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Das Magazin fĂźr erlebbare Kommunikation im Raum

Nr. 25

www.raumbrand.de

ISSN 1613-3501 11/2012 8 Euro

Schwerpunkt

CHANCEN Swarovski Ein Blick in die Glitzerwelt mit Markus Langes-Swarovski

Falsch! Die Grauzone zwischen Inspiration und Ideenklau

Nokia Siemens Networks Kommunikation im Raum auf dem Mobile World Congress


Ahoi!

Fotos: © Marina Bay Sands

Das Resorthotel Marina Bay Sands besteht aus drei 55-geschossigen Hochhäusern, die durch eine 1,2 Hektar große „Sky Terrace“ miteinander verbunden sind. Dieser „Sands Sky Park“ in 191 Meter Höhe umfasst Restaurants, Nachtclubs, einen Garten mit Bäumen sowie den 146 Meter langen „Infinity Pool“, das weltweit größte Außenschwimmbad auf einer solchen Höhe. Von dieser Dachterrasse, die 3.900 Personen Platz bietet, hat man ein 360-Grad-Panorama auf Singapur. Um die durch Wind verursachten Bewegungen der Türme auszugleichen, gibt es vier Bewegungsfugen zwischen den drei Pools mit einem Spiel bis zu 500 Millimetern. Individuelle Hebestützen unter jedem Pool vermögen Bodensenkungen der Türme auszugleichen, damit der „Infinity Pool“ auch in Zukunft problemlos funktioniert. Die Gesamtkosten des Projekts sollen sich nach Angaben der New York Times auf 5,4 Milliarden US-Dollar belaufen. 

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Marina Bay Sands

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Inhalt

Ausgabe Nr. 25 Schwerpunkt

Chancen

4 Inhalt 6 Editorial 10 Pack das Glück bei den Hörnern! Wer seine Chance nutzen will, muss jetzt die Gelegenheit beim Schopfe packen, das Eisen schmieden, solange es heiß ist – im Berufsleben wie im Privaten.

16 Präzision hinterm Märchenschleier Der Name Swarovski steht für modernste Kristallschleiftechnologie und Innovation, aber auch für Schönheit, Fantasie und Kreativität.

20 Falsch! Potenzielle Kunden lassen sich gerne Konzepte und Ideen präsentieren. Häufig folgt kein Auftrag. Manchmal sogar böses Erwachen. Der Kunde setzt die Sachen selbst um.

26 Nachgefragt 28 Facebook als Klickmaschine Seit Web 2.0 spätestens ergeben sich bei der elektronischen Kunden- und Unternehmens­ kommunikation ganz neue Tendenzen, Social Media oder Social Networking stehen dafür.

34 Zeit für Experimente Immer an vorderster Front mitmischen und immer einen Schritt voraus sein. Architektur ist nicht Bauen, die Praxis im Bauen hat nichts mit der Praxis im räumlichen Denken zu tun: Asymptote Architecture.

39 Fokus

41–52 Forum IM IM Intelligente Messebauten, das Heft im Heft in r­ aumbrand. Best practices für Messewelten als Indentitäts­stifter, Brandspaces und Markeninszenierung. In dieser Ausgabe: Impress, Siemens und Nokia Siemens.

54 Gutes und Neues

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Inhalt

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Chancen

„Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Aber es glänzt auch nicht alles, was Gold ist.“ Wie oft haben wir diesen Spruch, oder besser gesagt die Weisheit, schon einmal gehört. Dabei hat dieser Spruch oftmals gar nichts oder nur indirekt etwas mit dem Edelmetall Gold zu tun, aber im täglichen Leben wird der Spruch in vielen Lebenslagen verwendet. Entpuppt sich beispielsweise der neue Traumjob als ein ganz normaler und sehr stressgeplagter Job, dann wird mit dem Spruch eigentlich nur die Realität widergespiegelt, dass nicht alles perfekt ist, was vorher den Anschein hatte. Was wohl allemal zutrifft auf die Bergarbeiter in der Goldmine unter dem System des so genannten cachorreo. Angetrieben durch den stark angestiegenen Goldpreis und in der Hoffnung auf die Chance des Lebens arbeiten sie 30 Tage lang ohne Entgelt und unter katastrophalsten Gesundheitsbelastungen für die Bergbaugesellschaft, die Corporación Ananea. Am 31. Tag dürfen sie dafür so viel Gestein aus der Mine mitnehmen, wie sie auf den Schultern tragen können. Wie viel Gold sich im Gestein befindet, ist Glückssache … Mehr zum Thema Chancen ab Seite 10

56 Meisterhafte Ikone des italienischen Stils Mit seinem unverwechselbaren Design, geräumigen Innen, handwerklichen Details, seiner guten Performance bietet Maserati höchstes Fahrvergnügen.

60 Von der Kellerwerkstatt zum Weltmarktführer Die Kathrein-Gruppe ist der weltweit älteste und größte Antennenhersteller und ein führendes HighTech-Unternehmen der Kommunikationstechnik.

63 Buchtipps Foto: © Nicolas Reynard / laif

64 Zündstoff 66 Vorschau | Impressum

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Inhalt

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Editorial

Nr. 25 Ihre Chance

raumbrand 03 Peter Schneider Interview | Peter Schneider

Chancen ergeben sich nicht, sie sind stets vorhanden …

Der dezente Dialektiker A discreet dialectic

” Eva Stetter f Braun© (11), Oliver Schmitt© (8)

Transparente Architektur in Kronberg, gleich am Ortseingang: die Braun Hauptverwaltung im Taunus. Das Gebäude ist beeindruckend und die Transparenz Programm im Hause Braun. Charmant bereitet uns die freundliche Dame aus der Abteilung Corporate Design darauf vor, dass wir nun in das „alte“ Gebäude gingen. Es ist labyrinthisch hier, nicht ganz so luftig wie nebenan, hat aber seinen eigenen Charme, das „Alte“. Peter Schneider kommt herein, ein leises Lächeln. Er hat etwas vergessen, geht noch mal und holt Bananensaft und natriumarmes Wasser. Das sei untypisch für ihn, meint er, aber er habe gerade gefastet…

» raumbrand: Herr Schneider, was bedeutet Ihnen persönlich die HfG Ulm? Schneider: Sehr viel. Ich habe eine ganz spezielle Beziehung zur HfG Ulm, weil ich mich dort beworben hatte, um Design zu studieren. Aber sie wollten mich nicht sofort aufnehmen. raumbrand: Warum nicht? Schneider: Das Anforderungsprofil der HfG verlangte ein Praxissemester bzw. ein Praktikum. Da ich mich aber direkt nach dem Abitur dort beworben habe, konnte ich das natürlich nicht vorweisen. Mein Portfolio war nicht so groß. In erster Linie hatte ich Fotos. Damals dachte ich noch, ich werde Fotograf, bevor ich dachte, dass ich Dirigent werde. Sie boten mir als Alternative zu einem Praktikum an, ein Semester an der Folkwang Schule in Essen zu studieren – das wurde wohl als ‚Praxis‘ anerkannt. Diese Schule hatte seinerzeit –

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Kreativität

nach der HfG – das beste Renommé. So bin ich dann in Essen gelandet. Als ich im zweiten Semester war, wurde der Betrieb an der Ulmer Hochschule eingestellt. Insofern war es wohl die richtige Schicksalsempfehlung… Die Hochschule in Essen war offener und freier, nicht so dogmatisch wie in Ulm. Und viel funktionaler, lebensnäher. raumbrand: Welche Rolle spielt Design im Alltagsleben? Schneider: Eine sehr zentrale und wichtige Rolle. Das hängt damit zusammen, dass wir Menschen ‚Augenmenschen‘ sind. Alles, was sich uns visuell darstellt, hat im weitesten Sinne mit Design zu tun. Im engeren Sinn mit Produktdesign, das ein wertvoller Bestandteil eines guten Produktes ist. Das ist eine spezielle Welt… Wir bewegen uns in einer Konkurrenzsituation, wie wir sie bislang noch nicht

hatten. Der Erwartungshorizont der Verbraucher ist deutlich gestiegen. Wir sehen Einflüsse, besonders von großen Handelsgesellschaften, die unsere Produktkultur bestimmen. Wir haben es mit der Globalisierung zu tun. Diese Spielregeln sind neu, und es gilt sie zu meistern. raumbrand: Werden die Menschen zunehmend ‚designbewusster‘? Schneider: Ja, wir haben es durchaus mit einem größeren und weit verbreiteten Designbewusstsein zu tun. Man denke nur an die ganzen Anstrengungen der Designförderungen, die seit den 50er Jahren betrieben werden, und die nun Früchte tragen. Andererseits gibt es auch ein Bewusstsein für den Wert, die Tiefe und auch die Moral. Diese Dinge waren in den 60er, 70er Jahren von großer Bedeutung. Das hat im selben Maß, wie Design populär wurde, nachgelassen. Der ‚akademische‘

Teil des Designs ist nicht mehr so vordergründig, wie es mal war. Das hängt damit zusammen, dass die Verbraucher viel selbstbewusster und kritischer geworden sind. Jeder entscheidet für sich selber: gefällt mir das oder gefällt mir das nicht? Vor ein paar Jahren orientierten sich die Leute noch viel mehr an so genannten Design-Gurus. Heute spielt es keine so große Rolle mehr, welcher Meister welche Meinung hat. Wir haben es mit einer breiten Awareness zu tun, allerdings einer oberflächlichen. raumbrand: Gibt es Unterschiede beim Absatz bestimmter Produktlinien, gibt es ein ‚europäisches‘ Designempfinden? Schneider: Es gibt Unterschiede zwischen dem europäischen, amerikanischen und fernöstlichen Empfinden. Doch durch die Globalisierung löst sich das immer mehr auf. Alles beeinflusst sich gegenseitig immer stärker. Die Japaner wollen westliches Design schaffen und wir schauen was die Japaner machen. Gleichzeitig gibt es eine gewisse Unsicherheit, eine Angst im Hinblick auf die Globalisierung. Die rasanten Entwicklungen überrollen die Menschen. Es gibt den Trend zur DesignVereinheitlichung und einen Gegentrend: Kleine Inseln entstehen, man sucht wieder Identitäten. raumbrand: Der Designer als Soziologe? Schneider: Ja, vielleicht. Sie müssen Gesellschaft assimilieren, Trends antizipieren, die Antennen müssen stets ausgefahren sein. Es gibt Methoden dafür; so arbeiten wir zum Beispiel mit Trendbüros zusammen. Wir versuchen, möglichst viel nach draußen zu gehen und an der ‚Szene‘ teilzunehmen. Was wir selbst nicht leisten können, dafür haben wir MarktforschungsInstitute und andere Kanäle, die uns täglich mit Ideen, neuen Erkenntnissen und Entwicklungen nähren. Design wird am wenigsten durch Design beeinflusst: sondern durch technologische und gesellschaftliche Entwicklungen bis hin zu Wer-

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bung und Gesetzgebung. raumbrand: Die Grenzen zwischen Produktentwicklung, Management und Marketing sind im Wandel. Damit hat sich auch die Aufgabe des ‚klassischen‘ Designers verändert. Welchen Herausforderungen stehen Sie heute gegenüber? Schneider: Managementfähigkeiten sind heute auch im Designbereich absolut notwendig. Wir waren – und sind immer noch – eine kleine Designabteilung. Wir bewältigen hier mit nur 22 Leuten, davon acht Designer, ein unglaubliches Programm. Wir machen Produktdesign für Braun und Oral B und auch CI-Design für Braun und den Campus Kronberg. Philips hat 400 und international, soweit ich gelesen habe, sogar 600 Designer. Aber damit sind wir beim Punkt: die Designer hier sind eben nicht ‚nur‘ Designer, sie sind auch Manager. Dieses Pensum ist nur so zu bewältigen, indem sich die einzelnen Designer als Unternehmer verstehen. raumbrand: Generiert Quantität Qualität? Schneider: Na ja… Die Produktlebenszyklen werden zunehmend kürzer, das schlägt sich auf die Entwicklungszeiten nieder. Diese sind manchmal so lang wie die Produktlebenszyklen, d. h. die Entwicklungszeiten müssen eigentlich immer kürzer werden. Ich spreche gerne von einem ‚Hole-in-One-Design‘, mit einem Schlag muss das sitzen und dafür braucht man Erfahrung und Talent. ‚Der ganze Kuchen muss auf einmal gebacken werden‘. Das ist nicht zu stemmen allein mit Kreativen, dafür braucht es gestandene Leute, die sich auch als Designmanager verstehen. Wobei dieses Wort ‚Designmanagement‘ ein völlig falsches ist... raumbrand: Welche Bezeichnung würden Sie dafür wählen? Schneider: Es gibt Design und es gibt Management. Und das Management muss heute automatisch ‚Design‘ mit auf der

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„Dinge müssen optimal funktionieren, dann sind sie auch schön. Funktionalität hat immer ein gewisses Maß an Ästhetik, da muss man gar nicht mehr so viel herum­ designen und herumpolieren. Einfachheit richtig

… sagt ein altes Sprichwort. Sie zu erkennen und zu nutzen ist der Weg zum Erfolg. Als wir 2003 mit dem Projekt raumbrand begannen, wussten wir nicht, wohin der Weg uns führt. Jetzt aber wissen wir: raumbrand – als Kundenmagazin gestartet – hat sich zu einem Sprachrohr für Erlebbare Kommunikation im Raum entwickelt. Mit der Jubiläumsausgabe 25 seit seines Bestehens vor nun beinahe zehn Jahren hat sich das mehrfach ausgezeichnete Magazin kontinuierlich weiterentwickelt – inhaltlich wie optisch. Wir haben die Chance genutzt, mit unterschiedlichsten Protagonisten aus der Branche in Kontakt zu treten, indem wir Kommunikation aus unterschiedlichen Blickrichtungen viel­fältig und informativ aufbereitet haben. Dadurch ist es sogar gelungen, raumbrand als eigene Marke zu etablieren und daraus eine eigenständige Plattform zu formen. Von Anfang an steckten spannende Themen, packende Re­por­­tagen, aufschlussreiche Informationen und geistreiche Unterhaltung dahinter – und natürlich viele kluge Köpfe. Daraus haben wir stellvertretend 10 Wegbegleiter ausgewählt, die sich in einer der Ausgaben zu Wort gemeldet hatten. Kombiniert mit allen Titeln seit der ersten Ausgabe.

Peter Schneider | Interview

raumbrand im Gespräch mit Peter Schneider

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3D-Branding

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Integrierte Kommunikation

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Corporate Architecture

angewendet kann sehr spannend sein“, so Peter Schneider, der dezente Dialektiker. raumbrand sprach in der Ausgabe 03.04 mit dem damaligen Leiter der ­Designabteilung bei Braun.

Foto: © Kerstin Fischer

Schauen Sie selbst …

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Editorial

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raumbrand 12 Peter Sloterdijk Interview | Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk | Interview

Wider die Notwendigkeit raumbrand im Gespräch mit Peter Sloterdijk

” Nina Shell

Was haben Dackelbeine, Orchideen und Krankheiten gemeinsam? Launen der Natur? Nein, keine Launen, sondern Ausdruck von Luxus in unterschiedlichsten Varianten. Wer beim Thema Luxus lediglich an Dinge denkt, die man zwar gern hätte, die aber aus finanziellen Gründen unerreichbar bleiben, liegt falsch. Denn das Wort „Luxus“ steht im Lateinischen für Verschwendung und „üppige Fruchtbarkeit“. Und genau darin wurzelt der Begriff auch für Deutschlands bekanntesten Philosophen, Peter Sloterdijk. Ungewöhnliche Ansichten zum Thema tun sich auf im Gespräch mit einem außergewöhnlichen Mann in ungewohnter Interview-Szenerie: im ICE von München Richtung Stuttgart.

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raumbrand 09 Konstantin Grcic

raumbrand 06 Willy Bogner Die vielen Facetten des Willy B. Bogner – eine Marke, so lebendig und pulsierend wie der Mann dahinter

” Nina Shell f Oliver Schmitt© (7), Willy Bogner GmbH© (10)

In diesem Unternehmen herrscht ein guter Umgangston. Das merkt man gleich, wenn man in das leicht verschachtelte, bis zu den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts als Sauerkrautfabrik genutzte Gebäude in München-Trudering kommt. Sauerkraut ist längst passé, heute entstehen hier Highlights in Sachen Sportmode. Freundliche, entspannte Menschen überall – offensichtlich ein Vorzug des Familienunternehmens. Ein Rundgang durch die „Ahnengalerie“, großformatige Photos aus über 50 Jahren: Models mit dem am Leib, was den Namen Bogner zum Synonym für Sportswear machte. Dazwischen modelt der Meister selbst – Willy Bogner im rasanten Skirenndress, in einigen seiner zahlreichen Betätigungsfelder sein Arbeitsoutfit. Wobei wir gleich beim Thema sind: die Vielseitigkeit des Mannes, der – von zwei kreativen Frauen, seiner mittlerweile verstorbenen Mutter Maria und Ehefrau Sônia, beflügelt – immer mehrere Karrieren erfolgreich miteinander zu verbinden verstand. In 35 Ländern ist die Marke Bogner für Sportswear und Lizenzprodukte ein Begriff, Willys Karriere als Skirennläufer ist legendär, seine spektakulären Filme, darunter der erste deutsche Imax-Film, „Ski to the max“, füllen die Kinos. Ganz davon abgesehen, dass Willy Bogner auch mit bald 63 Jahren immer weiter vor Ideen sprudelt – und nicht eher ruht, als bis sie so perfekt wie möglich Realität geworden sind. Die Stimmung am Firmensitz ist entspannt, und Willy Bogner begrüßt uns freundlich, bevor Gattin Sônia ihn nochmal kurz entführt: Kleiderwechsel für den Fotografen… Lässig im blauen Poloshirt, das – soweit überhaupt möglich – das schier unglaubliche Blau seiner Augen noch mehr zur Geltung bringt, kehrt Bogner an den runden Tisch zurück, im Hintergrund passend zur Passion eine gigantische Vergrößerung des Schweizer Gipfels Ago die Sciora.

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raumbrand 2.05

raumbrand 2.05

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Krisenbewältigung

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Kundenbindung

„Kreativität ist gefragt. Genügend Geld ist eigentlich da, man muss die Leute nur begeistern. Das Jammern muss endlich aufhören.“ Für Willy Bogner geht es „schließlich nicht nur um niedrigere Preise, sondern vor allem auch darum, den Qualitätsstandard zu halten.“ raumbrand sprach mit ihm in der Ausgabe 06.05 über Bogner – eine Marke, so lebendig und pulsierend wie der Mann dahinter.

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Licht

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Design made in Germany

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Orientierung

„Gutes Design ist eher das Resultat aus dem Dialog zwischen Hersteller und Designer. Das gibt den Dingen einen Rahmen, Kontext und Struktur. Man teilt Wissen und Erfahrungen, hat die Fakten, also auch Technologien und Materialien, vor Augen; da­ raus ergeben sich letztlich die Möglichkeiten, wie ein Produkt werden kann“, so Konstantin ­Grcic, der unaufgeregte Essenzialist in raumbrand 09.06

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Identität

geht“, so Andre ­Heller. „Mir tut keiner was Gutes, wenn er mir Geld gibt. Meistens tue ich dem was Gutes, der das Geld geben darf.“ raumbrand sprach in der Ausgabe 11.07 mit dem Mann, der seine Träume lebt und andere daran teilhaben lässt – ein Lehrling fürs Leben.

die Notwendigkeit a.D.. Herr und Frau Notwendig, wo wohnen Sie denn eigentlich? Irgendwo ganz am Rand unserer Realitätskonstruktion. Eines der interessantesten Features der heutigen Realitätskonstruktion ist übrigens eine Art von Luxusdummheit, die früher mit dem Überleben der Gattung gar nicht kompatibel gewesen wäre. raumbrand: Geht es da um das Ausfüllen innerer Leere mit sinnfreien Substituten? Sloterdijk: Sicherlich auch, aber vor allem um die Lebenserfahrung, dass man an Dummheit nicht stirbt, dass es irgendwie immer weiter geht, dass es keine Sanktionen gibt, dass man für Minderleistung nicht bestraft wird. Auch unsere Jugend kriegt die Information: Es geht auch so, es geht auch ohne. Wenn man sich selbst auf passive Unterhaltung einstellt, entwickelt sich ein Habitus, dass man nur so lange

von seiner Intelligenz Gebrauch macht, wie es unbedingt nötig erscheint. Da werden auch Energien freigesetzt, die eigentlich zur Wahrnehmung höherer Ziele zur Verfügung gestellt werden müssten. Wenn die nicht gebunden sind, können sie frei vagabundieren, sich gegen uns wenden und in asoziale Aktivitäten investiert werden. Energiesparen ist so gesehen eine gefährliche Aktivität, sie steht dann für Aktivitäten bereit, die nicht genau definiert sind. Jeder Jugendliche ist fest davon überzeugt, dass der Sinn des Lebens darin besteht, sich zu amüsieren. Das ist ein Habitus, der aus der Aristokratie, der man ja gemeinhin ein Luxusleben zuspricht, kommt. Man denkt nicht daran, z. B. Militärdienst zu leisten, sondern der Stress heißt Sport. Sport kommt ja auch aus der Adelswelt, das Wort Sport enthält den Hinweis auf dessen Luxuscharakter. raumbrand: Inwiefern? Sloterdijk: Weil auch Sport zu den nicht zielgerichteten Vergnügen gehört. Die körperliche Anstrengung ist eigentlich nicht notwendig, wird aber ausgeübt. Stellen Sie sich mal vor, man hätte eine Maschine, die die gesamte Energie sammelt, die in den Fitnesscentern der westlichen Welt an einem

raumbrand 2.07

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„Eines der interessantesten Features der heutigen Realitätskonstruktion ist eine Art von ­Luxus­­dummheit, die früher mit dem Überleben der Gattung gar nicht kompatibel gewesen wäre.“ Ungewöhnliche Ansichten zum Thema Luxus taten sich auf im Gespräch mit ­Peter ­Sloterdijk, Deutschlands bekann-

„Man darf sich nur verbünden mit jemandem, der das liebt, was man tun will, und der dabei auch ein Risiko eingeht. Sonst fehlt die Leidenschaft. Ich habe Leute gern, die mit mir bangen, die ein Projekt auch als persönlichen Erfolg empfinden, wenn es gut

Willy Bogner | Interview

das nicht Notwendige noch betont wird. Interessante Aspekte hat dabei auch der Beerdigungsluxus, die Kultur der Grabmäler. Schon in der Antike hat es böses Blut gemacht, dass sich manche Reiche in ihren Mausoleen Sonderplätze im Jenseits besorgt haben. Im Grunde geht es immer um den Sieg über die Notwendigkeit. raumbrand: Das heißt, alles was über das zum Überleben Notwendige hinausgeht, fällt in die Kategorie Luxus? Sloterdijk: Wenn man es so betrachtet, sieht man, was es mit dem Luxus eigentlich auf sich hat. Luxus bringt eine Art zweite Investition in eine organische oder kulturelle Dimension, in ein Feld hinein, das in seiner Primärfunktion abgelöst oder gewissermaßen außer Dienst gestellt ist. Das ist das Geheimnis der Evolution: Die Außerdienststellung des Notwendigen, sozusagen

Fotos: ©Peter Rigaud c/o www.shotview.com; ©photocase.com (3); ©pixelio.de (2); ©raumbrand (3); ©Ferrari

» raumbrand: Herr Sloterdijk, ist Luxus nicht eigentlich der Definition des eigenen Ermessens unterworfen? Beispiel Karl Lagerfeld, der Einsamkeit und Zeit für sich als höchsten Luxus einstuft oder etwa eine Familie Beckham, bei der das Gefühl von Luxus vielleicht beim siebten Ferrari in der Garage anfangen mag … Peter Sloterdijk: Generell ist alles, was in die Kategorie der Sammlung einmündet, per se luxusverdächtig. Es sei denn es sind Archive, die im Sinne der Erkenntnisspeicherung wieder eine Funktion zugewiesen bekommen. Alles, was im Bereich der Privatsammlung stattfindet, seien das Kunst, seltene Käfer, Briefmarken oder Bücher, hat bereits Luxusdimensionen. Damit einher geht die Zurschaustellung der entsprechenden Besitztümer – Luxus geht mit Theatralisierung Hand in Hand, weil da gerade

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Mobile Welten

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Luxus

testem Philosophen, in raumbrand 12.05. Ein außergewöhnlicher Mann in ungewöhnlicher Interview-Szene: im ICE von München Richtung Stuttgart.

raumbrand 11 André Heller

Editorial

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raumbrand 14 Florian Hufnagl Titelthema | Interview

„Die Form an sich ist mausetot“ raumbrand im Gespräch mit Florian Hufnagl

” Nina Shell

Er gehört zur ersten Instanz zum Thema „Form“ – Professor Dr. Florian Hufnagl, Leiter der Neuen Sammlung in der Münchner Pinakothek der Moderne. Ein Hüter und Sammler prägender Formen des 20. und 21. Jahrhunderts mit Weitblick, der die Bedeutung der Form für die Zukunft neu definiert.

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Spitzentechnologie vorausgesetzt – aber die Kaufentscheidung ist letztendlich in hohem Maß eine emotionale. Und da entscheidet letztlich das Design. Niemand fährt gern ein Fahrzeug, das aussieht wie ein hässliches Entlein. Dabei ist der Brand, das Erscheinungsbild der Marke, heute wichtiger als das einzelne Fahrzeug. Emotion und ebenso gestaltete aber unsichtbare Dinge wie die Bedienbarkeit der Steuerelemente und Software rücken immer stärker in den Vordergrund. Die gute Form als solche, über die wir bei einer Kaffeekanne noch diskutierten, ist nicht mehr unser Problem. raumbrand: Es gibt Beispiele für Design, für neu entwickelte Gegenstände, die gleichzeitig Ausdruck einer ganzen Ära waren oder sind, wie zum Beispiel der Brezelständer von Günter Kupetz in den 50er-Jahren. Womit kann man so etwas heute vergleichen, mit dem iPod? Hufnagl: Klar, der Brezelständer ist heute obsolet. Der stand in der Freizeit auf dem Couchtisch, während man sich dem Fernsehgenuss hingab. Unsere Gesellschaft hat

sich verändert. Das Thema der Gestaltung ist interessant und spannend bei neuen Produkten, die auch für eine neue Welt stehen. Es gibt Dinge, wie das Radio, um genau zu sein: das Radioempfangsgerät, das völlig verschwunden ist. Seine Funktion übernehmen heute andere Geräte wie etwa ein MP3-Player. Design ändert sich zwangsläufig mit den Lebensgewohnheiten, mit den Veränderungen innerhalb der Gesellschaft und dem Wechsel in andere Kulturkreise. Darin liegt auch die Begründung, warum Design auch mal im Museum landen kann. Wenn sich unsere kulturellen Gewohnheiten verändern, dann verändert sich natürlich auch das Design. Ganz klar. raumbrand: Nichtsdestotrotz bleiben, gerade im häuslichen Umfeld, um noch mal auf die Kaffeekanne zurückzukommen, manche Dinge bestehen. Kann man die überhaupt ersetzen? Hufnagl: Aber ja, ganz sicher. Durch eine Espressomaschine zum Beispiel. Selbst beim Tee haben Sie inzwischen ganz andere Gewohnheiten.

raumbrand: Aber selbst Teebeutel werden heute nicht mehr nur klassisch gefaltet, sondern in speziellen Formen angeboten. Nur der Tee darin bleibt immer gleich… Hufnagl: So ist es. Und die Qual der Wahl wird immer größer. Das Design übernimmt natürlich eine hohe und ganz wichtige Funktion bei den Dingen des alltäglichen Gebrauchs. Das war seit eh und je so, auch als es das Wort Design noch gar nicht gab, und wird auch in Zukunft so bleiben. Nur: Der Wandel war noch nie so schnell und umfassend, wie wir ihn jetzt gerade erle-

„Die gute Form als solche, über die wir bei einer Kaffeekanne noch diskutierten, ist nicht mehr unser Problem.“ Fotos: ©H. Magerstädt; ©Oliver Schmidt (3)

» raumbrand: Herr Hufnagl, deutsches Design hat ja einen hervorragenden Ruf. Es gab eine Zeit, da waren klare Linien das Maß aller Dinge, ebenso der Leitspruch „form follows function“… In welche Richtung geht deutsches Design in punkto Form? Florian Hufnagl: Das muss man sehr differenziert betrachten. Die Form als gute Form allein für sich gesehen ist tot, mausetot. Und zwar schon lange, seit Memphis und Alchimia. Heute wird von einem Produkt mehr verlangt als die bloße Form. Es bleibt das Thema der Benutzbarkeit, aber irrationale Momente treten im Zeitalter einer Überflussgesellschaft natürlich in den Vordergrund, zunehmend können wir eine Emotionalisierung der Dingwelt beobachten. Jeder hat die Wahl, und zwar weltweit. Natürlich werden Produkte wegen ihrer Form und ihres Designs gekauft. Design ist ein ganz klarer Wettbewerbsvorteil und ein Verkaufsargument. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Gestaltung im Automobilbau. Hier wird vom Käufer der Einsatz von

ben. Das ist eigentlich das Thema. Design dient immer stärker zur Individualisierung der persönlichen Lebenshaltung oder des persönlichen Lebensgefühls. Das heißt, wenn man sich in einem bestimmten Bereich be-

wegt, dann identifiziert man sich mit dem Gegenstand und der Haltung, die diese nach außen vermittelt. Ein wunderbares Beispiel: Wir hatten in der Neuen Sammlung vor einiger Zeit Besuch von zwölf Designern aus der ganzen Welt. Dabei gab es drei Uhrentypen, von der Swatch „Jellyfish“ bis zur hochpreisigen Uhr. Jede Uhr war klassisch gestaltet, jede – auch die Swatch – ein Klassiker. Und damit hat natürlich auch jeder ihrer Träger eine bestimmte Haltung nach außen signalisiert. Da bekommt das Thema Gestaltung eine immer stärkere Bedeutung. Das ist wie beim Computer. Es

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gibt Apple und es gibt den PC. In der Verwendung des Gerätes drückt sich eine Haltung aus. Das findet auf der emotionalen Ebene statt, schlägt sich aber auch klar nieder in der Gestaltung. Der iPod ist innerhalb kürzester Zeit zur Designikone geworden. Zu Recht, wie ich meine. IBM ist mit den Entwürfen von Richard Sapper und dem klassischen Schwarz, das die HfG Ulm als Beispiel für klassische Erscheinungsbild für eine zeitlose technische Kompetenz entwickelt hat, dafür ein frühes Bespiel. Apple hat erkannt, dass die Dinge in einer globalen Welt in ihrer Erscheinung bunt sind, und

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„Die Form als gute Form allein für sich gesehen ist tot, mausetot. Und zwar schon seit langem, seit Memphis und Studio Alchimia. Heute wird von einem Produkt mehr verlangt als die bloße Form. Es bleibt das Thema der Benutzbarkeit, aber irrationale Momente treten im Zeitalter einer Überflussgesellschaft

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Farbe

Form

„Man muss es vor allem ehrlich meinen mit den Menschen und sie auch ein bisschen gernhaben. Immer dann, wenn ein Designer auf die Menschen zugeht, denn begegnen ihm Geschenke. Und die Menschen mer-

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Lebensräume

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Material

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Emotion

Zukunft

ken sehr wohl, ob eine Inszenierung oder ein Detail nur zur Erhöhung des Konsums dient oder ob es eine ehrlich gemeinte Geste für sie ist.“ raumbrand in der Ausgabe 15.08 im Dialog mit dem wohl besten Kenner von Erlebniswelten weltweit: Christian Mikunda.

natürlich in den Vordergrund, zunehmend können wir eine Emotionalisierung der Dingwelt beobachten.“ raumbrand im Gespräch mit Florian Hufnagl über die Bedeutung der Form für die Zukunft (in 14.07).

Der eine inszeniert, der andere analysiert: Kommunikationsarchitekt Franz P. Wenger im intensiven Dialog über die Magie „Dritter Orte“ – vor Ort in der Münchner BMW Welt.

a Herbert Lechner

Ein strahlender Winter-Sonntag in München. Doch mehr noch als das schöne Wetter scheint Einheimische wie Touristen die neue BMW Welt zu locken. Das außergewöhnliche Gebäude hat sich offenkundig zu einem „Dritten Ort“ entwickelt, wie das Christian Mikunda in seinem Buch „Marketing spüren“ nennt. So steht nur die streng abgegrenzte Business Lounge für ein ungestörtes Gespräch zur Verfügung. Franz P. Wenger im Dialog mit dem wohl besten Kenner von Erlebnisszenarien weltweit.

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Editorial

raumbrand 1.08 | Design Dialog

Fotos: © Oliver Schmidt (4); © BMW AG (1)

Franz P. Wenger im Gespräch mit Christian Mikunda

» Franz P. Wenger: Herr Mikunda, lassen Sie uns, vielleicht gerade angesichts dieses so vielfältig inszenierten Ortes, zunächst beim Thema Reduktion und Entschleunigung beginnen. Es ist unschwer festzustellen, dass spätestens seit 2001, als die beiden Flugzeuge in das World Trade Center gestürzt sind, jene überbordenden Gefühle und gesellschaftlichen Ansprüche, die eigentlich die 90er-Jahre bestimmt haben, verschwunden sind. Die Menschen haben sich wieder verstärkt die einfachen Dinge bewusst gemacht. Einfach nur einen Job zu haben, ist etwas Wertvolles geworden. Früher wollten alle an der Börse den großen Reibach machen. Christian Mikunda: Genau. Mit 30 Millionär sein, das war ja so ein beliebtes Ziel. Wenger: Sicher haben für diesen Sinneswandel auch noch andere Faktoren mitgespielt, beispielsweise das Platzen der Internet-Blase. Und vielleicht auch eine gewisse Ernüchterung, dass nach dem magischen Schritt ins dritte Jahr-

tausend die Welt eigentlich genauso weiterlief wie zuvor. Mikunda: Es ist tatsächlich verblüffend, dass wir heute in der Zukunft leben! Wir befinden uns im Jahr 2008 – das, was man früher als Zukunft bezeichnet hat. Und die Autos fliegen immer noch nicht. Und wir müssen immer noch staubsaugen. Aber dafür sitzen wir hier in einem futuristisch gestalteten Gebäude, das vor zehn Jahren so überhaupt nicht zu berechnen gewesen wäre. Erst durch die Weiterentwicklung des Computers ist das möglich geworden. Das ist eben das Verblüffende: Einerseits ist die Zukunft doch ganz schön normal geblieben, zum anderen sind Dinge selbstverständlich, die wir vielleicht aus Science-Fiction-Filmen kennen. Dass es eine Veränderung gibt, das konnten wir ab dem Sommer 1998 feststellen: Ganz plötzlich war weltweit und innerhalb von wenigen Wochen die Erlebnisgesellschaft erwachsen geworden. Plötzlich hatten die Menschen eine

Sehnsucht, Erlebnisse auch mit Inhalten verbunden zu sehen. Das Design wurde wichtiger als die Dekoration. Man sehe sich nur dieses Gebäude der BMW Welt an. Das hätte es doch früher nur als Konzernzentrale gegeben. Oder vielleicht als Museum. Als ein extrem hehres Objekt, ganz weit weg vom normalen Leben. Und heute kommen die Leute hierher, um sich ein Auto abzuholen! Wenger: Das „Autoabholen“ ist wahrlich nicht mehr der Kernpunkt dieses Bauwerks. BMW hat sich hier selbst ein Statussymbol zu setzen versucht, das darüber hinaus auch als Wahrzeichen der Stadt funktionieren wird. BMW prägt ja auch seit Jahrzehnten die Stadt München mit, sodass dieses Zeichen weit über eine bloße Auslieferzentrale hinausgeht. Ist es nicht vielmehr ein Punkt des Treffens, des Begehrens – um Ihre Begrifflichkeit zu benutzen: ein „Dritter Ort“? Mikunda: Man muss nur einmal auf die Men-

Design Dialog | raumbrand 1.08

Herausforderung

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Mehrwert

„Mein größtes Anliegen ist, dass unsere Gesellschaft auf den aktuellen Strukturwandel zügig reagiert. Die kollektiven Sicherungssysteme der Industriekultur lösen sich auf, neue Spielregeln für die globale Netzwerkgesellschaft werden dringend benötigt“, fasst Peter Wippermann in raumbrand in der Ausgabe 18.09 zusammen. „Freiheit und Eigenverantwortung brauchen neue gesellschaftliche Normen. Meine Hoffnung ist, dass Netzwerke auf Kooperation angewiesen sind, und die Theorie besagt, dass Kooperation Moral erzeugt.“

raumbrand 15 Christian Mikunda

„Man muss die Menschen schon ein bisschen gernhaben.“

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raumbrand 21 Klaus ­Dittrich

München ist einer der führenden europäischen Medienstandorte. Mehr als ein Drittel des Gesamtumsatzes der In­ formations- und Kommunikationsbranche in Deutschland wird in einer breiten Vielfalt im Raum München generiert. Und: Der Standort besitzt weiterhin Anzie-

„Sich um die Kunden bemühen, wirtschaftlich handeln, innovativ sein und die Themen besetzen. Als Innovationsführer im Messewesen und Partner des Kunden ihn ­aktiv unterstützen.“ So das

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Wachstum

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Ideen

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Verführung

Erfolg

Fortsetzung folgt …

hungskraft. Der Grund? Die bayerische Landeshauptstadt bietet den Medienschaffenden ideale Voraussetzungen und kreative Freiräume. „Medien brauchen immer einen großen Markt“, so Christian Ude im Gespräch mit raumbrand in der Ausgabe 23.10.

Credo von Klaus ­Dittrich, ein Mann von Format und Charakter, ein Netzwerker par excellence. raumbrand in der Ausgabe 21.10 im Gespräch mit ihm.

Zum Blick zurück muss der Blick nach vorne kommen. Nur so geht es voran. Wir wollen die Erfolgsgeschichte fortschreiben. Freuen Sie sich mit uns auf weitere 25 Ausgaben. Lassen Sie sich mit dieser Ausgabe zu mehr verführen. Nutzen Sie die Gelegenheiten, nutzen Sie die Chancen, immer wieder!

raumbrand 23 Christian Ude

An dieser Stelle herzlichen Dank für Ihre Treue, Ihre Anregungen und bisweilen auch kritischen Zuspruch der letzten Jahre. Bleiben Sie uns treu. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre unserer raumbrand-Jubiläumsausgabe.

Medienstandort mit Vielfalt

Ein starker Standort München ist einer der führenden europäischen Medienstandorte. Mehr als ein Drittel des Gesamtumsatzes der Informations- und Kommunikationsbranche in Deutschland wird in einer breiten Vielfalt im Raum München generiert. Und: Der Standort besitzt weiterhin Anziehungskraft. Der Grund? Die bayerische Landeshauptstadt bietet den Medienschaffenden ideale Voraussetzungen und kreative Freiräume. Udo Wittmann im Gespräch mit Münchens Oberbürgermeister Christian Ude.

Konferenzen, Messen und Auszeichnungen in den letzten Jahren sogar noch gewachsen. „Bei meinem Amtsantritt hatten wir noch großen Nachholbedarf im Messe- und Kongressbereich. Die Veranstaltungen fanden meinst in verschiedenen Hotels statt, was Schwierigkeiten für große Gruppen barg. Nun haben wir aber mit dem Internationalen Congress Center der Neuen Messe eines der zehn modernsten Kongresszentren weltweit, das Traumangebote für jede Größe bietet. Auch im Bereich Events war München früher etwas behäbig. Das hat sich jedoch geändert. „Mittlerweile öffnet sogar der Justizpalast etwa für eine Modenschau seine Türen“, verrät Ude.

Annette Wild

München spielt in der Top-Liga der Medienstandorte in Deutschland mit. Eine von der Stadt gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer angefertigte Untersuchung kam im Jahr 2007 zu dem Schluss, dass München in den letzten Jahren seine führende Stellung in der Medienwirtschaft behauptet hat, vor allem bei der Zahl der Medienschaffenden. Die Münchner Studie zählte in Medien und Journalismus über 63.000 Beschäftigte, in der Werbung etwa 30.000. „Medien brauchen immer einen großen Markt. Man kann nicht in kleinen Städten große Medien ansiedeln“, erklärt Christian Ude. So lange Berlin geteilt und München mit Hamburg größte Stadt Deutschlands war, hat sich die Medienlandschaft in München prachtvoll ent-

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raumbrand 3.10 | Markenstrategie

Christian Ude ist seit 1993 Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt München. Der SPD-Politiker ist den Münchner Medien neben seiner politischen Arbeit auch persönlich verbunden. Nach dem Abitur arbeitete er zunächst als Volontär, dann als Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Von 1972 bis 1978 war er ehrenamtlicher Pressesprecher der Münchner SPD. Neben seiner Tätigkeit als Oberbürgermeister ist Ude immer mal wieder auch als Buchautor und Kabarettist tätig. Für die Münchner Abendzeitung schreibt er regelmäßig Kolumnen.

wickelt. So wurde damals zu den vier bestehenden Münchner Zeitungen mit der tz noch eine fünfte hinzugefügt, weshalb München eine einmalige Zeitungsvielfalt bietet. „In Berlin höre ich immer den Spruch: ,Wir wären schon froh, wenn wir eine richtige Zeitung hätten’“, so Ude schmunzelnd. Mit der Wiedervereinigung wurde Berlin wieder der wichtigste Medienstandort in Deutschland. So verlegten etwa große Agenturen ihren Hauptsitz in die Hauptstadt. „Das hat jedoch die Medienlandschaft in München erstaunlich wenig beeinflusst“, sagt Ude und untermauert dies mit Zahlen. So hat München mit der Süddeutschen Zeitung die größte, überregionale Abonnement-Zeitung mit einer verkauften Auflage von mehr als 442.000 Exemp-

laren täglich und 1,16 Millionen Lesern. Zudem zählt die Stadt 176 Verlage, weshalb München die zweitgrößte Verlagstadt der Welt nach New York ist. „Wir liefern uns um den Titel ‚Verlagshauptstadt Deutschlands‘ ein Kopf an Kopf Rennen mit Berlin. 9.614 Novitäten sind 2008 in der bayerischen Landeshauptstadt erschienen, die damit an Berlin mit 9.495 Titeln vorbeizog. In München werden fast zehn Prozent aller deutschen und 64 Prozent aller bayerischen Erstauflagen produziert“, erkärt der Oberbürgermeister stolz.

Vernetzte Medienwelten Die Medienbranche erlebt zurzeit den größten Wandel in der Kommunikationswelt seit Gutenberg. „Trotzdem sind in unserer Stadt noch

Lust auf Medienberufe Kein Wunder also, dass es jedes Jahr viele junge Leute nach München zieht. Sie wollen hier lernen und viele von ihnen auch anschließend in den Münchner Medien Arbeit finden. So nutzen sie das große Ausbildungsangebot an Hochschulen, Akademien und in Betrieben. An der Hochschule für Fernsehen und Film können junge Filmemacher etwa in die Fußstapfen der Oscar-Preisträger Caroline Link oder Florian Henckel von Donnersmarck treten. „Und die Deutsche Journalistenschule, die inzwischen ihren 60. Geburtstag gefeiert hat, gehört neben der Hamburger zu besten des Landes“, so Ude. In München findet sich auch die katholische Journalistenschule. Schauspieler wer-

den an der Otto-Falkenberg-Schule ausgebildet, und die Bayerische Akademie für Werbung bietet ganze sechs verschiedene Studiengänge an. Daneben gibt es noch die Aus- und Fortbildungskanäle afk tv und M94.5, die den Einstieg in Fernsehen und Radio ermöglichen. All diese Ausbildungen bieten jungen Leuten die Chance, ihr kreatives Potenzial zu entfalten. Zum Schluss möchte Udo Wittmann noch gerne von Christian Ude wissen: „Was würden Sie sich für die nächsten fünf Jahre wünschen? Wie würden Sie München verändern wollen – nicht nur in der Medienlandschaft. Was wäre Ihr Ziel?“ „Wir sind eine der Top-Adressen in Europa. Doch ein unbegrenztes Wachstum wäre nicht

wünschenswert. Das hätte viele Nachteile. Allenfalls würde ich mir ein qualifiziertes Wachstum wünschen, an dem die Bevölkerung teilhaben kann. Im Grunde ist es ganz einfach: Wir brauchen genug Kinderbetreuung, damit auch Frauen ihre hohe Qualifikation einbringen können und die Kinder von klein auf gefördert werden. Außerdem wäre ein optimales Schulwesen mit Ganztagsangeboten wünschenswert, damit der Nachwuchs eine gute Ausbildung erhält“, bekräftigt Ude abschließend. Annette Wild, geb. 1973, Dipl. Angewandte Kulturwissenschaften, arbeitet seit zehn Jahren als freie Journalistin für verschiedene Münchner Zeitungen, Zeitschriften, Corporate-Publishing-Magazine, Internetseiten und Fernsehsender.

Markenstrategie | raumbrand 3.10

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F. P. Wenger Herausgeber raumbrand raumbrand 25

Editorial

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Pack das GlĂźck bei den

HĂśrnern!

10 Schwerpunkt Chancen

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Achtung! Die „Isierungen“ gehen um. Globalisierung und Digitalisierung stellen zurzeit die Geschäftsmodelle auf den Kopf. Wer seine Chance nutzen will, muss jetzt die Gelegenheit beim Schopfe packen, das Eisen schmieden, solange es heiß ist – im Berufsleben wie im Privaten. Chance bezeichnet eine günstige Gelegenheit, aber auch die Aussicht, bei jemandem, in etwas durch Sympathie Erfolg zu haben. In der Statistik ist das Wort ein Synonym für die Wahrscheinlichkeit, mit der ein günstiges Ereignis eintritt. raumbrand zieht Bilanz.

von Julia Leendertse

Klassisch klingt das so: „BayWa sieht neue Chancen in Energiewende – Dividende wird erhöht.“ Der Agrarhändler BayWa sieht im Zuge der Kursänderung der Bundesregierung hin zur erneuerbaren Energie und weg von der Atomenergie auch Chancen für das eigene Geschäft. Erneuerbare Energien würden weiter an Bedeutung gewinnen, so BayWa-Vorstandsvorsitzender Klaus Josef Lutz. In der Unternehmenssparte erneuerbare Energien soll im Gesamtjahr ein Betriebsgewinn (Ebit) von 25 Millionen Euro erzielt werden, so Lutz. Damit wird die Sparte überdurchschnittlich wachsen. Gute Wachstumsaussichten sieht der BayWa-CEO auch bei Getreide, welches in Zukunft auch für Autos als Energiequelle interessanter werden könnte. Die Aktionäre stimmten zudem einer Erhöhung der Dividende um 25 Prozent auf 0,50 Euro je Aktie zu, wie die BayWa weiter mitteilte. Es geht auch anders: Man nehme drei Berliner Jungs mit Informatikstudium, das Internet und ein paar Investoren. Heraus kommt eine Geschäftsidee, die Supermarktkunden intelligenter macht als sie jemals zuvor waren. Barcoo heißt die Software, die die Firmengründer Benjamin Thym, Martin Scheerer und Tobias Bräuer kostenlos Verbrauchern zur Verfügung stellen. Via Handy können sie damit den Barcode von Produkten vor Ort im Supermarkt scannen und vor dem Kauf unabhängige Verbraucherinformationen einholen. Wie viel Strom frisst mein neuer Computer wirklich? Wie steht es um die Ökobilanz des Trinkjoghurts? Gibt es den vielleicht woanders billiger? Und was würde eine Lebensmittel-Ampel über das Produkt sagen, wenn es die denn endlich gäbe? Ein Blick auf das Handy genügt.

Die Weisheit der Massen nutzen Die Antworten von Barcoo basieren auf Informationen von Greenpeace, WWF und der Verbraucherzentrale Hamburg. Und sie basieren auf dem Wissen von mittlerweile drei Millionen Barcoo-Nutzern, die in ihrer Freiraumbrand 25

zeit Sonderangebote eintippen oder den Fettgehalt von Chips oder Käse nach Barcoo-Kritierien in ein Ampelsystem einordnen. Damit nutzt Barcoo – wie viele andere der neuen Internetfirmen auch – die Weisheit der Masse. Die Idee: Jeder erledigt in seiner Freizeit in ein paar Minuten unentgeltlich klitzekleine Aufgaben. Aus den klitzekleinen Erledigungen wird ein großes Ganzes, von dem am Ende alle profitieren.

Die Wertschöpfung wird interaktiv Hoch lebe die neue digitale Wirtschaft. Sie macht die Wertschöpfung interaktiv. Doch die bange Frage der analogen Arbeiter und Unternehmen lautet: Wenn alle kostenlos arbeiten, wer wird dann morgen noch Geld verdienen können? Die Antwort lautet: Im Prinzip jeder. Aber eben nur anders. Barcoo etwa beschäftigt zwölf Mitarbeiter. Manchen Werbeagenturen jedoch flößt die Barcoo-Geschäftsidee Angst ein. Wird man uns auch morgen noch brauchen, wenn Coca-Cola, Nestlé oder Bahlsen schon über Barcoo bei der Kaufentscheidung selbst, punktgenau Werbung schalten können? Die Barcoo-Gründer kontern so: Wir wollen doch nur ein Stück vom Werbekuchen abhaben. Unser Geschäftsmodell ist eine Innovation, die weitere Innovationen nach sich ziehen wird. Kein Verbraucher hat sich vor der Barcoo-Ära jemals zuvor so viele Informationen zu Produkten aus dem Internet gezogen wie heute.

Co-Innovation ist im Kommen Fazit: Mag sein, dass einige alt hergebrachte Geschäftsmodelle über die Wupper gehen. Aber die Chancen, dass andere Geschäftsmodelle entstehen und ihren Erfindern und deren Mitarbeitern ein Auskommen ermöglichen, standen noch nie so wie gut heute. Start-ups und Technologiekonzerne beispielsweise erhalten durch Innovationsplattformen fast für lau Zugang zu Genies. Aber auch die smarten Problemlöser können über Co-Innovation à la Crowdsourcing persönlich Kapital aus der neuen Art zu forschen schlagen. Über Innovationsplattformen wie Innocentive, Ninesigma und Fellowforce schreiben Unternehmen aus Pharmazie, Chemie oder Informationstechnologie sowie Telekommunikation Wettbewerbe im Internet aus und lassen Forscher, Studenten und Hochschullehrer in aller Welt Probleme lösen. Für die besten Einreichungen winken Preisgelder in Höhe von bis zu 100.000 Dollar. Radhakrishna Ammanamanchi etwa, ein Schwerpunkt Chancen

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Wissenschaftler aus Bangalore in Indien, erkannte darin eine Chance, sich und einigen seiner Landsleuten zu einem ordentlichen Einkommen zu verhelfen. Ammanamanchi ist einer der emsigsten Problemlöser, wenn es gilt, Lösungen für biochemische oder chemische Pro­ bleme über Innovationsplattformen zu finden. Gerade im Fachgebiet Chemie löste der Inder zahlreiche Aufgaben, indem er Teams von Dutzenden Experten koordinierte, die mit ihm gemeinsam Lösungen für die veröffentlichten offenen Fragen fanden. Frank Piller von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen sieht deshalb bereits einen Paradigmenwechsel in der Innovationskultur anbrechen. „Open-Source-Wissenschaft hat ähnlich hohes Potenzial, Erfolgsgeschichte zu schreiben, wie die Entwicklung der Open-Source-Software Linux,“ urteilt der Innovationsforscher. „Deutsche gehören sogar zu den aktivsten Nutzern unserer Innovationsbörse“, bestätigt Innocentive-Chef Dwayne Spradlin. Anfang 2010 eröffnete das 32-köpfige Unternehmen seine erste Niederlassung außerhalb der USA in München. Auch die Münchner Innovationsplattform Hyve brachte für den Schmuckhersteller Swarovski einen Wettbewerb für Uhren- und Schmuckdesign ins Netz. In wenigen Wochen bildete sich um die Aufgabenstellung herum eine Designer-Community mit 1600 Menschen aus aller Welt, die mehr als 2000 Vorschläge einreichten. Die von Kunden am besten bewerteten Uhren-Entwürfe wurden um-

Marktchance: Augmented Reality Was möglich ist, wenn virtuelle und reale Welt sich dank Augmented Reality (AR) vermischen, macht der Sportschuhhersteller Adidas vor: Die Adidas-Sneakers „Superstar“ oder „Samba“ dienen ihren Trägern als Eintrittskarte in eine virtuelle Welt: In die Webcam gehalten, liest der Computer auf der Schuhzunge einen Code – und schaltet das 3D-Internetspiel „The Adidas Neighbourhood“ frei. Realisiert hat das die Münchner Firma Metaio, einer der Pioniere auf dem Feld der erweiterten Realität. Dank AR können Smartphone-Besitzer auch real fotografierte Räume schon mal virtuell einrichten. Ganz weit sind Forscher des Fraunhofer Instituts: Sie haben eine Brille entwickelt, die Joggern passend zum Gelände auf Augenblinzeln Motivationsmusik einspielt. Wer gerade einen Hügel raufrennt, kann dies zu Kate Bush’s Song

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Marktchance: Gesundheit Die Tuningbranche hat ein neues Feld für sich entdeckt: Rollatoren. Die meist schweren und optisch grenzwertigen Gehhilfen verwandeln Hersteller wie Bischoff & Bischoff in Karlsbad bei Stuttgart mit Hupen, Led-Leuchten oder Schirmhaltern in Geriatrieflitzer. Die aufgemotzten Rollatoren können auch schon mal ein Navi haben oder in einer Ultraleicht-Version Rentner auf die Rolle locken. Mit rund 260 Milliarden Euro Umsatz ist der Gesundheitsmarkt die größte Wirtschaftsbranche in Deutschland. Stark wachsend ist vor allem der Markt mit individuellen Gesundheitsleistungen wie freiverkäufliche Arzneimittel, Bio-Lebensmittel, Functional Food und Wellness. Dass sich nicht nur im Gehen, sondern auch bei der Büroarbeit an der Gesundheit Geld verdienen lässt, beweist der Büromöbelhersteller Steelcase. Er entwickelte eine Walk’n’Work-Station. Der Büroarbeiter hat seinen Computermonitor in einem Laufband in-

tegriert, um im Gehen mit maximal 3,2 km/h kreativ zu werken.

Marktchance: Elektronik von der Rolle Schalter, Siliziumchips oder Lämpchen auf Leiterplatten aufzulöten, ist „out“. „In“ ist es, Elek­ troden, Schaltkreise oder Leuchtstoffe auf Plastikfolien, die Bruchteile eines Millimeters dünn sind, aufzudrucken. Auf herkömmlichen Druckmaschinen entstehen so Elektronikfolien von der Rolle, aus denen sich Wegwerfprodukte wie Konzertkarten oder medizinische Teststreifen kostengünstig herstellen lassen. Elektronikfolien ermöglichen aber auch neue Produkte wie tapetenartige Folienlampen, Plastikbildschirme zum Einrollen oder transparente Solarzellen, die auf die Glasfassaden aufgeklebt werden. Und essbar soll die Elektronik auch schon bald sein: Forscher werkeln an Schaltkreisen aus BetaCarotin oder Glucose, die auf Früchte gedruckt den Reifegrad verraten. Marktforscher IDTechEx prognostiziert den Markt für Elektronik von der Rolle auf 55 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr 2020, zehn Jahre später, 2030, sollen es schon 300 Milliarden Dollar Umsatz sein. raumbrand 25

Foto: © S. 10 / S. 12: Nadav Neuhaus / laif; S. 13 o. Nicolas Reynard / laif; S. 13 u. Siering / imago; S. 15 Sven Simon / imago

Tu ’s!

„Running up the Hill“ tun. Marktforscher Gartner schätzt, dass der Markt rund um AR bis 2015 rund 1,5 Milliarden Dollar schwer sein wird.


gesetzt. Laut Hyve-Gründer Johann Füller kostet eine solche Aktion die Unternehmen zwischen 50.000 und 100.000 Euro.

Digital Natives empfinden Arbeit als Spiel Für die jüngere Generation (die Digital Natives – also die heute 13- bis 30-Jährigen) bedeutet Arbeit denn auch längst nicht mehr nur Pflicht, Selbstbeschränkung und Selbstdisziplin, der Beruf soll vor allem eins bringen: Spaß. Dieser spielerische Ansatz bei der Arbeit hat nichts mit Un-Ernst, Un-Professionalität, mangelndem Pflichtbewusstsein oder blindem Idealismus jenseits des „egoistischen“ Interesses zu tun, mit dem, was man schafft, auch seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Im Gegenteil: Nur die Regeln, nach denen Karriere gemacht und Chancen ergriffen werden, verändern sich zurzeit wie im Fluge.

Im Internet werden aus unbeschriebenen Blättern über Nacht Rising Stars Welche neuen Chancen sich zum Beispiel für junge, unbekannte Designtalente durch Crowdsourcing eröffnen, zeigt das Beispiel Threadless.com. Das Unternehmen aus Chicago bringt prämierte T-Shirt- oder Kapuzenpullover-Designs von unbekannten Talenten in die Massenproduktion. Mithilfe einer vorgegebenen Design-Software können Internetnutzer individuell T-Shirts gestalten und sie bei Threadless einreichen. Die Community

Transkontinentaler Goldrausch Die Geschichte der Goldräusche in den USA des 17. und 18. Jahrhunderts ist legendär und lässt sich in den Historien detailliert nachlesen. Doch der Traum vom großen Fund hat sich weltweit, in Industrienationen wie in Entwicklungsländern bis heute gehalten. Die Chance auf den einmaligen Glücksgriff treibt nicht nur „freischaffende“ Goldsucher an – auch Heerscharen von Ausgebeuteten lassen sich damit in die Minen schicken. (s. Seite 5) Seite 10: Taucher auf Goldsuche im East Fork River, Kalifornien Seite 12: Goldwäscher Kevin Brown arbeitete als Animator in Hollywood, bevor er seinen Arbeitsplatz verlor und seither als Goldsucher sein Glück versucht. Seite 13: Goldmine im Kongo Seite 15: In den Kellern der Deutschen Bank, Frankfurt am Main. Die weltgrößten Goldreserven besitzen die USA, gefolgt von Deutschland. Im März 2012 besaß Deutschland 3.396 Tonnen Gold. Dies entsprach einem Marktwert von 135,8 Milliarden Euro. Die größten Goldbestände befinden sich jedoch in privaten Händen. Beispielsweise wird geschätzt, dass sich in Indien etwa 20.000 Tonnen Gold in privatem Besitz befinden. (Quelle: Wikipedia)


Groupon: Deine Stadt zum halben Preis Spare täglich bis zu 70 Prozent in München, ­Tokio, Paris – bei Sport & Freizeit, Kino & Theater, Beauty & Wellness, Restaurants & Bars. In 40 Ländern der Welt fahnden seit zwei Jahren Rabattjäger über das Internetportal Groupon nach Schnäppchen und lernen dabei auch den Friseur um die Ecke sowie den kleinen Italiener zwei Straßen weiter kennen. Groupon ist Win-Win. Der Verbraucher spart, das werbende Unternehmen zieht Kunden, Groupon lebt von der Provision und macht mit 4.000 Mitarbeitern eine Milliarde Dollar Umsatz.

stimmt schließlich darüber ab, welche Designs es tatsächlich aufs T-Shirt schaffen. Die T-Shirts werden dann in begrenzter Stückzahl produziert und über den Threadless-Online-Shop vertrieben. Vorteil für die Crowdsourcing-Company: Keine Ladenhüter, null Marktforschungs- und Innovationskosten, die Neukundenakquise erfolgt obendrein kostenfrei per Schneeballsystem. Jeder Nutzer, der einen Designvorschlag eingereicht hat, wird seine Freunde und Bekannten auf die Webpage lotsen, damit sie für seine Innovation stimmen. Jeder Threadless-Nutzer, dessen T-Shirt prämiert und produziert wird, bekommt als Urheber 2000 Dollar plus einen Gutschein von Threadless im Wert von 500 Dollar. Wird das Design noch einmal neu aufgelegt, gibt es wieder 500 Dollar. Ruhm und Ehre, zu den Threadless-Design-Prämierten zu gehören, ist aber für viele die eigentliche Motivation mitzumachen. Für junge Designer hat es sich bereits als Karriere förderlich erwiesen, Erfolge bei Threadless vorweisen zu können, auch in der nicht virtuellen Designwelt sind Wettbewerbssiege bereits zur Währung an sich avanciert.

Citizensourcing sorgt für mehr Waffengleichheit zwischen Staat, Wirtschaft und Bürgern Doch nicht nur Unternehmen können per Crowdsourcing gemeinsam mit ihren Kunden Innovationen ohne viele Streuverluste hervorbringen. Interaktive Wertschöpfung macht auch den Staat schlanker. Britische Bürger können seit geraumer Zeit auf der Website von FixMyStreet, selbständig Schlaglöcher und defekte Infra­struktur (via Foto) melden und die Straßenmeistereien auf den Plan rufen. Dafür musste lediglich das offizielle Kartenmate-

Jetzt! Chance: Mobile Medizintechnik „Viele Kliniken und Arztpraxen in Entwicklungsländern, in China, Indien, Brasilien, aber auch in Deutschland sind knapp bei Kasse. Schon deshalb ist der Markt für mobile volldigitale Röntgenapparate riesig, weil sie nur einen Bruchteil von dem kosten, was für Großanlagen anfällt. Unsere Chance als absoluter Spezialist in der Medizintechnik gegenüber den Allroundern wie Siemens oder General Electric ist Innovation. Wir sind Technologieführer bei mobilen Durchleuchtungsgeräten.“ Klaus Hörndler, Geschäftsführer des Röntgen­ apparatherstellers Ziehm Imaging in Nürnberg

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rial des englischen Straßennetzes ins Netz gestellt werden. Pro Woche gehen heute auf www.fixmystreet.com 1000 Schadensmeldungen ein. Die Stadt Melbourne in Australien entschied sich sogar, übers Internet diejenigen an der Planung und Gestaltung des öffentlichen Raumes zu beteiligen, die selber in Melbourne leben und arbeiten. Nach verheerenden Waldbränden stellte die Stadt die Pläne zur Neugestaltung ins Netz. Die Bürger konnten ihre Kommentare abgeben, die Pläne aber auch selbst bearbeiten. Auch die Stadt New Orleans organisierte einen Urban-Planning-Prozess nach dem Tropensturm Katharina. Fazit: Durch Citiziensourcing werden öffentliche Entscheidungsprozesse nicht nur transparenter, sie sorgen auch für mehr Waffengleichheit zwischen Staat, Wirtschaft und Bürgern.

Wer unfair spielt, hat schneller ausgespielt Doch Vorsicht! Wer die Chancen von Crowdsourcing für sich nutzen will, sollte fair bleiben. – Bei jemandem Chancen zu haben, bedeutet, aufgrund von Sympathie mit Entgegenkommen rechnen zu können. Umgekehrt heißt das: Seine Chancen verwirkt, wer Sympathien durch unfaire Methoden verspielt. In der digitalen Ökonomie werden Falschspieler schnell entlarvt und an den Pranger gestellt. Julia Leendertse arbeitet als freie Wirtschaftsjournalistin in Köln. Sie schreibt regelmäßig für Wirtschaftswoche und Handelsblatt.

Chance: Open Innovation „Open Innovation-Plattformen sind nicht nur nützlich für die Entwicklung von Produkten. Sie könnten uns auch dabei helfen, Lösungen für das Problem der Erderwärmung und Energieknappheit zu finden“. Dr. Radhakrishna Ammanamanchi, Mitglied der Geschäftsführung des Shriram Institute for In­ dustrial Research im indischen Bangalore und ei­ ner der erfolgreichstens Problemlöser der Open Innovation-Plattform InnoCentive

Chance: Preisbewusste Kunden „Harte Nutzen- und Kostenvorteile werden auf lange Zeit bedeutsam bleiben. Das birgt auch Chancen. Strategische Antworten darauf können erweiterte Garantien oder Probezeiten, großzügige Rücktrittsklauseln, erfolgsabhängige Be-

zahlung, Tauschgeschäfte, neue Servicemodelle, Vertiefung der Wertschöpfungskette sein.“ Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Simon, Gründer der Un­ ternehmensberatung Simon Kucher & Partners in Bonn sowie Autor des Buches „Die Wirtschafts­ trends der Zukunft“, Campus, 2011

Chance: Gesundheitsbewußte Chinesen „Gerade die chinesische Oberschicht ist sehr gesundheitsbewusst. In China gibt es aber keine privaten Häuslebauer. Grund und Boden gehören dem Staat. Der Markt für Luxusvillen liegt in der Hand von rund 100 Immobilienentwicklern. Bei jedem neuen Wohngebiet entstehen Musterhäuser. Die sind unsere Chance, die Marke Klafs durch das direkte Produkterlebnis in China bekannt zu machen.“ Stefan Schöllhammer, Geschäftsführer des Saunenund Spa-Herstellers Klafs in Schwäbisch Hall raumbrand 25


Auf Empfang geschaltet Ralph Missy, Diplom-Designer und Geschäftsführer der Agentur UNID über die neuen Chancen in der Markenführung

raumbrand: Herr Missy, digitale Medien haben die Kommunikation verändert. Was bedeutet das für die Führung von Marken? Ralph Missy: Die Unternehmen müssen sich daran gewöhnen, dass es nicht mehr in ihrer alleinigen Hoheit liegt, Markenbotschaften auszusenden. Die Kunden gestalten das Markenimage heute mit. Übers Internet geben sie den Unternehmen rund um die Uhr und für alle sichtbar Feedback. raumbrand: Worin liegt die Chance? Missy: Wer den Mut hat, sich vom puren Botschaftensenden zu verabschieden und auf das Feedback intelligent zu reagieren, kann viel Sympathie und Respekt ernten und seine Kunden noch stärker an sich binden. raumbrand: Echter Dialog kann aber auch in der kalten Dusche münden … Missy: Stimmt. Zu Irrwegen öffentlich zu stehen, gehört auch mit dazu. Gerade Unternehmen, die schnell und intelligent auf Positives wie Negatives reagieren, werden punkten. Ob eine Marke als glaubwürdig gilt, hängt immer mehr davon ab, wie lern- und reaktionsfähig die Organisation dahinter ist. Wir haben deshalb unsere Agentur und unsere Projekte synaptisch organisiert.

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raumbrand: Was heißt das? Missy: Realtime Marketing ist die konsequente Weiterführung der integrierten Kommunikation. Sie postulierte, dass alle Abteilungen eines Unternehmens derselben Strategie zu folgen haben und aus allen Kanälen dieselbe Botschaft kommen muss. raumbrand: Die Idee war doch gar nicht so schlecht? Missy: Sie ist auch nach wie vor richtig. Das Problem war nur, dass die Umsetzung regelmäßig an Abteilungsegoismen scheiterte. Wir haben deshalb keine Profitcenter mehr und das Silodenken abgeschafft. Weil die neuen Medien heute Erfolg und Misserfolg einzelner Kommunikationsmaßnahmen unmittelbar messbar machen, nutzen wir die Chance, durch unsere synaptisch vernetzte Organisation zeitnah reagieren zu können. Bei Projekten läuft ein permanenter Erfahrungsaustausch, was wir in der MedienKommunikation, Live-Kommunikation oder auch der Kommunikation im Raum an Feedback erfahren haben. Das gibt den Innovationsimpuls, die Strategie permanent abzugleichen und neu zu justieren.

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Präzision hinterm Märchenschleier Seit mehr als hundert Jahren steht der Name Swarovski für modernste Kristallschleiftechnologie und Innovation, aber auch für Schönheit, Fantasie und Kreativität. Markus Langes-Swarovski, Familienmitglied in fünfter Generation, gestattete raumbrand einen Blick hinter die Kulissen der Glitzerwelt

Leicht wie eine Feder schweben sie übers Parkett, anmutig, zart, voller Gefühl. Scheinbar mühelos gelingen Sprünge und Drehungen. Scheinbar. Denn was auf der Bühne so leicht aussieht, ist in Wirklichkeit das Ergebnis jahrelangen harten Trainings. Im Balletttanz trifft absolute Körperbeherrschung auf spielerische Eleganz. Kraftvoll und zärtlich. Zwei Eigenschaften, die sich prinzipiell ausschließen, ein Oxymoron bilden wie eine schwarze Sonne oder ein offenes Geheimnis. „Oder wie Präzision und Poesie“, findet Markus Langes-Swarovski, Mitglied des Swarovski Executive Boards. „Auf den zweiten Blick ergibt sich aus diesem Zwiespalt ein wundersamer Spannungsbogen, der unheimlich viel Kreativität birgt.“

Von Wattens aus in alle Welt Der Glasschleifer und Gründer des Unternehmens Swarovski, das sich zum Weltmarktführer für geschliffenes Kristallglas entwickelte: Daniel Swarovski (1862 – 1956). Neben der maßgeblichen Beteiligung an der Errichtung einer zeitgemäßen Trinkwasserversorgung für Wattens legte er durch die Errichtung von Werkswohnungen für Mitarbeiter in Wattens den Grundstein für ein umfang­ reiches Siedlungsprogramm.

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Poesie und Präzision – seit 116 Jahren die Philosophie des familiengeführten Traditionsunternehmens mit Sitz im österreichischen Wattens. Damit bezieht sich Swarovski auf seine beiden Kernkompetenzen: technisches Knowhow im Schliff von Kristallen einerseits, künstlerisches Feingespür andererseits. „Tanz verkörpert unsere Philosophie sehr treffend. Ballett ist faszinierend – wie ein funkelnder Kristall“, findet Langes-Swarovski. Aus diesem Grund verwendet das Unternehmen das Thema Ballett auch immer wieder in seiner Kommunikation. So wie erst kürzlich, als es den Kinofilm „Black Swan“ ausstattete, für den Hauptdarstellerin Natalie Portman einen Oscar erhielt. Ein Millionenpublikum wurde Zeuge, wie sich unter den über und über mit Swarovski-Kristallen besetzten Bühnenlüstern der weiße in einen schwarzen Schwan verwandelte. „Unsere Kommunikation erfolgt zu einem großen Teil über Kooperationen mit Designern, Architekten und Künstlern, vor

Zwischen Tradition und Avantgarde Einst vor allem für seine Tier- und Fantasiefiguren bekannt, agiert und kooperiert Swarovski mittlerweile in allen denkbaren Branchen. Das Tiroler Unternehmen wuchs mit der zunehmenden Globalisierung zu einem Imperium mit Produktionsstandorten in 19 Ländern mit über 26.000 Mitarbeitern im Geschäftsbereich Kristall an. Heute gehören weltweit mehr als 2.000 Shops zu Swarovski. Im Laufe seiner Geschichte setzte das Unternehmen immer wieder Trends in Bereichen wie Schmuck, Mode, Accessoires, Beleuchtung, Inneneinrichtung und Kultur ebenso wie in der industriellen Forschung und Entwicklung. „Wir haben immer an das Schöpferische geglaubt. Wir wollen Produkte schaffen, die nicht nur dem aktuellen Geschmack unterworfen sind, sondern die Zukunftspotenzial haben“. Risiko oder Berechnung? Ganz aktuell hat sich das Unternehmen an etwas komplett Neues gewagt: In Zusammenarbeit mit der Clarins Fragrance Group entstand eine Duftkreation, die vor geraumer Zeit in den Handel kam. „Aura“ verkörpert die inspirative Kraft, die allen Swarovski-Produkten innewohnt. Franziska Brettschneider arbeitet als freie Journalistin und Redakteurin in den Bereichen Design, Gesundheit, Sport, Kultur und Touristik.

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Fotos: © Swarovski; © d e signstudio regina dahmen-ingenhoven; © Thomas Schüpping; © Holger Knauf

von Franziska Brettschneider

allem aus der Modebranche“, erklärt Langes-Swarovski. Klassische Werbung mache das Unternehmen auch, aber es gibt wohl kaum einen Schmuckhersteller oder ein Modeunternehmen, das nicht schon einmal mit Swarovski zusammengearbeitet hätte. Medienpräsenz zeigt das Unternehmen außerdem im Rahmen großer Events wie bei der letzten Oscar-Verleihung, wo nicht nur die Bühne mit Kristallen ausgestattet war, sondern auch viele Stars, die den Namen des Unternehmens in Form von Schmuck und kristallbesetzten Kleidern über den roten Teppich trugen.


Markus Langes-Swarovski und Regina Dahmen-Ingenhoven im Gespräch mit Jan Esche, raumbrand, über Kreation, gelebte Visionen und die Obsession für Schönheit. Markus Langes-Swarovski ist der Ururenkel von Daniel Swarovski, der den Kristallkonzern 1895 im Tiroler Wattens gründete und Sohn des langjährigen Konzernchefs Gernot Langes-Swarovski. Langes-Swarovski absolvierte zunächst ein Kunststudium und ein Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften ­­ in München. Seit 2002 ist er Mitglied der Geschäftsführung der seit fünf Generationen in Familienbesitz befindlichen Swarovski KG. Dipl.-Ing. Dr. Regina Dahmen-Ingenhoven ist Architektin und Innenarchitektin. Ihr kreativer Schwerpunkt liegt in den Bereichen Health, Clinic, Wellness, Beauty und Fashion Design. Sie ist Autorin des Buches „Animation: Form Follows Fun“, in welchem sie globalen Trends in der zeitgenössischen Architektur auf den Grund geht. www.brand.swarovski.com

Traumwelten im Aufbruch Die Stadt, die es (noch) nicht gibt, in der die Liebe siegt raumbrand: Herr Langes-Swarovski, 2008 entwarf Regina Dahmen-Ingenhoven für Swarovski den Schleier, der seitdem das Firmengebäude geheimnisvoll in Szene setzt. Wie kam es zu dieser Kooperation? Markus Langes-Swarovski: Wir arbeiten generell viel mit Künstlern und Designern zusammen, wir verfügen über ein weitreichendes Netzwerk an Kreativen, weil wir permanent auf der Suche nach Innovationen sind – ein Teil unserer Programmpolitik. Wir wollen die Menschen immer wieder in kindliches Staunen versetzen. Und die Kreation trägt dazu maßgeblich bei. So kam es auch zur Kooperation mit Regina. raumbrand: Warum ausgerechnet ein Schleier, Frau Dahmen-Ingenhoven? Regina Dahmen-Ingenhoven: Als ich hier nach Wattens kam, hat mich als erstes der Ort selbst gefesselt. Wattens ist ein Idyll inmitten eines Märchenlands. Die Berge, das Wasser, die Natur, das Ursprüngliche hier – all das hat mich inspiriert. Nach dem Gespräch mit Markus stand fest, dass das Projekt über die reine Funktionalität hinausgehen sollte, es durfte ein modernes Märchen à la Dornröschen sein. Zunächst war da die Idee einer Hecke, hinter der sich etwas Geheimnisvolles verbirgt, und daraus wurde letztendlich der Schleier. Langes-Swarovski: Ja, der Schleier ist ein weiteres Puzzleteil in der immer weiter fortschreitenden Evolution unseres Unternehmens. Die Idee, den Ort hier zu gestalten und immer wieder neu zu erfinden, ist fest in un-

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serer Unternehmensgeschichte verankert. Dahmen-Ingenhoven: Zudem hat mich fasziniert, was Daniel Swarovski II in seinem Buch „Wohnen im Grünen“ gesagt hat. Es war sein Kindheitswunsch, hier eine Stadt der Träume zu errichten, und er hat seine Vision wahr werden lassen. Auch die Kristallwelten wurden immer weiter entwickelt und begeistern Menschen jeder Generation. Daran lässt sich erkennen, was Architektur leisten kann. Mein Gedanke war, die Menschen wieder zum Leben zu erwecken, sensibel zu machen für die schönen Dinge. Viele sind abgestumpft von virtuellen Internetwelten, sind überfüttert von Bildern. Ich sehe es als Herausforderung, etwas zu erschaffen, das in ihnen wieder ein Gefühl der Empathie weckt. Langes-Swarovski: Um die Vision des Gründers und den Geist der damaligen Zeit zu verstehen, haben wir uns zwei Jahre lang wie Archäologen auf kulturhistorische Spuren begeben, unter anderem nach Böhmen, dem Heimatland meines Ur-Urgroßvaters. Ende des 19. Jahrhunderts, als das Unternehmen gegründet wurde, passierten in ganz Mitteleuropa extrem spannende Dinge: Unterschiedliche Disziplinen wurden erstmalig miteinander verknüpft, es gab auf so vielen Feldern Innovationen, es waren die Anfänge der Psychoanalyse, der Wiener Werkstätten und der globalen Öffnung der Kunst. Genau diesen Zeitgeist des Aufbruchs haben wir aufgespürt und umgesetzt. Aus dieser avantgardistischen Haltung heraus arbeiten wir gern mit kreativen Menraumbrand 25


schen zusammen. So wie wir spüren auch sie eine ständige Unruhe in sich, ihr schöpferisches Talent will ausbrechen, weil sie mit etwas unzufrieden und ständig auf der Suche nach etwas Neuem, Besseren sind. Dahmen-Ingenhoven: Man könnte dieses Gefühl des Getriebenseins auch Obsession für Schönheit nennen. Langes-Swarovski: Ja, ein treffendes Bild. Zufriedenheit ist der Stillstand der Kreativität. raumbrand: Wie baut man sich so ein Netzwerk auf? Wie finden sich Gleichgesinnte, die von derselben Unruhe getrieben sind? Langes-Swarovski: Das passiert einfach. Menschen, die umtriebig sind, werden irgendwann gegenseitig aufeinander aufmerksam. Und wenn die Ideen dann, wie bei Regina, zu unserem Kontext passen, dann ergibt sich eine Zusammenarbeit fast wie von selbst. Das kristalline Prinzip unseres Unternehmens spiegelt sich wunderbar in dem Schleier, den sie für unser Firmengebäude entworfen hat.

gentlich von Walt Disney. Celebration City in Florida war seine Vision, wie Menschen in Zukunft zusammenleben können. Auch wenn ihn eine ganze Zeit lang niemand ernst genommen hat. Dahmen-Ingenhoven: Disneys Themenpark-Architektur war weltweit etwas ganz Neues. Er war Initiator für viele nachfolgende Themenparks rund um den Globus. Disney hat die Märchen der Gebrüder Grimm zwar auf seine ganz spezielle Art völlig neu interpretiert, aber auch hier weiß man, dass am Ende alles gut wird. Und bei Swarovski ist das nicht anders. Mein Wunsch an dich, Markus: Bitte hör’ nicht auf zu träumen. Vielleicht baust du sie ja, die Stadt, die es (noch) nicht gibt, in der die Liebe siegt …

raumbrand: Swarovski hat hier in Wattens eine kleine Traumwelt entstehen lassen … Langes-Swarovski: Die Ur-Idee, eine Traum­ welt real werden zu lassen, stammt ja ei-

Im Bauch des Riesen Anlässlich des hundertjährigen Firmenjubiläums 1995 beauftragte Swarovski den Multimediakünstler André Heller, einen Ort der Inspiration zu schaffen, an dem Besucher das Medium Kristall in all seinen Facetten würden erleben können. Seither zählten die Kristallwelten in Wattens über neun Millionen Besucher. Einmal durch den von einem efeuberankten Riesen bewachten Eingang in den Untergrund eingetaucht, erwarten die Besucher vierzehn Wunderkammern, in denen sie in beeindruckenden Inszenierungen das Zusammenspiel von Glas, Licht, Schliff und Spiegeln mit allen Sinnen erfahren können. Durch das Mitwirken zahlreicher namhafter Künstler wie Keith Haring, Salvador Dalí, Jim Whiting, Fabrizio Plessi oder Brian Eno entwickelten sich die Kristallwelten so zu dem modernen Ausstellungs-, Konzert- und Eventzentrum, das sie heute sind. Neuen künstlerischen Projekten steht das Unternehmen stets offen gegenüber: „Say yes to all“, lautet der Claim des Riesen.

Swarovski

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Fals©h! von Jan Esche

Alex Wiedemann, Architekt und Projektleiter bei WengerWittmann hat nicht schlecht gestaunt, als er den Messestand eines der führenden EDI und EAI Systemhäuser auf der E-World in Essen sah. Deren Messeauftritt kam ihm sehr bekannt vor. Besser gesagt das Design. Dies war von ihm erarbeitet worden und ohne sein Wissen eins zu eins umgesetzt. „Man hält es nicht für möglich und denkt, das kann doch nicht wahr sein“, war seine erste Reaktion. „Einfach nur ein schlechter Witz.“ Das Unternehmen hatte etwas getan, über das derzeit heiß diskutiert wird: eine Idee zu nutzen ohne Angabe der Quellen. Und auch ohne Lohn für den Urheber. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg kostete das unerlaubte Abschreiben erst seine Doktorwürde, dann sein Amt. Im Zeitalter von Copy-Paste jedoch allgegenwärtig. Das Xerox-Prinzip ist überall, wie die Süddeutsche Zeitung erkannte. Copy-Cats streunen in allen Winkeln der Kommunikationsbranche. Eine erfolgreiche Zeitschrift, eine Fernsehshow oder ein Webauftritt zieht in kürzester Zeit Kohorten von Klonen nach sich. Texte, Bilder, Designs und Ideen – alles ist verfüg- und kopierbar. Der Journalist Markus Peichl sieht „die gesamte Gesellschaft von diesem Virus infiziert“. Der einstige Gründer und Chefredakteur des Magazins Tempo und Veranstalter des Zeitschriftenpreises Lead-Award findet: „Das Plagiat ist zum Primat geworden.“ TV-Produzent Borris Brandt glaubt, dass „heute viel selbstverständlicher geklaut wird“. Der Ex-Endemol-Deutschland-Boss stellt einen schwindenden Respekt vor Kreativität fest: „Man regt sich nur nicht mehr auf und nennt es dann Inspiration.“

bedienungsladen für Kreationen geworden. Nicht nur Raubkopien im Fernen Osten, Chinas Produktpiraterie im großen Stil lässt grüßen. Der Siegeszug der Plagiate und des Ideenklaus hat die Zunahme von Urheberrechtsverletzungen beschleunigt. Wird die eigene Idee geklaut, dann ist das für den Betroffenen meist mehr als ärgerlich. Emotional und rational. Sind doch damit zumeist viel Arbeit, Engagement und erhebliche finanzielle Mehrkosten aufgelaufen. Dabei ist das geistige Eigentum hierzulande durch verschiedene Gesetze geschützt. Welches Schutzrecht relevant ist, richtet sich nach dem jeweiligen Werk. Dies können Gegenstände, Namen, Marken und Produkte sein. Das Urheberrecht schützt persönliche geistige Schöpfungen des Menschen. Geschützt werden Werke der Literatur, Wissenschaft und Kunst. Das Geschmacksmusterschutzgesetz schützt Designs. Dies können Muster, Modelle, zweidimensionale oder dreidimensionale Darstellungen oder Erscheinungsformen eines Erzeugnisses sein. Das Markenschutzgesetz schützt die reale wie virtuelle Performance. Durch das Patentschutzgesetz wie durch das Gebrauchsmusterschutzgesetz, den „kleinen Bruder des Patents“, können nur technische Erfindungen geschützt werden. Dass sich Urheber oft dennoch nicht juristisch wehren, hat viele Gründe. Sei es Angst, als Streithansel auf einer schwarzen Liste zu landen. Oder man klärt die peinliche Sache im Stillen und ohne Anwalt.

Selbstbedienungsladen für Kreationen

Egal, ob Werber, Designer oder Architekt: Sie alle leben von der Vermarktung ihrer Kreativität. Ihre Geschäftsgrundlage sind Ideen. Aber diese sind mit Paragrafen

Texter, Journalisten, Fotografen, Designer und Architekten beklagen dasselbe Problem: Die Welt ist zum Selbst-

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Geschäftsgrundlage Idee

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Fotos: „Copy Art 19, Leonardo da Vinci, 60 Euro“; „Copy Art 25, Richter, 21 Euro“; „Copy Art 25, Neo Rauch, 130 Euro“; „Copy Art 25, Jasper Johns, 36 Euro“; „Copy Art 25, Chuck Close, 300 Euro“ ©Michael Wolf / laif

Inspiration oder Ideenklau? – Potenzielle Kunden lassen sich gerne Konzepte und Ideen präsentieren. Wenn es mit dem Auftrag nicht klappt, gibt es zumeist einen warmen Dreizeiler des Dankes für die Kreativen. Manchmal gibt es aber auch ein böses Erwachen. Der vermeintliche Kunde setzt den Entwurf selbst um – still und heimlich – die Kosten für eine Entwurfsleistung umgehend. Jan Esche ging auf die Suche nach dem Schutz für kreative Leistungen – und fand einiges heraus.


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„Heute wird viel selbstverständlicher geklaut. Man regt sich nur nicht mehr auf und nennt es dann Inspiration.“

Borris Brandt, TV-Produzent

Erstaunlicher   Kulissenwechsel Junge chinesische Männer und Frauen präsentieren Ölgemälde von amerikanischen und europäischen Künstlern aus verschiedenen Epochen. Tatsächlich handelt es sich um Bilder einer Multi­millionen-Dollar Industrie – die ­Anfertigung von Kopien bekannter Kunstwerke, die zu Spottpreisen verkauft werden. Abnehmer finden sich fast ausschließlich in den USA und Europa, den Herkunftsländern der unerschwinglichen Originale.

noch schwerer zu schützen als die Rechte an Bildern, Texten und Tönen. Versuche, die Urheberschaft für ein kreatives Konzept vor Gericht durchzusetzen, scheitern in der Regel quer durch alle Branchen. „Eine Idee selbst ist nicht geschützt“, erklärt der Münchner Rechtsprofessor Johannes Kreile in W&V. „Wenn in einer Werbeagentur drei Leute zusammensitzen und eine kreative Kampagne entwickeln, nützt das nichts“, erläutert der Medien- und Urheberrechtsexperte. „Ein vierter, der nur zuhört, dies aber mit eigenen Worten zu Papier bringt, kann als Urheber gelten.“ Aber auch dieser vermeintliche Urheber, der mit der Niederschrift das vollzogen hat, was Juristen „körperliche Fixierung“ nennen, käme womöglich vor Gericht nicht durch. Entscheidend sei, „ob es sich um eine eigenständige kreative Schöpfung mit urheberrechtlicher Qualität handelt“, betont Kreile. An dieser Hürde, im Rechtsjargon „Schöpfungshöhe“ genannt, scheitern immer wieder Klagen zu Kreativ-Themen. So auch die Klage von Alex Wiedemann im Namen seines Arbeitgebers WengerWittmann am Landgericht München um urheberrechtliche Ansprüche gegen das Unternehmen. „Wir fühlten uns in unserer Architektenehre verletzt. Natürlich wollten wir nach dem Motto „Stand up for your rights!“ die Fahne hochhalten und protestieren, dass so was nicht O.K. ist!“

Grauzone Vorleistungen In Pitches sind Designer und Architekten „ständig in der Situation, Ideen preisgeben zu müssen, ohne dass Geld fließt“, sagt Ralf Nöcker, Geschäftsführer des Gesamtverbands Kommunikationsagenturen (GWA). Oft werden die dort präsentierten Konzepte zwar umgesetzt – unerfreulicherweise jedoch mit einem anderen Partner. Dies sieht Franz P. Wenger, Inhaber und Geschäftsführer von WengerWittmann im vorliegenden Fall ähnlich. Zwischen beiden Parteien begannen ab Anfang Mai 2010 Gespräche über die Gestaltung, Planung und Realisierung eines Messestandes für die Messe E-World 2011 in Essen. WengerWittmann präsentierten und übergaben ihren Entwurf zusammen mit einem Umsetzungskonzept. Über den Preis für die angebotenen Umsetzungsleistungen konnte im Paket keine Einigung erzielt werden. Die Gespräche wurden beendet. Kein Auftrag, auch kein Ankauf des Entwurfs. Wie sich dann später herausstellte, beauftragte das Unternehmen einen Messe-

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bauer aus dem Stuttgarter Raum mit der Realisierung des Messestandentwurfs.

Unentgeltliche Akquise Seine erheblichen Vorleistungen für die Planung und Ausführung des Messestandes wollte er nicht mehr dem Bereich der unentgeltlichen Akquise zugeordnet wissen. „In der Regel halten Unternehmen einen Berufsund Wertekodex ein. Scheinbar gibt es aber doch noch Firmen, die die rechtliche Gratwanderung des Urheberrechts ausnutzen wollen: Meines Erachtens war dies hier der Fall.“ Deshalb wollte er es einer juristischen Prüfung unterziehen, ob es zu einem wirksamem Vertrag über eine „Komplettlösung, über Planung und Ausführung des Messestandes gekommen ist und ihm ein Honorar aus dem Architektenvertrag, bzw. Schadenersatz wegen grundlosem Abbruch der Vertragsverhandlungen und ungerechtfertigter Bereicherung und Urheberrechtsverstoß zusteht.“

Risiko Vertragslosigkeit Der Anwalt der Gegenseite kofferte lapidar ab, „dass eine Schutzfähigkeit der Planung nicht gegeben ist und folglich Ansprüche aus Urheberrecht ausscheiden.“ Ein Vertrag sei nicht zustande gekommen, es gäbe somit kein Honorar aus Architektenvertrag und es bestünde auch kein Schadensersatzanspruch. Er verbarrikadierte sich dahinter, „dass man sich im Zuge von Verhandlungen über Leistungen und Gegenleistungen nicht einig wird, ist allgemein üblich. Würde man hieraus Ersatzansprüche einer Partei für gegeben erachten – würde dies zu einer vom Gesetzgeber niemals gewollten Vorverlagerung der Bindung der Parteien führen.“ Das Landgericht München schmetterte WengerWittmanns urheberrechtliche, vertragliche und vorvertragliche Ansprüche rundweg ab, ein Urteil, das ungern akzeptiert, aber doch respektiert wurde. Die Gestaltung ließe „nicht erkennen, dass die gefundene Lösung einen geistig ästhetischen Wert besitzt, der aus der Masse der vorbekannten Gestaltung wirklich herausragt“. Und: „Zwischen den Parteien ist kein Vertrag über die Planung eines Messestandes für E-World 2011 zustande gekommen.“ „Schadensersatzansprüche bestehen ebenfalls nicht wegen mangelnder Sorgfaltspflicht.“ Diesen Ausgang hätte sich Wiedemann noch nicht vorstellen könraumbrand 25


Die Grauzone zwischen Inspiration und Ideen­ klau ist groß. Wie an diesem Beispiel eines Ausstellers auf der E-World sichtbar wird, sind charakteristische Elemente aus dem Entwurf unerlaubterweise bei der Ausführung des Messestandes eins zu eins übernommen worden. Durch den Einsatz eines großen, hochkant aufgestellten und beleuchteten Mittelelements wird zum einen die notwendige Fernwirkung erreicht, was über die übliche und funktionsgerechte Individualisierung eines Messestandes hinausgeht. Zum anderen wird mit der attraktiven und plakativen Abbildung des Firmenlogos die Geste der Großzügigkeit zu den Messebesuchern transportiert. Insbesondere mussten die notwendigen Funktionsbereiche in die ungewöhnliche Dreiecksgrundfläche integriert werden. Somit waren besondere planerische Überlegungen notwendig, die über das gewöhnliche „funktionsorientierte Architektenschaffen“ hinausgehen. Für den Architekten besteht die Aufgabe eines Messestandes darin, die verschiedenen Anforderungen aus Marketing und Vertrieb maximal zu verzahnen, dies in der Unternehmens-CI/CD des Auftraggebers zu verpacken, um so die Aufmerksamkeit potenzieller ­Kunden und sonstiger Interessierter auf sich zu ziehen. Jede besondere und auffällige, auch künstlerische Gestaltung eines solchen ­Messestandes dient also notwendigerweise auch dessen Funktion als „Blickfänger“. Dass das zu schaffende Bauwerk „aus der Masse des alltäglichen Bauschaffens herausragt“ war einhellige Meinung und damit „eine eigenschöpferische, und damit urheberrechtlich geschützte Planungsleistung vorliegt“. Die rechtliche Überprüfung fand leider nicht zu diesem Ergebnis.

Gestaltungs-

anleitung Dass die Computersimulation der Stand­ ansicht (kleine Abbildungen) als Vorlage bei der Ausführung des Messestandes diente (große Abbildungen), ist unschwer zu erkennen. Wo liegt die Grenze zwischen Inspiration und Ideenklau?

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Ideenklau

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„Nicht nur in chinesischen Hinterhöfen wird gekonnt plagiiert. Auch hierzulande wird kopiert.“

Die chinesischen CopyArtisten hat der Fotograf Michael Wolf im Künstlerdorf Dafen bei ­Shenzhen fotografiert. Gerhard Richters Zwei Kerzen von 1982: € 21,- ; Leonardo Da Vincis Mona Lisa: € 60,-; ein Selbstporträt von Chuck Close: € 300,- (Seite 21) Flag von Jasper Johns: € 36,- (Seite 22) Ein Neo Rauch für € 130,(Seite 24) Die Preise beziehen sich auf den Verkaufspreis für die Gemälde in China.

nen, als er einige Monate davor in Essen um die Ecke gebogen war. Vielleicht hätte er schon stutzen sollen, nachdem der rechtliche Beistand des Fachverbandes für Messen und Ausstellungen FAMAB gewarnt hatte und von blutigen Nasen einiger Kollegen berichtete. Recht haben und Recht bekommen, ist bekanntlich nicht immer deckungsgleich.

Gratwanderung: Ideenschutz und Abstand Im Streit um die Urheberschaft geht WengerWittmann als Verlierer vom Platz. „Unglücklicherweise – und wie wir finden – auch ungerechterweise sind wir zurückgewiesen worden. Dennoch wollen wir“, so Wenger, „alle in dieser Branche dazu animieren, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen – und das nicht nur aus Sicht der Auftragnehmer.“

Engagement und Vertrauen Es wäre zum Lachen, wenn die Sache nicht so ernst wäre. Engagement setzt Zeit, Nerven und vor allem eine finanzielle Vorleistung voraus. Es geht schließlich – auch volkswirtschaftlich betrachtet – um viel Geld. Jeder Euphorie folgen Rückschläge – wie aber die eigene Idee vor dem Plagiat und dem Ideenklau schützen? Den Geschäftspartner sorgfältiger aussuchen? Nutzungsrechte als Teil einer Übereinkunft nach einer Entwurfspräsentation vorab schriftlich zusichern lassen? Sich soweit möglich juristisch absichern? Aber: Wer will schon diesen ganzen administrativen und rechtlichen Kram, wenn es heißt, mit Begeisterung Ideen zu entwickeln und umzusetzen? Leider bieten auch diese Strategien keinen absoluten Schutz. Auch der Ruf nach dem Gesetzgeber ist sinnlos. Selbst wenn die technische Entwicklung der letzten

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Alex Wiedemann

Jahrzehnte Veränderungen mit sich bringt, die eine Anpassung bestehender Gesetze und Vorstellungen erfordern und insbesondere im Urheberrecht die Notwendigkeit solcher Veränderungen deutlich ist. Wenn schon die Forderung nach einer Liberalisierung und Modernisierung der bestehenden Urheberrechtsgesetze zu den Gründungsthemen der Piratenbewegung gehört und nach wie vor einen der Kernpunkte des Programms und der Identität der Piraten darstellt. Wo den Menschen die Gier zum Geld treibt oder das Mundwerk zu locker ist, kann eine gute Idee immer einen Weg um einen herum finden. Einen wirksamen Schutz gegen Klone gibt es nicht. Die Rechtslage ist hier zu kompliziert. Etwaige Klagen verschlingen zudem Geld und Zeit. Nicht benutzte Leistung nicht zu zahlen, ist ebenso Usus wie genutzte Leistung zu zahlen. Aber – wie im vorliegenden Fall – anstelle des korrekten Ankaufs eines Entwurfs und anschließender Eigenrealisierung mit einem anderen Partner lieber heimlich – zu Lasten des Ideengebers – Geld sparen zu wollen, stellt einen moralischen Verstoß gegen die Prinzipien des Fair Play dar. Die Agenturen sollten sich aber nicht entmutigen lassen. In jeder Herde gibt es ein paar schwarze Schafe. Die Schlechten dürfen allerdings nicht das ganze System ehrlichen und vertrauensvollen Geschäftsgebarens der Guten in Frage stellen. Und davon gibt es glücklicherweise viele. Deshalb werden immer wieder Ideen geschaffen, die zum einen Raum für Inspirationen zu neuen eigenständigen Ideen geben, aber auch gleichzeitig den Reiz auslösen, kopiert werden zu wollen. Kopiert zu werden ist bekanntlich eine große Ehre. Insbesondere, wenn der redliche Lohn dafür geflossen ist.

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Nach­gefragt

Neun

Statements zum Stichwort Chancen



Stichwort

Tim Lobinger Leichtathlet

Michael Ramstetter

Barbara Kux

Leiter ADAC Kommunikation

Mitglied des Vorstands der Siemens AG

Chance ist immer gut, nutze deine Chance! Mir geht es gut. Gesundheitlich, privat und im Berufsleben. Ich nehme gerne Chancen wahr, meine Mitmenschen an meinem Glück teilhaben zu lassen. Chancen dazu bieten sich beim moderaten, ehrlichen Umgang miteinander, durch Zuhören, durch Engagement. Meine größte Chance habe ich vor 25 Jahren wahrgenommen: Ich habe die richtige Frau geheiratet. Ich habe eine Meinung, und ich sage meine Meinung. Ich schreibe und nutze dabei die Chance, Chefredakteur einer großen Zeitschrift zu sein. Sicherheit auf der Straße für Kinder oder Senioren – das sind meine Themen. Mein Medium ist meine Chance. Wissen vermitteln, Rat geben, helfen und unterstützen. Eine echte Chance. Ich habe noch bessere Chancen mit den Themen Straßenfinanzierung, PKWMaut, Tempolimit. Täglich bieten sich Chancen zur Kommunikation. Ich bemühe mich, von Ihnen gehört zu werden. Hoffentlich habe ich mit diesem Beitrag die Chance nicht vertan.

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Wir haben bei Siemens den klaren Anspruch, im Sinne künftiger Generationen zu handeln – wirtschaftlich, ökologisch und sozial verantwortungsvoll. Nachhaltigkeit bedeutet, allen drei Dimensionen zu entsprechen, indem wir langfristig denken und handeln. Wenn Siemens profitabel wächst, können wir unserer Verantwortung der Umwelt, unseren Mitarbeitern, unseren Aktionären und der Gesellschaft gegenüber gerecht werden. Der Einsatz von energieeffizienten Technologien folgt beispielsweise einer klaren wirtschaftlichen Logik: Durch die potenziell mit ihnen möglichen Einsparungen refinanziert sich die Anschaffung innerhalb kurzer Zeit von selbst. „Grüne“ Technik wird daher in Zukunft ein starker Motor für unser Wachstum sein. Und mit uns profitieren unsere Kunden durch signifikante CO2- und Kosteneinsparungen, und letztendlich wird vor allem ein wertvoller Beitrag zum Klima- und Umweltschutz geleistet – was mir besonders am Herzen liegt.

„Chance“ ist für mich mehr ein Gefühl als eine sportliche Herausforderung oder eine Zielsetzung für mein Handeln und Wirken in der nahenden Zukunft. Es ist ein Gefühl zwischen Geborgenheit und Gemütlichkeit, ein mich beruhigendes und umgebendes Gefühl, dass jeder Tag auf’s Neue die einmalige Chance bietet, etwas Einzigartiges zu erleben und zu erfahren. Ob gewollt oder ungewollt, erarbeitet oder einfach überraschend, jeder Tag bietet unglaubliche Chancen und Möglichkeiten. Mal im Steilflug in den Himmel und mal im Sturzflug zu Boden. Das Leben ist der ganz normale Wahnsinn zwischen Alltag und Abenteuer. Für mich ist das Gefühl „Chance“ gleichermaßen Glückshormon wie Antriebskraft. Seinen Freunden und Mitmenschen Chancen geben, sich selbst, dem Leben, jeden Tag auf’s Neue, ist wahre Magie.

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Dr. Norbert Reithofer

Fotos: © Martin Langhorst; © Siemens AG, Siemens-Pressebild; © Andreas Müller; © Jan Rodomski; © Martin Fengel; © BMW AG; © Jeanne Degraa; © braunphotography.de; © Ruth Kappus

Vorsitzender des Vorstands der BMW AG

Hans-Georg Esch

Georg M. Oswald

Fotograf

Jurist und Schriftsteller

Chancen erkennen, Chancen nutzen! Für mich heißt das, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit den Auslöser zu drücken. Den Augenblick festzuhalten und den Moment einzufangen, ist das Spannende meiner Arbeit. Das Gesehene in Fotografien einzufangen, zu interpretieren, zu dokumentieren und dem Betrachter zugänglich zu machen ist meine Befriedigung. Der visuelle Transfer von Räumen, Stimmungen und Kulturen ist eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle. Ich habe das Gefühl, dass ich meine Chancen nutze, um mich dadurch weiterzuentwickeln. Dabei verdanke ich viel meiner Intuition, die mich Chancen auch als solche erkennen lässt.

Chance ist das französische Wort für Glück. Wir Deutsche verwenden es zur Bezeichnung einer günstigen Gelegenheit. Das ist ganz und gar nicht das Gleiche. Günstige Gelegenheiten lassen sich manchmal herbeiführen. Glück nie. Ob sich einem günstige Gelegenheiten bieten, ist eine Sache. Eine ganz andere ist, ob man in der Lage ist, sie zu nützen. Ganz generell glaube ich, dass dies Dinge sind, die unserem Einfluss viel weniger unterliegen, als wir gerne wahr haben wollen.

Unsere Zukunft ist vielfältig. Es gibt kein „entweder – oder“. Unsere Zukunft besteht aus einem „sowohl – als auch“: Verbrennungsmotoren und Elektromobilität, Stahl und Karbon, Premium-Automobile in der Oberklasse und im Kleinwagen-Segment, Etablierte Märkte und Wachstumsregionen, Produktivität und Mitarbeiterorientierung. Wir bilden die gesamte Bandbreite ab. Das ist unser Vorteil im Wettbewerb.

Leander Lichti Schauspieler Mein Film „Solange Du hier bist“ lief auf dem Filmfest in Locarno. Eines Abends traf ich dort den finnischen Regisseur Aki Kaurismäki auf einer der Partys. Da Kaurismäki meinen Film gesehen hatte, wurden wir einander vorgestellt. Mit den Worten „bonne chance“ wurden wir vom Festivaldirektor alleine gelassen. „Viel Glück? Wofür?“ Ich fühlte mich geehrt, wollte in Kaurismäki einen Gleichgesinnten, einen Lehrer oder wenigstens einen Kollegen sehen. Stattdessen stieß meine Ehrfurcht auf großes Desinteresse. Kaurismäki konnte oder wollte weder englisch, französisch noch deutsch sprechen, und ich konnte und wollte alles. Außer Finnisch. Und ich dachte immer wieder an das leise „bonne chance!“ des Direktors. „Viel Glück! Jetzt weiß ich wofür!“ Plötzlich wurde das quälende Schweigen durch ein abwesendes „it was nice meeting you“ gebrochen, und mein Idol verschwand. Immerhin: Aki Kaurismäki hat mich angelogen. Wer kann das schon von sich behaupten? raumbrand 25

Andreas Schweiger

Stefan Hunstein

Koch

Schauspieler und Fotokünstler

Meine Franzi und ich haben vor fünf Jahren die Gelegenheit bekommen, ein Restaurant zu eröffnen. Wir haben die Chance genutzt zu zeigen, was wir mit viel Liebe und Handwerk erreichen können. Wem ist bewusst, wie viel Vertrauen Menschen einem Restaurant vorab schenken? Unsere Gäste wollen keinen Schlauch kaufen, sie wollen mehr als nur einen Kaufartikel. Eine Erfahrung, ein Erlebnis, Sinnlichkeit. Sie nehmen „Lebensmittel“ in sich auf, die wir bewusst für sie auswählen. Wir wollen, dass sie in vollen Zügen genießen, denn Genuss ist einmalig. Ein Koch hat genau diese eine Chance. Wenn er die nicht wahrnimmt, kommt der Gast nie wieder. Die Chance ist vertan! Und ist das Leben nicht viel zu lecker, um vergebenen Chancen hinterher zu trauern?

Als Kunst- und Theaterschaffender lebe ich von der Hoffnung der Veränderbarkeit des Betrachters. Mit jeder Vorstellung, an jedem Abend, mit jeder Ausstellung gibt es hierfür eine neue Chance. Die Menschen haben im Idealfall etwas Ungewöhnliches erlebt und gehen verändert zurück in die Welt und verändern diese. In meiner Arbeit geht es um das Fokussieren von Botschaften, die Darstellung von Zuständen und Missständen und um das Vermitteln politischer Einsichten und poetischer Vorstellungen. Ich nutze vehement die Gelegenheiten dazu. Doch dann überlasse ich die Arbeit ihrer Wirkung und gebe sie frei an das Gegenüber. Das ist eine Chance, und ich nutze sie.

Nachgefragt

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Facebook als Klickmaschine Spätestens seit dem Paradigmenwechsel Web 2.0 ergeben sich bei der elektronischen Kunden- und Unternehmenskommunikation ganz neue Tendenzen, die mit Schlag­ worten wie Social Media oder Social Networking umschrieben werden. raumbrand ging dem nach. von Ralph Missy

„Soziale Netzwerke boomen, sie wandeln sich immer mehr zum Hauptmedium der Kommunikation, nicht nur privat, auch Unternehmen setzen zunehmend auf offene Plattformen wie Facebook oder Twitter. „Ich poste, also bin ich“, titelte die Süddeutsche Zeitung. Microblogging, bei dem Benutzer kurze, SMS-ähnliche Textnachrichten meist mit weniger als 200 Zeichen veröffentlichen können, ist das neue Schlagwort, wenn es um die Kommunikation im Web 2.0 geht. Die Vorteile liegen auf der Hand: So lassen sich über soziale Netzwerke Informationen schnell, einfach und unkompliziert austauschen. Und: Social Commerce und Augmented Reality liegen voll im Trend.

Silversurfer

So groß ist die Bedeutung der jeweiligen Medienplattformen für das Agentur­ geschäft im kommenden Jahr in Deutschland:

Leise Zweifel, welche Chancen und Risiken Facebook, Twitter, Xing, studiVZ, MySpace und Co. bergen, welche Potenziale diese Netzwerke bieten und welche Fallstricke lauern, wie es mit der Privatsphäre aussieht, ob sie eine alte Konvention, ein veraltetes Konzept ist – wie Facebook Chef Mark Zuckerberg sagt –, sind wohl berechtigt. Eine gesunde Skepsis Social Media gegenüber ist O.K., so Online Marketing Berater Thomas Hendele. Für immer mehr Menschen sind sie dennoch ein großer Bestandteil ihres täglichen Lebens. „Nun entdecken auch Senioren Facebook und Co.“, verkündete die Welt das „Ende der Einsamkeit“. Die „Silversurfer“ nutzen Facebook und andere soziale Netzwerke im Internet. In Deutschland sind 120.000 von 4,3 Millionen Facebook-Mitgliedern über 50 Jahre alt. Bleibt die Frage, welche Web 2.0 Möglichkeiten in den nächsten Jahren nutzbar sein werden und wie die resultierenden Veränderungen aussehen werden. Die Relevanz der Social Media Entwicklung ist schon heute nach-

Internet

vollziehbar. Informationen können über Smartphones von jedem Ort und zu jeder Zeit abgerufen werden. Damit beweist die Social Media Nutzung ihre Alltagstauglichkeit. Sei es für den Titel und Interpreten eines gerade gespielten Songs, für die Online-Bestellung von Karten für ein gerade auf einem Werbeplakat entdecktes Konzert, einem netten Menschen, dem man gerade in der UBahn begegnet ist, einen kurzen Gruß zuzuschicken, oder wenn man wissen will, was die Freunde machen bzw. wo diese gerade sind.

Come together Mit „What Social Media Will Look Like in 2012“ beschreibt Freddie Laker, Director of Digital Strategy beim Unternehmens- und IT-Berater Sapient, seine Erwartungshaltung zur Entwicklung sozialer Netze in den nächsten Jahren. Er bezieht sich sowohl auf die technologischen Entwicklungen als auch auf die erwarteten Veränderungen im Nutzerverhalten der Web 2.0 Anwender. In den nächsten fünf Jahren wird für ihn das Internet zunehmend von chinesischsprachigem Content dominiert. Die heutige Internetnutzung der Young Generation ist die prototypische Vorlage der künftigen Verwendung, bei der nahtlos zwischen den Apps gesprungen wird. Die technische Entwicklung wird Computer verfügbar machen, die weit über die heutigen Verwendungsmöglichkeiten hinaus gehen. In den nächsten Jahren wird das Breitband Durchsatzraten von 100 MB und mehr erzielen, wodurch die Grenzen zwischen TV, Radio und Web verschwimmen. Und: Der Content wird zunehmend auf Videos basieren. Deshalb erwartet Laker, dass Informationen in Echtzeit ausgetauscht werden, der Content auf das Internet verteilt und überall verfügbar ist. Die Akzeptanz von Social Media wird bei allen Altersklassen deutlich zu-

Mobile Dienste

Klassisches TV / Radio

Digital-TV Intranet

28 Social Media

Spielkonsolen

Kiosksysteme

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Von den 81,8 Mio Deutschen

sind 46,1 Mio. online,

38 Mio. haben im letzten Jahr etwas online gekauft,

davon haben sich 83Prozent zuvor per Suchmaschine über das Produkt informiert.

76 Prozent der deutschen Web-User sind in einem Social Network.

Bei den 14 – 29-Jährigen sind es sogar 96 Prozent.

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Social Media

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Facebook hat knapp 18 Mio. Mitglieder in Deutschland und ist damit das meistbesuchte Social Network vor Twitter, Xing, Wer-kennt-wen und StudiVZ.

Etwa 90 Prozent davon gehören der werberelevanten Zielgruppe der 14 – 49-Jährigen an.

Fast 24 Stunden verbringen deutsche Web-User durchschnittlich pro Monat im Netz,

5 Stunden davon allein auf Facebook.

nehmen, und Informationen werden über geeignete Tools besser nutz- und messbar. Dadurch werden sich kulturelle Standards und Gewohnheiten sowohl im Geschäfts- als auch im Privatleben des Einzelnen verändern. Es wird mehr neue Social Tools und Services geben, dafür weniger Privatsphäre, höhere Content Orientierung, dafür geringere Bedeutung spezieller Webseiten, mehr kollaborative Zusammenarbeit, dafür weniger Bedeutung von Exklusivität. Es entstehen mehr virtuelle Beziehungen, dafür weniger persönliche Beziehungen. Infolgedessen erfolgen mehr Empfehlungen über soziale Kontakte, die Bedeutung des OnlineMarketings wird sinken. Denn Prozesse und Aufgaben im Online-Marketing werden immer komplexer und umfangreicher. Die Herausforderung für erfolgreiches Online-Marketing der Zukunft besteht also darin, eine effiziente und leistungsoptimierte Vernetzung aller Marketingkanäle und Technologien zu erreichen und die daraus resultierenden Erkenntnisse zu nutzen. Ossi Urchs, Internet-Guru und Online-Kommunikations-Experte der ersten Stunde, vertritt die These, dass im mobilen Internet „sinnvolle Applikationen und nicht die Hardware erfolgsentscheidend“ sein werden. Nach iPhone und iPad und den zahlreichen Nachahmer-Modellen sei es jetzt die Aufgabe der Industrie, dem User nutzbringende Anwendungen dafür zu schaffen. Der mobile Kanal werde weniger ein Kanal für Werbung als einer für echte Mehrwerte und Nutzen sein. Mit Sicht auf das Thema „Local Online Services“ meint Ossi Urchs: „Was online nicht mehr auffindbar ist, wird bald nicht mehr existieren.“ Er warnt vor allem kleine und mittlere lokale Unternehmen, für die das Internet bislang wenig relevant war, diese Herausforderung nicht zu verpassen.

Interacting Prognosen professioneller Researcher untermauern diese Entwicklungen: Laut dem Technologieforschungsunternehmen Gartner werden im Jahr 2014 20 Prozent der Business-

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Anwender lieber Social Networking Services als E-Mails für die zwischenmenschliche Kommunikation verwenden. Das Technologie- und Marktforschungsunternehmen Forrester erwartet, dass sich die Social-Media-Marketing-Spendings in den USA bis 2014 auf 3,1 Mrd. US$ fast verfünffachen werden. Die Marktforschungsfirma eMarketer glaubt, dass im Jahr 2014 mehr als 760 Millionen Menschen (13,3 Prozent aller Mobile-Nutzer) weltweit ein mobiles Endgerät nutzen werden, um auf SocialNetworking-Dienste zuzugreifen. Die Recherche und Informationssuche im Internet wird via Google zunehmend über semantische Abfragen erfolgen und insbesondere zu sozialen Netzwerken führen. Dabei werden zunehmend Beziehungen der Mitglieder innerhalb sozialer Communities und zu den Mitgliedern anderer Communities als Ergebnisse zurückgeliefert. Zu Produkten, Unternehmen und allem Möglichen werden persönliche Bewertungen und Erfahrungen der Mitglieder aus Netzwerken im Vordergrund stehen. Das Internet entwickelt sich zu einem universellen sozialen Gehirn, das sein Wissen aus weltweit verfügbaren Quellen schöpft, in Real Time, kostenfrei und nur teilweise kostenpflichtig. Der Kampf um einen vorderen Platz auf dem Touchscreen des Kunden zur erfolgreichen Vermarktung von werbefinanziertem bzw. bezahltem Content verschärft sich: Der Zugang zu Daten in Echtzeit als Treiber der Mobilität, der unaufhaltsame Fortschritt des Prozessualen.

Social Commerce Mediennutzung wird selbstbestimmter, zeitsouveräner, interaktiver, kollaborativer und kreativer – der Konsum und das Online-Shopping werden es nicht weniger. Die Menschen in vernetzten Märkten wissen, dass sie sich weit bessere Informationen und Unterstützung gegenseitig bieten können als sie von ihren Verkäufern erhalten. An den Verkaufskonzepten des Social Commerce ist raumbrand 25


10 Thesen

zur Zukunft von Social Media

1

Social Media wird in Unternehmensorganisationen integriert. Social Media wird zum Alltag und will disziplinübergreifend organsiert werden.

des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW)

2

Employer Branding 2.0. Nicht nur Kunden werden anspruchsvoller, auch Bewerber setzen auf User Generated Content in ihrem Entscheidungsprozess und informieren sich über die Unternehmen anhand ihrer eigenen Präsenz und ihrer Bewertung sowie der Aktivitäten ihrer Mitarbeiter in Social Media.

3

Die Produktentwicklung wird sozialisiert. Eine extrem breite Wissensbasis als Input zur Produktentwicklung und extrem schnelles Feedback intern wie extern führt zunehmend zu „Adaptive Engineering“.

4

CRM wird nicht mehr sein, was es war. Leadmanagement, Kundenservice und Kundenbindung sind die ersten CRM-Felder, wo Social Media eine zunehmende Rolle spielen wird. CRM-Systemanbieter werden dafür sorgen, Daten und Prozesse aus Social Media systematisch nutzbar zu machen.

5

Unternehmen aus der zweiten Reihe springen auf. Mittelstand, Industrie, B2B, Verbände, NGOs – für sie gilt es, aus den Fehlern der Großen zu lernen und einzuschätzen, wo Social Media ihnen wirklich nützt.

6

Social Media ist mehr als Facebook. Die Nutzer werden neue, dynamische Plattformen und Applikationen für sich entdecken, um themen- und kontextspezifische Beziehungen zu führen. raumbrand 25

7

„Social Intelligence“ wird zum Erfolgsfaktor. Von einer adaptiven Aussteuerung der Kommunikation über die Produktentwicklung bis zur Kundensegmentierung – die Daten aus dem Social Web bieten unzählige Möglichkeiten.

8

Die ROI-Diskussion geht weiter. In den letzten Jahren ging es für Marken darum, dabei zu sein. In Zukunft wird es darum gehen, was Marken für Ergebnisse erzielen.

9

Neue Berufsbilder entstehen. Community Manager sind die neuen „Arbeiter“ und gleichzeitig die neuen Erfolgsfaktoren der Kommunikation. Marken dürfen es nicht verpassen, diese Positionen gemeinsam mit der Unternehmenskommunikation und anderen Fachbereichen der Unternehmens­ organisationen intern aufzubauen.

Jeder 4. Haushalt in Deutschlad besitzt mittlerweile mindestens 1 Smartphone.

10

Das Ende der Kampagne, wie wir sie kannten. Die für Marken und Agenturen gelernte Kampagnenarbeit ist ein Auslaufmodell. Ideen müssen mehr können, als Aufmerksamkeit zu generieren – Engagement ist gefragt. Media wird nicht mehr gekauft, sondern verdient. Der Launch ist nicht das Ende der Arbeit, sondern der Anfang. www.bvdw.org

Social Media

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es abzulesen: Smarte Intermediäre positionieren sich in Zukunft im Hintergrund der Peer-to-Peer-Marktplätze, wo sie als Ermöglichungsdienstleister auftreten. Märkte, wie sie sich heute entlang der unterschiedlichsten Plattformen des Social Commerce herausbilden, gründen auf Verkaufskonzepten, die den kollaborativen Austausch zwischen Peers, Usern, Konsumenten und Produzenten zur Grundvoraussetzung haben. Märkte sind Gespräche. Social Commerce heißt, Warenästhetik, Shopping-Erlebnis, Spaß, Thrill und soziale Interaktion wieder zu Kernelementen des Konsums zu machen und den E-Commerce zu innovieren.

Augmented Reality

73 Prozent der deutschen Jugendlichen sehen sich online regelmäßig Videos an.

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Grafik: Freie Kreatur, Quellen: socialmediablog.de / BVDW e.V.

Weltweit werden bereits 200 Mio. Clips pro Tag über YouTube Mobile angesehen.

Zum Massenmedium des Mobilzeitalters wird Augmented Reality. Es bezeichnet die computergestützte Erweiterung der Wahrnehmung von Realität. Hierbei steht die visuelle Darstellung zusätzlicher, meist online abgerufener Informationen im Vordergrund, im Unterschied zur virtuellen Realität, bei der der Benutzer komplett in eine virtuelle Umgebung eintaucht. Überall dort, wo zusätzliche Informationen die Effizienz, Effektivität oder schlicht das Vergnügen steigern, ist mit einer Verbreitung von Augmented Reality zu rechnen. Die Technologie gilt als nächster großer Evolutionsschritt des Internets. Die Grenze zwischen Online und Offline wird verschwinden. Anwendungsfelder liegen in den Bereichen Konstruktion und Wartung, Visualisierung und Simulation, Navigation und Fahrersassistenz sowie Werbung und Entertainment. Mobile Anwendungen, insbesondere standortbezogene Dienste auf dem Handy, sind kurz davor, den Massenmarkt erobern. Zusammenfassend lässt sich, so das Beratungs- und Softwareunternehmen 4cast, festhalten, wer nicht twittert oder sein „face“ in Social Media Netzwerken offeriert, den gibt es de facto nicht und der partizipiert auch nicht an den geschäftlichen Möglichkeiten dieser Netzwerke. Doch wer am ehesten reagiert und Social Media – nicht nur ­Facebook, sondern auch Twitter, Blogs, Youtube und vieles mehr – als eine komplette Veränderung, eine Bereicherung der Kommunikation der Menschen miteinander nutzt, der wird auch in der Zukunft erfolgreich agieren.


Menschen auf allen Medien bewegen Wenn Ihnen unser Profil auf Facebook nach dem Refresh gefällt, freuen wir uns über ein Like! Unter https://www.facebook.com/WengerWittmann finden Sie Infos und Neuigkeiten über erlebbare Kommunikation im Raum in Form von Messeständen, Architektur, Design. Wenn Sie nicht auf den sozialen Kanälen zu Hause sind, können Sie auch gerne ganz klassisch unsere druckfrische Image- und Referenzbroschüre anfordern. www.wengerwittmann.de


Zeit f체r Experimente Immer an vorderster Front mitmischen und immer einen Schritt voraus zu sein, ist ihre Devise. Architektur ist nicht mit Bauen zu verwechseln, die Praxis im Bauen hat ihrer Erfahrung nach nichts mit der Praxis im r채umlichen Denken zu tun, lautet ihr Credo. Die Rede ist von Asymptote Architecture, mit ihrer Herangehensweise an Architektur die Avantgarde ihres Fachs. raumbrand sprach mit Hani Rashid.


Waren die Anfangsjahre fast ausschließlich von theoretischen oder virtuellen Projekten geprägt, wurde 2002 mit dem HydraPier Pavillon (Abb. Seite 36) im niederländischen Haarlemmermeer schließlich ihr erstes Gebäude fertig gestellt. Mit seiner organisch weichen Formensprache sowie einer gleichzeitig sehr technisch futuristischen Anmutung sorgte der direkt an einem See gelegene Pavillon international für Aufmerksamkeit und brachte ihnen in der Folge weitere Aufträge ein. Der Durchbruch gelang schließlich 2006, als sie den Wettbewerb für das „World Business Center“ (Abb. Seite 36) im südkoreanischen Busan für sich entscheiden konnten, mit einer geplanten Höhe von 560 Metern künftig das höchste Gebäude im asiatischen Raum. Der markante Entwurf, bestehend aus drei unterschiedlich hohen „Fingern“, variiert in seiner Gestalt je nach Blickwinkel des Betrachters und lässt sich nie aus einer einzigen Perspektive vollständig einfangen.

Bereits ein Jahr später konnten Hani Rashid und Lise Anne Couture den Wettbewerb für das „Global City Center“ (Abbildung links) im malaysischen Penang gewinnen, einen zusammenhängenden Gebäudekomplex aus Wohnen, Arbeiten, Hotel und Kulturbauten, der sich mit seiner futuristischen Erscheinung betont von der üppigen Vegetation seiner Umgebung abhebt.

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Asymptote Architecture

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Realisierte Bauten von Asymptote sind u.a. der Hydra Pier Pavillon im nordholländischen Haarlemmermeer von 2002 (Abb. rechts), das World Business Center im südkoreanischen Busan (3. Abb. v.l.) und mehrere Flagshipstores für Carlos Miele und Alessi in New York City (Abb. links).

von Jan Esche

raumbrand: Asymptote Architecture – warum haben Sie Ihr Büro so genannt? Hani Rashid: Als wir unser Büro in Mailand eröffneten, suchten wir nach einem international verwendbaren Namen, der unserer Philosophie entsprach. In der Mathematik ist eine Asymptote eine hyperbolische Kurve, die sich einer Geraden unendlich annähert, ohne sie je zu berühren. Diese Vorstellung einer nie endenden Art der Annäherung gleicht der Sehnsucht – philosophisch kann man sagen, dass dieser unendliche Versuch der Verschmelzung eigentlich der Inbegriff allen Verlangens, aller Wünsche ist. Dieser Begriff, mit seinen mathematischen Wurzeln, seiner philosophischen Bedeutung und der in vieler Hinsicht auch architektonischen Formalität, schien uns seinerzeit perfekt geeignet, unsere geplante Herangehensweise zu beschreiben. Seit der Gründung hat das Studio zahlreiche Veränderungen durchlaufen und trotzdem machte der Name während unserer Entwicklung jederzeit Sinn – für ein von einem Mann und einer Frau geführtes Büro, für eine Herangehensweise, die die Grenzen des real und virtuell Möglichen auslotet und aktuell für ein Studio, das sehr betont an der Schnittmenge von Theorie und Praxis, Bildphantasie und baulicher Umsetzung arbeitet. raumbrand: Sie waren schon weltberühmt, bevor Sie auch nur Ihr erstes Gebäude fertig gestellt hatten. Wie ist das möglich? Rashid: Wir leben in hypermedialisierten Zeiten; viel von dem, was in der gegenwär-

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tigen Kultur als „berühmt“ gilt, erreicht uns fast unweigerlich durch irgendeine Art von Massenmedium. Zu Beginn unserer Arbeit machten wir vor allem mit unseren architektonischen Bildern auf uns aufmerksam. Mit unseren Optigraph-Installationen entwickelten wir hypothetische „Maschinen“, Bildarchitekturen zur Transformation von Städten und Orten. Die Idee hinter diesen Experimenten lässt sich bis zu Künstlern wie Piranesi ins Zeitalter der Aufklärung zurückverfolgen, hat aber auch Wurzeln bei avantgardistischen Architekturgruppierungen wie Archigram, Archizoom usw. Die Sache wurde für uns spannend, als wir – unbewusst – auf der Welle zum Internetzeitalter in eine bis dato unvorstellbare Zukunft der Medien­wucherung ritten, in der Bilder sich wie niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte vermehren können. Weil unsere Arbeiten medienkulturell und bildästhetisch erstklassig waren, wurden unsere Ideen, Konzepte, Gebäudedesigns und Masterpläne postwendend mit atemberaubender Geschwindigkeit in den zunehmend für jedermann zugänglichen öffentlichen Raum aufgesogen. Intuitiv haben wir das wohl verstanden und arbeiteten damals frenetisch an der Entwicklung von Ideen und Entwürfen für Architektur und Stadtplanung, ohne dabei jemals innezuhalten oder uns Gedanken darüber zu machen, ob man diese Ideen und Pläne bauen und wirklich umsetzen könnte. Wir waren zwar schon begierig darauf, zu bauen, konnten uns aber gut finanzieren, ohne überhaupt jemals in diese Endphase raumbrand 25


der Konstruktion zu kommen. Heute realisieren wir tatsächlich Gebäude und machen konkreten Städtebau – aber das Territorium, das wir für uns selbst durch wegweisende theoretische Arbeiten abgesteckt haben, gibt uns heute das Selbstvertrauen sowie die Reputation, Fachkenntnis und Vorgeschichte, unsere architektonischen Visionen ohne Kompromisse verfolgen zu können. raumbrand: Wie gehen Sie Architektur an? Wo beginnen Sie? Rashid: Für uns beginnt jede architektonische Arbeit als eine Art „Story“ – nicht im herkömmlichen Sinne von Geschichte oder Erzählung, sondern eher als ein abstraktes Drehbuch, das aus den verschiedenen Aspekten und Phänomenen besteht, die sich rund um den nötigen Standort und Umfang eines gegebenen Projektes drehen. Diese „Lektüre“ kann mit der Stadt oder Kultur beginnen, in der wir arbeiten, und hieraus extrahieren wir (konzeptionell), was wir die „DNA“ nennen, also das, was einen Standort oder eine Stätte einzigartig macht. Dazu kommen dann Diagramme oder Zeichnungen, die weniger eine konkrete Form als vielmehr eine Ballistik und einen Ausgangspunkt für das Design skizzieren sollen. Dieser Ansatz hat für uns eine Schlüsselfunktion, weil ein großer Teil unseres Designprozesses direkt in der von uns genutzten Software stattfindet und unsere Herangehensweise insofern von dem Wissen gezügelt wird, dass viel von dem, was wir tun, rein digital ist und deshalb vor allem ein völlig einzigartiges, dynamisches und passendes Ergebnis hervorbringen muss. raumbrand: Würden Sie Ihren architektonischen Ansatz als Avantgarde beschreiben? Rashid: Der Surrealist und Dichter André Breton hat Avantgarde einmal als die Stelle am Rand einer Straße beschrieben, die man selbst pflastert und von der aus man in den Abgrund blicken kann. Ich bin nicht sicher, ob ich unsere Arbeit heute noch so charakterisieren würde. Ich glaube, wir standen in verschiedenen Momenten in der Geschichte und Laufbahn von Asymptote an diesem Abgrund, etwa als wir Ende der 80er-Jahre als experimentelles, künstlerisch orientiertes Studio in Mailand begannen oder als wir „Virtual Reality“ zu „echter“ Architektur machten, mit dem virtuellen GuggenheimMuseum oder dem Virtual Trading Floor der New Yorker Börse. Und vielleicht standen wir auch wieder an diesem Punkt, als wir Kunstbeiträge für die dokumenta oder raumbrand 25

die Biennale in Venedig produzierten. Heute betreten wir dieses Feld mit digitalen Produktionstechniken und computerbasierten Gebäudetechnologien, nutzen unsere Arbeitsmethodik inzwischen aber, um bedeutende Bauwerke mit echten Auftraggebern, Budgets und Vorgaben zu realisieren. Man kann sicher sagen, dass wir einen Schritt vom Rand zurückgegangen sind (aber nicht zu weit zurück) und anderen das Pflastern der Straße überlassen haben. raumbrand: Moderne Architektur ist durch permanenten Wechsel, kontinuierliche Bewegung und Unstetigkeit gekennzeichnet; getragen vom technischen Fortschritt und der grundlegenden menschlichen Sehnsucht, das Unbekannte zu erforschen. Ist das eher ein Risiko oder eine Chance? Rashid: Ein wenig von beidem – ein Risiko insofern, als dass es ganz sicher immer eine Form von Unsicherheit gibt, wenn man in neue und unbekannte Gebiete vordringt. Wenn man andererseits vorangehen will, muss man den Zufall und das Unbekannte bereitwillig annehmen. Es ist genau die dynamische Spannung dieser Kräfte – von Risiken und Chancen –, aus der unsere überzeugendsten und relevantesten Ergebnisse entstehen. raumbrand: Ist der Architekt also ein Seismograph – grenzüberschreitend und mit neuen Denkansätzen am Puls der Zeit? Rashid: Auch wenn Architekten sich selbst gern als Grenzüberschreiter und Vordenker betrachten … Tatsache ist, dass wir eher die Zeit, in der wir leben und arbeiten widerspiegeln. Ich glaube, die wirkliche Rolle des Architekten – ähnlich der eines guten Regisseurs – ist es, die Realitäten um sich herum zu absorbieren, zu reflektieren und ästhetisch zu verwandeln. In unserem Fall, als Architekten, sind diese Gegebenheiten höchstwahrscheinlich ästhetischer, technologischer und philosophischer, vielleicht sogar poetischer Natur – ganz anders als bei einem Künstler, der ja schon fast den Auftrag hat, politisch, streitbar und polemisch zu arbeiten. Ja, in diesem Sinne sind wir sicher Seismographen, die die kulturellen Vektoren, technologischen Möglichkeiten und Potenziale urbaner Gestaltung auslesen – und unsere besten Arbeiten entstehen, wenn wir diese so formen, als würde unsere zeitgenössische Kultur und Lebensart einen konkreten Ort besetzen, eine funktionale Gestalt annehmen, die man erleben, in der man wohnen, arbeiten und leben kann.

„… die wirkliche Rolle des Architekten – ähnlich der eines guten Regisseurs – ist es, die Realitäten um sich herum zu absorbieren, zu reflektieren und ästhetisch zu verwandeln.“ Hani Rashid

Asymptote Architecture

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Für die außerordentliche Fähigkeit, Kunst und Architektur konzeptuell zu verschmelzen, erhielten Hani Rashid und Lise Anne Couture 2004 den Frederick Kiesler-Preis für Architektur und Kunst.

Literatur zum Thema: Hani Rashid, Lise Anne Couture: Asymptote. Architecture at the Interval (Rizzoli 1995, ISBN 0-8478-1861-6); Asymptote: Flux (Phaidon Press 2002, ISBN 0-7148-4172-2); Asymptote: Works and Projects (Skira 2002, ISBN 88-8491-261-X)

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raumbrand: Stichwort Zukunft – wie werden wir künftig leben? Rashid: Es gibt derzeit zwei deutliche – und durchaus gegensätzliche – Kraftfelder, die unsere zukünftige Lebensweise intellektuell, aber auch im ganz greifbaren Sinne von gebautem Raum (also Architektur) bedingen werden. Da ist zum einen unsere zunehmende Akzeptanz von elektronischen Netzen und virtuellem Lifestyle. Das heißt, zwischen dem ungezügelten Wuchern sozialer Netzwerke, medial vermittelter Erfahrungen und einem Leben im Zeichen von Entertainment entsteht das Risiko, dass wir gar keine realen Umgebungen mehr brauchen, zumindest nicht im Sinne herkömmlicher Vorstellungen. Zum anderen erweckt gerade dieses entkörperlichte Dasein umgekehrt ein Verlangen nach körperlichem Kontakt, echter Erfahrung und insofern auch nach räumlichen Situationen, die all dies umfassen und zur Entfaltung bringen können. In diesem sehr widersprüchlichen Spiel der Kräfte zwischen gebautem Raum und dessen Auflösung bewegen wir uns in die Zukunft. Angesichts dieser Dichotomie denke ich, dass sich Architektur als zunehmend relevant und nachhaltig erweisen wird – ob Sie es glauben oder nicht – weil sich genau hier, in unserer körperlich erfahrbaren Baukultur eine Versöhnung all dieser Gegensätze manifestieren muss. Da stellt sich natürlich die Frage, wie diese neuen hybriden Raumkonzepte denn aussehen werden und wie sie sich von der Architektur unterscheiden, die wir heute bereits kennen und mit der wir vertraut sind. Ich denke, wir sind längst von ersten flüchtigen Eindrücken solcher Raumtypologien umgeben. Das moderne Sportstadion ist beispielsweise als Versammlungsort beliebter und zugleich entmaterialisierter als je zuvor – mit durch das Stadion pulsierenden Daten- und Informationsströmen, die mit den iPhones und Blackberrys um

die Aufmerksamkeit der Besucher konkurrieren. Das Spiel selbst ist doch längst nur noch Sekundärinformation gegenüber den Statistiken, den Live-Feeds oder zeitverzögerten Übertragungen, gegenüber Facebook oder anderen Texting-Diensten, die das Stadion förmlich überwältigen. Und dennoch ist es immer noch ein „Ort“ im Hinblick auf Raum und Form. Es ist vielmehr die herkömmliche Vorstellung von Architektur – nach der eine Form, um narrativ zu funktionieren, symbolisch oder ornamental aufgeladen sein muss – die zunehmend obsolet wirkt. Tatsächlich ist doch gerade die Freude an dieser Entmaterialisierung von Raum spannend, wenn das Gebäude selbst zu einem lebendigen Medium wird, durch das diese ganzen Energien fließen, anstatt bloß einen stabilen, skulpturalen, formalistischen Zustand zu verkörpern. Wir haben sowohl das Hydra Pier in den Niederlanden als auch – in einem viel größeren Maßstab – das Yas-Hotel in Abu Dhabi mit diesem Ansatz im Kopf entwickelt – als Schöpfung neuer architektonischer Statements mit besonderem Fokus auf Raumfluss und -phänomene, auf transformative und meditative Elemente der Architektur. Im Falle von Hydra Pier agiert das Gebäude durch über die Oberflächen hinweg fließendes Wasser und eine scheinbar irgendwo zwischen Pumpwerk und Düsenjet eingefrorene Form in einem „interstitiellen“ Schwebezustand zwischen Bedeutung und Form. Das Yas-Hotel sticht durch das Flächentragwerk mit seiner mathematisch-fraktalen Komplexität, aber auch durch dieses Flair von Surrealität, durch die Lichtinstallation und bauliche Fragmentierung im Kontext von Abu Dhabi, aus der sicheren Gemütlichkeit eines gewöhnlichen Hotels oder Yachthafens heraus – stattdessen ist es ein inszenatorischer Ort für Öffentlichkeit, Spektakel, Tempo, der zugleich eine Art Kulturbruch darstellt. raumbrand 25

Fotos: © Asymptote Architecture; Übersetzung: STS Schellnack Translation Services

Abb. links: das Yas-Hotel in Abu Dhabi (2009)


Fokus

Von Goldfischen und anderen Chancen

Fünfzig oder mehr Ideen

von Fabian Hieronimus

Es gibt ein Hotel in Downtown Manhattan, das bietet seinen Gästen einen ganz besonderen Room Service. Wer sich ein wenig einsam fühlt oder einfach nur entspannen will in der Stadt, die niemals schläft, bekommt einen ruhigen, freundlichen Begleiter aufs Zimmer – einen Goldfisch im Glas. Haustiere, Fische zumal, mindern den Stress, helfen hervorragend beim Einschlafen und steigern so die Lebensqualität. Das belegen zahlreiche Studien. Diese Erkenntnisse machten sich die Marketingexperten des „Tribeca Grand Hotel“ zu Nutze, als sie sich den Gag mit dem Goldfisch ausdachten. Inzwischen sind die tierischen Zimmergenossen zum absoluten Hotel-Hit geworden. Jeder Gast, der von seiner Reise zurückkehrt, wird natürlich auch von New York erzählen – vor allem aber von der Goldfisch-Offerte im „Tribeca Grand“.

gen: Wenige Tage nach der Markteinführung hatte das Unternehmen bereits 120 Policen seiner neuen Sofortversicherung abgesetzt. Gelungene Überraschungen basieren fast immer auf originellen Ideen. Die niederländische Airline KLM etwa bedient sich der sozialen Netzwerke im Internet, um ihre Fluggäste in einer Sonderaktion mit personalisierten Geschenken zu überraschen. Auf diese Weise kam ein US-reisender Fußballfan, der via Twitter dem verpassten Eindhoven-Spiel nachtrauerte, in den Genuss eines personalisierten Barführers mit Fußballkneipen in New York. Die Washingtoner Restaurantkette Sweetgreen wiederum streut ihre guten Taten einfach unters Volk und schickt gute Geister durch die Straßen, die an Parksünder Trostpflästerchen in Form von Geschenkgutscheinen verteilen.

Zufrieden allein genügt nicht

Kundenbegeisterung zahlt sich aus

Wann haben Sie Ihre Kunden zuletzt überrascht – mit einer unerwarteten Aufmerksamkeit, einem außergewöhnlichen Service, einem besonderen Einkaufserlebnis? Mag sein, dass es noch nicht lange her ist. Vielleicht denken Sie aber auch: Wozu Zeit und Geld in Überraschungseffekte investieren, die niemand verlangt? Meine Kunden sind rundum zufrieden mit dem, was ich ihnen biete. Ihre Treue beweist es doch. Zweifellos. Aber Zufriedenheit lockt in der Regel keine neuen Käufer an und führt auch nicht unbedingt dazu, dass Kunden ein Preispremium akzeptieren. Wer als Unternehmen nur auf die Zufriedenheit seiner Kunden setzt, verpasst eine echte Chance – auf mehr Umsatz, mehr Gewinn und auf die langfristige Wertsteigerung seiner Produkte und Services. Denn Kunden wollen nicht bloß zufriedengestellt sein. Sie wollen begeistert werden.

Was Customer Excitement ökonomisch bringt, hat McKinsey anhand von Unternehmensanalysen untersucht: Kostenlose Werbung durch Mundpropaganda, treuere Kunden und eine erhöhte Preisbereitschaft sind nur einige zentrale Effekte. So kann Fiat auch Jahre nach der Neueinführung seines Fiat 500 noch ein Preispremium von rund 30 Prozent gegenüber dem Wettbewerb durchsetzen – dank der anhaltenden Kundenbegeisterung für das Kultauto, das Authentizität mit einem gelungenen Design verknüpft. Unternehmen wie Fiat, Ergo, KLM oder Sweetgreen machen vor, wie man mit innovativen Ideen Konsumenten verblüffen, begeistern und mitreißen kann. Viele andere könnten ihrem Beispiel folgen, denn mit Hilfe neuer Tools wie dem „Excitement Game Board“ von McKinsey lassen sich im Nu 50 oder mehr Ideen generieren. Einen Versuch ist es allemal wert: Customer Excitement ist der Türöffner zur Neukundengewinnung und das Bindemittel, um bestehende Kunden zu halten. Unternehmen sollten sich diese Chance, Mehrwert zu erzeugen, nicht entgehen lassen. Und das Beste daran: Es braucht nicht einmal ein millionenschweres Werbebudget, um beim Kunden Begeisterung zu erzeugen. Der Goldfisch im Glas vom Tribeca Grand beweist es.

Motive: © Perysty / Fotolia

Verrückte Ideen, die faszinieren Begeistern können Unternehmen vor allem mit Leistungen, die der Kunde erst einmal nicht für möglich hält. Beispiel Ergo Direkt: Seit April können Verbraucher Zahnersatz selbst dann noch versichern, wenn die Behandlung bereits begonnen hat. Ein absolutes Novum in der Branche, mit dem Ergo vor allem eines bewirken wollte: einen Wow-Effekt beim Kunden. Das ist gelunraumbrand 25

Dr. Fabian Hieronimus ist Partner im Münchner Büro von McKinsey & Company und Mitglied der europäischen Marketing & Sales Practice. Er berät Unternehmen in Marketing- und Strategiefragen.

Fokus

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mx30 expobusiness congress Erlebnisse schaffen, Trends setzen, Erfolg sichern – so lautet das Motto des mx30 expobusiness congress, der am 28. und 29. November 2012 in der Münchner Wappenhalle stattfindet

von Christiane Appel

Christiane Appel ist Chefredakteurin des zweisprachigen Fachmagazins m+a report – The Global Exhibition Magazine und des 14-tägigen OnlineInfodienstes m+a NEWSLINE – Aktuelles für Messe- und Evententscheider.

Unter dem Namen mx30 expobusiness congress startet ein neuer Branchentreff als Zusammenschluss der mx-Veranstaltungsreihe des Messe Institutes, Gräfelfing, und des expobusiness congress, veranstaltet von der Akademie Messe Frankfurt und m+a Internationale Messemedien, Deutscher Fachverlag, Frankfurt. Die Veranstaltung mx30 expobusiness congress bietet Messeverantwortlichen in klein- und mittelständischen Betrieben ebenso wie den Kollegen großer Konzerne, Geschäftsführern, Marketing- und Vertriebsverantwortlichen ein interessantes Forum für den Erfahrungsaustausch. Sie erörtern relevante Sachthemen, Case-Studies, diskutieren Tools und Methoden und komplettieren so ihr Wissen in Sachen Messe. Informationstransfer, Erfahrungsaustausch, Netzwerkerweiterungen, das sind auch die Ziele der Veranstaltung, die am 28. und 29. November 2012 in der Münchner Wappenhalle intensiv verfolgt werden. Das Programm ist umfassend und deckt in verschiedenen Formaten das Themenspektrum des Mediums Messe ab. Die Teilnehmer erwartet ein Mix aus Vorträgen, Workshops und drei Fachforen. Diese sind unterteilt unter die Oberbegriffe „Face to Face“, „Markeninszenierung“ und „Trend Lab“. Unter Face to Face werden die besonderen Stärken der Messe als Dialogmedium herausgearbeitet, bei Markeninszenierung geht es um die Kommunikation im Raum. Im Trend Lab wird, wie der

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Name schon sagt, die Zukunft der Messe­inszenierung angesprochen. Diese Foren werden umrahmt von drei Keynotes. Unter den Referenten: ­Matthias Klug, Unternehmenssprecher des Intralogistikspezialisten Still. Er präsentiert die crossmediale Kampagne rund um den Auftritt auf der Cemat 2011. Dass es auch eine Nummer kleiner „emotional erlebbar“ geht, zeigt Daniel Baier, Vertriebsleiter bei Rehms Druck, Borken. Und welche Rolle Recruitmentmaßnahmen während einer Messe spielen können, erläutert Günter Ettinger, Brose. Wie Technik zum Anfassen begeistern kann, wird Michael Bohn zeigen, Direktor Marketing & Kommunikation bei Robert Bosch Hausgeräte, München. Claus Fesel, Leiter Marketing und Kommunikation bei der Nürnberger Datev, weiß, wie Unternehmen Live Events mit SocialMedia-Technologien vorbereiten und verlängern können. Roger Schmidbauer, T-Systems beschäftigt sich in seinem Vortrag mit der multimedialen Einbindung der Zuschauer, der Verknüpfung von Social Media und Lifestyle-Endgeräten mit den Produktionsprozessen eines Unternehmens bin hin zu individualisierten Giveaways nach Kundenwunsch in Echtzeit. Und das Thema Messe­budget versus Einkauf wird sicher nicht nur auf dem ­Podium diskutiert. mx30 expobusiness congress 2 Veranstaltungstage – 24 Experten – Podiumsdiskussion – 3 Foren Veranstaltungstermin: Mittwoch, 28.11.2012 und Donnerstag, 29.11.2012 Veranstaltungsort: Wappenhalle München

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Impress In Touch

Go!

Siemens City Pavillon NSN in Barcelona

Inwieweit Messe­ welten als Identitätsstifter dienen, was Brandspaces (aus-) machen und wie Unter­nehmen ihre Markeninszenierung umgesetzt haben: Dies behandelt IM Intelligente Messebauten, das Heft im Heft in raumbrand.

42 Oberfläche mit Tiefgang Experimentierfreude und Professionalität, Transparenz und konsequente Produkt­ politik wirkten ideal zusammen: Die Impress GmbH auf der Kölner Interzum.

45 Heiße Sache Die Küche der Zukunft – mit überzeugender Inszenierung von technischen Innovationen und modernem Design punktete Siemens auf der Mailänder Möbelmesse.

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„Innovation for a world in motion“, damit lässt sich die Performance von Nokia Siemens auf dem MWC in Barcelona am besten zusammenfassen.

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Oberfläche mit Tiefgang Wie präsentiert sich ein Unternehmen, das sich auf außergewöhnliche Oberflächen spezialisiert hat, inmitten einer starken und etablierten Konkurrenz? Auf der Kölner Interzum überzeugte die Impress GmbH Fachbesucher und Kollegen ebenso wie die kreative Community in der Zona Tortona während der Mailänder Möbelmesse.

von Herbert Lechner

„Der Begriff der Oberfläche erfährt zurzeit einen außergewöhnlichen Bedeutungswandel. Oberfläche wird nicht länger als kosmetisches Beiwerk empfunden, als buntes aber funktionsloses Accessoire. Heute wissen wir, dass wir unseren ersten emotionalen Zugang zu einem Objekt über die Oberfläche gewinnen. Ihre visuelle Qualität und ihr haptisches Empfinden ist deshalb von höchster Wichtigkeit“, betont Daniele Merla, Head of Decor Management der Impress GmbH. Er weiß, wovon er spricht, gehört doch die Impress als designorientiertes Unternehmen zu den führenden Anbietern von Dekorpapieren, Finishfolien, Melamin-

imprägnierten Papieren und Kunststoff-Kantenstreifen vornehmlich für die Möbelindustrie. Vor rund sechs Jahren aus dem Zusammenschluss der Letron GmbH und der MASA-Decor-Gruppe entstanden, steht es seither für innovative Oberflächen mit Strukturen, Glanzeffekten und natürlicher Optik. Die Besonderheiten der unterschiedlichen Oberflächen lassen sich nun einmal nur schwer über Printoder Online-Medien veranschaulichen, der persönliche, „greifbare“ Kontakt ist entscheidend. Deshalb hat die Messepräsenz hier einen hohen Stellenwert, ganz besonders gegenüber dem Fachpublikum.

Auftritt mit Sympathiegewinn Die Kölner Interzum ist seit jeher die Leitmesse der Möbelbranche. Hier treffen sich alle zwei Jahre die Material-Profis mit den Designern der Hersteller, hier werden die Trends der Zukunft gesetzt, neue Formen, Techniken und Materialien präsentiert und Kooperationen

Das Gespräch mit den Impress-Verantwortlichen Henrike Gomber, Liane Klauke und Daniele Merla führte der raumbrand-Autor Herbert Lechner. Herbert Lechner, M.A., ist Buchwissenschaftler, Kleinverleger und Redakteur. Fachjournalist mit Schwerpunkt „visuelle Kultur“.

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für die nächsten Jahre besiegelt. Die Messe ist zugleich ein gestalterisches wie wirtschaftliches Spiegelbild der Einrichtungsbranche und last but not least das Podium für die wirkungsvolle Selbstdarstellung der ausstellenden Unternehmen. Ein Aspekt, der gerade für die junge ­Impress GmbH von großer Bedeutung gewesen ist. Denn der Wettbewerb ist hart, und Impress hatte hier die Rolle eines Newcomers. Deshalb legt man großen Wert auf die Inszenierung und wählte bewusst einen ebenso überraschenden wie sehenswerten Auftritt. Offenheit und Transparenz sollten die wesentlichen Kennzeichen sein, auch wenn die Dekore im Fokus stehen. Die Muster wurden in gewissem Abstand zueinander platziert, so ergaben sich immer wieder Durchblicke auf andere Beispiele und dadurch auch reizvolle Kombinationen der gezeigten Dekore. „Es ging uns aber auch darum, diese Offenheit ebenso in der Kommunikation zu signalisieren, das ist mit dieser Form sehr gut gelungen.“

Fotos: © Impress

Konzentration der Kollektionen Die Konzentration auf 35 Motive aus dem reichhaltigen Sortiment erwies sich als wirkungsvoll. Henrike Gomber, bei Impress zuständig für das Design Development, kennt das Problem. „Wenn zu viel gezeigt wird, dann sieht selbst der Fachmann nicht mehr das einzelne Dekor und schon gar nicht seine Besonderheiten.“ Schon mit der bisherigen Kommunikationslinie hatte man diese Gefahr geschickt umgangen. Unterschiedliche Dekore raumbrand 25

wurden zu Kollektionen zusammengestellt, die jeweils einer von sieben Städten zugeordnet wurden, in denen Impress vor Ort ist. Diese Gliederung diente nicht nur der besseren Übersicht und vermittelte – etwa mit ­Berlin, Wien, Warschau oder dem brasilianischen Curitiba – die Internationalität des Unternehmens. Zugleich entstanden so gewisse Stimmungen und Geschichten, denn mit jeder der Städte sind doch bestimmte Bilder und ­Assoziationen verbunden, die auch die jeweilige Kollektion mitbestimmen. Mal Rustikales mit rauer Sägezahnoptik für die eine Metropole, mal romantische Holzfarben oder sachliche Moderne.

Auf der Interzum präsentierte sich Impress mit einem reduzierten Pavillon, der die inno­ vativen Oberflächen in den Mittelpunkt stellte.

Das Spiel mit der Emotion Daniele Merla: „Wir faktorieren zwar Quadratmeter und Tonnen, aber verkaufen Emotionen.“ Das kann Henrike Gomber aus der Messeerfahrung bestätigen: „Kaum ein Besucher, der nicht über die Oberflächen streicht bzw. streichelt, das greifbare Erlebnis gehört einfach dazu.“ Naheliegend, diese Emotionalität gerade auf der Messe spürbar werden zu lassen. Aus der Printkampagne stammt deshalb auch ein wesentliches Element der Präsentation, nämlich mit dünnem Stift vor den Dekoren skizzierte Möbel. Für die Messe wurden sie sozusagen als dreidimensionale Skizzen, als filigrane Drahtkonstruktionen umgesetzt: ein Regal, ein moderner Sessel oder ein Designer-Tischchen. Liane Klauke, Head of Marketing bei Impress: „Damit [Forum IM] Impress

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Temporärer ImpressShowroom auf der Mailänder Kreativmeile Via Tortona

hatten wir nicht nur die Idee des roten Fadens weitergeführt, deutlich wurde damit die Offenheit und Transparenz unseres Auftritts wirkungsvoll umgesetzt. Diese ‚Möbelskizzen‘ haben weit mehr die Fantasie angeregt und Anlass zu Gesprächen gegeben, als das mit konkreten Einrichtungsgegenständen möglich gewesen wäre.“ Das außergewöhnliche Konzept des Messestandes hat jedenfalls für Furore gesorgt. „Natürlich haben auch ­andere sehenswerte Präsentationen geboten – aber ­Impress hat sich hier sehr klar und eigenständig positionieren können. Für uns als relativ junge Marke ein sehr wichtiger Erfolg. Der Auftritt ist überzeugend gelungen“, fasst Daniele Merla die Resonanz zusammen.

Mailand, Via Tortona Szenenwechsel: Die Mailänder Möbelmesse ist alljährlich das Branchenereignis schlechthin. Und eine extreme Herausforderung für die Aussteller – „Sehen und gesehen werden“ ist angesichts der Fülle an Unternehmen, Exponaten und Events ein schwieriges Unterfangen. Zwar bringt der gebürtige Mailänder Daniele Merla einen gewissen Heimvorteil mit, aber er weiß auch um die Not, in diesem Konzert unterschiedlichster Stile, Materialien, Design- und Kommunikations-Philosophien wahrgenommen zu werden. Aus gutem Grund hat man sich bei Impress für eine Teilnahme in der Zona Tortona entschieden. Das ehemalige Industrieareal gilt den Insidern längst als der innovativste und spannendste Bereich der Messe, die mittlerweile die ganze Stadt umfasst. Hier, in der Via Tortona 28, präsentierte sich das

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Unternehmen selbstbewusst, aber unprätentiös: Wie in einer modernen Galerie beim Aufbau wurden die verschiedenen Dekore großformatig gerahmt an den Wänden aufgereiht. Sie bildeten Kontraste und Harmonien und ließen sich immer wieder anders kombinieren. Die filigranen Drahtmöbel des Interzum-Standes wurden in künstlerischen Geflechten aufgegriffen, die in Vitrinen ausgestellt wurden und den Galeriecharakter noch unterstrichen. Doch damit nicht genug, waren für die Ausgestaltung der gesamten Fläche natürlich überall Impress-Dekore eingesetzt, sogar für die Tischplatten. Der Clou: Auch der Boden wurde mit einbezogen, nicht nur zur schlüssigen Abrundung des Ambientes, sondern vor allem auch, um die Widerstandsfähigkeit des Materials zu demonstrieren. Denn an interessierten Gästen fehlte es nicht, die sich mit eigenen Augen, Fingern und Füßen von der Qualität überzeugen konnten. Und offenbar wirkte das ungewöhnliche Raumgefühl auch für (Verkaufs-)Gespräche motivierend.

Doppelsieg in Konzept und Ausführung Die Besucher hat nicht nur das Konzept überzeugt, sondern ebenso die Ausführung: „Das sind ja alles Leute vom Fach, die natürlich auch ganz genau auf die Verarbeitung schauen.“ (Liane Klauke) Ausdrücklich wird da in der Impress-Zentrale die gute Zusammenarbeit mit ­WengerWittmann, den Münchner Messearchitekten gelobt. Noch einmal Klauke: „Wir haben uns von Anfang an verstanden gefühlt, die Chemie stimmt da einfach. Und die Sorgfalt in der Ausführung vom großen Ganzen bis zu den Details ist den Fachbesuchern wie den Kollegen wirklich aufgefallen. Das gilt gleichermaßen für Köln wie für Mailand.“ So haben Experimentierfreude und Professionalität, Transparenz und konsequente Produktpolitik ideal zusammen gewirkt.

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Heiße Sache: Siemens auf der Mailänder Eurocucina Auf der diesjährigen Mailänder Möbelmesse präsentierte Siemens die Küche der Zukunft und faszinierte Fachbesucher und Publikum gleichermaßen mit der überzeugenden Inszenierung von technischen Innovationen und modernem Design.

Kochen erleben bei Siemens auf der Eurocucina, live am Stand inszeniert von italienischen Promiköchen

von Herbert Lechner

Fotos: © WengerWittmann

Mailand ist die wichtigste Möbelmesse der Welt. In den letzten Jahren hat sich nicht nur die Zahl der Aussteller, Besucher und Flächen stark vermehrt, auch der Anspruch ist angesichts der internationalen Konkurrenz gestiegen. Das gilt besonders für die Eurocucina, die als eigenständiges Element der Messe das Neueste aus der Küchenwelt versammelt. Küchen sind „in“! Prominente Sterneköche, unzählige Kochshows, eine immer ausgefeiltere Technik und auch die neu entdeckte Liebe zur Küche als Wohnzentrum rücken diesen Bereich immer stärker in den Fokus. Doch die Hausfrauen – und immer häufiger kochende Männer – sind anspruchsvoll. Das gilt für die Anforderungen an Effektivität, Effizienz und Exklusivität, aber auch Convenience ist ein wichtiger Faktor: Geräte sollen „mitdenken“ und selbst die Zubereitung von GalaMenüs mühelos machen. Zum anderen sind die Ansprüche ans Design gewachsen. Technoide Sachlichkeit liegt im Trend, ohne dass dadurch ein steriles Ambiente entsteht. Das Siemens-Angebot in Mailand entsprach ganz den Wünschen von Verbrauchern, Architekten und dem Fachhandel. raumbrand 25

Obwohl sich die Messe überwiegend an das Fachpublikum richtet, sollten auch Endkonsumenten angesprochen werden. Dabei zielt Siemens auf die sogenannten Urban Expressors: Technologisch und ästhetisch anspruchsvoll, über 30, Singles oder Ehepaare mit und ohne Kind, mit höherem Bildungsniveau und Einkommen. Dieser Urban Expressor wurde passend im Siemens „City Pavillon“ empfangen, einem angedeuteten Loft. Ein 70 Quadratmeter großes, hinterleuchtetes Bild schafft die Illusion eines beeindruckenden Ausblicks auf eine Großstadt. Mitten in Mailand befindet sich der Besucher hoch über der Stadt, in einer anderen Welt. Anspruchsvolle Ästhetik im Detail war Forderung an die Messearchitekten, um der technoiden Marke Siemens spürbar Wärme und damit subtil Menschlichkeit zu verleihen: Farbige Applikationen und Lisenen, markante Holzflächen und reizvolle Designelemente belebten die Funktionalität der Marke. Die Emotionalisierung von Kälte, Spülen, Kochen kam nicht nur bei den italienischen Besuchern gut an – aus dem Arbeitsbereich Küche wurde ein lebendiger Raum. Schon die Zubereitung der Speisen wird zum Event. Alessandro Borghese, einer der bekanntesten Fernsehköche Italiens bereitete im Active Cooking Bereich Gaumengenüsse live zu. Faszinierend, symphatisch, beeindruckend, neugierig machend – das waren einige der Stichworte von Besuchern zum Siemens-Auftritt. Inszenierte Highlights gab es einige, um Produktnutzen schnell und intuitiv erleben zu können. Verlockend umgesetzt wurde das Thema freeInduction mit Hilfe eines 55-Zoll-Touchscreenmonitors, der als virtuelles Kochfeld das Kochen ohne Grenzen anschaulich ­visualisierte. Dank der eingebauten Siemens-Intelligenz erkennt das Kochfeld automatisch Größe und Form der Töpfe und ihre Bewegung auf der Fläche. Die Live-Simulation tat exakt dasselbe. Techniktransfer sichtbar und spielerisch vermittelt – der einzigartige und unschlagbare Vorteil einer Messebeteiligung. Heiße Sache cool präsentiert. Das Kocherlebnis hat keine Grenzen. [Forum IM] Siemens

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Zur Eurocucina empfing Siemens seine Besucher im „City Pavillon“. Auf mehr als 400 m2 wurden auf unterschiedlichen Ebenen die inszenierten Highlights in die Architektur so eingebunden, dass ein moderner Wohnraum für die sogenannten Urban Expressors entstand. Die hochglänzenden weißen Flächen wurden mit Holzböden und farbigen Applikationen ergänzt. Das verlieh der technoiden Marke Siemens Wärme.

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[Forum IM] Siemens

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Chance genutzt: Nokia Siemens Networks in Barcelona Wenn ein Branchengigant eine radikale Umstrukturierung durchführt, bleibt das nicht ohne Folgen. Auch Positionierung und Image werden damit beeinflusst – bedeutsame Faktoren in der vernetzten Medienwelt. Umso interessanter, wie sich Nokia Siemens Networks nach dem Start der massiven Umbauphase auf dem wichtigsten Branchentreff präsentierte.

von Jan Esche

Ein Supertanker benötigt nicht weniger als 15 Kilo­ meter, um einen Bogen zu fahren, schnelle Lenkbewegungen sind nicht möglich. International agierende Großunternehmen stehen vor einer ähnlichen Situation. Frühzeitig gilt es, auf die Veränderungen in den Märkten zu reagieren, Entwicklungen einzukalkulieren, die vielleicht erst in einigen Jahren relevant werden. Keine

Erlebbare Kommunikation im Raum auf mehr als 2000 m2 am Messestand Nokia Siemens in Barcelona

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leichte Aufgabe angesichts der Globalisierung und der Geschwindigkeit in der Kommunikation von Informationen, Menschen und Gütern. Im besonders dynamischen Markt der Telekommunikation ist Nokia Siemens Networks, kurz NSN, einer der Big Player, der die Marschrichtung der Branche vorgibt, zugleich aber getrieben wird von gewaltigen Umbrüchen in den einzelnen Ländern. NSN, im Jahr 2007 aus Siemens Networks und Nokia Networks Business

zusammengeführt, ist heute in rund 150 Ländern der Erde vertreten. Schon bei der Gründung umfasste die Gesellschaft etwa 60.000 Mitarbeiter in Forschung, Produktion und Verwaltung. Seit 2011 gehört auch das Geschäftssegment Mobilfunknetzinfrastruktur von Motorola zum Unternehmen. Ursprünglich war NSN Anbieter eines breiten Sortiments von Hard- und Software für Sprach-, Daten- und Mobilfunknetze sowie den entsprechenden Installations-, Wartungs- und Beratungsleistungen. Mittlerweile will sich das Unternehmen ganz auf den lukrativen mobilen Breitband-Sektor fokussieren. Für Rajeev Suri, Chief Executive Officer von Nokia ­Siemens Networks, ein notwendiger Schritt angesichts des angespannten Wettbewerbs auf dem Markt der Telekommunikation. Der gebürtige Inder, der NSN seit 2009 vorsteht und zuvor bereits bei Nokia eine beachtliche ­Erfolgsspur hinterlassen hat, will damit den Konzern profitabel machen und sich gegen die mächtige Konkurrenz durchsetzen. Wiederholt hat er betont, dass nach seiner Überzeugung in Zukunft wohl nur Platz sei für drei der heute fünf großen Anbieter in diesem Sektor. Und Nokia Siemens Networks werde auf alle Fälle zu den Überlebenden zählen. Dazu verweist er gerne auf die Tatsache, dass der Konzern schon drastische Veränderungsmaßnahmen ergriffen habe. Der Rückzug aus dem Festnetz-Sektor und die Konzentration auf das Geschäftsfeld der mobilen Breitbandnetze stehen dabei im Mittelpunkt. Die Innovationen in der Kommunikationstechnologie entwickeln sich in unglaublichen Schritten, die Netzwerktechniken vermehren sich schneller denn je, und die Kunden fordern mehr und entschuldigen weniger, so charakterisiert Rajeev Suri die Situation, der sich das Unternehmen stellen muss. „Die Menschen verwenden mobile Breitbandnetze, wo immer sie sind und wann raumbrand 25


Fotos: © WengerWittmann

immer sie wollen, das erzeugt heftig wechselnde Nutzungsmuster. Um diesen dynamischen Marktanforderungen begegnen zu können, ist eine neue Sichtweise auf die Kommunikationstechnologien und den Endkonsumenten nötig.“ So formuliert der CEO die neue Ausrichtung im unternehmenseigenen Magazin „Unite“. Schon jetzt erzielt NSN den Großteil seines Umsatzes mit Dienstleistungen und weniger mit dem Bau oder der Erneuerung der Netze. Denn immer häufiger lagern die großen Telekomanbieter ihre Serviceaufgaben aus und beauftragen die Ausrüster auch mit der Betreuung einzelner Dienstleistungen oder überlassen ihnen sogar den gesamten Betrieb der Netze. NSN managt mittlerweile ganz oder teilweise den Betrieb von 180 Kunden mit insgesamt mehr als 700 Millionen Endnutzern, der Bereich sorgt für etwa die Hälfte des gesamten Umsatzes. Rajeev Suri hatte bei Nokia großen Erfolg mit dem Ausbau der Serviceleistungen, für NSN sieht er besonders in Westeuropa und den USA dafür noch wertvolles Potenzial. Denn dort würden sich die Telekomanbieter stärker auf den gezielten Ausbau der Kundenbindungsmaßnahmen konzentrieren und den Betrieb der Netze zunehmend anderen überlassen. raumbrand 25

Ein solch grundlegender Strukturwandel bei einem Marktpartner dieser Größenordnung beschäftigt verständlicherweise nicht nur Mitarbeiter, Kunden und Wettbewerber. Was bleibt, was ändert sich? Wie geht es mit dem Branchenriesen weiter? Deshalb nutzte Nokia Siemens Networks den Auftritt auf dem wichtigsten Event der Branche, dem Mobile World Congress (MWC) in Barcelona, um überzeugend Flagge zu zeigen. Denn man hatte natürlich erkannt, welche Möglichkeiten die Face-to-Face-Kommunikation gerade in dieser Situation des Umbaus bietet. Drängende Fragen rund um die Umstrukturierung des Produktportfolios persönlich beantworten zu können, ist sicherlich eine gute Chance, Sicherheit zu vermitteln, im Blickfeld zu bestehen, in seiner Community kontrolliert im Gespräch zu bleiben. Die Messe ist zudem ein einzigartiger und wertvoller Wertetreiber, um das neue Profil deutlich zu präsentieren. Bewusst wurde deshalb der Messestand nicht verkleinert oder in seinem gewohnt starken Impact verändert. Denn hier sollte generell die Chance genutzt werden, die Geschäftspartner „live“ vom neuen Weg zu überzeugen.

Die Farben und der Schwung des Logos standen Pate für die gesamte Architektur im Hospitality-Bereich

Fortsetzung auf Seite 52

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Schon von Weitem waren die großformatigen „Buzzwords“-Projektionen zu lesen. Auf den farbig hinterleuchteten Wänden des Eingangstunnels manifestierten sich die Botschaften als selbstbewusste Statements von Nokia Siemens.

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Mit dem Motto der Schau „innovation for a world in motion“ lässt sich der Gesamteindruck des gewaltigen Standes vielleicht am besten zusammenfassen. Selbstbewusst wird als Fernwirkungselement eine eindrucksvolle Eingangsinszenierung mit kräftigen Farben und überdimensionalen „Buzzwords“-Projektionen auf das organische Tunnelgewölbe gewählt. Schon von Weitem waren Statements der Marke Nokia Siemens Networks zu lesen. Bewegung und Veränderung wurden signalisiert: Wir wollen und werden selbstverständlich unverwechselbar bleiben. Die Farben und der Schwung des Logos zogen sich durch die gesamte großräumige Präsentation. Vom „Public“-Sektor, der Fortführung des effektvoll und wechselnd illuminierten Eingangstunnels, in dem die

Geschäftskunden empfangen und in den Hospitalitybereich begleitet wurden, hin zu den drei Produktbereichen, den Schlüsselfaktoren des künftigen Erfolgs – Networks, Ecosystem und Customers – in offenen, farbig codierten Kreisen angeordnet. Viel Wert wurde auf variable Möglichkeiten der Kommunikation gelegt: Expert Talks direkt flankierend zu den Produktschauen, Lounges in unterschiedlichem Interieur-Design dezentral im Erdgeschossbereich verteilt. Meetingräume, VIP-Konferenzräume und Pressebereich befanden sich wieder im Obergeschoss. Chancen genug, den direkten Dialog zu forcieren! Hat NSN seine Chancen genutzt? Ein eindeutiges JA. Die Zukunft kann kommen. Dr. Jan Esche ist Fachautor für Architektur und Design in München und Lehrbeauftragter für visuelle und verbale Rhetorik an den Hochschulen Salzburg, Weihenstephan und München.


zu

wir gratulieren

25 Ausgaben feinsten

leseSTOFFes!


Gutes und Neues

Welcome to

Style-City

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Elephant Mouse Pad

Perfektes Timing

Ganz unübersehbar, es war der berühmte Plywood Elephant von Charles und Ray Eames aus dem Jahre 1945, mit seinen markanten Formen nicht nur eines der bekanntesten Objekte des Design-Ehepaars, sondern auch ein anerkannter Design-Klassiker, der Hella Jongerius zu diesem ebenso charmanten wie dekorativen Mousepad inspirierte. Aus zwei Lagen von bestem Vitra-Sofa-Leder hochqualitativ gefertigt, überzeugt das Elephant Pad, das als Unterlage (in den Farben Schnee, Schokolade und Schwarz) für alle heute gebräuchlichen Computer-Zeige­ geräte verwendet werden kann, durch seine überaus angenehm weiche Haptik. www.design-museum.com

Im allgemeinen wird die Zeit als 4. Dimension angenommen. Das Design der Dimension Clocks von Jacob Jensen spielt mit den Dimensionen in einer Fern- und Nah­ wirkung. Neben der Funktion der Zeitanzeige wirkt die Uhr aus der Ferne puristisch flach und fast zweidimensional. Aus der Nähe und von der Seite betrachtet erkennt man die raffiniert geschwungene, plastische Form des Gehäuses, deren Tiefenwirkung und die massive Verarbeitung. www.jacobjensen.com


Motive: © Porsche; © JACOB JENSEN DESIGN; © LEGO; © VITRA; © mika amaro; Composing: © Freie Kreatur

Architektur en miniature

Reality 2.0

Simplicity pur

Architekturfans können mit LEGO® Architecture das Farnworth House, das Empire State Building, das Guggenheim Museum, den Sears Tower oder das Haus Fallingwater nachbauen. „Inspire and Develop the Builders of Tomorrow – Wir feiern die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der Architektur und inspirieren gemeinsam mit Architekten aus der ganzen Welt die Baumeister von morgen“, so das Motto und auch das Konzept von LEGO® Architecture. Und tatsächlich sind die Bausätze wirklich spannend: Sie enthalten allesamt nicht nur die Bauanleitungen zu den hoch­karätigen Gebäuden, sondern auch ausführliche Hintergrund­ informationen zu ihrer Geschichte und zu ihrem architektonischen Anspruch. www.shop.lego.com

Zugegeben: Das virtuelle Leben bringt jede Menge Spaß. Nur kann man dort nicht durch Kurven fahren, während man den Wind auf der Haut spürt. Der neue Boxster feiert das reale Leben. Als Designklassiker. Als leistungsstarker Mittelmotor-Sportwagen. Als reinrassiger Roadster. Dabei haben die Entwickler bei Porsche ihre Idee vom Roadster deutlich geschärft. Zugespitzt. Und ihr einen völlig neuen Ausdruck verliehen. Mit innovativen Technologien. Mit intelligentem Leichtbau. Mit einem sportlich aufeinander abgestimmten Exterieur und Interieur. Und mit Ecken und Kanten – dort, wo sie hingehören. Und gut aussehen. Der Geist des puren Roadsters lebt. Er ist unabhängig wie nie. Kraftvoller, unbändiger und intensiver denn je. www.porsche.de

Edle Komponenten, edle Materialien, perfekte Verarbeitung, aufregend und elegant, jedes Bike ist ein Unikat. Mika-amaro-Single-SpeedFahrräder sind Design­objekte mit Exklusivität. Wie schon SPIEGEL ONLINE einmal richtig bemerkte, „wer heute in der Großstadt auf­ fallen will, sollte besser auf zwei Rädern vorfahren“, ist das richtige Fahrrad zum wichtigen Lifestyle-­ Accessoire avanciert. Mika amaro holt genau aus diesem Grund mit seiner ersten Single-Speed-BikeKollektion den „Bikestyle“ auch auf unsere Straßen. Ursprünglich bekannt geworden als wendiges Fortbewegungsmittel New Yorker Fahrrad­kuriere, sind die federleichten Flitzer mittlerweile auch von heimischen Radwegen nicht mehr wegzudenken: So kann SingleSpeed-Biken zur Sucht werden! www.mika-amaro.com


Meisterhafte Ikone des italienischen Stils

Mit seinem unverwechselbaren Design, geräumigem Innen, handwerklich feinen Details, seiner guten Performance bietet Maserati höchstes Fahrvergnügen. raumbrand sprach mit dem deutschen Marketingchef von Maserati Lorenzo Dal Vi über den Mythos Maserati. von Udo Wittmann


Udo Wittmann: Wer ist überhaupt Zielgruppe von Maserati? Lorenzo Dal Vi: Die Zielgruppe von Maserati ist, genauso wie die Marke selbst, im Wandel. Sie ist mehrheitlich männlich – jedoch wird der Anteil der Damen, die einen Maserati besitzen, tagtäglich größer. Unsere Kunden werden auch jünger. Waren wir noch vor rund zehn Jahren bei einem Durchschnittsalter von über 60 Jahren, sind wir heute deutlich unter 50. Ein typischer Maserati GranTurismo Fahrer in Deutschland ist 45 Jahre alt, ein Maserati Quattroporte Fahrer im Mittel 49 Jahre. Länderspezifisch ist das allerdings unterschiedlich. Maserati hat eine klare Positionierung: Wir produzieren handgefertigte Automobile, die sehr elegant, komfortabel, aber auch sehr sportlich sind – und die somit unsere ursprüngliche DNA aus dem Rennsport interpretieren. Worin wir uns jedoch ganz klar von vielen Marken in diesem Segment unterscheiden, ist, dass wir Fahrzeuge für mindestens vier erwachsene Insassen bauen. Alle unsere aktuellen Fahrzeuge, abgesehen vom Maserati GranTurismo MC Stradale – ein Rennwagen mit Straßenzulassung – sind so konzipiert, dass mindestens vier Erwachsene Platz darin finden. Das ist eine unserer Philosophien. Es sind also keine Automobile für Egoisten, sondern für Menschen, die ihre Passion mit anderen teilen möchten.

Fotos: © Maserati Deutschland

Wittmann: Sind die hinteren Sitzplätze eher für Kinder oder doch für befreundete Ehepaare? Dal Vi: Die Platzverhältnisse im Fond sind so üppig, dass man wirklich auch längere Fahrten mit erwachsenen Personen komfortabel in Angriff nehmen kann. Wittmann: Dürfen wir in den nächsten Jahren nicht auf einen sportlichen Zweisitzer von Maserati hoffen? Dal Vi: Unsere Ausrichtung ist ganz klar: Der Fokus liegt auf eleganten, komfortorientierten und doch sportlichen Fahrzeugen für mindestens vier Personen. Es gibt, wie bereits angesprochen, auch heute schon einen Zweisitzer von Maserati, den Maserati GranTurismo MC Stradale – ein Fahrzeug mit Carbon-Keramikbremsen, noch kürzeren Schaltzeiten, mehr Leistung und Drehmoment und mit einer deutlichen Gewichtsreduzierung. Er richtet sich an Menschen, die noch sportlicher unterwegs sein wollen und auch ab und zu auf die Rennstrecke wollen. raumbrand 25

Wittmann: In diesem Fahrzeugsegment gibt es einen Neidfaktor. Wie geht man in den Märkten damit um? Dal Vi: Maserati verkörpert zeitloses Design, das Understatement vermittelt. Wenn ich beispielsweise mit einem Maserati unterwegs bin und an einer Tankstelle anhalte, dann erzeugt es einen besonderen Effekt: Die Leute trauen sich zunächst fast gar nicht, zum Fahrzeug zu gehen – kommen dann aber doch und bewundern es. Wittmann: Da muss man also immer ordentlich aufgeräumt haben im Auto … Dal Vi: Ich sage immer: Zu einem Gentleman gehört es, sich auch ordentlich zu kleiden und zu präsentieren. Das gilt auch für ein schönes Auto. Natürlich: Die Personen, die das Auto anschauen, haben meist einfach nur eine Feststellung: „Oh, ist das ein schönes Auto.“ Zuerst fällt ihnen immer die Linienführung auf. Danach schauen sie sich das Interieur an, und ich sage dann immer: „Setzen Sie sich doch rein, erleben Sie dieses Auto!“ Sie nehmen Platz, die Augen leuchten und ein Lächeln ist in ihren Gesichtern erkennbar. Es geht ihnen wie mir, als ich das erste Mal in einem dieser Fahrzeuge saß. Sie sehen diese wundervollen Materialien, erleben die Haptik, das Leder von Poltrona Frau, die Intarsien aus Carbon, Holz, Lack, Alcantara … Und sie entdecken den speziellen Geruch eines Maserati. Jedes unserer Automobile ist ein Unikat, das man aus drei Millionen Kombinationsmöglichkeiten wählen kann. Das ermöglicht unsere Manufaktur in Modena, Italien, wo seit jeher alle Maserati gefertigt werden. Man bewundert unsere Autos. Das erlebt man auch, wenn man mit einem Maserati auf der Straße fährt und an der Ampel hält. Die Leute fahren nebenher und strecken den Daumen nach oben, begleitet von einem Lächeln. Neid erlebe ich nie – und ich bin in vielen Märkten unterwegs. Das hat auch mit dem Image der Marke zu tun und mit dieser Eleganz – wie gesagt: Gentleman-like, obwohl immer mehr Frauen Maserati fahren. Und immer, wenn man über Maserati spricht, sagen die Leute: „Wow, das ist eine schöne Marke.“ Es kommt aber nie die Frage: „Was ist das für ein Mensch, der solch ein Auto fährt? Warum fährt er so ein Auto?“ Die Leute freuen sich vielmehr, so ein Fahrzeug zu sehen. Dabei entsteht nicht der Hinter­ gedanke: „Was macht er wohl beruflich?“

Wittmann: Ich glaube, da haben andere Marken größere Probleme. Wir müssen jetzt gar nicht darüber sprechen, welche Marken das sind … Aber Maserati scheint das nicht zu betreffen. Dal Vi: Der typische Maserati-Fahrer fährt sein Auto in sehr dezenten Farben. Bei uns sind Töne von Dunkelblau über Grau bis Schwarz am meisten gefragt. Wir haben auch matte Farben im Programm und auch auffälligere Lackierungen, wie Weiß, Gelb, Rot und natürlich Sonderfarben. Bei uns kann man eigentlich sein Auto in jeder Farbe haben, die man möchte. Vielleicht ist es dann mit einer etwas längeren Wartezeit und einem „kleinen“ Aufpreis verbunden. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass in allen Teilen der Welt Maserati Fahrzeuge bevorzugt in sehr dezenten, unauffälligen Farbtönen gewählt werden. Wittmann: Also ist das wie ein guter Armani-Anzug? Dal Vi: Es ist wie ein schöner italienischer Maßanzug. Wenn man einen wirklich guten Maßanzug wählt, kann man alles festlegen: Stoff, Futter, Form, Faden zu den Knöpfen, Kragen – wie es den individuellen Vorlieben und der Persönlichkeit entspricht. Wittmann: Was tun Sie für denjenigen, der einen Maserati fährt? Wie wird der abgeholt, wie wird er aufgeladen, was bekommt er Neues? Was tun Sie in den Bereichen Print und Online oder gar Social Media? Dal Vi: Neben einem Newsletter und DirectMailings erhalten unsere Kunden auch das Maserati Magazin „Il Tridente“. Darin geht es um spannende Stories rund um den Dreizack. Es geht um Lifestyle, um neue Modelle, um Partner, um vergangene und zukünftige Veranstaltungen und um Celebrities. Es ist ein typisches Magazin, das dem Kunden noch mehr Hintergrundwissen bringt. Wir sind natürlich auch online und auf verschiedenen Plattformen wie zum Beispiel Facebook, ASmallWorld usw. präsent. Bei den Events konzentrieren wir uns vor allem auf FahrEvents. Hier gibt es Veranstaltungen für Bestandskunden und solche für Interessenten. Sie reichen vom Schnee-Training in St. Moritz oder Cortina d’Ampezzo über TagesfahrEvents in schönen Regionen Deutschlands bis zu den typischen und sehr spannenden Fahrtrainings in Varano bei Parma, quasi unsere Hausstrecke. In Varano bieten wir die Master GT-Kurse an. Der Maserati-Fahrer, Maserati

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Maserati hat sich mit dem italienischen Modehaus Fendi zusammen getan und zur IAA 2011 eine besonders exquisite Auflage des GranCabrio kreiert. Dabei schwelgt der Edelsportler aus Modena in exklusiv entworfenen Farbtönen und Materialien. Angetrieben wird das ­Cabrio von dem bekannten 4,7-Liter-V8-Motor, der im 132 770 Euro teuren Serien-GranCabrio 323 kW/­440 PS leistet. Das Fendi-Modell ist zunächst ein Einzelstück. Doch wenn sich genügend kaufkräftige Liebhaber italienischer Handwerkskunst finden, dann werden die beiden Hersteller die Kundschaft sicher nicht einfach nach Hause schicken.

der täglich eher auf den normalen Straßen unterwegs ist, kann hier auch unter Berücksichtigung aller Sicherheitsaspekte und unter professioneller Leitung ehemaliger Formel-1-, DTM- und Rallye-Piloten erleben, was mit so einem Fahrzeug auf der Rennstrecke möglich ist. Maserati wurde 1914 gegründet und auf der Rennstrecke groß. Erst in den 1950er-Jahren kamen unsere Autos auf die Straße. Es ist nicht so wie bei vielen anderen Marken, die erst Straßenfahrzeuge fertigten und dann in den Motorsport einstiegen. Das prägt die DNA unserer Marke doch sehr. Zurück zu den Events: Es gibt auch die Maserati Experience Tour. Sie ist für Kunden gedacht, die eine exklusive Werksbesichtigung machen, danach noch das neueste Modell testen und auch noch die kulinarischen Seiten der schönen Emilia Romagna entdecken wollen. In Modena werden unsere Fahrzeuge von Hand gefertigt, und es ist immer sehr spannend, die Geburtsstätte des eigenen Autos zu erleben. Wittmann: Wie lange dauert es, bis ein Maserati fertig ist? Dal Vi: Von einer Bestellung bis zur Auslieferung vergehen drei bis fünf Monate. Das Auto durchläuft verschiedene Prozesse, die je nach Kundenwunsch länger oder kürzer ausfallen können. Hier denke ich an ein spe-

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zielles Interieur oder an eine besondere Außenfarbe. Nachdem das Fahrzeug fertig ist, wird es foliert – um es zu schützen – und auf der Straße getestet. Jedes Exemplar wird von einem professionellen Testfahrer auf der Straße erprobt. Die Strecke unterscheidet sich dabei je nach Modell. So wird beispielsweise beim Maserati GranCabrio eine sehr unebene Stecke ausgewählt, um die Verwindungssteifigkeit zu testen. Und beim Maserati GranTurismo MC Stradale, der besonders ausgeprägte Motorsport-Gene besitzt, wird nicht nur auf der Straße, sondern auch auf der Rennstrecke getestet. 60 bis 80 Kilometer wird jedes Modell mindestens bewegt, bevor eine strenge Abnahme erfolgt. Der Tester beurteilt alle Eigenschaften und gibt je durchgeführtem Test pro Kapitel bis zu acht Punkte. Ein „normaler“ Fahrer würde nie den Unterschied zwischen vier oder acht Punkten merken, aber für uns ist es einfach wichtig, dass jedes noch so kleine Detail – sei es bei der Fahrdynamik, der Bedienung oder dem Aussehen – stimmt. Nach der Beurteilung geht das Fahrzeug wieder zurück zur Abnahme, wo gegebenenfalls die angezeigten Kleinigkeiten verändert werden. Danach geht das Auto wieder zum Testfahrer, der nun nochmals alles auf einer Fahrt begutachtet. Wittmann: Hoffentlich hat es dann keinen Steinschlag vorne …

Dal Vi: Darum haben wir ja alles foliert. Nach dem endgültigen OK vom Testfahrer geht das Fahrzeug in die Endabnahme. Hier wird es nochmals auf Kleinigkeiten untersucht. Mit einem speziellen Licht werden die Autos aus verschiedenen Winkeln betrachtet. In dieser Abteilung sind übrigens vor allem Frauen beschäftigt. Man spricht häufig von bestimmten Abteilungen als klassische Männerdomänen, aber es ist auch bei uns so, dass erfreulicherweise immer mehr Frauen in der Entwicklung, beim Design und in der Produktion arbeiten. Die Damen in der Endkontrolle haben ein sehr geschultes Auge, um auch die kleinsten Details zu erkennen. Der Normalsterbliche würde nichts entdecken, aber das geschulte Auge sieht eben die kleinen Unterschiede, die dann bereinigt werden. Wittmann: Wie positionieren Sie Maserati in den Medien? Dal Vi: Wir sind eine kleine Manufaktur und wir verfügen nicht über riesige Budgets, um medial in TV, großen Zeitungen oder auch Magazinen stark präsent zu sein – abgesehen vom Streuverlust, der hier eine ganz wichtige Rolle spielt. Wir müssen unsere Kräfte konzentrieren. In den Märkten, die ich betreue, versuchen wir bestimmte Berufsgruppen anzugehen, die einen Großteil unserer Kunden ausmachen. Das heißt, wir raumbrand 25


gehen in spezialisierte Titel, die von den entsprechenden Berufsgruppen gelesen werden. Das machen wir oft mit einem starken und etablierten Partner in dieser Branche. Durch Editiorials oder auch Advertorials festigen wir in diesen Medien unsere Präsenz nochmals und bereiten diese Berufsgruppe auf das Thema Maserati vor. Wittmann: Was sind das für Zeitschriften? Dal Vi: Spezialisierte Titel, beispielsweise für Architekten, Schönheitschirurgen oder Zahnärzte. Wittmann: Also absolute Profiblätter? Dal Vi: Ja, absolute Profiblätter. In der ersten Phase bringen wir die Leser dem Thema Maserati näher – indem wir die Geschichte von uns erzählen. Danach kommen weitere spannende Stories zur Historie oder zu den heutigen Produkten von Maserati hinzu. Die „Aufwärmphase“ dauert einige Monate. Man kreiert „Attention“, und danach wird mit dem im Vorfeld definierten Partner aus der Sparte eine Eventreihe ins Leben gerufen. Diese wird mit Anzeigen oder Beilegern beworben. Die Events finden in Autohäusern von Maserati statt. Das heißt, wir bringen Leute, die wir nicht kannten, bei denen wir aber davon ausgehen können, dass sie potenzielle Kunden sein könnten, in unsere Autohäuser – eine klassische Kaltakquise. Bei den Zahnärzten war unser Partner ein Hersteller für Zahnarztmobiliar. Es gab somit Zahnärzte, die zum Event kamen und interessiert waren, neue Möbel zu sehen – aber auch solche, die durch Maserati angezogen wurden. Automatisch ergibt sich für beide Parteien, also Maserati und Möbelhersteller, eine Win-Win-Situation. In diesem Jahr machen wir es mit den Architekten. Um Aufmerksamkeit zu erzeugen, haben wir mit der Firma Eternit Deutschland den Architekturwettbewerb „Schöner Parken“ ins Leben gerufen. Gesucht wurden herausragende, atmosphärische Orte für das Automobil. Orte, die wie ein Bühnenbild ein Fahrzeug in Szene setzen können. Die Reaktion auf diesen außergewöhnlichen Architekturwettbewerb war groß. Und besonders erfreulich war es, dass die Einreichungen nicht nur zahlreich waren, sondern auch mehr als nur inspirierend. Es gab Projekte, bei denen das Auto als Kunstwerk zelebriert wurde. Statt sich eine Skulptur oder Statue in ein Arbeitszimmer zu stellen, parkt man das schöne Auto vor dem Arbeitstisch. raumbrand 25

Mit diesen schönen Projekten haben wir vor kurzem eine Roadshow durch unsere Autohäuser gestartet. Bezüglich Neukundengewinnung möchte ich noch anfügen: Was heutzutage vielleicht in Vergessenheit geraten ist: die Messen. Messe­auftritte werden von vielen Herstellern nur als Präsentationsfläche gesehen, um vielleicht etwas Brand Awareness zu steigern oder nur um AEV zu generieren. Für uns ist es ein wichtiges Werkzeug, um Neukunden zu gewinnen und vor allem Autos zu verkaufen. Das machen wir seit Jahren bewusst. Die Firma „Messe“ – wie ich sie nenne – wird so aufgebaut, als wäre sie eine kleine Firma, vom Recruitment zum Casting, Training, Co-Marketing-Partnerauswahl, Definition der Ziele usw. Jede Person, die unseren Stand besucht, wird persönlich betreut und nach dem Besuch die Philosophie von Maserati verstehen und „mitnehmen“. Wittmann: Auf welchen Messen sind Sie? Dal Vi: Wir sind in auf den Leitmessen, wie Genf, Frankfurt, Paris, Shanghai, Peking, Detroit, New York sowie auf einigen kleineren Automessen. Wittmann: Sie setzen auf Messen, während man sich im Internet alles anschauen und herunterladen kann? Dal Vi: Das multi-sensorische ist ja nur auf Messen möglich, denn nur dort kann man fühlen, anfassen, das Leder riechen. Die Besucher kommen auf die Messen und wollen die Autos sehen. Aber mehr noch: Sie wollen sie berühren, sie wollen auch sehen, wie ein Maserati in den verschiedenen Kombinationen aussieht. Sie wollen überdies erleben, wie die Technik ist, und entdecken, was Maserati verkörpert. Schlussendlich kann man Maserati aber nur zum Teil auf der Messe entdecken. Den anderen Teil bildet das Fahrerlebnis. Einen Maserati muss man einfach fahren und spüren. Man muss dieses Auto auf der Straße entdecken – vom Fahrerlebnis und der Performance bis hin zum Sound, der per Knopfdruck auswählt werden kann. Wittmann: In der Schweiz haben Sie auch einen anderen Weg zur Neukundengewinnung … Dal Vi: Wir haben uns überlegt, wie wir zu neuen Kunden kommen und sind dabei vom Trivialsten ausgegangen. Wir haben Studenten geholt und mit Foto-Handys ausgestattet und sie vor Autohäuser der Konkurrenz,

zu Golfplätzen oder in schicke Einkaufsstraßen geschickt. Die Studenten haben dann von der von uns vordefinierten Fahrzeugkategorie und in Abhängigkeit vom Kennzeichen des Autos Fotos gemacht. Die Nummernschilder sind in der Schweiz persönlich. Je nach Kanton kann man im Internet den Halter des Fahrzeuges ermitteln. Auf diese Weise kommt man zu Namen und zur Adresse. Es war wirklich trivial. So haben wir in der Vergangenheit immer ganz neue Interessenten generiert. Wittmann: Wohin sollen sich die Produktionszahlen bei Maserati entwickeln? Dal Vi: Im Jahr 2010 haben wir weltweit 5.777 Fahrzeuge ausgeliefert. 1998 haben wir 666 Fahrzeuge für alle Märkte gefertigt. Das heißt unterm Strich eine Verzehnfachung seither. Maserati bleibt natürlich im Vergleich zu anderen Herstellern ein Produzent von sehr exklusiven und limitierten Stückzahlen. Der Wachstumsmarkt in China ist natürlich ein Thema. Hauptmarkt für Maserati bleiben die USA. 35 Prozent der gesamten Produktion gehen dorthin. Danach kommen Italien und UK. Nach diesen Ländern ist auch schon China an der Reihe. Danach Deutschland, Japan, Frankreich und die Schweiz. Wir überprüfen zurzeit die Erweiterung unserer Produktpalette – entsprechend kann sich in den nächsten Jahren von den Volumen her etwas verändern. Aber wie gesagt: Wir bleiben ein kleiner und exklusiver Hersteller. Wittmann: Wie sieht es mit dem erfolgreichen Segment der SUV aus? Dal Vi: Ein interessantes Segment, was zurzeit wie andere Segmente auch geprüft wird. Wittmann: Vielen Dank für das Gespräch.

Udo Wittmann und Lorenzo Dal Vi: Fototermin mit Maserati GranTurismo

Maserati

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Auch von der Kathrein-Gruppe: Der Antennenmast an der Südflanke des Gipfels des Wendelsteins auf 1.828 m Seehöhe.

Von der Kellerwerkstatt zum Weltmarktführer Die Kathrein-Gruppe ist der weltweit älteste und größte Antennenhersteller und ein führendes HighTech-Unternehmen der Kommunikationstechnik. Seine Produkte sind heute Inbegriff für Qualität und Zuverlässigkeit. raumbrand sprach mit Prof. Dr. Dr. h.c. Anton Kathrein über die Firmenphilosophie und den Schlüssel zum Erfolg: „Qualität macht ihren Weg.“


von Peter Niermann

Peter Niermann: Als Unternehmer zum Anfassen führen Sie heute ein multinationales Milliardenunternehmen mit 6.500 Mitarbeitern. Doch das war nicht immer so, der Weg zum Weltmarktführer begann in einer Kellerwerkstatt. Der Name „Kathrein“ steht heute für Innovations- und Technologietreiber aber auch für dauerhaftes Wachstum. Anton Kathrein: Nicht nur dafür, sondern auch für rechtliche und wirtschaftliche Selbständigkeit. Niermann: Was steckt hinter Ihrem Erfolg? Waren es die richtigen Entscheidungen mit den richtigen Manager/Innen? Kathrein: Hier muss ich eines vorausschicken: Manager haben wir nicht – Gott sei dank – wir haben gute Mitarbeiter und ich fühle mich auch nicht als Manager. Ein Erfolgs- oder Wachstumsprinzip haben wir eigentlich nicht. Die Branche zwingt uns zum Wachstum. Wenn man vorne als Nr. 1 bleiben will, dann muss man wachsen, sonst ist man irgendwann nicht mehr auf dem Treppchen. Aber auf dem Treppchen wollte ich auf jeden Fall sein.

Fotos: © Kathrein-Werke; © Jens Schwarz

Niermann: Verlief Ihr Wachstum so ganz ohne Rückschläge? Kathrein: Natürlich nicht, doch unsere Stärke war es immer, Rückschläge zu verkraften und sogar in Vorteile zu wandeln. Nehmen Sie das Beispiel des TV-Sat 1 der Telekom. Dieser Satellit konnte nicht in Betrieb gehen, da er durch einen eingeklemmten „Pfennigartikel“ nicht senden konnte und wir konnten unsere vorproduzierten SATSpiegel und Empfangsgeräte nicht verkaufen. Doch innerhalb eines Jahres haben wir den gesamten Lagerbestand auf die neue Technologie umgebaut und verkauft. Niermann: Zu diesem Zeitpunkt bewegten Sie sich in einem regulierten Markt. War da Wachstum oder Wettbewerb überhaupt möglich? Kathrein: In einem regulierten Markt ist Wachstum nicht machbar. Unser Wachstum war verbunden mit der Erfolgsstory des privaten Rundfunks. raumbrand 25

Niermann: Das heißt, in der Öffnung der Märkte lag Ihre Chance. Kathrein: Ja, eindeutig. In einem Naturschutzpark der Telekom wären wir nie zum Zuge gekommen. Andere Nationen haben durch das Festhalten monopolistischer Strukturen den technologischen Anschluss verpasst. Wir hingegen haben gezwungenermaßen die Chance genutzt, uns weltweit aufzustellen. Niermann: Noch einmal zurück zum nicht vorhandenen Manager. Hatten Sie für jede Wachstumsphase einen passenden Mitarbeiter in den entscheidenden Positionen? Kathrein: Teilweise haben sich unsere Führungskräfte in der Firma weiterentwickelt, wir mussten jedoch auch fremdbesetzen, leider kam es dabei auch zu Fehlbesetzungen. Unsere Firmenphilosophie ist mittelständisch geprägt, verbunden mit schnellen Entscheidungen, aber auch mit vollem Risiko und voller Haftung. Typische Konzernstrukturen mit langen Entscheidungswegen und Absicherungsmentalitäten konnten und können wir uns nicht leisten. Wenn wir vorne mit dabei sein wollen, dann müssen wir schnell entscheiden und diese Entscheidungen umsetzen. Niermann: Neben den Wachstumsphasen durchlaufen Unternehmen auch Krisen. Haben Sie ein Erfolgsrezept für Krisenzeiten? Kathrein: Gerade in Krisenzeiten konnten wir auf Mitarbeiter zählen, die an die Firma glaubten und vor allem loyal waren. Loyalität ist ganz wichtig, jedoch gegenseitig. In der letzten Krise 2009 und 2010 haben uns die Controller aus Kostengründen geraten, sofort 500 Leute zu entlassen. Ich habe Nein gesagt, wir glauben an die Zukunft. Ich wusste, dass durch den schnellen Ausbau der neuen Kommunikationsmedien irgendwann auch unsere Geräte zum Einsatz kommen müssen, die Frage war nur wann. Heute bin ich heilfroh, dass ich nicht dem Rat der Controller gefolgt bin. Ich hätte zwar die Kosten reduziert, doch gleichzeitig Mitarbeiter und Know-how verloren. So kann ich jetzt auf hoch motivierte und hoch qualifizierte

KATHREIN ist ein international tätiges Unternehmen in der Antennen- und Kommunikationstechnik. Die Kathrein-Firmengruppe umfasst 61 Tochter- und Beteiligungsgesellschaften, davon vier Produktionsstätten in Rosenheim und weltweit 24 Produktionsstandorte auf fünf Kontinenten. In der Firmengruppe sind über 6.400 Mitarbeiter beschäftigt. Der Umsatz im Jahr 2010 betrug 1,135 Mrd. Euro. Aufgrund von über 90 Jahren Erfahrung ist Kathrein in vielen Bereichen der Antennentechnik Weltmarktführer und seit der Gründung 1919 weltweit ältester und größter Antennenhersteller. Die Produktbereiche umfassen FM-/UHF-/VHF-Sendeantennenanlagen für Rundfunk und Fernsehen, Sende- und Empfangsantennen sowie Filter, Weichen und Verstärker für Mobilfunkbasis-Stationen, Breitband-Kommunikationssysteme, Satellitenempfangsanlagen, Auto- und Autofunkantennen sowie Automotive-, RFID- und Tracking-Systeme. Durch die Übernahme und den Ausbau des Geschäftsfelds Antennen von Blaupunkt entstand 2010 mit der Kathrein-Tochter „Blaupunkt Electronic GmbH“ Europas Marktführer im Fahrzeug-Antennengeschäft.

Prof. Dr. Dr. h.c. Kathrein Persönlich haftender, geschäftsführender Gesellschafter der KATHREIN-Werke KG, Rosenheim, ist Vizepräsident des deutschen Zentralverbands der Elektrotechnik und Elektro­ nikindustrie, Vorsitzender der Landesstelle Bayern im Zentralverband der Elektrotechnik und Elektronikindustrie, Vizepräsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer für München/ Oberbayern, Stadtrat und dritter Bürgermeister in Rosenheim und Vorsitzender des Hochschulrates der Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fachhochschule Rosenheim.

Kathrein

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Mitarbeiter zurückgreifen – ein klarer Wettbewerbsvorteil gegenüber denen, die sich in Krisenzeiten zu schnell von ihren Mitarbeitern trennen. Niermann: Augenscheinlich haben Sie alles richtig gemacht. Haben Sie Ihren Weg stets strategisch geplant? Kathrein: Wir denken schon strategisch, schauen uns die Märkte und unsere Kunden ganz genau an. Ich kenne alle meine Großkunden, das heißt deren leitende Mitarbeiter, persönlich. Bei aller Vernetzung über moderne Kommunikationsmittel müssen Sie persönlich aufschlagen, denn der Mensch zählt hier, und, ganz wichtig, Geschäfte basieren auch auf Vertrauen. Ob Sie es glauben oder nicht, wir machen noch Geschäfte per Handschlag, vor allem im Ausland. Niermann: Ist das möglich, weil Sie ein eigentümergeführtes mittelständisches Unternehmen sind? Kathrein: Ja, im Gegensatz zu einem börsennotierten Konzern muss ich mich nur gegenüber meinen Banken absichern. Wir hatten auch nie eine Banken- oder Finanzkrise, da wir unsere Gewinne thesauriert haben, sprich, nie etwas entnommen haben. Kurz am Rande, vor 23 Jahren habe ich meine ei-

„Bei aller Vernetzung über moderne Kommunikationsmittel müssen Sie persönlich aufschlagen, denn der Mensch zählt hier und, ganz wichtig, Geschäfte basieren auch auf Vertrauen.“ Prof. Dr. Anton Kathrein

gene Bank gegründet, weil ich mich so über die Banken geärgert habe. Allerdings habe ich die Vollbanklizenz vor vier Jahren zurückgegeben, da ich erkannt habe, dass für mittelständische Banken kein Platz mehr da ist. Niermann: Was haben Sie mit den Gewinnen gemacht? Kathrein: Reinvestiert, nicht in Immobilien oder in andere vermeintlich lukrative Anlagen, sondern in die eigene Firma. Das Geld mit den größten Zinsen bringt die eigene Firma, denn von dem Geschäft verstehen wir etwas. Strategisch gesehen haben wir keinen Gemischtwarenladen aufgebaut, sondern sind immer bei unserem Kerngeschäft geblieben. Niermann: Ihr Wachstum ist unter anderem auf Firmenübernahmen zurückzu­ führen. Gab es Übernahmeentscheidungen, die sich später als existenzgefährdendes Risiko entpuppten? Kathrein: Im Jahre 2009 habe ich den AutoAntennenbereich von Blaupunkt ganz ohne Banken übernommen. Wie Sie sehen, eine klare strategische Entscheidung zur Stärkung des Kerngeschäfts. Bei anderen Akquisitionen habe ich stets eine Firewall eingezogen. Ich habe zwar das ein oder andere Mal Geld verloren, doch meine Firewall hat gehalten, sodass es nie zu einer Existenz­ gefährdung kam. In meiner Übernahmephilosophie gebe ich den übernommenen Firmen keine Bürgschaften oder Patronatserklärung, sondern eine Anschubfinanzierung. Dann müssen die Jungs selber laufen – können aber das verdiente Geld auch reinvestieren. Niermann: Als „Hidden Champion“ im Weltmarkt ist Globalisierung für Sie kein Fremdwort. Ist Globalisierung eher eine Chance, ein Segen oder ein Risiko, ein Fluch? Kathrein: Ganz klar eine Riesenchance, ohne Globalisierung würde es unsere Firmengruppe so nicht geben. Seit 1972 haben wir weltweit 61 Tochterunternehmen gegründet. Wir sind auf allen Weltmärkten vertreten, man muss draußen beim Markt sein, die Philosophie erkennen, die Mentalität verstehen, erst dann kann ich neue Märkte entdecken und erfolgreich Marktanteile gewinnen. Peter Niermann ist Professor an der Fachhochschule für angewandtes Management und Unternehmensberater (Schwerpunkt in den Bereichen strategische Unternehmensführung, Managementtechniken, Projektmanagement und Baumanagement).

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Buchtipps

Vier

Judith Schalansky

Atlas der abgelegenen Inseln Judith Schalansky entführt uns zu 50 entlegenen Orten – von Tristan da Cunha bis zum Clipperton-Atoll, von der Weihnachts- bis zur ­Osterinsel – und erzählt absurd-abgründige Geschichten von seltenen Tieren und seltsamen Menschen – von gestrandeten Sklaven, verirrten Entdeckern, verwirrten Leuchtturmwärtern und meuternden Matrosen, kurzum: von freiwilligen und unfreiwilligen Robinson Crusoes.

Empfehlungen zur Lektüre

Zu Recht ausgezeichnet mit dem „Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2011“ (Silber) im Bereich Kommunikationsdesign ist dieser Atlas ein faszinierendes Gesamtkunstwerk aus Text und Bild, informativ und sinnlich zugleich. Zärtlich blicken wir über die Landkarten; wir verlieren uns in der Schönheit filigraner Linien, Punkte und Buchstaben. Wir riechen das Meer, hören Brandung und Möwen, sehen Eisberge und Felsen. „Judith Schalansky beweist, dass die abenteuerlichsten Reisen immer noch im Kopf stattfinden: mit dem Finger auf der Landkarte.“ Eine bezaubernde, eine verzaubernde Kostbarkeit! EUR 34,00 ISBN 978-3-86648-117-6 www.mare.de

Birgit Schmolke

Bühnenbauten Auf der einen Seite müssen Bühnenbauten den Theaterschaffenden Raum geben, ihre Kunst zu verwirklichen und allen technischen und funk­ tionalen Ansprüchen für einen reibungslosen Ablauf im Hintergrund gerecht werden: Alle Rädchen müssen, vom Publikum unbemerkt, für die inszenierte Illusion ineinandergreifen. Auf der anderen Seite sollen sie ganz spezielle, manchmal sogar widersprüchliche Anforderungen erfüllen: Sie sollen ein sinnliches Erlebnis versprechen, Erwartungen schüren und in Traumwelten führen.

Fotos: © Wiley, © Taschen, © Gestalter, © Haufe

Birgit Schmolke stellt hier über 30 herausragende Konzerthäuser und Theaterbauten vor, die in den vergangenen zehn Jahren in Europa entstanden sind: Darunter finden sich Projekte von renommierten Architekten wie Herzog & de Meuron, UNStudio, Santiago Calatrava und Jean Nouvel, aber auch von jüngeren Büros. Dieses Buch ist ein Genuss für leidenschaftliche und gelegentliche Konzert- und Theaterbesucher, die sich für die Wirkung von Räumen in Bühnenbauten interessieren. EUR 78,00 ISBN: 978-3-938666-62-3 www.dom-publishers.com

Brian Rüeger/Frank Hannich (Hrsg.)

Gerhard Raab, Oliver Gernsheimer, Maik Schindler

Erfolgsfaktor Emotionalisierung

Neuromarketing

Der Großteil aller Kaufentscheidungen wird mit dem Herzen getroffen, nicht mit dem Verstand. Emotionalisierung muss sich daher heute auf die gesamte Kundenbeziehung richten – von der Kommunikation bis zum Kontakt mit dem Servicepersonal. „Erfolgsfaktor Emotionalisierung“ bietet gut lesbar hierbei hieb- und stichfestes Wissen mit seinem Fokus auf der gesamten Wertschöpfungskette und seiner wissenschaftlichen Exaktheit: Für Praktiker eine wichtige Quelle, ihr Business neu zu überdenken.

Als interdisziplinärer Ansatz der Wirtschaftswissenschaften, der Psychologie und der Neurowissenschaften besteht der Anspruch des Forschungsgebiets Neuromarketing darin, neue Erkenntnisse für das Marketing zu generieren. Die Autoren geben einen fundierten Einblick in das noch junge Forschungsgebiet.

Sehr anschaulich und präzise wird im ersten Teil des Buches dargelegt, wie Emotionen das Verhalten steuern und wie Unternehmen in einer reizüberfluteten Welt nur eine Chance haben, Gehör zu finden – wenn es ihnen gelingt, ihr Produkt, ihre Botschaft und ihre Marke zu emotionalisieren. Im zweiten Teil zeigen 14 Best Practice Cases von American Express und Mammut über mymuesli und Greenpeace bis Generali und Porsche, wie es die anderen machen. Wer mit seinem Unternehmen die Herzen der Kunden gewinnen will, erhält hier Anregungen auf hohem Niveau.

Die Erkenntnisse und Implikationen für unterschiedliche Marketing-Bereiche, wie Markenführung und Kundenverhalten, werden anhand von praktischen Beispielen sowie Untersuchungsergebnissen beschrieben und analysiert. Mit den profunden und anwendungsorientierten Erkenntnissen und Implikationen für das Marketing ein „Must“ für Praktiker aus dem Bereich Marketing, Vertrieb, Marktforschung.

Zum Verständnis und zur Anwendung des Neuromarketing werden die notwendigen neurologischen und biologischen Grundlagen vermittelt und die Untersuchungsmethoden erläutert.

EUR 39,90 ISBN: 978-3-8349-1831-4 www.gabler.de

EUR 49,95 ISBN: 3-7910-2945-2 raumbrand 25

Buchtipps

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Zündstoff

Letzte Meinung

Der iDiot Ein unangekündigter Raub und eine Chance, die nicht genutzt wurde

von Dirk Meyhöfer

Dirk Meyhöfer, Hamburger Journalist und Architekturkritiker freut sich, die Chance bekommen zu haben, mit dem Honorar dieser Zeilen einen Teil des Schadens wieder einzuspielen. Ist doch gerecht. Oder?

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Am Mittwoch um 21.12 Uhr war es soweit. Mein wunderbares, blitzendes, einzigartiges iPhone wurde gezockt. In die Straßen­ pizzeria an der Mailänder Via Solferino hatte ich mich strategisch falsch mit dem Rücken zum Geschehen gesetzt, die weißen Headphones zu nervös in die Außentasche der schwarzen Designerjacke zurückgesteckt. Nicht aufgepasst, weil platt und müde vom totalen Möbelmessenstress und dem inzwischen in die Jahre gekommenen italienischen Design. Der just vollendete Gang durch das Szeneviertel Brera und seine aufgemotzten Galerien taten ihr Übriges. Der Akku des iPhones hielt, meiner war leer. Jetzt zählte nur noch die Chance auf ein Abendessen, Niente Tavolo war die bisherige Ausbeute bis zur hektischen Via Solferino. Der Diebstahl kam unverhofft und doch zur richtigen Sekunde. Es hatte sich in den Tagen davor eine merkwürdige Antihaltung bei mir aufgebaut. Der Grund war, dass ich zuviel die Seite Drei der SZ oder die Wochenendbeilage dieser Zeitung gelesen hatte. Dort schreiben in schönen Abständen die letzten Aufrechten gegen die Interneteuphorie und „White Chapel“, wie Apple und seine verführerischen Brandshops bisweilen genannt werden. Unter anderem die ergreifende Geschichte, dass irgendein gemeines Porno-Video den jugendlichen Besitzer des entsprechenden Laptops unmittelbar in den Selbstmord getrieben hatte. Bemerkenswert war, dass das elektronische Mobbing eines 13-Jährigen keine Folgen für den mutmaßlichen Täter hatte, denn der Provider gab die Daten der Polizei nicht weiter; muss er wohl auch nicht. Und überhaupt, dieser Hype der letzten Tage mit dem iPad 3 und dem jetzt endlich erhältlichen iPhone 5 –

14-Jährige pubertierende kleine Jungs und große Jungs vom Kaliber 60+ in der gleichen endlosen Schlange vor White Chapel, wenn es Apple-Neuheiten zu kaufen gibt. Die globale Gesellschaft ist von Apostel Steve Jobs ­sauber in den merkantilen Schwitzkasten genommen worden. Anfangs war es ja lustig in den Meetings, wenn erst eins, dann zwei Apfel-Smartphones und später noch mehr auf dem Tisch lagen: Clubausweise eben. Aber in der Mailänder Metro waren jetzt fast mehr iPhones als Menschen unterwegs. Omnipräsent und gleichmachend wie weiland der Golf 1. Zum Präsentieren und Protzen nicht mehr das richtige Medium? Nein – es bleibt ein Objekt der Begierde. Die Erkenntnis kommt, wenn es weg ist und man es refinanzieren muss, ohne es über die Telefonrate abzustottern. Derzeitig kostet ein iPhone mittlerer Güte über 600 €. Also der Zeitpunkt war gekommen: Chance nutzen, aufs iPhone verzichten. Denn braucht man es wirklich? In den ersten Stunden nach dem „Attentat“ nicht. Mit dem eigenen Laptop im Hotel (mit MultiSIM wird es zum großen iPhone, so hatte ich es doch vor kurzem im Londoner Eurostarbahnhof Kingscross/St.Pancras gesehen, als ein Pakistani mit dem eBook am Ohr skypte), wurde die Karte gesperrt und nach Hause gemailt: Bis morgen Abend nicht erreichbar. Und das war gut so. Der Donnerstag ist großartig. Kein Telefon, keine Verpflichtung, selbst anzurufen. Genuss pur, Versöhnung mit der Stadt der schnellen Langfinger und der Gang zu den Carabinieri ins Ufficio Denunce ist gut und bringt dank Diebstahlanzeige einige Dutzend Euro Gutschrift bei der Telekom. Naja, die eigene Musik ist weg, auch die Fotos. (Nicht ganz – es gibt ja Backups!) Die Chance ist da … Freitagmorgen. Die neue Simkarte kommt per Overnight, das alte Handy der Ehefrau wird reanimiert, sie hat jetzt (seuffz) das alte G3. Kann man ihr doch nicht wegnehmen. Oder? Ich telefoniere mit dem Ersatz. Klappt ja ganz gut. Aber simsen ist eine Katastrophe, E-Mails abrufen … könnte vielleicht gehen. Das Flugzeugspiel, na ja, ist was für kleine Jungs, mein Sohn ist eh geschickter. Das Ersatzhandy fotografiert auch, aber man hat ja noch eine Lumix. Die Chance ist greifbar … Am Freitag hält das Diebstahlopfer gegen 19.50 Uhr in einem Shop der Telekom das dort letzte noch verfügbare iPhone 5 in seinen Händen. Ein Update vom MacBook ist in 14 Minuten gelaufen. Back again: Keine 48 Stunden habe ich also standgehalten! Chance verpasst? Chance genutzt? raumbrand 25


25 AUSGABEN SCHWEISSEN ZUSAMMEN!

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Einblick Ausblick Impressum Die nächste raumbrandAusgabe bringt

raumbrand Das Magazin für erlebbare Kommunikation im Raum ISSN 1613-3501

Veränderung

www.raumbrand.de Herausgeber: Franz P. Wenger (V.i.S.d.P.), Martin Sextl, Daniela Schaefer WengerWittmann GmbH Menschen auf Messen bewegen.

Neu ...immer wieder

Veränderungen

EPC-TDK und infineon

Käfer

Die Fähigkeit, Veränderungen als etwas Positives zu sehen und sie konstruktiv zu nutzen, ist eine echte Erfolgseigenschaft. Veränderungen sind ein zentrales Thema für jede Unternehmensführung, denn die Fähigkeit zur Ver­änderung ist entscheidender Erfolgsfaktor, um Wachstum zu ermöglichen und Wett­ bewerbsfähigkeit in einer globalisierten Welt zu sichern. Die Geschwindigkeit der externen Veränderungen erhöht sich kontinuierlich, und wer nicht mithalten kann, geht unter. ­raumbrand zieht Bilanz.

EPC-TDK, führender Hersteller von elektronischen Bauelementen, Modulen und Systemen, und infineon, TopAnbieter von Halbleiter- und Systemlösungen für Automotive-, Industrieelektronik-, Chipkarten- und Sicherheitsanwendungen gehen neue Wege. raumbrand besuchte die Unternehmen auf der ­electronica, der Weltleitmesse für Komponenten, Systeme und Anwendungen.

Perfekte Qualität als Leidenschaft – wer Qualität schätzt, kauft Delikatessen in der Münchner Prinz­ regentenstraße oder engagiert die Cateringexeperten für die nächste Party. Michael Käfer formte aus dem Kolonialwarengeschäft seiner Großeltern ein inter­ national agierendes Unternehmen mit einem Umsatz von gut 107 Millionen Euro. raumbrand ging dem nach.

Keferloher Straße 27, 85540 Haar Tel. +49 89 462 304-0 www.wengerwittmann.de Verlag: ea Edition Architektur, Geschäftsführer Christine Bernard Bruggspergerstraße 26, 81545 München Telefon: +49 89 642 484-09 eMail: info@edition-architektur.de www.edition-architektur.de Chefredaktion: Dr. Jan Esche www.jan-esche.de Redaktion: Franziska Brettschneider Autoren dieser Ausgabe: Christiane Appel, Franziska Brettschneider, Dr. Jan Esche, Dr. Fabian Hieronimus, Herbert Lechner, Julia Leendertse, Dirk Meyhöfer, Ralph Missy, Peter Niermann, Udo Wittmann Art Direction und Gestaltung: Andreas Mitterer, Petra Winkelmeier Freie Kreatur, www.freiekreatur.de Schlusslektorat: Katrin Pollems-Braunfels Herstellung: Kessler Druck + Medien GmbH & Co. KG, Bobingen Erscheinungsweise: vierteljährlich Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Fotos wird keine Haftung übernommen. Trotz sorgfältiger Auswahl der Quellen kann für die Richtigkeit nicht gehaftet werden. Nachdruck und Verwendung, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. ©

raumbrand

Firmen in dieser Ausgabe

erscheint im Februar 2013

66 Vorschau | Impressum

ADAC (S. 26), Adidas (S. 11), Apple (S. 64), Asymptote Architects (S. 34), BayWa (S. 11), Braun (S. 5), BMW (S. 27), Bogner (S. 6), Datev (S. 40), Groupon (S. 14), Impress (S. 42, 44), Jacob Jensen (S. 54), Kathrein (S. 60 – 62), Klafs (S. 14), Lego (S. 55), Maserati (S. 56 – 59), McKinsey & Company (S. 39), Metajo (S. 11), Mika amaro (S. 55), Porsche (S. 55), Nokia Siemens Networks (S. 48, 49), Robert Bosch Hausgeräte (S. 40), Simon Kucher & Partners (S. 14), Siemens (S. 26, 45, 47, 51, 52), Still (S. 40), Swarovski (S. 12, 16, 18, f.), Threadless (S. 13), T-Systems (S. 40), Ziehm Imaging (S. 14). raumbrand 25


Zusammenschluss der bislang führenden Branchenkongresse!

+

Der Branchentreff für Messe-Profis in München

28.11. +29.11.2012

Erlebnisse schaffen. Trends setzen. Erfolg sichern! 2 Veranstaltungstage – 24 Experten – Podiumsdiskussion – 3 Foren

Key Notes: Martin Limbeck, Julius van de Laar, Markus Hofmann Die DNA des neuen Messehardsellers – Rezession ist die Konjunktur des Tüchtigen

Lernen vom US Wahlkampf – Wie Mobilisierung im US Wahlkampf wirklich funktioniert

Martin Limbeck (CSP) ist der Hardselling-Experte unter Deutschlands Verkaufstrainern. Als Redner, Bestseller­autor und Coach begeistert er jährlich zehntausende Menschen. Der zweifache Trainer des Jahres und International Speaker of the Year 2012 macht schonungslos klar, worauf es im Verkauf auf der Messe ankommt.

Julius van de Laar ist Kampagnen- und Strategieberater und engagierte sich zwei Jahre lang als hauptamtlicher Wahlkämpfer für Barack Obama. Sein Fokus liegt auf Themen wie Storytelling, MultiChannel-Campaigning, Unterstützergewinnung und Mobilisierung, Fundraising, Social Media und digitale CRM-Strategien.

Veranstalter und weitere Informationen

ZUKUNFT. VERANTWORTUNG. KOMPETENZ. SEIT 1993.

Vorsprung durch Wissen – Verkaufen beginnt im Kopf

Messe Institut GmbH Bussardstr. 5 82166 Gräfelfing Tel. 089 / 85 89 62 - 43 info@messe-institut.de www.messe-institut.de

Markus Hofmann, Gedächtnistrainer: Wer etwas zu verkaufen hat, muss hellwach sein, gut zuhören können und im richtigen Moment die treffenden Verkaufsargumente abrufen. Markus Hofmann zeigt, wie sich Vertriebsmitarbeiter systematisch auf ihre Verkaufsgespräche vorbereiten – und alle Argumente auch im Stegreif sofort parat haben.

Anmeldung Über unsere Website: www.get2gall.de/mx30-muenchen Über Ihr Mobiltelefon: Den QR-Code mit der Kamera erfassen.

ist Medienpartner des


raumbrand 25  

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