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Contain Art

J端rgen Banse & Barbara Hartmann


Monets Segelboote am Horizont, K端ste vor Le Havre


Flowers. Abstract Painting 1 - 3. Maggi.


Keine Blaskapelle spielt zur Begrüssung oder zum Abschied beim eiligen auslaufen. Keine schaulustigen Seh-leute stehen an Kai und Pier, sondern nur große Kräne zum schnellen Ent- und Beladen der normierten Kisten, riesige Van-Carrier bringen diese eiligst fort und schaffen schleunigst neue herbei.

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In der Offiziersmesse hängen drei blaue Zitronen. Wie von Franz Marc gemalt. Blaue Zitronen statt blauer Pferde. Unter der Uhr hängt ein Monatskalender der Reederei. Jeden Morgen wird der vergangene Tag vom Steward durchgestrichen. Manchmal vergisst er es. Fällt aber keinem Seemann mehr auf. Montag, der Vierte Donnerstag, der Sechste? April oder Mai? Ist doch egal. Bei so langer Zeit auf See.

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CONTAIN ART Galerien auf See Fahrt!

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Wenn sie einlaufen, hält niemand die Bettlaken bereits morgens um 6.00 Uhr heraus aus Fenstern und von Balkonen, um ihnen zuzuwinken, wie es die Hamburger an der Elbe seit Jahren tun, wenn die „Queen Mary 2“ ihren Fluss herauffährt. Die Rede ist von ContainerSchiffen. Ihre Liegeplätze sind abseits der Zentren großer Hafenstädte, hermetisch abgeriegelt und bewacht: Container-Terminals. Keine Blaskapelle spielt zur Begrüßung beim Einlaufen oder beim Auslaufen zum Abschied. Keine schaulustigen Sehleute stehen an Kai und Pier, sondern große Kräne zum schnellen Ent- und Beladen der normierten Kisten, riesige Van-Carrier bringen diese eiligst weg und schaffen schleunigst neue herbei. Und über die schmale Gangway entern ReedereiAgenten, Polizei- und Zollbeamte und die Hafenarbeiter das Schiff und ganz selten Passagiere.

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Ja, es gibt sie dort, sie hängt an den Wänden der Kammern, in den MessRooms von Crew und Offizieren, in den Bars und im Gymnasium, häufig mit einem kleinen Pool versehen, immer mit Kraftsportgeräten und Tischtennisplatte. Und die Kunst hängt in den Fluren der Decks und häufig im Treppenhaus. Es sind Drucke, Reproduktionen, Grafiken und Fotos. Da hängen Poster von Marilyn Monroe und John Wayne neben Gemälde-Reproduktionen von Picasso, Kandinsky und anderen Größen. „Kunst auf See“ im Kontext Innenraum (Kunst) und Außenraum (See). Lichtreflektionen und LichtSpieglungen schaffen Verbindungen zwischen der Kunst an den Wänden und der See-Welt draußen außerhalb der Bordwände. So spiegeln sich in den Bildern häufig die blaue See oder Kräne im Hafen.

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Werke großer Künstler, wie Macke, Miró, Monet, Renoir oder Picasso sowie Cézanne gehören zum Bestand der größten Museen in aller Welt. Sie sind von unschätzbarem Wert, werden Tag und Nacht bewacht und täglich von tausenden von Besuchern bewundert. Ihre Reproduktionen hängen unbedacht, aber gut gegen starken Seegang gesichert, in den Aufbauten der Container-Schiffe. Sie reisen über die Weltmeere und die wenigsten der Seeleute an Bord interessieren sich für siKapitäne, Offiziere und die anderen Crew-
 Mitglieder : Nur die wenigsten von

ihnen können sich an die Motive der Bilder in ihren Kammern erinnern, geschweige denn an den Namen des Künstlers.

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Ein Bild von Kandinsky zum Beispiel hing jahrelang im Kontrollraum der Maschine um 90 ° gekippt an der Wand. Es passte halt nur so im Querstatt im Hochformat zwischen Apparaturen über einen Schrank und Arbeitstisch. Der Chef-Ingenieur erzählte, dass er das Bild nicht verstehe. Keinem der dort Arbeitenden fiel jemals auf, dass Kandinskys Strand und die dort befindlichen Segelboote senkrecht am linken Bildrand klebten. Ein Skandal an Land und undenkbar, doch auf See stört es niemanden.

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„I want to break free“

von “Queen” haben sie schon 1000mal

gehört. Aus hunderten Kehlen philippinischer Matrosen gesungen in ihren Karaoke-Nächten voller Wehmut, Bier und Heimweh. Die SeeSchönheiten sprechen weder englisch noch philippinisch. Doch die Texte der Karaoke-Lieder kennen sie auswendig. Aber Gauguins barbusige Frauen in ihren bunten Röcken können nicht ausbrechen. Den Rahmen, in dem sie als Poster hängen, können sie nicht sprengen. Sie bleiben Gefangene in der Crew-Bar. Doch vielleicht rettet sie Jon Bon Jovi vor der Abwrackwerft am Strand des Indischen Ozeans und bettet sie in sein „bed of roses“.

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Über den weißen Holzbuden der Promenade de la Plage von Le Havre, ein Himmel wie von Claude Monet gemalt. Zum Sujet seiner Bilder gehören vor Le Havre die Reede, die Schiffe auf ihr und der Himmel mit seinen plötzlichen Farbveränderungen Gewitterstimmungen Dunkle Regenwolken schieben sich bedrohlich ins ruhende Blau. Die Sonne gibt ihr schwächlich-mattes Gelb dazu. Der impressionistische Künstler malte häufig die Kreide-Steilküste von Étretat. Auf der Reede in der Bucht sind viele Schiffe in Sicht. Vor rund 150 Jahren bei Monet waren es stolze Drei- und Viermaster, heute warten ContainerSchiffe auf freie Liegeplätze im Hafen. Vo n d e r B r ü c k e e i n e s s o l c h e n Container-Schiffes in der Bucht von Le Havre, weit 40 m über dem Meeresspiegel sehen die weißen Holzbuden an der Promenade de la Plage aus wie kleine Streichholz-

schachteln. Auch die Kreidefelsen von Étretat wirken lange nicht so gewaltig wie auf den Bildern Monets. Vor 150 Jahren stand der Impressionist hier häufig unter freiem Himmel und malte die See, das Licht und deren Spiegelungen im Wasser, den weiten Himmel mit seinen dunklen Regenwolken und erfand so nebenher den Impressionismus

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Monet’s Originale wanderten aus den Häusern reicher Reeder in die Museen der Welt, viele hängen am Ende der Promenade im MuMa, dem Musée d‘art moderne André Malraux . Und die preiswerten Drucke seiner Werke schaukeln an den Wänden in der Purser-Kammer durch die Bucht von Le Havre.

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Auf Reede – vor Anker Seit Stunden ca. 20 Seemeilen nördlich zwischen Spiekeroog und Wangerooge auf Reede vor Anker. 53°/54 Min. Nord – 7°/50 Min. Ost. Gegen Mitternacht kommt der Nordseelotse über die Jakobsleiter an Bord, später dann gemeinsam Elb- und Hafenlotse. Viele Schiffe liegen auf Reede ebenfalls vor Anker. Was haben sie für Bilder an ihren Wänden? Gar keine? Oder ähnliche? Und die fahrenden Hochgaragen, die Autotransporter? Hängen dort die berühmten und die limitierten PirelliKalender mit den nackten Mädchen? Keine Stille. Doch leiser der Lärm der Maschine und geringer deren

Vibrationen. Die Crew ist unsichtbar und in den Aufbauten verschwunden. Nur der Watchman steht auf der Brücke. Ab und zu schlägt eine starke Welle seitlich gegen den Schiffsrumpf und lässt ihn erzittern

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Am Himmel eine matte milchScheibe. Aus pastellfarbenen Seenebeln auftauchend und darin wieder verschwindend: Bulker, Öltanker, Container-Schiffe, Cruise-Liner und Fähren. Viel Verkehr im Turnerlicht vor England. Doch die See hat den Kanal noch lange nicht voll. Vereinsamt blicken Marilyn Monroe und Muhammed Ali im Gymnasium auf unbenutzte Tischtennisplatten und v e r w a i s t e Tr a i n i n g s g e r ä t e , w i e Tr i m m r ä d e r, H a n t e l b ä n k e u n d Gewichte. Ein Bild von Gerhard Richter hängt n i c h t a n d e r Wa n d . D e n n i h r e Seestücke malt die Natur selbst. Grauer Himmel wölbt sich über bleierner See. Nur schemenhaft, wie bei Richter, teilt der Horizont die Bildmitte.

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Drei Farben grau Neu gebildeter Rost auf den Decks wird weggeklopft oder weggefräst, mit Rostfarbe ausgepinselt und später mit grauer Schiffsfarbe übergestrichen. Immer wieder. Durch diese Anstriche entstehen Übermalungen, Nuancen, Schattierungen und Einsprenkseldurch Regen, Schmutz und Öl. In Pfützen von Regenwasser oder ReinigungsSeewasser auf den Decks spiegeln sich die Farben der Container. Diese Effekte erinnern an Bilder von Piet Mondrian, Gerhard Richter und William Turner

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Ihre Originale hängen in den größten und besten Museen der Welt: Im Museum of Modern Art in New York, im Louvre in Paris oder in der Tate Gallery in London. Ihre billigen Kopien hängen als Reproduktionen oder Drucke nicht an gemauerten Wänden wie denen in Museen, sondern an feuerfesten aus Stahl. Während die Originale für immer und ewig an festen Plätzen verortet sind, reisen ihre Kopien um die Welt. Die Originale werden konserviert, restauriert und in immer gleichem Klima gehalten und streng bewacht. Ihre Kopien reisen unbewacht und frei mühelos über Zeit- und Klimazonen. Die Originale sehen täglich hunderte,

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gar tausende von Besuchern aus aller Welt. Ihre Kopien werden von keinem


Hongkong.

Picasso vor Sizilien 36° 22’ 47’’ N / 15° 10’ 8’’ E

Blaue Zitronen in Puerto Limon.


Reisen ist für beide ein Grundnahrungsmittel.

ContainArt - Galerien auf Seefahrt

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Nun haben sie auf ihren Containerschiffsreisen etwas entdeckt, was aus westeuropäischer Sicht kulturellen Hochmut, aus der Sicht des Globalen eher Schulterzucken auslösen mag.

Barbara Hartmann und Jürgen Banse sind der Innen- und Außenwelt großer Containerschiffe leidenschaftlich verfallen: Inspiriert von Reproduktionen der großen Meister klassischer Kunst, die in Unterkünften, Gemeinschafts- und Maschinenräumen der Schiffe hängen, verwandeln sie mit Fotografien

und Texten die Banalität des Alltäglichen in Momente der Poesie, wohlwollend, distanziert.

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! ! ! ! Reisen zwischen Poesie und Wirklichkeit

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In den Schiffsräumen unter und über Deck hängen Reproduktionen der Meister der klassischen europäischen Moderne wie z.B. Monet, Macke, Picasso, Renoir oder Kandinsky. Kaschierte Drucke, Maritimes, Blumen, Landschaften, Stillleben, Photographien weltweit bekannter Personen.

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Barbara Hartmann und Jürgen Banse reisen mit Containerschiffen auf allen Weltmeeren und dokumentieren, worüber

sie sich wundern.

Hartmann und Banse haben die zahlreichen Reproduktionen als Teil eines inszenierten räumlichen Arrangements begriffen, sie so fotografiert, sie so beschrieben. Und versucht zu ergründen, ob dieser Umgang mit westlicher Kunst den Anspruch der Reederei auf gesteigerte Wohnlichkeit für die meist philippinischen Besatzungsmitglieder erfüllen kann.

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Sie haben sich während der letzten beiden Jahre wochenlang

in diesen schwimmenden – scheinbar unbewohnten – gigantischen Kleinstädten aufgehalten. Immerwährender

Lärm, monströs große Maschinen, Arbeit rund um die Uhr, ölverschmierte Kulissen, Horizonte. 


Maßgeblich ist aber die künstlerische Aussage, die Hartmann und Banse während ihrer Reisen zwischen Poesie und Wirklichkeit und angesichts der Galerien auf See formulieren. Sie haben mit Bild und Text im Hafenmuseum Speicher XI eine Ausstellung geschaffen, deren künstlerische Kuriosität und handwerkliche Solidität für sich sprechen. 
 Albrecht Lampe


Blumenbild. Ohne Titel 1. Ohne Titel 2. Ohne Titel 3 . Muhammad Ali. Ping. Und Pong. Karibik.

TIXE. ESACRIATS. Vor Felixstowe. Englisches

Seebad. No longer. Mond채n. Over.


Die Originale befinden sich in den größten und bedeutendsten Museen der Welt. Ihre billigen Kopien hängen als Reproduktionen an feuerfesten Wänden aus Stahl. Sie sind auf allen Weltmeeren und in den Häfen der Welt zu Hause.

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Wie viele Bilder sich wohl auf diesen Schiffen befinden? Gäbe es auf jedem Schiff nur 50, dann wären es auf allen Containerschiffen bereits

250.000.Das macht bei 100 Postern pro Schiff eine halbe Million Bilder. Die größte Galerie der Welt!

Not Abstract Light Painting 1. Valencia, España.

Da hängen Poster von Marilyn Monroe und John Wayne neben Gemälde-Reproduktionen von Picasso und anderen Größen. Ein Kandinsky-Druck hängt seit Jahren, um 90 Grad gedreht, verkehrt im Maschinenraum, nur so fand er Platz zwischen den Armaturen. Keinem der dort Arbeitenden fiel es je auf. Ein Skandal an Land, doch auf See stört es niemanden.

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Maggie.


Light Painting,Maritima Valencia, Espa単a.

Not Abstract Light Painting 1. Valencia, Espa単a.


Wie fühlen sich Gauguins Südseeschönheiten mit den blauschwarzen Haaren in ihren bunten Röcken an Bord?

I want to break free von “Queen” haben die exotischen Modelle schon tausend mal gehört. Aus hunderten von Kehlen philippinischer Matrosen, gesungen in ihren Karaoke-Nächten voller Wehmut, Bier und Heimweh

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Wer entscheidet über die „Ankäufe“ der Kunst auf Container-Schiffen? Nein, nicht der Reeder. Auch nicht die Investoren oder Gesellschafter. Es entscheidet die Besitzerin einer kleinen Firma in Buxtehude: „Ich suche die Bilder und Poster aus, wie andere Leute auch, die sich zu Hause was Nettes an die Wände ihrer Wohnung hängen möchten. Also was Sportliches für das Gymnasium, was Lustiges für die Bars und für die Offizierskammern eher etwas Seriöses.“

First Lady.

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Lady 2.

Die Seemänner haben selten das Glück, sich ihre Lieblingsbilder für ihre Kammern, ihr Zuhause für die nächsten Monate aussuchen zu können. Der erste Offizier hatte verschlafen: „Der hat die Arschkarte gezogen, für ihn waren nur noch Sonnenblumen und so ein Scheiß übrig.“


Another Lady.

Light Painting, Tugs, Panama.

Paradise. Malaysia.


Superman. Südchinesisches Meer.

Auf einem Schiff zu arbeiten, heißt für den Seemann vor allem malochen, malochen, malochen.

Van Goghs Ohr vor Antwerpen.

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Der Landgang wurde für die Seeleute praktisch abgeschafft – nur noch in wenigen Häfen ist er möglich, in vielen gar verboten. Nur Internet, Facebook oder skypen ist hier für sie möglich. Und sehen wie die Kinder in der Ferne heranwachsen.


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Goethe Institut München /// August 2014 - Januar 2015

Hafenmuseum Speicher XI Bremen /// Januar - 1. März 2015 www.hafenmuseum-speicherelf.de/Sonderausstellungen-Aktuell.html © Jürgen Banse und Barbara Hartmann, 2015

www.contain-art.com

Port of Beirut

Gefördert von

www.bildergipfel.de


Biskaya Blue. Nach dem Karaoke-Abend.

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Contain Art - Galerien auf Seefahrt  

Barbara Hartmann & Jürgen Banse