DENKRAUM Nr 5

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Ausgabe Winter 2017 / 18

DENKRAUM

Thema:

Verantwortung Über die Konsequenzen des eigenen Handelns und warum man dafür geradestehen sollte.


Cool Klimatisch anspruchsvolle Bedingungen mit bis zu minus 65 Grad: Da müssen sich kleine Kaiserpinguine auf ihre Eltern verlassen können. Die Männchen brüten knapp 70 Tage lang, während die Weibchen unterwegs sind.Wenn diese wiederkommen, muss die Übergabe der mittlerweile geschlüpften Küken von seiner Bauchfalte zu ihrer innerhalb weniger Sekunden klappen.


Editorial

DENKRAUM Winter 2017/18

Liebe Leser, hören Sie auch oft, dass die Umstände, die Politik, die Gesellschaft, die Vorgesetzten für bestimmte Situationen verantwortlich seien? Ich bin in solchen Momenten oft irritiert über so viel Resignation vor den eigenen Chancen und Möglichkeiten. Natürlich haben wir alle Verantwortung – zumindest für uns selbst! Im letzten Jahr fand das Reformationsjubiläum statt, und wie die Bundesregierung in einem ­Positionspapier dazu schrieb, rückte mit der Reformation „die Ausbildung der Eigenverantwortlichkeit und die Gewissensentscheidung des ­Einzelnen in den Mittelpunkt“. 500 Jahre später suchen wir also immer noch die Verantwortung gerne bei anderen … Dabei hat Verantwortung nur in bestimmten Fällen mit Hierarchie, Position oder Bildungsstand zu tun. Eltern tragen Verantwortung für die Gesundheit und Erziehung ihrer Kinder, Autofahrer tragen Verantwortung für die Umwelt und natürlich tragen Manager und Unternehmer in besonderem Maß Verantwortung für ihre Mitarbeiter.

„Verantwortung? Habe ich leider keine …“ Das Thema dieser Ausgabe von DENKRAUM zeigte uns wieder einmal, dass es eben nicht nur Gut und Böse, Schwarz oder Weiß gibt. Jeder sollte im Rahmen seiner Möglichkeiten ­Verantwortung übernehmen: privat, beruflich und gesellschaftlich. Diese Möglichkeit zu h ­ aben, ist ein Privileg!

Ihre Anja Rössel Ich freue mich über Ihr Feedback unter a.roessel @ hansbeckergmbh.de

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Inhalt

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halt!

In

Editorial 3 Verantwortung? Habe ich leider keine … Ansichtssache 6

Alle für alle: Castells

Fokus 8 Moral und Verantwortung in Unternehmen Der „verantwortungslose Manager“? 12 Der kostenlose Künstler Das Dilemma des Downloads 14 Bestechend: Tango corrupti? Die sündige Republik 17 Verant-Wortung? Ein Begriff mit Bedeutung 18 Mensch sein heißt verantwortlich sein Was ein kleiner Prinz uns lehrt Inspiration 20 Mit Methode gegen Minen 22 Wir haben den Fuß in der Hand Unser Fußabdruck im Ökosystem 24 Fake Views Wie Wirklichkeit gestaltet wird Porträt 26 Aber logisch! Ein Porträt von Christine Klein 28 Verrohung der Sprache Haben wir menschliches Miteinander verlernt? 31 Auf den Hund gekommen Tierisch verantwortungsbewusst auch das noch! 32 Fundstücke, Neuheiten und Neuigkeiten Genuss 34 Eine Radtour um den Bodensee Reisen mit gutem Gewissen 36 Freiheit und Verantwortung Von Schiebern und Sündenböcken Denkraum 38 Vorschau, Impressum


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Ansichtssache


Castells – katalanisch für „Burgen“ – sind menschliche Pyramiden, die bis zu neun Stockwerke hoch werden können. Die sogenannten Castellers klettern jeweils auf die Schultern der Unterleute, bis eine bestimmte Höhe und Formation erreicht ist. Denn es gibt genau festgelegte Figuren. Die Anfänge reichen ins 18. Jahrhundert zurück, seit den 1980er-Jahren erfreuen sich die Castells auf Festen, Patronatstagen oder mit eigenen Wettbewerben großer Beliebtheit. Ähnlich dem Volkstanz Sardana gehören sie zur kulturellen Identität und zum Stolz der Katalanen, auch wenn Castells inzwischen sogar in der ungeliebten Hauptstadt Madrid aufgerichtet werden.


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Fokus: Verantwortung

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Wer ist wirklich verantwortlich?

Moral und Verantwortung in Unternehmen

von Hans Becker

Das Handelsblatt vom 06.09.2017 berichtet unter der Überschrift „G+J-Chefin befeuert Mediendebatte“ über ein Interview mit Frau Julia Jäkel. Die Verlagschefin hat in diesem Interview ein Umdenken in der Wirtschaft gefordert, wenn es um die Verteilung der Werbemilliarden der Unternehmen geht. Sie fordert eine neue „Corporate Media Responsibility“. Die Unternehmen sollen mehr Verantwortung für Medien übernehmen, „die ihre Inhalte aufwendig erarbeiten“, und dafür weniger Facebook, Google & Co. für Werbung nutzen. Es wird also hier die Frage gestellt: Sollen Unternehmen ihre Werbebotschaft im Zusammenhang mit Fake News (damit sind natürlich Facebook, Google & Co. gemeint) platzieren oder aber im Kontext mit relevanter Information? Prompt sprang ihr unter anderem auch Mathias Döpfner, Chef der Axel Springer AG (Bild, Welt) und zugleich Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger bei. Ein Schelm, wer Böses bei dieser Debatte denkt. Die Botschaft ist eindeutig: „Gib mir deine Werbemilliarden! Facebook, Google & Co. haben das Geld nicht verdient, denn dort gibt es zu viele Fake News. Die erste Frage, die sich da natürlich stellt: Stehen in Bild, Welt, Stern, Brigitte usw. immer nur objektive Wahrheiten oder gibt es auch dort Fake News? Ich meine: ja! Die gibt es und gab es schon immer. Nur eben nicht so offensichtlich, wie sich die vorgetäuschten oder falschen Nachrichten in jüngerer Zeit verbreiten. Und schon haben wir mit diesem Beispiel die Frage nach Moral und Verantwortung in Unternehmen. Frau Jäkel und ihre Mitstreiter fordern mehr Verantwortung von Unternehmen bei

der Entscheidung, wo sie ihre Werbemilliarden platzieren sollen. Gleichzeitig verleihen sie ihrer Forderung einen moralischen Touch, der signalisiert, dass die klassischen Medien immer sauber und ordentlich recherchierte Berichte und Informationen liefern. Doch diese Diskussion wird unaufrichtig geführt, denn es geht nicht um Moral und Verantwortung. Es geht um viel Werbegelder, und davon haben die klassischen Medien in jüngster Zeit zu wenig abbekommen. Hier versucht also eine Kommunikationselite in moralisierender Form den Unternehmen eine Verantwortung zu übertragen, die diese gar nicht übernehmen können und dürfen. Die Werbeabteilungen der Unternehmen haben die Verantwortung, dort Werbung zu betreiben, wo sie die größte Zielgruppe für ihr Produkt erreichen können. Und wenn dies Facebook oder Google & Co. sind, dann wird eben dort geworben. Das ist logisch und unternehmerisch folgerichtig. Statt die Verantwortung für Fake News den Unternehmen zu übertragen und ihnen die Schuld zu geben, dass die Werbeeinnahmen wegbrechen, sollte die Verlagsbranche besser darüber nachdenken, mit welchen Konzepten die eigenen Medien interessanter gemacht werden können. Dann kommen die Werbetreibenden von selbst.

Moral und Verantwortung in Unternehmen – wie sieht es damit ganz grundsätzlich aus und wie passt das überhaupt zusammen? Das Beispiel zeigt, wie die Verlagsbranche die Verantwortung für die eigenen Unzulänglichkeiten an jemand anderen weiterreichen will. Diese Handlungsweise ist nicht neu, hat sich


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allerdings in Zeiten der veränderten Unternehmensorganisationen intensiviert. Vor der Zeit der Kapitalgesellschaften waren Unternehmen in der Regel Einzelunternehmen und sind es teilweise auch heute noch. Das bedeutete, dass der Einzelunternehmer die Regeln vorgab und sich die Mitarbeiter danach zu richten hatten. Der Unternehmer haftete mit seinem kompletten Vermögen, trug die Verantwortung für das gesamte Unternehmen und auch für seine Mitarbeiter. In Kapitalgesellschaften wird die Verantwortung von der natürlichen Person auf die juristische Person übertragen. Die Gesellschaften sind in der Haftung limitiert. Der angestellte Manager hat den Auftrag, das Kapital der Geldgeber zu vermehren. So manche moralischen Bedenken sind hier nachrangig, man denke nur an die aktuellen Skandale bei Banken, Autokonzernen und ­Mineralölkonzernen. Den Konzernen nun allerdings die alleinige Schuld an solchem Fehlverhalten zu geben, wäre nur eine oberflächliche Analyse. Letztlich sind es neben den Konzernmanagern auch die Konsumenten, die zwar über moralischen Konsum und über Nachhaltigkeit reden, das allerdings nur ganz allgemein und in einem grundsätzlichen Kontext. Ob es um Nahrung, Kleidung, Transport, Reisen usw. geht – natürlich ist der Konsument vordergründig dafür, dass moralisch und nachhaltig gehandelt werden muss. Massentierhaltung ist schlecht, bio

ist super, Kleidung sollte Fair Trade produziert und gehandelt werden, Autos sollen umweltfreundlich fahren usw. Wenn es jedoch um den eigenen Geldbeutel geht, sind nur wenige bereit, auch mehr für fair und nachhaltig produzierte Waren und Dienstleistungen zu bezahlen. Diskutiert werden diese Themen dann im SUV, mit dem die aufgeklärte Mutter ihr Kind in die Grundschule fährt – und sich über die fehlenden Parkplätze beschwert – oder auf der Rolltreppe zum nächsten Shopping-Event. Was ganz allgemein in der Gesellschaft zu finden ist, spiegelt sich natürlich auch in den Unternehmen wider. Ja, es gibt tatsächlich immer mehr Unternehmen, die sich „Corporate Social Responsibility“ auf die Fahnen geschrieben haben und dies auch nicht nur als moralischen Deckmantel auf schöne PowerPoint-Charts geschrieben haben. Durch die Einrichtung entsprechender Abteilungen wurde die Verantwortung für die Umsetzung der Corporate Social Responsibility an geeignete Mitarbeiter übertragen. Allerdings gibt es noch viel zu wenig Unternehmen, die auch tatsächlich nach diesem moralisch hohen Anspruch handeln. Oft steht es zwar irgendwo geschrieben, doch nur selten wird danach gehandelt. In den vergangenen 25 Jahren hatte ich die Gelegenheit, mehrere Hundert Unternehmen von innen kennenzulernen. Kontakte zu Geschäftsführern, Vorständen, Bereichsleitern,


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Abteilungsleitern, Sachbearbeitern bis hin zum Lagerarbeiter und zur Reinigungskraft gaben einen tiefen Einblick in die Unternehmen. Dabei ist eines festzustellen: In den letzten 25 Jahren ist die Wirtschaft weder moralischer noch verantwortungsbewusster geworden. Es wird lediglich anders kommuniziert – nämlich dass moralischer und verantwortungsbewusster gehandelt würde. Die Realität allerdings entspricht nicht immer den kommunizierten Inhalten. Schon immer gab es Mitarbeiter, die bereit waren, Entscheidungen zu treffen und auch die Verantwortung dafür zu übernehmen, und solche, die grundsätzlich jegliche Übernahme von Verantwortung ablehnten und die Verantwortung an Kollegen oder an die nächste Unternehmensebene weiterreichten. Beide Kategorien von Mitarbeitern gibt es auch heute in allen Unternehmensebenen – von der obersten Führungsebene bis zur untersten Hierarchiestufe. Sich darüber zu beschweren, dass zu wenig Mitarbeiter bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, macht aber wenig Sinn. Denn es ist ja der Durchschnitt der Gesellschaft, der in den Unternehmen arbeitet. Wenn wir wollen, dass mehr Menschen

Verantwortung für ihr Tun übernehmen, müssen wir allerdings schon viel früher beginnen. Denn Verantwortung zu übernehmen, lernen wir im Kindes- und Jugendalter. Wenn Helikoptereltern ihren Kindern auch noch die Hausaufgaben abnehmen, dann lernen diese Kinder eher nicht, später selbstständig zu handeln und Verantwortung zu übernehmen. Und dann wird es wohl auch nicht zum Erfolg führen, einem solchen späteren Mitarbeiter Verantwortung übertragen zu wollen – dieser weiß ja gar nicht, wie das geht. Hier ist dann der Vorgesetzte gefordert, nur demjenigen Mitarbeiter Verantwortung zu übertragen, der auch bereit ist, eventuelle Folgen bei Fehlern oder bei Fehlentscheidungen zu tragen.

Es genügt nicht, Verantwortung zu übernehmen, ohne verantwortlich zu sein. Verantwortung übernehmen bedeutet, auch noch bei Fehlern verantwortlich zu sein. Und da wird es oft schwierig. Zunächst ist es natürlich toll, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung übertragen zu bekommen, ist ein Zeichen von Respekt und Anerkennung und oft auch mit mehr Gehalt verbunden.


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Wenn aber dann Fehler entstehen oder Fehlentscheidungen getroffen werden, dann wird schnell etwas oder jemand gesucht, das oder der dafür verantwortlich ist. In meiner täglichen Arbeit finde ich beide Gruppierungen vor: Mitarbeiter, die mit mir und meinen Mitarbeitern gemeinsam die Verantwortung für ein erfolgreiches Projekt übernehmen – auch wenn es mal schwierig im Projektverlauf wird. Wer Verantwortung übernimmt, der verzichtet auf Ausreden, wenn etwas schiefgeht. Allerdings gibt es auch die andere Fraktion. Das sind dann die Mitarbeiter, die zunächst die Verantwortung übernehmen, weil es toll ist, verantwortlich zu sein. Wenn es dann aber schwierig wird, sind sie schnell auf der Suche nach jemand oder etwas, der statt ihrer die Verantwortung tragen soll (die Umstände, der Chef, die Märkte, die Lieferanten usw.). Das sind dann die Mitarbeiter, die schnell eine Ausrede suchen, wenn’s mal nicht so klappt. Moral und Verantwortung sind im Unternehmen eng miteinander verknüpft. Beides hat sehr viel mit Führung zu tun und findet deshalb immer top down statt. Wenn die Unternehmensführung unmoralisches und verantwortungsloses Handeln vorlebt, so werden die meisten Mitarbeiter auch auf diesem Weg folgen. Dasselbe gilt natürlich erst recht für moralisches und verantwortungsbewusstes Handeln. //

„Ich mach’ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt …“ Pippi Langstrumpfs Leben ist das Ideal aller, die von unbegrenzter Freiheit träumen. Doch dabei wird schnell übersehen, dass selbstständiges, ­unabhängiges Dasein mit einer Menge Verantwortung verbunden ist. Alleine schon für ihre Tiere, das Äffchen Herr Nilsson und das Pferd Kleiner Onkel, sowie die Freunde Annika und Tommy, die sie auf ihren Abenteuern begleiten.


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Der kostenlose Künstler Das Dilemma des Downloads

von Herbert Lechner

Für den großen Yehudi Menuhin gehörte die CD zu den größten Erfindungen der Menschheit. Ermöglicht sie doch, dass fast jeder an fast jedem Ort Mozart hören könne. Was hätte der begnadete Musiker und Menschenfreund wohl zu den modernen Streaming-Diensten gesagt? Die Deutsche Telekom wirbt damit, dass unbegrenztes Musikerlebnis geboten wird, zahlreiche andere Dienste buhlen mit solchen Argumenten um die Gunst des Publi­ kums. Für den Musikfreund ein meist sogar kostenloses Vergnügen, bei unendlicher Auswahl der Stile, Titel und Interpreten. Doch wie sieht es auf der anderen Seite aus? Was haben die Künstler, Komponisten, Sänger, Bands, Orchester von der neuen Freiheit? Und was bedeutet diese Entwicklung langfristig für die globale Musikkultur? Musiker beklagen bereits den massiven Honorarausfall durch die verschiedenen Streaming-Dienste. Zwar gibt es eine gewisse Entschädigung, aber die steht in keinem Verhältnis zu anderen Vertriebsfor-

men und würde selbst Top-Interpreten kaum das Existenzminimum sichern – für Einsteiger ins Musikgeschäft also mehr als problematisch. Auch das Argument, dass durch Streamen immerhin die Popularität wachse und die Künstler ja ohnehin ihr Geld durch Liveauftritte verdienen würden, verfängt nicht, denn auch eine Tour will erst einmal finanziert werden. Für die Komponisten wie Interpreten also ein Vabanquespiel. Und noch ein Faktor kommt dazu, der nicht zu unterschätzen ist: Beim Amazon-Prime-Abo bekommt man den kostenfreien Zugang zu rund 2 Millionen Titeln als Zugabe, wählt man das Upgrade auf Amazon Music Unlimited, dann gibt es sogar mehr als 40 Millionen Songs zur freien Auswahl. Ähnlich großzügig erweisen sich auch Handy-Provider, wenn man bei ihnen Kunde wird. Doch eine alte Kaufmannsweisheit lautet: Was nichts kostet, ist nichts wert. Bleibt für die Musiker tatsächlich nur die Sperrung des Streaming-Zugangs?


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Das Urheberrecht hat eine wechselvolle Geschichte. Inzwischen gibt es gar Forderungen zu seiner Aufhebung. Es passe nicht mehr in die veränderte Medienwirklichkeit der sich wandelnden Internet- und Informationsgesellschaft. Statt kreatives Schaffen zu fördern und zu schützen, schränke es vielmehr die Entwicklung von Kultur und Fortschritt ein und kriminalisiere selbstverständliche Nutzungsmöglichkeiten. Open Source entwickelt sich als eine Möglichkeit aus dem Dilemma, ähnlich wie Creative-Commons-Lizenzen, die zumindest die Nennung des Urhebers verlangen. Eine Lösung, die z. B. immer häufiger bei ­Dokumenten von Wikipedia eingesetzt wird.

„Die direkteste Form des Kompliments“ nannte Theodor Fontane das Plagiat. Heute heißt die unverfrorene Verwendung der Leistung anderer „copy and paste“ und zeigt längst epidemische Auswüchse. War früher wenigstens noch ein Abschreiben nötig – und damit wenigstens eine teilweise Beschäftigung mit dem Gedankengut –, so erleichtert die Technik heute die direkte Übernahme von Kompositionen, Fotos, Illustrationen und ganzen Textpassagen. Selbst Doktorarbeiten sind bekanntlich schon auf diese Weise entstanden. Dabei gebietet eigentlich schon die Achtung vor dem Werk, das einem doch immerhin des Kopierens wert erscheint, die Nennung des ursprünglichen Verfassers.

Eine mögliche Lösung des Streaming-Problems will jetzt ein Start-up-Unternehmen einführen: Bei Voltra (https://voltra.co) sollen die ursprünglichen Besitz- und Bezahl-Verhältnisse von geistigem Eigentum, also hier Musik, auch im Internetzeitalter gesichert werden. Das Konzept lautet stream-to-own. So ist das erstmalige Streamen eines Songs bei Voltra kostenlos, bei jedem weiteren Mal wird eine geringe Gebühr fällig, die zu 100 Prozent dem Künstler zugutekommt. Aber nach dem zehnten Aufruf gilt der Titel als gekauft und bezahlt, also durchaus ein Anreiz, sich für dieses Modell zu entscheiden. Voltra soll künftig für Mobil- wie Desktopgeräte verfügbar sein. Es wird sich zeigen, ob sich dieses Angebot durchsetzen kann. //

Vom Grammophon zum Streaming – die Technik der Tonträger verändert sich kontinuierlich und hat dabei einen großen Einfluss darauf, wie sich Musiker vermarkten können. CD-Verkäufe gehen derzeit zugunsten von Streaming zurück, aber unerwarteterweise ist die Vinyl-LP wieder auf dem Vormarsch.


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Bestechend: Tango corrupti? Dieselgate, Kartellabsprachen, Bestechungen im großen Maßstab, schlecht vertuschte Lebensmittelskandale … die aktuellen Schlagzeilen werfen ein schlechtes Licht auf deutsche Verhältnisse.

von Herbert Lechner

Ausgerechnet Deutschland, das doch weithin als moralischer Musterschüler gilt, dessen Bürger eine fast manische Gesetzestreue auszeichnet und deren Unternehmen sich eines untadeligen Geschäftsgebarens rühmen! Hatte nicht schon ­Lenin behauptet, dass es in Deutschland nie zu einer Revolution kommen könne, weil es einfach verboten ist, den Rasen zu betreten? Inzwischen scheint diese moralische Imprägnierung allerdings Risse und Löcher zu bekommen. Man sehe sich nur auf den Straßen der Republik um, wo der einstige Slogan „Hallo Partner, danke schön“ längst einem gnadenlosen EllbogenEgoismus gewichen ist und das Recht des Stärkeren brachial durchgesetzt wird. Oder man vertiefe sich einmal in die diversen Internetkommentare zu unterschiedlichsten Themen. Vor allem scheinen in der Geschäftswelt die guten Sitten verschwunden zu sein. Was in den Kontoren einer ans-tändigen Firma (mit hanseatischem s-t) wohl undenkbar gewesen wäre oder zumindest den Verweis des Missetäters aus den Geschäftsräumen zur Folge gehabt hätte, ist mittlerweile „business as usual“. Das ist keineswegs nur das Gefühl eines ewigen Pessimisten, sondern wird durch aktuelle Studien und Umfragen leider nachdrücklich bestätigt. Jährlich befragt die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young 4.100 Manager aus 41 Ländern, auch in Deutschland nahmen für die aktuelle Studie 100 Entscheidungsträger teil. Beachtliche 43 Prozent der Befragten halten unlauteres Geschäftsverhalten hierzulande für verbreitet. Über die Hälfte (52 Prozent) der deutschen Führungskräfte sind laut der aktuellen Daten bereits mit ernsthaften Rechtsbrüchen des Arbeitgebers konfrontiert worden, 14 Prozent wurden unter Druck gesetzt, solche Verfehlungen zu vertuschen. Für jede zehnte Führungskraft war solch unethisches Verhalten schon ein Grund, den Arbeitgeber zu wechseln.

Der internationale Korruptionsindex Auch der renommierte internationale Corruption Perceptions Index (CPI), der Korruptionswahrnehmungsindex, beurteilt Deutschland weniger positiv als die verbreitete Selbsteinschätzung. Im Kampf gegen Korruption wird der CPI seit 1995 von der nicht staatlichen Transparency International weltweit erhoben und listet Länder nach dem Grad auf, in dem dort Korruption bei Amtsträgern und Politikern wahrgenommen wird. Der I­ ndex basiert auf verschiedenen Umfragen und Untersuchungen, die von unabhängigen Institutionen durchgeführt werden. Dazu ­werden Geschäftsleute und Länderanalysten befragt sowie ­Expertenbefragungen im In- und Ausland berücksichtigt. Hier befindet sich Deutschland zwar auf einem ordentlichen zehnten Platz, hinter den skandinavischen Ländern und der Schweiz, aber auch nach Exoten wie Singapur und Neuseeland. (www.transparency.org/news/feature/corruption_perceptions_ index_2016)

Aber es sind nicht immer nur die anderen schuld: 23 Prozent und damit fast jeder Vierte der hiesigen Befragten wäre bereit, für die eigene Karriere oder eine bessere Bezahlung illegale Mittel einzusetzen. Damit liegen die sauberen Deutschen nicht nur deutlich über dem westeuropäischen Durchschnitt (14 Prozent), sondern sogar über dem aller untersuchten 41 Länder (21 Prozent). Jeder Zehnte würde zudem für die eigenen Interessen die Unternehmensleitung hintergehen und belügen. Und um einen Auftrag zu ergattern, wären 11 Prozent durchaus zu Bargeldzahlungen bereit. Nun mag man solche Zahlen mit dem Hinweis abwiegeln, dass es anderswo doch noch viel schlimmer zugehe. So halten etwa gar 88 Prozent der Manager der Ukraine die Korruption in ihrem Land für allgemein verbreitet – Spitzenplatz unter den untersuchten Ländern, zu denen neben europäischen auch


Deutsche JVAs Sternförmige Grundrisse scheinen beim Bau von deutschen Justizvollzugsanstalten sehr beliebt. Dass die Gebäude damit Flughäfen ähneln, ist wohl eher Zufall als gewollte Ironie. JVAs in Bruchsal (u. r.), Großbeeren (u. l.), Berlin-Moabit (o.) und JVA in Werl in Nordrhein-Westfalen (S. 16)


„Deutschland ist keine Bananenrepublik! Das Wetter ist zu schlecht.“ asiatische, afrikanische und nahöstliche Staaten zählen. Doch der Vergleich über die Grenzen fällt beinahe noch peinlicher für das vermeintliche Musterland aus. Zwar sind im Durchschnitt dieser 41 Länder 51 Prozent der Manager der Meinung, Bestechung und Bestechlichkeit seien an der Tagesordnung im Wirtschaftsleben ihres Landes – also mehr als in Deutschland. Doch liegt der Anteil in westeuropäischen Ländern mit gerade mal 33 Prozent satte zehn Punkte unter dem hiesigen Wert. Auf dem gleichen Niveau wie Deutschland befindet sich übrigens Saudi-Arabien, eigentlich auch kein sehr rühmlicher Vergleich. Noch schlimmer wird es bei Betrachtung der Einschätzungen in den ordentlichen nordeuropäischen Ländern: In Dänemark sehen z. B. lediglich sechs Prozent der befragten Führungskräfte unethisches bzw. illegales Agieren für üblich. Aber auch andere europäische Volkswirtschaften, etwa Großbritannien (25 Prozent) oder Frankreich (28 Prozent) schneiden deutlich besser ab. Vor allem ein Aspekt der aktuellen Ernst & Young-Daten muss nachdenklich stimmen: Gerade unter jüngeren Führungskräften scheint hierzulande die Bereitschaft zu unethi-

schem Verhalten besonders verbreitet zu sein. So sind für nicht weniger als 73 Prozent der 25- bis 34-jährigen Manager Lug und Trug gerechtfertigte Mittel, wenn damit eine Krise des eigenen Unternehmens zu bewältigen wäre. Im Durchschnitt aller Altersgruppen sind es dagegen „nur“ 59 Prozent. Und wenn es um den eigenen Vorteil geht, ist jeder Zweite des Führungsnachwuchses bereit, zu illegalen Maßnahmen zu greifen (im Vergleich zu 40 Prozent aller Befragten). Wie sieht es also aus mit der Bananenrepublik? Vielleicht sorgt ja künftig der Klimawandel für das angemessene Wetter. Ein namhafter deutscher Volksvertreter wollte ja schon einmal Ananas in Alaska züchten! //


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Verant-Wortung? Wie bei so vielen Begriffen des täglichen Lebens, die in vielfacher Form und durchaus unterschiedlicher Interpretation gebraucht werden, empfiehlt es sich, auch bei dem Begriff „Verantwortung“ der Sache auf den – etymologischen – Grund zu gehen.

von Franz Tramberger

Naheliegend ist dafür, einmal den Duden zurate zu ziehen, erste Instanz, wenn es um die Definition und den Ursprung eines Wortes geht. Dort wird Verantwortung wie folgt erläutert: 1. a. [mit einer bestimmten Aufgabe, einer bestimmten Stellung verbundene] Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass (innerhalb eines bestimmten Rahmens) alles einen möglichst guten Verlauf nimmt, das jeweils Notwendige und Richtige getan wird und möglichst kein Schaden entsteht

b. Verpflichtung, für etwas Geschehenes einzustehen [und sich zu verantworten]

2. Verantwortungsbewusstsein, -gefühl 3. (veraltet, noch landschaftlich) Rechtfertigung Der Begriff ist erstmals im 12. Jahrhundert zu finden – und zwar in Form des Verbs „verantworten“ (ursprünglich „verantwürten“), welches sich vom lateinischen Verb „respondere“ (= antworten) ableitete. Ursprünglich bedeutete das Wort, sich vor Gericht zu verteidigen bzw. zu verantworten und wurde oft mit Schuld und Zurechnung in Verbindung gebracht. Der Begriff „Verantwortung“ als Substantiv ist erst ab dem 15. Jahrhundert nachzuweisen. Im englischen Sprachraum wurde der Begriff ebenfalls aus dem Lateinischen mit „responsibility“ übernommen. Heute findet der Begriff „Verantwortung“ eine wesentlich breitere Anwendung. Grundsätzlich findet Verantwortung immer in einer DreieckBeziehung statt: Ein zurechnungsfähiges Subjekt (z. B. Person, Gruppe, Nation etc.) übernimmt Verantwortung für ein Objekt (Aufgaben, Prozesse, andere, sich selbst, eigenes Ideal …) und hat die zugeschriebene Verantwortung vor einer bestimmten Autorität (z. B. Vorgesetzter, sich selbst, Moral, Gesetz, Religion, Wissenschaft) zu verantworten. Wesentlich für die Übernahme von Verantwortung ist, dass das Subjekt dabei eine bestimmte Handlungsfreiheit und einen wirksamen Einfluss auf das Handlungsergebnis besitzt. Verantwortung bedeutet also auch ein Regulierungs- und Ordnungsprinzip. In einer Welt, die von zunehmender Komplexität geprägt ist, nimmt damit das Konzept der Verantwortung eine immer wichtigere Rolle ein, um eine bestimmte Einfachheit bzw. Ordnung zu erhalten. Im Gegenzug erhöhen unverantwortliche Handlungen die Komplexität und den Chaoszustand eines Systems. //

Augen, Mund und Ohren verschließen Die drei Affen gelten gemeinhin als Symbol der Ignoranz und des Sich-Drückens vor Verantwortung. So hat sie z. B. der Künstler Keith Haring eingesetzt, um mehr Engagement für Aids zu fordern. Doch das schlechte Image der drei Primaten ist nicht weniger als die Umkehrung ihrer eigentlichen Bedeutung. Denn ursprünglich dienten sie der Erziehung zum Guten. Ihr Ursprung geht wohl auf den chinesischen Weisen Konfuzius bzw. einen seiner Schüler zurück. Und da bedeutete sie die Vermeidung schlechten Verhaltens: „Was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, darauf schaue nicht; was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, darauf höre nicht; was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, davon rede nicht; was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, das tue nicht“ – wobei hier Schönheit im Sinne des angemessenen, korrekten Verhaltens zu verstehen ist. Ein Prinzip, das gerne von den ­Japanern übernommen wurde, wo wahrscheinlich auch die Affen ins Spiel kommen. Denn im klassischen ­Japanisch wird „zaru“, die Verneinung einer Tätigkeit, ganz ähnlich ausgesprochen wie „saru“ (= Affe).


Mensch sein heißt verantwortlich sein

von Christine Klein

//  „Mensch sein heißt verantwortlich sein.“ Dieser Satz von ­Antoine de Saint-Exupéry ist einer der am häufigsten gelisteten Nachweise, die man im Internet in Bezug auf den Begriff „Verantwortung“ findet. Für manch einen Text mag dieses schnelle Ergebnis der Suche gerade passend erscheinen. Die Intention des berühmten Autors ist damit allerdings nicht geklärt. Der Schlüssel dafür liegt in der Interpretation des bekannten Märchens „Der kleine Prinz“, erschienen 1943 in New York, wo sich der Franzose im Exil aufhielt.

Der Begriff „Verantwortung“ Doch lassen Sie uns zunächst den Begriff „Verantwortung“ etwas genauer fassen. Verantwortung kann nämlich aus verschiedenen religiösen, juristischen, politischen, wirtschaftlichen und moralischen Blickwinkeln betrachtet werden. Eine Vielzahl unterschiedlicher philosophischer Grundgedanken aus der Geschichte kann der Definitionsklärung zugrunde gelegt werden. Verschiedene kulturelle Prägungen legen zudem unterschiedliche Instanzen zugrunde, aus denen sich ein andersartiger Verantwortungsbegriff definieren kann. Aber auch nicht zu handeln, um der Verantwortung zu entgehen, führt letztlich zu einem Ergebnis. In diesem Fall wird die Person für ihr Nichthandeln verantwortlich gemacht. Schwieriger wird es, wenn das handelnde Subjekt nicht eine einzelne Person ist, sondern eine Gruppe von Menschen. Dann

lässt sich die Verantwortung auf andere schieben. Keiner will im schlechten Fall die Verantwortung übernehmen.

Der kleine Prinz Saint-Exupéry kritisiert in dem Märchen die Erwachsenenwelt und die Konsumgesellschaft, einhergehend mit dem Werteverfall der Gesellschaft. Er setzt sich für eine bessere Welt mit Freundschaften und Menschlichkeit ein. Der Begriff „Verantwortung“ schwingt in all diesen Themenfeldern mit. Im Märchen vom kleinen Prinzen berichtet der Erzähler zunächst über seine Kindheitserinnerungen im Umfeld mit „großen Leuten“. Sie betrachten seine Zeichnungen nicht ernsthaft und sind nicht an einer korrekten Interpretation der Bilder interessiert. Der junge Erzähler fühlt sich nicht ernst genommen, er entscheidet sich deshalb dafür, nicht Maler, sondern Pilot zu werden. Durch Gleichgültigkeit entsteht eine Distanz zwischen dem Kind und der Erwachsenwelt. Die Erwachsenen (Subjekt) nehmen ihre Verantwortung gegenüber dem Kind (Objekt) nicht wahr, die Instanz wäre die moralische. Träume und Fantasie des Kindes werden ignoriert, die Erwachsenen verhalten sich nicht wie verantwortungsvolle Menschen. Als im Lauf der Geschichte der erzählende Pilot in der Sahara notlanden muss, begegnet er dort einem kleinen Prinzen, der nicht von diesem Planeten stammt und folglich sich auch nicht so üblich verhält wie die Menschen. Der kleine Prinz nimmt


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sich die Zeit und erkennt die kindliche Zeichnung des Erzählers, es entsteht eine besondere Beziehung zwischen dem Piloten und dem kleinen Prinzen. Der kleine Prinz berichtet dem Piloten von seinem Heimatplaneten, einem kleinen Asteroiden, und seinem Tagesablauf dort. Er macht zunächst seine Morgentoilette und danach muss er sich um die Toilette des Planeten kümmern. Er übernimmt Verantwortung für seinen Planeten, indem er die drei Vulkane reinigt und die Affenbrotbäume herausreißt, damit sie nicht den ganzen Vulkan überwuchern. Dies wird als Anspielung auf die drei Achsenmächte des Zweiten Weltkriegs – Deutschland, Italien und Japan – verstanden. Das Subjekt, der kleine Prinz, verantwortet also seine Handlung (reinigen und herausreißen) gegenüber dem Wohlergehen seines Planeten. Seine Instanz kann sowohl gesetzlich als auch moralisch gesehen werden. Anders als der Autor Saint-Exupéry, der im Exil in New York lebt, kümmert sich der kleine Prinz darum, dem Spuk des Krieges ein Ende zu machen. Der Autor, selbst Pilot, machte sich immer wieder selbst Vorwürfe, nicht genügend Verantwortung für die Verteidigung seines Vaterlands Frankreich zu übernehmen. Er hat also durch Nichthandeln die Verantwortung auf andere – in diesem Fall die Mitglieder der französischen Resistance – abgeschoben. Er fühlt sich in seiner Rolle nicht wohl, das Märchen soll vermutlich auch ein Beitrag zu seiner Verantwortung sein, um vor sich selbst menschlicher zu sein. Auf einmal findet sich auf dem Asteroiden des kleinen Prinzen eine fremde Blume, eine Rose, wie sich später herausstellt. Der kleine Prinz unterhält sich mit dieser Rose und bemüht sich, eine Beziehung zu ihr aufzubauen. Doch ist die Rose sehr eitel und sagt, dass man Blumen nicht zuhören darf, vielmehr solle man sie anschauen und einatmen.

Der kleine Prinz verlässt seinen Asteroiden auf der Suche nach Freunden auf anderen Planeten. In diesen Kapiteln kritisiert der Autor insbesondere die ichbezogenen Sichtweisen der verschiedenen Charaktere, beispielsweise einen König, einen Alkoholiker, einen Eitlen oder einen Geschäftsmann, die allein deshalb schon keinerlei Verantwortung übernehmen. Freunde findet der kleine Prinz daher auf diesen Planeten nicht. Zu guter Letzt landet der kleine Prinz auf der Erde. Dort trifft er auf einen Fuchs. Erst dieser verdeutlicht ihm das Wesentliche, das Zähmen, wie der Fuchs es nennt. Damit meint er, anders als die Bedeutung „züchtigen“, den aktiven Lernprozess, in dem jeder etwas von sich preisgibt und man den anderen in all seinen Stärken und Schwächen kennenlernt. Die grundlegenden Werte werden erst im Miteinander geschaffen. Durch Erarbeiten gemeinsamer Werte und Zuwendung erlernt man eine gemeinsame Basis. Nur durch Offenheit, Geduld und die Bereitschaft, Andersartigkeit zuzulassen, wird dies gelingen. Der Fuchs lehrt den kleinen Prinzen, dass, wenn man so eine Bindung eingegangen ist, jeder für den anderen auf ewig verantwortlich ist. Dabei erkennt der kleine Prinz, dass er zu der Rose auf seinem Planeten genau so eine Beziehung geschaffen hat. Andere Rosen, die er auf der Erde sieht, sind ihm unwichtig. Einzig seine Rose zählt und er muss die Erde schnell verlassen, um seine Rose zu beschützen. Die vielschichtigen Aspekte von Verantwortung werden in dem Märchen sehr bildhaft verdeutlicht. Eigene Aspekte des Autors, zu seinem Leben und der Zeit schwingen mit. Eine menschlichere, lebenswertere Welt mit echten Freundschaften und ohne Werteverfall kann nur durch ein verantwortungsvolles Leben erreicht werden, so die Überzeugung Antoine de SaintExupérys. Eben deshalb gehört zum Mensch-Sein das „Verantwortlich-Sein“ zwingend dazu. //

Der kleine Prinz in der Laterna magika Das dem Nationaltheater in Prag angeschlossene avantgardistische Theater Laterna magika hat auch Anfang 2018 Saint-Exupérys kleinen Prinz in einer multimedialen Inszenierung des Regisseurs Vladimír Morávek auf dem Spielplan. Man begegnet nicht nur einem Piloten, dem kleinen Prinzen, dem Fuchs, der darauf wartet, gezähmt zu werden, oder den Einwohnern von Planeten, die der kleine Prinz auf seiner Reise durch das Weltall besucht, sondern auch symbolischen Gestalten, die die Atmosphäre des Werkes abrunden.


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Inspiration

­ Mine Kafon Nach wie vor sind weltweit mehr als 100 Millionen Landminen im Einsatz und kosten jährlich bis zu 20.000 Menschen das Leben. Sie zu beseitigen ist auch in „friedlichen“ Zeiten mühevoll, teuer und vor allem lebensgefährlich. Der holländisch-afghanische Designer Massoud Hassani hat nun etwas entwickelt, das wie eine riesige Pusteblume aussieht und an ein Kinderspielzeug erinnert, das Hassani aus Afghanistan kannte. Der kostengünstige Ball aus Bambus und Kunststoff wird vom Wind getrieben und bringt Minen durch sein Gewicht zur Detonation. Da diese Methode jedoch keine absolute Sicherheit garantiert, arbeitet Massoud Hassani zusammen mit seinem Bruder und dem Mine-Kafon-Team mittlerweile an einer Drohne, die Minen entdeckt, kartografiert und neutralisiert. Diese Methode ist 20-mal schneller als herkömmliches Vorgehen und wesentlich sicherer. Vielfach ausgezeichnet soll Mine Kafon jetzt mithilfe von Crowdfunding realisiert werden. www.minekafon.org



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Unser Fußabdruck im Ökosystem

Wir haben den Fuß in der Hand!

von Herbert Lechner

Geht es um prinzipielle Umweltfragen, um die Zerstörung von Naturräumen, den weltweiten CO2-Ausstoß oder Müllvermeidung, dann taucht immer wieder der Begriff des ökologischen Fußabdrucks auf. Die Aktivitäten von Ländern oder Unternehmen werden danach bewertet, wie viel Erdoberfläche sie dafür verbrauchen. Der Begriff des ökologischen Fußabdrucks ist überzeugend und leicht verständlich. Auch lässt er sich natürlich eindrucksvoll illustrieren. Doch was steckt eigentlich dahinter und was sagt er wirklich aus? 1994 von Mathis Wackernagel und William Rees entwickelt, fand das Konzept schnell internationale Resonanz. Unter ökologischem Fußabdruck (englisch: Ecological Footprint) wird generell die Fläche verstanden, die notwendig ist, um den bestimmten Lebensstil eines Menschen zu ermöglichen. Dazu gehören jene Flächen, die notwendig sind zur Herstellung seiner Nahrung und Bekleidung. Ebenso zählt dazu der Verbrauch für die Gewinnung der benötigten Energie, zur Müllbeseitigung usw. Zu diesem Zweck vergleicht die Methodik zwei fiktive Flächen und setzt sie zueinander in Beziehung: Einerseits die für den Einzelnen durchschnittlich verfügbaren Land- und Wasserflächen, auch als Biokapazität bezeichnet. Diesen stehen

jene Land- und Wasserflächen gegenüber, die tatsächlich benötigt werden, um seinen Bedarf zu produzieren und zu entsorgen: eben der ökologische Fußabdruck. Dabei beschränkt sich die Bewertung allerdings bewusst auf die biologisch nutzbaren Flächen, also Ackerland, Weideland, Wald sowie die für die Fischerei genutzten Flächen der Meere und Binnengewässer. Hochgebirge, Wüsten, aber auch bebaute Gebiete und Verkehrswege gelten als neu­ tral und werden nicht in die Berechnung aufgenommen. Diese nutzbaren Bereiche sind nicht ­gleichermaßen ertragreich. Dazu musste ein Durchschnittswert als Rechengröße eingeführt werden. Der methodische Erfolg des ökologischen Fußabdrucks beruht darauf, mithilfe von bestimmten Produktivitätsfaktoren diese Flächen in globale Hektar umzurechnen. Auf diese Weise kann man sich auf einen durchschnittlich produktiven „Standardhektar“ als gemeinsame Maßeinheit beziehen, um weltweit sehr unterschiedliche Flächen miteinander zu vergleichen. Nun werden


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nicht mehr Äpfel mit Birnen in Bezug gesetzt, sondern jedem stehen die gleichen globalen Hektar zur Verfügung. Zudem konnten auf dieser Basis Zahlen bis 1960 zurückgerechnet werden, obwohl der ökologische Fußabdruck erst 1994 „erfunden“ wurde. Die Methodik wurde seitdem noch verfeinert, ohne das Grundkonzept zu verändern. Auf dieser Grundlage lassen sich komplexe Beziehungen unterschiedlichster Faktoren relativ einfach und übersichtlich darstellen. Dieser größte Vorteil, eben die einfach nachzuvollziehende Quantifizierung und Visualisierung, bildet allerdings auch das größte Handicap des Abdrucks. Denn die Reduktion auf eine Nenngröße entspricht nicht der Realität, da zu viele Faktoren ausgeklammert sind. Doch für ­einen globalen Vergleich – und für ein schlechtes Gewissen – ist dieser Fußabdruck sehr empfehlenswert. Die Umweltorganisation Greenpeace hat für ihren Fußabdruck einen anderen Faktor zugrunde gelegt, nämlich den CO2Ausstoß. Dazu gibt es klare Nachweise und Statistiken sowie Daten der verschiedenen Verursacher, die sich auf den einzelnen Konsumenten umlegen lassen. Eines wird dabei sofort klar: Wir leben auf viel zu großem Fuß! Rein rechnerisch dürfte jeder 2 Tonnen CO2 pro Jahr in die Luft jagen, doch tatsächlich sind es in Deutschland 12,5 Tonnen pro Kopf, die da jährlich zusammenkommen. Eine Summe, die sich aufschlüsseln lässt nach Energiebereitstellung (2,8 Tonnen), privatem Konsum (2,1 Tonnen), Infrastruktur (1,5 Tonnen), Heizung (1,3 Tonnen) Verkehr (2 Tonnen). Und 1 Tonne kommt noch für den Verzehr von Fleisch bzw. seine Produktion dazu. Die angepeilten 2 Tonnen verbraucht alleine schon der Verkehrsbereich – vom Pendeln im Auto bis zu Flugreisen. Dazu kommt noch der Güterverkehr, der immerhin auch noch mit 0,7 Tonnen zu Buche schlägt. Natürlich sind die 12,5 Tonnen nur die statistische Umlage, d. h. es gibt Umweltsünder unter uns, die auf 25 Tonnen pro Jahr kommen, während sparsame Naturen deutlich weniger CO2 produzieren. Es ist also möglich, diesen Wert zu senken, mit bewusstem Konsum und politischer Einflussnahme. Wir ­haben es in der Hand. Kein Wunder also, dass Greenpeace dazu aufruft, endlich massive „Fußpflege“ zu betreiben! //

Slavery Footprint Einen völlig anderen, aber nicht weniger bedenkenswerten Fußabdruck weist die Website www.slaveryfootprint.org nach. Wer da glaubt, die Sklaverei sei abgeschafft, wird hier eines Besseren belehrt, und zwar am eigenen Beispiel. Denn mit unserem Konsumverhalten fördern wir die globale Sklavenhaltung! Mit den Produkten wie Smartphones, Kleidung, Lebensmitteln … Unmöglich, das sind doch alles respektable Marken, die wir erwerben, denken wohl die meisten. Doch es sind die Lieferketten, in denen die modernen Sklaven schuften: Wer pflückt die Baumwolle, gewinnt die Rohstoffe, webt die Teppiche, puhlt die Shrimps wirklich? Die Initiative lädt ein zum Selbstversuch: Wie viele Sklaven arbeiten für mich? Es ist ganz einfach, doch das Ergebnis dürfte die meisten erstaunen – und zum Nachdenken animieren.


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Fake Views Über das Manipulieren von Bildern

von Herbert Lechner

Die Welt will betrogen sein. Im Internet kursieren immer wieder hinreißend missglückte Photoshop-Retuschen: Da hat ein Model plötzlich drei Hände, einem anderen fehlt das Bein, mal ist das Spiegelbild nicht seitenverkehrt oder der Schatten passt nicht zum Objekt. Ganz zu schweigen von verschobenen Perspektiven und verzerrten Dimensionen. Allerdings sind diese Missgeschicke nur die äußerste Spitze des Eisbergs. Profis schätzen, dass heute kaum ein Foto veröffentlicht wird, das nicht zuvor mehr oder weniger intensiv bearbeitet wurde. Solange es dabei um Formen der so beliebten Selbstoptimierung geht, also das gnädige Beseitigen von Hautunreinheiten und Fältchen, mag man verständnisvoll lächeln, doch wenn dokumentarische Bilder manipuliert werden, um bestimmte Reaktionen auszulösen, wird es kritisch. Wo verläuft die Grenze zwischen Retusche und Fälschung?

Fake News sind aber keine Erfindung von Photoshop, Internet oder Donald Trump, die lediglich (?) diese Form der Wahrheitsbeugung potenziert haben. Speziell die Veränderung von Fotografien ist fast so alt wie das Medium selbst. Und das, obwohl wir doch, wie schon Susan Sontag beobachtet hat, gerade das Foto als objektiven Beleg der Wahrheit sehen: Was nicht fotografiert ist, hat keine Wirklichkeit! Manche dieser Manipulationen sind vergleichsweise harmlos, etwa jenes berühmte Foto des Ungeheuers von Loch Ness, dessen Fotograf später selbst die – sehr simple – Fälschung zugegeben hat. Immerhin bescherte das Bild dem einsamen See eine weltweite Bekanntheit und einen Touristenboom. Denn obwohl die Fälschung seit Langem bekannt ist, reißt der Strom der „Nessie“-Spotter nicht ab. Es könnte ja doch sein, dass … Politisch motivierte Fälschungen sind weit häufiger und oftmals gefährlicher. Dass das Hissen der Sowjetflagge auf den Berliner Ruinen bei Kriegsende nochmals mit einer weitaus größeren Fahne nachgestellt wurde, um bessere Wirkung zu erzielen, ist vielleicht noch zu tolerieren – vor allem nachdem die Amerikaner das Gleiche mit dem Flagge-Setzen auf Iwo Jima gemacht haben, ein Motiv, das sogar zum Denkmal geworden ist. Doch wenn politische Säuberungen auch zum Beseitigen der missliebigen Figuren auf den Bilddokumenten führen, ist das schon problematischer. Eine Person wird regelrecht ausgelöscht, wie etwa Trotzki, den Stalin auch von allen Fotos verbannen ließ, als hätte es ihn nie gegeben. Für solche Beispiele gibt es ganze Kataloge, in denen das Vorher-Nachher dokumentiert wird. Weitaus schlimmer, wenn solche gefälschten „Dokumente“ Auslöser für Kriege sind – man erinnere sich an den Irakkrieg.

Er lässt das Hotel NH München Deutscher Kaiser (rechts) ­tanzen: ­Víctor ­Enrich. Der spanische Künstler ­arbeitete acht Monate an der Fotoserie NHDK. Aufwendig konstruierte er digitale 3-DModelle des Hotels und der sieben umliegenden Gebäude, sodass Spiegelungen und Schatten trotz der irrwitzigen Verzerrungen realistisch wirken. Dann fertigte er 88 Varianten, das Hotelgebäude zu verbiegen, zu verzerren oder fliegen zu lassen. Ein weiteres Münchner Gebäude scheint gerade die Paul Heyse Straße zu überqueren (links). Fotoforensiker hätten also wohl Schwierigkeiten, Spuren von Bildmanipulationen zu entdecken, ob sie aber die Bilder deshalb für echt hielten?


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Manchmal geschehen solche Manipulationen sogar durchaus in guter Absicht und vorauseilender „Political Correctness“. Berühmt geworden ist das Beispiel von André Malraux. Als Frankreich seinen ehemaligen Kultusminister und leidenschaft­ lichen Kettenraucher mit einer Briefmarke ehren wollte und dafür die unvermeidliche Zigarette aus seinem Porträt retuschierte, erfolgte ein vehementer Aufschrei seiner Freunde und Anhänger. Medien sind bevorzugte Opfer – und Täter! – solcher Bildfälschungen. Besonders in Zeiten, in denen Fakten durch Vermutungen ersetzt werden, weil der Kampf um die schnellste Meldung keine Recherche und Überprüfung erlaubt. Das Über-

maß solcher Manipulationen hat mittlerweile dazu geführt, dass manche Presseagenturen und Redaktionen einen neuen Beruf geschaffen haben: Der Bildforensiker prüft mit detektivischem Spürsinn und Hightech-Ausrüstung, ob sein kann, was zu sehen ist. Untersucht werden dabei alle Details vom richtigen Schattenwurf bis zu den Autokennzeichen, etwa um die Herkunft des Fotos abzusichern. Doch häufig helfen selbst solche Beweise einer Fälschung nichts. Es gibt offenbar auch bei manipulierten Fotos einen gewissen Placeboeffekt. Diese Mittel wirken bekanntlich sogar dann, wenn der Patient weiß, dass es nur funktionslose Placebos sind. //


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Porträt

Aber logisch! Immer für Überraschungen gut: Christine Klein beweist, wie weit gefächert sich heute das Aufgabenfeld des indirekten Einkaufs gestaltet.

„Eigentlich kann ich nicht behaupten, dass mir der klassische Einkauf im Blut liegt und er meine Herzensangelegenheit ist. Ich kaufe sehr ungern ein und ich hasse es, verhandeln zu müssen.“ Eine erstaunliche Selbstbeschreibung für jemanden, der seit immerhin fast zehn Jahren bei der Hans Becker GmbH arbeitet – und das offensichtlich auch mit großem Erfolg. „Aber ich kann ganz passabel rechnen …“, erläutert Christine Klein. Das darf als kokette Untertreibung gesehen werden, wenn man einmal die Aufgabenfelder dieser selbst ernannten „NichtEinkäuferin“ betrachtet: Digitalisierung, E-Procurement, interne IT-Betreuung und -Koordination, Analysen und Auswertungen allgemein, Prozesse, Teilbereiche von Facility Management und Marketing. Diese komplexen Themen liegen der diplomierten Informatikerin (TU München), die zudem noch Logik und Wissenschaftstheorie an der philosophischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München studiert hat. Die Aufzählung der Arbeitsgebiete illustriert aber gleichzeitig, welche Aufgaben sich heute dem indirekten Einkauf stellen. Das ist eben weit mehr als Feilschen und Preisedrücken. „Ich liebe es, möglichst exakte Modelle aufzustellen, sie zu bewerten und unterschiedliche Szenarien zu entwickeln.“ Dafür bietet ihr die Arbeit bei Hans Becker mit den vielen unterschiedlichen Einkaufsfeldern des indirekten Einkaufs eine große Spielwiese mit immer neuen Herausforderungen. „Viele Bereiche werden oft sehr undurchsichtig, schwer vergleichbar kalkuliert. Da ist es erforderlich, die richtigen Strukturen zu erarbeiten, um aussagekräftige Analysen, Vergleichbarkeit, Qualität und Leistungsanforderungen adäquat abbilden zu können.“

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Das ist ein wachsendes Anwendungsgebiet, in dem Christine Klein ihre spezifische Qualifikation und ihre Berechnungsfähigkeiten gut einbringen kann. Und diese Aufgaben wachsen, hat sie beobachtet: „In vielen Einkaufsbereichen stehen reine Preisverhandlungen heute ohnehin nicht mehr im Hauptfokus.“ Außerdem wünschen sich viele Kunden Unterstützung im Bereich der fortschreitenden Digitalisierung von Einkaufsfeldern, einhergehend mit Prozessoptimierungen. Auch in diesem Bereich sind ihre Qualifikationen und ihr besonderes Knowhow natürlich von großem Vorteil. Und wenn es doch einmal um „richtigen“ Einkauf geht? ­„Darüber hinaus habe ich ein sehr nettes Team von Kollegen, die all das, was ich nicht gerne mache, mit großer Begeisterung erledigen. Sie telefonieren, verhandeln und schachern – sind also klassische Einkäufer von der Pike auf, und wir ergänzen uns da meiner Meinung nach ganz gut.“ Verständlich, dass so anspruchsvolle Kopfarbeit einen gesunden Ausgleich braucht. So sind denn Christine Kleins sportliche Aktivitäten ebenso engagiert und umfassend wie ihre Analysen und Berechnungsmodelle. „Im Winter gibt’s nur eines: Skifahren so oft wie möglich, am liebsten abseits im Gelände, ich liebe Buckelpisten und Firnschnee und bin auch gerne die Erste am Lift und die Letzte.“ Das erklärt wohl auch das große Foto mit dem verschneiten Gipfelkreuz an ihrem Arbeitsplatz. Im Sommer stehen Tennis in der Damen-40-Mannschaft, Mountainbiken auf gemäßigten Routen im Voralpenland sowie Urlaub am italienischen Bolsenasee auf dem Programm, wo gerne mit Familie und Freunden gesegelt wird. Neue He­ rausforderungen scheut Christine Klein dabei ebenso wenig wie im Beruf: „Derzeit noch mit mäßigem Erfolg, aber mit großem Elan versuche ich mich jetzt am Kitesurfen.“ //

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Du Idiot! biiiep

Hass, Beleidigung, Drohungen: Die Sprache im Alltag und im Netz wird zunehmend aggressiver. Auch viele Schüler haben sich einen kruden Ton angewöhnt. Über die Konsequenzen streiten Experten.

von Dirk Seifert

„Aggressive Sprache macht unsere Kinder anfällig für Gewalt.“ Diese Aussage von Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), gibt zu denken. Hasskommentare im Internet, demütigende Äußerungen in der Politik, Ausgrenzung und Beleidigung – eine Untersuchung der Universität Freiburg belegt es inzwischen sogar wissenschaftlich: Die Sprache verroht, der Umgang miteinander wird zunehmend aggressiver. Von einer regelrechten „Aggressivierung der Sprache“ ist bereits die Rede. Denn Worte wirken auf das Gehirn, Sprache beeinflusst Menschen, aggressive Sprache leistet einen nicht unerheblichen Beitrag zu Aggressionsbereitschaft und Gewalt. Eine Ursache für die sprachliche Verrohung liegt sicher auch in dem zunehmend rüden Ton in Politik und Medien, allen voran in den sozialen Netzwerken. Was junge Menschen dort sehen, hören und lesen, geht nicht spurlos an ihnen vorbei. Aber auch die Art und Weise, wie in den Familien kommuniziert wird, und vor allem auch, was dort kommuniziert wird, prägt sie. Nun sind Beleidigungen, Schimpfwörter, vulgäre Sprache bei Kindern und Jugendlichen sicher kein neues Phänomen, sondern hat es immer gegeben. Kinder leben im Hier und Jetzt. Sie denken noch nicht darüber nach, was die gesagten Worte bei ihren Mitmenschen auslösen. Welche Wörter „schlimm“ sind, wissen sie meistens schon, und diese Wörter werden

„Maßstäbe für den Umgang untereinander ergeben sich aus den Erfahrungen während der Kindheit. Maßgeblich dafür ist das Beispiel der Älteren in der Familie, sind die Schulen, ist aber auch das Fernsehen.“

Richard von Weizsäcker

auch wie Statussymbole im Kreise der Freunde benutzt: „Das Wort kenne ich schon und ich trau mich auch, es zu benutzen.“ Das ist in diesem Rahmen noch völlig normal und gab es auch schon zu allen Zeiten. Der Unterschied heute ist, dass die Kinder viel größeren Einflüssen durch die Medien und soziale Netze ausgesetzt sind. Die Verbreitung von aggressiver Sprache ist schneller und deutlicher als vor der Zeit des Internets. Die Wortschöpfungen sind kreativer, brutaler und vulgärer geworden und verbreiten sich schneller. Selbst in der Politik hält diese aggressive Sprache leider immer mehr Einzug und wird durch sehr prominente Protagonisten gesellschaftsfähig gemacht. Die roten Linien werden immer wieder und immer selbstverständlicher überschritten.


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Wenn sich Kinder verbal aggressiv verhalten, mit obszönen Worten um sich werfen, dann ist es wichtig, dass ihre Wortwahl kritisiert und zurechtgerückt wird, aber die Würde ihrer Person sollte nicht missachtet werden. Vor allem soll der Persönlichkeitsanteil in ihnen, der ausprobieren muss, provozieren und austesten will, nicht schlechtgemacht werden. Also nicht: „Wenn du das sagst, bist du böse oder ein freches und ungezogenes Kind.“ Die Schulen haben dies erkannt und in vielen Schulen wird wieder viel Wert auf einen vernünftigen Umgangston gelegt. Es gibt im Umgang miteinander Regeln, an die die Kinder sich halten müssen. In der Schule meiner Söhne ist der Umgang, auch mit der Sprache, in der Hausordnung geregelt und alle

„Die Sprache macht den Menschen, die Herkunft macht es nicht!“ Prof. Higgins in „My Fair Lady“

Kinder müssen diese unterschreiben und sich mit ihr beschäftigen. Es gibt eigene Streitschlichter und auch Lehrer, die immer wieder eingreifen. Aber die Lehrer haben alleine keine Chance, wenn nicht alle mitmachen und Verantwortung im Umgang mit der Sprache und dem Verhalten unserer Kinder übernehmen.

Verantwortung für Respekt und Haltung muss man vorleben. → Haltung und Respekt zeigen müssen Eltern, Familie Nehmen wir als Beispiel den fluchenden Autofahrer, der seine Aggressionen auf andere Verkehrsteilnehmer verbal mit Schimpfwörtern und Beleidigungen äußert, wenn die Kinder hinten sitzen und alles mitbekommen. Hier fängt die Vorbildfunktion an: für den Umgang in der Familie untereinander, wie Eltern miteinander und mit ihren Kindern sprechen. → Haltung und Respekt zeigen Lehrer, Erzieher, Trainer Als Fußballtrainer einer Jugendmannschaft erlebe ich selbst immer wieder, wie Kinder mit Sprache umgehen. Auch hier haben wir Erwachsenen die Verantwortung und müssen Kinder den vernünftigen Umgang mit der Sprache vermitteln. Im Rahmen des Fair-Play-Gedankens sollen die Kinder lernen, Mitspieler, Gegner, Schiedsrichter nicht zu beleidigen, selbst


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wenn der Frust aufgrund von Niederlagen oder Fouls groß ist. Fußballprofis z. B. sind hier auch in der Pflicht, eine Vorbildfunktion einzunehmen. Leider ist dies nicht immer der Fall. → Haltung und Respekt zeigen Promiente, Politiker, Medien und Institutionen Früher wurden Schimpfwörter und vulgäre Sprache mit einem Piepston übertönt. Die Medien haben nicht alles Wort für Wort kommuniziert und darauf geachtet, was und zu welchen Zeiten gesendet oder publiziert wurde. Heute scheint man eine gewisse Vorliebe für provozierende Sprüche, teilweise deutlich „unter der Gürtellinie“, zu haben. Auch das färbt ab und gilt als cool. Haltung zählt Das Manifest „Haltung zählt“ des BLLV wurde deutschlandweit publiziert und diskutiert. 58 prominente Erstunterzeichner, darunter Politiker und Politikerinnen wie die Präsidentin des Bayerischen Landtags Barbara Stamm oder die Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag Margarete Bause, aber auch der Landes­ bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, die ­Autorin und Moderatorin Amelie Fried, der Schriftsteller Axel Hacke oder die Regisseurin ­Caroline Link sorgten für große Resonanz. Aber damit ist es nicht getan, denn das Manifest muss mit Leben gefüllt werden, um zu wirken. In den Schulen zeigen die Lehrkräfte Haltung, wenn Schülerinnen und Schüler verbal entgleisen oder anderen mit Gewalt begegnen. Doch sie ­brauchen für ihre Aufgabe mehr Unterstützung, vor ­allem außerhalb der Schule. Sie können nicht alle ­Schäden richten, die außerhalb der Schule verursacht werden.

Es liegt an uns allen, unseren Kindern zu erklären und immer und immer wieder darauf hinzuweisen, dass Respekt im Miteinander im Ausdruck und Sprachgebrauch anfängt. Aber was heißt Respekt? Bei Wikipedia lesen wir dazu: „Respekt (= Zurückschauen, Rücksicht, Berücksichtigung) bezeichnet eine Form der Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Ehrerbietung gegenüber einem anderen Lebewesen (Respektsperson) oder einer Institution.“

Die Haltung zu Verantwortung und Respekt fängt bei uns Erwachsenen an! Wir können uns also nicht darauf verlegen, mit dem Finger auf die vermeintlich besonders verwahrloste nächste Generation zu zeigen. Karl Valentin soll gesagt haben: „Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.“ //


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Auf den Hund gekommen Bonny, Heidi, Maja, so heißen drei Schülerinnen, die in den letzten Jahren sehr erfolgreich ihre Ausbildung bei Andrea Stadler abgeschlossen haben. Sie könnten sich jetzt stolz „Assistenzhunde“ nennen, was den drei Hundedamen jedoch herzlich egal sein dürfte. Hauptsache, es gibt etwas zu tun, wo man beweisen kann, was man gelernt hat.

Als Laie kennt man noch den Blindenhund, der an der Ampel Rot und Grün unterscheiden kann und der darauf achtet, dass der blinde Mensch an seiner Seite nirgends dagegenläuft. Was sind Assistenzhunde und was können sie? Als Assistenzhunde bezeichnet man generell alle Hunde, die für ihre Menschen, die eine Behinderung oder chronische Krankheit haben, Aufgaben des täglichen Lebens übernehmen. Heruntergefallene Gegenstände aufheben, drücken von Lichtschaltern und Aufzugknöpfen, im Notfall das Telefon holen oder für ihren körperbehinderten Menschen den Geldbeutel an die Kassiererin im Supermarkt geben sind einige der Hilfeleistungen, die diese Hunde erlernt haben. Bonny z. B. ist außerdem zum Diabeteswarnhund ausgebildet. Sie warnt ihren Besitzer, bevor dieser in einen kritischen Zustand der Unter- oder Überzuckerung gerät.

Andersherum haben Sie ja auch eine Verantwortung gegenüber Ihren Hunden. Wie weit instrumentalisiert man mit einer solchen Ausbildung denn die Tiere? Socken aufräumen gehört ja wohl nicht zu deren natürlichen Trieben. Sind die glücklich? Ich verstehe mich in erster Linie als Sprecher und Übersetzer für die Hunde. Ich bin dafür zuständig, dass die Hunde auch in ihrem „Arbeitsleben“ artgerecht ihren Bedürfnissen nach Ruhe, Sozialkontakt mit Artgenossen, Bewegung und Pflege nachkommen können. Das bringe ich den zukünftigen Hundebesitzern in Theorieunterricht und praktischem Training bei. Ja, soweit wir das beurteilen können, denke ich schon, dass die Hunde glücklich sind. Sie führen ein normales Hundeleben mit ihrem Menschen und haben zudem einige Aufgaben zu erfüllen, die natürlich auch entsprechend belohnt werden. Unsere Hunde arbeiten mit Freude und freiwillig.

Wie sieht so eine Ausbildung aus, wie lange dauert sie und was kostet so etwas? Die Ausbildung erfolgt entweder ausschließlich durch den Hundetrainer oder als „Teamwork“ gemeinsam mit dem Hundebesitzer. Das heißt, Bonny z. B. wurde von mir trainiert, bis sie einen ausgezeichneten Grundgehorsam und die erforderlichen Hilfeleistungen beherrschte. Im Anschluss wurde sie mit ihrem späteren Besitzer zusammengeführt und dieser musste lernen, den Hund zu führen und die passenden Kommandos anzuwenden. Heidi wurde bereits während der gesamten Ausbildungszeit zusätzlich schon gemeinsam mit ihrem Besitzer trainiert, der im Rahmen seiner Möglichkeiten dann auch einzelne Übungsaufgaben übernehmen konnte. Am Ende der Ausbildung müssen Hund und Mensch eine Teamprüfung ablegen. Das Ganze dauert dann zwischen zwei und drei Jahre und kostet ungefähr 25.000 Euro.

Und jetzt bitte noch Ihre tollste Geschichte aus dem Leben ­einer Hundetrainerin mit Leidenschaft: Es gibt bei der Arbeit mit den Assistenzhunden ganz oft ganz erstaunliche, tolle Geschichten. Etwa als Bonny gerade gelernt hatte, den Unterzucker ihres Besitzers anzuzeigen. Sie legte ­ihrem Herrchen dann die Pfote aufs Knie. Dieser erkannte aber, weil das Ganze ja noch neu war, nicht, was Bonny ihm mitteilen wollte. Ohne dass wir das jemals mit ihr geübt hatten, ging sie daraufhin los und suchte das Blutzuckermessgerät und brachte es zu ihrem Herrchen. So verstand er dann auch gleich, was los war. Ich finde, solche eigenständigen Transferleistungen, die viele unserer Hunde in schwierigen Situationen zeigen, verdeutlichen auch, dass sie ihren Job gerne und mit vollem Einsatz machen. //

Kann man denn sagen, dass die Hunde Verantwortung für ­„ihren“ Menschen übernehmen? Oder liegt die Verantwortung einzig bei Ihnen als Ausbilderin? Wie gehen Sie damit um? Ja, die Hunde übernehmen ganz sicher in gewisser Weise Verantwortung für „ihren“ Menschen, aber auch umgekehrt übernimmt jeder Hundeführer die Verantwortung für seinen vierbeinigen Begleiter. Ich als Ausbilderin bin dafür verantwortlich, den Hunden die nötigen Verhaltensweisen beizubringen und den Menschen die Fähigkeiten eines guten und verantwortungsbewussten Hundeführers zu vermitteln.

Andrea Stadler ist geprüfte ganzheitliche Hundetrainerin und führt zusammen mit ihrer Tochter Lena Stadler zwei Hundeschulen in Steinhöring, östlich von München. Neben der Ausbildung von Assistenzhunden und Reitbegleit­hunden sowie dem „üblichen“ Verhaltenstraining widmet sie sich zusammen mit der ganzen Familie der Zucht von Schafpudeln, einer selten gewordenen Hütehunderasse. Schafpudel sehen aller­ dings weniger Pudeln ähnlich als eher ­einem Flokatiteppich mit Turboantrieb.


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Die Scheu vor der Verantwortung ist eine Krankheit unserer Zeit. Otto Eduard Leopold Fürst von Bismarck (1815 – 1898), der „eiserne Kanzler“

asap

„ [lebenslange Garantie] Holzfliege im blauen Marine-Stil“

Zahltag

Export spielt für deutsche Unternehmen eine große Rolle, doch Kunden aus dem Ausland lassen sich gerne Zeit mit dem Bezahlen – das zeigt ein Vergleich der internationalen Zahlungsmoral. Die Deutschen selbst lassen übrigens nicht lange aufs Geld warten. Doch es gibt Länder, die noch schneller sind. Tage bis zur Bezahlung China 92 Griechenland 89 Italien 86 Türkei 83 Japan 71 Frankreich 70 Brasilien 67 Spanien 65 Belgien 65 Polen 60

Russland 56 Deutschland 53 Großbritannien 52 USA 50 Dänemark 48 Schweiz 48 Niederlande 46 Neuseeland 46 Österreich 44

Quelle: Kreditversicherer Euler Hermes

ups! Tango Korrupti

Tango Korrupti wenn einer draufkommt und entpuppt di nimmst du dir einfach einen Anwalt der was kann halt – und bist schwuppti-wupp davon. Auch wenn die Steuerfahndung stöbert es gibt nichts, was den Blutdruck hebet denn alles was ma hab’n, des hamma sowieso scho auf d’Bahamas. Songtext von Rainhard Fendrich (Ausschnitt)

intern Driving Experience

Unsere Mitarbeiter Anton Fetsch, Dirk Seifert (beide Strategische Einkäufer Transport & Logistik) und Sebastian Rössel (Projektleiter) gehören nun seit bereits fünf Jahren zu unserem Team. Mit ihrem Fachwissen und ihrer Kompetenz bereichern sie unser Unternehmen! Zum Jubiläum und als kleines Dankeschön haben wir alle drei eingeladen, ganz im Zeichen der Zukunft die Elektromobilität persönlich zu erleben. Bei einer tollen Driving Experience von BMW wurden aktuelle E-Modelle getestet und Probe gefahren. Ein unvergessliches Erlebnis!


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„ Merisny Spray Mop multifunktionaler Bodenwischer mit integriertem Zerstäuber – lebenslange Garantie“

auch das noch! 33

„ Kellner-Messer mit Doppelhebel in Schwarz [lebenslange Garantie], Korkenzieher Sommelier Doppel-Reißverschluss Design Stilvolle Einfach zu bedienen für Wein, Bier usw.“

„ Gorilla LP 30,5 cm Vinyl Record Aufbewahrungsbox Flight Case Rot INC Lebenslange Garantie“

„ Anker PowerLine II 3m iPhone 8 Ladekabel Lightning Kabel, Lebenslange Garantie“

endlos Lebenslange Garantie

Die hier gezeigten Produkte sind eine kleine Auswahl dessen, was man angeboten bekommt, wenn man beim Onlinehändler Amazon das Stichwort „lebenslange Garantie“ eingibt. Das klingt nach einem guten Deal: Der Hersteller (oder der Händler?) übernimmt lebenslang die Verantwortung für die Qualität eines Produktes. Da stellt sich nur die Frage nach der Dauer von „lebenslang“ und welche Mängel unter welchen Umständen letztendlich von der Garantie abgedeckt sind.


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Genuss

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Reisen mit gutem Gewissen:

Bodensee-Radtour Verantwortungsvoll und umweltgerecht reisen, geht das überhaupt? Wer bereit ist, das Auto im Urlaub stehen zu lassen, gerne Rad fährt und und dabei eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft genießen will, dem bietet der Bodensee ein genussreiches Erlebnis, das zudem Natur und Nerven schont.

von Florian Steinkohl

Die Strecke, die wir gewählt haben, ist für alle Radler, ob sportlich oder gemütlich, geeignet und für all jene ideal, die erst auf den Geschmack kommen wollen. Zwar ist es im Sommer und besonders im August natürlich auch hier etwas voller, doch wer die großen Städte meidet, der findet seine Ruhe – und ganz persönliche Natur- und Kulturentdeckungen am Wegesrand. Der Radweg ist sehr abwechslungsreich und lädt an vielen Stellen zum Rasten oder Baden ein. Die Tour eignet sich somit sehr gut als Familienurlaub und für alle Fahrradbegeisterten mit unterschiedlichen Ansprüchen. Selbst das Reisen mit Hund ist kein Problem. Schätzungsweise 40 Prozent der Wege sind Feldwege. Man fährt z. B. durch ein herrliches Naturschutzgebiet im Rheindelta. Die Strecke bietet zudem Möglichkeiten, zusätzliche Touren einzuplanen, um sich z. B. ein paar Höhenmeter extra zu „verdienen“.

In Österreich gibt es viele öffentliche Badestellen direkt am Radweg. Das Wasser ist ideal zum Baden, angenehm warm, sauber und klar. In der Schweiz geht es sehr geordnet zu, ­öffentliche Badestellen sind sogar teilweise mit offenen Feuerstellen zum Grillen (Holz liegt bereit) ausgestattet. Die Ortschaften sind sehr reizvoll wie z. B. Stein am Rhein oder Schaffhausen. Und wer keine Lust mehr hat oder wenn das Wetter mal nicht mitspielt, dann kann man jederzeit auch ein Stück mit dem Boot fahren. Besonders voll ist es im August in der oberen Bodenseehälfte. Doch hier sind die Wege gut ausgebaut, die Touristenströme verteilen sich ganz gut. Nur mit den Unterkünften kann es etwas enger werden. Doch Pensionen findet man meistens noch auf den Webseiten der Städte und Gemeinden. Ansonsten lassen sich sehr gut Unterkünfte über Booking.com oder Airbnb finden. Übrigens erlauben viele Unterkünfte davon auch Hunde.


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Kulinarisch wird auf dieser Radtour alles geboten: Vom feinen Jachtklub bis zum einfachen Kiosk wird man in der Regel sehr gut bekocht. In der Schweiz sind die Preise für uns Deutsche natürlich etwas gewöhnungsbedürftig. Sehr gut gegessen haben wir z. B. in Meersburg (Hotel zum Schiff ). Dort gab es auch einen sehr guten Wein beim Winzerverein Meersburg. Das eindrucksvollste Erlebnis waren für mich die Rheinfälle in Schaffhausen. Das Naturschauspiel der größten Wasserfälle in Europa ist atemberaubend und ohrenbetäubend. Wir waren zur Öffnung um 9:30 Uhr vor Ort. Es lohnt sich, früh dran zu sein, denn die Touristenbusse kommen später im Minutentakt. Der See, die Berge, die vielen kleinen und großen Sehenswürdigkeiten, das gute Essen und Trinken waren ein sehr intensives Erlebnis. Das bleibt sicher lange im Gedächtnis. Nicht nur mir, unser Hund wartet auch schon auf die nächste Fahrradtour! //

Wer die komplette Tour fahren möchte, kann sich an folgenden Stationen orientieren: Lindau – Bregenz – Konstanz – Schaffhausen – Radolfzell – Meersburg – Friedrichshafen – Lindau

Radolfzell Schaffhausen

Überlingen Meersburg Konstanz

Friedrichshafen

Rheinfall Stein am Rhein

Bodensee Lindau

Romanshorn

Bregenz Rorschach


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Freiheit und Verantwortung Freiheit heißt Verantwortung übernehmen, das wird bei dem vielfach geforderten Begriff gerne übersehen. Ob mündiger Bürger oder Patient, als selbstständiger Unternehmer oder engagierter Politiker – ich habe die Freiheit zur eigenen Entscheidung, sofern ich bereit bin, dafür die Verantwortung zu übernehmen und die Folgen zu tragen.

von Anton Fetsch

Oder ist Verantwortung nur etwas für Looser!? So oder so ähnlich erscheint manchmal die Wahrnehmung von Verantwortung. Gerade das Übernehmen von Verantwortung hat oft etwas mit Verlust zu tun, beispielsweise dem Verlust von Ansehen oder einer bestimmten Position im Unternehmen, in der Politik oder der Gesellschaft. Denn meist ist zuvor etwas schiefgelaufen im Verantwortungsbereich des Betroffenen. Der steht danach also oft schlechter da als zuvor. So ist es kaum verwunderlich, dass die Verantwortung auch im täglichen Leben gerne immer mehr abgegeben wird. Es fängt schon an bei der Verantwortung für sich selbst, etwa bei der eigenen Gesundheit, deren Pflege gerne an Spezialisten, Mediziner, Therapeuten übergeben wird, und geht bis zur Erziehung der Kinder oder der Verantwortung gegenüber unserer Umwelt. So macht man sich frei davon und kann sich auf andere Dinge konzentrieren, in denen man seine Kompetenzen hat. Das ist die vermeintliche Freiheit unseres heutigen Lebensstils. Das kann bis zu dem folgenden Paradoxon kommen: „Selbst Verantwortung zu übernehmen ist unverantwortlich.“ Aber macht uns das tatsächlich freier oder eher abhängiger von anderen und somit zu einem gewissen Grad gefangener, also unfreier? Dies wirkt sich natürlich auch auf den Berufsalltag aus, wo lieber weniger als mehr Verantwortung übernommen wird und die Planungen immer kurzfristiger werden. Denn Verantwor-

tung hat auch etwas mit langfristigem Denken zu tun: Was passiert durch dieses Handeln in Zukunft und kann ich dafür einstehen? Erfolg hat viele Väter – wenn etwas gut gelaufen ist, dann fühlen sich viele dafür verantwortlich. Doch im umgekehrten Fall wird die Verantwortung dafür gerne immer weitergeschoben. Teilweise, bis sie ganz verschwunden ist. Wer will schon der Sündenbock sein, der z. B. verantwortlich ist für einen Verkehrsunfall aufgrund von Übermüdung am Steuer? Ist es der Kunde, der die Ware ohne Wenn und Aber sofort in seiner Produktion braucht, der Auftraggeber des Transportes, der sonst einen Großkunden verliert, der Spediteur, dem Vergleichbares blüht, oder der Fahrer selbst, der dafür einstehen muss? Jeder Einzelne wäre dafür verantwortlich gewesen, sich die Freiheit zu nehmen und eine Grenze zu setzen. Doch immer häufiger tritt das Gegenteil ein, man lässt alles einfach weiterlaufen in der vagen Hoffnung, dass es schon gut geht. Irgendwann kommt das böse Erwachen, in dem dann jeder Einzelne Verantwortung übernehmen muss, ob er will oder nicht. Was muss in Gesellschaft und Unternehmen geschehen, um dieses Denken und Handeln zu ändern? Sollten wir uns nicht wieder die Freiheit nehmen, unsere Verantwortung, die wir ursprünglich erhalten haben, wieder zurückzuholen? Und wenn ja, wie soll das geschehen und wie kann ein Mensch mit so viel Verantwortung nachts überhaupt


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Am jüdischen Festtag Jom Kippur, dem Tag der Sündenvergebung, übertrug der Hohepriester die Sünden des Volkes Israel symbolisch auf einen Ziegenbock, der dann mit all den Sünden in die Wüste gejagt wurde. noch schlafen? Vermutlich schon, wenn nicht sogar besser. Ich denke, zuerst sollten wir die Verantwortung für uns selbst wieder zurückerobern, erst im zweiten Schritt ist man dann überhaupt in der Lage, Fremdverantwortung, etwa für unsere Kinder oder Mitarbeiter, zu übernehmen und auch verantwortungsbewusster mit der Umwelt umzugehen. Mit gutem Beispiel geht eine Berliner Schule voran, in der es ein Fach „Verantwortung“ gibt. Kinder übernehmen diese sehr gerne und sind sich anschließend sehr bewusst darüber. Sie nehmen das gute Gefühl mit, etwas Wichtiges gemacht zu haben und dafür die Verantwortung zu tragen. Eltern sollten ihren Kindern viel mehr zutrauen und Spielraum geben. Offenes Zugeben von Fehlern und Misserfolgen muss gegeben sein, um diese wieder auszubügeln. Man wird dadurch selbstbewusster und sicherer im Umgang mit Mitmenschen. Ein sehr wichtiger Punkt für das Berufsleben ist eine positive Fehlerpolitik in Unternehmen. Wer einen Fehler gemacht hat, sollte nicht gleich um seine Existenz fürchten müssen. Wenn man den Fehler gemeinsam reflektiert und seine Schlüsse daraus zieht, damit der gleiche Fehler nicht noch einmal passiert, statt den Mitarbeiter abzukanzeln, oder gar seine Position bedroht, werden viele wieder gerne Verantwortung übernehmen und, je nach Position, auch Fremdverantwortung. Gemeinsam Verantwortung übernehmen ist durchaus möglich, solange die Motivation stimmt.

Freiheit hat immer etwas mit Verantwortung zu tun … Der Mensch hat die Freiheit, verantwortlich zu handeln. Die Verantwortung scheint aber die persönliche Freiheit einzuschränken, also das, was wir eigentlich tun könnten, aber nicht sollen oder dürfen. Es braucht Regeln, um freies Handeln zu gewährleisten. Tatsächlich existiert auch eine ISO-Norm mit Empfehlungen und Hilfestellungen für gesellschaftliche Verantwortung in komplexen, arbeitsteiligen Organisationen. Diese ISO 26000 ist jedoch nicht zertifizierbar und somit existiert keine bindende Fassung. Kaizen ist aber zum Beispiel auch nicht bindend, trotzdem sind viele Unternehmen bemüht, dass es eingehalten wird. Wieso dann nicht auch bei so etwas wie der ISO 26000? //


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DENKRAUM Winter 2017/18

Vorschau

Impressum

In der nächsten DENKRAUM-Ausgabe lesen Sie:

Herausgeber: Hans Becker GmbH Keltenring 11 82041 Oberhaching Tel. +49 (0)89 / 66 65 83-0 info@hansbeckergmbh.de www.hansbeckergmbh.de

VERÄNDERRUOHNUG N G?

CHANCE ODER BE

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Chefredaktion: Anja Rössel Tel. +49 (0)89 / 66 65 83-26 a.roessel@hansbeckergmbh.de

Nur der Wandel ist beständig! Warum fällt es dann so schwer, neue Wege zu gehen, aus der Routine auszubrechen, einen Neuanfang zu wagen – selbst dann, wenn damit offenkundige Verbesserungen verbunden sind? Und wie lassen sich innovative Prozesse dennoch verwirklichen? Change Management als Herausforderung Die Dynamik des Wandels Veränderung ist auch Kommunikation! Raus aus der Komfortzone? Wie Sorgen und Ängste entstehen Ausgabe 6 des UM ga Ma zins DENKRA im t erschein Sommer 2018

Porträt Die Hans Becker GmbH Als inhabergeführtes Unternehmen hat sich Hans Becker seit über 25 Jahren auf die Op­ timierung des strategischen indirekten Einkaufs sowie aller damit verbundenen Prozesse spezialisiert. Seit 1992 beobachtet Hans Becker die rele­ vanten Märkte und verfügt über fundierte Erfahrungen in Industrie, Handel, Banken, Versicherungen und vielen anderen Branchen. Über 450 Klienten konnten bereits von dem Spezialwissen der Hans Becker-Experten ­profitieren und dadurch ihre Effizienz steigern. Methoden- und Umsetzungskompetenz sind bis heute ein Markenzeichen von Hans Becker.

Lektorat: Susanne Schneider Gestaltung: Freie Kreatur, Ebersberg Petra Winkelmeier, Andreas Mitterer www.freiekreatur.de

Wohin schreitet der Fortschritt?

„Des hama ja no nia so gmacht“ – die Anziehung des Bestehenden

Autoren dieser Ausgabe: Hans Becker, Anton Fetsch, Christine Klein, Herbert Lechner, Dirk Seifert, Florian Steinkohl, Franz Tramberger

Neben der Durchführung von reinen Kostensenkungsprojekten bzw. strategischen Optimierungsprojekten in einem klar definierten Zeitrahmen übernimmt Hans Becker für die Auftraggeber den kompletten oder auch teilweisen strategischen Einkauf von Gütern und Dienstleistungen. Hierzu gehören auch das Coaching von Einkaufs-Mitarbeitern sowie die nachhaltige und langfristige Qualitätskon­ trolle in den untersuchten Bereichen. Verschiedene Online-Angebote runden das Portfolio ab und unterstützen die Klienten punktuell.

HANS BECKER Effizient Einkaufen

Druck: Kessler Druck + Medien GmbH & Co. KG, Bobingen Bildnachweis: Titel: ©Freie Kreatur; S. 2: ©Cultura RM/Alamy Stock Photo; S. 3: ©Thorsten Jochim /Hans Becker GmbH; S. 4: ©Hans Becker GmbH (2), ©Herby Meseritsch/fotolia.de, ©paulgsell/fotolia.de, ©Mopic/ fotolia.de, ©Pavel Nesvadba/ Nationaltheater Prag; S. 6/7: ©Lucas Vallecillos/Alamy Stock Photo; S. 8–11: ©United Archives GmbH/ Alamy Stock Photo; S. 12/13: ©b_plan 88/fotolia.de, ©davorana/fotolia.de, ©totallyout/fotolia.de, ©tovovan/ fotolia.de; S. 15: ©euroluftbild.de/ Robert Grahn (3); S. 16: ©euroluftbild. de/Hans Blossey; S. 17: ©Lookus/ 123RF.com; S. 18/19: ©Pavel Nesvadba/Nationaltheater Prag; S. 20/21: ©Mine Kafon; S. 22/23: ©rdnzl/fotolia.de (2), ©Mopic/ foto­lia.de, ©Kenshi991/fotolia.de; S. 24: ©Hans Becker GmbH; S. 25: ©Ornavi/fotolia.de; S. 26/27: ©­Víctor ­Enrich (2); S. 29: ©Robert Kneschke/ fotolia.de; S. 30: ©Freie Kreatur; S. 31: ©Arterra Picture Library/Alamy Stock Photo; S. 32/33: ©Hans Becker GmbH, ©Freie Kreatur; S. 34/35: ©M. Schönfeld/fotolia.de, ©Florian Steinkohl (7), ©by-studio/fotolia.de; S. 37: ©miminoshka12/fotolia.de; S. 39: ©Artenauta/fotolia.de Erscheinungsweise: halbjährlich Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Fotos wird keine Haftung übernommen. Trotz sorgfältiger Auswahl der Quellen kann für die Richtigkeit nicht gehaftet werden. Nachdruck und Verwendung, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion.


Nächstes Mal im DENKRAUM:

WARUM SIND

VERÄNDERUNGEN SO SCHWER?


Das Einsparpotenzial im indirekten Einkauf liegt im Durchschnitt bei

14 %

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*Gem. Studie: Die Bedeutung des strategischen indirekten Einkaufs – Potenziale und Implementierungskonzepte; Technische Universität München; K. Gegg, M. Gronover, A. Weiß, B. Ströbele, M. Sc.; 2015

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