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Ausgabe FrĂźhjahr 2017

DENKRAUM

Thema:

digital oder analog? Wie die digitale Welt aus purer Information täglich unser reales Leben formt.


Fraktal Der Romanesco-Blumenkohl auf unserem Titel folgt in seinem Aussehen demselben Prinzip wie dieses digital konstruierte Muster: dem Fraktal, welches grob gesagt bedeutet, dass sich Formen in jeder Stufe ihrer Vergrößerung wiederholen. Fraktale gab es immer schon, aber erst in ihrer digitalen Darstellung kommt ihre Schönheit vollends zum Ausdruck.

youtu.be/gyaOwnV2wkc


Editorial

DENKRAUM Frühjahr 2017

Liebe Leser, Sie halten heute die vierte Ausgabe unseres Magazins DENKRAUM ganz altmodisch als gedruckte Ausgabe in den Händen. Oder ist dies überhaupt nicht altmodisch? Was ist denn besser: die digitale Welt oder die analoge? Die Recherche zu unserem neuen Heft lehrte uns, dass wir uns gar nicht für die eine und gegen die andere Welt entscheiden müssen. Beides zusammen funktioniert auch. Ganz ­bewusst können wir bestimmte Dinge analog genießen, während wir unseren Alltag zunehmend mit den Möglichkeiten der modernen Digitalisierung gestalten und erleichtern. Manch einem mag die digitale Welt neu erscheinen, dabei ist die Digitalisierung nicht erst in den letzten Jahren entstanden. Bereits die Einführung der ersten Computer brachte die Digitalisierung in unseren Alltag und vereinfachte manchen Arbeitsschritt.

„Klicken oder selber denken?“ Und doch: Die Natur ist uns noch immer einen Schritt voraus, wie unser Romanesco – ­eines der bekanntesten Fraktale – auf dem Titel zeigt. Daraus entwickelte sich unter anderem die sogenannte Fraktalkunst – eine Unterform der digitalen Kunst. Schauen Sie sich doch einmal die wunderschönen Bilder an, die wir für Sie unter dem QR-Code bereithalten.

Ihre Anja Rössel Ich freue mich über Ihr Feedback unter a.roessel @ hansbeckergmbh.de

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Inhalt

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halt!

In

Editorial 3  Klicken oder selber denken? Inspiration 6

Gedruckter Brückenschlag

Fokus 8 Digitalisierung – heute und in Zukunft Big Data, Industrie 4.0, Einkauf 4.0, Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz. Vor einem fundamentalen Wandel 12 Künstliche Intelligenz – Chance, Bedrohung, Realität? Erfolgsgeschichten 14 Erfolgsfaktor digitales Maschinen-Management: Kaeser Kompressoren 16 Wenn sich Digitales und Reales vermischen Augmented Reality 19 Pure Information? Ansichtssache 20 Beautiful Minecraft Gastkommentar 22 Be part of it! Uwe Göthert, Dale Carnegie Deutschland, über die Bedeutung technologischer Innovation für Unternehmen 24 Digitale Revolution? Das Büro der Zukunft 26 Einfach mal offline – geht das? auch das noch! 29 Fundstücke, Neuheiten und Neuigkeiten Porträt 30 Der Beweger: Christian Aigner 32 Vom Verschwinden der Dinge Wie vertraute Gebrauchsgegenstände zu Artefakten einer vergangenen Epoche werden 34 Slow Warum weniger mehr ist Genuss 36 Küche aus dem Netz Blog-Tipps für Foodies Denkraum 38 Vorschau, Impressum


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Inspiration


Brückenschlag Das Joris Laarman Lab in Amsterdam ist Spezialist für 3D-Printing aus Metall in großen Dimensionen. Um ein überzeugendes und zugleich bedeutungsvolles Beispiel ihres Könnens zu liefern, haben sie eine Brücke über einen alten Amsterdamer Kanal gedruckt – ein Symbol für die Verbindung traditioneller Handwerkskunst und modernster Technologie.


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Fokus: digital – analog

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Vor einem fundamentalen Wandel

Digitalisierung – heute und in Zukunft

von Christine Klein und Florian Steinkohl

Digitalisierung ist derzeit ein Buzzword und medienbestimmendes Thema. Schlagworte wie Big Data, Industrie 4.0, Einkauf 4.0, Vernetzung, Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz werden gern unter diesem Begriff zusammengefasst. Die Technologie selbst ist nicht so neu. Sie begann ab den 1970erJahren, als nach Erfindung der Mikroprozessoren die Speicherung und digitale Verarbeitung von Daten fortlaufend zunahm. Für jeden von uns sind viele Tätigkeiten und Prozesse bereits heute vollkommen selbstverständlich digitalisiert. Wir benutzen Textverarbeitungsprogramme oder senden Sprachnachrichten über Messenger-Dienste. In Unternehmen wird IT seit 50 Jahren eingesetzt. Seit 30 Jahren arbeiten auch Roboter und Maschinen in der industriellen Fertigung computergesteuert.

Was kennzeichnet die Digitalisierung bis heute?

Care-O-bot®4

Die wesentliche Grundlage der „digitalen Revolution“ – Industrie 3.0 – ist das Moore’sche Gesetz aus dem Jahr 1965. Die Anzahl der Komponenten auf einem integrierten Schaltkreis pro Flächeneinheit verdoppelt sich alle zwei Jahre. Paradoxerweise ist das ursprüngliche Moore’sche Gesetz bald aus physikalischen Gründen – es kann nicht mehr noch kleiner gebaut werden – dem Ende geweiht. Allerdings ist zu erwarten, dass herkömmliche Schaltkreise durch neue Technologien ersetzt werden und das Moore’sche Gesetz dadurch weiter seine Gültigkeit behalten wird. Die Industrie 3.0, die die Automatisierung ganzer Bereiche vorangetrieben hat, ist durch eine hierarchische System­ architektur – die sogenannte Automatisierungspyramide –


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Unternehmensstrategie

Unternehmens-­ strategie

Vision

Vision

Mission

Mission

Unternehmensleitebene Betriebsleitebene

Internet der Dinge in der Cloud Verarbeitung von Daten

Dienste

Weitergabe von Daten

Prozessleitebene Steuerungsebene Feldebene / physikalische Ebene

gekennzeichnet. Sie ist in fünf Ebenen unterteilt: Feldebene, Steuerungsebene, Prozessleitebene, Betriebsleitebene und Unternehmensleitebene. Durch die Bereitstellung leistungsfähigerer Rechenleistung und wachsender Speicherkapazitäten konnte jede dieser Ebenen laufend optimiert werden. Beispielsweise kann dies in der Steuerungsebene für SPSProgramme und Technik, die zur Steuerung und Regelung von Produktionsanlagen dient, beobachtet werden. Auch die Verbesserung der Leistungsfähigkeit von ERP-Systemen in der Unternehmensleitebene kann über die letzten Jahrzehnte nachvollzogen werden. Die Automatisierung in jeder Ebene schreitet stetig voran. Allerdings gibt es bis heute keine zufriedenstellende Lösung, um die einzelnen Ebenen miteinander zu verbinden, da die Datenspeicherung jeweils innerhalb der getrennten Systeme erfolgt. Konsequenzen daraus sind aufwendige Übergabeprozeduren zwischen den einzelnen Systemen und eine nur eingeschränkte übergreifende Datenverfügbarkeit. Zwar kommt es immer wieder zu Verbesserungen innerhalb der einzelnen Systemebenen, doch das Problem der Schnittstellen und der mangelnden Datentransparenz bleibt weiterhin ungelöst.

Wie Industrie 4.0 unsere Arbeit verändert Die Industrie 4.0 basiert im Wesentlichen auf drei neuen Ideen. Zum einen baut sie auf einer komplett neuen Systemarchitektur auf. Anstelle des hierarchischen Aufbaus werden vernetzte dezentrale Steuerungen eingesetzt. Die einzelnen Hierarchieebenen verschwinden und damit auch die Schnittstellenprobleme.

Datenspeicher

Daten zur Analyse / Erhebung

Daten zur Steuerung

Feldebene / physische Objekte mit digitalem Zwilling

Der zweite Ansatz besteht aus der Schaffung eines gemeinsamen Datenraums – der Cloud. Der Zugriff auf alle Daten in unterschiedlichen Verarbeitungsstufen ist dadurch möglich. Der dritte zentrale Bestandteil von Industrie 4.0 ist die Geburt des „digitalen Zwillings“. Damit ist gemeint, dass alle physikalischen Objekte in der Produktion wie Maschinen, Behälter oder Produkte zugleich als virtuelle Objekte angelegt werden. Diese digitalen Zwillinge werden intelligent. Sie sind durch entsprechende Algorithmen in der Lage, Daten aus Sensoren und der Umwelt zu bewerten, um eigenständige Entscheidungen zu treffen. Beispielsweise kann ein Transportbehälter über seinen Standort und Füllstand Auskunft geben oder auch automatisiert eine Nachbestellung anstoßen. Die Daten aller vernetzten Komponenten laufen im Internet der Dinge zusammen. Durch die dezentrale Steuerung ist eine hohe Flexibilität der Anlagen zu erreichen. So wird es unter anderem möglich, Produkte in beliebigen Mengen zu produzieren oder mit geringem Aufwand neue Fertigungsroboter in den Produktionsablauf zu integrieren. Was einen deutlichen Mehrwert bringen kann, ist die nun mögliche Analyse und Auswertung des gesamten Datenraums. Praktisch bedeutet das für die Prozesse auf der Unternehmensleitebene, die bisher weit weg von der physikalischen Ebene waren, dass der Zugriff auf die Datenbasis aus der Fertigung aktueller und genauer ist, womit Reaktionszeiten deutlich verkürzt werden können. Das wird den Unternehmen helfen, noch effizienter zu planen und zu produzieren. Der wirklich radikale Umbruch in der Industrie 4.0 steht jedoch erst an, wenn Daten von Lieferanten, auch Vorlieferan-


Roboter Paul begrüßt die Kunden bei ­Saturn in Ingolstadt, begleitet sie zum gewünschten Produkt, plaudert übers Wetter und ruft per VoiP seine mensch­ lichen Kollegen zur Kundenberatung. Den Care-O-bot®4-Prototyp hat das Fraunhofer Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) ursprünglich als Assistenzroboter zur Unterstützung in Haushalt, Hotel, Pflegeheim oder Klinik entwickelt. An dieser ­vierten Generation haben die IPA-Forscher zusammen mit Phoenix Design und der Firma Schunk drei Jahre gearbeitet, die Vorgänger wurden seit 1989 konstruiert.


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Das Moore’sche Gesetz gilt noch immer Die Rechenleistung eines Computer­ chips wird sich weiterhin alle zwei Jahre verdoppeln.

ten, Produzenten und Kunden in einem gemeinsamen Datenraum, eben in der Cloud, zugänglich gemacht werden. Denn hierdurch können sehr früh verfügbare Kapazitäten, drohende Engpässe oder andere kritische Ereignisse identifiziert und analysiert werden. Allein das Wissen über diese Daten wird einen zusätzlich handelbaren Wert darstellen und zum Beispiel die Produktion der Unternehmen noch weiter flexibilisieren. Aber auch damit nicht genug. Aus dieser immensen Datenbasis lassen sich neben den bisher möglichen Standardabfragen auch Prognosen unter geänderten Rahmenbedingungen erstellen. So können Szenarien für einen Lieferantenwechsel, für Produktionssteigerung oder Standortverlegungen simuliert und bewertet werden. Ermöglicht und gestützt werden die Entwicklungen der ­Industrie 4.0 durch die weiterhin stark wachsende Rechnerleistung. Erst dadurch ist es möglich, Konzepte der künstlichen Intelligenz wie wissensbasierte Systeme oder neuronale Netze – sogenanntes Deep Learning – zur Analyse dieser riesigen Datenmengen einzusetzen und damit brauchbare Ergebnisse zu erzielen.

Um dieses exponentielle Wachstum zu veranschaulichen, sollten wir uns folgender Tatsache bewusst werden: Würde sich die Rechenleistung nicht alle zwei Jahre, sondern lediglich alle fünf Jahre verdoppeln, so hätten, beginnend 1968, die heutigen Chips ein 15 Millionstel ihrer Rechenleistung, sie wären also ungefähr so schnell wie die Chips des Jahres 1981! Und das Smartphone (ab 2007) gäbe es dann erst im Jahr 2104. Daraus lässt sich erkennen, in welcher Dimension das exponentielle Wachstum steigt.

Was macht die Zukunft möglich? Drei Megatrends sollen kurz dargestellt werden: 1. Künstliche Intelligenz (KI) Von KI spricht man, wenn ein Computer dazu gebracht wird, menschenähnliche Intelligenz nachzubilden, um infolgedessen eigenständig Probleme bearbeiten und ­lösen zu können. Die Anwendungen sind sehr vielfältig. ­Algorithmen von Suchmaschinen wie Google oder Timeline in Facebook versuchen stets, unter Verwendung von künstlicher I­ ntelligenz, aus dem Verhalten des Nutzers zu lernen, welche Interessen diese Person genau hat und welche Such­ergebnisse dementsprechend am besten zu ihr passen. Auch Sprach­erkennungs- und Sprachsteuerungsprogramme wie Siri, Google Now und Cortana ­nutzen KI. Das Expertensystem W ­ atson von IBM, automatische ­Muster- und Bilderkennung, aber auch maschinelle ­Übersetzung sind nur einige weitere Anwendungsfelder. 2. 3D-Printing Die Ersatzteilbeschaffung oder auch die Produktion kompletter Teile können durch den 3D-Druck deutlich vereinfacht werden. Sofern es einen digitalen Zwilling zu einem Bauteil gibt, kann dieser per 3D-Druck an einem beliebigen Ort zu ­einer beliebigen Zeit hergestellt werden. Die Abhängigkeiten von Lieferanten und Logistik werden ­reduziert. Da es bei der Herstellung eines Werkstücks im ­3D-Druck unwesentlich ist, ob es einmal oder 100.000-mal gefertigt wird, können auch kleinste Stückzahlen ange­ fertigt werden. Dabei kann insbesondere verstärkt auf kundenindividuelle Anforderungen eingegangen werden.

3. Virtuelle Realität Die Wirklichkeit lässt sich virtuell abbilden, um Entwicklungen zu testen und erlebbar zu machen. Einsatzmöglichkeiten gibt es heute schon bei der Pilotenausbildung in Flugsimulatoren, sie können aber beliebig ausgedehnt werden, etwa zur Produktentwicklung, zum Bau von Proto­ typen, zu Visualisierungen in der Architektur, in der Städte­ planung und Medizin. Auch der Einsatz im Einzelhandel, zum Beispiel das virtuelle Anprobieren von Kleidungsstücken oder das Einrichten der Wohnung im virtuellen Raum, ist denkbar. Von dort kann nahtlos zur i­ ndividuellen Fertigung von Kleidungsstücken oder Möbeln mittels 3D-Druck übergegangen werden.

Wie werden wir auf den Umbruch ­reagieren? Sicherlich werden durch fortschreitende Digitalisierung und den Umbruch zur Industrie 4.0 gewisse Berufsfelder verschwinden. Das ist keine neue Entwicklung, sondern war stets eine Begleiterscheinung technologischer Neuerungen. Die allgegenwärtige Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten und auch nicht abschotten, sie wird Basis des globalen Wettbewerbs. Es ist also keine Ja/Nein-Entscheidung zur Digitalisierung – die Frage lautet vielmehr: Wie setzen wir sie intelligent ein? Wir können vom Nutzen der Digitalisierung profitieren und müssen versuchen, mögliche negative Begleiterscheinungen zu minimieren. Wichtig für jeden Einzelnen sind eine offene und flexible Grundhaltung, die Bereitschaft zur Weiterbildung und die Neugier, andere Wege auszuprobieren. Dann können wir optimistisch einer faszinierenden, weltverändernden digitalen Zukunft begegnen. //


Künstliche Intelligenz – Chance, Bedrohung, Realität? Digitalisierung, Industrie 4.0, Internet of Things – diese Begriffe bewegen zurzeit Fachleute wie Laien. Die Künstliche Intelligenz (KI) spielt dabei eine zentrale Rolle. Doch was macht ein Computersystem intelligent? Und sind die Systeme intelligenter als Menschen – oder können sie es demnächst werden?

von Christine Klein

// Seit es Computer gibt, versuchen Wissenschaftler, diese dazu zu bringen, nicht nur vorgegebenen Algorithmen zu folgen, sondern selbst intelligent zu handeln. Allerdings sind trotz jahrzehntelanger Forschung heutige KI-Systeme immer noch weit entfernt von der menschlichen Intelligenz. Eher handelt es sich um die Simulation einzelner Aspekte menschlicher Intelligenz, zum Beispiel die Fähigkeit, Bilder oder Wörter wiederzuerkennen oder logische Schlussfolgerungen aus einer großen Datenmenge zu ziehen.

Wie bringt man einen Computer dazu, intelligent zu handeln? Anders als das menschliche Gehirn gibt es für „intelligente“ Software keine einheitliche Lösung, welche die Vielfalt der zu lösenden

Probleme im Sinne eines „Universal Problem Solvers“ klären könnte. Es bedarf eines erfahrenen Informatikers, um für ein spezifisches Problem eine eigens zugeschnittene Lösung zu entwickeln. Für klar umrissene Aufgaben, etwa die Diagnose einer Krankheit, lassen sich die einem Arzt bekannten Fakten und Regeln in einer „Wissensbasis“ zusammenfassen, sodass ein Algorithmus daraus Schlussfolgerungen ziehen kann. Damit wird dem Computer ermöglicht, aus gewissen Krankheitssymptomen und Laborparametern auf Basis dieses explizit modellierten Wissens Schlüsse über eine vorliegende Krankheit zu ziehen und Vorschläge für Therapiemaßnahmen zu unterbreiten. Mit dieser umfassenden Kenntnis ist er dem Wissen des Arztes überlegen. Allerdings wird die end-

Welch ein Omen: In ­Stanley Kubricks berühmten Film „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968) wird ausgerechnet der wichtigste Helfer der Mission, der perfekte Computer HAL 9000, zum gefährlichsten Gegner. Nicht Aliens, sondern das Produkt menschlichen Erfindungsreichtums wird zur tödlichen Gefahr!


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Was heißt eigentlich „Intelligenz“? „Intelligenz ist die ­Fähigkeit, Regelmäßigkeiten und Strukturen aller Art zu erfassen, Daten zu komprimieren und zukünftige Ereignisse ­daraus abzuleiten. Genau diese ­Fähigkeit bietet einen evolutionären Vorteil, denn der Intelligentere kann sein Handeln entsprechend besser an seine Umwelt anpassen.“ (nach Jean-Paul Delahye: „Universelle Intelligenz – Die Formel“ in: Spektrum der Wissenschaft, 17.10.2016)

Mein Freund, der Roboter Der Biochemiker und ­Science-Fiction-Autor Isaac Asimov hat bereits in den 1950er-Jahren in seinem Buch „I, Robot“ diese drei ­berühmten Robotergesetze formuliert: 1. Ein Roboter darf keinen Menschen verletzen oder durch Untätigkeit zu Schaden kommen lassen. 2. Ein Roboter muss den Befehlen der Menschen gehorchen – es sei denn, solche Befehle stehen im Widerspruch zum ersten Gesetz. 3. Ein Roboter muss seine ­eigene Existenz schützen, solange sein Handeln nicht dem ersten oder zweiten ­Gesetz widerspricht. Der Vorteil dieser drei ­Regeln ist, dass sie unumstößlich programmiert sind. ­Hätten wir Menschen ein ähnlich verbindliches Regelwerk, hätten wir wohl eine gerechtere und friedlichere Welt.

gültige Entscheidung auch heute noch beim behandelnden Arzt und nicht beim Computer liegen, der aus den Daten, der persönlichen Erfahrung und der konkreten Befragung des Patienten eigene Schlüsse ziehen wird. Ob diese unbedingt „richtiger“ sind, sei dahingestellt – Medizin ist eben keine exakte Wissenschaft. Ähnlich sieht es beim heftig diskutierten autonomen Fahren aus. In Konfliktsituationen wird KI strikt rational entscheiden. Doch wie sieht es aus, wenn nur die Möglichkeit zwischen Kind oder Seniorenpaar bei einem drohenden Unfall besteht? Wer ist letztlich verantwortlich für solche „Kollateralschäden“, über die der Computer entscheiden muss? Eine Frage, die künftig Gerichte, Versicherungen, aber auch Mobilitätsunternehmen beschäftigen muss. Für andere Aufgaben haben sich sogenannte lernende Verfahren bewährt. Ein gutes Beispiel ist die Bilderkennung, wie sie etwa in Automaten für die Annahme von Pfandflaschen verwendet wird. Anstelle explizit zu definieren, wie eine Pfandflasche aussieht, wird einem lernenden Algorithmus eine große Menge an Bildern vorgelegt, die sowohl Pfandflaschen als auch Einwegflaschen zeigen („Training“). Auf dieser Datenbasis „lernt“ der Rechner zwischen beiden Arten von Flaschen zu unterscheiden. Technisch realisiert wird das durch „neuronale Netze“. Damit wird versucht, das menschliche Gehirn, das aus einer Vielzahl von Zellen (Neuronen) besteht, die untereinander durch Nervenbahnen verknüpft sind, mit mathematischen Mitteln nachzubilden. Beim Training werden – analog zum Lernen im menschlichen Gehirn – die Verknüpfungen zwischen den Neuronen so angepasst, dass das neuronale Netz schließlich Pfandflaschen richtig erkennen kann.

Sind die Systeme intelligenter als Menschen – oder können sie es werden? Ob Rechner jemals intelligenter werden können als Menschen, ist nach wie vor umstritten – und je nach Perspektive mit großen Hoffnungen oder blanken Ängsten verbunden. Zwar sind die jüngsten Erfolge der KI-Forschung durchaus beeindruckend. So gelang es Computern bereits, nicht nur Schachgroßmeister oder den Weltrangführer im sehr komplexen Brettspiel „Go“ zu schlagen, sondern auch die amerikanische Quizshow ­„Jeopardy!“ zu gewinnen. Allerdings sind viele Wissenschaftler der Meinung, dass das Vorgehen des Computers hier stets sehr maschinenmäßig ist

und weniger einem menschlichen Verhalten ­ähnelt. Bereits 1950 entwickelte der britische Informatiker Alan Turing einen Test, um festzustellen, ob eine Maschine ein dem Menschen gleichwertiges Denkvermögen hat. In diesem legendären Test führt ein menschlicher Fragensteller via Tastatureigabe eine Kommunikation mit einem Menschen oder einem Computer. Ziel der Konversation ist es, zweifelsfrei zu erkennen, ob das Gegenüber Mensch oder Computer ist. Turing selbst hatte prognostiziert, dass es bis zum Jahr 2000 Systeme gäbe, die für einen durchschnittlichen Anwender, der fünf Minuten kommuniziert, höchstens eine 70-prozentige Chance bieten, Mensch oder Maschine erfolgreich zu identifizieren. Diese Vorhersage hat sich bis dato nicht erfüllen lassen, allerdings ist der Test zur Bewertung von KI seit jeher umstritten.

Schöne neue Welt? Andere Forscher sind progressiver und denken, dass in nicht allzu ferner Zukunft Rechner die Fähigkeiten der Menschen erreichen und übertreffen. Es ist offensichtlich, dass dies die menschliche Zivilisation radikal verändern würde. Aber ist Künstliche Intelligenz erst erreicht, wenn die Maschine ebenso irrational und teilweise selbstzerstörerisch funktioniert wie der Mensch? Marvin Minsky, der im letzten Jahr verstorbene Doyen der Künstlichen Intelligenz, hat auf das Argument, dass ein Computer niemals eine Sinfonie wie Mozart komponieren könne, gerne geantwortet, dass er selbst und die meisten anderen Menschen das ebenso wenig könnten. Vielleicht sollte man sich ja künftig – ohne Utopien und ohne Fortschrittsängste – auf die jeweiligen Eigenheiten und das sinnvolle Zusammenspiel von menschlicher und künstlicher Intelligenz konzentrieren. Denn ist es nicht fraglich, ob der Mensch allein die aktuellen und künftigen Probleme, die er selbst geschaffen hat, ohne Hilfe lösen kann? //


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Erfolgsgeschichten

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Erfolgsfaktor digitales Maschinen-Management Welche Möglichkeiten stecken in der Industrie 4.0? Das Unternehmen Kaeser Kompressoren hat jetzt ein innovatives Geschäftsmodell vorgestellt, das erst durch die umfassende Digitalisierung ermöglicht wird.

von Herbert Lechner

//  Kaeser ist ein typischer „Hidden Champion“, außerhalb seiner Branche nur wenigen bekannt, aber dafür in seinem Segment weltweit führend. Durch eigene Tochtergesellschaften und exklusive Vertragspartner ist der Kompressorenspezialist heute in über 100 Ländern aktiv. Das traditionsreiche Familienunternehmen, mit seiner Zentrale im oberfränkischen Coburg angesiedelt, hat schon immer die Zeichen der Zeit erkannt – und gezielt genutzt. Zunächst produzierte Firmengründer Carl Kaeser feinmechanische Ersatzteile für die aufkommende Autoindustrie, spezialisierte sich aber bald zunehmend auf Sondermaschinen für die Thüringer Glasindustrie. Als die Belieferung dieses Marktes nach dem Zweiten Weltkrieg und der Teilung Deutschlands nicht mehr möglich war, erweiterte Carl Kaeser junior die Produktion um Druckluftkompressoren, die schnell zum Erfolgsrezept werden sollten. Zum Produktionsprogramm der Kolbenkompressoren kamen Anfang der 1970er-Jahre innovative Schraubenkompressoren, die sich durch ein neuartiges Läuferprofil, dem sogenannten Sigma Profil, auszeichnen. Und nach der Übernahme des französischen Kompressorenherstellers Compresseurs Bernard in Lyon entwickelte Kaeser ein erfolgreiches Programm fahrbarer Schraubenkompressoren für die Bauindustrie („Mobilair“).

Contracting für Druckluft Doch nicht nur in der Hardwarekonstruktion beschritt Kaeser immer wieder neue Wege. Eine spannende Erweiterung der umfangreichen Serviceleistung des Technologieführers bildet ein Contracting-Modell, das sich bereits seit rund 30 Jahren international bewährt: Kaeser bietet nicht nur den Kauf der Kompressoren, sondern auch die Druckluft! Gerade für kleinere Betriebe, die keinen kontinuierlichen Bedarf haben, eine interessante Alternative zur Investition in die Geräte. Doch auch für bestehende Kunden kann diese Lösung bedeutende Vorteile bringen. Diese sogenannten hybriden Leistungsbündel kombinieren technisch innovative Produkte mit intelligenten

Dienstleistungen aus dem Bereich Engineering. So umfasst das Contracting-Paket außer der Sicherheit, stets die neuesten, und das heißt besonders energieefiziente, Kompressor- und Steuerungsausführungen zu erhalten, auch die laufende Überwachung aller Kaeser-Komponenten. Regelmäßige Wartungsintervalle und die Überprüfung möglicher Verschleiß­folgen werden zentral gesteuert – und entsprechende Maßnahmen von Kaeser durchgeführt. Mit solchen Lösungen im Bereich der Drucklufterzeugung wurde eigentlich die Basis für Industrie 4.0 bereits vor Jahren gelegt. Dank der rapiden Steigerung der Datenverarbeitung und neuer kommunikativer IT-Möglichkeiten können solche Dienstleistungen nun noch mehr verfeinert und verbessert werden.

Vorausschauende Wartung Bei Industrie 4.0 geht es bekanntlich um die effiziente Vernetzung und Kommunikationsfähigkeit der Maschinen. Auf der diesjährigen Hannover Messe zeigte Kaeser eindrucksvoll, welche Chancen die neue Dimension der Datengewinnung und des permanenten Datentransfers eröffnet. Diese reichen von einer exakten Analyse des Druckluftbedarfs, der Konzeption der optimalen Druckluftversorgung über die regelmäßige Wartung und Instandhaltung, die Nutzung im Rahmen eines Energiemanagements bis zur Planung von Erneuerungen, Erweiterungen oder Ersatzinvestitionen. Und das während des gesamten Lebenszyklus einer Druckluftstation. Der neueste Coup begeistert Kunden wie Entwickler: Das Zauberwort lautet „Predictive Maintenance“, also zu Deutsch vorausschauende Wartung. Das bedeutet nicht weniger, als dass die Datensammlung auf mögliche Störungen hinweisen kann, bevor diese überhaupt auftreten! Die Echtzeitüberwachung zahlreicher Sensordaten ermöglicht nicht nur die unmittelbare Reaktion auf außergewöhnliche Betriebszustände, sie ist auch Grundlage für eine optimale Serviceplanung. Dank


Das Kaeser-Firmengelände im oberfränkischen Coburg – Zentrum eines Global Player mit weltweit 5.500 Mitarbeitern

intelligenter Prognosetools wird man zukünftig schon im Voraus wissen, was tatsächlich in der Druckluftstation passieren wird. Damit können Fehlzeiten des Maschinenparks drastisch vermindert werden.

Big Data der Maschinenkommunikation Voraussetzung dafür ist allerdings, dass alle Komponenten so ausgestattet sind, dass sie einerseits in einem Verbund effi­ zient steuerbar sind und zugleich relevante Betriebsdaten für eine Echtzeitüberwachung gewinnen und an übergeordnete Systeme weitergeben. Moderne Kompressoren und Komponenten zur Druckluftaufbereitung besitzen deshalb interne Steuerungen auf Industrie-PC-Basis, die diese Daten mittels Schnittstellen einem übergeordneten System zur Verfügung stellen können. So gehen die Daten, die laufend von den Komponenten generiert werden, erst an eine übergeordnete Steuerung, die eine Doppelfunktion hat: Sie ist Managementsystem zur Steuerung der Druckluftstation und Knotenpunkt zur Weiterleitung der gewonnenen Daten. Ein solches Managementsystem muss in der Lage sein, unter Berücksichtigung von Schaltverlusten, Regelverlusten usw. die Kompressoren effizient und insbesondere auch vorausschauend zu schalten. Kommt es zu Auf-

fälligkeiten, wird automatisch im Servicecenter eine Information generiert, sodass präventiv entsprechende Maßnahmen erfolgen können, ohne dass ein Stör- oder Ausfall auftreten wird. Die erforderlichen Datenmengen sind gewaltig. Dies erfordert eine außerordentlich komplexe Struktur zur zeitnahen Analyse und eine entsprechend investitionsintensive Ausstattung im IT-Bereich.

Basis künftiger Innovationen Positiver Zusatzeffekt dieses Aufwands für das Unternehmen und seine Kunden: Diese Daten werden natürlich nicht nur von den Service-Technikern genutzt, um die Anlagen der Kunden zu optimieren, sondern ebenso von den Mitarbeitern in Forschung & Entwicklung. Können doch durch diese minutiöse Kontrolle bestimmte Verhalten von Produkten vor einem Störfall beobachtet und analysiert werden und Muster bzw. Gründe dafür erkannt werden, was zu einem möglichen Ausfall führen könnte. Auf dieser Basis lassen sich auch die Komponenten selbst weiterentwickeln und optimieren. Ja sogar ganz neu­ artige Anlagenkonzepte sind dadurch denkbar. Störungen und Fehlfunktionen werden sich nie völlig ausschließen lassen. Doch mit den digitalen Mitteln der Industrie 4.0 besteht die Chance, sie auf ein Minimum zu reduzieren. //


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Wenn sich Digitales und Reales vermischen Augmented Reality

von Björn Schwerdtfeger

//  Fast 15 Jahre ist es her, dass ich zum ersten Mal den Proto­ typen einer „digitalen“ Augmented-Reality-Brille aufsetzen durfte. Das Faszinierende an der Brille war, dass sie nicht versuchte, meine Sehschwäche auszugleichen, sondern mir einen kleinen, vom Computer berechneten bunten Würfel in meine Umgebung gezaubert hat. Dieser virtuelle Würfel erschien auf dem Tisch vor mir, und wenn ich meinen Kopf bewegte, blieb er einfach auf dem Tisch liegen. Ich konnte um den Tisch herumgehen, der Würfel blieb unverändert da und verschmolz nahtlos mit meiner realen Umwelt. Das war nicht nur ein Moment maximaler Faszination für mich, so etwas kannte man bis dato nur aus dem Kino von ­„Roger Rabbit“ oder „Star Wars“, es war zugleich der Augenblick, der meine berufliche Laufbahn entscheidend prägen

sollte. Wow, dachte ich – meine erste Begegnung mit Augmented ­Reality, diese Technologie wird vieles verändern. Dass die Technologie damals schon mehr als 30 Jahre alt war, aber trotzdem noch in den Kinderschuhen steckte, sollte mir erst später bewusst werden.

Wie funktioniert es? Mit Augmented Reality – gern eingedeutscht als erweiterte ­Realität / Wirklichkeit – kann man durch eine digitalisierte ­Sonnenbrille schauen und zusätzliche Informationen dreidimensional um sich herum wahrnehmen oder sogar selbst anordnen. Die Brille erkennt dafür mit diversen Sensoren, wie Kameras, die Umgebung – so ähnlich, wie es die autonom fahrenden Fahrzeuge machen. Man kann sogar Informationen mit realen Gegenständen verankern. Gedächtnistrainer haben uns in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass wir uns Informationen am besten merken können, wenn wir


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sie „räumlich“ abspeichern und sie dafür mental in einem bekannten Raum ablegen. Mit Augmented Reality können wir genau dies machen: Informationen räumlich, mit dem Bezug zu unserer richtigen Welt, platzieren. Informationen lassen sich sogar mit den Fingern berühren und dahin verschieben, wo sie uns am geeignetsten erscheinen. Die computergenerierten Informationen vermischen sich also mit unserer Umwelt, wodurch der Computer „natürlich“ wird und sich viel einfacher benutzen lässt. Zum Beispiel finden wir jetzt Informationen wesentlich schneller.

Wann sind wir so weit? Unsere Erde hat 4,6 Milliarden Jahre für ihre Entwicklung benötigt. Das war ein langer und iterativer Prozess. Unsere „erweiterte“ Realität benötigt darum auch etwas Zeit für ihre Entwicklung. Wir wollen immerhin ein ziemlich gutes Ergebnis erzielen und „unsere Realität“ noch verbessern. Dafür sind

­ xperten aus allen Bereichen nötig. Augmented Reality ist in E all ihren technischen und ergonomischen Aspekten vermutlich um ein Vielfaches schwerer zu durchschauen als etwa die Relativitätstheorie. Darum sind bei Weitem auch noch nicht alle Herausforderungen gelöst. Hie und da hakt es also noch ein wenig. Zukünftig wird jedoch die Industrie gar nicht mehr ohne Augmented Reality auskommen. Die komplexen Informationen der Industrie 4.0 werden sich bald nur noch über diese Techniken visualisieren lassen. Augmented Reality wird zur zentralen und exklusiven Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, und wir können uns bald gar nicht mehr vorstellen, wie kompliziert es einmal gewesen ist, mit einem Computer umzugehen. So wie wir heute auch nicht mehr auf Steintafeln schreiben! Das klingt nach viel Zukunftsmusik, doch schaut man sich die rasanten Entwicklungen der letzten zehn Jahre an und betrachtet dazu die Prognose, dass in diesem Jahrhundert circa


Virtuelle ­Realitäten gab es auch schon in der analogen Ära. Ein herausragendes Beispiel sind da die Comics um Little Nemo, einem kleinen Jungen, der im Schlaf die verrücktesten Abenteuer erlebt. Kaum eingeschlafen, verwandelt sich sein Bett und entführt ihn zum König des Schlummerlands, der einen Spielgefährten für seine Tochter sucht. Die fantastischen Bildgeschichten von Winsor ­McCay (1871 – 1934) in New Yorker ­Tageszeitungen waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine ­Sensation und faszinieren bis heute. Mit ­großer Sorgfalt entwarf der Autor und Illustrator ganze Stadt­landschaften oder wilde Dschungel­ regionen, ganz exakt und doch völlig surreal. Eine ­Traumwelt, deren Unwirklichkeit noch durch den frühen ­Zeitungsfarbdruck gesteigert wurde. Die Gesamtausgabe aller 220 „Little Nemo“-­Folgen von 1905 bis 1909 erscheint jetzt beim Kölner ­Taschen Verlag: Alexander Braun (Hrsg.) Winsor McCays Little Nemo – Gesamtausgabe 1905 – 1909. 368 Seiten; Hardcover; 34,4 x 44 cm (!); ISBN 978-3-8365-6308-6; 59,99 Euro

tausendmal mehr passiert wie im letzten Jahrhundert, scheint nichts mehr unmöglich. Verlief unsere technologische Entwicklung in den letzten 4,6 Milliarden Jahren weitgehend linear, so ist sie seit Kurzem dabei, mit exponentieller Geschwindigkeit unser Leben zu verändern.

Wer benötigt es? Viele Businessmodelle haben sich zunächst auf den Endkunden gestürzt. Sie glaubten an die schnelle Fortsetzung der Geschichte Großrechner, Desktop PC, Laptop, Smartphone, Augmented Reality. Womit sie allerdings nicht gerechnet haben, ist, dass diese einnehmende und immersive Technologie mit Vorsicht unter die Menschen gebracht werden muss. Googles groß angelegtes Projekt Google Glass scheiterte im ersten Anlauf, weil Ihre Träger gerne als „Glassholes“ verspottet wurden. Viele Businessmodelle konzentrieren sich deshalb derzeit auf industrielle Anwendungsfelder, in denen zum einen ein di-

rekter Nutzen darstellbar ist, zum anderen der technologische Reifegrad schon einen praktischen Einsatz ermöglicht. Dabei bieten sich zunächst Anwendungsfelder, bei denen der Nutzer die Brille nur ein bis zwei Stunden am Tag trägt. Wir wissen nämlich noch gar nicht, wie die Brille so zu gestalten ist, dass sie bei einem achtstündigen Arbeitstag keine ergonomische Belastung provoziert. Wir werden jedoch dieses Jahr noch einige sehr erfolgreiche Projekte im Bereich Remote-Experte oder Mitarbeitertraining sehen. Doch aufgrund der rasanten technologischen Entwicklung in allen Bereichen wird Augmented Reality schon 2018 nicht mehr aus dem industriellen Alltag wegzudenken sein. // Dr. Björn Schwerdtfeger berät mit seiner Firma AR-Experts.de DAX-Konzerne und innovative Mittelständler, wie und wofür man Augmented Reality einsetzen kann.


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Pure Information? Briefpost oder E-Mail – wessen ökologischer Fußabdruck ist größer? Die Frage scheint schnell zulasten der klassischen „Snail-Mail“ beantwortet, doch ganz so einfach ist es nicht.

von Herbert Lechner

//  Die elektronische Post schont zwar Bäume und Wasserressourcen, aber dafür ist ihr Energieverbrauch enorm. Und angesichts der ungeheuren Masse an Mails und Spams potenziert sich der auch noch. Laut einer Studie des amerikanischen Softwareanbieters McAfee, die einmal die CO2-Belastung durch SpamMails untersuchte, kommt da alleine Deutschland auf einen Wert von 500.000 Tonnen CO2. Das entspricht etwa dem Stromverbauch einer kleineren Großstadt. Der weltweite Energiebedarf für die elektronische Post insgesamt wird etwa so hoch veranschlagt wie der komplette jährliche Stromverbrauch von Österreich oder der Schweiz. Tendenz – natürlich – steigend. Denn je ­„dicker“ ein digitaler Brief ist, also wie groß der Umfang und vor allem die Anhänge sind, wirkt sich unmittelbar auf den Verbrauch aus. Und mit den Leistungen moderner Rechner können die schnell im Gigabyte-Bereich landen. Ein weiterer Verbrauchsfaktor: Läuft die Kommunikation über die immer beliebteren mobilen Geräte statt über Festnetzanschlüsse, erhöht das noch einmal Energiebedarf und Umweltbelastung. Fachleute sprechen dabei von einem bis zu zehnfachen Mehrverbrauch! Kein Wunder, dass die großen Provider und Rechencenter viel Geld in eine energieeffizientere Ausstattung investieren. Denn es kommt zum Verbrauch der Geräte noch ein weiterer wichtiger Faktor dazu: die Abwärme, die entsteht und die eine wirkungsvolle und damit aufwendige Kühlung erfordert. Teilweise

können die dafür notwendigen Kosten fast so hoch sein wie für den Energieaufwand der Rechner. Wohin mit der Wärme? Schon vor Jahren hat da ein findiger Schweizer IT-Dienstleister gemeinsam mit IBM für sein Rechenzentrum eine geniale „grüne“ Lösung realisiert. In der Gemeinde Uitikon in der Nähe von Zürich wird die Abwärme der GIB-Services mittels Wärmetauscher in warmes Wasser verwandelt, das in das örtliche Schwimmbad geleitet wird. Der Vorteil für den Betreiber ist so groß, dass die Gemeinde lediglich die Anschlusskosten übernehmen musste. Also eine echte Win-win-Situation, die Schule machen könnte. Doch das Problem ist, dass in den größten Teilen der Welt, anders als in unseren kühlen Regionen, ohnehin die Aufgabe Kühlung und nicht Heizung lautet. Das gilt nicht nur für Schwellen- und Entwicklungsländer, deren digitaler Bedarf schon jetzt laufend steigt. Serveranlagen werden deshalb in Gebirgsstollen oder aufgelassenen Tunnels gebaut. Ernsthaft diskutiert wird auch die Möglichkeit, Rechenzentren auf speziellen Containerschiffen oder künstlichen Inseln vor den großen Küstenstädten zu errichten. Das Meer würde dann einen Großteil der Kühlung übernehmen. Schon seit 2009 besitzt Google ein Patent auf diese Lösung. Verrückt? Die digitale Welt hat mittlerweile nachdrücklich bewiesen, dass selbst die verrücktesten Ideen erfolgreich sein können! //

Seekabelfräse Nessie II der Firma Christoffers Die Entstehung des Namens Nessie für die Baureihe rührt aus dem Jahre 1988. Für den Auftrag eine Telefonleitung vom Festland zur Insel Sylt zu verlegen, wurde damals die Nessie I gebaut, die ihren Namen durch eine Frage auf die Bedeutung der Strohballen auf der See­ kabelfräse erhielt: „Das ist das Futter für Nessie!“ Laut der ­Online-Enzyklopädie Wikipedia werden etwa 95 Prozent des Internetverkehrs ­zwischen Weltregionen durch Unterseekabel übertragen.


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Ansichtssache


­ Beautiful Minecraft Das Open-World-Spiel Minecraft des schwedischen Programmierers Markus Persson wurde über 120 Millionen Mal verkauft und ist somit eines der meistverkauften Videospiele weltweit. Mit künstlerischem Geschick lässt sich aus Minecraft-Blöcken nahezu alles bauen. Das Buch zeigt eine Sammlung der erstaunlichsten Kunstwerke, aus Millionen Blöcken geschaffene fantastische Landschaften, Steampunk-Städte, AlienWelten und vieles mehr. James Delaney / Beautiful Minecraft No Starch Press; Januar 2017; 112 Seiten ISBN 978-1-59327-765-9; 17,00 €


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Gastkommentar

Be part of it! Die Bedeutung technologischer Innovation für Unternehmen

von Uwe Göthert

// Umwälzende Technologien, hohe Kundenerwartungen und die Bedingungen des globalisierten Marktes führen dazu, dass Unternehmen heutzutage schnell neue Chancen erkennen und diese auch sofort nutzen müssen. Die meisten Unternehmen betrachten Innovationen generell als positiv und erstrebenswert. In der Umsetzung haben die meisten Unternehmen allerdings Schwierigkeiten, alle Facetten einer Innovation zu berücksichtigen. Somit bleibt das Ziel, sie in die normalen Geschäftsabläufe zu integrieren, häufig unerreicht. Auf der Basis langjähriger Erfahrungen vertritt Dale Carnegie Training einen ganzheitlichen Innovationsansatz, um die häufigsten internen und externen Herausforderungen von Unternehmen zu meistern. Gerade die technischen und digitalen Innovationen der letzten Jahre machen es den Kunden heute einfacher denn je, einen Mitbewerber ausfindig zu machen und zu ihm zu wechseln. Ebenso können dadurch die Mitarbeiter jederzeit einen neuen Arbeitgeber auf dem Arbeitsmarkt finden. Diese beiden Einflussfaktoren führen dazu, dass die Unternehmen sich permanent in einem Spannungsfeld befinden. Dies schafft eine hohe Instabilität, die jegliche Innovationsintegration erschwert – sowohl aufseiten der Kunden als auch der Produkte. Dank der neuen Technologien haben die Kunden nun sehr viel mehr Möglichkeiten, sich schnell umfassende Informationen zu beschaffen. Daher müssen Unternehmen auf diesem Gebiet innovativ sein und neue Wege finden, um die Bedürfnisse ihrer Kunden vorherzusehen, sie zu verstehen und zu erfüllen. Unternehmen, die ihre Kunden genau verstehen und eine gute Kundenbindung aufbauen, können ihre Verkaufsergebnisse entscheidend beeinflussen. Sie verfügen über ein ge-

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Uwe Göthert ist Geschäftsführer des Trainingsanbieters Dale Carnegie Deutschland mit Sitz in München. Zusammen mit seinem Team ent­ wickelt Göthert maßgeschneiderte innovative Beratungsund Coachingansätze.

naues Verständnis für die Erwartungen und unausgesprochenen Wünsche ihrer Kunden. Um Kunden ein echtes Innovationserlebnis bieten zu können, konzentrieren sich erfolgreiche Unternehmen auf drei Innovationsbereiche:

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Proaktiv Informationen über den Kunden sammeln

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Es besteht ein starker Bedarf, sich an das radikal veränderte Kundenverhalten anzupassen. Unternehmen, welche die Meinungen ihrer Kunden erfragen und ernst nehmen, verstehen besser, was diese brauchen und wie man sie zu loyalen Partnern machen kann. Den meisten Unternehmen gelingt dies, indem sie ein Echtzeit-Feedbacksystem sowie Vorhersage-Analysetools für ihre Kunden entwickeln und damit neue Ansätze nutzen, um die Wünsche des Kunden direkt beim Verkauf zu eruieren. Über ein Drittel der Führungskräfte gibt an, ihr Kunden-Feedbacksystem anpassen zu wollen, um auf existierende oder zukünftige Herausforderungen besser reagieren zu können.

einsetzen, welche die eigene Social-Media-Strategie voranbringen und das digitale Kauferlebnis verbessern.

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Kompetente Botschafter schaffen

Die Investitionen in das Training von Mitarbeitern verleihen den Angestellten die Fähigkeit, kompetente Botschafter für die realisierten und geplanten Innovationen des Unternehmens zu werden. Für den Kunden entstehen dadurch außergewöhnliche Erfahrungen und Einblicke. So lässt sich durch Innovationen und entsprechendes Mitarbeiter-Training die Kundenloyalität sichern – was sich schlussendlich positiv auf den Unternehmenserfolg auswirken wird. Es gilt also, Erlebnisse zu schaffen, die eine starke und unmittelbare Wirkung haben – mithilfe von Technologien, auf die der Kunde leicht zugreifen kann und die Nähe zum Unternehmen herstellen. Wenn Mitarbeiter die Unternehmensmarke kompetent und glaubwürdig repräsentieren, führt das dazu, dass in den Bereichen Recruitment, Service, Verkauf, Einkauf und im Kundenkontakt positive Erfahrungen und starke Kundenbeziehungen entstehen und auch vermittelt werden. //

Personalisierung mithilfe von Technologie

Um die Interaktion mit bestehenden und potenziellen Kunden zu aktivieren, müssen Unternehmen die Möglichkeiten einer Hyperpersonalisierung der Kundenerlebnisse durch neue Technologien nutzen. Die Investition in technologische Innovationen gilt dabei als Schlüsselstrategie, um durch gezielte personalisierte Ansprache der einzelnen Kunden die Herausforderungen des Marktes zu überwinden. Die Digitalisierung bietet jedoch auch die Möglichkeit, sich selbst neu zu erfinden. Unternehmen können zum Beispiel für eine stärkere Personalisierung sorgen, indem sie Technologien

Über Dale Carnegie Training Seit über 100 Jahren unterstützt Dale Carnegie Menschen und Unternehmen darin, ihre Leistung zu verbessern und Höchstleistungen zu erbringen. Maßgeschneiderte Trainings helfen den Teilnehmern dabei, ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Mehr als 2.700 Business-Coaches bieten kulturell adaptierte Trainings in über 90 Ländern und in 30 Sprachen an. International agierende Unternehmen, insbesondere Hidden Champions und Weltmarktführer, profitieren von der globalen Kompetenz Dale Carnegies.


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Digitale Revolution? Das Büro der Zukunft

„Neue Ideen entstehen nicht, wenn jemand acht Stunden lang in den Bildschirm starrt.“

von Herbert Lechner

// Lange Reihen von Tischen, an denen – überwiegend – Frauen an Schreib- oder Rechenmaschinen sitzen. Man kennt diese Bilder aus der Frühzeit der Büroarbeit, die ein wenig an Legebatterien erinnern. Werden uns bald unsere modernen Arbeitsplätze ähnlich antik erscheinen? Mit der Digitalisierung wurde ein grundlegender Wandel der Arbeitswelt eingeleitet, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Das betrifft nicht nur die zunehmende Automatisierung ganzer Produktionslinien durch den Einsatz immer intelligenterer Roboter oder das viel berufene papierlose Büro, sondern ebenso den Arbeitsplatz der „Schreibtischtäter“. Deutlich wird das etwa beim Besuch von Unternehmen, die in Zukunftsbranchen unterwegs sind. Häufig sind es wahre Fantasielandschaften, die hoch qualifizierte Mitarbeiter zum Nachdenken oder Diskutieren innovativer Konzepte animieren sollen. Der Kicker­tisch als kreative Minimalausstattung reicht dafür ebenso ­wenig aus wie die Pizzalieferung an den Arbeitsplatz, wenn’s wieder später wird.

Mit dem Ende von „Nine-to-Five“ und Stechuhren am Eingang hat die Bedeutung interner Ruhe- und „Spiel“-Zonen zugenommen. „Neue Ideen entstehen nicht, wenn jemand acht Stunden lang in den Bildschirm starrt“, weiß Lucas Stolwijk, verantwortlicher Facility-Manager des neuen europäischen Entwicklungszentrums von Google in Zürich, das größte außerhalb der USA.

Im Gebäude der ehemaligen Sihlpost sollen dort in den nächsten Jahren bis zu 5.000 Menschen aus 75 Nationen arbeiten. Diese Dimension ebenso wie die Innovationskraft des Arbeitgebers lassen dieses Projekt beispielhaft erscheinen. Obwohl Flexibilität großgeschrieben wird, fällt auf, dass neben den verschiedenen Meetingräumen jeder Mitarbeiter seinen festen Arbeitsplatz hat, anders, als das heute in vielen Großunternehmen gehandhabt wird. Dies sei wichtig für die Orientierung des Einzelnen, der hier auch private Gegenstände aufstellen könne. Um die frühere Start-up-Stimmung beizubehalten, sitzen die Mitarbeiter relativ nahe zusammen, jeweils zu sechs Tischen gruppiert. Doch esbesteht die Möglichkeit, sich auch in separate Arbeitsräume zurückzuziehen. Eine


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zentrale Rolle im neuen Google-Gebäude spielt das Restaurant. Das ist keine herkömmliche Kantine, es geht nicht bloß um die tägliche Verpflegung. Vielmehr soll es ein Treffpunkt für die Kommunikation sein. Schon die Lage in der Mitte der mittleren Etage signalisiert die Bedeutung. Wie auch im früheren Hürlimann-Gebäude sind bei Google die Speisen und Getränke kostenlos, doch soll das Restaurant nicht nur zu den Essenszeiten genutzt werden, sondern den ganzen Tag als MeetingPoint funktionieren.

Doch es geht beim Arbeitsplatz der Zukunft nicht nur um ein ansprechendes und funktionales Design der Räume. Das zeigt das Projekt „Next Generation Workplace“ der Munich Re. Der Rückversicherer ist mit 12.000 Mitarbeitern in 50 Ländern vertreten, das bedeutet besondere Anforderungen an die technische Ausstattung, aber auch an die Sicherheit. Es genügt dabei nicht, den Mitarbeitern zum Beispiel die Wahl ihrer mobilen Geräte zu überlassen. Notwendig ist deshalb ein Gesamtansatz, mit Einbindung unterschiedlichster Technologien und entsprechender Management-, Support- und Security-Dienste.

Doch der Arbeitsplatz der Zukunft ist nicht nur technikgeprägt, auch der Erfolgsfaktor Mitarbeiter muss – vielleicht sogar stärker als in der Vergangenheit – Berücksichtigung finden. Motivation und Ergonomie, die sich nicht auf Sitzposition oder Beleuchtung beschränkt, wirken sich unmittelbar auf Leistung und Innovationsfähigkeit des Einzelnen aus. So sind auch die HR-Verantwortlichen in diesen Prozess zu integrieren. Eine moderne Arbeitsumgebung ist nicht zuletzt auch ein Imagefaktor und ein wichtiges Recruiting-Instrument.

Lichtdurchflutet, freundlich und unterhaltsam wie die neue ­Europazentrale von Google in Zürich, mit viel Farbe, Cafeteria und Kickertisch – geht dahin der Bürotrend? Oder sind ergonomische Hightech-Arbeitsplätze (z. B. Emperor, unten Mitte, oder Altwork, oben links), wie sie schon seit den 1970er-Jahren (oben Mitte) entworfen werden, die Zukunft? Dagegen wirken die „antiken“ Schreibbüros direkt human.

Eine etwas andere Form des Büros der Zukunft lebt bereits Dr.-Ing. Gero Kempf, lange bei BMW in der Automobilentwicklung tätig und heute Chief Engineer Body Strategy, Architecture, Advanced Product Creation von ­Jaguar: „Ich bin fast den ganzen Tag im Werk unterwegs und setze mich dahin, wo gerade ein Platz frei ist. Mein Büro ist hier in dieser Ledertasche.“ //


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Einfach mal offline – geht das? Zugegeben, ich bin sehr aufgeschlossen für alle Neuigkeiten im digitalen Bereich, wahrscheinlich mehr als die meisten Zeitgenossen. Gerade deshalb sehe ich wohl den immer häufigeren Ruf nach „unplug!“ und Online-Fasten vielleicht etwas neutraler?

von Christine Klein

//  Was bedeutet heute „einfach mal offline“ tatsächlich? Sicherlich können mittlerweile nur noch wenige Menschen beruflich völlig offline arbeiten, deshalb soll es hier nur um die privat zur Verfügung stehende Zeit gehen. Drei Szenarien sind zu unterscheiden: 1. zwei/drei Wochen Urlaub, 2. ein oder mehrere Wochenenden, 3. ein oder mehrere Abende an Arbeitstagen

„Online“ bedeutet für mich, in einer gewissen Zeit eine Tätigkeit über das Internet auszuüben. Wenn ich offline bin, dann kann ich generell diese Zeit ... 1. mit dolce far niente verbringen, 2. mit Offline-Tätigkeiten verbringen, die online gar nicht möglich sind, 3. mit Offline-Tätigkeiten verbringen, die ich auch online erledigen könnte.

Prinzipiell ist ein Leben komplett offline in allen drei Szenarien möglich. Sinnvoll ist es sicher, genug Zeit für Müßiggang und Tätigkeiten zu haben, die online gar nicht möglich sind. Unsinnig ist es aber, Aufgaben, die offline deutlich schwieriger oder zeitaufwendiger zu bewältigen sind, nicht online zu erledigen. Dazu zähle ich u. a. Onlinebanking, Reisebuchungen, Kommunikation und Planung in Gruppen. Ebenso Tätigkeiten, deren Ergebnisse online deutlich besser sind, etwa Navigation, Fahrplanauskunft o. Ä.

Gartenarbeit, Reparaturarbeiten am Haus und an den Geräten. Umgebung, Wege, Restaurants sind alle bekannt. Wetter ist so, wie man aus dem Fenster schaut, und Nachrichten kann ich, wenn ich will, in der Tageszeitung vom Vortag lesen. Nutzen von Online-Tätigkeiten in diesem Umfeld wären gering. Es ist sehr erholsam, für eine Weile so zu leben, aber nach zwei Wochen wird es auch langweilig. Für mich geht das nicht!

Ich fahre jährlich wechselnd zum Kitesurfen und/oder mache Städtetripps nach z. B. Griechenland, Andalusien. Ich benötige den aktuellen Windbericht, ich muss online einchecken, ich kenne mich nicht aus und muss navigieren, möchte Öffnungszeiten wissen. Offline geht also gar nicht, ist einfach unpraktisch und raubt mir Zeit. Bei der Auswahl von Restaurants nutze ich Bewertungen, die letzte Entscheidung fälle ich selbst. Und wenn ich etwas Nettes einfach so entdecke, werde ich nicht erst das Internet konsultieren. Der Nutzen der Online-Tätigkeiten ist sehr groß. Auf einer Reise gibt es so viele Dinge zu sehen, zu machen und zu entdecken, dass ich kaum im Internet hängen bleiben werde, nur um die Zeit totzuschlagen.

SZENARIO 2: Wochenende offline Für mich geht das nicht!

SZENARIO 1: zwei/drei Wochen Urlaub offline

Egal welches Wetter, am Wochenende verabrede und treffe ich mich mit Freunden. Den Kommunikationskanal dazu kann ich nicht selbst bestimmen. WhatsApp ist in meinem Umfeld der meistgenutzte Kanal. Es macht für mich keinen Sinn, offline zu sein.

Für mich geht das!

Für mich geht das!

Ich praktiziere es seit langer Zeit jedes Jahr in einem abgelegenen Ferienhaus in Mittelitalien. Alle Vorbereitungen sind getroffen. Familie und Freunde sind dabei. Der Tagesablauf besteht aus Kochen, Essen, Einkaufen, Faulenzen am See, Segeln,

Tagsüber, das Wetter ist gut, ich bin draußen. Fahre Rad, segle, fahre Ski, gehe Baden, bin im Garten, spiele Tennis oder mache einfach gar nichts. Oder aber ich gehe spazieren – und spiele online Pokémon Go! Warum nicht? Wunderbares Internet!


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Geht es wirklich?

Am Abend oder tagsüber bei miserablem Wetter. Ich bin daheim und erledige erforderliche Dinge online, Überweisungen, Buchhaltung. Danach habe ich freie Zeit, die ich online oder offline nutzen könnte. Was ist besser? In meiner Vorstellung macht es keinerlei Unterschied, ob ich einen billigen Roman lese und darin versinke oder ein ­Online-Spiel zocke und dort versinke. Ich kann auch ein intelligentes Online-Strategiespiel spielen oder ein gutes Buch lesen. Kann sinnfreie Sendungen im Fernsehen anschauen oder mich von einem interessanten Wikipedia-Artikel zum nächsten lesen … Die Qualität der Tätigkeiten hängt also nicht von der Frage online oder offline, sondern von den Inhalten ab. Die Entscheidungshoheit habe ich selbst.

SZENARIO 3: Abende offline Für mich geht es nicht!

Nach der Arbeit, ich komme heim. Bin zunächst allein, etwas erschöpft. Ruhe mich aus und entspanne mich, höre Musik (Online-Streaming) oder daddle an irgendeinem Spiel rum, lese Nachrichten, Facebook, Wetter. Kommuniziere mit Freunden und Familie, plane den Abend. Ich lasse den Tag Revue passieren und es kann passieren, dass noch die eine oder andere berufliche Mail ankommt. Manchmal habe ich Lust, das zu lesen, manchmal auch nicht. Manchmal fällt mir erst am Abend die Lösung eines Problems ein und ich muss es unbedingt ausprobieren, weil ich neugierig bin und es mir keine Ruhe lässt. Ich finde das nicht schlimm. Belastend wäre es, wenn ich an dem Thema kein Interesse


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Unplugged unterwegs

„Es prüfen vier Amerikanerinnen, ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn. Paris von außen und Paris von innen: sie sehen nichts und müssen alles sehn.“

Kurt Tucholsky: Park Monceau (1924)

Unplugged – unter diesem Motto stehen die Blankobücher des Verlags Wanderlust aus Barcelona. Sie laden zur ganz persönlichen Entdeckungsreise ein. „In unserer heutigen Welt, in der wir nur Augen für unser Smartphone haben, brauchen wir ein Instrument, das hilft, uns aufs wirkliche Leben zu konzentrieren.“ Statt nur den digitalen Empfehlungen und Geheimtipps zu folgen, soll man besser mit offenen Augen reisen und die eigenen Erlebnisse niederschreiben. Dazu dienen diese liebevoll gestalteten Journale. Mehr als die Hälfte der Seiten sind unbedruckt, auch sonst beschränken sich die Herausgeber auf wenige Informationen. „Unsere Journale geben den Raum, Gefühle auszudrücken, und die Zeit, sie noch einmal nachzuerleben.“ Das Design und die Vielfalt der angebotenen Destinationen verlocken dazu, sich einmal auf die eigenen Erfahrungen zu konzentrieren, sie niederzuschreiben und vielleicht mit entsprechenden Erinnerungsstücken anzureichern. Denn, so die Initiatoren: „Lesen heißt, sich mit anderen zu verbinden, ­Schreiben bedeutet, sich mit sich selbst zu ver­ binden.“ www.wanderlust-journals.com

hätte und gezwungen wäre, es zu erledigen. Dann müsste ich mir einen neuen Job suchen. Für mich geht das

Bleibt die Ablenkung, das Suchtpotenzial. Führen Online-Tätigkeiten zu Abhängigkeit? Wann und wie einfach kann ich mich davon lösen? Werde ich davon getrieben und bin nicht mehr Herr meiner Zeiteinteilung? Mit meiner „Online-Sucht“ komme ich recht einfach klar – sobald ich nicht allein im Haus bin, ist genug Ablenkung vorhanden.

Die Frage nach offline oder online ist vor allem die des Zeitnutzens Offline gewinne ich Zeit für Tätigkeiten, die online nicht möglich wären (z. B. Sport) oder online möglich wären (Telefonieren statt WhatsApp) oder auch für Nichtstun. Online gewinne ich dagegen Zeit durch Tätigkeiten, die sich im Internet deutlich schneller erledigen lassen als ohne Verwendung des Internets. (Bankgeschäfte, Reisebuchungen, Navigation). Ein Aspekt der Beurteilung ist also eine Gewinn-undVerlust-Rechnung der verfügbaren Freizeit. Allerdings ist „Zeit“ nicht nur quantitativ zu sehen, sondern ebenso qualitativ: Wie und wann sind der Genuss, das Vergnügen, das Erfolgsgefühl und die Emotionen größer? Das lässt sich sicher nicht kategorisch festlegen, es hängt vielmehr vom Einzelnen und der jeweiligen Situation ab.

Mein Fazit Ein derart dogmatischer Vorschlag wie „Internet-Fasten“ ist ebenso problematisch wie ein unreflektiertes „Always on“. Die Basis der persönlichen Zufriedenheit wird nicht durch die Mittel (online/offline) bestimmt, sondern durch Inhalt und Resultat. Man sollte mit diesem Thema weitaus gelassener umgehen! //


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fahrlässig Tödliches Handy?

Wer am Steuer sein Handy benutzt, der hat ein mehr als dreifach erhöhtes Unfallrisiko, das Schreiben einer SMS steigert das Risiko auf das Sechsfache, das Eingeben von Telefonnummern auf das Zwölffache. Auch die Bedienung des Navigationssystems während der Fahrt erhöht die Unfallgefahr signifikant. Das sind die Ergebnisse einer Langzeitstudie der Universität ­Virginia. Dazu wurde das Fahrverhalten von 3.500 Autofahrern aller Altersklassen drei Jahre lang analysiert. Rund zehn Prozent der Fahrzeit waren die Fahrer demnach mit der Bedienung elektronischer Geräte beschäftigt.

furche Neue Zeiten auf dem Acker

Selbst fahrende Traktoren auf den Feldern, Farm-Managementsysteme, Sensoren für das Biomassewachstum oder die Kombination von Wetter- und Bodendaten mit der Ausbringmenge an Düngemitteln – die Bauern sind ­bereits im digitalen Zeitalter angekommen. „Die Landwirtschaft ist im Bereich der Digitalisierung weiter als die übrige Fertigungswirtschaft in Deutschland“, staunte jüngst Dr. Bernd Rohleder, Hauptgeschäftsführer des digitalen Dachverbandes Bitcom. Doch damit sind die ­Agronomen auch schon mit akuten Themen wie Datenschutz und Breitbandvernetzung konfrontiert, die beide im ländlichen Raum noch ­deutlich Optimierungsbedarf haben.

Er hat mich mit menschlichen Zügen überrascht. Garri Kasparow über Deep Blue, den ersten Schachcomputer, der ihn 1986 besiegen konnte

flut

Ein moderner PKW erzeugt heute während der Fahrt bis zu 25 Gigabyte Daten – pro Stunde!

falle

Wie man ein selbst fahrendes Auto fängt Der britische Künstler James Bridle hat auf die Fahrbahn einen großen Kreis gezeichnet. Mit einer durchgezogenen Linie innen und ­einer Strichlinie außen. Ein autonomes Fahrzeug kann zwar in den Kreis hineinfahren, ihn aber aufgrund seiner Programmierung (durchge­ zogene Linie) nicht mehr verlassen, und fährt daraufhin ewig im Kreis ...

intern

Big Data, Digitalisierung, Einkauf 4.0

Die radikalen Veränderungen der modernen Digitalisierung w ­ erden sich auch auf den indirekten Einkauf auswirken und e ­ inen Wandel in den Arbeitsstrukturen ­herbeiführen. Die Heraus­forderung der kommenden Jahre wird es sein, die Anforderungen an den strategischen und operativen indirekten E ­ inkauf optimal umzusetzen. Die Hans Becker GmbH widmet sich seit einiger Zeit ­diesem Thema. Dabei unterstützen wir unsere Kunden z. B. bei ­folgenden Fragestellungen: Was bedeutet die Digitalisierung für den ­indirekten ­Einkauf? Welche Lösungen werden vom Markt bereits angeboten und sind für den individuellen Einsatz geeignet? Lesen Sie dazu mehr in unserer Sonderbeilage im ­Artikel von Prof. Dr. Florian C. ­Kleemann (DHBW Stuttgart), mit dem wir zu diesen ­Themen einen intensiven Austausch pflegen.


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„Es ist gerade diese Vielfalt, die laufende Abwechslung der Projekte, dieses Sich-jedes-Mal-auf-NeuesEinlassen, was mir an meinem Beruf Spaß macht.“


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Der Beweger: Christian Aigner Auf seinem Schreibtisch steht das Modell eines Gabelstaplers, an der Wand lehnen Muster von Kartonverpackungen – das lässt schon die Bandbreite der Aufgaben von Christian Aigner erahnen.

// Es kommt auf die Kleinigkeiten an. Kaum einer weiß das besser als Christian Aigner, bei Hans Becker GmbH vor allem mit dem strategischen Einkauf von C-Teilen betraut und erfahrener Kenner aller Produkte und Details, die für das Funktionieren eines Unternehmens eben auch unerlässlich sind. Nach seinen Fachbereichen befragt, zählt er auf: Verpackung, DIN- und Norm-Teile, Hilfs- und Betriebsstoffe, Flurförderzeuge, teilweise auch Facility-Management wie Feuerlöscher, Hausmeisterdienste, Handwerkerleistungen … und nicht zuletzt die Auswahl geeigneter dazu passender E-ProcurementLösungen. „Es ist gerade diese Vielfalt, die laufende Abwechslung der Projekte, dieses Sich-jedes-Mal-auf-Neues-Einlassen, was mir an meinem Beruf Spaß macht.“ Für diese anspruchsvolle Aufgabe bringt Christian Aigner die besten Voraussetzungen. Der gelernte Kaufmann im Groß- und Außenhandel (IHK), Fachkaufmann Einkauf und Materialwirtschaft (IHK) und Informatik-Betriebswirt (VWA) hat zur Theorie reichlich praktische Erfahrung in verschiedenen Positionen und Branchen gesammelt. Die Besonderheiten von Groß- und Einzelhandel,

Entwicklungsdienstleister, Entsorgungsunternehmen, aber auch Druckerei, Industriebetrieb und Beratungsunternehmen hat er dabei „live“ erfahren. „Den Einkauf habe ich wirklich von der Pike auf gelernt und in allen möglichen Hierarchiestufen gearbeitet, vom Einkaufssachbearbeiter, Bereich Versorgung bei der Bundeswehr, Einkaufsleiter und Produktmanager bis zum technischen Einkäufer.“ Den grundlegenden technischen Wandel im Einkauf von Schreibmaschine und Telex bis hin zur App für den professionellen Einkauf hat er nicht nur miterlebt, sondern mitgestaltet. „Ich habe unter anderem drei Warenwirtschaftssysteme aus der Einkaufsperspektive eingeführt und betreut.“ Von diesem einzigartigen Erfahrungsschatz profitieren auch die Partner: „Ich habe bereits als Einkäufer gemerkt, dass es mir leichtfällt, Kollegen in neuen Aufgaben zu schulen. Deshalb ist es eine große Freude, die Mitarbeiter der Kunden auf die ‚Reise‘ mitzunehmen und nicht nur den Kostenvergleich zu machen, sondern auch die Prozesse gemeinsam neu zu gestalten.“ Nicht nur beruflich ist Christian Aigner gerne immer in Bewegung: Zu seinen Hobbys gehört deshalb neben dem Kochen sowie der Porträt- und Reisefotografie eine weitere Leidenschaft: „Als gebürtiger Münchner liebe ich natürlich meine Stadt und erkunde sie gerne mit der Familie auf dem Radl.“ Doch gefällt ihm dabei nicht nur die Bewegung, sondern ebenso das Schrauben am Rad. Er weiß eben genau, wie sehr es auf die Details ankommt! //


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Vom Verschwinden der Dinge Im Museum bestaunen wir die seltsamen Gebrauchsgegenstände und Artefakte vergangener Epochen und rätseln über ihre Funktion. Wird es unseren Enkeln mit heute selbst­verständlichen Instrumenten ähnlich ergehen? Werden sie sich wundern, was die Alten im Alltag alles benötigten?

von Herbert Lechner

//  Sie kennen sicher „Q“, den genialen Tüftler und Konstrukteur, der James Bond immer wieder mit fantastischen Hilfsmitteln ausstattet. Nun, wenn Sie ein Smartphone besitzen, können Sie sich ähnlich wie Geheimagent 007 fühlen, denn dieses handliche Gerät ist ein echtes Multitool – mit unabsehbaren Folgen für unsere alte Welt. In den zehn Jahren seit Erscheinen des ersten iPhones ist es für die meisten bereits zu einem selbstverständlichen, ja unerlässlichen Gegenstand geworden, an den man höchstens noch denkt, wenn wieder ein neues Modell mit noch mehr Funktionen erscheint – oder der Akku leer ist. Tatsächlich vereint das moderne Smartphone schon in der Standardausführung so viele Geräte und Instrumente in sich, dass sie kaum jemand alle benutzt: Telefon, Fotoapparat, Videokamera, Tonbandgerät, Diktafon, aber auch Wecker, Taschenlampe oder Kompass … ganz zu schweigen von zahllosen Apps für jeden Zweck. All dies vereint ein kleines Wunderkästchen, nicht viel größer als eine Zigarettenschachtel. Doch der digitale Alleskönner in der Tasche ist nicht nur unersetzlicher Assistent, sondern verändert allmählich unsere analoge Warenwelt. Mir fiel das erstmals auf, als immer mehr Freunde und Bekannte das Handy als Uhr benutzten (lange vor Erfindung der Apple Watch!). Dann ertappte ich mich dabei, keinen Wecker mehr zu stellen, sondern dafür stattdessen das Smartphone zu benutzen. Das Nächste war die Taschenlampenfunktion, dann verwendete ich häufiger den eingebauten Taschenrechner. Dass die Aufgaben klassischer Büroutensilien wie Kalender oder Adressbuch längst ins Mobiltelefon gewandert sind, wird Ihnen wohl ähnlich gehen. Als mir dann ein Freund gestand, er könne sich im Urlaub eigentlich gar nicht mehr ohne den Navigator seines Smartphones zurechtfinden, wurde endgültig deutlich, dass durch dieses ursprünglich als mobiler Telefonersatz gedachte Gerät auch immer mehr andere Alltagsgegenstände obsolet werden. Diese Beobachtung hat auch Florian Hufnagel gemacht, 30 Jahre Leiter der Neuen Sammlung in München, einer der größten Design-Sammlungen der Welt. Er ist wie kein Zweiter

Kenner der Formenvielfalt industrieller Warenproduktion. Für ihn hat die Allgegenwart und Multifunktionalität der digitalen Geräte auch etwas Erschreckendes. Werden früher oder später nicht ganze Produktgruppen verschwunden sein? Werden unsere Enkel – oder vielleicht auch schon wir? – Alltagsgegenstände wie eben Wecker, Taschenrechner, Audio- und Videoaufnahmegeräte und Kompass nur noch im Museum betrachten können? Staunend über die unterschiedliche Gestaltung, die diese Geräte je nach Hersteller, Produktionszeit und Moden erhalten hatten. Wir haben diesen Produkt-Darwinismus in den letzten Jahren doch schon erlebt. Erinnern Sie sich noch an den Rechenschieber, das Telefax, an Sonys legendären Walkman oder auch das Netbook? Und denken Sie an das fast völlige Verschwinden der analogen Fotografie. Interessant auch, dass viele Piktogramme sich noch an den überkommenen Produktformen orientieren, etwa ein Telefon mit Hörer, eine Uhr mit Ziffernblatt oder eine Taschenlampe – so zu sehen ausgerechnet auf dem Display Ihres Smartphones! Für Fritz Frenkler, Designprofessor an der Münchner TU und lange am Design der Apple-Produkte beteiligt, auch ein Zeichen dafür, dass Produkte zunehmend ihre Identität verlieren. Ein Trinkglas oder Besteck sei noch eindeutig und in allen Kulturkreisen bestimmten Funktionen zuzuordnen, aber was verbirgt sich in dem kleinen, schwarzen Kasten, der da am Tisch liegt? Ein Mobiltelefon, ein Diktiergerät, ein MiniScanner, eine Kamera? „Muss denn ein Smartphone wirklich aussehen, wie der alte Taschenrechner von Dieter Rams?“ Frenkler sieht hier durchaus ein Versäumnis seiner Branche: „Wir haben bei vielen Produkten die Chance verpasst, neue Identitäten zu kreieren.“ Auffällig, dass eine gewisse Sehnsucht nach den alten Formen zu entstehen scheint, dass manche der analogen Relikte wiederentdeckt werden und dann Trend sind, etwa die Vinylschallplatte oder nostalgische Telefone mit Wählscheibe (und digitalem Innenleben). Also werfen Sie Ihren alten mechanischen Wecker noch nicht weg, vielleicht wird er bald Kult. //


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Slow Warum weniger mehr ist

„Nichtstun ist besser als mit viel Mühe nichts schaffen.“ Laotse

von Christian Aigner

// Always on, 24/7: Unser Leben gleicht häufig einer Achterbahn mit immer neuen, schnellen Richtungswechseln. Die Digitalisierung fordert ihren Tribut, um mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung Schritt zu halten. Ein Innehalten wird da schnell als Faulheit abgestempelt. Und doch scheint gerade diese (über)lebensnotwendig! „Wir beobachten, dass im Online-Zeitalter viele Menschen die Fähigkeit verlernt haben, geistig und seelisch offline zu gehen, also abzuschalten“, so Prof. Dr. Götz Mundle, Ärztlicher Geschäftsführer der Oberbergkliniken, in denen Erkrankungen wie Sucht, Burn-out und Depressionen behandelt werden. Weiter betont der Fachmann in einem Zeit-Essay von Ulrich Schnabel: „Wir wissen, dass wir bei einem Bürojob körperlichen Ausgleich benötigen, daher gehen viele ins Fitnessstudio. Den wenigsten ist aber bewusst, dass auch die Informationsflut geistig verarbeitet werden muss.“

Aber wie schafft man diese geistige Entschleunigung? Wie das Leben langsamer machen? Der Rat von Jon Kabat-Zinn, Medizin­professor für Achtsamkeitsmeditation an der University of Massachusetts: „Wir müssen lernen, nichts zu tun. Doch das Nichtstun muss geübt und praktiziert werden. Das ist kein esoterisches Konzept, keine Philosophie, die man verstehen muss, sondern ein Muskel, der trainiert werden will. Jeden Tag, immer wieder.“ Jenen, die meinen, dafür keine Zeit zu haben, empfiehlt er: „Jeder hat ein paar Minuten am Tag, um sich ruhig hinzusetzen und auf den Atem zu achten. Oder sich auf den Rücken zu legen und auf den Körper zu hören.“ „SLOW“ ist eine Aufforderung an uns selbst, und diese gilt für viele Bereiche unseres Lebens: etwa mit Schlagworten wie Slow Travel, Slow Friends, Slow Working oder Slow Food. Allen gemein ist es, sich ganz auf das jeweilige Thema zu konzentrieren und sich achtsam damit zu beschäftigen.


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Fast jeder hat sich schon mit bewusstem Essen und dem Ausgleich für den Körper beschäftigt. Doch für unser Denkorgan ist „geistige Völlerei“ der Normalfall – aus der Angst, etwas zu verpassen. Wir wünschen uns den Müßiggang und fürchten uns gleichzeitig vor Langeweile. Slow ist also keine Modeerscheinung, sondern ein wichtiger Baustein zur Förderung der Regeneration, aber auch Basis für Einfallsreichtum und Kreativität. Die von Hirnforschern und Psychologen empfohlene Muße ist gleichfalls wichtig für das seelische Gleichgewicht. „Kreativität ist ein wichtiges Merkmal eines ausgeglichenen Menschen“, sagt Prof. Dr. Ernst Pöppel, Psychologe und Hirnforscher. „Wer nur noch erledigt, abarbeitet, reagiert, braucht definitiv eine Pause.“ Das könnte die einfache Faustformel für Slow, die Entschleunigung, sein. Wir genießen den Komfort, den wir durch die einfachere Kommunikation mittels Smartphone nutzen. Wer hätte denn

noch vor zehn Jahren gedacht, dass die Beantwortung einer Nachricht in Sekundenschnelle erledigt ist, ohne den PC hochzufahren und E-Mails abzurufen, von deren Existenz wir sonst erst erfuhren, nachdem die E-Mails gesichtet wurden? Doch die Kunst liegt darin, diese gewonnene Zeit richtig – und das heißt auch einmal: gar nicht! – zu nutzen. Frei(e)zeit entlastet Körper und Geist, sofern sie nicht wieder selbst zum Pflichtprogramm wird. So könnte zum Beispiel ein zielloser Spaziergang Triebfeder neuer Ideen werden. Das wusste schon Friedrich ­Nietzsche: „Wir gehören nicht zu denen, die erst zwischen Büchern, auf den Anstoß von Büchern zu Gedanken kommen – unsre Gewohnheit ist, im Freien zu denken, gehend, springend, steigend, tanzend, am liebsten auf einsamen Bergen oder dicht am Meer, da, wo selbst die Wege nachdenklich werden.“ //


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Genuss

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Küche aus dem Netz Blog-Tipps für Foodies

12 Brisket

von Christian Aigner

// Wer mal eine neue Inspiration in der Küche braucht, für den sind die Rezepte mittlerweile nur ein paar Klicks entfernt. Zahlreiche Anbieter locken mit einer unüberschaubaren Fülle von Verlockungen, aus unterschiedlichsten Regionen und auf unter­schiedlichem Niveau. Allein Chefkoch.de oder essen-und-trinken.de, um nur zwei Bespiele zu nennen, liefern ausreichend Rezepte, um sich und seine Gäste zu verwöhnen. Sicherlich ist bei e&t nicht nur eine tolle Auswahl verfügbar, vielfach ist das Ergebnis beim Nachkochen tatsächlich ähnlich schön wie auf dem verheißungsvollen Foto. Wer aber der Kochlust verfallen ist, möchte gerne auch Hintergründe und Interessantes rund ums Essen erfahren. Auch dazu gibt es – mit einem Tablet bewaffnet – unzählige Möglichkeiten zum Recherchieren oder einfach zum Schmökern. Das Zauberwort heißt „Foodblogs“. Zwei meiner persönlichen Favoriten sind zurzeit www.nutriculinary.com und www.bbqpit.de. Nutriculinary.com dreht sich nicht nur um gute Rezepte (für Vegetarier wie Fleischliebhaber), sondern bietet dazu viele Literaturtipps, Restaurantempfehlungen, Interviews aus der Fachwelt und mit Restaurantbesitzern sowie eine Menge grundsätzlicher Empfehlungen rund ums Kochen. Der Protagonist „Herr Paulsen“, der eigentlich Stevan Paul heißt, ist gebürtiger Ravensburger, lebt aber schon seit über 20 Jahren in Hamburg. Der gelernte Koch und Food-Journalist schreibt bewusst frei von der Leber weg und mit einer guten Prise Selbstironie.

BBQ Pit ist dagegen eine der wichtigsten Referenzen in Deutschland, wenn es ums Grillen geht. Das Team um Thorsten Brandenburg, Gründer von bbqpit.de, fühlt sich berufen, die Grillleidenschaft mit seinen Lesern zu teilen und das Thema Grillen & BBQ voranzubringen. Man findet viele kreative Ideen für eigene Grillevents. Das Blog enthält auch Produkttests und Kaufempfehlungen. Nebenbei ist Thorsten Brandenburg auch Gründer des Grillteams „BBQ Wiesel“, einem der erfolgreichsten Europas. Angeregt von dem Blogbeitrag „Wenn der Metzger zweimal klingelt: Fünf Fleischversender im Test“ (nutriculinary) habe ich selbst zwei Online-Fleischereien ausprobiert. Bei den meisten ist ein Spontaneinkauf (= Lieferung in 24 Stunden) nicht zu bewerkstelligen. Daher habe ich mich auf einen schnellen Service (next day) bei Otto Gourmet (www.ottogourmet.de) verlassen und in Österreich bei Porcella (www.porcella.at), die etwas gemütlichere Variante, dafür bio, (Dienstag bestellt, Freitag im Haus) entschieden. Im Urlaub in Argentinien hatte ich einige neue Cuts testen können, und da die Grillsaison gerade eröffnet wurde, entschied ich mich für ein Flank Steak. Dieses Stück ist der Teil unterhalb des Rinderfilets (auch als Dünnung bezeichnet) und bei echten Grillfans wohl kein Geheimtipp. Aber auch der beherzte Hobbygriller kann ein tolles Ergebnis erzielen. Wenn er ein paar Kleinigkeiten beachtet, ist die Flanke ein zartes Stückchen.


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DENKRAUM Frühjahr 2017

4 ­Tenderloin

2 Short Loin

13 Chuck

3 ­Sirloin

1 Rib

5 Top ­ irloin S

6 Round

3 4 5 13

6

2

1

7

12

9

10

8 11

10 Plate

7 ­Bottom Sirloin

11 Shank

8 Shank

9 Flank Zutaten:

Flank Steak Ein gutes Flank Steak ist hierzulande beim Metzger nicht so leicht zu erhalten, da es nicht, wie in Argentinien oder den USA, zum Standard im Fleischerfachgeschäft gehört. Wenn man einen BBQ-enthusiastischen Fleischer kennt, sollte man den Weg zum örtlichen Metzgermeister wählen. Sonst gibt es eine gute Auswahl bei den Onlinehändlern oder bei Großmärkten (die meist amerikanische Auswahl führen). Wichtig ist, dass die Flanke ausreichend gereift ist, da sonst das Steak zäh wird. Als Beilage empfehle ich einen knackigen Salat und Knoblauchbaguette. Guten Appetit! //

Flank Steak, ca. 500 – 800 g Fleur de Sel, schwarzer Pfeffer Beilage nach Belieben Zubereitung: Als Vorbereitung sollte das Fleisch vor dem Grillen Zimmertemperatur annehmen, daher 2 bis 3 Stunden vorher aus dem Kühlschrank nehmen, waschen, trocken tupfen und gleich parieren. Nach Belieben kann das Steak während der Anwärmphase mariniert werden. Ich bevorzuge aller­ dings das reine Aroma des Rindfleisches und daher lediglich Salz und Pfeffer. Etwa 30 Minuten vor dem Grillbeginn das Fleisch salzen, leicht einölen (hitzebeständiges Öl, z. B. raffiniertes Rapsöl, verwenden) und mit dem Pinsel verteilen. Das Salz sorgt für eine schöne Kruste. Bitte erst nach dem Grillen pfeffern, da Pfeffer leicht verbrennt und bitter wird. Das Flank Steak in 2 bis 3 Minuten bei großer Hitze angrillen und dann zum Garwerden in die indirekte Zone legen. Das Fleisch auf eine Kerntemperatur von 56°C bringen, sodass es medium bzw. medium-rare ist. Nach dem Grillen noch 2 Minuten ruhen lassen. Das Stück quer zur Faser in Streifen von 1 bis 2 cm schneiden und mit Fleur de Sel und Pfeffer würzen.


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DENKRAUM Frühjahr 2017

Vorschau

Impressum

In der nächsten DENKRAUM-Ausgabe lesen Sie:

Herausgeber: Hans Becker GmbH Keltenring 11 82041 Oberhaching Tel. +49 (0)89 / 66 65 83-0 info@hansbeckergmbh.de www.hansbeckergmbh.de

G N U T R O W T N A R VE T? LAST ODER LUS

Chefredaktion: Anja Rössel Tel. +49 (0)89 / 66 65 83-26 a.roessel@hansbeckergmbh.de

Unternehmensführung bedeutet Verantwortung. Doch wie lassen sich das Wohl des Unternehmens und seiner Mitarbeiter mit dem gerechten Umgang mit den anderen Marktteilnehmern und Geschäftspartnern verbinden? Welche Verantwortung sollte jeder für sein Handeln tragen – oder ist dies überhaupt nicht mehr zeitgemäß? Die Ethik des Handelns – und des Handels Veränderung aus Verantwortung Anerkennung oder Korruption? Probleme sind ein Geschenk

Ausgabe 5 des UM ga Ma zins DENKRA im t erschein Herbst 2017

Konsequenzen einer Entscheidung

Porträt Die Hans Becker GmbH

Seit 1992 beobachtet Hans Becker die rele­ vanten Märkte und verfügt über fundierte Erfahrungen in Industrie, Handel, Banken, Versicherungen und vielen anderen Branchen. Über 450 Klienten konnten bereits von dem Spezialwissen der Hans Becker-Experten ­profitieren und dadurch ihre Effizienz steigern. Methoden- und Umsetzungskompetenz sind bis heute ein Markenzeichen von Hans Becker.

Lektorat: Susanne Schneider Gestaltung: Freie Kreatur, Ebersberg Petra Winkelmeier, Andreas Mitterer www.freiekreatur.de Druck: Kessler Druck + Medien GmbH & Co. KG, Bobingen

Profit durch Partnerschaft

Als inhabergeführtes Unternehmen hat sich Hans Becker seit über 25 Jahren auf die Op­ timierung des strategischen indirekten Einkaufs sowie aller damit verbundenen Prozesse spezialisiert.

Autoren dieser Ausgabe: Christian Aigner, Uwe Göthert, Christine Klein, Herbert Lechner, Anja Rössel, Björn Schwerdtfeger, Florian Steinkohl

Neben der Durchführung von reinen Kostensenkungsprojekten bzw. strategischen Optimierungsprojekten in einem klar definierten Zeitrahmen übernimmt Hans Becker für die Auftraggeber den kompletten oder auch teilweisen strategischen Einkauf von Gütern und Dienstleistungen. Hierzu gehören auch das Coaching von Einkaufs-Mitarbeitern sowie die nachhaltige und langfristige Qualitätskon­ trolle in den untersuchten Bereichen. Verschiedene Online-Angebote runden das Portfolio ab und unterstützen die Klienten punktuell.

HANS BECKER Effizient Einkaufen

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