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raumbrand 14 Florian Hufnagl Titelthema | Interview

„Die Form an sich ist mausetot“ raumbrand im Gespräch mit Florian Hufnagl

” Nina Shell

Er gehört zur ersten Instanz zum Thema „Form“ – Professor Dr. Florian Hufnagl, Leiter der Neuen Sammlung in der Münchner Pinakothek der Moderne. Ein Hüter und Sammler prägender Formen des 20. und 21. Jahrhunderts mit Weitblick, der die Bedeutung der Form für die Zukunft neu definiert.

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Spitzentechnologie vorausgesetzt – aber die Kaufentscheidung ist letztendlich in hohem Maß eine emotionale. Und da entscheidet letztlich das Design. Niemand fährt gern ein Fahrzeug, das aussieht wie ein hässliches Entlein. Dabei ist der Brand, das Erscheinungsbild der Marke, heute wichtiger als das einzelne Fahrzeug. Emotion und ebenso gestaltete aber unsichtbare Dinge wie die Bedienbarkeit der Steuerelemente und Software rücken immer stärker in den Vordergrund. Die gute Form als solche, über die wir bei einer Kaffeekanne noch diskutierten, ist nicht mehr unser Problem. raumbrand: Es gibt Beispiele für Design, für neu entwickelte Gegenstände, die gleichzeitig Ausdruck einer ganzen Ära waren oder sind, wie zum Beispiel der Brezelständer von Günter Kupetz in den 50er-Jahren. Womit kann man so etwas heute vergleichen, mit dem iPod? Hufnagl: Klar, der Brezelständer ist heute obsolet. Der stand in der Freizeit auf dem Couchtisch, während man sich dem Fernsehgenuss hingab. Unsere Gesellschaft hat

sich verändert. Das Thema der Gestaltung ist interessant und spannend bei neuen Produkten, die auch für eine neue Welt stehen. Es gibt Dinge, wie das Radio, um genau zu sein: das Radioempfangsgerät, das völlig verschwunden ist. Seine Funktion übernehmen heute andere Geräte wie etwa ein MP3-Player. Design ändert sich zwangsläufig mit den Lebensgewohnheiten, mit den Veränderungen innerhalb der Gesellschaft und dem Wechsel in andere Kulturkreise. Darin liegt auch die Begründung, warum Design auch mal im Museum landen kann. Wenn sich unsere kulturellen Gewohnheiten verändern, dann verändert sich natürlich auch das Design. Ganz klar. raumbrand: Nichtsdestotrotz bleiben, gerade im häuslichen Umfeld, um noch mal auf die Kaffeekanne zurückzukommen, manche Dinge bestehen. Kann man die überhaupt ersetzen? Hufnagl: Aber ja, ganz sicher. Durch eine Espressomaschine zum Beispiel. Selbst beim Tee haben Sie inzwischen ganz andere Gewohnheiten.

raumbrand: Aber selbst Teebeutel werden heute nicht mehr nur klassisch gefaltet, sondern in speziellen Formen angeboten. Nur der Tee darin bleibt immer gleich… Hufnagl: So ist es. Und die Qual der Wahl wird immer größer. Das Design übernimmt natürlich eine hohe und ganz wichtige Funktion bei den Dingen des alltäglichen Gebrauchs. Das war seit eh und je so, auch als es das Wort Design noch gar nicht gab, und wird auch in Zukunft so bleiben. Nur: Der Wandel war noch nie so schnell und umfassend, wie wir ihn jetzt gerade erle-

„Die gute Form als solche, über die wir bei einer Kaffeekanne noch diskutierten, ist nicht mehr unser Problem.“ Fotos: ©H. Magerstädt; ©Oliver Schmidt (3)

» raumbrand: Herr Hufnagl, deutsches Design hat ja einen hervorragenden Ruf. Es gab eine Zeit, da waren klare Linien das Maß aller Dinge, ebenso der Leitspruch „form follows function“… In welche Richtung geht deutsches Design in punkto Form? Florian Hufnagl: Das muss man sehr differenziert betrachten. Die Form als gute Form allein für sich gesehen ist tot, mausetot. Und zwar schon lange, seit Memphis und Alchimia. Heute wird von einem Produkt mehr verlangt als die bloße Form. Es bleibt das Thema der Benutzbarkeit, aber irrationale Momente treten im Zeitalter einer Überflussgesellschaft natürlich in den Vordergrund, zunehmend können wir eine Emotionalisierung der Dingwelt beobachten. Jeder hat die Wahl, und zwar weltweit. Natürlich werden Produkte wegen ihrer Form und ihres Designs gekauft. Design ist ein ganz klarer Wettbewerbsvorteil und ein Verkaufsargument. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Gestaltung im Automobilbau. Hier wird vom Käufer der Einsatz von

ben. Das ist eigentlich das Thema. Design dient immer stärker zur Individualisierung der persönlichen Lebenshaltung oder des persönlichen Lebensgefühls. Das heißt, wenn man sich in einem bestimmten Bereich be-

wegt, dann identifiziert man sich mit dem Gegenstand und der Haltung, die diese nach außen vermittelt. Ein wunderbares Beispiel: Wir hatten in der Neuen Sammlung vor einiger Zeit Besuch von zwölf Designern aus der ganzen Welt. Dabei gab es drei Uhrentypen, von der Swatch „Jellyfish“ bis zur hochpreisigen Uhr. Jede Uhr war klassisch gestaltet, jede – auch die Swatch – ein Klassiker. Und damit hat natürlich auch jeder ihrer Träger eine bestimmte Haltung nach außen signalisiert. Da bekommt das Thema Gestaltung eine immer stärkere Bedeutung. Das ist wie beim Computer. Es

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gibt Apple und es gibt den PC. In der Verwendung des Gerätes drückt sich eine Haltung aus. Das findet auf der emotionalen Ebene statt, schlägt sich aber auch klar nieder in der Gestaltung. Der iPod ist innerhalb kürzester Zeit zur Designikone geworden. Zu Recht, wie ich meine. IBM ist mit den Entwürfen von Richard Sapper und dem klassischen Schwarz, das die HfG Ulm als Beispiel für klassische Erscheinungsbild für eine zeitlose technische Kompetenz entwickelt hat, dafür ein frühes Bespiel. Apple hat erkannt, dass die Dinge in einer globalen Welt in ihrer Erscheinung bunt sind, und

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„Die Form als gute Form allein für sich gesehen ist tot, mausetot. Und zwar schon seit langem, seit Memphis und Studio Alchimia. Heute wird von einem Produkt mehr verlangt als die bloße Form. Es bleibt das Thema der Benutzbarkeit, aber irrationale Momente treten im Zeitalter einer Überflussgesellschaft

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Farbe

Form

„Man muss es vor allem ehrlich meinen mit den Menschen und sie auch ein bisschen gernhaben. Immer dann, wenn ein Designer auf die Menschen zugeht, denn begegnen ihm Geschenke. Und die Menschen mer-

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Lebensräume

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Material

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Emotion

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ken sehr wohl, ob eine Inszenierung oder ein Detail nur zur Erhöhung des Konsums dient oder ob es eine ehrlich gemeinte Geste für sie ist.“ raumbrand in der Ausgabe 15.08 im Dialog mit dem wohl besten Kenner von Erlebniswelten weltweit: Christian Mikunda.

natürlich in den Vordergrund, zunehmend können wir eine Emotionalisierung der Dingwelt beobachten.“ raumbrand im Gespräch mit Florian Hufnagl über die Bedeutung der Form für die Zukunft (in 14.07).

Der eine inszeniert, der andere analysiert: Kommunikationsarchitekt Franz P. Wenger im intensiven Dialog über die Magie „Dritter Orte“ – vor Ort in der Münchner BMW Welt.

a Herbert Lechner

Ein strahlender Winter-Sonntag in München. Doch mehr noch als das schöne Wetter scheint Einheimische wie Touristen die neue BMW Welt zu locken. Das außergewöhnliche Gebäude hat sich offenkundig zu einem „Dritten Ort“ entwickelt, wie das Christian Mikunda in seinem Buch „Marketing spüren“ nennt. So steht nur die streng abgegrenzte Business Lounge für ein ungestörtes Gespräch zur Verfügung. Franz P. Wenger im Dialog mit dem wohl besten Kenner von Erlebnisszenarien weltweit.

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Editorial

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Fotos: © Oliver Schmidt (4); © BMW AG (1)

Franz P. Wenger im Gespräch mit Christian Mikunda

» Franz P. Wenger: Herr Mikunda, lassen Sie uns, vielleicht gerade angesichts dieses so vielfältig inszenierten Ortes, zunächst beim Thema Reduktion und Entschleunigung beginnen. Es ist unschwer festzustellen, dass spätestens seit 2001, als die beiden Flugzeuge in das World Trade Center gestürzt sind, jene überbordenden Gefühle und gesellschaftlichen Ansprüche, die eigentlich die 90er-Jahre bestimmt haben, verschwunden sind. Die Menschen haben sich wieder verstärkt die einfachen Dinge bewusst gemacht. Einfach nur einen Job zu haben, ist etwas Wertvolles geworden. Früher wollten alle an der Börse den großen Reibach machen. Christian Mikunda: Genau. Mit 30 Millionär sein, das war ja so ein beliebtes Ziel. Wenger: Sicher haben für diesen Sinneswandel auch noch andere Faktoren mitgespielt, beispielsweise das Platzen der Internet-Blase. Und vielleicht auch eine gewisse Ernüchterung, dass nach dem magischen Schritt ins dritte Jahr-

tausend die Welt eigentlich genauso weiterlief wie zuvor. Mikunda: Es ist tatsächlich verblüffend, dass wir heute in der Zukunft leben! Wir befinden uns im Jahr 2008 – das, was man früher als Zukunft bezeichnet hat. Und die Autos fliegen immer noch nicht. Und wir müssen immer noch staubsaugen. Aber dafür sitzen wir hier in einem futuristisch gestalteten Gebäude, das vor zehn Jahren so überhaupt nicht zu berechnen gewesen wäre. Erst durch die Weiterentwicklung des Computers ist das möglich geworden. Das ist eben das Verblüffende: Einerseits ist die Zukunft doch ganz schön normal geblieben, zum anderen sind Dinge selbstverständlich, die wir vielleicht aus Science-Fiction-Filmen kennen. Dass es eine Veränderung gibt, das konnten wir ab dem Sommer 1998 feststellen: Ganz plötzlich war weltweit und innerhalb von wenigen Wochen die Erlebnisgesellschaft erwachsen geworden. Plötzlich hatten die Menschen eine

Sehnsucht, Erlebnisse auch mit Inhalten verbunden zu sehen. Das Design wurde wichtiger als die Dekoration. Man sehe sich nur dieses Gebäude der BMW Welt an. Das hätte es doch früher nur als Konzernzentrale gegeben. Oder vielleicht als Museum. Als ein extrem hehres Objekt, ganz weit weg vom normalen Leben. Und heute kommen die Leute hierher, um sich ein Auto abzuholen! Wenger: Das „Autoabholen“ ist wahrlich nicht mehr der Kernpunkt dieses Bauwerks. BMW hat sich hier selbst ein Statussymbol zu setzen versucht, das darüber hinaus auch als Wahrzeichen der Stadt funktionieren wird. BMW prägt ja auch seit Jahrzehnten die Stadt München mit, sodass dieses Zeichen weit über eine bloße Auslieferzentrale hinausgeht. Ist es nicht vielmehr ein Punkt des Treffens, des Begehrens – um Ihre Begrifflichkeit zu benutzen: ein „Dritter Ort“? Mikunda: Man muss nur einmal auf die Men-

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Herausforderung

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Mehrwert

„Mein größtes Anliegen ist, dass unsere Gesellschaft auf den aktuellen Strukturwandel zügig reagiert. Die kollektiven Sicherungssysteme der Industriekultur lösen sich auf, neue Spielregeln für die globale Netzwerkgesellschaft werden dringend benötigt“, fasst Peter Wippermann in raumbrand in der Ausgabe 18.09 zusammen. „Freiheit und Eigenverantwortung brauchen neue gesellschaftliche Normen. Meine Hoffnung ist, dass Netzwerke auf Kooperation angewiesen sind, und die Theorie besagt, dass Kooperation Moral erzeugt.“

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„Man muss die Menschen schon ein bisschen gernhaben.“

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Das Magazin für erlebbare Kommunikation im Raum

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