Herzogenried gibt es eine Gruppe junger Männer im Alter von 1824 Jahren. Wie lebt es sich hier aus ihrer Sicht, welche Erfahrungen machen sie im Herzogenried? Das wollten wir wissen und haben uns mit einigen von ihnen im Büro des Quartiermanagements auf ein Gespräch getroffen. Versammelt sind 5 junge Männer, die sich freuen, dass endlich auch mal ihr Blickwinkel Thema sein soll und dass sie sagen können, was sie zu sagen haben. Es sind: Jamal, Ayman, Dominik, Tunay und Ali. Sie waren alle Schüler der IGMH im Herzogenried bzw. des Ludwig-Frank Gymnasiums und haben dort ihr Abitur bzw. ihren Realschulabschluss gemacht. Jetzt warten sie entweder auf den Beginn ihrer Lehre, machen bereits eine Ausbildung oder überbrücken die Wartezeit mit Jobs als Paketlieferant oder im Verkauf bei tedi. Ali studiert Islamwisssenschaften und Philosophie in Frankfurt.

weiß, was aus ihnen geworden wäre, hätte Ali sich nicht um sie gekümmert, sagen sie. Ali ist nicht nur Student in Frankfurt, sondern auch ein bekannter und erfolgreicher Thaiboxer, der 2016 bei der deutschen Meisterschaft im Muay Thai den Bronzetitel für die Mannheimer Thai-Bombs geholt hat. Er selbst sei als Kind eher ein Einzelgänger gewesen, weil er sich nicht den Anforderungen einer Clique anpassen wollte, die nicht zu dem passten, wie er sich sein Leben vorstellte. Da habe er sich eben auf seinen Sport und die Schule konzentriert und das erfolgreich. Schon mit 16 konnte er Ältere im Ring besiegen und gewann Respekt und Ansehen im Viertel und allgemein in Mannheim. Die Jugendlichen im Viertel nahm er dann erfolgreich unter seine Fittiche, damit sie etwas Vernünftiges aus ihrem Leben machen. Ali will später an der Uni unterrichten bzw. seine Karriere als Thai Boxer ausweiten, aber er wäre auch ein ganz phantastischer Lehrer oder Sozialarbeiter mit seiner ausgeprägten pädagogischen Ader und seinem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Es gibt im Viertel Bewohner*innen, die sehen in Ali und den Jungs von vornherein „die Schlimmen“, die stören und unbequem sind – ohne auch nur einmal das Gespräch mit ihnen Wie sprecht Ihr über das Herzogenried, gesucht zu haben. Das empfinden die was mögt Ihr am Herzogenried? Das jungen Männer als Kränkung und als fragen wir sie. ungerecht, denn sie wollen Niemandem Wenn man Ältere dazu fragt, wird in der etwas Böses und wünschen sich ein Antwort auf jeden Fall positiv der friedliches Miteinander im Quartier. Herzogenried Park und das Leben im „Und dann sagen die Leute, wir wären Grünen erwähnt. Den jungen Männern die Schlimmen hier. Also bitte, wir sind fallen als erstes die Begriffe Ghetto und die Guten“. Plattenbau ein und eine Menge Zu diesen unterschiedlichen WahrGeschichten aus ihrer Kindheit, die von nehmungen kommt es vor allem, weil Angriffen in der Tiefgarage über vom sie als Gruppe keinen Raum haben, in Balkon fallenden Menschen zu Drogen dem sie sich treffen können. Sie müssen reichen. sich also im Freien bewegen und Jetzt ist das aber nicht mehr so, es ist geraten dabei immer wieder in alles viel besser geworden sagen sie Interessenskonflikte mit Anwohner*inberuhigend. Einzig Müll wird manch- nen, die sich gestört fühlen. Leider mal noch aus einem Hochhaus führen diese Konflikte nicht dazu, dass abgeworfen. man miteinander redet, sondern sie Für die jungen Männer bedeutet würden gleich beschimpft oder auch Herzogenried vor allem die Beziehung schon mal mit Gegenständen beworfen. untereinander. Sie kennen sich alle Dabei erklären die jungen Männer, auf schon seit vielen Jahren, sind jeden Fall zu Gesprächen bereit zu sein. zusammen in die Schule gegangen und Man könne doch miteinander reden bilden jetzt eine funktionierende auch und gerade, wenn die Interessen Gemeinschaft, die sich gegenseitig so unterschiedlich sind und scheinbar unterstützt. Es ist wie eine zweite kollidieren - aber diese Aggressivität Familie. Sie sind Herzogenriedler durch ihnen gegenüber sei manchmal schon und durch, sagen sie. Das Viertel habe schwer auszuhalten. sie geprägt, Freundschaften, ja „Redet doch erst mal mit uns. Wir sind Bruderschaften geformt. doch Menschen. Gott hat uns Verstand Ali spielt darin eine besondere Rolle. Mit gegeben, Hirn, Mundwerk, mit denen seinen 24 Jahren bezeichnet er sich als wir Sachen regeln können. Redet doch großen Bruder der anderen und die erst mal mit uns“ stimmen ihm zu. Sie hätten viel Sie wünschen sich, dass mehr Blödsinn gemacht als Jugendliche, wer Menschen im Viertel so wären wie ein

Bewohner, den sie ‚ihren Opa‘ nennen, so wie Ali der große Bruder ist. Jemand, der Kommunikation untereinander fördert und sie positiv wahrnimmt, aber auch sachlich und mit Argumenten kritisiert, wenn er es für nötig hält. Vor langer Zeit hatte der sie auch darauf hingewiesen, ihren Müll nicht achtlos im Stadtteil zu verteilen – das haben sie verstanden und seitdem achten sie darauf und würden auch den Müll anderer wegräumen, das sei klar. Sie kümmern sich um das Viertel, fühlen sich verantwortlich und bemühen sich, schlechte Einflüsse fern zu halten. „Man sollte aufeinander achten. Wenn jeder auf die Menschen seiner Umgebung schauen würde, wäre die Welt auf jeden Fall ein friedlicherer Ort“. Daher empfinden sie es auch als besonders schlimm, wenn Menschen gleich die Polizei rufen, wenn sie sich gestört fühlen, anstatt es erst einmal mit Kommunikation zu versuchen. Auch haben sie den Eindruck, dass sie oft nur aufgrund von Äußerlichkeiten, z.B. Hautfarbe und ohne tatsächlichen Anlass von der Polizei kontrolliert und auch unnötig heftig behandelt werden. Während des Lockdowns im Frühjahr kam die Polizei manchmal mit Einsatzkommandos wie sie bei Fußballspielen eingesetzt werden, so als seien sie Hooligans der schlimmsten Sorte. Und auch aktuell würden sie noch öfter grundlos kontrolliert- mehr oder weniger unfreundlich, immer am Abend, wenn es dunkel wird. Dies empfinden die jungen Männer als Teil eines Alltagsrassismus, der diskriminiert und spaltet, statt ein friedliches Zusammenleben zu fördern. Schließlich wollen sie Niemanden stören und verstehen auch, dass es Bewohner*innen mit Bedürfnis nach mehr Ruhe gibt. Sie würden diese Konflikte ebenso gerne meiden, aber bisher ist es nicht gelungen, dauerhaft einen Platz, einen Raum zu finden, an dem sie sich ungestört und auch andere nicht störend aufhalten können. Das Jugendhaus im Herzogenried

ist am Wochenende geschlossen und schließt am Abend um 21:00 Uhr, eine Zeit, die für junge Erwachsene natürlich früh ist. „Wenn Jemand wegen uns nicht schlafen kann, ist das doof. Deshalb kämpfen wir ja schon seit über 2 Jahren dafür, dass wir einen Raum bekommen, in dem wir keinen stören und dort gemütlich unsere Zeit verbringen können. Aber es lässt uns ja keiner.“ Ein einfacher Raum wäre ihr größter Wunsch. Ein Raum, den sie sich selbst gestalten und den sie selbst in Ordnung halten würden, in dem sie einfach unter sich sein könnten, chillen, mit einem Kicker vielleicht und mit ein paar Sportgeräten, um die sie sich selbst kümmern würden. Aber alle Bemühungen, einen solchen Raum zu finden, waren bisher erfolglos oder haben sich coronabedingt zerschlagen. Es klingt doch eigentlich ganz genügsam, sollte es nicht irgendwie auch möglich sein? Also, wenn jemand das liest und eine Idee hat, bitte melden Sie sich gerne im Quartierbüro. Dankeschön! INTERVIEW UND TEXT: MONIKA SCHLEICHER/PETRA LEINBERGER FOTO: DIESE STUDIO – FABIAN STRANSKY HTTP://FABIANSTRANSKY.COM


Seite 12

Schwerpunkt: Vielfalt

... Küchenplauderei

Was bedeutet Vielfalt in der Küche? Alle hier im Herzogenried vertretenen Nationen haben ihren eigenen Kulturkreis. Und zu Kultur gehört nicht zuletzt auch Kochen, Essen und Genießen. Wenn wir nicht nur nebeneinander her leben, sondern auf einander zugehen, miteinander reden, einander zuhören und die Chance ergreifen voneinander zu lernen, entsteht gelebte Vielfalt. Das habe ich nicht nur während meines nun schon mehr als dreijährigem Mitkochens in unserer internationalen Kochgruppe gelernt, sondern auch an drei Septemberabenden im Kochkurs „Kochen verbindet Kulturen“ hautnah erleben können. Diesen Kurs hatte „Das arabische Haus Mannheim“ gemeinsam mit der Abendakademie und der Unterstützung der Stadt Mannheim durchgeführt. Ja, Essen verbindet wirklich Kulturen. Ich habe Kochinteressierte aus den unterschiedlichsten Nationen kennengelernt. Über das gemeinsame Mithelfen bei der Zubereitung vorwiegend arabischer Gerichte kam man schnell ins Gespräch. Zunächst ging es natürlich um die unterschiedlichen Gerichte, Kochtechniken, Gewürze und Vorlieben der unterschiedlichen Kulturen, beim gemeinsamen Essen und Genießen dann aber auch schnell um persönlichere Themen. So viele interessante Menschen kennenzulernen, wäre bei anderen Veranstaltungen nicht so einfach gelungen. Ganz stark dazu beigetragen hat die Leiterin dieses Kochkurses, Frau Fouzia Hammoud. Sie hat neben der Beschreibung der unterschiedlichen Gerichte allgemein und ihrer Zubereitung im Besonderen auch darauf geachtet hat, dass bilaterale Gespräche möglich waren. Die Auswahl der Gerichte erfolgte unter Einbeziehung von am Kurs selbst teilnehmenden Hobbyköchen*innen aus der Mannheimer arabischen Gemeinde, die Frau Hammoud beim Zubereiten des kompletten Menüs für den jeweiligen Abend tatkräftig unterstützt haben. Wie man mit gängigen und allseits bekannten Lebensmitteln und Gewürzen unter Verwendung anderer Dosierungen und Kombinationen oder anderen Kochtechniken komplett neue Geschmacksvarianten erzeugen und erleben kann – das war für mich als Hobbykoch natürlich besonders interessant zu erlernen. Wie man das genau macht und welche Gewürzkombinationen typisch für die arabische Küche sind, hat Frau Hammoud mit unerschöpflicher Geduld erläutert, vorgeführt und verkosten lassen. Mein erstes angeleitetes, aber doch selbst hergestelltes, Produkt waren gefüllte Hefeteighörnchen. Das ist zwar nur eine Beilage, aber sehr lecker! Und sie haben offensichtlich

Lieblingsplätze im Herzogenried von Michael Baier sind überall dort, wo Ruhe und Schönheit erfühlund sichtbar werden und wo man gemeinsam miteinander genießen kann.

auch den Mitkochenden geschmeckt, obwohl die von Frau Hammoud vorgeführten Demo-Exemplare natürlich viel schöner ausgesehen haben. Und erst die neuen Gerüche! Jetzt weiß ich tatsächlich manchmal, was bei meinen Nachbarn gekocht wird und wie es schmeckt, wenn ich im Treppenhaus an ihren Wohnungen vorbeikomme. Das war für mich durchaus schon Anknüpfungspunkt für kleine Gespräche, wenn man sich im Vorübergehen traf. Inzwischen nutze ich das Wissen aus diesem Kurs, auch dazu, in meine eigenen traditionellen deutschen Gerichte neue, spannende Nuancen zu bringen. Und sie überzeugen sogar meinen größten Kritiker - meine Frau. Eine Kostprobe können Sie sich mit dem anliegenden marokkanischen Rezept „Pastilla“ selbst erkochen. Und weil nun auch wieder die kalte und feuchte Jahreszeit beginnt, liegt auch das Grundrezept einer köstlichen kurpfälzischen Fleischbrühe bei. Das ist die Grundlage für allseits beliebten Suppen wie: Klare Fleischbrühe mit selbstgemachten Markklößchen, Nudelsuppe mit Markklößchen, Gemüsesuppen mit saisonaler Gemüseeinlage. Guten Appetit zusammen! Die nächsten Termine für das „Kochen im Herzogenried“ in der Küche der „Freie Interkulturelle Waldorfschule Mannheim“, Maybachstraße 16, 68169 Mannheim, am Neuen Messplatz (neben Kaufland) sind: 23.11.2020 (Lahmacun, Makedonische Vorspeisen) - muss wegen der aktuellen Corona-Einschränkungen leider ausfallen - und

14.12.2020 (Weihnachtsbäckerei) Beginn ist jeweils 17:00 Uhr TEXT UND BILDER: MICHAEL BAIER


Schwerpunkt: Vielfalt

Seite 13

Vielfalt (er)leben im Herzogenried

Avin Avin ist 1971 in einem kleinen Dorf in der Nähe von Afrin in Syrien geboren. Afrin ist ein Zentrum des Olivenanbaus. Man baut dort zwei Sorten schwarzer und grüner Oliven an. Eine Sorte ist zum Verzehr bestimmt, aus der anderen Sorte wird Öl gewonnen. Auch Avins Vater verdient sein Einkommen mit Oliven. Die Mutter ist Hausfrau. Avin geht in Afrin auch 9 Jahre in die Schule, lebt dort, bis der Krieg sie und Ihre Familie aus der Heimat vertreibt. Die Volksverteidigungseinheiten YPG kämpfen als bewaffneter Arm der kurdisch-syrischen Partei der Demokratischen Union (PYD) zunächst gegen den Diktator Assad, der in der Zwischenzeit sein eigenes Volk unterdrückt, mit Waffen bekämpft und im Rahmen des Krieges auch vor dem Einsatz von Bomben und Giftgas nicht zurückschreckt. Als dann Erdogan seine Truppen nach Syrien einmarschieren und die YPG bekämpfen lässt, wird auch Afrin besetzt und zum Kriegsgebiet zwischen Erdogan und Assad gegen die Volksverteidigungseinheiten. Erdogan und Assad wollen einen breiten Streifen des nördlichen Syriens an den Grenzen zu Türkei

Avins Lieblingsplatz ist der Schatten unter Olivenbäumen. Auch diese Facette der Vielfalt finden wir im Herzogenried. Dort hat sie sich gerne fotografieren lassen.

und Irak kurdenfrei machen und die vorhandene Bevölkerung zwangsumsiedeln, um die befürchtete Bildung eines kurdischen Autonomiegebiets der kurdischen Regionen der Südosttürkei, von Nordsyrien und des Nordiraks zu verhindern. In der Zwischenzeit wurde Avin mit Hussein verheiratet, hat mit ihm zwei Söhne bekommen und die Söhne sollen, weil sie älter als 14 Jahre


Seite 14

sind, nicht mehr zur Schule gehen, sondern als Soldaten sowohl von Assad als auch von der YPG rekrutiert werden. Gero ist damals 13 Jahre alt und Resan 19. Die Familie und im Besonderen auch die Söhne wollen nicht, dass sie an diesem Krieg teilnehmen müssen und eventuell auch fallen. Die Söhne flüchten 2013 nach Antep im türkischen Südostanatolien. Das sind über 100 km Fußmarsch! Von Antep geht es 1200 km per Bus weiter nach Istanbul. Die Eltern lösen den Haushalt auf, verkaufen ihren Besitz und folgen ihnen drei Monate später nach. In Istanbul leben sie unangemeldet und finden als unerwünschte Ausländer nur Schwarzarbeit bei einem Schneider. Das Familieneinkommen liegt daher bei circa 500 Euro. Das muss für Miete, Kleidung und Essen reichen. Der Chef behält einfach die Hälfte des Lohns für sich ein. Als Flüchtlinge haben sie keine Rechte und können sich nicht wehren. Es warten ja viele auf einen Job. Nach zwei Jahren teilt Gero mit: „Mama ich gehe nach Europa. Ich bleibe nicht in Istanbul. Lieber riskiere ich mein Leben als Bootsflüchtling als hierzubleiben.“ Er ist nicht von seiner Meinung abzubringen. Er geht nach Izmir und findet nach einem Monat und 18 Tagen das erste Mal die Gelegenheit mit einem Schlepperboot nach Griechenland überzusetzen. Das Boot ist überfüllt und kentert. Obwohl er nicht Schwimmen kann, überlebt er 5 Stunden im Wasser, bis er von einem türkischen Patrouillenboot herausgefischt und zurück in die Türkei gebracht wird. Er versucht es weiter, wird noch 4-mal von der Küstenwache aufgegriffen, aber der fünfte Versuch ist erfolgreich. Er erreicht Asini in der Nähe des peloponnesischen Tolo. Von dort geht es zu Fuß in Nachtmärschen - tagsüber versteckt sich die Gruppe junger Männer, in der Gero mit 14 Jahren mit Abstand der Jüngste ist - weiter: über Makedonien, Kosovo, Serbien nach Belgrad und von dort - es ist das berühmte Jahr 2015 - per Zug nach München. Hier wird er herzlich empfangen und nach Mannheim weitergeleitet. Die restliche Familie - Resan hatte es abgelehnt, dem kleinen Bruder, der in Izmir auf ihn gewartet hatte, zu folgen - bleibt noch eineinhalb Jahre in Istanbul. Dann entschließen sie sich, da sie nicht nach Afrin zurückkehren können und der Sohn in Mannheim ist, ebenfalls nach Deutschland aufzubrechen. Entweder wir schaffen das alle zusammen, oder überleben die Flucht gemeinsam nicht. Sie reisen nach Izmir, finden nach drei Tagen ein Schlepperboot, gelangen gleich im ersten Anlauf im Februar 2016 ebenfalls nach Asini und werden von dort mit dem Zug in ein Auffanglager in Makedonien gebracht. 13-tausend Menschen warten hier auf ihre Registrierung und Weiterleitung. Nach zwei Tagen unter freiem Himmel konnten

Schwerpunkt: Vielfalt

sich die Drei ein Zelt kaufen. Jetzt hatten sie wenigstens ein Dach über dem Kopf. Sechs Monate leben sie im Zelt. In den ersten drei Monaten ohne Wasser zum Waschen oder Duschen. Es regnet oder schneit ganz oft und eine Heizung oder Kochgelegenheit hat man auch nicht. Dann kommt der heiße Sommer - und Hunger hat man auch ständig. Das kann so nicht weitergehen. Schließlich finden sie einen Schlepper, der sie für knapp 10.000.- Euro, dem restlichen Geld aus dem Verkauf ihres mobilen Besitzes und ihrer Olivenbäume in Afrin, per Flugzeug nach Düsseldorf bringt. Von dort geht es per Zug für einen Tag zur Anmeldung nach Karlsruhe und dann für zwei Monate ins Erstaufnahmelager nach Heidelberg, von wo sie dann Ende Oktober 2016 ins Flüchtlingslager Benjamin Franklin Village weitergeleitet werden und auch 6 Monate dort wohnen. Hier stößt auch ihr Sohn Gero, der in der Zwischenzeit bis zu seinem 18. Lebensjahr bei einer Pflegefamilie untergebracht war, zu ihnen. Er geht weiter zur Schule. Der Bruder heiratet eine ehemalige Nachbarstochter aus Afrin, die damals in Marburg lebt, um Apothekerin zu werden, und beginnt eine pharmazeutische Ausbildung in Marburg. Avin und Hussein fangen an, auf der Abendakademie Deutsch zu lernen. Das Jugendamt vermittelt ihnen eine Wohnung im Herzogenried, damit die Familie wieder mit Gero zusammenleben kann. Damals lernt Avin auch Frau Hammoud kennen, die sich im Projekt „Migrantinnen lotsen Migranten“ darum bemüht, Flüchtlingen bei Behördengängen und bei der Integration zu unterstützen. Sie nimmt Avin auch mit in die Gruppe „Kochen im Herzogenried“, wo sie ihr noch sehr rudimentäres Deutsch verbessern kann. Bei einem Stadtteilfest des Herzogenrieds, wo die Kochgruppe Salate aus unterschiedlichen Nationen anbietet, lernt sie eine deutsche Frau kennen und freundet sich mit ihr an. Neben vielen gemeinsamen Aktivitäten zum Kennenlernen der deutschen Kultur und Lebensart - bei denen immer auch viel gelacht wird - steht das Erlernen und Einüben der deutschen Sprache im Vordergrund. Und: es geht voran! „Ich bin Ursula sehr dankbar. Die deutsche Sprache ist Voraussetzung, um hier arbeiten zu können. Und ich will arbeiten!“ berichtet sie dem „herzog“. „Meinen Eltern, die aus Altersgründen in Afrin geblieben sind und anderen Leuten, die sich dafür interessieren, wie es uns geht, erzähle ich, dass es uns hier im Herzogenried sehr gut geht. Dass hier alles ist, um ein schönes Leben zu führen. In der Umgebung gibt es sehr viel Grün, wo man sich gut erholen kann. Und bei meiner Freundin auf der Terrasse gibt es sogar einen Olivenbaum. Die Leute hier haben alle ein

großes Herz und helfen uns. Sie helfen sich auch gegenseitig. Dass wir Ausländer sind, spielt keine Rolle. Hier gibt es ganz viele verschiedene Nationalitäten, auch viele Türken. Die leben friedlich miteinander. Das war in Istanbul ganz anders. Da hat man uns immer fühlen lassen, dass wir Ausländer und unerwünscht sind. Unsere Nachbarn hier sind auch sehr freundlich. Wir kommen gut miteinander aus und helfen uns gegenseitig. Nur eine Frau macht da nicht mit. Das ist schade. Neue Bekannte finde ich in der Sprachschule. Auch bei dem Fahrradkurs, der hier im Herzogenried schon zweimal stattgefunden hat, habe ich neue Bekannte mit ganz verschiedenen Nationalitäten kennengelernt. Wenn man gemeinsam lernt, kommt man sich auch näher. Man erfährt, wie andere Leute denken und handeln. Da kann man sich auch einmal etwas abgucken. Ich gehe aber auch zu anderen Menschen oder zum Quartiermanagement und bitte um Hilfe, wenn ich ein Problem habe und nicht weiß, wie man das hier lösen kann oder muss. Zu welchem Amt man gehen muss oder welches Formular man ausfüllen muss und woher man das bekommt. Da hat man mir bisher immer geholfen. Ich bin sehr dankbar für die Hilfe und Unterstützung, die ich hier in Deutschland bekomme. Ich habe noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Auch nicht mit den vielen unterschiedlichen Nationalitäten. Solange die Menschen keine Probleme machen, ist Alles gut. Menschen sind Menschen. Es gibt überall Gute und Schlechte. Hier habe ich nur ganz wenig Schlechte getroffen, aber ganz viele Gute. Ich lerne gerne von anderen Menschen, deshalb gehe ich auch so gerne in die

Kochgruppe. Da kann man lernen und gleichzeitig auch viel Spaß haben. Das ist für mich schön. Ich brauche das. Ich bin glücklich hier im Herzogenried und in Mannheim. Das liegt ganz viel an den Leuten, die hier leben und wie sie miteinander umgehen. Und die vielen Möglichkeiten, die ich hier habe, wie der Sprachkurs, der Fahrradkurs, der Kurs über deutsche Politik oder der Kochkurs. Ich bin gerne aktiv, kann nicht den ganzen Tag stillsitzen. In den vier Jahren, die ich jetzt in Deutschland lebe, hat sich eigentlich für mich nichts geändert. Höchstens die Preise oder die Miete vielleicht. Es ist alles ein bisschen teurer geworden. Und Corona hat das Leben auch ein wenig schwerer gemacht. Es funktioniert nicht mehr so einfach, wie es am Anfang war. Was ich machen würde, wenn ich die Königin vom Herzogenried wäre, ist ganz schwer zu sagen. Es ist alles so schön hier. Da muss ich immer an Afrin und den Krieg, der dort immer noch ist, denken. Dort würde ich den Menschen gerne helfen. Vielleicht könnte ich als Königin irgendeine Hilfe für Afrin organisieren. Für hier würde ich mir wünschen, dass es eine Stelle gibt, die mir und den anderen Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, hilft, die Briefe und Formulare, die ich von den unterschiedlichen Behörden, Ämter und Institutionen bekomme, zu erklären und mir beim Ausfüllen und Antworten zu helfen.“ Danke Avin! Du hast der Vielfalt im Herzogenried geholfen, ein bisschen sichtbarer zu werden. TEXT + FOTO: MICHAEL BAIER

Meine persönlichen Erfahrungen Seit 1991 wohne ich hier im Herzogenried in einem Haus mit vielen netten Nachbar*innen. Das ist auch gut so. Ich suchte und fand eine Wohnung mit Aufzug, denn mit der Krankheit Multiple Sklerose kann ich nicht mehr gehen und Treppen steigen. Aber der Aufzug allein ist leider noch nicht alles, was nötig ist. Ich komme mit dem Rollstuhl gut in unser Haus mit 41 Wohnungen auf 15 Ebenen. Aber beim Hauseingang und auf dem Weg in unsere Wohnung habe ich Probleme, denn ich kann alleine die Tür nicht aufschließen. Also warte ich, bis ein Nachbar nach Hause kommt und fahre dann mit ihm/ihr ins Haus. Am Fahrstuhl brauche ich wieder Hilfe beim Öffnen der schweren Fahrstuhltür. Leider geht unser Fahrstuhl nämlich nicht per Knopfdruck automatisch auf.

Auf meiner Wohnebene angekommen, kann ich alleine den Fahrstuhl nicht verlassen. Wenn mein Mitbewohner zu Hause ist, klingele ich noch vorher bei ihm und bitte ihn, dass er mich auf unserer Ebene am Fahrstuhl abholt. Sonst bitte ich Mitfahrende darum, mich aus dem Fahrstuhl und durch die schwere Zwischentür zu den 3 Wohnungen dahinter zu schieben. Sie merken, es ist gut, wenn man nette Nachbarn hat!


Schwerpunkt: Vielfalt

Einmal jeden Monat trifft sich die Interessengemeinschaft Herzogenried (IGH) und lädt alle Bewohner*innen aus dem Quartier ein, andere Bewohner*innen kennenzulernen sowie das Leben und den Kontakt mit allen wichtigen Einrichtungen im Quartier zu verbessern. Mit Freundin und Herzogenriedlerin Ilse Platzmann komme ich gerne dazu. Dabei lerne ich viele Aktive und Vereine aus dem Quartier kennen und erfahre viele Neuigkeiten. Der Seniorentreff Am Brunnengarten 5 bietet CaféTreff, Singen, Erzählnachmittage, Spiele. Dort beteilige ich mich gerne an den

Seite 15

Vorträgen vom Frauenkulturkreis, den die Mannheimer Abendakademie in vielen Stadtteilen anbietet. Im Quartierbüro Am Brunnengarten 8 arbeitet Petra Leinberger. Sie arbeitet für gutes Miteinander aller Bewohner*innen im Quartier, organisiert verschiedene Kurse und Feste. In diesem Sommer gab es das Projekt Fahrradfahren für Erwachsene auf der Radrennbahn. Es ist besonders wichtig für Frauen, weil es ihnen mehr Unabhängigkeit bringen kann. Beim gemeinsamen Kochen kann ich leckere Rezepte aus anderen Ländern kennen lernen und ausprobieren. Gemeinsam wird geplant, eingekauft,

gekocht, gegessen, gespült und aufgeräumt. Die Frauen können auch ihre Kinder mitbringen. Im Atelier Kunst und Natur bei Gerd Müller können Kinder und Erwachsene kreativ werden beim Arbeiten mit Holz und in der Nähstube. Außerdem gibt es Hausaufgabenhilfe. Im Herzogenriedpark finde ich viel Natur mit Bäumen, Menschen, gut befahrbaren Wegen und guter Luft. Das Naturfreundehaus Zum Herrenried 18 vermietet günstig Zimmer und hat eine große Wiese für schöne Feste im Sommer. Am Bücherschrank kann man sich kostenlos Bücher ausleihen und eigene

Freunden und Bekannten erzählt sie von ihrer hiesigen Umgebung, dass sie hier gerne lebt, dass hier noch eine grüne Landschaft und ein schöner Park vorhanden sind. „Ich liebe es, wenn man Bäume sieht, Blumen, grünen Rasen und Spielplätze für die Kinder. Wir haben hier Kindergärten, eine Grundschule, die integrierte Gesamtschule Mannheim (IGMH), Bäcker, Apotheke, Friseur, Kiosk, viele Einkaufsmärkte - jetzt kommt auch noch der Penny bald. Auch die Straßenbahn hält hier. Da kommt man auch schnell mal in die Stadt. Als wir eingezogen sind, fuhr hier ja noch der Bus. Das war zum Einkaufen nicht ganz so bequem. Aber jetzt: Eigentlich eine ideale Lage. Es ist wie ein kleines Zentrum, in dem man Alles hat, was man zum Leben so braucht. Dennoch ist es hier im Gegensatz zu anderen Vierteln noch ruhig geblieben. Abends kann man noch ohne Angst heimkommen, eine Runde drehen oder den Hund Gassi führen. Von den Hochhäusern mit ihrer angeblichen Anonymität bekomme ich selbst nicht viel mit. Man hat mich früher auch davor gewarnt, dorthin zu ziehen. In der Zwischenzeit kenne ich aber viele Menschen, die da wohnen. Mit denen kann man natürlich auch gut reden oder mal einen Kaffee trinken gehen. Ich habe viele Freunde, die dort wohnen. Das sind doch ganz normale Menschen, die auch Kinder haben, Arbeiten gehen und ein ganz normales Leben führen. Ich mache da keinen Unterschied. Für mich gehören die Hochhäuser mit der Vielfalt der Menschen, die dort leben, genauso zum Herzogenried, wie der Ulmenweg, die Landwehrstraße oder andere Ecken. Alles zusammen ist halt das Herzogenried. Hier grüßt man sich, sagt „Hallo“, lächelt sich an, redet ein paar Worte miteinander, hilft auch mal, wenn Not am Mann ist, gegenseitig. So bekommt man schnell Kontakt miteinander. Wichtig ist, dass man auch selbst einmal den ersten Schritt macht. Das kenne ich auch aus Makedonien so. Wir sind eine Gemeinschaft, egal woher

man kommt, was du bist, wie alt oder jung man ist oder wie gesund oder krank. Da ignoriert man sich nicht einfach. Bei uns im Haus wird die Vielfalt gelebt, alle sind total lieb. Auch zu unseren Kindern. Ich kann mich wirklich nicht beklagen. Deswegen wollen wir auch unbedingt hierbleiben, solange es irgendwie geht. Ansonsten wären wir auch nicht mehr hier. Negative Erfahrungen direkt habe ich hier in der Umgebung eigentlich noch keine gemacht. Natürlich ärgert man sich manchmal über Rad- oder Autofahrer, die in unmittelbarer Nähe der Kindergärten oder Schule oftmals zu wenig achtsam sind, oder kleine Kinder, die ihre Augen ja auch nicht überall haben, sogar anschreien. Das ist einfach ärgerlich. Ich selbst gehe meinen Weg und bin im Wesentlichen freundlich. Die Vielfalt selbst habe ich noch nie als Nachteil gesehen. Die Menschen, die krank sind oder eine Behinderung haben, die können ja nichts dafür. Auch die Nationalitäten: ich kann ja auch nichts dafür, dass ich eine gebürtige Makedonierin bin. Gleiches gilt ja auch für die anderen Menschen, die hier leben. Wir sind alle Menschen. Und Menschen, die Hilfe brauchen unterstützt man doch, wenn man kann. Meine Kinder sehen das, bekommen das mit, lachen nicht darüber - wissen, dass ausgelacht werden weh tut - und lernen daraus. Das können sie dann später selbst so vorleben. Das ist mir wichtig. Und mein Mann unterstützt mich dabei. Schwierigkeiten entstehen leicht, wenn Menschen die deutsche Sprache noch nicht können. Da kann man aber versuchen in Englisch oder einer anderen Sprache, die man wenigstens halbwegs sprechen kann, zu helfen. Manchmal findet man so eine gemeinsame Sprache und kann dann durch Übersetzen vieles erklären oder vermitteln. Gerade auch beim Einkaufen. Irgendwann kommt ja die Sprache dann oder ist erlernt. Ich sehe die Vielfalt eher positiv, als Bereicherung. Nicht alle Nationen sind

nicht mehr gebrauchte Bücher dazu stellen. Hier fanden auch schon schöne Kulturveranstaltungen statt mit Musik und Lesungen. Die Lesungen werden organisiert vom Förderverein der Stadtteilbibliothek. In der IGMH finden größere Feste wie z. B. der Neujahrsempfang Herzogenried statt. Bei all diesen Versammlungen lerne ich viele Bewohner*innen und ihre Aktivitäten im Quartier kennen. Deswegen komme ich immer gerne dazu. TEXT: KATHARINA JUSTEN FOTO: AXEL STAMM

Bisera Bisera stammt ursprünglich aus Makedonien. Ihr Vater lebt in Biseras früher Kindheit im holländischen Utrecht und so ziehen Mutter und Tochter bald ebenfalls dort hin. Die Eltern trennen sich aber bald wegen einer anderen Frau, die ihr Vater während seiner Zeit ohne Familie in Utrecht kennen gelernt hat. Die Mutter und die fünfeinhalbjährige Bisera kehren zunächst nach Makedonien zurück und übersiedeln dann aber 1992 nach Deutschland zu dem neuen Lebensgefährten, den ihrer Mutter zwischenzeitlich kennengelernt hat. Die Mutter beantragt und bekommt Asyl, da ja damals der Ethnienkrieg um das auseinanderbrechende Jugoslawien, von dem ja auch Makedonien betroffen ist, in vollem Gange war. Es wird geheiratet und Bisera wohnt nun mit Mutter und Stiefvater auf der Schönau, wird eingeschult, überspringt nach kurzer Zeit - da sie die deutsche Sprache sehr schnell versteht und spricht und auch in den anderen Fächern sehr gut mitarbeiten kann - die erste Klasse und macht direkt in der zweiten Klasse weiter. Das motiviert. Bisera geht gerne zur Schule und macht schließlich den Hauptschulabschluss. Einige Zeit später geht leider auch die zweite Ehe ihrer Mutter zu Ende. Die Mutter, Bisera und ihre Schwester, die aus der zweiten Ehe der Mutter hervorgegangen ist, ziehen in die Neckarstadt-West, in die Nähe des neuen Messplatzes, um. Dort lebt Bisera bis sie mit 21 einen Mann heiratet, den sie schon seit ihrer Geburt kennt. Und er sie umgekehrt auch. „Als Nachbarskind musste der 5 Jahre ältere Junge auch öfter mal auf mich aufpassen, wenn meine Mutter einkaufen war. Eine Zwangsverheiratung gibt es in Makedonien ja nicht, aber wir waren halt von klein auf immer befreundet. Und aus der Freundschaft wurde irgendwann Liebe. Wir wollten für immer zusammenleben, haben geheiratet und sind dann 2009 ins Herzogenried umgezogen. Heute haben wir selbst zwei Kinder und fühlen uns wohl hier.“

Biseras Lieblingsplätze im Herzogenried sind die vielen Bänke im Grünen, die zur Ruhe und zur Entschleunigung einladen. Auf einer von ihnen, gar nicht weit weg von Biseras Wohnung haben wir das Foto von ihr gemacht.

ja gleich, haben unterschiedliche Sitten und Gebräuche. Man kann voneinander lernen und dann letztlich einfacher zusammenleben. Man macht so viele Erfahrungen, aus denen man dann lernen kann, wie der Umgang miteinander einfacher wird. Das gilt natürlich in beide Richtungen. Negative Erfahrungen mit der Vielfalt selbst habe ich bisher noch keine gemacht. Natürlich ist die Welt nicht rosarot. Negative Menschen gibt es auch überall. Das hängt aber nicht von der Nationalität ab. Ich koche selbst gerne und gehe deshalb auch sehr gerne zum Kochkurs, den es im Herzogenried nun schon seit mehreren Jahren gibt. Dort kann man erleben, wie andere Nationen kochen und essen und wie das dann schmeckt. Das gemeinsame Kochen und Essen, aber auch die gemeinsamen Gespräche, die sich von selbst ergeben, machen mir sehr viel Freude. Auch meine Kinder kommen da gerne mit. Die lieben es. Das möchte ich nicht missen. Ich wäre traurig, wenn es das nicht mehr gäbe. Auch die anderen Interessensgruppen, die es im Herzogenried so gibt und die viel zu wenig bekannt sind, helfen sicherlich in ähnlicher Weise, die Vielfalt auch erlebbar zu machen. Das Herzogenried hat sich in den letzten Jahren nicht sonderlich verändert. Von der Infrastrukturseite kommt sicherlich immer wieder etwas Neues dazu, aber es fällt ja auch immer wieder etwas Älteres weg. Und von der menschlichen


Seite 16

Seite ist es in meinem Umfeld im Wesentlichen unverändert geblieben. Da spielt sicherlich die Fluktuation bei der Wohnungsbelegung eine Rolle. Neue Mieter bei uns im Haus kommen recht selten dazu. Die schon länger hier lebenden Mieter gehen auf die neuen Mieter zu, sprechen sie an und helfen ihnen, sich in die Hausgemeinschaft zu integrieren. Und wenn die Neuen das dann auch wollen, sind sie schnell integriert. Und die meisten Mieter machen da mit. Das wird besonders beschleunigt, wenn Kinder mit einziehen, die dann sehr schnell mit den hier schon lebenden Kindern zusammenspielen.

Schwerpunkt: Vielfalt

Wenn ich Königin vom Herzogenried wäre, würde ich ein großes Café errichten, in dem sich die Leute untereinander treffen können, einen Kaffee trinken können, einen Kuchen essen können, quatschen können, auch mal Karten oder Schach spielen können, oder Skat, oder Tavla/Tabla/ Backgammon (eines der ältesten Brettspiele der Welt. In der Türkei heißt es Tavla. Auch in Makedonien und Bulgarien wird es gerne gespielt und heißt dort Tabla (Табла). Die persische Bezeichnung ist Tacht-e-Nard („Nardbrett“). Halt einfach ein Zentrum zum Zusammensitzen und Zeit zusammen zu verbringen. Das fehlt mir hier. Auch

wenn ich im Lotto einen Sechser hätte, würde ich so ein „Treffzentrum“ bauen und betreiben. Da würde ich mich auch gerne selbst einbringen und, wenn es zeitlich möglich ist, die eine oder andere Betreuungsschicht übernehmen, den einen oder anderen Kuchen backen, Kaffee oder Tee kochen und so weiter. Als Königin würde ich mich für mehr Zusammenhalt im Herzogenried einsetzen. Auch, dass die Kinder mehr mit den älteren Menschen in Kontakt kommen und gemeinsame Aktionen durchführen. Ich denke da auch an das gemeinsame Gärtnern. Es ist wichtig gemeinsam zu lernen: Was geht in einer älteren Person vor - und

umgekehrt - was geht in einem Kind vor. Kurz: als Königin vom Herzogenried würde ich das Zusammensein der Menschen verstärken.“

gemeinschaft, macht das Leben richtig Spaß. Hier gehöre ich dazu und habe viele Freunde gefunden. Anonymität ist kein wichtiges Wort hier, es spielt keine Rolle, auch wenn jedes Haus für sich besonders ist. Insgesamt gesehen ist es hier einfach eine große Wohngemeinschaft. Im Herzogenried leben viele Familien mit Kindern, Eltern lernen sich über die Kinder kennen und man kommt ins Gespräch. Im Herzogenried kann man viele Kulturen kennenlernen, ohne die Länder selbst bereist zu haben. Das finde ich eine gute Sache, ich lerne täglich Neues dazu. Man hat keine Nachteile, wenn man hier wohnt. Gleichzeitig sind Vorteile immer ausbaufähig: die Sprache richtig

erlernen, auch neue Fremdsprachen und Kulturen dazu gewinnen - man lernt ja nie aus, sondern immer mehr dazu. Nur die Sperrmüllsituation hier im Quartier ist unerträglich, das ist kein Zustand und sollte dringend neu geregelt werden. Es freuen sich nur die Ratten, sie finden schneller ein Zuhause als so mancher Mietinteressent. Sehr positiv ist die Arbeit des Quartierbüros, wo Petra Leinberger super Arbeit leistet. Ich hoffe, sie bleibt uns noch sehr lange erhalten und geht mit den vielen ehrenamtlichen Helfer*innen hier im Quartier noch weitere neue Aktionen und Wege an. Es könnte zum Beispiel mehr Aktivitäten für Kinder und Jugendliche geben und mehr Räumlichkeiten zur Frei-

zeitgestaltung wären auch schön. Ich wünsche mir auch mehr Patengemeinschaften für Leute ohne Familie, wo sich Jüngere und Ältere finden und gemeinsam etwas unternehmen. Mit alleinstehenden Omas und Opas mal an Weihnachten ein paar Stunden zu verbringen oder ein Kaffeekränzchen abzuhalten – das wäre doch etwas. Und um noch weiterzugehen: vielleicht würden sich manche älteren Mitbewohner*innen ohne Enkel als Leihoma bzw. Leihopa zur Verfügung stellen? Viele Familien ohne Großeltern würden sich freuen. Ich wünsche euch allen weiterhin viel Spaß hier im Herzogenried. Eure Emma

auch langfristig gerne in Mannheim bleiben.“ erzählt sie dem „herzog“ im Interview. „Mittlerweile fühle ich mich hier nämlich recht wohl. Ganz besonders auch im ganz eigenen Flair der Neckarstadt. Im Herzogenried lebe ich gerne. Über das multikulturell gut durchmischte Zusammenleben der Menschen hier, ihr offener und vorwiegend doch sehr netter Umgang miteinander, die gute Lage des Stadtteils mit einfacher und effizienter Anbindung an das Zentrum, aber auch an die Naherholungsmöglichkeiten und kulturellen Einrichtungen, erzähle ich gerne, wenn ich mit Freunden, Verwandten und Bekannten über mein Leben in Mannheim spreche. Ich selbst bin zwar kein Freund von Hochhäusern – in einem habe ich selbst mal einige Zeit gelebt - mit der oftmals ausgeprägten Anonymität ihrer Bewohner, aber im Herzogenried gibt es eine gute Durchmischung mit Mehrfamilienhäusern und Zwei- und Einfamilienhäusern. Wir wohnen hier im Grünen haben einen „eigenen“ Park und ich habe das Glück, in einem schönen Mehrfamilienhaus mit acht Parteien zu wohnen, in dem wir uns untereinander kennen, miteinander reden und, wenn

Not am Mann ist, auch gegenseitig aushelfen. Je nach persönlicher Wellenlänge der einzelnen Mietparteien kann ich mir vorstellen, dass sich eventuell langfristig sogar Freundschaften bilden können. Wie gesagt, ich fühle mich wohl hier und hatte in der langen Zeit, in der ich hier lebe, auch keine pauschal negativen Erfahrungen mit meinem Umfeld.

Danke dass Du Dir die Zeit für uns genommen hast, Bisera! Du hast mit Deinem Beitrag geholfen, das Bild von Vielfalt im Herzogenried weiter abzurunden. TEXT + BILD: MICHAEL BAIER

Emma Hallöchen, ich bin Emma möchte Euch ein wenig über mein Leben erzählen. Seit drei Jahren lebe ich nun schon hier im Herzogenried, vorher habe ich in Heidelberg gewohnt. In Deutschland bin ich seit zehn Jahren, geboren in Kamerun, aufgewachsen im Dorf Kom in Kamerun. Hier im Herzogenried, in dieser kleinen modernen und internationalen Wohn-

TEXT + BILD: EMMA WULNIKONG

Madiha Madiha lebt nun schon seit rund 11 Jahren in der Neckarstadt-Ost und davon die letzten drei Jahre im Herzogenried. Sie ist, wie so viele Mannheimer*innen, aus beruflichen Gründen nach Mannheim gekommen. Ursprünglich stammt sie aus Siegen, dem Herzen des Siegerlands und dem südlichen Zipfel von NRW, wo sie geboren wurde, aufgewachsen ist und ihr Abitur gemacht hat. Zum Studium der Lebensmitteltechnologie zieht sie für sechs Jahre nach Bonn. Nach erfolgreichem Diplom-Abschluss arbeitet sie knapp ein Jahr in Paderborn. Die Menschen dort, ihre sehr spezielle Mentalität und ihr distanzierter Umgang miteinander entsprechen nicht ihrem offenen eher rhein-/siegerländisch geprägten Wesen. Während ihrer Mutterschutzzeit kehrt sie deshalb nach Siegen zurück, wo auch ihre Tochter zur Welt kommt. Sie schreibt Bewerbungen quer durch Deutschland und – Monnem vorne – gibt dem vielversprechenden Angebot aus Mannheim letztlich den Zuschlag. „Es hat schon etwas Zeit gebraucht bis ich mich in Mannheim eingelebt hatte, aber bald waren mir „Land und Leute“ vertraut. Ich möchte eigentlich schon

Wenn man auf Menschen hier zugeht, den ersten Schritt macht, kann man durchaus mit ihnen in Kontakt kommen. Die Kontaktfreudigkeit ist wichtig. Wenn man Kinder hat, wird das Kontakteknüpfen über die Kinder selbst mit ihren Freunden, über die Kindergarteneltern oder die Schulkindereltern einfacher. Ohne Kinder ist das schon schwieriger. Da erleichtern Arbeitskollegen, Vereine und lokale Gruppen – wie hier z. B. die Kochgruppe, in der ich gerne mitmache – oder Interessengemeinschaften die Kontaktfindung und Kontaktpflege. Die Alters- oder Kulturschwellen und weitere Hemmschwellen können dort leichter überwunden werden, wie ich immer wieder erlebe und beobachten kann. In der Vielfalt der Menschen liegt

Madihas Lieblingsplatz im Herzogenried ist „ihr“ Park. Dort haben wir auch ihr Foto aufgenommen.

ein ganz großes Potenzial der gegenseitigen Bereicherung. Auch wenn man weniger kontaktfreudig ist oder das Ansprechen „fremder“ Mitbewohner nicht leichtfällt: neugierig sind wir doch alle ein bisschen. Warum denken Alte oder Junge, Gesunde oder Kranke, Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund in bestimmten Fragen anders als wir? Warum reagieren sie auf einige Situationen und Ereignisse oft anders als wir, warum verhalten sie sich anders? Einiges versteht man auf


Schwerpunkt: Vielfalt

Anhieb, Anderes aber nicht. Interessante Themen gibt es ja genug: Festtage, Bräuche, Feste feiern, Begrüßungsformen, Kochen, die Art und Weise sich zu kleiden und frisieren, und und und. Das alles sind doch Brücken, um miteinander in Kontakt zu kommen, miteinander zu reden und letztlich voneinander auch zu lernen, sich besser zu verstehen und sich näher zu kommen. Nicht nur Reisen in ferne Länder bildet. Auch sich für andere Menschen und Sachen zu interessieren sind „Reisen“ in fremde Welten. Reisen vor und hinter Hauseingänge. Negative Erfahrungen mit Vielfalt selbst habe ich nicht gemacht. Die sind doch eigentlich eher an „schwarze Schafe“ oder den bösen Willen von einzelnen Menschen geknüpft, manchmal auch durch besondere Umstände beziehungsweise unglückliche Verkettungen von Umständen verursacht. Den Grund

Seite 17

solcher Erfahrungen kann ich daher nicht auf die Vielfalt an sich zurückführen. Bei allem Spielraum der Interpretation von „Was ist gut“ und „Was ist schlecht“ gibt es doch eine allgemein anerkannte Grenze davon, was zu akzeptieren, zu tolerieren und was nicht mehr zulässig ist. Und „gute“ und „schlechte“ Menschen und Taten gibt es überall. Das hat nichts mit Vielfalt, Migrationshintergrund oder Kultur zu tun. Das Empfinden von negativen Erfahrungen selbst ist, abgesehen von den Taten einzelner „böser“ Individuen, in Form von offensichtlichen Übergriffen, persönlichen Beleidigungen usw. auch individuell unterschiedlich: Zum Beispiel ist es keine Frage, dass, je engstirniger ich selbst bin, um so mehr negative Erfahrungen werde ich selbst auch machen.

Das Verbesserungspotenzial im Erleben und Leben von Vielfalt sehe ich in der Verbesserung der Kommunikation. Eine wichtige Rolle kommt in diesem Zusammenhang der Institution und dem effektiven Wirken des lokalen Quartiermanagements zu. Hier können Fachkräfte die Arbeit von Interessengemeinschaften, Nachbarschaftsgruppen, Verbänden und Vereinen analysieren, Synergien erkennen, koordinieren und unterstützend optimieren helfen. Vor allem aber können sie als Anlaufstelle für alle Bewohner*innen dienen. Ihre Sorgen, Ängste, Belange und Bedürfnisse im Dialog erkennen, zusammenführen und in die genannten Gruppen eintragen. Im Besonderen können sie damit das vielfältige Zusammenleben und Erleben fördern und als Sprachrohr der Bewohner*innen gegenüber öffentlichen Institutionen, Ämtern und Behörden

dienen. Die Träger des Quartiermanagements haben bei der Etablierung von geeigneten Mitarbeiter*innen und der Ausstattung mit den bedarfsorientierten Ressourcen eine besondere Verantwortung. Deshalb: Wenn ich die Königin des Herzogenrieds wäre, würde ich ein offenes Ohr für alle hier lebenden Menschen haben, das Quartiermanagement an ihren Bedürfnissen orientiert ausbauen und unterstützen sowie auf seine Träger entsprechend einwirken. Kurz: die Vielfältigkeit weiter und tiefer für alle Bewohner*innen erlebbar machen.“ Der Herzog bedankt sich bei Madiha für das offene und herzliche Interview, das im Gesprächsverlauf teilweise durchaus philosophische Züge annahm und dem Interviewer sehr viel Spaß gemacht hat. INTERVIEW, TEXT + FOTO: MICHAEL BAIER

Sachin Belvadi Wie lange leben Sie schon hier in Mannheim im Herzogenried? In Mannheim lebe ich seit 2017 und im Herzogenried seit 2018, vorher war ich in Hamburg.

Und vorher, wo sind Sie geboren und aufgewachsen? Ich bin in Südindien geboren, in Mysore, etwa 100 km von Bangalore entfernt. In Indien habe ich meinen Bachelor Plus gemacht und auch dort gearbeitet. Seit 2005 bin ich in Deutschland, 11 Jahre davon in Hamburg, bis ich dann mit meiner Frau und meinem Sohn wegen der Arbeit nach Mannheim gezogen bin. Ich hatte gar nicht geplant, nach Deutschland zu kommen. Aber ich war in Indien Berater für Airbus und Airbus meinte irgendwann, es wäre gut, wenn ich nach Deutschland käme und so bin ich hierhergekommen.

Wenn Sie Freund*innen oder Verwandten vom Herzogenried erzählen, wie beschreiben Sie es ihnen, was erzählen Sie ihnen darüber? Gute Frage, ich werde das tatsächlich immer von Freunden/Bekannten gefragt. Wenn heute jemand fragt, wo ich wohne, gehe ich auf den Balkon und mache ein Foto vom Herzogenried Park und sage, das ist der zweitgrünste Ort in Mannheim. Ich bin sehr zufrieden mit dem Herzogenried, es ist grün, es ist stadtnah, alle Einkaufsmöglichkeiten sind an einer Straße, mein Sohn hat viele Freunde hier, die Schule ist gleich nebenan. Es gibt nicht viel Verkehr, mein Sohn kann draußen spielen, er braucht nicht immer eine Begleitung. Das ist alles extrem praktisch. Auch meine Frau ist sehr zufrieden. Wir vergleichen natürlich immer Hamburg

und Mannheim und dann stellen wir fest, es gibt nicht so viele Unterschiede zwischen unserem Leben dort und hier.

Hochhaussiedlungen haben immer den Ruf der Anonymität unter den Bewohner*innen. Wie erleben Sie das? In unserem Haus kenne ich die meisten Nachbarn. Wir sind die einzige junge Familie im Haus, mein Sohn ist das einzige Kind im Haus. Wir feiern mit der Nachbarschaft die Vorweihnachtszeit zusammen. Ich bin Hindu, aber wir feiern das und ich finde das gut. Wir planen dann im Hauseingangsbereich eine Adventsparty, Kekse und etwas zu trinken und sprechen miteinander. Ich habe mich niemals als ein Fremder gefühlt. Meine Vermieterin ist meine direkte Nachbarin und es ist ein sehr gutes Verhältnis. Die Mannheimer sind nette Leute. In Hamburg war mein Nachbar im gleichen Alter wie ich und hatte immer viel zu tun, keiner hatte Zeit. Jeder hatte nur das Wochenende und da war man beschäftigt, das war schon anders.

Wie kommt man denn hier im Herzogenried am besten und ehesten mit anderen Bewohner*innen in Kontakt? Welche Erfahrungen haben Sie hier gemacht? Ja, das könnte man noch verbessern. Es gibt so viele Häuser hier, aber wenn ich das mit den Hochhausvierteln in Indien vergleiche, gibt es einen großen Unterschied. In Indien feiert man sehr oft und jeder kennt ganz viele Menschen in vielen Häusern. Hier kennen sich die Leute nicht so untereinander und man feiert weniger mit der Nachbarschaft. Feste feiern bringt Menschen zueinander. Man könnte vielleicht eine offene Bühne

machen, einen kleinen Treff mit Musik oder einen Flohmarkt. Alles, was Menschen aktiv zusammenbringt. Sie sollen sich nicht nur schweigend zu einer Veranstaltung treffen, bei der sie etwas anschauen, sondern aktiv etwas miteinander tun. Wenn sie z. B. am Flohmarkt miteinander reden, hat das vielleicht auch Nebeneffekte. Ein weiteres Thema ist Sport. Ich bin der Vorsitzende des Cricketverbandes in Baden-Würtemberg und es war meine Idee, Cricket hier im Viertel vorzustellen. Da kam dann leider Corona dazwischen. Mit dem Sportverein Phoenix möchte ich gern eine Cricketabteilung gründen. Das wäre dann eine gute Gelegenheit für alle Interessierten. Was mir auch noch auffällt, es gibt so viele Kinder hier, aber sehr wenige Kinder kommen nach unten und spielen miteinander. Sie sind mit iPhone, iPad beschäftigt, aber sie spielen nicht miteinander auf der Straße. Ich sage oft zu meinem Sohn, geh doch raus, spiel mit den Kindern. Dann sagt er, es gibt keine Kinder hier im Haus und auch auf der Straße gibt es praktisch keine. Mit seinen Schulfreunden spielt er eher Computerspiele. Diese ganz einfachen Spiele wie Fangen, Verstecken etc., die werden nicht mehr gespielt. Das ist übrigens nicht nur hier so, es war auch in Hamburg ein Problem. Ich weiß nicht, ob die Eltern Angst haben, die Kinder rauszulassen? Das könnte ich nicht verstehen. Hier ist doch alles sicher. Und es gibt so viel Platz, wenn man hier nicht spielen kann, wie sieht es denn dann erst in anderen Stadtteilen aus. Vielleicht könnte das Quartiermanagement hier mal ein Plakat aufhängen: jeden Dienstag um 17:00 Uhr z. B. werden da und da ganz einfache Spiele gespielt,

Fangen, Verstecken, nichts, wozu man Geräte braucht. Vielleicht könnte man da auch mit der Schule zusammenarbeiten und es dort bekanntgeben. Sie kennen sich ja alle aus der Schule.

Im Herzogenried trifft man viele verschiedene Menschen, Junge, Alte, Menschen mit und ohne Behinderung, Menschen aus vielen der 166 Nationalitäten, die in Mannheim leben. Es gibt eine große Vielfalt hier. Welche Vorteile bringt Vielfalt für Sie mit sich? Ich finde diese Unterschiedlichkeit einen großen Vorteil. Bis ich 22 Jahre alt war, war ich nur in Indien, habe nur indische Menschen gesehen und nur die indische Kultur gelebt. Als ich dann das erste Mal in Deutschland war, war es absolut überraschend für mich, hier so viele Kulturen parallel zu erleben, so unterschiedliche Lebensstile zu sehen. Ich hatte auf der einen Seite einen türkischen Nachbarn, der ganz anders als ich gelebt hat und auf der anderen Seite waren Deutsche und auch sie hatten einen anderen Lebensstil. Das kannte ich vorher nicht.


Seite 18

Als ich dann länger hier gelebt und mit Menschen gesprochen habe, vielleicht so nach einem Jahr, habe ich meine Angst abgelegt und konnte mit den anderen gut umgehen. Es ist ein Vorteil für Kinder, wenn sie viel Unterschiedliches kennen und mit Unterschieden von klein auf umgehen. Sie entwickeln dann ja auch Akzeptanz. Wenn man viele Jahre mit nur einer einzigen Kultur lebt, hat man später viel mehr Probleme, andere Kulturen bzw. Denkweisen zu akzeptieren. Aber als Kinder, wenn sie links und rechts anderes sehen als zu Hause, dann finden sie das normal. Das gilt übrigens auch für Erwachsene. Auch die lernen: okay, jemand kann andere Denkweisen, andere Kleidung, eine andere Kultur haben, aber im Endeffekt müssen wir die Regeln dieses Landes hier anerkennen und uns gegenseitig akzeptieren. Vielfalt verhindert eigentlich Vorurteile.

Es gibt allerdings schon Menschen, die sagen, so viele unterschiedliche Lebensstile überfordern mich. Sie wirken, als ginge Ihnen das nicht so. Wissen Sie, was Ihnen geholfen hat, zu reagieren wie Sie es tun? Man kann es einfach nicht vermeiden. Ich habe Freunde, die sagen, da wo Du wohnst, da gibt es so viele türkische Menschen. ‚Na und?‘ sage ich dann. ‚Die sind so aggressiv‘, antworten sie. Dann sage ich, ‚wer hat dir denn das gesagt‘? Natürlich gibt es immer auch mal aggressive Menschen, aber es gibt überall solche und solche. Das muss man akzeptieren. Wir leben hier gut und wir müssen miteinander auskommen. Ein gutes Beispiel ist auch folgendes: der beste Freund meines Sohnes ist Pakistani. Indien und Pakistan waren lange ein einziges Land und sind seit der Teilung 1947 zwei verschiedene Staaten, die sich feindlich gegenüber stehen. Deshalb war ich nicht so begeistert und hatte zunächst Vorurteile. Aber mein Sohn hat kein Vorurteil und sein Freund auch nicht. Sie spielen zusammen und haben keine Probleme. Da habe auch ich meine Meinung geändert und eingesehen, es ist nur Einfluss von außen, es kommt nicht vom Blut, es hat nichts mit Nationen zu tun. Es ist nur wichtig, was man lernt und wie man miteinander umgeht. Ich habe 20 Jahre gelernt, dass Pakistan mein Feind ist, aber am Ende sind Pakistani auch Menschen, die leben wie wir und man kann sich akzeptieren. Wir haben jetzt auch Kontakt mit den Eltern des Freundes.

Das ist ein wunderbares Beispiel, denn – wie gesagt - wir haben hier im Viertel viele verschiedene Nationen und nicht alle sind sich

Schwerpunkt: Vielfalt

im Ursprungsland wohlgesonnen. Manchmal wurde/wird sogar Krieg gegeneinander geführt. Und es ist ganz wichtig, dass Menschen diese Konflikte nicht hierher ins Herzogenried mitnehmen. Jetzt sind sie hier, wir sind alle Menschen und sollten versuchen, ohne Vorurteile miteinander zu leben. Es ist wirklich ein Kulturschock, wenn man hier ankommt. Kommt man von woanders hierher, hat man erstmal nur eine Sicht auf die Dinge, die dem Zeitpunkt entspricht, zu dem man hier ankam. Und wenn dieses Bild über die Jahre gleich bleibt, ist es nicht gut. Daran muss man arbeiten.

Klappt es auch manchmal nicht so gut mit der Vielfalt? Nein, ich habe da eigentlich nie Probleme gehabt. Aber ich würde mir mehr Integrationsarbeit wünschen, für Kinder und auch für Erwachsene. Solche Dinge, die keine Sprache brauchen und über Grenzen hinweg funktionieren, Musik zum Beispiel oder

offene Bühne, gemeinsam singen, tanzen oder Fußball spielen. Viele Leute leben hier in Deutschland so viele Jahre, aber sie wollen sich nicht integrieren. Sie lernen auch nicht richtig deutsch. Vielleicht könnte man so fünf, sechs Arbeitsgruppen bilden, die sich einmal im Monat treffen und etwas zusammen machen: Sport, Musik, Tanz – das alles gibt es in jedem Land, es bringt zusammen und verbessert die Vielfalt noch.

Stellen Sie sich zum Abschluss bitte vor, Sie wären herzog/König im Herzogenried – was würden Sie tun? Was würden Sie entscheiden, wofür würden Sie sich einsetzen? Ich denke, ich würde versuchen, das Potential von so vielen Leuten in eine Richtung zu bringen, hin zum Sport, hin zur Kultur, jeder hat seine Leidenschaften. Man könnte sich treffen und jeder liest Gedichte aus der eigenen Kultur vor oder eben wie gesagt, eine offene Bühne. Ich glaube, gerade wenn es um

Musik geht, werden viele Leute neugierig sein. Vielleicht könnte das Quartiermanagement das unterstützen und begleiten. Ein normaler Spielclub für Kinder, vielleicht könnten sich da auch ein paar Eltern verantwortlich beteiligen. Nicht jeder will sich mit andern treffen, aber viele eben schon. Und meiner Meinung nach wäre es gut, wenn Einladungen zu Veranstaltungen so allgemein formuliert sind, dass sich alle angesprochen fühlen, also entweder losgelöst von Religion oder mit expliziter Einladung auch an andere Religionen. Beim Weihnachtsmarkt zum Beispiel wollen die Veranstalter bestimmt jeden einladen, aber es wäre schön, das in der Einladung auch zu lesen. Und was mich betrifft: ich will durchaus hier weiter mit einer helfenden Hand zur Verfügung stehen. Herr Belvadi, vielen herzlichen Dank für das Gespräch. INTERVIEW UND TEXT: MONIKA SCHLEICHER FOTO: SACHIN BELVADI, PRIVAT

Emine Emine wird ursprünglich in Hatay Antakya, der alten Handelsmetropole Antiochia, geboren. Dort wächst sie die ersten 12 Jahre ihrer Kindheit auf, geht zwei Jahre in die Schule, die sie dann aber abbrechen muss, um die Familie zu unterstützen und den Haushalt zu führen, da beide Eltern berufstätig sind.

und Schreiben bei. Damit ist der Grundstein gelegt. Mit sehr starkem Willen erarbeitet Emine sich nun selbst die deutsche Sprache. Jedes Wort, das sie irgendwo hört oder liest, lässt sie sich erklären, schreibt sie auf und übt, und übt, und übt. Erleichtert wird ihr das etwas, da sie herausfindet, dass viele deutschen Wörter auch in der Emine ist dreimal nach Mannheim arabischen Sprache, wenn auch mit gekommen: Zunächst als 13-jähriges, anderer Bedeutung, vorkommen. Auch mit 12 Jahren schon verheiratetes das Fernsehen nutzt ihr beim Deutsch— Mädchen, zusammen mit ihren Eltern lernen sehr. Irgendwann hat sie diese als Gastarbeiterkind kurz nach Weih- Hürde überwunden. nachten 1971. „Es ist kalt hier“ ist ihr erster Eindruck von Mannheim. Bis sie Sie kann jetzt endlich arbeiten gehen sich an die Kälte gewöhnt hat, trägt sie und selbstständig werden. Und sie lernt deshalb mehrere Kleidungsstücke mit 15 einen türkischen Mann kennen, übereinander. Die Familie wohnt zu- wird von ihm schwanger und bekommt nächst mit Emines Tante und einer von ihm mit 16 Jahren eine Tochter. Die Freundin ihrer Mutter und mit deren Eltern bestehen auf einer Heirat. Dazu beiden Kindern in einer 4-Zimmer- wird dann endlich auch ihre ZwangsWohnung im Jungbusch. „Das war heirat mit Zustimmung der Eltern gedamals bei ‘Gastarbeitern’ so üblich.“ löst. Die junge Familie zieht in die und: „Meine Mama war das Herz Uhlandstraße um. Nach 8 Jahren wird unserer Familie“, vertraut sie dem Emine und ihre Tochter von ihrem „herzog“ an. „Mama konnte zwar Mann verlassen. Er lässt sich scheiden weder lesen noch schreiben, hat sich und heiratete eine andere Frau. Jetzt aber um alles gekümmert und war beginnt für Emine eine neue und immer für uns da. Ich bin sehr stolz auf zunächst auch glückliche Zeit. „Das war sie!“ Die vielen Lichter der Nach- wie eine Neugeburt für mich“ sprudelt Weihnachtszeit beeindrucken Emine es aus ihr heraus. „Ich bin ein neuer sehr, dennoch ist Mannheim für sie Mensch. Ich muss mich jetzt befreien. nicht richtig fremd. Die Stadt mit ihrem Muss nur noch für mich und meine vielen Grün und ihrem Umfeld mit Tochter da sein.“ Ihre Tochter geht in Feldern, Landwirtschaft und den den Hort, während Emine arbeitet. Bergen des Odenwaldes erinnern sie ein Jeder Pfennig wird umgedreht und, wenig an Antakya. Da Mutter und Vater wenn es möglich ist, für später beiseitearbeiten, soll sie zu Hause bleiben. Sie gelegt. Sie schuftet und rackert, kann ja kein Deutsch und sie kennt sich verdient ganz gut, spart für die noch nicht aus. Die Tochter der Freun- Zukunft, richtet sich die Wohnung din ihrer Mutter bringt ihr das Lesen schön ein, macht den Führerschein und

Emines Lieblingsplatz im Herzogenried ist überall, wo sie sich zwischen Blumen und Pflanzen aufhalten kann und mit Blick über das Grün und den Park ihre Augen und ihren Geist entspannen kann, so wie das auf ihrem Foto zu sehen ist.

kauft sich ein kleines Auto und mit ihrer Mutter zusammen ein kleines Haus auf dem Luzenberg. Sie hat wenig Zeit für ihre Tochter. Die Tochter entgleitet ihr immer mehr. Gegen Emines Rat heiratet die Tochter schließlich und zieht aus. Und tatsächlich bekommt auch sie mit 16 Jahren ein Kind und wird später ebenfalls geschieden. Die Tochter bleibt in Deutschland als Emine mit einem Mann, den sie während eines Urlaubs in Antakya kennengelernt und später geheiratet hatte, in die Türkei zurückkehrt. Dort leben sie ein Jahr und kehren dann aber doch wieder nach Mannheim zurück. Das war ihre zweite Ankunft in Mannheim. Hier wird auch ihre zweite Tochter geboren. Ihr Mann kommt mit dem Leben in Deutschland nicht zurecht und sie ziehen wieder


Schwerpunkt: Vielfalt

nach Antakya. Doch auch diese Ehe scheitert. Emine stellt sich nun die Frage, wo ihre Tochter aufwachsen soll, wo sie zur Schule gehen soll und wo sie die besseren Lebenschancen haben wird und sie bezieht auch ihre eigenen Zukunftschancen in die Überlegungen mit ein. Kurzfristig fällt sie die Entscheidung: Wir gehen! Sie verkauft ihren Besitz in Antakya. Dann geht es los.

Seite 19

Schmerzen, aber zuerst kommt die Tochter. Sie kämpft weiter. Jetzt an zwei Fronten. Und - gottseidank - sie übersteht diese Krankheit.

Es geht aufwärts, das Leben geht weiter. Heute ist Emines Tochter fast gesund, auch wenn nicht alles ganz so funktioniert, wie man sich das wünscht, und hat nach einer Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin ein Studium begonnen, will 1995 kehrt Emine nach Mannheim Architektin werden. „Trotz allem sage zurück. „Das war meine dritte Ankunft ich immer wieder: Mein Gott, danke! in Mannheim.“ Sie meldet sich Meine Tochter ist bei mir, wir leben arbeitslos und wohnt zunächst bei ihren glücklich und mehr will ich auch nicht. Eltern, die in Mannheim geblieben Bist du gesund, dann hast du alles.“ waren, und findet nach einem Jahr Zwischenzeitig ist Emine in Rente wieder Arbeit. „Ich will nicht von der gegangen und zufrieden mit ihrem Sozialhilfe und vom Arbeitsamt Leben. Ihre Eltern kommen jedes Jahr abhängig sein, lieber gehe ich betteln.“ aus Antakya, wohin sie im Ruhestand Wieder baut sie einen eigenen Haushalt zurückgekehrt sind, für 4 bis 5 Monate auf. Dieses Mal in der Erlenstraße. Am über Herbst und Winter zu Besuch. 22. August 2002, kommt der nächste „Familie ist ganz, ganz wichtig. Ich will Schicksalsschlag. Ihre Tochter hat auch an der Seite meiner Eltern bleiben. Leukämie! „Meine Welt war schlagartig Je älter sie werden, um so mehr dunkel. Mein Tag war tiefe Nacht!“ Sie brauchen sie mich auch.“ ist froh, dass wenigstens sie gesund und stark ist, will alle Kraft aufwenden, um „Das Herzogenried ist mir, seit ich 2005 dafür zu sorgen, dass die Tochter wieder aus der Neckarstadt-West wegen der gesund wird. Sie lebt jede freie Minute Notwendigkeit eines Fahrstuhls für im Krankenhaus, schläft drei Monate meine Tochter hierhergezogen bin, zur lang auf einem Stuhl am Bett in der Heimat geworden. Hier fühle ich mich Intensivstation bei ihrer Tochter, fühlt wohl, hier geht es mir gut. Das erzähle alle Schmerzen der Tochter mit, redet ich so auch immer jedem, der mich ihr gut zu, macht ihr Mut. „Meine danach fragt, oder mit dem ich ins Tochter hat alle Krankheiten bekom- Gespräch komme. Ich bin zwar in der men, die von Leukämie verursacht Türkei geboren und habe zwischenwerden können.“ Insgesamt fünf Jahre durch auch einmal für wenige Jahre puren Wahnsinns müssen Mutter und wieder dort gelebt, aber meine Jugend Tochter durchleiden, bis sie das erste und die wichtigen Teile meines Lebens Mal wieder nach Hause dürfen. Im Jahr haben hier in Mannheim stattgefunden. 2006 beginnt, in Abhängigkeit von den Deutschland ist mein Land. Es tut mir Blutwerten, die Heimkehr Schritt für weh, dass ich hier immer wieder als Schritt: ein paar Tage zu Hause, ein paar Ausländerin betrachtet werde. Das Tage Krankenhaus, wieder zu Hause. bekomme ich besonders in Behörden Wieder und wieder. Ab dem Jahresende und Ämtern zu spüren. Das war nach 2006 geht es dann vorwiegend zu Hause meiner ersten Ankunft in Deutschland weiter. Emine pflegt die Tochter, noch nicht der Fall. Hier in Deutschland versucht mit zur Krankengymnastik lebt es sich im Vergleich zur Türkei zusätzlichen Massagen die Verspan- nicht ganz so einfach. Vieles ist hier bis nungen und Schmerzen - besonders in ins Detail reguliert und geregelt. Dazu den Füßen - zu lindern und unterstützt kommt, dass ich auch in der Türkei, wo sie, wo immer sie es nur kann. Tag für ich ja auch immer wieder hinfahre, Tag. nicht als richtige Türkin betrachtet werde. Da bin ich eine „DeutschUm die Situation noch weiter zu länderin.“ verschlimmern, bekommt Emine selbst eine Sarkoidose (entzündliche Erkran- Ja, Deutschland hat sich verändert. Als kung, die mit der Bildung von die ersten Italiener, Jugoslawen und knötchenförmigen Gewebeveränder- Türken hier ankamen, war alles viel ungen einhergeht. Sie befällt oft die harmonischer als heute. Man ist Lunge, aber auch anderes Gewebe und gegenseitig aufeinander zugegangen, Organe). Die Symptome und die Form hat miteinander geredet, hat gegenihrer Schmerzen erkennt sie in einer seitig vieles vom Anderen dazugelernt, Fernsehsendung. „Nein, bitte nicht! schätzen gelernt und hat schließlich Nicht diese Krankheit! Bitte, bitte auch ganz gut zusammengelebt. Heute nicht!“ denkt sie sich. Doch die bittere und besonders nach Beginn der Befürchtung wird bestätigt: Sarkoidose. Automatisierung der Industrie und dem Sie bekommt eine zweijährige Kor- Start der Freizügigkeit innerhalb der tisontherapie. Dennoch fühlt Emine Europäischen Union hat der Egoismus, sich immer als Mutter, die in erster Line der Futterneid und das Anspruchsfür ihre Kinder da ist. Sie hat zwar denken - auch im Hinblick auf einen

Wunsch-Arbeitsplatz - stark zugenommen und erschwert uns das Leben. Gleichzeitig hat die Zufriedenheit allgemein deutlich abgenommen. Nach meiner Ansicht - und das sage ich als Ausländerin - ist Deutschland viel zu stark von außen fremdbestimmt. Die deutsche Mentalität, die ich - wie oben kurz beschrieben - in Mannheim selbst erleben durfte, nimmt immer mehr ab. Seit einigen Jahren gehe ich deshalb auch nicht mehr so gerne in die Stadt. Wenn ich heute in der Stadt jemanden anspreche und etwas frage, werde ich meist seltsam angeguckt und man lässt mich fühlen, dass ich lästig bin und störe. Das geht nicht nur mir so, das kann ich auch bei anderen Personen beobachten. Man ist einfach überflüssig. Das ist nicht mehr das Deutschland, das ich kennen und lieben gelernt habe. Dieses Deutschland finde ich aber hier, in meinem persönlichen Umfeld, im Herzogenried durchaus noch. Im Herzogenried mit seinen Bewohnern aus den unterschiedlichsten Nationen fühle ich mich am rechten Ort: die Nachbarn sind freundlich und nett. Sie helfen sich untereinander, wenn Not am Mann ist. Hier kann man mit den Nachbarn und anderen Leuten in Kontakt kommen und plaudern. Neue Nachbarn werden angesprochen und - wenn sie das auch wollen - integriert. Ausnahmen gibt es natürlich auch hier. Es gibt gute und schlechte Menschen. Das hängt nicht von der Nationalität ab, das ist überall auf der Welt so.

Die nationale Vielfalt, das multikulturelle Zusammenleben im Haus, erlebe ich sehr positiv. Im Herzogenried kann man in Ruhe, in einer herrlich grünen Umgebung, einkaufen gehen, die Freizeit verbringen, Kindern beim unbeschwerten Spielen zuschauen, sich auf schattigen Bänken ausruhen. Man wohnt fast wie in einem Park - mit einem Park direkt vor der Haustür. Die wenigen Hochhäuser, die hier stehen, sind gut integriert und stören mich nicht. Ich wohne ja selbst in einem und habe fast nur nette Nachbarn. Mein Lieblingsplatz ist mein Balkon, den ich schön bepflanzt habe und von dem ich direkt ins Grüne blicke. Wenn ich die Königin des Herzogenrieds wäre, würde ich die Grünanlagen - ich liebe das Grün - und die Spielplätze besser pflegen, die Sauberkeit des Viertels fördern. Die Möglichkeiten sich zu treffen, Freundschaften zu bilden und ein gutes Zusammenleben unter den Einwohnern zu fördern, würde ich weiterentwickeln. Freundschaften und gute Nachbarschaft ist immer das Wichtigste. Ein türkisches Sprichwort sagt: „Wenn du ein Haus kaufst, musst du zuerst die Nachbarn kaufen. Erst wenn die Nachbarn gut sind, hast du ein Haus.“ Danke Emine!!! TEXT + FOTO: MICHAEL BAIER

Sandra Mein Name ist Sandra und ich lebe seit 20 Jahren hier. Mein Mann wollte nach Mannheim ziehen, weil er es da näher zu seiner Arbeitsstelle hatte und so sind wir im Herzogenried gelandet. Geboren und aufgewachsen bin ich in Dakar im Senegal. Hierher zu ziehen war die beste Entscheidung, ich werde es nie bereuen. Hier haben wir alles rundum, was wir brauchen: Kitas, Schulen, Herzogenriedpark, Einkaufszentrum und Schwimmbad. Für uns Bewohner ist die Hochhaussiedlung Herzogenried kein Synonym für ‚Anonymität unter Bewohnern‘. Im Gegenteil, wir sind eine Familie, jeder passt auf jeden auf. Die besten Kontakte findet man auf dem Spielplatz, beim Einkaufen, auf dem Weg zur Schule, im Fahrstuhl, oder auf dem Weg zur KITA. Ich würde mir noch mehr Kontakt wünschen, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die man noch nicht so kennt, die vielleicht erst kürzlich hierhergezogen sind. Es hat sich sehr viel verändert im positiven wie auch im negativen Sinn.

Viele Freundschaften sind entstanden, aber früher konnte man hier barfuß laufen. Dafür liegt heute zu viel Müll auf der Straße. Wenn ich Herzogin oder Königin wäre, würde ich noch mehr Kontakt organisieren und schauen, dass weniger Müll auf die Straßen geschmissen wird. In diesem Sinne, allen eine glückliche Zeit und weiter ein tolles Wohnen hier im Herzogenried. TEXT UND FOTO: SANDRA MALANGA


Seite 20

Schwerpunkt: Vielfalt

Edgar Edgar lebt seit 1975 in Mannheim in der Weylstraße und ist 2009 ins Herzogenried gezogen. Damals wurde seiner Lebensgefährtin ein Bein amputiert und sie benötigten eine Wohnung mit Fahrstuhl. Geboren wurde er in Ludwigshafen. Aufgewachsen ist er im pfälzischen Hochdorf. Nachdem er die Schule abgeschlossen hat, will er an die Musikhochschule nach Mannheim. Sein Vater besteht aber darauf, dass er, bevor er die Musikerlaufbahn einschlägt, zunächst einen Beruf erlernen soll. Das macht Edgar auch. Er lernt Großhandelskaufmann in Ludwigshafen. Danach geht es zur Musikausbildung nach Mannheim. Nach 3 Jahren wechselt Edgar nach München, um dort einen staatlichen Abschluss zu erlangen. Dort erhält er auch ein Angebot aus Passau und wechselt zum dortigen Orchester zu den Bläsern. Während einem seiner Auftritte bricht er zusammen und erhält die Diagnose: „Feierabend mit dem Trompete Spielen. Sie haben einen Lungenriss“. Das war ein Riesenschock. Später stellt sich jedoch heraus, dass diese Diagnose falsch gewesen ist. Er hatte durch eine momentan falsche Atmung einen Überdruck in der Luftröhre gehabt, was dann nach einiger Zeit zu dem Kollaps geführt hat. Edgar weiß das zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht und bricht seine Musikerlaufbahn ab. Er wird in der Bezirksregierung Sachbearbeiter, lernt seine Frau kennen und heiratet. Gesundheitlich hat er mehrere Rückschläge. Auch seine Ehe läuft nicht und wird schließlich geschieden. Er kehrt in die Pfalz zurück und kommt im väterlichen Baustoffhandel unter. 1975 bei der Wohnungssuche lernt er ausgerechnet im Wohnungsamt seine neue Lebensgefährtin kennen. Sie steht mit ihrem Töchterchen in der Warteschlange hinter ihm. „Bitte nach ihnen!“ spricht Edgar sie ganz gentlemanlike an. Eine Woche später wiederholt sich ganz zufälligerweise der Vorgang. Jetzt kommt man ins Gespräch, trifft sich auch außerhalb des Wohnungsamts wieder, kommt sich näher. Edgar findet Arbeit als Arbeitsvorbereiter bei einer Mannheimer Firma. Nach einem Trümmerbruch des linken Oberarms und einem ausgekugelten Schultergelenk - er stürzt im Keller unglücklich über einen Kartoffelsack - kann er diese Tätigkeit nicht mehr ausüben und beantragt die vorzeitige Rente. Jetzt ist er zuhause. Leider erkrankt seine Lebensgefährtin zu dieser Zeit. Die Diagnose ist furchtbar. Sie hat Krebs bekommen. Jeden zweiten Tag begleitet Edgar sie nun ins Krankenhaus. Er erledigt alles, was so anfällt, führt den Haushalt und organisiert 2007 den Umzug ins Herzogenried. In der Zwischenzeit hat er auch Schlafapnoe bekommen. Deshalb mietet er

sich ein Einzelzimmer im Nachbarhaus zum Schlafen an. So stört er mit den Geräuschen seines Kompressors nicht den Schlaf seiner Partnerin. Tagsüber ist er bei ihr, geht Einkaufen, macht die Erledigungen, kurz: er sorgt für alles. Nur das Kochen überlässt er ihr. Sie will sich ja auch irgendwie am Haushalt beteiligen. Gegen Mitternacht zieht er sich dann in sein Zimmerchen zurück. „Damals hätte ich Kochen lernen können. Ich hätte ja nur zugucken brauchen.“ erklärt er schmunzelnd dem „herzog“. Zwischendurch hat er einen Fahrradunfall in Käfertal, kann einem plötzlich abbiegenden Auto nicht mehr ausweichen. Gott-sei-Dank trägt er keine bleibenden Schäden davon. Die Krankenhausaufenthalte seiner Partnerin werden immer häufiger. Sie leidet 8 Jahre unter den Nebenwirkungen der Chemotherapien, kämpft aber immer weiter. Eines Tages im Jahr 2018 hört er, als er gerade in der Küche Kaffee kocht, einen lauten Aufschrei. Seine Lebensgefährtin ist, als sie sich vom Bett in den Rollstuhl setzen wollte, gestürzt und zieht sich einen Oberschenkelhalsbruch zu. Sie wird operiert, aber das Ergebnis war nicht optimal. Nachdem sie „austherapiert“ war, wird sie in die Palliativstation verlegt. Sie gibt sich selbst auf, baut systematisch ab und verstirbt dann im Dezember 2018. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt beginnt in ihrem Haus die von der GBG durchgeführte Steigstrangsanierung. Er muss in eine Drehscheibenwohnung ziehen. Dort braucht er aber Dinge aus seinem Zimmer und aus der gemeinsamen Wohnung, weshalb die beiden nicht endgültig aufgelöst werden können. 7 Monate lebt er in der Drehscheibenwohnung, bis er zur Zwischenabstellung der Dinge aus den beiden Wohnungen eine weitere Drehscheibenwohnung zugewiesen bekommt. Alles, was Edgar noch zu brauchen glaubt, verpackt er in Kartons. Die Möbel und Kartons werden in der zweiten Drehscheibenwohnung eingelagert. Junge Männer und zwei Frauen aus der Nachbarschaft beobachten das, sprechen Edgar an und unterstützen ihn tatkräftig. Man will ihm nun, da er jetzt alleine lebt, statt der Zweizimmerwohnung seiner Frau seine ehemalige Einzimmerwohnung mit 45 Quadratmetern Wohnfläche zuweisen. Das ist natürlich viel zu klein. Schließlich überlässt ihm die GBG eine andere Zweizimmerwohnung. Die muss aber erst noch renoviert werden. Insgesamt dauert es dann 11 Monate, bis Edgar wieder in den eigenen 4 Wänden wohnt. Während dieser Zeit nimmt Edgar 7 Kilogramm ab. Und bis heute sind noch nicht alle Kartons wieder ausgepackt und eingeräumt. Das macht er ganz allmählich. Immer wieder findet er Dinge, an die er sich nicht

erinnern kann, dass er sie damals eingepackt hatte. „Man hat ja auch nicht jeden Tag Lust dazu.“ Das Leben im Hochhaus ist für Edgar kein Problem. Zu seinen Nachbarn hat er guten Kontakt. Und beim Concierge, der bei ihm unten im Haus untergebracht ist, ist ja eine zentrale Anlaufstelle im Viertel. „Da trifft man immer Jemanden. Da kommt man schnell mal ins Gespräch.“ Mit fremdländischen Bewohnern im Haus ist der Kontakt eher schwierig. „Das liegt an den Sprachproblemen.“ Er lebt gerne im Herzogenried. „Ich kann nur sagen, was ich selbst erlebt habe.“ Antwortet Edgar auf die Frage, wie man denn im Herzogenried so lebt. „Man lebt normalerweise hier sehr gut. Es ist alles schön grün und frei. Man hat Alles, was man zum Leben braucht in der Nähe. Beim Einkaufen werde ich sogar unterstützt. Und: Wenn man sich in Nichts - und das ist wichtig - in Nichts einmischt, kann man hier wunderbar und friedlich leben. Die Vielfalt der Nationen im Herzogenried ist sehr groß. Manchmal wünsche ich mir, es wären weniger. Da ist manchmal sehr viel Krach. Die rufen dann von unten nach oben im Hochhaus. Und manche haben auch noch ein ganz kräftiges Organ. Da habe ich dann mit meinem Gehör Probleme. Wenn Kinder in ihrem Schlaf gestört werden, kommt dann manchmal auch gleich Ärger auf. Ansonsten komme ich gut mit der Vielfalt zurecht. Es sind ja immer Einzelfälle, wie sie immer und überall vorkommen. Aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden. Ich habe sogar 5 bis 6 Adressen aus der Nachbarschaft, wo ich jederzeit anrufen kann, wenn ich Hilfe brauche. Da kommt dann immer gleich Jemand vorbei. Was mich noch stört und das hat in den letzten Jahren zugenommen - ist das Problem mit dem Sperrmüll. Da hat jemand Sperrmüll bestellt und schon stellen andere Leute ihren Sperrmüll dazu. Der wird dann aber oftmals nicht mitgenommen, bleibt liegen und es kommt immer mehr dazu. Das dauert dann meistens mehrere Wochen, bis wieder alles sauber ist. Da hoff ich dann immer, dass das möglichst lange so sauber bleibt. Da müsste die GBG aktiver eingreifen. Vielleicht sollte alle Vierteljahre mal, wie es früher war, ein gemeinsamer Termin gemacht werden, an dem dann alles abgeholt wird und nichts liegen bleibt. Auch bei der Belegung der Wohnungen sollte die GBG besser darauf achten, dass die Wohnungen nicht nur nach bestimmten Kriterien vergeben werden, sondern dass die neuen Mieter sich auch in ihr Umfeld einfügen und nicht die schon länger dort wohnenden Mieter zu den unmöglichsten Zeiten stören und belästigen. Andererseits hat sich in den letzten Jahren aber auch

Das Foto zeigt Edgars Lieblingsplatz im Herzogenried: der Platz rund um den Bücherschrank. Hier kann er ein wenig in den Büchern stöbern und, wenn er ein geeignetes entdeckt hat, auf den umliegenden Bänken gleich mit dem Lesen beginnen.

vieles zum Positiven verändert. Es wurde viel erneuert und renoviert. Vieles ist schöner geworden. Gerade auch die Wohnungen sind durch die Steigstrangsanierung schöner geworden. Teilweise wurden die Zeichnungen, die mit freudiger Anleitung von den damals hier lebenden Kindern vor längerer Zeit einmal an verschiedene Betonflächen des Brunnengartens gemalt wurden, gereinigt. Die Grünflächen werden auch regelmäßig von Gärtnern gepflegt und so weiter. Im Vorraum und im Treppenhaus wird in bestimmen Zeitabständen geputzt und gereinigt. Das können viele ältere Leute auch gar nicht mehr selbst machen. Schade, dass da viele Mieter immer wieder ihren Müll und Schlimmeres hinwerfen. Auch an der Briefkastenanlage fehlt ein Papierkorb. Da werfen viele Leute dann ihre Prospekte aus dem Briefkasten einfach auf den Boden. Da kann es doch brennen. Das muss doch nicht sein. Als König vom Herzogenried würde ich zuerst mal eine persönliche Umfrage starten - nicht per Formular im Briefkasten. Das wird ja dann meistens sowieso weggeworfen. Was jeder sich so wünscht, das verbessert werden sollte. Das würde ich dann auswerten und im ständigen Gespräch mit den Mietern dann Stück für Stück umsetzen, soweit das möglich ist. Das kann natürlich auch gerne die GBG selbst oder eine von ihr beauftragte Person machen, da ich ja doch nicht der König vom Herzogenried bin.“ Freundlichkeit, Entgegenkommen und helfen wo Not am Mann ist, ist Edgars Devise. Das merkt man im Gespräch immer wieder. Danke Edgar, dass Du Dich an unserer Aktion beteiligt und den vielfältigen Meinungen der Vielfalt im Herzogenried ein weiteres Puzzleteilchen zugefügt hast. TEXT + FOTO: MICHAEL BAIER


Schwerpunkt: Vielfalt

Seite 21

Filiz Hallo zusammen, mein Name ist Filiz Öztürk, ich bin 1979 geboren als fünftes Kind einer Arbeiterfamilie hier in Mannheim. Bis zu meinem siebten Lebensjahr haben wir in der Neckarstadt-West gewohnt und dann sind wir, wegen einer größeren Wohnung, in den Herzogenried gezogen. Dafür bin ich meinen Eltern heute noch dankbar. Warum? Weil der Herzogenried meine Heimat geworden ist. Abgesehen von den tollen Einkaufsmöglichkeiten, super Kitas und Schulen und dem großen Herzogenried Park direkt vor der Tür, sind der

Zusammenhalt und die Unterstützung einfach einmalig. In unserem Stadtteil kennt man sich untereinander, man begrüßt die Dame vom Bäcker noch mit dem Vornamen und duzt den Kioskbesitzer. Trotz so vieler Nationalitäten, Religionen und Sprachen findet jeder sofort Anschluss. Vielleicht auch gerade deshalb hilft hier jeder jedem. Die Jüngeren helfen den Älteren beim Einkauf, die älteren Bewohner beim Ausfüllen irgendwelcher Papiere. Andere wiederrum bei den Hausaufgaben in Englisch, Spanisch, oder Französisch, weil es nun mal Muttersprache ist. Wichtig sind auch das Quartiermanage-

ment und das “Atelier Kunst und Natur“ hier im Herzogenried. Beide organisieren viele Angebote, um zusammenkommen und aktiv sein zu können. Sie unterstützen, wo sie können und suchen für alles eine Lösung. Sie sind eine wirklich große Bereicherung. Der Herzogenried ist einfach ein sehr schöner Stadtteil, in dem ich mit meiner kleinen Familie sehr gerne lebe. Damit es so bleibt, wünsche ich mir, dass nicht über unsere Köpfe hinweg entschieden wird, sondern dass unsere Meinung als integrierte Einwohner und engagierte Familien etwas zählt und unsere Stimme, unsere Wünsche und

akademie eine Stelle im Projekt „Migrantinnen lotsen Migranten“ an. Sie hat damals wenig Kontakt mit ihrem Umfeld und keine Freunde, aber sie lernt damals auch den Mann kennen, den sie dann später heiraten wird. Im Laufe ihrer 18-jährigen Ehe werden ihre beiden Töchter geboren. Sie will, dass die Töchter, als die ältere von beiden 3 Jahre alt ist, zusätzlich zu Deutsch auch Arabisch lernen. In der arabischen Schule bietet man ihr an, Kurse für Arabisch durchzuführen. Ihre Töchter könnten mitkommen und werden unterrichtet, während sie selbst Unterricht gibt. Das ist natürlich optimal. Fouzia nimmt die Stelle an. Sie macht sich selbstständig, bietet Kurse und Lehrgänge an, macht Übersetzungen, arbeitet unter anderem auch im Frauentreff mit. Dort beteiligt sie sich an der Organisation und Durchführung von Veranstaltungen und größeren Events oder sie beteiligt sich an Gesprächsrunden und Kochkursen. Sie veranstaltet das alljährliche interkulturelle Frühstück, gründet und leitet „Das Arabische Haus“. Daneben unterrichtet sie weiter an der Abendakademie. Langsam baut sich ein Kollegen-, Bekannten- und Freundeskreis auf. Das tut ihr gut. Daraus schöpft sie Energie und Kraft. Sie wird Mitglied im Migrationsbeirat der Stadt Mannheim. „Dort kann ich auch die Interessen der Menschen vertreten, die nicht oder nur schlecht in der Lage sind, diese selbst zu formulieren und vorzubringen.“ Sie unterstützt Flüchtlinge und Migranten im Aufnahmezentrum Mannheim, hilft mit bei ihrer Integration. Vieles ist auch ehrenamtlich. 2016 bekommt sie vom Oberbürgermeister Dr. Kurtz den Preis des Ehrenamts verliehen. „Menschen, die mir helfen, die gut zu mir sind, gebe ich gerne etwas zurück: Freundschaften sind wichtig. Es ist nicht einfach, Leute, besonders die guten, zu gewinnen. Aber es geht schnell, sie wieder zu verlieren.“ vertraut sie dem „herzog“ an. Auch in Marokko hilft sie in Vereinen

zur Etablierung von Frauenrechten aktiv mit. Sammelt und unterstützt mit Spenden zur direkten Hilfe vor Ort und zur Selbsthilfe. Sie hat eben ein großes Herz. Ein riesengroßes! „Das Leben ist auch ein Kampf. Man muss damit leben, so wie es kommt. In Höhen und in Tiefen.“ Hier im Herzogenried ist sie zu Hause. „Das ist meine zweite, meine deutsche Heimat. Aber tief in meinem Herzen bin ich nach wie vor Marokkanerin. Und ich bin stolz darauf. Ich kann mir aber auch gar nicht vorstellen, woanders zu wohnen als hier. Hier habe ich meine Wurzeln geschlagen. Hier habe ich Freunde und Bekannte. Hier lebe ich gern. Hier kann ich mich verwirklichen. Hier kann ich planen, organisieren und helfen.“ Gerade hat Fouzia ihre Wohnung neu eingerichtet. Es ist schön geworden. Das Zentrum ist eine marokkanische Sitzecke, wo man sich mit Freunden und guten Bekannten bequem unterhalten und gemeinsam essen kann, was Fouzia sich Leckeres für sie ausgedacht und zubereitet hat. Fouzia ist bei all ihrem Einsatz und Engagement momentan ganz glücklich, kann Zukunftspläne schmieden, viel Freude empfinden und vor allem: geben und Anderen helfen! Mit ihren direkten Nachbarn hat Fouzia leider wenig Kontakt. Sie probiert immer wieder Kontakte aufzunehmen, wenn sie merkt, dass das gar nicht erwünscht ist, respektiert sie das und hält bewusst Abstand, ist vorsichtig. So grüßt man sich eben, wenn man sich begegnet. Und das war es dann auch. Wenn die Haustür geschlossen ist, hat jeder seine Ruhe. Das war nicht immer so. In den ersten 4 Jahren in Mannheim hat sie in der Landwehrstraße in einer kleinen Wohnung mit netten Nachbarn gewohnt. Man hatte Kontakt, hat sich auch einmal gegenseitig besucht. Die Kinder spielten miteinander. „Meine Tür war immer offen. Ich bin ein Mensch, der gerne kocht, der gern Kontakte hat, sich gerne unterhält und sich gegenseitig unterstützt. Das war

Verbesserungsvorschläge ein offenes Ohr finden. Eure Filiz TEXT + FOTO: FILIZ ÖZTÜRK

Fouzia Fouzia lebt seit Ende 2001 im Herzogenried. Ursprünglich stammt sie aus Fès in Marokko. Ihr Vater kam schon vor über 40 Jahren als ‘Gastarbeiter’ - er ist gelernter Schreiner - nach Frankfurt, wo er auch heute noch lebt. Er arbeitet damals immer 9 Monate pro Jahr in Deutschland, überweist regelmäßig ausreichend Geld, damit die Familie gut leben kann und verbringt die restlichen 3 Monate zu Hause in Marokko. Die Mutter und Fouzias drei Brüder und vier Schwestern wohnen - weil der Vater das so will - weiterhin in Fès. In Deutschland hätten die Frauen zu viel Freiheit, meinte er. Auch die Kinder könnten, sobald sie volljährig sind, tun und lassen, was sie wollen und müssten sich nicht mehr nach dem Willen des Vaters richten. Das traditionelle Rechtssystem in Marokko sieht damals vor, dass der Ehemann bestimmt, was zu geschehen hat und dass die Frau und die Kinder zu gehorchen haben. „Gott sei Dank ist das heute nicht mehr so. Die jüngeren Generationen haben ein modernes Bild vom Eheleben. Die Ehepartner unterstützen sich gegenseitig, stimmen ihre Entscheidungen miteinander ab und die Ehemänner helfen sogar im Haushalt mit“ erzählt Fouzia schmunzelnd dem „herzog“. Sie selbst wächst aber noch traditionell erzogen - und von ihren Brüdern im Auftrag des Vaters streng überwacht - in Fès auf, geht dort zur Schule, macht Abitur und - weil der Vater ihr versprochen hatte, sie - nach dem Abschluss von Schule und Studium mit nach Deutschland zu nehmen erlangt danach in Rabat ihr DAFZertifikat (Deutsch als Fremdsprache). Jetzt will sie den Vater beim Wort nehmen, aber er ändert seine Meinung. So kommt sie damals mit einem Studentenvisum nach Mannheim, um Germanistik zu studieren. Ihr Vater soll sich von Amts wegen am beantragten BAföG beteiligen. Das will Fouzia aber nicht. Sie will selbstständig sein und für sich selbst sorgen. Um selbst Geld zu verdienen, nimmt sie in der Abend-

Fouzias Lieblingsplatz im Herzogenried ist ihre Sitzecke zu Hause. Hier liebt sie es, ihre Kontakte zu pflegen und ihre Gäste zu verwöhnen. Das Zentrum ihrer herzlichen Gastfreundschaft.

schön.“ Jetzt ist sie viel unterwegs und trifft in ihren zahlreichen Veranstaltungen immer wieder nette Menschen, mit denen sie sich treffen, plaudern und Freude erleben kann. In der Vielfalt, die im Herzogenried erlebbar ist, sieht Fouzia hauptsächlich Vorteile. „Sie stellt eine Bereicherung des Lebens dar. Durch das gemeinsame Wohnen und Leben im Viertel, hat man die Chance voneinander zu lernen. Natürlich hat jeder Mensch gute und schlechte Seiten. Das ist überall so. In den schlechten Seiten liegen dann meist die Ursachen für plötzlich aufflammende Probleme. Reden hilft. Eine Trennung der Nationalitäten und Altersstufen mit Verteilung auf einzelne Wohnbereiche würde nur zu einer Gettoisierung mit allen daraus resultierenden Problemen führen. Gelebte Vielfalt verhindert das. Viele Leute brauchen oftmals nur einen kleinen Schubs, um miteinander in Kontakt zu kommen. Da kann man helfen, wenn man einfach auf sie zugeht und sie mal anspricht.“ Behörden, Ämter und Institutionen sollten außerdem die Mehrsprachigkeit fördern meint Fouzia. Menschen, die nur ihre Muttersprache sprechen, haben natürlicherweise größere Probleme mit


Seite 22

fremden Menschen. Das gilt in beide Richtungen. Muttersprachliche Beratungsstellen in den städtischen Ämtern sollten stärker ausgebaut werden. Man sollte die fremden Menschen über die eigentliche Verwaltungstätigkeit hinaus ansprechen, ihre Probleme und Nöte ergründen und ihnen zielgerichtet Tipps und Hinweise zur Erleichterung der Kontaktaufnahme und Kontaktpflege geben. Ihnen beim Bewältigen des für sie ungewohnten und teilweise unverständlichen Schrift- und Antragsformalismus helfen. „Es gibt bei ganz vielen Menschen und überall, wo man hinsieht, Probleme ohne Ende. Man muss herausfinden, wo den Menschen der Schuh drückt. Dann kann man Projekte starten, um Abhilfe zu schaffen. Viele Vereine, wie auch „Das Arabische Haus“, dessen Vorsitzende ich bin, haben sich das auf die Fahnen geschrieben. Sie unterstützen und helfen ganz oft auch ehrenamtlich, aber es mangelt ihnen meistens schlicht an Räumlichkeiten, um Beratungsgespräche zu führen. Die können nicht generell in den Wohnungen der Vereinsmitglieder stattfinden. Letztlich bilden diese Vereine doch die Schnittstellen zwischen der Stadt Mannheim und den hilfesuchenden Menschen. Hier wären eine bedarfsgerechte Unterstützung und eine weitere Förderung sinnvoll und hilfreich. Einige sehr hilfreiche Projekte wie „Interkulturelle Öffnung Mannheim“, „Entwicklungsplan Bildung und Integration“ oder „Leitbild Mannheim 2030“ hat die Stadt Mannheim vor einiger Zeit ins Leben gerufen. Diese und die anderen gilt es nun vehement mit Leben zu füllen, an die Menschen heranzutragen und für sie nutzbar zu machen. Dabei können gerade die Hilfsvereine oder das „Mannheimer Bündnis“ sehr effektiv mithelfen. Sie kennen die Mentalität der von ihnen betreuten Menschen am besten. Nicht weiter institutionalisieren, sondern die Ärmel hochkrempeln und machen. Warum müssen erfolgreich abgelaufene Projekte aus rein formalen Gründen termingerecht beendet und erneut ausgehandelt werden, damit sie in ähnlicher Form neu gestartet werden können? Warum kann man die nicht nach einer Erfolgskontrolle einfach verlängern und die gewonnenen Erfahrungen zur weiteren Verbesserung nutzen? Es ist nicht nötig, immer wieder etwas Neues zu starten, wenn sich das Vorhandene doch bewährt.“ Auf Nachhaltigkeit sollte viel stärker Wert gelegt werden. „Daran würde ich, wenn ich die Königin des Herzogenrieds wäre, intensiv arbeiten. Ich würde ein Vielfaltshaus bauen, in dem Jeder willkommen ist, in dem alle hier lebenden Menschen zusammenkommen und ohne Probleme einander begegnen können. Die Vielfalt ist im Herzogenried zwar da, aber sie ist nicht sichtbar. Gerade in den Hoch-

Schwerpunkt: Vielfalt

häusern wohnen ganz viele Menschen mit verschiedenen Nationalitäten, aber sie treffen sich nicht. Einige wollen das sicherlich nicht, die meisten, mit denen ich schon gesprochen habe, aber schon. Wenn die Menschen wissen, dass da ein Ort ist, wo man sich zwanglos und offen mit den Nachbarn treffen kann, dann kommen die auch dahin. Beim gemeinsamen Tee, Kaffee oder kalten Getränken kommt man ins Gespräch, lernt man sich kennen, erkennt die Vorteile der Vielfalt und baut letztlich nebenbei eventuell vorhandene Vorurteile ab. Ein Beispiel im Kleinen ist das von mir angeregte und vom Quartiermanagement vor nun schon seit mehr als drei Jahren ins Leben gerufene „Gemeinsam Kochen im Herzogenried“. Hierhin

kommen die Leute gerne, lernen sich bei leckerem, gemeinschaftlich gekochtem Essen - aus den unterschiedlichsten Nationen - kennen, kommen sich allmählich näher und lernen sich ganz nebenbei auch besser verstehen. Wenn man das Vielfalthaus noch etwas größer sieht, könnte es dort auch Räume für Veranstaltungen, für Beratungen, zum gemeinsamen Sport oder Turnen, zum geselligen Spielen und für weitere bedarfsgerechte Möglichkeiten geben. Die Vielfalt selbst ist nicht schlecht. Das Schlechte in der Gesellschaft kommt von schlechten Menschen. Und die gibt es überall auf der Welt. Wir sind alle Menschen. Und - Binsenweisheit - alle Menschen sind gleich. Nur wenn man

den Anderen nicht so akzeptiert, wie er ist, kommen Probleme auf. Und das müssen alle vermeiden helfen. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!“ Wenn wir aus der Vielfalt das Beste der einzelnen Gruppen herausfiltern könnten und in das gemeinsame Leben übernehmen würden, in was für einer schönen Gemeinschaft würden wir leben!“ Der „herzog“ bedankt sich bei Fouzia für das offene und herzliche Interview. Es hat dem Interviewer Freude gemacht, sich mit Fouzia zu unterhalten und leckere marokkanische Gaumenfreuden und ihre große Gastfreundschaft zu genießen.

Gegenteil, man hat lauter freundliche Familien um sich herum. Ob nun im Park, am Bücherschrank oder im Atelier, man geht einfach auf die Leute zu und lernt sich kennen. Wir sind hier viele Nationalitäten im Herzogenried, aber darauf kommt es nicht an. Entscheidend sind die Menschen, dass es ihnen gut geht, dass man gemeinsamen Interessen nachgeht und gemeinsam Probleme löst. Leider gibt es in letzter Zeit wieder das Problem mit dem Müll. Die Leute schauen nicht und werfen einfach alles auf die Straße. Überall die Sperrmüllhaufen, die wochenlang im Gelände liegen, bevor sie abgeholt werden. Leider sind auch einige Sitzbänke kaputt, man kann sich nicht mehr draufsetzen und auch manche Wege sind in sehr schlechtem Zustand. Meine Tochter sitzt im Rollstuhl und wenn ich mit ihr spazieren gehe, muss ich immer

aufpassen. Und leider sehen in manchen Häusern manche Treppenhausflure fürchterlich aus, früher war es viel sauberer. Da könnte vielleicht die GBG einiges verbessern. Woran ich mich sehr gern erinnere: als wir hergezogen sind, waren die Wasserfontänen noch in Betrieb, die wünsche ich mir wieder und möglichst mit Beleuchtung, das wäre super. Wenn ich Königin sein dürfte, würde ich mich drum kümmern, dass es ein Café gäbe, schönere Spielplätze da wären und überall viele Blumen blühen würden. Aber trotz all dem: ich bin glücklich hier, hier ist mein Zuhause. Eure Maria Gräber

TEXT + FOTO: MICHAEL BAIER

Maria Guten Tag, mein Name ist Maria Gräber und ich möchte Euch ein wenig über mein Leben im Herzogenried erzählen. Geboren bin ich in Sibirien, Russland und aufgewachsen in Kirgistan. Meine Vorfahren wollten schon immer nach Deutschland, alle meine Verwandten wollten hierher und leben schon lange hier. Am Anfang war es sehr schwer. Ich lebe nun seit 30 Jahren hier, erst in einem Übergangslager und dann an verschiedenen Orten bis ich im März 1991 mit meiner Familie hier in den Herzogenried gezogen bin. Und hier fühle ich mich wohl, das Herzogenried ist meine Heimat geworden. Ich liebe mein Herzogenried, ein Leben wie in einer Lagune, der Park, alle Geschäfte in der Nähe, die Verbindung mit der Straßenbahn ist toll, lauter nette Menschen. Alle sind sehr aufgeschlossen, hilfsbereit und nett, trotz der vielen verschiedenen Nationen. Die Hochhäuser stören mich nicht, im

INTERVIEW + TEXT: GERHARD MÜLLER

Sevim Sevim ist in Antakya in der Türkei geboren und verbringt dort auch ihre ersten sechs Lebensjahre. Ihre Mutter reist 1969 als ‘Gastarbeiterin’ nach Mannheim - die Familie lebt in sehr armen Verhältnissen, ohne Aussicht auf Verbesserung - und holt 1971 zuerst ihren Mann, der gesundheitlich angeschlagen ist, und die ältere Tochter und 1972 dann Sevim und ihre beiden Brüder zu sich in den Jungbusch, wo sie für die Familie ein neues Zuhause vorbereitet hat. Sie teilen sich die Wohnung mit der Familie von Sevims Tante und einer weiteren bekannten Familie. Die Mutter ist der Hauptverdiener, da der Vater zunächst keine feste Arbeit findet. Ihre ältere Schwester führt den Haushalt und umsorgt die Geschwister. Bald kommt Sevim in die K5-Schule, bevor die Familie, als der Vater mitverdient, eine erste eigene Wohnung bezieht. Nach der 9. Klasse verlässt sie die Schule

ohne Abschluss, was dann aber ihre Arbeitssuche erschwert und sie veranlasst ihn auf der Abendakademie nachzuholen. Sie lernt zunächst Friseurin, weil das in der Türkei ein angesehener und gut bezahlter Beruf ist. Dieser Beruf macht Sevim aber keinen Spaß. Sie lernt Bürokauffrau und macht einen guten Abschluss. Sie arbeitet dann bei mehreren Firmen bis zu ihrer Heirat. Die Eltern suchen ihr bei einem gemeinsamen Urlaub in der Heimat einen Wunsch-Schwiegersohn aus. Sie heiraten als Sevim 22 Jahre alt ist, ziehen in eine eigene Wohnung, bekommen einen Sohn, aber die Ehe scheitert nach gut zwei Jahren. Nach der Scheidung nimmt Sevim alle Arbeiten an, bei denen man gut verdienen kann, profitiert davon, dass sie sich für die kaufmännische Ausbildung entschieden hat. Endlich lernt sie ihren heutigen Mann kennen, den Cousin vom

Sevims Lieblingsplatz ist der Weg von der IGMH an den Kleingärten vorbei bis zu den Spielplätzen neben der Radrennbahn. Dort entstand auch das Foto von ihr.

Schwiegervater der jüngeren Schwester ihres Vaters. Den mag sie - obwohl da


Schwerpunkt: Vielfalt

auch wieder ein ganz leichtes Verkuppeln der Verwandtschaft dahinter steht - nun wirklich. Sie heiraten und ihre Ehe, aus der zwei Kinder hervorgehen, verläuft bislang glücklich. „Nicht ganz so glücklich, wie es im Märchen immer endet, aber sehr, sehr zufrieden“ erzählt Sevim lachend dem „herzog“. Im Herzogenried lebt Sevim nun schon seit der Jahrtausendwende. Damals zog sie als alleinerziehende Mutter mit ihrem ersten Sohn hierher. Nach einem Unfall ihres Mannes zieht die Familie vom dritten ins erste OG, um unnötiges Treppensteigen zu vermeiden. Nach diesen langen Jahren sind sie hier gut angekommen und fühlen sich hier wohl. Ihr Mann will auch gar nicht mehr von hier wegziehen, für Sevim war es vor Jahren auch einmal denkbar gewesen, in das Haus ihrer Schwester auch hier im Herzogenried - umzuziehen. Er findet es einfach ideal hier zu leben. Wenn sie über das Herzogenried erzählt, schwärmt Sevim davon wie ruhig und friedlich der Teil, in dem sie lebt, ist. Selten einmal kommt jemand nicht mehr ganz nüchtern - von der nahen Straßenbahnhaltestelle und glaubt die Anwohner mit lautem Gesang oder Gepöbel beglücken zu müssen. Aber das ist die absolute Ausnahme. „Wenn ich zu meiner Schwester, die nicht weit weg auch im Herzogenried lebt, zu Besuch gehe, laufe ich meistens dahin, genieße die Ruhe, schaue mir die Natur mit dem vielen Grün an und entspanne mich dabei. Mein Herz öffnet sich und kann sich freuen. Egal ob ich da etwas schon 10- oder 100-mal angeschaut habe, gucke ich das mir immer wieder gern an. Alles wächst und gedeiht. Ich hoffe, dass das weiterhin so friedlich und ruhig bleibt!“ Sevim wohnt nicht selbst in einem Hochhaus, kennt aber das dortige Zusammenleben der Mieter vom Hochhaus, in dem ihre Schwester wohnt. Eine regelrechte Anonymität kann sie nicht bestätigen. „Einige Leute kennen sich, grüßen sich und reden auch mal miteinander.“ Hilfsbereitschaft wird bei mehreren Mietparteien auch gepflegt. Das kommt oft auch darauf an, wie lange man sich schon kennt. „Wenn manche Nachbarn wegziehen würden, würde man das sogar als so etwas wie eine Katastrophe empfinden.“ Neue Mieter sind natürlich zunächst einmal fremd, werden aber, wenn sie das wollen, in die Hausgemeinschaft integriert. Die meisten wollen das auch, besonders wenn die „Alteingesessenen“ den ersten Schritt wagen. Auf jeden Fall kennt man sich. „Das war früher noch intensiver, hat vielleicht auch mit der ständig zunehmenden Vielfalt hier, zu tun. Bei mir im Haus, in das ich im 9-ten Monat meiner Schwangerschaft eingezogen bin, ist das zunächst auch so gewesen. Das war wie in einer Familie. Leider hat sich das im Laufe der Zeit durch Wegund Hinzuzüge verändert. Seit etwa 3

Seite 23

Jahren bin ich mit meinen Nachbarn gar nicht mehr zufrieden. Manche sind ganz schlimm. Das betrifft insbesondere einen Nachbarn, die anderen sind kühl und reserviert. Es wird nicht mehr zurückgegrüßt, Ruhezeiten werden nicht mehr eingehalten, die Rücksichtslosigkeit und Intoleranz nehmen immer mehr zu. Nicht zuletzt auch weil die Kommunikation durch die vielen Sprachen, die man nicht kennt, durchaus erschwert wird. Da können sich die vielfältigen Nationen mit ihren unterschiedlichen Kulturen und Gewohnheiten nicht austauschen und es kommt zu ersten Spannungen, die sich, wenn es weiterhin zu keinen Aussprachen kommt, dann auch schnell verhärten. Deshalb ist es wichtig, immer zuerst zu versuchen, aufkommende Probleme durch Gespräche zu lösen. Dass es auch anders geht, hat gerade auch eine Familie bewiesen, die nach einem Urlaub in ihrer Heimat jetzt auch wieder freundlich agiert und reagiert.“ Leider sind auch Treppenreinigung und Sauberkeit nicht mehr selbstverständlich. Die GBG greift nach persönlicher Vorsprache nicht ein, erwartet dass schriftliche Beweise und Fotos vorgelegt werden. Die Nachbarn sollen sich gegenseitig ausspionieren und Beweise sammeln. Zum Ortstermin kommt niemand vorbei. „Die Vielfalt an sich im Herzogenried finde ich gut. Aus ihr entwickelt sich letztlich die Mitmenschlichkeit und Toleranz gegenüber anderen Menschen. Nicht alle Ausländer sind schlecht, genauso wenig wie alle Deutschen ausländerfeindlich sind. Es liegt immer an den einzelnen Menschen. Und böse Menschen gibt es überall. Gott-sei-Dank sind die aber die Ausnahme. Man muss halt gucken, dass man aufeinander zugeht und miteinander gut auskommt. Man kann doch auch viel voneinander lernen. Ich lebe gerne in der Vielfalt. Wenn, wie in den G-Quadraten, ganz viele Menschen einer Nationalität eng beisammen wohnen, leidet die Vielfalt darunter. Die Toleranz Fremden gegenüber sinkt. Man ist zu sehr unter sich, verpasst letztlich viele schöne Dinge, die erst durch die Vielfalt entstehen. Als Königin des Herzogerieds würde ich Nichts ändern. Das kann so bleiben, wie es ist. Aber jetzt fällt mir doch etwas ein, was sich ändern müsste: Seit einigen Jahren nimmt das Müllproblem immer mehr zu. Das stört mich schon. Das verdirbt das schöne Gesamtbild doch. Das ist zwar auf Kinder oder Erwachsene zurückzuführen, die ihren Müll einfach überall wegwerfen. Doch, für die Sauberkeit müsste Etwas getan werden.“ Danke Sevim! Du hast der Vielfalt im Herzogenried geholfen, ein bisschen sichtbarer zu werden. TEXT + BILD: MICHAEL BAIER

„Das Herzogenried ist schön – es fehlen Begegnungsmöglichkeiten

Unser Lieblingsplatz im Herzogenried: unser Balkon“ Axel ist fast 60 Jahre alt. Als Kind hat er seit 1975 hier gewohnt, kam aber von der Vogelstang und blieb dort auch tagsüber in der Ganztagsschule. Deshalb sah er sich auch eigentlich nicht als Herzogenriedler. Er erinnert sich an die Bundesgartenschau mit häufigen Parkbesuchen – doch wie sich das Herzogenried weiterentwickelt hat, davon bekam er nicht viel mit. Erst 2009 kam er hierher zurück – zusammen mit Martina, seiner Frau. Martina ist auch Mannheimerin, hat auf dem Almenhof gelebt und danach in der Neckarstadt. Dort hat sie Axel kennengelernt und ist mit ihm zusammen auf den Lindenhof und dann weiter ins Herzogenried gezogen.

Martina und Axel erzählen 2009 lebten in unserem neuen Wohnhaus noch überwiegend „Ureinwohner“; die freuten sich, dass endlich mal „junge Leute“ einziehen – obwohl ich (Axel) damals auch schon 50 Jahre alt war. Schon damals lebten nur ganz wenige Kinder in dem Haus. Heute gibt es ein paar mehr, weil die Alten ihren Aufenthaltsort geändert haben und junge Familien eingezogen sind.

Was sagen eure Freunde und Verwandten zum Herzogenried? Das Herzogenried ist schwer zu erreichen; mit dem Auto muss man lange rumkurven. Aber uns stört das nicht, wir sind mit dem Fahrrad schnell in der Stadt. Zum Glück ist es hier ja verkehrsberuhigt. Eigentlich gehören wir ja zur Neckarstadt – doch der Park liegt dazwischen. Als wir hier eingezogen sind, haben unsere Freunde gefragt, ob wir noch ganz bei Troste sind – warum wir aus dem behüteten Lindenhof in eine „anonyme Hochhaussiedlung“ ziehen. Aber das änderte sich spätestens dann, als sie die Wohnung von innen sahen und vom 13. Stock aus bis in die Pfalz und über die Dächer Mannheims blicken konnten. Und sich darüber wunderten, wie gut die Wohnungen geschnitten sind und wie hell und freundlich durch die großen Fensterfronten. Das finden wir auch so richtig klasse.

Und wie ist Anonymität?

das

mit

der

Als wir eingezogen sind, wurden wir gleich sehr freundlich begrüßt von den Nachbarn. Eigentlich ist es sehr leicht gewesen, mit den Hausbewohnern in Kontakt zu kommen – allein schon durch das gemeinsame Fahrstuhlfahren. Das hat sich aber leider in den letzten Jahren etwas geändert. Die „Ureinwohner“ waren eine eingeschworene Gemeinschaft als die ersten, die eingezogen sind. Sie kannten ihre

Stärken, ihre Schwächen und ihre Macken, konnten sich nichts gegenseitig vormachen. Man saß auch öfter mal zusammen – im Haus und vor dem Haus. Bei Bedarf unterstützte man sich auch gegenseitig – das gibt es auch heute noch. Doch durch den Generationenwechsel schwindet diese ursprüngliche Verbundenheit ein bisschen.

Schön und nicht so schön Unser unbestrittener Lieblingsplatz ist unser Balkon. Großzügig - mit viel Platz. Der Park ist ein schöner Weg, um in die Stadt zu kommen. Aber leider wird er abends zu früh geschlossen. Als Aufenthaltsort ist er uns jedoch nicht so wichtig – wir haben ja den großen Balkon. Und noch ein weiterer Lieblingsplatz? Der Gemeinschaftsgarten in der Kleingartenanlage, dem Martina angehört. Nicht schön finden wir die zahlreichen halbhohen Zäune, die es hier gibt. Überall gibt es Barrieren–Treppen und Stufen – die gar nicht sein müssten. Und die Bebauung im Herzogenried ist teilweise schon sehr eng – z. B. auf den Wegen zum Parkhaus. Unangenehm finden wir den Weg zur verlängerten Max-Joseph-Straße. Zwar ist er durch den Gemeinschaftsgarten „Gartenvielfalt“ mit Entfernung des Gestrüpps aufgewertet worden. Aber wenn’s dunkel ist, fühlen wir uns da nicht wohl. Notwendige Laternen sind entweder nicht vorhanden oder meistens kaputt. Woran wir uns noch stören, sind zahlreiche ungepflegte Ecken im Herzogenried, die auch im Winter nicht geräumt werden – z. B. die Brache an der Käthe-Kollwitz-Schule. Dieser Ort hat sich zum Treffpunkt entwickelt – überwiegend für Jugendliche, die sich oft erst um Mitternacht treffen - bis um 3 Uhr nachts. Im Sommer fällt uns das bei offenem Fenster mehr auf. Die Situation hat sich verbessert – wahrscheinlich durch verstärkte Polizeipräsenz. Nach unserem Eindruck haben Hundegebell und ihre Hinterlassenschaften sehr zugenommen – mitsamt der Tüten, die dann auch noch überall rumliegen.


Seite 24

Schwerpunkt: Vielfalt / Aus dem Herzogenried

Wie kommt man in Kontakt?

wurde bei der Planung zu wenig Im Haus ist es einfacher, zu anderen berücksichtigt. Gemütliche Gaststätten Menschen im Viertel haben wir wenig in Fußnähe, die auch abends geöffnet Kontakt. Liegt wohl auch daran, dass es haben, gibt es kaum. Kann man nur zu wenige Begegnungsmöglichkeiten hoffen, dass sich auf Turley eine im Herzogenried gibt. Eigentlich gibt es ansprechende Gastronomie ansiedelt. hier ja kein wirkliches Zentrum, wo man sich immer wieder über den Weg Vielfalt im Herzogenried? läuft. Die Geschäfte sind nicht zwischen Gegenseitige Bereicherung durch die den Wohnhäusern, sondern am Rand. verschiedenen Kulturen erleben wir Ist halt kein gewachsener Stadtteil – kaum – liegt auch an den mangelnden

Begegnungsstätten. Wir finden hier schwer Kontakt zu Menschen anderer Kulturen. Die internationale Kochgruppe, die es seit einiger Zeit gibt, ist vielleicht eine Möglichkeit zum Austausch. Es bräuchte mehr kulturelle Angebote – z. B. kleine Konzerte in den Innenhöfen. Das Theaterprojekt KingKong, das es hier schon mal gab, hat uns gefallen. Dabei gibt es doch durchaus Menschen im Herzogenried, die kultur-

interessiert sind. Aber sie konnten bisher noch nicht mobilisiert werden. Vielleicht wird der Umbau der Multihalle dazu führen, dass eine kulturelle Begegnungsstätte – auch für die Menschen im Viertel – entsteht. Sie muss dann aber auch für alle attraktiv und leicht zugänglich sein. INTERVIEW,TEXT + FOTO: IRMGARD ROTHER

Evangelischen Tageseinrichtung für Kinder Am Brunnengarten

Unser Alltag ist vielfältig, Vielfalt ist unser Alltag Welche wunderbare Chancen sich in den vielen Begegnungen verstecken, die wir täglich mit Anderen erleben Ich schreibe sehr gerne über das Thema Vielfalt. Denn unser Alltag lebt davon! Gerade die Kita ist ein Ort, wenn nicht sogar der Ort, an dem die Kinder zum ersten Mal in ihrem Leben zu einer größeren Gemeinschaft zusammenkommen, um Spaß zu haben, zu lernen, Freunde zu finden, kurz: um Vielfalt von Anfang an zu erleben. Zuerst fällt mir die Vielfalt beim frisch gekochten Mittagessen ein. Unsere Kinder schmecken und entdecken unterschiedliche Lebensmittel. Sie entscheiden irgendwann für sich, was ihnen schmeckt oder welchen Duft sie gut leiden können und bilden so ihren ganz eigenen Geschmack. Ist es so nicht auch mit den Menschen um uns herum? Wir lernen Menschen kennen und merken mit der Zeit, wie vielfältig diese Begegnungen sein können und wie stark uns dies im Leben prägt. Komme ich morgens in die Kita, treffe ich auf die Kollegen*innen und freue mich über ihre Unterschiedlichkeit. Talentierte Einzelne Arbeiten Miteinander, so ist es im Team. Jeder bringt seine individuelle Lebensgeschichte, seine Fähigkeiten und Begabungen mit

Vielfalt statt Einfalt – Kinder denken nicht in Schubladen

und teilt sie mit den Kindern. In einer großen Gemeinschaft. Gehe ich weiter durch das Haus sieht es so auch bei unserem Küchenpersonal, den Handwerkern, den Kindern mit ihren Familien und jedem einzelnen Menschen, der unsere Kita betritt, aus. Jeder trägt einen unsichtbaren Rucksack mit sich herum, der vollgepackt ist mit den Erlebnissen, Wünschen und Erwartungen - mit seiner eigenen Lebenswirklichkeit. Und bei uns laufen die vielfältigen Lebenswelten ganz automatisch zusammen. Die vielen verschiedenen Muttersprachen, die verschiedenen kulturellen Hintergründe und nicht zu vergessen, die vielen verschiedenen Religionen, bilden eine ganz wunderbare kleine bunte Welt in sich. Werden wir Erwachsene unserer Vorbildrolle bewusst, hinterfragen und reflektieren unser Verhalten immer wieder aufs Neue, können wir diese kleine bunte Welt erweitern. Bestmöglich, gemeinsam mit unseren Kindern durch unser Vorleben im gemeinsamen Miteinander. Wahrlich, wir haben eine verantwortungsvolle und wichtige Rolle im Leben unserer Kinder! Doch das birgt auch eine große Chance! Nämlich vorzuleben, wie man gegen Diskriminierung und Ausgrenzung ankämpfen kann. Und die Kinder positiv für das Thema zu sensibilisieren. Umgekehrt geht dies auch, ich denke oft, dass wir Erwachsene von den Kindern lernen können. Würden wir näher hinsehen und uns die Zeit für das Näher-Betrachten nehmen, könnten wir vieles entdecken: Kinder denken noch nicht in Schubladen. Sie bewerten ihre Spielpartner nicht schon im Vorhinein. Sie können sehr schnell und häufig verzeihen. Gehen immer wieder neugierig auf Unbekanntes zu. Lassen sich packen von den schönen Dingen im Leben. Sie erkennen im Gegenüber einen Menschen. Nicht einen Deutschen, einen Türken, eine Alte, einen Blinden, einen Rollstuhlfahrer, einen Christen oder Buddhisten. Für Kinder ist dieser Rucksack kein belastendes Gepäck, er

bereitet sie auf die vielen unterschiedlichen Begegnungen vor, die auf ihrem Lebensweg auf sie warten. Und können wir Erwachsene uns etwas von dieser Sichtweise abgucken? Vielleicht die kleine Erinnerung, uns vom Unbekannten begeistern zu lassen. Das hatte schon Jesus bemerkt. In meiner Pfadfinderzeit hatten wir einen Gruppenraum, an dessen Wand war folgender Spruch geschrieben: Vielfalt statt Einfalt. Für mich ist ein Leben ohne Vielfalt genau das: einfältig, eintönig, eindimensional. Es braucht das Gegenüber, Offenheit und Bereitschaft, sich von der Vielfalt überraschen zu lassen. Eine gewisse Zuversicht für das Neue, dies kann in einer komplexen

und vielfältigen Welt doch nur hilfreich sein. Solche Chancen zu erkennen und wertzuschätzen, ist Teil unseres Bildungsauftrags. Sind wir uns über unsere Vorbildfunktion bewusst, können wir nicht nur im Kleinen etwas bewirken. Dann kann unser Verhalten Kreise ziehen und sich weiterverbreiten. Auf dass wir die Welt ein klein wenig besser hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben! TEXT: JOHANNA KELLER, LEITERIN DER EVANGELISCHEN TAGESEINRICHTUNG FÜR KINDER AM BRUNNENGARTEN. FOTO: JOHANNA KELLER

Die Auseinandersetzung um verkehrsberuhigte Straßen auf Turley

Fritz-Salm: Straße für alle! Im Zusammenhang mit den Anfahrten zur noch bestehenden Restbaustelle in der Fritz-Salm-Str und aufgrund der undeutlichen Verkehrsregelung hat sich sowohl ein teilweise chaotisches Parken als auch ein zu schnelles Fahren eingebürgert. Außerdem wird die FritzSalm-Str inzwischen zusätzlich aus dem Gebiet Ulmenweg als Schleichweg benutzt. Dadurch entsteht ein Verkehrsaufkommen, das zu hoch und vor allem durch einzelne Zeitgenossen zu schnell für die bürgersteiglose und verkehrsberuhigt angelegte Straße ist. Die Ausgänge der Häuser – 2013 im Schwung der Konversion mit der Stadt ursprünglich als offene Bebauung ohne

„picked fences“ gewünscht und geplant, münden dabei direkt auf die Spielstraße. Unter dem Motto „Straße für alle“ zogen am 29.10.2020 vor den Häusern der gemeinschaftlichen Wohnprojekte SWK und umBAU² Turley in der FritzSalm-Straße den ganzen Tag über Kinder ihre Kreise. Warnschilder wurden gebastelt und aufgestellt, vorbeifahrende Autos wurden freundlich, aber nachdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich in diesem Bereich der Fritz-Salm-Straße um eine verkehrsberuhigte Zone handelt, in der lediglich mit Schrittgeschwindigkeit gefahren werden darf. Ein Fahrrad-


Aus dem Herzogenried

parcours, der rege in Anspruch genommen wurde sowie Straßenmalaktionen und Spiele mit gebührendem Abstand machten den Autofahrern unmissverständlich klar, dass hier die Straße allen gehört und vor allem die Stärkeren Rücksicht auf Fußgänger*innen und spielende Kinder nehmen müssen. Des Weiteren verteilten die Kinder gelbe Karten für Autos, die in ihren Spielbereichen abgestellt wurden, statt auf den deutlich ausgewiesenen Parkplätzen. Die Aktion wurde größtenteils sehr positiv aufgenommen und es wurde deutlich, dass sich viele Durchfahrende gar nicht darüber im Klaren sind, dass es sich um eine verkehrsberuhigte Zone handelt. „Jetzt wissen sie es und hoffentlich halten sie sich zukünftig daran“, so die Aussage eines teilnehmenden Kindes. Klar ist jedoch auch: An der unklaren Beschilderungssituation ließe sich leicht etwas machen. Und die Stadt Mannheim ist ganz klar in der Pflicht, durch entsprechende bauliche Veränderungen dafür zu sorgen, dass Fußgänger*innen und spielende Kinder vor Unfällen geschützt werden und dass der Spielbereich der

Seite 25

Kein Weihnachtsmarkt in der Kleingartenanlage, aber…

Man muss sich nur zu helfen wissen!

Kinder nicht durch wild parkende Autos eingeschränkt wird. Die Kinder haben fest vor, in weiteren Aktionen ihren Anspruch auf Sicherheit und ausreichende Spielfläche mit Nachdruck zu äußern, damit die Fritz-SalmStraße auch wirklich eine „Straße für alle“ wird. TEXT + FOTO: G. BERGMANN (TURLEY)

Manches ist in diesem Jahr anders als sonst. Auch unser schöner Weihnachtsmarkt mitten in der Kleingartenanlage kann wegen Corona nicht stattfinden wie bisher. Wir können nicht riskieren, dass die Ausbreitung des Virus weiter zunimmt und dadurch noch mehr Menschen – teilweise sehr schwer – ihre Gesundheit gefährden. Aber gar nichts zu machen? Damit wollten wir uns nicht abfinden! Eine Gruppe von engagierten Frauen und Männern aus dem Herzogenried unterstützt vom Quartiermanagement und der IGH (Interessengemeinschaft Förderverein Herzogenried e. V.) hat als Alternative zum traditionellen Weihnachtsmarkt neue Ideen entwickelt. Vielleicht wird das sogar – zusätzlich zum Weihnachtsmarkt – auch eine Möglichkeit für die nächsten Jahre: Wenn alle mitmachen, kann das richtig schön werden. TEXT: IRMGARD ROTHER


Seite 26

Aus dem Herzogenried


Aus dem Herzogenried

Seite 27

Vier Workshops zu Kinderrechten

Weltkindertag-Aktionen im Herzogenried Im September fanden, organisiert vom Quartiermanagement Herzogenried, 4 Treffen mit Kindern zwischen 5 und 12 Jahren aus dem Herzogenried in und um das Atelier „Kunst und Natur“ statt, bei denen sie spielerisch etwas über ihre Kinderrechte erfahren und sich bei Spiel-, Mal- und Bastelaktionen dem Thema nähern konnten.

Die Kinder bauen ein „Kinderrechte-Denkmal“

Beim „Recht auf Spiel und Freizeit“ wurde der Umriss jedes Kindes auf Tapete umzeichnet und ausgeschnitten. Dann konnte jedes Kind seinen Namen und alle Dinge aufschreiben, die es gerne tut und die es gut kann.

Beim Blindenspaziergang, bei dem jeweils ein Kind die Augen verbunden bekam und ein anderes es sorgsam führte, ging es um „Besondere Rechte bei Behinderung“. Beim Thema „Recht auf Beteiligung“ wurde spielerisch jeweils ein Kind aus einem Kreis ausgeschlossen, weil es eine Brille trug, dann ein anderes, weil es eine Mütze anhatte und danach wurden sie befragt, wie sie sich dabei gefühlt haben. In einem Gespräch über das „Recht auf Bildung und Schule“ wurde darüber geredet, dass für uns hier in die Schule gehen normal ist und dass man manchmal gar keine Lust drauf hat. Durch Bilder von Kindern in anderen Ländern, die teilweise im Freien lernen oder sehr lange zur Schule laufen müssen, konnten alle verstehen, dass es gut ist, wenn überall auf der Welt Kinder etwas lernen können, um später die Welt zu verstehen und Geld verdienen zu

können. Diese Bilder zeigten auch die Lebensbedingungen von Kindern in „armen“ Ländern, wo Kinder verhungern oder schwer arbeiten müssen, kein sauberes Wasser haben oder im Krieg überleben müssen. Alle beteiligten sich lebhaft am Gespräch und verstanden so auch, wie wichtig die Rechte „auf Gesundheit“, „auf Schutz vor Ausbeutung“ und „auf Schutz im Krieg und auf der Flucht“ für viele Kinder in vielen Gegenden der Welt sind. Als Zusammenfassung haben die Kinder ein „Denkmal der Kinderrechte“ aus ihren Körpern gebaut und passende Sätze dazu gesagt: „Ich will nicht so schwer tragen.“ „Ich möchte oft mit meinem Teddy spielen.“ „Ich hasse Müll auf dem Boden.“ „Ich lerne gerne was in der Schule.“ „Wir beiden Cousins sind gute Freunde.“ Auch uns Erwachsenen (Förderverein Stadtbibliothek Herzogenried, Atelier

Kunst und Natur, Naturfreundejugend) haben die Treffen sehr viel Spaß gemacht und wir waren begeistert von den Ideen und Beiträgen der Kinder. Wir hätten uns allerdings eine etwas größere Beteiligung gewünscht. Am 26.9.20, dem Weltkindertag, fand dann als Abschluss dieser Workshopreihe ein Aktionstag zum Thema Kinderrechte statt – wir informierten die Gäste und stellten die Ergebnisse unserer Workshops vor. Leider spielte das Wetter nicht so mit, aber wir versuchten, das Beste aus dem verregneten stürmischen Tag zu machen. TEXT + FOTO 1: BARBARA EDEL FOTO 2: P. LEINBERGER

Schulkindbetreuung in Zeiten von Corona

Die vergangen Monate in den Einrichtungen des Freireligiösen Wohlfahrtsverbandes Baden e. V. Eigentlich wollten wir die aktuelle Ausgabe des Herzogs nutzen, um vorzustellen, was in den letzten Wochen und Monaten in unseren Einrichtungen gelaufen ist. Doch dann kam Corona und hat alles ganz schön durcheinander gebracht. Coronabedingt konnten viele der geplanten Aktionen nicht durchgeführt werden. Also starten wir mal anders. Seit unserem letzten Bericht sind aus drei Einrichtungen vier Einrichtungen rings um den Herzogenriedpark geworden. Wir betreuen mittlerweile insgesamt ca. 70 Kinder: Am Steingarten 8, Am Sonnengarten 10, im Ulmenweg 1-5 und An den Kasernen 25. Die Kinder besuchen die KätheKollwitz-Schule oder die Erich-Kästner-Schule. Die Betreuung findet von 07:30-09:00 Uhr und ca. 11:30-17:00 Uhr statt. Wir versuchen, die Kinder morgens zur Schule zu bringen und mittags wieder von dort abzuholen. In Zeiten von Corona war und ist dies ein großer organisatorischer Aufwand. Im März mussten wir alle Einrichtungen für einen Tag schließen, bevor wir mit der Notbetreuung starten konnten. Alle Kinder, die morgens die Notbetreuung der Schule besuchten, konnten im Anschluss daran zu uns in die Betreuung kommen. Die Zeit bis Ende Juni, bis zum Start der Betreuung unter Pandemiebedingungen für alle angemeldeten Kinder, betreuten wir in

kleinen Gruppen, nutzten aber auch die Zeit, um die Einrichtungen frisch zu machen, uns fortzubilden, Postkartenaktionen für alle Kinder vorzubereiten, Kräfte zu sammeln und zu planen, wie die Betreuung weiter organisiert werden kann. In den Sommerferien fand durchgängig in allen 6 Wochen Betreuung von 07:30 bis 17:00 Uhr statt. Wir nutzten den Sommer, um möglichst viel an der frischen Luft zu sein. Ab September konnten wir mit viel Kopfzerbrechen und einiger Kraftaufwendung nach einem eingeschränkten Juli glücklicherweise auch für alle Kinder wieder die Frühbetreuung anbieten. Da unsere Einrichtung im Ulmenweg Kinder beider Schulen betreut, haben wir die Einrichtung in zwei Bereiche geteilt, so dass hier möglichst kein Kontakt, keine Vermischung der Schulen stattfindet. Seit März befinden wir uns in einem Balanceakt zwischen der Einhaltung aller Vorgaben, die mit Corona kamen und sich regelmäßig ändern und gleichzeitig einer Betreuung, die den Kindern und den zumeist berufstätigen Eltern gerecht wird, die so etwas wie „Normalität“ zulässt. Dank unseres einfühlsamen Teams fühlen sich die Kinder gut aufgehoben und verbringen ihre Zeit gerne bei uns. Seit Sommer diesen Jahres haben die Einrichtungen eine neue Leiterin vor Ort. Frau Ryukina leitet die Einrichtung im

Ulmenweg und ist ebenso zuständig für die anderen drei Schulkindbetreuungen des Freireligiösen Wohlfahrtsverbandes im Quartier. Sie hat immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Kinder, Eltern, Kolleg*innen und anderen Akteur*innen im Umfeld der Betreuung. Die nächsten Monate bleiben spannend und werden immer wieder Flexibilität von allen Beteiligten verlangen. Bleiben Sie gesund! TEXT: MARIA JUNG FOTO: FREIRELIGIÖSER WOHLFAHRTSVERBAND

Container und brotZeit e.V.

Neues aus der Käthe-Kollwitz-Grundschule Bereits im November 2019 zeichnete sich ab, dass wir im kommenden Schuljahr 20/21 vier 1. Klasse bilden können. Doch leider ist die Raumsituation so angespannt, dass kein Klassenzimmer bzw. ein Teilungsraum zu Verfügung steht. Nach ersten Gesprächen mit dem Fachbereich Bildung und den Nachbargrundschulen ErichKästner-GS und Uhland-GS, die in einer ähnlichen Situation sind, verlangsamte die Corona-Pandemie die Verhandlungen und im Juli war noch nicht klar, wo die zusätzliche Klasse starten kann. Durch eine Kooperation mit dem Hort an der Schule wurde

vereinbart, dass der eigentliche Hortraum für eine Übergangslösung doppelt genutzt werden kann – vormittags von der Schule, nachmittags vom Hort. Des Weiteren wird derzeit auch eine Klasse im viel kleineren TWZimmer unterrichtet. Raumnot überall! Im September fasste dann der Bildungsausschuss und der Gemeinderat der Stadt Mannheim den Beschluss, dass für einen Zeitraum von 5 Jahren Container gestellt werden können. Diese Container beinhalten 2 Klassenzimmer, 2 Betreuungsräume für den Hort, 1 Büro, 1 Besprechungsraum und sanitäre Anlagen.


Seite 28

Zurzeit laufen die Planungen auf Hochtouren, erste Gespräche über Standort und Mobiliar fanden statt, so dass wir davon ausgehen können, dass die Container im Frühjahr 2021 gestellt und bezogen werden können. Und nach den 5 Jahren? Herr Bildungsbürgermeister Dirk Grunert und Herr Lutz Jahre, Leiter des Fachbereichs Bildung, waren bereits zu einem Gespräch vor Ort bei der Schulleitung. Dabei ging es zum einen um die Raumnot, zum anderen um die Weiterentwicklung der Käthe-Koll-

Aus dem Herzogenried

witz-Grundschule. Ziel der Stadt ist es, weitere Grundschulen in einen Ganztagesbetrieb umzuwandeln. Wir als Schule werden dieses Thema in den einzelnen Gremien besprechen und diskutieren. Kostenloses Frühstück – brotZeit e.V. Kennen Sie Uschi Glas? Ziemlich sicher; zählt sie doch seit vielen Jahrzehnten zu einer viel beschäftigten und beliebten Schauspielerin in Deutschland. Zusätzlich engagiert sie sich in dem Verein brotZeit e. V., der Kinder aus einem

schwierigen sozialen Umfeld mit einem ausgewogenen Frühstück unterstützt. Dieser Verein möchte nun auch Schulen in Mannheim hierfür gewinnen. Wir als Schulgemeinschaft interessierten uns sehr für dieses Projekt und haben in mehreren Gesprächen mit Frau Haas, der Projektleitung Nordbaden, erste Schritte festgelegt und einen Kooperationsvertrag unterschrieben. Nun suchen wir aktive Senioren*innen, die bereit wären, morgens ein Frühstück zu richten, die Kinder zu betreuen und im Anschluss wieder aufzuräumen. Dafür

Was macht eine Schauspielerin im Herzogenried

Uschi Glas sucht Helfer*innen für ihr Schulfrühstück Uschi Glas braucht Unterstützung. Der von ihr 2009 gegründete Verein brotZeit kommt jetzt nach MannheimHerzogenried, um Kinder mit einem Frühstück zu versorgen. Und dafür sucht die Schauspielerin Menschen ab 55 Jahren, die den Kindern das Frühstück vorbereiten, ein offenes Ohr für sie haben und ihnen einen guten Start in den Tag ermöglichen. Laut diverser Studien kommt jedes fünfte Grundschulkind in Deutschland hungrig zum Unterricht. Das bestätigte aktuell auch eine Sonderauswertung der IGLU-Studie (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung). An Brennpunktschulen, wo sich brotZeit engagiert, ist der Anteil noch deutlich höher. Folge: Die Schüler*innen können sich nicht richtig konzentrieren und haben keine Chance auf gute Zensuren. Hunger macht auch aggressiv. Dagegen arbeitet der Verein mit großem Erfolg an. In einer von Kellogg gestarteten Umfrage gaben 95 Prozent der Lehrer*innen an, eine deutlich gestiegene Konzentrationsfähigkeit zu registrieren, seit brotZeit an ihrer Schule aktiv ist. Und 91 Prozent sagten, dass das brotZeit-Frühstück das soziale Verhalten der Schüler verbessert habe. 84 Prozent beobachten auch ein verbessertes Lernverhalten. Die ehrenamtliche Tätigkeit weist also ein deutlich messbares positives Ergebnis aus und ist somit sinnvoll. Nicht nur deswegen stellt sich auch für die Frühstückshelfer*innen ein Gefühl der Zufriedenheit ein. Der Umgang mit den Kindern gibt ihnen Spaß, Kraft und das Gefühl, auch nach einem erfüllten Berufsleben „gebraucht zu werden“, wie es Uschi Glas ausdrückt. Die Schauspielerin selbst nimmt immer noch an zahlreichen Frühstücken teil und bedankt sich einmal im Jahr persönlich bei den Helfer*innen – demnächst auch in Mannheim, sofern es Corona zulässt. Diese „aktiven Älteren“ sind das Rückgrat der Arbeit des Vereins, der deutschlandweit inzwischen 10.500 Kinder jeden Morgen mit einem Frühstück versorgt. Genau 1.483

Menschen sind schon jetzt ehrenamtlich dabei. Demnächst kommen noch die Helfer*innen in Mannheim hinzu. Der Verein startet nach den Weihnachtsferien, ab dem 11. Januar 2021, sein Projekt an zunächst vier Schulen in Mannheim. Eine davon ist die Käthe Kollwitz Schule im Herzogenried. Ganz in der Nähe liegt die Wilhelm-BuschSchule in der Neckarstadt-West. Auch hier sucht der Verein Frühstückshelfer*innen. Die Bewerber*innen sollten gern mit Kindern umgehen, bereit sein, früh aufzustehen und auch ein offenes Ohr für deren kleine und große Sorgen haben. Die Frühstückshelfer*innen arbeiten in einem Team, das pro Schule jeden Morgen rund 40 bis 45 Kinder betreut. Der Zeitrahmen beträgt in der Regel pro Person zwei Mal zwei bis drei Stunden pro Woche. Für ihr Engagement erhalten die Frühstückshelfer*innen eine Aufwandsentschädigung im Rahmen der Übungsleiterpauschale. Weitere Informationen erteilt die brotZeit-Projektleiterin in Nordbaden, Milena Haas: 0179-4135889 haas@brotzeit.schule TEXT: MILENA HAAS FOTO: BROTZEIT E. V.

Mütter und Kinder im Herzogenried

Die ‚Müttermafia‘ stellt sich vor Müttermafia, das klingt in erster Linie nach kriminellen Handlungen, aber keine Angst, wir sind freundlich und in keiner Weise kriminell. Zur Erklärung, wir sind fünf Freundinnen und haben uns mit unseren Kids immer wieder zufällig auf dem Spielplatz getroffen. Da wir irgendwann aber nicht immer jeden einzeln anschreiben wollten, wo wir uns treffen, haben wir eine WhatsAppGruppe gegründet. Diese brauchte einen Namen, also habe ich sie kurzerhand „Müttermafia“ genannt. Der Name beruht auf einem Buch von

Kerstin Gier, das auch von Freundinnen und ihren Kindern handelt, die gemeinsam durch dick und dünn gehen. Aber wer sind wir? Wir sind Sandra Malanga, Natascha Roos, Nadine Schwerdel, Christina Ullrich und Jessica Schadt. Was wir gemeinsam haben? Wir haben Kinder, wir lieben unseren Stadtteil und wir möchten diesen gern unterstützen. Daher arbeiten wir eng mit dem Quartiermanagement Herzogenried und dem Atelier Kunst und Natur zusammen, um zum Beispiel

erhalten sie zum einen eine Aufwandsentschädigung, zum anderen steht auch die enorm wichtige Verbindung von Generationen im Mittelpunkt. Es wäre schön, wenn, wenn sich für diese sehr wichtige Aufgabe engagierte Unterstützer*innen finden lassen.

Näheres erfahren Sie im folgenden Artikel zum Schulfrühstück. TEXT: ULRICH DIEHL (REKTOR)


Aus dem Herzogenried

Seite 29

kleine Nachbarschaftsfeste zu organisieren. Beim Quartiermanagement und Gerd Müller, dem Leiter des Ateliers, finden wir dabei immer ein offenes Ohr und Unterstützung. In die „Öffentlichkeit“ sind wir getreten, als eine Nachbarin nach einem Wohnungsbrand Hilfe brauchte. Spontan sammelten wir als „Müttermafia“ letzten Dezember auf dem Weihnachtsmarkt bei der Gartenklause Spenden, vielen Dank nochmal an alle,

die so zahlreich gespendet haben. Das spricht einmal mehr für unsere tolle Nachbarschaft und die netten Leute aus Mannheim allgemein. Im Herzogenriedpark steht die einzigartige Multihalle von 1975, die nach langen Jahren wieder aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen soll. In diesem Sommer waren Mitarbeiter des DIESE Studio aus Darmstadt hier, um Bewohner*innen im Herzogenried kennenzulernen und ihre Wünsche für eine neue Nutzung der Multihalle zu er-

fahren. Unsere Antwort war einfach. Wir hätten gerne eine überdachte Möglichkeit zum Spielen bei schlechtem Wetter. Da würde sich die Multihalle (bzw. ein Teil davon) gut anbieten. Viele aus unserem Stadtteil haben eine Jahreskarte für den Herzogenriedpark und könnten diese Möglichkeit dann nutzen. Wir haben noch einiges vor, aber das werden wir zur rechten Zeit bekannt geben. Und wer Ideen hat, wie man den Stadtteil noch kinderfreundlicher

gestalten kann, darf uns gerne ansprechen. Wir sind meist auf einem Spielplatz im Brunnengarten zu finden. Der Kontakt kann aber auch gern über das Quartiermanagement hergestellt werden. Wir freuen uns auf Anregungen und interessante Gespräche.

der Kinder und Jugendlichen ausrichtet. Bei Führungen durch die Schule können auch Schüler*innenarbeiten und Präsentationen bestaunt werden. Gerne führen wir auch durch die im vergangenen Jahr neu gestaltete Bewegungslandschaft für die Unterstufe im Schulhof. Sie konnte mit finanzieller Unterstützung mehrerer Förderer und Sponsoren entstehen. Leider musste dann die feierliche Eröffnung, geplant zum Schuljahresende, aufgrund der Situation ausfallen. Die Schüler*innen sind aber auch ohne diese begeistert und nehmen das Angebot in den Pausen gerne an. Not macht ja bekanntlich erfinderisch: So fand die feierliche Begrüßung und Einschulung der neuen ersten Klasse in diesem Jahr im Schulhof statt. Dank dem Wetter, das mitspielte. Die Freie Interkulturelle Waldorfschule sieht eine Ihrer Aufgaben darin, am lokalen Umfeld teilzuhaben. „Wir gehen dorthin, wo wir gebraucht werden“, heißt es im Leitbild der Schule. So sucht man Familien, die angesprochen werden sollen, zumeist in der Nachbarschaft der Schule. Signale der Offenheit werden ausgesandt in Flyern in mehreren Sprachen, Information- und Beratungsangeboten, Präsenz auf Straßenfesten, Einladungen zu Schulfeiern, Zusammenarbeit mit Migrationsbei-

rät*innen, Kulturvereinen und Quartiermanager*innen. Besonders eng ist auch der Austausch mit Kindergärten der Region. Hier besteht ein vielfältiges Angebot zur Unterstützung der Kindergärtner*innen. Gruppen werden zum Malen, Backen oder Spielturnen in die Schule eingeladen. Umgekehrt besuchen kleine Schüler*innengruppen auch Altenheime, lesen dort vor oder präsentieren Musikoder Theaterstücke. Wir laden gerne interessierte Einrichtungen ein, sich mit uns in Verbindung zu setzen, telefonisch, postalisch oder per Mail.

TEXT: JESSICA SCHADT FOTO: DIESE STUDIO FABIAN STRANSKY FABIANSTRANSKY.COM

Endlich ging es wieder los

Das Vorlesecafé der Stadtteilbibliothek Herzogenried September: Vorlesecafé

Puppentheater

im

Was ruft hier aus dem Walde heraus? Und wer geht diesem Ruf nach? Beim Vorlesecafé im September in der Stadtteilbibliothek Herzogenried erzählten Sonja Lehmann und Dzevada Christ eine Sacherzählung. Dabei bekamen alle Figuren des Puppentheaters von den Kindern ihre Namen: Emil-Daniel, Lina, Oma Angela, Waldschrat usw. Es fand eine rege Unterhaltung statt und die Kinder richteten ihre Blicke interessiert auf die von Dzevada Christ gestalteten Finger-, Tüten- und Stabpuppen. Diese fantasievolle, der Natur angepasste Kulisse, machte es leicht, über die Handlung ins Gespräch zu kommen. Die Veranstaltung wurde dieses Mal ohne Kaffeetreff und ohne Bastelaktion durchgeführt und dennoch gut angenommen. Für alle Fragen und Antworten standen die beiden Erzählerinnen dem Publikum gerne zur Verfügung. In der Hoffnung auf bessere Zeiten meldeten sich schon viele Zuhörer*innen für das nächste Vorlesecafe´ im Oktober an. TEXT: DZEVADA CHRIST

Oktober: Bilderbuchkino „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ Monika Gordt las aus dem bekannten Kinderbuch von Michael Ende vor und die Kinder konnten beim Bilderbuchkino der Handlung folgen. Die wenigen Zuschauer*innen lauschten interessiert und es gab immer wieder Unterhaltungen über das Geschehen. So eine winzige Insel, so eine ungewöhnliche Lokomotive! Da gab es viel zu fragen und zu reden. Alle Beteiligten hatten ihren Spaß. Das Vorlesecafé am 19.11.2020, bei dem Barbara Edel und Hans-Jürg Liebert vorgelesen hätten, muss coronabedingt leider ausfallen. Für den Dezember ist ein Vorlesecafé am 17.12. 20 geplant - es liest die Kinderbuchautorin Frau Mottl-Link. Wir hoffen sehr, dass es stattfinden kann. TEXT + FOTOS: BARBARA EDEL

Interkulturell macht Schule Nach den Herbstferien konnte der Präsenzunterricht an der Interkulturellen Waldorfschule in der Mannheimer Neckarstadt wieder aufgenommen werden. Natürlich auch unter den notwendigen Beschränkungen. Leider sind davon viele öffentliche Veranstaltungen und Initiativen betroffen, mit denen die Schule gerne in ihr soziales Umfeld wirken, bzw. an Aktivitäten und Einrichtungen im Stadtteil teilhaben möchte. Davon betroffen sind auch der traditionell Ende November stattfindende Basar und der Tag der offenen Schule im Januar des darauffolgenden Jahres. Zu beiden Ver-

anstaltungen konnte die Schule immer eine Vielzahl von Besucher*innen und Interessent*innen willkommen heißen. Für dieses Schuljahr musste daher eine neue Form gefunden werden. Man wollte insbesondere interessierte Eltern gerne über das Besondere dieser Schule informieren. Dies findet neben den verschiedenen Infoelternabenden an zwei Info-Tagen am 28.11.2020 und am 30.01.2021, jeweils von 10:00 – 13:00 Uhr in der Schule am Neuen Messplatz statt. Lehrer*innnen der Schule erläutern das Konzept der Schule mit den Besonderheiten der interkulturellen Begegnung und den Elementen der Waldorfpädagogik, die sich an den Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung

Freie Interkulturelle Waldorfschule e. V. Maybachstraße 16, 68169 Mannheim Tel. 0621 300 99 830 info@fiw-mannheim.de TEXT: ECKHARD ANDERMANN FREIE INTERKULTURELLE WALDORFSCHULE MANNHEIM

MFC Phönix 02 e. V.

SPORTPARK Phönix 2022 „Der MFC Phönix 02 e.V. breitet seine Schwingen aus und erhebt sich in die Lüfte“ (T. Diener) Im Jahr 2022 wird der Verein sein 120jähriges Jubiläum feiern und hat bis dahin Großes vor! Am 28.8.20 erläuterte Thorsten Diener, Vorsitzender des MFC Phönix 02 e.V., bei einer Informationsveranstaltung auf dem Vereinsgelände die Zukunftspläne des Vereins. Das Quartiermanagement durfte dabei sein und gerne berichten wir hier über die Pläne des Vereins. Zwar will sich der Verein weiterhin als

Fußballclub verstehen, möchte sich jedoch sowohl weiteren Breitensportangeboten öffnen als auch die Stadtteile Neckarstadt und Herzogenried noch stärker einbinden und sich durch ein vielfältiges Angebot noch attraktiver als sportliche Anlaufstelle für verschiedenste Menschen und Altersgruppen anbieten. Thorsten Diener betonte, dass die Arbeit des Vereins weiterhin und noch stärker Bewegung und Gewaltprävention in den Fokus rücken werde, was bereits erfolgreich durch die jährliche Ver-


Seite 30

Aus dem Herzogenried

anstaltung „Sport statt Gewalt“ – ein Gemeinschaftsprojekt des Vereins mit den Quartierbüros Herzogenried und Wohlgelegen – begonnen wurde. Passend zu dieser Ausrichtung ist der Bau eines Sportkindergartens (mit dem größten Freigelände in ganz Mannheim) und einer Jugendakademie auf dem Gelände geplant. Beim gemeinsamen Rundgang über das lungsräume aufgestockt, es sollen u. a. gesamte Gelände beschrieb und Multibeachfläche, Basketballfeld sowie erläuterte Thorsten Diener die Pläne Center-Court errichtet werden. anschaulich im Einzelnen. Dabei gliedert sich das Gelände in 3 Teile Dieses Vorhaben ist natürlich nur durch Unterstützung der Politik, Verwaltung 1. Offener generationsübergrei- und Sponsoren aus der Wirtschaft fender Teil realisierbar – ein Sponsor, die Firma Angebote wie Boule, Athletikpark, Alan & Söhne in Person ihres GeGenerationsaktivitäten, Barfußpar- schäftsführers Oguzhan Alan wurde auf cours, Sporthalle. Parkplatz und Zelt der Veranstaltung vorgestellt und sollen in diesem Bereich umgestaltet begrüßt. und modernisiert werden Wir wünschen dem Verein, dass sich 2. Stadion Hauptspielfeld diese Visionen erfüllen lassen und Hier sind neben der Sanierung des werden gerne unterstützen, wo immer Tribünen- und Treppenbereiches eine wir unterstützen können – denn die energiesparende Beleuchtungsanlage, Umsetzung dieser Pläne wären eine eine Überdachung sowie weitere An- große Bereicherung sowohl für unser gebote wie z. B. Rasensprintstrecke, Quartier als auch die nachbarschaftKickgolf und Power-Street geplant lichen Stadtteile. Fly Phönix fly!

3. Im hinteren Bereich soll die Jugendakademie entstehen - das Umkleidegebäude

wird

um

Schu-

TEXT: PETRA LEINBERGER FOTO: MFC PHÖNIX 02 E. V.

Sehbehindert vertrauensvoll Radfahren mit einem Partner

Radfahren für alle - Paracycling im RRC Endspurt Mannheim Mein Name ist Alexander Obert, ich bin 42 Jahre alt und Tandem Pilot im Radsportleben von meinem sehbehinderten Partner Ralf Arnold. Ralf leidet an einer Netzhautdegeneration, die erblich bedingt im Alter von 18 Jahren festgestellt wurde und mit circa 36 Jahren ausgebrochen ist. Er sieht seit dieser Zeit wesentlich schlechter bis aktuell nur noch etwa 1%. Ralf hat mich im Jahr 2009 angesprochen und gebeten, sein Trainingspartner zu werden, da sein Pilot eigentlich in Berlin wohnt. Aus dem Trainingsbetrieb heraus hat es sich ergeben, dass wir bei einer Deutschen Meisterschaft auf der Bahn zusammen starteten. Das war der Beginn einer privaten und sportlichen Erfolgsgeschichte. Wir fahren nun seit über 10 Jahren erfolgreich in Europa Paracycling Wettbewerbe, sind mehrfach Deutscher Meister auf der Bahn und der Straße und das auch noch aktuell seit 2019. Wir haben an Europacup Rennen, Weltcup Rennen und auch Welt Meisterschaften teilgenommen, haben diverse Siege und top ten Platzierungen errungen. Seit Tag eins sind wir Mitglieder des RRC Endspurt Mannheim 1924. Wir haben durch den Sport und für unser Engagement Auszeichnungen der Stadt Mannheim sowie des Landkreises und des Landes Baden-Württemberg be-

„Das Leben ist wie Fahrradfahren. Um die Balance zu halten, musst du in Bewegung bleiben“ Albert Einstein

kommen. Mittlerweile zieht auf der Radrennbahn in Mannheim eine eigene Radsport Gruppe Paracycling ihre Kreise, es kam ein zweites Tandem dazu und auch noch ein Einzelstarter mit diversen Behinderungen. Auch sie werden betreut und mit einbezogen in das wöchentliche Training auf der Radrennbahn im Herzogenried sowie auf den Straßen rundum in der Metropol Region. Leider macht Corona es uns schwer. Das Training ist mental nicht leicht durchzuführen und durch die Auflagen ist auch der regelkonforme Ablauf schwer möglich. Wir hoffen auf eine schnelle Besserung der Pandemie, um wieder einen reibungslosen Trainingsbetrieb aufnehmen zu können. Und natürlich sind wir auch immer offen für Gönner*innen und Sponsor*innen. Sprechen Sie uns einfach an. TEXT: ALEXANDER OBERT TANDEM PILOT FOTO: RRC ENDSPURT MANNHEIM

Wenn es mit der Bewegung gerade nicht so leichtfällt oder Schmerzen Sie plagen, unterstützen wir Sie gerne durch unsere Leistungen. Allen, die in diesem ungewöhnlichen Jahr bereits ihren Weg zu uns gefunden haben, sagen wir DANKE für Ihr Vertrauen und Ihre Treue. Wir wünschen den herzog-Leser*innen eine frohe Weihnachtszeit, einen friedlichen Ausklang des Jahres und alles Gute für 2021!

Adresse: Ulmenweg 1-5 ∙ 68167 Mannheim


Aus dem Herzogenried

Seite 31

Es wird immer musiziert!

Auch in den schweren Corona-Zeiten meistert RAPSODI Musik-Kunst-Kultur zähe ihr Da-Sein Seit diese Musikschule von R1 in die Waldhofstraße/ Ecke Untermühlaustraße umgezogen ist, hat sie verschiedene Projekte, Konzerte, auch Theateraufführungen in ihren klangvollen Räumen durchgeführt. Es entstanden immer neue Ideen und Akin Demircioglu erzeugte immer wieder neue Töne an verschiedenen Instrumenten. Er selbst spielt 6-8 Instrumente und ist für Gleichgesinnte stets offen. Er freut sich, über Musikprojekte zu

sprechen, sie zu realisieren. Auch während der Lichtmeile heller & länger hätte seine Schule ein buntes Programm für Kinder und Erwachsene angeboten. Ein Anruf lohnt sich. TEXT: DZEVADA CHRIST

Neues aus der Kleingartenanlage Herzogenried

Von der Schutthalde zur "wilden Wiese" In der Kleingartenanlage Herzogenried wurde ein total heruntergekommener Garten, total mit Brombeeren überwuchert und offenbar von einem Messie bewirtschaftet, frei. Ein Nachpächter, der versprach, den Garten aus dem Dornröschenschlaf zu wecken, war schnell gefunden. Voller Eifer ging er ans Werk, ließ das Gartenhäuschen abreißen, Bäume und Zäune entfernen, die Erde wurde zu Hügeln zusammengeschoben, überall lag Schrott und altes Holz. Das war es dann aber auch. Der Pächter ließ sich nicht mehr sehen, ließ nichts von sich hören und das Gelände verkam zur Müllhalde. Leider nutzen auch einige Gärtner*innen die Gelegenheit, dort ihren Müll illegal zu entsorgen. Der Verein gewann in einem Rechtsstreit mit dem Pächter, aber die noch ausstehenden Zahlungen blieb dieser bis heute schuldig. Da die Kosten einer Wiederherstellung des Garten sich in etwa auf 30 000.- € belaufen würden, entschied man sich, das Gelände als Wild-und Insektenwiese anzulegen. Gesagt – getan. Als erstes musste das Gelände geräumt werden. Bei den Aufräumarbeiten entfernten

wir ca. 450 kg !! illegalen Müll, den die Gärtner*innen hinterlassen hatten. 2 Container (a 40 Kubik) benötigten wir für Gestrüpp und Brombeerhecken sowie für den Bauschutt und Schrott. Im August 2019 rollte dann der Bagger an, um Bauschutt, Schrott und Holz zu entfernen. 20 cm Erde wurde abgetragen und mit neuer Erde wieder aufgefüllt, um auch das tieferliegende Wurzelwerk zu entfernen. Wir brachten Senfsaat aus, um den erneuten

Unkrautwuchs etwas einzudämmen. Im Frühjahr 2020 richtete man mit einigen Helfern das Gelände für das Anlegen einer Wildwiese her. Ein neuer Zaun wurde erstellt, ein Stein- und Holzhaufen errichtet, ein kleines Wasserbecken angelegt sowie ein Insektenhotel angebracht. Nun wurde der Wildblumensamen eingesät, 4 Obstbäume (einer überlebte leider die ersten Mäharbeiten nicht), Sommerflieder und andere Sträucher gepflanzt. Noch während der Aussaat wurden sogar verschwunden geglaubte Eidechsen wieder entdeckt. Wie der Name schon sagt entwickelte sich die Wiese ziemlich wild, wirklich wild. Mohn, Hahnenfuß, Kamille, Malve, Wegwarte, Distel, Sonnenblume und vieles mehr blühte zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Farben. Neben zahlreichen Insekten fanden sich auch verschiedene Schmetterlingsarten ein. Bei den Gärtner*innen rief die Wildwiese ein geteiltes Echo hervor, doch die meisten und vor allem auch Spaziergänger, die die Anlage in der Corona Zeit gerne nutzten, sind des Lobes voll. Die Wildwiese sieht je nach Jahreszeit "wild" und ungepflegt aus, was nicht jedermanns Sache ist, und sie braucht sicher noch einige Zeit, um in das biologische Gleichgewicht zu kommen. Verschiedene Pflanzen werden wieder verschwinden, manche werden bleiben, neue werden hinzukommen. Vielleicht haben Schulklassen oder die Kindergärten Interesse, ihren Biologieunterricht mal nach draußen zu verlegen? Setzen Sie sich in diesem Fall mit der Vorstandschaft des Vereins (0621-48449348 ) in Verbindung, damit die Parzelle für Sie geöffnet wird. TEXT UND FOTOS: BERND HARTMANN, 1.VORSTAND


Profile for fresh concept

herzog 56  

Stadtteilzeitung Mannheim-Herzogenried Dezember 2020

herzog 56  

Stadtteilzeitung Mannheim-Herzogenried Dezember 2020

Advertisement