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Zündstoff

Letzte Meinung

Der iDiot Ein unangekündigter Raub und eine Chance, die nicht genutzt wurde

von Dirk Meyhöfer

Dirk Meyhöfer, Hamburger Journalist und Architekturkritiker freut sich, die Chance bekommen zu haben, mit dem Honorar dieser Zeilen einen Teil des Schadens wieder einzuspielen. Ist doch gerecht. Oder?

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Am Mittwoch um 21.12 Uhr war es soweit. Mein wunderbares, blitzendes, einzigartiges iPhone wurde gezockt. In die Straßen­ pizzeria an der Mailänder Via Solferino hatte ich mich strategisch falsch mit dem Rücken zum Geschehen gesetzt, die weißen Headphones zu nervös in die Außentasche der schwarzen Designerjacke zurückgesteckt. Nicht aufgepasst, weil platt und müde vom totalen Möbelmessenstress und dem inzwischen in die Jahre gekommenen italienischen Design. Der just vollendete Gang durch das Szeneviertel Brera und seine aufgemotzten Galerien taten ihr Übriges. Der Akku des iPhones hielt, meiner war leer. Jetzt zählte nur noch die Chance auf ein Abendessen, Niente Tavolo war die bisherige Ausbeute bis zur hektischen Via Solferino. Der Diebstahl kam unverhofft und doch zur richtigen Sekunde. Es hatte sich in den Tagen davor eine merkwürdige Antihaltung bei mir aufgebaut. Der Grund war, dass ich zuviel die Seite Drei der SZ oder die Wochenendbeilage dieser Zeitung gelesen hatte. Dort schreiben in schönen Abständen die letzten Aufrechten gegen die Interneteuphorie und „White Chapel“, wie Apple und seine verführerischen Brandshops bisweilen genannt werden. Unter anderem die ergreifende Geschichte, dass irgendein gemeines Porno-Video den jugendlichen Besitzer des entsprechenden Laptops unmittelbar in den Selbstmord getrieben hatte. Bemerkenswert war, dass das elektronische Mobbing eines 13-Jährigen keine Folgen für den mutmaßlichen Täter hatte, denn der Provider gab die Daten der Polizei nicht weiter; muss er wohl auch nicht. Und überhaupt, dieser Hype der letzten Tage mit dem iPad 3 und dem jetzt endlich erhältlichen iPhone 5 –

14-Jährige pubertierende kleine Jungs und große Jungs vom Kaliber 60+ in der gleichen endlosen Schlange vor White Chapel, wenn es Apple-Neuheiten zu kaufen gibt. Die globale Gesellschaft ist von Apostel Steve Jobs ­sauber in den merkantilen Schwitzkasten genommen worden. Anfangs war es ja lustig in den Meetings, wenn erst eins, dann zwei Apfel-Smartphones und später noch mehr auf dem Tisch lagen: Clubausweise eben. Aber in der Mailänder Metro waren jetzt fast mehr iPhones als Menschen unterwegs. Omnipräsent und gleichmachend wie weiland der Golf 1. Zum Präsentieren und Protzen nicht mehr das richtige Medium? Nein – es bleibt ein Objekt der Begierde. Die Erkenntnis kommt, wenn es weg ist und man es refinanzieren muss, ohne es über die Telefonrate abzustottern. Derzeitig kostet ein iPhone mittlerer Güte über 600 €. Also der Zeitpunkt war gekommen: Chance nutzen, aufs iPhone verzichten. Denn braucht man es wirklich? In den ersten Stunden nach dem „Attentat“ nicht. Mit dem eigenen Laptop im Hotel (mit MultiSIM wird es zum großen iPhone, so hatte ich es doch vor kurzem im Londoner Eurostarbahnhof Kingscross/St.Pancras gesehen, als ein Pakistani mit dem eBook am Ohr skypte), wurde die Karte gesperrt und nach Hause gemailt: Bis morgen Abend nicht erreichbar. Und das war gut so. Der Donnerstag ist großartig. Kein Telefon, keine Verpflichtung, selbst anzurufen. Genuss pur, Versöhnung mit der Stadt der schnellen Langfinger und der Gang zu den Carabinieri ins Ufficio Denunce ist gut und bringt dank Diebstahlanzeige einige Dutzend Euro Gutschrift bei der Telekom. Naja, die eigene Musik ist weg, auch die Fotos. (Nicht ganz – es gibt ja Backups!) Die Chance ist da … Freitagmorgen. Die neue Simkarte kommt per Overnight, das alte Handy der Ehefrau wird reanimiert, sie hat jetzt (seuffz) das alte G3. Kann man ihr doch nicht wegnehmen. Oder? Ich telefoniere mit dem Ersatz. Klappt ja ganz gut. Aber simsen ist eine Katastrophe, E-Mails abrufen … könnte vielleicht gehen. Das Flugzeugspiel, na ja, ist was für kleine Jungs, mein Sohn ist eh geschickter. Das Ersatzhandy fotografiert auch, aber man hat ja noch eine Lumix. Die Chance ist greifbar … Am Freitag hält das Diebstahlopfer gegen 19.50 Uhr in einem Shop der Telekom das dort letzte noch verfügbare iPhone 5 in seinen Händen. Ein Update vom MacBook ist in 14 Minuten gelaufen. Back again: Keine 48 Stunden habe ich also standgehalten! Chance verpasst? Chance genutzt? raumbrand 25

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