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Für die außerordentliche Fähigkeit, Kunst und Architektur konzeptuell zu verschmelzen, erhielten Hani Rashid und Lise Anne Couture 2004 den Frederick Kiesler-Preis für Architektur und Kunst.

Literatur zum Thema: Hani Rashid, Lise Anne Couture: Asymptote. Architecture at the Interval (Rizzoli 1995, ISBN 0-8478-1861-6); Asymptote: Flux (Phaidon Press 2002, ISBN 0-7148-4172-2); Asymptote: Works and Projects (Skira 2002, ISBN 88-8491-261-X)

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raumbrand: Stichwort Zukunft – wie werden wir künftig leben? Rashid: Es gibt derzeit zwei deutliche – und durchaus gegensätzliche – Kraftfelder, die unsere zukünftige Lebensweise intellektuell, aber auch im ganz greifbaren Sinne von gebautem Raum (also Architektur) bedingen werden. Da ist zum einen unsere zunehmende Akzeptanz von elektronischen Netzen und virtuellem Lifestyle. Das heißt, zwischen dem ungezügelten Wuchern sozialer Netzwerke, medial vermittelter Erfahrungen und einem Leben im Zeichen von Entertainment entsteht das Risiko, dass wir gar keine realen Umgebungen mehr brauchen, zumindest nicht im Sinne herkömmlicher Vorstellungen. Zum anderen erweckt gerade dieses entkörperlichte Dasein umgekehrt ein Verlangen nach körperlichem Kontakt, echter Erfahrung und insofern auch nach räumlichen Situationen, die all dies umfassen und zur Entfaltung bringen können. In diesem sehr widersprüchlichen Spiel der Kräfte zwischen gebautem Raum und dessen Auflösung bewegen wir uns in die Zukunft. Angesichts dieser Dichotomie denke ich, dass sich Architektur als zunehmend relevant und nachhaltig erweisen wird – ob Sie es glauben oder nicht – weil sich genau hier, in unserer körperlich erfahrbaren Baukultur eine Versöhnung all dieser Gegensätze manifestieren muss. Da stellt sich natürlich die Frage, wie diese neuen hybriden Raumkonzepte denn aussehen werden und wie sie sich von der Architektur unterscheiden, die wir heute bereits kennen und mit der wir vertraut sind. Ich denke, wir sind längst von ersten flüchtigen Eindrücken solcher Raumtypologien umgeben. Das moderne Sportstadion ist beispielsweise als Versammlungsort beliebter und zugleich entmaterialisierter als je zuvor – mit durch das Stadion pulsierenden Daten- und Informationsströmen, die mit den iPhones und Blackberrys um

die Aufmerksamkeit der Besucher konkurrieren. Das Spiel selbst ist doch längst nur noch Sekundärinformation gegenüber den Statistiken, den Live-Feeds oder zeitverzögerten Übertragungen, gegenüber Facebook oder anderen Texting-Diensten, die das Stadion förmlich überwältigen. Und dennoch ist es immer noch ein „Ort“ im Hinblick auf Raum und Form. Es ist vielmehr die herkömmliche Vorstellung von Architektur – nach der eine Form, um narrativ zu funktionieren, symbolisch oder ornamental aufgeladen sein muss – die zunehmend obsolet wirkt. Tatsächlich ist doch gerade die Freude an dieser Entmaterialisierung von Raum spannend, wenn das Gebäude selbst zu einem lebendigen Medium wird, durch das diese ganzen Energien fließen, anstatt bloß einen stabilen, skulpturalen, formalistischen Zustand zu verkörpern. Wir haben sowohl das Hydra Pier in den Niederlanden als auch – in einem viel größeren Maßstab – das Yas-Hotel in Abu Dhabi mit diesem Ansatz im Kopf entwickelt – als Schöpfung neuer architektonischer Statements mit besonderem Fokus auf Raumfluss und -phänomene, auf transformative und meditative Elemente der Architektur. Im Falle von Hydra Pier agiert das Gebäude durch über die Oberflächen hinweg fließendes Wasser und eine scheinbar irgendwo zwischen Pumpwerk und Düsenjet eingefrorene Form in einem „interstitiellen“ Schwebezustand zwischen Bedeutung und Form. Das Yas-Hotel sticht durch das Flächentragwerk mit seiner mathematisch-fraktalen Komplexität, aber auch durch dieses Flair von Surrealität, durch die Lichtinstallation und bauliche Fragmentierung im Kontext von Abu Dhabi, aus der sicheren Gemütlichkeit eines gewöhnlichen Hotels oder Yachthafens heraus – stattdessen ist es ein inszenatorischer Ort für Öffentlichkeit, Spektakel, Tempo, der zugleich eine Art Kulturbruch darstellt. raumbrand 25

Fotos: © Asymptote Architecture; Übersetzung: STS Schellnack Translation Services

Abb. links: das Yas-Hotel in Abu Dhabi (2009)

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