Page 1

Ausgabe Herbst 2016

DENKRAUM

Thema:

Zeit ... täglich neu verfügbar und doch so knapp. Über den sinnvollen Umgang mit einem kostbaren Gut.


Rennen Davon kann man als Kunde einer Autowerkstatt nur träumen: Der Rekord fßr den schnellsten bisher in der Formel 1 gemessenen Reifenwechsel-Boxenstopp gelang der Mechaniker-Crew von Nico Rosberg (Mercedes) beim Grand Prix von Ungarn im Juli 2016. Er dauerte 1,73 Sekunden.


Editorial

DENKRAUM Herbst 2016

 Sucht man in Google nach Texten zum Begriff „Zeitmanagement“, erhält man rund 1.680.000 Ergebnisse! Faszinierend, wie viel zu diesem Thema geschrieben und offensichtlich auch gesucht wird. Für uns ein Grund, der Zeit die aktuelle Ausgabe von DENKRAUM zu widmen. Lässt sich denn Zeit überhaupt managen? Schließlich verändert sich die Zeit doch nicht dadurch, dass man den Tag anders plant und gestaltet. Sie ist einfach da. Und sie ist einer der fairsten Faktoren überhaupt: Steht sie doch jedem Menschen jeden Tag in gleichem Maße zu Verfügung. An dieser Stelle halte ich es mit der Aufforderung unseres Gastautoren Jonas Geißler, die Zeit einfach zu „leben“. Im Business wie im Privaten sind wir dann erfolgreich, wenn wir Entscheidungen bewusst treffen. Dann können wir auch deren Konsequenzen akzeptieren und leben in Summe zufriedener. Doch braucht es für bewusste

„ Eile mit Weile“ Entscheidungen nicht auch ab und zu eine gewisse „kreative Auszeit“, weil uns die Suche nach neuen Wegen mit einem verplanten Kalender schlicht nicht möglich ist?

Getreu dem Motto: „Auch mit Nichtstun tut man sehr viel!“ beleuchten wir verschiedene Ansätze und Möglichkeiten, die Zeit sinnvoll und bewusst zu nutzen – von kurzen DenkPausen und Genuss-Momenten im Alltag bis hin zu umfassenden Sabbaticals. Wir wünschen Ihnen viel Zeit – und gute Unter­haltung bei der Lektüre.

Ihre Anja Rössel Ich freue mich über Ihr Feedback unter a.roessel @ hansbeckergmbh.de

3


4

Inhalt

DENKRAUM Herbst 2016

22

34

30

14

Kronos

6


5

DENKRAUM Herbst 2016

halt!

In

Editorial 3  Eile mit Weile Inspiration 6

In der PTB in Braunschweig wird unsere Zeit gemacht.

Fokus 8 Halbe Ewigkeit!  Eine relativ vergängliche Größe – über das Empfinden von Zeit 12 Im Hamsterrad  Arbeitsbelastung und Zeitdruck sind in den letzten Jahren gestiegen. Erfolgsgeschichten 14 Der Zeit-Zeiger  Ein Gespräch mit Uwe Ahrendt, CEO NOMOS Glashütte 18 Time is on your side!  Was es heißt, klug mit Zeit umzugehen. Ansichtssache 20 Die Welt der verlassenen Orte 22 Was ist Zeit?  Die Geschichte der Zeit und des Zeitmanagements 24 Need for Speed  Hochgeschwindigkeitsfotografie 26 Mach mal Pause!  Warum eine Auszeit des Arbeitnehmers ein Gewinn für das Unternehmen sein kann . auch das noch! 29 Fundstücke, Neuheiten und Neuigkeiten Porträt 30  Sebastian Rössel  Projektleiter und Prokurist mit ausgeprägter Neugierde 32 cum tempore  Verschiedene Kulturkreise haben offenbar ein recht unterschiedliches Zeitgefühl. Genuss 34 Zeit-Reise  Stippvisite in die Anfänge des Seebads Binz Denkraum 36 Nur noch 10 Minuten!  Vergeht die Zeit heute wirklich immer schneller? 38 Vorschau, Impressum


6

Inspiration

Atomzeitalter Je schneller eine Uhr tickt, desto genauer kann sie sein. Weil Lichtwellen schneller schwingen als Mikrowellen, können optische Uhren genauer sein als die Cäsium-Atomuhren, die derzeit weltweit die Zeit bestimmen. Die PhysikalischTechnische Bundesanstalt in Braunschweig arbeitet gleich an mehreren solcher optischen Uhren. Hier der Blick in die Ultrahochvakuumkammer der optischen Strontium-Uhr, in der Atome gekühlt und gespeichert werden. Im oberen Drittel des Fensters ist das blaue Fluoreszenzlicht einer Wolke kalter Strontiumatome zu sehen. Aus dem PTB stammt im Übrigen auch das Signal für die amtliche Zeit in Deutschland.


8

Fokus: Zeit

DENKRAUM Herbst 2016

Halbe Ewigkeit! Zeit ist relativ. Einfacher ausgedrückt: Die Zeit ist eine subjektive Größe und wird ganz individuell wahrgenommen. Für den Einen vergeht die Zeit schnell, etwa beim Spielen, für den Anderen scheint sie im Warteraum beim Arzt still zu stehen. Doch gilt das auch über das eigene Empfinden hinaus?

von Franz Tramberger Fotos: Irina Werning

Sehen wir uns einmal die Innovationsgeschwindigkeit an. Verläuft diese heute tatsächlich schneller? Diverse Aussagen der Technologieindustrie im Silicon Valley gehen dahin, dass sich die Leistungsfähigkeit von bestimmten Komponenten in einem bestimmten Zeitraum verdoppelt. Am Beispiel des bekannten Moore’s Law geht man in der Halbleiterindustrie davon aus, dass sich die Anzahl der Schaltkreiskomponenten auf einem integrierten Schaltkreis in etwa alle zwei Jahre verdoppelt. Diese Faustregeln haben sich seit vielen Jahren bewahrheitet und lassen sich in exponentiellen Kurven darstellen. Und exponentielle Kurven steigen im Laufe der Zeit dramatisch an. Da Innovation offensichtlich exponentiell verläuft, scheint sich der Fortschritt im Laufe der Zeit immer mehr zu beschleunigen und die Entwicklung dürfte heute wirklich schneller verlaufen als früher. Allerdings nur aus Sicht eines Beobachters, der einen längeren Zeitraum betrachtet und diese exponentielle Be-

schleunigung miterlebt hat. Ein Jugendlicher, für den die Betrachtung des Fortschritts gerade erst beginnt, wird das wahrscheinlich anders sehen, da er diesen exponentiellen Verlauf bis zum heutigen Tag noch nicht erlebt hat. Aber vielleicht wird dieser Jugendliche später die Dinge ähnlich wahrnehmen, wie heute ein bereits älterer Beobachter – sofern sich diese bisher gültigen Faustregeln in der Technologieindustrie weiterhin bestätigen und der Fortschritt weiter exponentiell passiert.

Zeitdiebe an der Arbeit Ein anderes Beispiel: „Ich habe keine Zeit!“ – wer hat diesen Satz nicht schon unzählige Male gehört, wohl auch selbst gesagt? Aber kann man denn Zeit überhaupt „besitzen“? Ist es nicht vielmehr so, dass man sich die Zeit für etwas nehmen muss? Die verfügbare Zeit pro Tag beträgt auf der Erde 24 Stunden. Die meisten Menschen können weitestgehend entscheiden, welche Aufgaben und Tätigkeiten sie in einem Tag erledi-


9

DENKRAUM Herbst 2016

gen bzw. für was sie sich „Zeit nehmen“. Denn wenn die 24 Stunden abgelaufen sind, dann ist der Tag unwiderruflich vorbei. Und was man nicht geschafft hat, war wahrscheinlich nicht so wichtig? Oder ist etwas noch Wichtigeres dazwischengekommen? Nehmen wir uns denn tatsächlich Zeit für die Dinge, die uns wirklich wichtig sind? Wenn ja, dann müsste „Ich habe keine Zeit“ bedeuten: „Ich nehme mir dafür nicht Zeit, weil ich wichtigere Dinge zu tun habe“. Oder: „Ich mache das morgen oder irgendwann, falls mir nichts Wichtigeres dazwischenkommt“. Doch ist es wirklich so, dass man nur wichtige Dinge macht? Oder gesellen sich bei den vermeintlich wichtigen Dingen auch manchmal Zeitdiebe dazu, die die einzelnen Tätigkeiten unnötig in die Länge ziehen und unsere kostbare Lebenszeit stehlen? In vielen Fällen dürfte das wohl so sein, denn wie ist es sonst möglich, dass das Verhältnis zwischen Durchlaufzeit und reiner Bearbeitungszeit in vielen Bereichen wie im Büro oder in der Produktion so extrem auseinanderklafft?

Die Durchlaufzeit von Aufgaben, ­Projekten oder Prozessen ist die gesamte vergangene Zeit zwischen dem Start und dem Ende. Die reinen Bearbeitungszeiten machen d ­ abei meist nur einen Bruchteil der Gesamtdauer aus. Wie kann es sein, dass die Durchlaufzeit so wenig tatsächliche wertschöpfende Zeit ­beinhaltet?

Wertschöpfung und „Muda“ Nicht wertschöpfende Tätigkeiten, die den Großteil unserer Zeit in Anspruch nehmen, lassen sich in notwendige und vermeidbare Nicht-Wertschöpfung unterteilen. Notwendige Nicht-Wertschöpfung sind beispielsweise ­­Vor- und Nachbereitung für wertschöpfende Tätigkeiten, wie z. B. das Programmieren einer CNC-Maschine oder die Vorbereitung für eine Verhandlung. Vermeidbare Nicht-Wertschöpfung sind z. B. Doppelarbeiten, unnötige Warte­zeiten, Koordinationsprobleme, Ineffizienzen in Prozessen etc. In der Lean-Kultur werden sie als Verschwendung bezeichnet oder als „Muda“, wie es der Kaizen-Begrün-


10

Fokus: Zeit

der Masaaki Imai genannt hat. Muda, das sind nutzlose Aktivitäten, die Ressourcen verbrauchen, aber keinen Wert erzeugen.

Lässt sich Zeit managen? Doch wie können wir uns dieser vermeidbaren, nicht wertschöpfenden Tätigkeiten entledigen? Zeitmanagement heißt das Zauberwort, das Abhilfe schaffen soll. Zahlreiche Bücher wurden darüber geschrieben und jedes Jahr tauchen neue, vermeintlich zeitsparende Ratgeber dazu auf. Aber wie soll man Zeit managen, wenn man diese gar nicht besitzen und schon gar nicht beeinflussen kann? Wären nicht Aufgaben­ management oder Projektmanagement bessere Begriffe? Denn Aufgaben lassen sich im Gegensatz zu Zeit managen, und man kann entscheiden, wie viel Zeit man sich für bestimmte Tätigkeiten nimmt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Zeitwert und Wertzeit Aber wie nun die Zeit richtig verteilen? P ­ rivat erscheint dies nicht so schwer, da man in der Regel selbstbestimmt über die eigene Zeit verfügen kann. Im Beruf sieht das Ganze in der Regel etwas anders aus, da Vorgesetzte oft über die eigene Zeit bestimmen, man also fremdbestimmt agieren muss. Und da Zeit aus Sicht eines externen Beobachters rela-

DENKRAUM Herbst 2016

tiv ist, ist die Definition von wertschöpfender Zeit vielleicht nicht immer eindeutig, vor allem wenn es zwischen verschiedenen externen Beobachtern dazu unterschiedliche Auffassungen gibt. Ein Mitarbeiter, der für die Anwesenheit von 40 Stunden pro Woche bezahlt wird und kaum konkrete Ziele zu erfüllen hat, wird für sich wertschöpfende Zeit wohl ganz anders definieren als sein Arbeitgeber. Schließlich werde er doch für seine Anwesenheit bezahlt und die sollte dann auch für ihn so angenehm wie möglich sein. Würde dieser Mitarbeiter für definiert wertschöpfende Aufgaben entlohnt, bei denen er seine individuellen Stärken ausspielen kann, würde er die verfügbare Zeit vielleicht anders verteilen, da seine Prioritäten sich nun verschieben. In diesem Fall wird sich höchstwahrscheinlich auch seine Wahrnehmung von wichtiger und wertschöpfender Zeit ändern und sich an die Sichtweise des ­Arbeitgebers annähern. Zeit ist ein vergängliches Gut, sie lässt sich ­weder konservieren noch horten und schon gar nicht vermehren. Deshalb sollten wir sie stets wertschätzen und nicht vergeuden. Denn eines muss uns klar sein: Mehr Zeit haben wir nicht! //


11

DENKRAUM Herbst 2016

„Wenn ein Mann eine Stunde mit e­ inem hübschen Mädchen zusammensitzt, kommt ihm die Zeit wie eine Minute vor. Sitzt er dagegen auf einem heißen Ofen, scheint ihm schon eine Minute länger zu dauern als jede Stunde. Das ist Relativität.“ Albert Einstein

Zeit ist relativ. Und zwar relativ aus Sicht von externen Beobachtern. Zu diesem Schluss kam Albert Einstein, als er seine Relativitätstheorie verfasst hat. Laut Einstein gehören Zeit und Raum zusammen. Ohne Zeit gibt es keinen Raum und ohne Raum keine Zeit. Je mehr Masse ein Objekt besitzt, desto mehr wird der umgebende Raum gekrümmt und desto langsamer verläuft die Zeit. Diese Relativität gilt auch für bewegte Objekte. Je schneller sich ein Objekt bewegt, desto langsamer vergeht die Zeit. Würden Sie sich rein hypothetisch in einem Raumschiff nahezu mit Lichtgeschwindigkeit von der Erde wegbewegen und nach einjähriger Reise mit gleicher Geschwin­ digkeit auf die Erde zurückkehren, dann wären auf der Erde rund 7.000 Jahre vergangen, für Sie dagegen gerade mal ein Jahr. Eigentlich logisch, oder?

Die in Buenos Aires lebende Fotografin Irina Werning liebt alte Fotos. Sie gibt zu, eine neugierige Person zu sein, die in einem fremden Haus sogleich anfängt, nach solchen alten Aufnahmen zu suchen. Sie stellte sich vor, wie sich die Leute fühlen und wie sie aussehen würden, wenn sie das Motiv heute wiederholten. Also fing sie mit ihrer Kamera vor einigen Jahren an, Leute einzuladen, um in ihre Zukunft zurückzukehren. Ihre Reisen führten sie in 32 Länder und viele Erinnerungen. Die dabei entstandenen Fotos hat sie auch als Buch veröffentlicht: Irina Werning BACK TO THE FUTURE 256 Seiten, leinengebunden, ISBN 978-987-33-5158-7


12

DENKRAUM Herbst 2016

Im Hamsterrad Keine Zeit fürs Arbeiten, wir hängen in Meetings fest und werden mit Mails zugemüllt. Studien belegen es eindeutig: Arbeitsbelastung und Arbeitsintensität sind in den letzten Jahren gestiegen. Laut einer Erhebung der Gewerkschaft Verdi spüren mehr als 70 Prozent der Deutschen eine hohe Arbeitsbelastung. Jeder fünfte von ihnen fühlt sich überfordert. Die wichtigsten Treiber für die Belastung und Überforderung sind hohes Arbeitsaufkommen und Zeitdruck.


13

DENKRAUM Herbst 2016

Jede zweite E-Mail ist unerwünscht.

von Florian Steinkohl

// Was genau führt dazu, dass eine steigende Anzahl von Menschen sich durch die Arbeitsbelastung und den Zeitdruck überfordert sieht? Wir haben uns das für die Büroangestellten einmal genauer angesehen.

E-Mails, soziale Netzwerke Unerwünschte Nachrichten machen weltweit über 50 Prozent des E-Mailverkehrs aus. 3,5 Lebensjahre vergeuden wir mit Spams und unnötigen E-Mails. Eine wirklich bedauerliche Verschwendung. Denn welchen Nutzen haben wir dadurch? Welche Information aus welchem Newsletter ist denn wirklich so interessant und welches Angebot so unschlagbar günstig? Ohne Struktur fressen uns diese kleinen Zeitdiebe einen wichtigen Teil unserer Aufmerksamkeit, Energie und des Arbeitstages auf. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Bain wird ein halber Arbeitstag pro Woche damit blockiert. Muss das sein? › Ist es für uns wirklich wichtig, jede Minute unserer Zeit „online“ und „erreichbar“ zu sein? › Welchen Filter wende ich für meine Nachrichten an? Welche Nachrichten haben für mich Priorität, auf welche Nachrichten kann ich auch verzichten? › Für welche News oder Nachrichten möchte ich mir wann tatsächlich Zeit nehmen?

E-Mail – der Mensch wird zum Flaschenhals Die E-Mail ist sicherlich ein Segen – schließlich können wir Daten in beliebiger Form, zu jeder Tageszeit und in enormer Geschwindigkeit verschicken. Doch der Fluch daran ist, dass die einzelnen Arbeitsabläufe – wie etwa Anfragen – dadurch auch schneller geworden sind und somit mehr Arbeit auf einen Mitarbeiter „verdichtet“ wird. Dieser wird dadurch jedoch immer mehr zum Flaschenhals im System. Bei überlasteten Mitarbeitern merkt man, dass diese nur noch den Aufgaben der letzten Wochen hinterherlaufen. Aktuelle E-Mails und Nachrichten werden entweder verspätet oder gar nicht mehr gelesen. Das führt schnell zur Überforderung und später auch zur Über­ lastung.

Konferenzen Bei schlecht geführten Konferenzen wird die Arbeitszeit vieler Mitarbeiter mit vollen Händen vergeudet. Vermutlich ist vielen Führungskräften gar nicht bewusst, wie viel Zeit, Geld und Motivation damit verloren gehen. Laut Bain verbringen Mitarbeiter 50 Prozent ihrer Arbeitszeit in Meetings – es ist erschreckend, wie wenig Zeit damit noch für die eigentliche Arbeit bleibt. Welches Meeting kann ich mir „sparen“ bzw. was sind häufige Ursachen für uneffektive Meetings? Beispiele, die jeder kennt: Es gibt keine Agenda, es werden keine Zwischenergebnisse vereinbart, es werden ausgelassene Diskus­ sionen über Nebenaspekte geführt, die eigentlichen Entscheider fehlen im Meeting, die Teilnehmer sind in ihrer Aufmerksamkeit gestört, weil mit anderen Medien parallel gearbeitet wird … Die Liste könnte noch um etliche Punkte ergänzt werden. Die Konsequenz daraus ist, die eigentliche Arbeit kann in der verbleibenden Arbeitszeit nicht geschafft werden und muss eventuell in der Freizeit erledigt werden. Auch die persönliche Erreichbarkeit ist für einen Großteil der Mitarbeiter außerhalb der Arbeitszeit schon üblich – so geht es zumindest 57 Prozent der Deutschen. Schade, denn die Zeit in den überflüssigen oder zu lange dauernden Meetings könnte besser investiert werden. Noch viel schlimmer: Leidenschaft und Motivation der Mitarbeiter werden damit verbrannt. Denn wem macht es Spaß, in einem „verlorenen“ Meeting zu sitzen und BullshitBingo zu spielen?

„Es gibt ­Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindig­ keit zu erhöhen.“ Mahatma Ghandi

Kein Wunder also, dass sich viele Arbeitnehmer gestresst fühlen. Doch leider führen Effizienzschraube und weitere Rationalisierungsrunden in den Unternehmen nicht zum gewünschten Ergebnis, sondern noch weiter ins Dilemma. Viel wichtiger wäre es doch, an den Störfaktoren im Berufsalltag zu arbeiten – nicht unbedingt neu organisieren, sondern eher priorisieren und verzichten. Wie schon Mahatma Ghandi wusste: „Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.“ //

3,5 Lebensjahre vergeuden wir mit Spams.


14

Erfolgsgeschichten

DENKRAUM Herbst 2016

Der Zeit-Zeiger Ein Gespräch mit Uwe Ahrendt, Geschäftsführender Gesellschafter NOMOS Glashütte

Der glückliche CEO: Uwe Ahrendt

// Herr Ahrendt, was bedeutet Zeit für Sie? Erwartet wird vermutlich nun, dass ich sage: Luxus. Und natürlich freue ich mich, wenn ich die Zeit vergessen kann, etwa beim Spielen mit meinem jüngsten Sohn Vincent. Aber als Ingenieur, der ich auch bin, sage ich: Zeit ist eine Dimension. Und die Grundlage unserer Arbeit bei NOMOS Glashütte. Denn gäbe es keine Stunden, Minuten, Sekunden, bräuchten die Menschen keine Instrumente dafür, keine Uhren. Mechanische Uhren im Zeitalter von Smartphone und HighTech-Zeitzeigern? Ein Anachronismus oder gerade ein Zeit-Zeichen? Ein Anachronismus, ganz klar. Aber ein wunderschöner. Ich finde, die Welt wäre traurig ohne Anachronismen. Nicht alles war besser in früheren Zeiten. Aber viele Dinge eben doch schöner. Vergeht die Zeit mit einer mechanischen Uhr von NOMOS eigentlich schöner? Viel schöner!


Mal ehrlich, schauen NOMOS-Käufer eher auf die Zeit oder auf die Uhr? Ich glaube: Rund 20 Mal am Tag auf die Zeit. Und hundertfach auf die Uhr. Natürlich sollen unsere Instrumente auch Schmuckstücke sein – ich finde das völlig legitim, mich freut das sehr! Der Schweizer Uhren-Tycoon und SwatchGründer Nicolas Hayek trug bekanntlich immer mehrere Produkte seiner Unternehmen gleichzeitig. Was für eine NOMOS haben Sie selbst am liebsten am Handgelenk? Das wechselt. Momentan trage ich am allerliebsten Metro und Lambda im Wechsel. Die Uhrenproduktion hat eine lange Tradition in Glashütte. Sie sagten einmal, die Menschen hätten hier ein Uhren-Gen. Braucht man zum Uhrenbauen ein besonderes Zeitgefühl? Die Herzen der Menschen hier machen TickTack, ja. Schon Schulkinder basteln an Weckern rum – Uhrmacherei ist hier vermutlich längst genetisch. Man braucht dafür Fingerspitzengefühl und sehr viel Ruhe und Geduld. Der Ort Glashütte – nichts los und etwas abgelegen hinter den sieben Bergen – bietet die ­ideale

Kulisse für unsere Handwerkskunst. Ablenkung gibt es hier nicht. NOMOS residiert im alten Bahnhof von Glashütte. Sogar die alte Bahnhofsuhr ist noch an der Fassade. Gehen die Uhren hier in Glashütte anders? Sie gehen hier jedenfalls genauer als anderswo, denn nirgendwo verstehen die Menschen so viel von feinen Uhren wie hier – vermutlich ist in Glashütte jede zweite Küchenuhr chronometergenau. Gleichzeitig, wie erwähnt: Mitunter steht die Zeit hier still. Wochenenden, Feierabende können sich ganz schön in die Länge ziehen, wenn man kein Hobby hat. Kultur, Nachtleben, Restaurants – gibt es alles nicht. Sie waren vor NOMOS Glashütte bei A. Lange & Söhne, dem großen und traditionsreichen Hersteller in Glashütte. Läuft bei NOMOS die Zeit schneller? Lange & Söhne zollen wir gern größten Respekt. Wir sind bei NOMOS Glashütte jedoch etwas jünger, unsere Kunden sind es; wir sind, glaube ich, etwas zeitgemäßer. Und auch das

Arbeitsschritte in der NOMOS-Uhrenmontage: Einsetzen der Sekunde (linke Seite). Modell Minimatik erhält einen Glasboden, sodass man der Uhr bei ihrem Tagwerk zusehen kann. Sogenannte Komplikation – hier: Montage des Rotors (diese Seite).


Die Manufaktur NOMOS Glashütte (von links oben nach rechts unten): Uhrenmontage unterm Dach der Chronometrie; Feinbearbeitung in der Fertigung mithilfe der Stein­sortieranlage; ­ NOMOS-Werkplatte im Ent­stehungsprozess. Und nicht zuletzt: eine von über 50 Qualitäts­ kontrollen, hier: die der Unruhbrücke.


17

DENKRAUM Herbst 2016

Tempo, mit welchem wir seit Jahren wachsen, ist außergewöhnlich für Glashütte und die Welt der feinen Uhren. Der Ehrgeiz, alle Komponenten selbst zu bauen, hat viel Zeit gekostet. Lohnt sich dieser Aufwand – oder rechnet man bei NOMOS in anderen Dimensionen? Unabhängig zu werden und nun zu sein, war uns stets das wichtigste Ziel. Nur so können wir alle Qualitäten selbst bestimmen. Alle ­Abläufe zu verstehen und komplett zu beherrschen – und dann das Know How weiter auf die Spitze zu treiben: Das ist natürlich wunderbar. Dieser Aufwand hat sich auf jeden Fall gelohnt. Und dies wird durchaus auch wahrgenommen: Die Kunden wissen, dass wir alle zehn Uhrwerke bei NOMOS Glashütte selbst fertigen, dass wir auch Kaliberhersteller sind – einer von nur einer Handvoll weltweit. NOMOS ist eine relativ junge Marke. War es schwer, sich gegen die langjährige, alteingesessene Konkurrenz durchzusetzen? Nein. Wir haben völlig eigene Zielgruppen und Märkte. Und nach dem Fall der Mauer ­wurden alle Glashütter Uhrenfirmen neu gegründet – letztlich haben wir gemeinsam gestartet.­ NOMOS Glashütte war die erste Marke, die eine Uhr mit Glashütter Herkunftsbezeichnung auf den Markt bringen konnte. NOMOS Glashütte scheint auf Design-Auszeichnungen abonniert zu sein, gerade wurde die „Minimatik“ mit dem „Red Dot: Best of Best“ prämiert. Worin liegt der besondere Reiz der NOMOS-Gestaltung? Ja, das ist toll. Wir haben bald 140 Preise und Design-Auszeichnungen für unsere Uhren erhalten, und wir freuen uns bei jedem wie verrückt. Der Reiz? Ich denke, unsere Uhren sehen einfach anders aus und treffen mit ihrer Form einen Nerv. NOMOS-

Uhren sind sichtbar auch Instrumente. Bestes deutsches Industriedesign in der Tradition von Bauhaus und Werkbund, eine Prise Berlin von heute – ich glaube, diese Mischung ist es, die unsere Kunden so mögen. NOMOS Glashütte spielt ja gerne mit der Zeit: Zum Jubiläum des Mauerfalls erschien eine Uhr in elegantem Novembergrau, die Version „Friesennerz“ kam passend in Gelb- und Blautönen und für die Sommerferien 2012 gab es „Ludwig Oberlehrer“ mit weißen Kreide­ zahlen auf Schiefertafel-farbenem Zifferblatt. Wie kommt das an? Solche Sondereditionen fertigen wir in kleinen Stückzahlen – weil sie uns Spaß machen und Farbe in die Kollektion bringen. Und weil es stets Liebhaber gibt, die sich über solche Modelle freuen. In erster Linie jedoch fertigen wir Klassiker in eher zurückhaltenden Farben; Uhren fürs Leben. Haben junge Leute ein anderes Zeitgefühl? Oder kommt die Liebe zur schönen Uhr erst mit den Jahren? Da müssten Sie die jungen Leute fragen. Wenn ich mich jedoch recht entsinne, hat man, wenn man jung ist, gefühlt einfach ewig Zeit. Was macht der Uhrenmensch Ahrendt eigentlich in seiner Frei-Zeit? Ich verbringe sie mit meiner Familie, habe drei Kinder. Und ich versuche, so selten wie möglich am Wochenende in Glashütte zu sein. Unter der Woche koche ich auch für mein Leben gern. //

Das Hauptgebäude von NOMOS Glashütte: der einstige Bahnhof in Glashütte.


18

DENKRAUM Herbst 2016

Time is on your side! Was es heißt, klug mit Zeit umzugehen

Drei Zeitgenossen wollen ihren Urlaub in Rom verbringen. Herr Althaus entscheidet sich für das Flugzeug. Er steigt in Frankfurt ein und ist zwei Stunden später in Rom. Herr Blum hingegen bevorzugt den Zug. Mit Umsteigen in Verona braucht er 11 Stunden bis zur Stazione Termini. Die dritte Person, Frau Carlotta, nimmt auch den Zug, steigt aber in Florenz aus, um sich von dort, die toskanische Hügel­ landschaft durchquerend, nach Rom auf den Weg zu machen, wo sie schließlich eine Woche später ankommt.

von Jonas Geißler

// Wer von den drei Reisenden hat auf dem Weg nach Rom, wo ja bekanntermaßen viele Wege hinführen, die meiste Zeit gewonnen? Welche der drei Personen geht klüger mit Zeit um? So ganz einfach und allgemeingültig lassen sich diese Fragen nicht beantworten. Was uns diese kleine Geschichte aber zeigt ist, dass der kompetente Umgang mit Zeit die Grundlage für all unsere Handlungen und Tätigkeiten darstellt. Zeitkompetenz ist eine Basiskompetenz. Jeder noch so gute Einkäufer, jede noch so qualifizierte Führungskraft profitiert nur von ihren Fachkompetenzen, wenn die eigene Zeit so gestaltet wird, dass diese auch wirksam werden können. Die Erfahrung zeigt, dass viele, sehr viele Ressourcen – das heißt Fähigkeiten, Erfahrungen, Kenntnisse – zwar teuer vom Unternehmen eingekauft sind, diese ihm aber auf Grund der zeitlichen Rahmenbedingungen gar nicht zur Verfügung stehen. Da sitzen hoch bezahlte Führungskräfte ihre Zeit in unproduktiven Meetings ab oder verbringen sie mit unzähligen E-Mails. Häufig verlieren sie sich in operativer Hektik, statt Führungsaufgaben nachzugehen oder sequenzieren ihre Arbeitszeit durch ständige Unterbrechungen in immer kleinere Häppchen.

Für die Unternehmen und die Betroffenen endet dies nicht selten in blindem Aktionismus, rasendem Stillstand, Sinnverlust oder der totalen Erschöpfung. Klug mit Zeit umzugehen bedeutet hingegen, das Thema auf zwei Ebenen anzugehen und zu gestalten – der Zeitkultur und der Zeitkompetenz.

Zeitkultur In einer im doppelten Sinne Zeit-gemäßen Unternehmens­ kultur nimmt der Nutzen von Zeitknappheit ab. Führungskräfte und Mitarbeiter müssen nicht länger über hektisches Tun und pausenlose Aktivität ihre Zugehörigkeit zum Kreise der Erfolgreichen demonstrieren und sicherstellen. Zeit zu haben ist nicht länger verdächtig. Es können viele unterschiedliche Zeitformen gelebt werden – schnelle, langsame und viele dazwischen. Produktive Pausen gehören genauso dazu, wie sinnvolle Auszeiten, Übergänge, Anfänge und Abschlüsse. In einer förderlichen Zeitkultur wird die Zeit zum Thema der Kommunikation gemacht. Man nimmt sich gemeinsam Zeit für die Zeit, zieht die zeitliche Brille auf und betrachtet z. B.


19

DENKRAUM Herbst 2016

Entscheidungen auch von ihrer zeitlichen Seite. In Teams, Abteilungen oder Arbeitsgruppen sind die verschiedenen zeitlichen Bedürfnisse und Ansprüche bekannt (Zeittypenanalyse). Ihre Unterschiedlichkeit wird als Basis für die produktive Zusammenarbeit gestaltet und genutzt. Die Zeitkultur eines Unternehmens lässt sich entwickeln. Hierfür gibt es zahlreiche Werkzeuge – z. B. die Zeitkulturanalyse. Mit ihrer Hilfe lässt sich feststellen, was schon gut läuft (und das ist meistens mehr, als man denkt) und wo es konkreten Handlungsbedarf gibt. Hierauf aufbauend lässt sich dann eine für Produktivität und Zufriedenheit förderliche Zeitkultur gestalten.

„Zeit kann man nicht sparen, managen oder verlieren. Man kann mit der Zeit nur eines machen: sie leben!“

Zeitkompetenz Neben der Zeitkultur spielt die Zeitkompetenz der Einzelpersonen für den klugen Umgang mit Zeit eine entscheidende Rolle. Sie umfasst ein ganzes Bündel an Fähigkeiten, Kenntnissen und Erfahrungen und lässt sich über Seminare und/oder Coachings entwickeln. Zeitkompetenz bedeutet vor allem, bewusst mit Zeit umzugehen – z. B. indem konkrete Antworten auf die Frage gefunden werden: „Was mache ich eigentlich den ganzen Tag?“ Dieser Reflexionsprozess führt aus dem Modus des „Irgendwie Reagierens“ in ein souveränes Agieren, steigert die eigene Zufriedenheit, Selbstwirksamkeit und reduziert nachweislich Belastungen. Zur Zeitkompetenz gehört auch, den eigenen Rhythmus von Aktivität und Regeneration zu kennen und als Grundlage der Arbeitsgestaltung zu nutzen. Ausgehend von diesem Basisrhythmus lassen sich Pausen, Phasen der Fokussierung und Konzentration im produktiven Wechsel gestalten. Hierzu gehört auch, Erreichbarkeit, Störungen und Unterbrechungen zu begrenzen. Um weiterhin leistungsfähig, gesund und motiviert zu bleiben, braucht es Fähigkeiten im Auswählen, Entscheiden, Verzichten und Ignorieren. Wer kompetent mit Zeit umgeht, gestaltet seine zeitlichen Spielräume und geht stimmig mit unveränderlichen Vorgaben um. Wir sind nie ganz frei im Umgang mit Zeit, aber auch nie ganz gefangen. Meist geht wesentlich mehr, als es die vermeintlichen Sachzwänge vermuten lassen. Eine lustvolle und mutige Gestalter- und Experimentierhaltung hilft dabei, Neues auszuprobieren und eröffnet die Chance, alte Gewohnheiten zu verändern. Es geht darum, im Umgang mit Zeit etwas anders zu machen, Muster zu brechen, neue Spielregeln einzuführen. Nicht nur aus Eigennutz heraus, sondern auch mit Blick auf das Wohlbefinden und die Produktivität des Unternehmens und seiner Mitglieder. Hierbei sind Führungskräfte besonders gefragt. Sie wirken durch ihr Verhalten kulturprägend und Muster setzend. Wer kompetent mit Zeit umgeht, richtet seinen Blick auch auf die eigenen Zeitressourcen. Unsere Perspektive auf die Zeit ist häufig sehr mangelorientiert. Sie fällt uns immer nur dann auf, wenn sie zu knapp ist, zu schnell vergeht, zum Problem wird. Dabei übersehen wir häufig die vielen wertvollen Zeiten, die ganz wesentlich zu unserem Wohlbefinden beitragen. Das Gute dabei ist, dass wir diese einfach nur wahrnehmen, bewusst genießen und vor Übergriffen schützen müssen. Zeit ist nämlich gar nicht knapp. Es kommt täglich neue nach – oder frei nach Bob Dylan: „time is on your side.“ //

Wie können wir lernen, unsere Zeit nicht als Wider­ sacherin, sondern als Freundin zu betrachten? Wie werden wir zeitsatt und zeitsouverän? In „Time is honey. Vom klugen Umgang mit der Zeit“ weisen die Zeitexperten Karlheinz A. Geißler und Jonas Geißler neue Wege für einen klugen Umgang mit der Zeit und ein zufriedeneres Zeitleben. Zeitdruck, Zeitmangel, die Zeit, die den Menschen davonläuft – lange schien es, als gäbe es ein einfaches Rezept gegen diese Probleme: Zeitmanagement. In ihrem Buch räumen die renommierten Zeitforscher und -trainer Karlheinz A. und ­Jonas Geißler mit diesem Mythos auf: „Zeit kann man nicht sparen, managen oder verlieren. Man kann mit der Zeit nur eines machen: sie leben! Und der Weg dorthin ist weniger schwierig als man denkt!“ Karlheinz A. Geißler, Jonas Geißler Time is honey. Vom klugen Umgang mit der Zeit 256 Seiten, zweifarbig illustriert, Hardcover mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-86581-706-8, € 17,95 [D] / € 18,40 [A]. Auch als E-Book erhältlich. Mehr auf www.timesandmore.com.


20

Ansichtssache

Die Welt der verlassenen Orte Eine einst berühmte Goldgräber­ siedlung im Wilden Westen, heute nurmehr durchstreift von Wind und Staub, die Diamantenstadt Kolmannskuppe in Namibia oder hier Nara Dreamland, ein japanischer Vergnügungspark im Dornröschenschlaf: Die spannenden Geschichten hinter den faszinierenden Bildern der Orte erzählt der Autor Peter Traub. Die Welt der verlassenen Orte / World’s Lost Places Urbex-Fotografie / Mitteldeutscher Verlag Bildband deutsch / englisch, 240 S., geb., 220 x 260 mm ISBN 978-3-95462-031-9; 29,95 €


22

Was ist Zeit? Am Anfang war die Zeit für uns Menschen definiert durch eine Instanz: die Natur. Sonnenaufgang und Sonnenuntergang sowie Wetter und Jahreszeiten bestimmten den Rhythmus der Natur. Die Menschen folgten diesem Verlauf ebenso wie Fauna und Flora. Die Zeit an sich konnte nicht geplant oder verändert werden.

von Christine Klein

// Beobachtungen des Firmaments und des Sonnenlaufs ­wurden nur von wenigen Menschen, wie Priestern oder Astronomen betrieben, die versuchten, Regeln aus gewissen Konstellationen abzuleiten. Dies brachte ihnen nützliches Wissen für rechtzeitige Aussaat, Ernte oder Bevorratung – eine erste Zeitplanung. Heute steht der Begriff „Zeit“ je nach Kontext für ganz unterschiedliche Funktionen und Werte. Die Geschichtswissenschaften betrachten die Chronologie historischer Abläufe, in den Naturwissenschaften geht es um eine physikalische Größe, die – je nach Theorie – absolut (Newton) oder relativ (Einstein) ist. In der Ökonomie schließlich wird die Zeit an Geld gekoppelt. Dadurch entwickelt das Zeitmanagement nicht nur die Möglichkeit der Kontrolle, sondern auch durch die stetige Dynamik der Beschleunigung eine Zeitverdichtung – Stichwort: Mannstunden. Zeit ist eine Ressource, die in der Wirtschaft als Kapital betrachtet wird, das effektiver genutzt werden muss. Im Zeitalter der industriellen Produktion wurde der Takt von den Maschinen vorgegeben, welche möglichst produktiv ausgelastet werden mussten. Das Zeitmanagement lag in der Hand der Unternehmen. Im Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und den damit verbundenen Veränderungen der Arbeitswelt hin zur Flexibilisierung obliegt das Zeitmanagement zunehmend dem Einzelnen. Viele Methoden, Schulungen und Bücher wollen den Menschen zu effizienterem oder effektiverem Zeit- oder Selbstmanagement verhelfen. Viele dieser pseudowissenschaftlichen Werke werden mit

Zeus – die Macht über die eigene Zeit

schillernden Namen vermarktet und als bahnbrechend neue Methode angepriesen. Effizienz vs. Effektivität: Effizienz bedeutet, Dinge richtig zu tun, unbeachtet der Priorität der Tätigkeit in einem Gesamtprozess. Effektivität bedeutet, unter Berücksichtigung des gesamten Prozesses und Umfelds die sinnvollste Priorisierung von Tätigkeiten vorzunehmen. Effizienz ist also nur bei richtiger Zieldefinition die effektivste Form der Zeitnutzung. Bei falscher Priorität werden zwar Teilschritte effizient bearbeitet, aber es entstehen Lehrlaufzeiten, die den Gesamtprozess ineffektiv machen.

Doch helfen uns all diese Experten, Schulungen, Ratgeber, der Zeit wirklich auf die Schliche zu kommen? Wie so oft ist ein Blick in die griechische Mythologie erhellend, in der bereits vor mehr als 3.000 Jahren die Thematik des Zeitmanagements intensiv erörtert wurde. In Chronos, Zeus und Kairos wird die Zeit personifiziert.


23

DENKRAUM Herbst 2016

Chronos – die vergängliche Zeit Chronos, Sohn des Uranus, ist der grausame, unbarmherzige Gott. Um alleinige Macht zu erhalten, entmannt er seinen Vater mit einer Sichel und verschlingt die eigenen Kinder. Chronos steht für die zähfließende, regelmäßige, verstreichende Zeit, die das Sinnbild unserer vergänglichen Lebenszeit darstellt. Die messbare Zeit, die in einem gleichförmigen, linearen Rhythmus verläuft und der eine zerstörerische, auffressende Qualität zukommt. Das stetige Altern, die Zeit, die uns versklavt. Niemand kann sich dieser Zeit entziehen, und irgendwann ist sie für jeden abgelaufen.

Zeus – die Macht über die eigene Zeit Zeus, der einzig überlebende Sohn des Chronos, ist Sinnbild göttlicher Macht. Durch die Ermordung des Vaters hat er sein Leben selbst in die Hand genommen, Verantwortung übernommen und damit die Zeit als seine Zeit definiert. Ihm gelang es, aus den Fängen des Vaters auszubrechen und seine eigene Macht zu erlangen. Zeus lebt im Jetzt. Er behält jeden Tag die Herrschaft über seine Zeit. Wem das nicht gelingt, der bleibt in den Fängen des Chronos, der bleibt chronisch (!) unzufrieden, chronisch unter- bzw. überfordert, oder chronisch krank oder erschöpft.

Stets möchte man das volle Leben mit einem Griff erfassen und den günstigen Augenblick nutzen, der Gesellschaft und Ich verbindet. Der Mensch tendiert dazu, jegliche Zeit als Kairos zu definieren, wenn auch erst im Nachhinein. Wir hübschen unsere Erinnerungen, unseren Lebenslauf mit besonderen Momenten auf. Wir verdrängen chronologisch Alltägliches. Wir wissen im Voraus nicht, ob wir die Macht über einen Tag erhalten oder nicht. Wir nehmen uns immer wieder viel vor, z. B. in To-DoListen oder Neujahrsvorsätzen, um, wie Zeus, die Macht über unsere Zeit zu gewinnen. Aber gelingt uns das damit? Jedes Zeitmanagement lehrt im Prinzip lediglich drei Grundsätze: › Akzeptiere chronologische Abläufe, auf die Du angewiesen bist. › Gewinne die Macht über Deine Zeit – lebe im Jetzt und hänge nicht der Vergangenheit nach oder träume nicht nur in die Zukunft. › Nutze Gelegenheiten, bleibe spontan und unangepasst. Halten wir uns daran, werden wir Zeit nicht als Stress, nicht als verloren und nicht als langweilig ansehen. Wir leben einfach in unserer eigenen Zeit. //

Kairos – der günstige Augenblick Kairos, der Sohn des Zeus, ist in der griechischen Antike ein Glücksgott der Zeit, der den rechten Moment erwischt, der auch verstreichen kann. Die Griechen stellten Kairos als einen Jüngling mit Glatze dar, der nur einen Schopf an der Stirn hat. Er bewegt sich stets auf Zehenspitzen. Man kann den Gott – die günstige Gelegenheit – beim Schopfe packen, doch greift man daneben, rutscht die Hand am blanken Schädel ab. Das ist eine vertane Gelegenheit. In der modernen Zeit hat Kairos viele Gesichter: › Liebe auf den ersten Blick, › die berufliche Chance, › ein besonderes Buch, Musikstück, Film, › der eine Moment, der alles zum Positiven ändert.

Chronos – die vergängliche Zeit


24

DENKRAUM Herbst 2016

Need for Speed Hochgeschwindigkeitsfotografie


25

DENKRAUM Herbst 2016

von Herbert Lechner

// Was ist Zeit? Was ist Geschwindigkeit? Diese Fragen haben im Zusammenhang mit der Fotografie – speziell der High Speed Fotografie – besondere Relevanz. Denn wie kein anderes Medium hebt es die Zeit auf. Die Fotografie bildet Momente, Situationen, Konstellationen ab, die unwiderruflich vorbei sind. Nichts ist mehr, wie es war – außer auf einem Foto. Die Linse dokumentiert das Jetzt der Vergangenheit nahezu ungefiltert in die Gegenwart des Betrachters. Doch das Foto zeigt immer nur eine Momentaufnahme, erst mit den ­Serienbildern ist ein Ablauf erkennbar. Die Hochgeschwindigkeitsfotografie bildet gleichsam das Bindeglied zwischen „Still“ und Film. Doch sie bietet darüber hinaus noch weit mehr Einblicke in das Geschehen. Überwindet sie doch das Zeitkontinuum, indem sie es in winzige Schritte, Abfolgen und Abhängigkeiten zerlegt, die kein menschliches Auge wahrnehmen könnte. Als Joseph Nicéphore Niépce 1822 das erste bekannte Foto der Geschichte aufnahm, benötigte er viel Geduld, denn mehrere Stunden Belichtungszeit waren notwendig. Mussten anfangs für Porträts die Protagonisten noch mit Stativen regelrecht ruhig­ gestellt werden, so erreichen moderne Profi­kameras Verschlusszeiten von atemberaubenden 1/2.000 Sekunden. Für die Highspeed-Fotografie ist selbst das Zeitlupe, hier geht es um bis zu 2.000.000 Bilder pro Sekunde. Der Landschafts- und Dokumentarfotograf Eadweard Muy­ bridge wurde 1872 von Leland Stanford beauftragt, die exakte Bewegung eines Pferdes im Galopp aufzunehmen. Denn der amerikanische Eisenbahn-Tycoon hatte 25.000 Dollar gewettet, dass sich dabei zeitweise alle vier Beine in der Luft befinden. Der Beweis gelang, indem Muybridge mit 12, 24 und sogar 36 Kameras

arbeitete, die von den galoppierenden Tieren nacheinander durch quer über die Bahn gespannte Drähte ausgelöst wurden. Stanford konnte den Wettgewinn einstreichen, und der Fotograf wurde berühmt. Muybridge verfeinerte seine Technik immer weiter und veröffentlichte 1881 seine legendären „The attitudes of animals in motion“. Doch die Zeit wurde immer schneller. 1886 gelangen dem österreichischen Physiker ­Peter Salcher die ersten Fotos eines mit Überschallgeschwindigkeit fliegenden Projektils. Eine Revolution für extrem kurze Momentaufnahmen kam 1931, als Harold E. Edgerton (1903 – 1990) den stroboskopischen Elektronenblitz entwickelte, um die Bewegung des Ankers eines Elektromotors zu dokumentieren. Nun war die Aufnahmezeit nicht mehr vom mechanischen Verschluss der Kamera abhängig, es wurde einfach in die Phase der offenen Blende geblitzt. Edgerton schuf zahlreiche StroboskopFotos, von denen etwa die eines Golfspielers, von Fledermäusen oder einem Tennisspiel längst zu den Klassikern der Fotogeschichte zählen. Einen bedeutenden Entwicklungssprung brachte schließlich die Digitalisierung. Nun lassen sich ungeheure Datenmengen, die bei immer kurzfristigeren Aufnahmesequenzen anfallen, auch sinnvoll verarbeiten. Und das bei einer hohen Bildauflösung, das zweite Kriterium neben der Geschwindigkeit. //

Harold E. Edgerton 1942 in seinem MIT-­ Laboratorium, umgeben von einer Auswahl seiner High-Speed Fotogeräte und Multi­ flash-Instrumente. Mit diesen schuf er ­seinerzeit einzigartige Aufnahmen wie die der Tennisspielerin (links) oder des Turmspringers (oben).


26

DENKRAUM Herbst 2016

Mach mal Pause! Warum eine Auszeit des Arbeitnehmers ein Gewinn für das Unternehmen sein kann … oder auch nicht.

von Andrea Marchel Fotos: Jörg Fokuhl

zen, ist sehr gering. Als Hauptgrund gegen die Auszeit gibt die Hälfte der Befragten (48 Prozent) die Finanzierung an. Oft fehlt schlichtweg das Geld. Mehr als ein Viertel gibt an, dass dieser Wunsch am Einspruch des Arbeitgebers scheitern würde. Der Rest der Befragten sieht einerseits die familiäre Situation und andererseits die Angst vor beruflichen Nachteilen als entscheidende Hindernisse. Männer haben hier gegenüber Frauen mit 67 zu 33 Prozent deutlich mehr Angst, ihre berufliche Zukunft durch ein Sabbatical zu gefährden. Nicht zuletzt muss vor einem solchen Sabbatical vieles durchdacht, geklärt und organisiert werden, eine Aufgabe, vor der die meisten zurückschrecken.

// Eine aktuelle Studie des Wissenschaftlers Guillén Fernández und seines Teams zeigt: Wer Schwierigkeiten hat, sich Gelerntes zu merken, sollte nach dem Lernen Sport treiben. Allerdings nicht gleich danach, sondern etwa vier Stunden später. Dies fanden die Forscher in einem Versuch mit drei Gruppen heraus: Jede Gruppe bekam Bilder vorgelegt, die sie sich so gut wie möglich merken sollten. Die erste Gruppe musste gleich anschließend ca. eine halbe Stunde im Fitnessraum Fahrrad fahren. Die zweite Gruppe durfte sich danach erst einmal ausruhen und musste erst vier Stunden später zum Sport. Die dritte Gruppe musste gar keinen Sport machen. Nach zwei Tagen wurden die Probanden befragt, an welche Bilder sie sich noch erinnern könnten. Das Ergebnis: Gruppe zwei, die nach dem Lernen eine vierstündige Pause hatte und dann erst Sport machte, schnitt am besten ab.

Wie funktioniert ein Sabbatical?

Vielleicht lässt sich hier eine gewisse Parallele ziehen, warum immer mehr Menschen eine Auszeit vom beruflichen Alltag, auch „Sabbatical“ genannt, nehmen. Nämlich, um erholt und leistungsfähig zurückzukehren. Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Fittkau & Maaß wünschen sich 43 Prozent der Deutschen eine Auszeit vom Job: z. B. um zu reisen, um mehr Zeit für sich selbst zu haben, um sich sozial zu engagieren, als Burnout-Vorbeugung oder um mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können. Doch die Zahl derer, die diesen Wunsch wirklich in die Tat umset-

Das Langzeitarbeitskonto Dieses Modell kommt in größeren Unternehmen zur Anwendung. Hier haben die Mitarbeiter die Möglichkeit, ihre Urlaubstage und Überstunden, aber auch Sonderzahlungen,

Der Arbeitnehmer bekommt die Möglichkeit, für einen fest geplanten Zeitraum (i.d.R. zwischen 3 und 12 Monate) auszusteigen. Die Bedingungen werden zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer individuell (falls nicht schon vertraglich geregelt) vereinbart. Zur Finanzierung der Auszeit gibt es folgende drei Möglichkeiten:


Almjobben: Anneliese Kriechbaumer tauschte ihren Alltag drei Monate gegen die Einsamkeit der Alpen und verbrachte ihre Zeit als Sennerin auf der Wildfeldalm im bayrischen Mangfallgebirge.

in Form eines Zeitkontos anzusammeln. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Überstunden und Jahresmindest­ urlaubszeit müssen berücksichtigt werden. Das Teilzeitmodell Als Beschäftigter vereinbart man dazu vor Beginn des Sabbaticals eine Teilzeitbeschäftigung, arbeitet aber für entsprechend niedrigeres Gehalt in Vollzeit weiter. Den in der Ansparphase einbehaltenen Lohn zahlt der Arbeitgeber später in der Freistellungsphase aus. Voraussetzung für die Anwendung des Teilzeitgesetzes ist allerdings eine Betriebsgröße von 15 Mitarbeitern und eine bisherige Beschäftigung von mindestens sechs Monaten. Aus betrieblichen Gründen kann der ­Arbeitgeber den Teilzeitanspruch ablehnen. Unbezahlter Urlaub Beim unbezahlten Urlaub wird das Arbeitsverhältnis auf Eis gelegt, also zu einem späteren Zeitpunkt wieder fortgesetzt. Die gesetzlichen Regelungen, die den Kündigungsschutz betreffen, bleiben aufrecht. Allerdings läuft die Pflichtversicherung in der Regel nach einem Monat aus. Der Vorteil von Langzeitkonto und Teilzeitmodell liegt darin, dass der Arbeitgeber auch während des Sabbaticals die Sozialversicherungsbeiträge bezahlt. Beim unbezahlten Urlaub oder einer Kündigung müssen sich die Arbeitnehmer selbst darum kümmern.

Arbeitnehmer in Deutschland haben grundsätzlich kein Recht auf ein Sabbatical. Es gibt jedoch Ausnahmen: Für Beamte, Lehrer und Angestellte im öffentlichen Dienst gibt es Teilzeitbeschäftigungs- und Freistellungsmodelle, die sehr individuell regelbar sind und zum Teil auch von der freien Wirtschaft übernommen wurden. So bieten Unternehmen wie z. B. Siemens, BMW, Audi, Volkswagen und Deutsche Bank ihren Mit-

„Im Leben gibt es etwas Schlimmeres als keinen Erfolg zu haben: Das ist, nichts unternommen zu haben.“ Franklin D. Roosevelt

arbeitern die Möglichkeit, ein Sabbatical zu nehmen. Die Vor­ aussetzungen, wie z. B. die Länge der Betriebszugehörigkeit, sind pro Unternehmen unterschiedlich geregelt. Die geschätzte Zahl der Unternehmen, bei denen ein Sabbatical angeboten wird bzw. die Ihren Mitarbeitern überhaupt erlauben, eine Auszeit zu nehmen, ist eher gering. Zwar ist die Tendenz steigend, doch fürchten viele Unternehmen einen hohen Verwaltungs- und Organisationsaufwand sowie eine Welle von Nachahmern, wenn sie erst einmal die Möglichkeit eines


28

DENKRAUM Herbst 2016

Sabbaticals anbieten. Einige Unternehmen haben auch Sorge, dass Mitarbeiter während der Auszeit ihre beruflichen Wege überdenken, sich umorientieren und kündigen. Bevor ein Mitarbeiter um ein Sabbatical bittet, ist es sinnvoll zu klären, wieweit seine Stelle, z. B. durch Kollegen, während seiner Abwesenheit zu ersetzen ist. Auch die Vorteile, die sich für den Arbeitgeber daraus ergeben, sollten vorher überlegt und angesprochen werden (z. B. Schutz vor Burnout, Steigerung von Motivation und Zufriedenheit, Weiterbildungsmöglichkeiten). Eine lange Vorausplanung ist hilfreich, so können sich alle Beteiligten darauf einstellen. Natürlich ist es für größere Unternehmen einfacher als für kleinere Betriebe, einen kompletten Ausfall eines Mitarbeiters zu überbrücken. Doch eine entsprechende zeitliche Voraus­ planung und eine schriftlich festgelegte, individuelle Vereinbarung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zum Ablauf des Sabbaticals geben Sicherheit für beide Seiten. Als Arbeitgeber sollte man sich mit dem Thema Sabbatical unbedingt auseinandersetzen. Positiv kann in wirtschaftlich schlechten Zeiten sein, dass Kündigungen durch eine Auszeit vermieden werden. Ein weiterer Grund für Unternehmen für das Angebot eines Sabbaticals ist, dass die eigene Position im Wettstreit um Nachwuchskräfte am Markt gestärkt wird. Auch bleiben Mitarbeiter gerne in Unternehmen, wenn sie wissen, dass eine Auszeit möglich ist. Wird ein Sabbatical gut geplant, können letztlich beide Seiten – Arbeitgeber wie Arbeitnehmer – davon profitieren. Denn der Arbeitnehmer kommt meist erholt, zufrieden, gelassener und besser motiviert zurück. Persönliche Horizonte werden erweitert, und die Mitarbeiter können die neu gewonnenen Perspektiven auch im beruflichen Alltag einsetzen. Kompetenzentwicklung findet eben nicht nur im Beruf, sondern auch fernab des Büros statt! //

Der Begriff Sabbatjahr stammt aus der Tora (Bibel) und bedeutet ein ­Ruhejahr für das Ackerland. Nach sechs Jahren Bebauung wird demnach ein Jahr Pause eingelegt. Die Äcker und Felder sollen in diesem Jahr brachliegen, um sich zu erholen. Die korrekte Bezeichnung für eine ­berufliche Auszeit ist „Sabbatical“. ­ In Deutschland wird aber mittlerweile auch das Wort Sabbatjahr gleichgestellt. Fachleute sprechen vom ­Sabbatjahr nur, wenn die Auszeit tatsächlich ein volles Jahr dauert. Als Sabbatical wird eine Auszeit mit einem Zeitraum zwischen 3 und 12 Monaten genannt.

Folgende Punkte sollten geregelt sein:  Anmeldezeit (ab wann)  Art der Auszeit  Lohnfortzahlung  Dauer der Auszeit (von – bis)  Sicherung des Arbeitszeitkontos im Insolvenzfall  An-/Verrechnung von Krankheits­ tagen  Kündigungsausschluss während des Sabbaticals  Rückkehr an den Arbeitsplatz  us Arbeitgebersicht sollte zudem klar A vereinbart sein, dass ein ­Sabbatical nur genommen werden kann, wenn ein passender Ersatz für die Stelle ­gefunden wird. Außerdem kann festgelegt werden, dass ein Sabbatical nur genommen werden darf, wenn zum Beispiel ein Projekt, an dem der Arbeitnehmer maßgeblich beteiligt ist, abgeschlossen ist.


auch das noch! 29

DENKRAUM Herbst 2016

Für Eile fehlt mir die Zeit. Horst Evers

aslsp Jahrhundertmusik

Der amerikanische Komponist John Cage ver­sah sein Orgelstück ORGAN²/ASLSP mit der Anweisung, sie „as slow(ly) as possible“ (so langsam wie möglich) zu spielen. Im deutschen Halberstadt läuft seit 2001 auf ­einer eigens dafür gebauten Orgel eine Aufführung des Stücks, die 639 Jahre dauern soll. Sie begann mit eineinhalb Jahren Pause; seither erfolgt etwa einmal im Jahr ein Tonwechsel, zu dem sich jeweils einige Zuhörer einfinden. Seit 2013 gibt es aber wieder keine Änderung bis 2020. Für diejenigen, die sich gerade nicht in Halberstadt aufhalten, ist der aktuelle Klang zu hören unter: www.aslsp.org

zwölf Frühe Terminplanung

Den ältesten Kalender verdanken wir den ­Babyloniern. Ihre Astronomen beobachteten den Himmel und entschieden danach, wann die Saat auszubringen sei. Auch die 12 Monate und der 24-Stunden-Tag gehen auf sie zurück. Denn die Zwölf galt als heilige Zahl für Vollkommenheit. Da außer dem Dezimal- auch ein Sexa­ gesimalsystem verwendet wurde, bei dem Zahlen wie sechs, zwölf und 24 eine wichtige Rolle spielen, kamen auf jede Stunde 60 Minuten.

12

Jahre fernsehen

leben Ernüchternde Statistik

Laut P. M. Magazin verbringt der / die Durchschnittsdeutsche seine  / ihre Lebenszeit mit rund  24 Jahren und 4 Monaten Schlaf und  12 Jahren fernsehen.  12 Jahre wird geredet, davon geht es in zwei Jahren und 10 Monaten um Klatsch, Tratsch und Witze.  8 Jahre wird gearbeitet,  5 Jahre werden dem Thema Essen gewidmet,  2 Jahre und 2 Monate werden Mahlzeiten zubereitet.  2 Jahre und 6 Monate verbringt man im Auto,  1 Jahr und 10 Monate mit Schule und Weiterbildung.  1 Jahr und 7 Monate Sport,  16 Monate Putzen.  12 Monate für Kino, Theater oder Konzerte.  9 Monate wird gewaschen und gebügelt,  9 Monate mit den Kindern gespielt.  4 Monate spielen wir am Computer,  2 Wochen wird gebetet. Und wie viel Zeit wir auf der Toilette verbringen, wollen wir gar nicht wissen ...

2

Jahre und 6 Monate autofahren

9 intern

Monate waschen und bügeln

Spannende Zeiten bei Hans Becker

Seit Januar hat sich bei uns viel getan und viele Themen wurden neu strukturiert. So konnten wir uns zum Beispiel am Markt als der Partner rund um den indirekten Einkauf weiter etablieren. Die reine Ausrichtung auf Kostensenkungen genügt für die meisten Unternehmen heute nicht mehr. Vielmehr entscheiden optimale Prozesse und die Ausbildung der eigenen Mitarbeiter im Einkauf über die Zukunftsfähigkeit. In all diesen Facetten des indirekten Einkaufs unterstützen wir unsere Kunden sehr gern.


30

Porträt

DENKRAUM Herbst 2016

Sebastian Rössel Was reizt einen gelernten Bankkaufmann und studierten Dipl.-Kaufmann, der im Bereich Wirtschaftsprüfung und Immobilienfonds­ management tätig gewesen ist, eigentlich am strategischen Einkauf?

// „Mir war immer wichtig, nicht nur Spezialwissen aufzubauen, sondern im Know-how und den Tätigkeiten möglichst breit aufgestellt zu sein. Bei Hans Becker bot sich die Möglichkeit, vom eingeschlagenen Pfad abzuweichen und mir weiteres Wissen in einem sehr spannenden Feld anzueignen“, erklärt Sebastian Rössel, der als Projektleiter und Prokurist bei Hans Becker offenbar eine Aufgabe gefunden hat, die ganz seinen Interessen entspricht. „Die Abwechslung durch immer wieder neue Projekte mit neuen Ansprechpartnern, neuen Herausforderungen ist toll.“ Dabei lernt man auch immer wieder andere Geschäftsmodelle kennen. „So ist es z.  B. spannend, die Produktion von Baggern zu erleben oder auch einmal mit weißem Kittel und Schutzhaube hinter die Kulissen eines Medizintechniklabors zu schauen.“ Dabei kommen ihm natürlich die Kenntnisse aus Projektmanagement und der Beauftragung von Dienstleistungen in komplexen Immobilienverwaltungsprojekten zu Gute und machen ihn zum geschätzten Partner der verschiedenen Auftraggeber. Sebastian ­Rössel versteht sich dabei als Teamplayer: „Es ist eine tolle Aufgabe, das Wissen der Fachspezialisten von Hans Becker zu einem ganzheitlichen Projekterfolg zusammenzuführen. Zudem ist es sehr wichtig, auch beim Kunden die Abläufe und Vorgehensweisen kritisch zu hinterfragen. Damit können wir veränderte An­forderungen der Kunden im indirekten Einkauf identifizieren und optimal darauf reagieren. Das macht mir Spaß!“ Aussagen wie „Das haben wir schon immer so gemacht, so soll es bleiben“ führen, so Rössel, häufig zu einem gefährlichen Stillstand.

Eine ganz andere Leidenschaft ist das Skifahren mit Familie und Freunden, am Saison­start gerne am Stubaier Gletscher, dann bevorzugt am Wilden Kaiser oder Hochkönig. Oder er verfolgt ganz praktisches „Projektmanagement“ zu Hause im Garten, wie z. B. einen Terrassenoder Gartenhausbau. Dabei will er natürlich so viel Zeit wie möglich mit den zwei Töchtern verbringen. Aber, gesteht Sebastian Rössel schließlich lächelnd: „Als gelernter Banker ist das Interesse an den Entwicklungen der Aktienmärkte natürlich auch nie ganz verschwunden. Seit nunmehr über 20 Jahren befasse ich mich in meiner Freizeit leidenschaftlich gerne mit Unternehmenswerten und dem Aktienhandel.“ //


DENKRAUM Herbst 2016

31


32

DENKRAUM Herbst 2016

cum tempore Das Empfinden, dass die scheinbar so klar strukturierte Zeit unterschiedlich schnell abläuft, kennt jeder. Doch auch verschiedene Kulturkreise und ganze Gesellschaften haben offenbar ein recht unterschiedliches Zeitgefühl.

von Herbert Lechner

// Robert Levine, ein Psychologieprofessor aus New York, dere Wahrnehmung der Ereignisse, in der man nicht darauf hat sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt und besteht, einen Plan zu erfüllen, sondern drauf wartet, was als dem Phänomen des „weichen Faktors Zeit“ in vielen Ländern nächstes passiert.“ Was für ein streng durchgetaktetes westliches Zeitgefühl nachgeforscht. Auslöser für diese umfangreiche Recherche war eine Gastprofessur in Brasilien. Denn dort musste er die als Vergeudung empfunden wird, gilt anderswo als selbstverErfahrung machen, dass die Studenten zu den von ihm ver- ständlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Bewusstseins. einbarten Vorlesungsterminen nicht nur bis zu einer Drei- Selbst in Japan, das gemeinhin als Inbegriff der Exaktheit gesehen wird, entdeckte der Forscher Zeiviertelstunde später erschienen, sondern, chen eines anderen Tempoverständnisdass sie das auch vollkommen in Ordnung ses: „Die Japaner zum Beispiel empfinden fanden – „Alle Nachzügler hatten ein entbesondere Hochachtung für das Konzept spanntes Lächeln auf den Lippen, an dem „Statt zu sagen: des ‚ma‘ – des Zwischenraums zwischen ich mich später freuen lernte“. Und seine ‚Sitz nicht einfach Gegenständen und Aktivitäten. Menschen Beschwerden bei der Universitätsverwalaus dem Westen empfinden den Raum tung stießen nur auf Unverständnis. Allnur da; tu irgend­ zwischen einem Tisch und einem Stuhl mählich gewöhnte sich der Nordamerikaetwas‘, sollten wir vielleicht als leer. Japaner dagegen dener an dieses grundlegend andere Zeitdas ­Gegenteil finieren den Zwischenraum als ‚voll von und Terminverständnis, doch ließ Robert Nichts‘.“ Levine das Thema nicht mehr los und bald fordern: ‚Tu nicht Dies gilt auch für Gesprächspausen, sammelte er auch andere Zeitphänomene. einfach irgend­ die eine besondere Bedeutung haben und So etwa, dass es in Indien ganz selbstvermeist mehr aussagen als das gesprochene ständlich war, erst einmal abzuwarten, Tee etwas; sitz nur da‘.“ Wort. Da es die Höflichkeit verbietet, mit zu trinken, mit anderen Wartenden ins Gespräch zu kommen und schließlich – häueinem einfachen Nein zu antworten, ist die Zen-Meister Thich Nhat Nanh fig nur weil er Ausländer war und so dränLänge der Pause vor dem Ja entscheidend, gelte – sein Anliegen doch noch vorzubrinwas von hektischen „gaijin“ aus dem Wesgen. „In einem Wagen des Himalaya-Schmalspur-Express nach ten oftmals missverstanden wird. Auch ein höfliches SchweiDarjeeling habe ich folgenden Satz gelesen: ‚Slow‘ wird mit vier gen in Diskussionen während andere ihre Argumente vorbrinBuchstaben geschrieben wie ‚life‘. ‚Speed‘ wird mit fünf Buch- gen, wird gerne als Entscheidungsschwäche interpretiert. Das staben geschrieben wie ‚death‘.“ musste auch eine Doktorandin mit Maya-Wurzeln erkennen, In Nepal lernte er, dass man Freunde besuchte und lange deren traditionell anerzogene Stille und Zurückhaltung auf nur schweigend zusammensaß, und das wurde als durchaus Unverständnis im Universitätsbetrieb stieß. angenehm und wertvoll empfunden. Ähnliches erlebte er in In der Stille liegt die Kraft: Man weiß von Zen-Meistern, dass orientalischen Ländern. Die Schriftstellerin Eva Hoffmann be- sie die Fähigkeit haben, die Zeit regelrecht zu dehnen, ja, sogar gegnete auf langen Reisen in Osteuropa einer eigentümli- zum Stillstand zu bringen, was als höchstes Ideal gilt – „von der chen Verlangsamung, die sie als „Balkanzeit“ bezeichnet: „Es Zeit befreit zu sein“. Einigen Spitzensportlern scheint dies auch gibt keine Peinlichkeit, kein hektisches Nicken mit dem Kopf zu gelingen. So erwähnt Robert Levine den Tennisstar Jimmy oder beruhigendes Lächeln. ... Ich gleite hinüber in eine an- Connors, der Bälle in Zeitlupe auf sich zufliegen sehen konnte,


33

DENKRAUM Herbst 2016

Das Schriftzeichen „ma“ bedeutet Raum, Zwischenraum, Platz, (freie) Zeit, Abstand … Es besteht aus den Zeichen für „Tor“ und „Sonne“ und drückt somit das Licht aus, das durch ein Tor scheint. Erst durch das geöffnete Tor gewinnt die Sonne einen Kontext von Raum oder Leere. „Ma“ ist in der japanischen Kunst und Kultur eine bewusste Reduktion, durch die der Inhalt Schönheit erlangt.

und den mehrfachen Formel-1-Weltmeister Jackie Stewart, der beschreibt, wie langsam er eine Kurve auf dem Rennkurs angeht – bei realen 313 km/h. Doch es gibt auch die unfreiwillig gedehnte Zeit, die einfach nicht vergehen will. Untersuchungen von Kognitionspsychologen haben bestätigt, dass dieses Gefühl maßgeblich dadurch bestimmt wird, wie viel Ereignisse wir wahrnehmen und im Gedächtnis abspeichern. Wenn, wie im Wartezimmer, an der Bushaltestelle, im Stau, bei immer gleichen Arbeitsabläufen die eigene Zeit fremdbestimmt wird und man ihr nicht entfliehen kann, dann kommt Langeweile auf. Umgekehrt lässt sich der Frustration entgegenwirken, wenn man klar definierte, erreichbare Ziele vorgibt, die sozusagen Rhythmus in die immer gleiche Routine bringen. So hat der Psychologe Robert Meade die Tatsache genutzt, dass Menschen die Zeit kürzer empfinden, wenn sie das Gefühl haben,

dem Ziel näher zu kommen, um die Arbeitsmoral eines Betriebs zu verbessern. Wobei anzumerken ist, dass ohne exakte Uhrzeit – und ihre Einhaltung – weder Fahrpläne noch pünktliche Just-in-timeLieferungen möglich wären. Letztlich beruhen die Industrialisierung und Globalisierung, der Fernverkehr und das 5-Minuten-Ei auf präzise gehenden Uhren. Oder wie der amerikanische Wissenschaftler, Philosoph und Architekturkritiker Lewis Mumford einmal bemerkte: „Die Uhr, nicht die Dampfmaschine, ist die wichtigste Maschine des Industriezeitalters.“! Ob gedehnte oder verkürzte Zeit, ob Zen-Buddhismus, Balkanzeit, Terminkalender oder dolce far niente – entscheidend ist offenbar, mit seiner Zeit selbst etwas anfangen zu können.  // Zitate aus dem Buch R ­ obert Levine: Eine Landkarte der Zeit. Wie K ­ ulturen mit Zeit umgehen. Piper Verlag, München, 162011.


34

Genuss

DENKRAUM Herbst 2016

Zeit-Reise Stippvisite in die Anfänge des Seebads Binz

von Sebastian Rössel

// Frisch gestärkt und ausgeschlafen stehe ich am Bahnsteig des Stettiner Bahnhofs in Berlin. Meine Reise wird mich zunächst per Zug nach Stettin führen. Von dort aus nehme ich dann das Schiff in Richtung Insel Rügen. Nach ein paar Stunden anstrengender Fahrt im engen Abteil komme ich wohlbehalten in Stettin an und begebe mich nach einer Übernachtung zum Hafen. Von dort aus verkehrt seit ein paar Jahren eine Fähre nach Sassnitz, mit Zwischenstopp in Binz. An Bord eine erwartungsvolle Gruppe. Die Dame gegenüber trägt ein modernes körpernahes Kleid, dass insbesondere die Taille betont und erst bei den Knien in eine Schleppe übergeht. Die Haare sind hochgesteckt und werden mit Nadeln und Schleifen zusammengehalten. Sie hat etwas Mühe mit dem rüschenumrandeten Sonnenschirm gegen den Wind anzukämpfen. In Binz gibt es noch keine Seebrücke. Nach der langen Reise und der doch etwas unruhigen Überfahrt steht mir das Abenteuer des „Ausbootens“ noch bevor. Die Binzer Fischer holen die Gäste mit kleinen Segelbooten vom Fährschiff ab. Jetzt freue ich mich aber auf meinen Badeaufenthalt im gerade neu entstandenen „Strandhotel“ des ersten Binzer Hoteliers Klünter. Froh, angekommen zu sein, frage ich mich, ob die Reise per Kutsche wohl angenehmer gewesen wäre ... Am kommenden Tag genieße ich meinen ersten Tag im Herrenbad. Am Strand gibt es natürlich auch ein Damenbad. Das ist insbesondere für die Damen von Vorteil – sind sie doch in ihrem Bereich vor den neugierigen Blicken der männlichen Besucher weitgehend sicher. Die Welt scheint also noch in Ordnung. Nun – etwa so hätte meine Urlaubsreise nach Binz um das Jahr 1890 aussehen können. Das Reisen ging noch langsamer, man „entschleunigte“ sozusagen schon auf dem Weg zum Ziel. Heutzutage läuft es anders: Ferienwohnung oder Hotel online buchen, frühmorgens – nach hektischen letzten Tagen vor dem Urlaub im Büro – eilig die Sachen packen, Kinder ins Auto und mit vollem Schwung auf die 900 km lange Reise per Auto von München nach Binz. Das Ganze ist ohne Stau in gut neun Stunden zu „machen“. Von Entschleunigung keine Spur – eher genervte Beschleunigung nach jeder Baustelle. Ich war gespannt auf Binz als eines der ersten Seebäder Deutschlands. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die im al-

ten Glanz erhaltenen Villen der Bäderarchitektur, die dem Seebad seinen einmaligen Charme verleihen. Damals dienten die prächtigen Bauten meist Berliner Fabrikanten und Bankiers als Sommerresidenz. Insbesondere die direkt an der Standpromenade aufgereihten Villen mit Namen wie „Sirene“, „Glückspilz“ und „Salve“, enthalten inzwischen sehr schöne (aber auch teure) Ferienwohnungen mit direktem Ostsee-Blick. Kennen Sie das auch? Man braucht zunächst ein paar Tage, um aus dem Alltags-Denken herauszukommen. Mir ist das selten so schnell gelungen wie in diesem Urlaub. Es ist einfach die besondere Mischung aus der entspannten Atmosphäre in Binz, der frischen Luft, viel Bewegung und gutem Essen in den Binzer Restaurants. Auch die sonst schnell mal mit dem „Miristlangweilig“-Virus befallenen Kinder haben sich schnell wie selten beim Spielen am Strand und „Möwen hinterherrennen“ entspannt. Zudem lockt die Aussicht, neben Hühnergöttern auch echte Bernsteine zu finden. Wir hatten uns für unseren Aufenthalt bewusst für den Winter entschieden. Man kann ganz ohne große Erwartung an den perfekten Tag am Strand, der auch im Sommer nicht garantiert ist, an den Urlaub herangehen. Mit etwas Glück bleibt der Regen fern, und wir hatten das Glück vieler Sonnentage. Mit der passenden Kleidung kann man sich dann dem Wind stellen und den weiten Blick übers Meer bis hinüber zu den berühmten Kreidefelsen genießen. Im Sommer ist Binz natürlich ein Top-Reiseziel mit zugehörigem Trubel. Besonderer Tipp für Frühaufsteher: Ein Spaziergang oder Laufen morgens am Strand, bei aufgehender Sonne und entsprechendem Licht sowie rauer Brandung, ist ein einmaliges Erlebnis. Zudem teilt man sich den weiten Sandstrand dann nur mit ein paar anderen positiv „verrückten“ Strandläufern und – man glaubt es kaum – Surfern, die mit rotem Kopf aus dem Neopren schauen. Damals wie heute, beschwerliche Anreise oder nicht, wichtig ist die Pause vom Alltag, neue Eindrücke gewinnen, sich mal zurücklehnen, um den Blick wieder frei zu machen für das ­Wesentliche. In Binz kann das gut gelingen. Wir sind dann aber doch wieder auf der Autobahn zurück – und haben schnell wieder beschleunigt … //


DENKRAUM Herbst 2016

35

Beschauliche Idylle: Zu Kaisers Zeiten war das mondäne Seebad Binz ein beliebtes ­Refugium für die stressgeplagte Berliner Haute Volée. Ein wenig von dem einstigen Glanz und von der Ruhe ist auch heute noch spürbar – besonders außerhalb der Saison.


36

Denkraum

DENKRAUM Herbst 2016

Nur noch 10 Minuten! Vergeht die Zeit heute wirklich immer schneller?

von Ines Zorn

// Gefühlt verstecken wir nach dem Feuerwerk zu Neujahr die Ostereier. Bis Pfingsten haben wir uns einigermaßen an die Sommerzeit gewöhnt und der ein oder andere versucht letztmalig, seine guten Vorsätze umzusetzen. Schließlich warten wir bis September, ob es nicht doch noch richtig Sommer wird, höhlen dann einen Kürbis aus, bedanken uns voller Hektik beim Weihnachtsmann, zünden das nächste Feuerwerk und nehmen uns vor, endlich mehr Zeit für uns selbst zu nehmen. Schon ist wieder ein Jahr rum. Ein paar Minuten werden lediglich dann zur Ewigkeit, wenn man sich in unangenehmen Situationen befindet.

Warum die Zeit im fortschreitenden ­Alter immer schneller vergeht Zeit wird langsamer empfunden, wenn wir Neues erlernen und erleben. Kinder machen jeden Tag neue Erfahrungen und das Leben ist spannend. Erwachsene sind meist im routinierten Alltag gefangen. Tagein, tagaus der gleiche Ablauf. Lediglich im Urlaub steht man gefühlt anfangs auf der Bremse, und wir haben tatsächlich einmal Zeit. Die Umgebung wird erkundet, abgelegene Ruheoasen gesucht, neue Geschäfte durchstöbert, es wird sich vielleicht durch eine andere Sprache verständigt, nette Kontakte geschlossen und innerhalb kürzester Zeit ein neues strategisches Netz aufgebaut. Sobald auch hier Routine einkehrt, läuft die Uhr wieder schneller. Der Psychologe Dr. Marc Wittmann vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg, führte dazu diverse Untersuchungen und Befragungen durch. Dabei kam heraus, dass die Zeit ab dem Teenageralter anfängt, schneller zu vergehen. Bis zum Alter von ca. 65 Jahren dreht sich die Uhr

Wenn man als Kind fragte, wie lange etwas dauert, hieß es so manches Mal „nur noch 10 Minuten“. Dieses „nur“ empfinden Kinder als eine Unendlichkeit. Als Erwachsener hingegen rennt einem die Zeit nur so davon.


37

immer schneller, bis sie ab dann etwa gleichbleibend schnell ist. Die Selbsteinschätzung von 60 Studenten ergab, je achtsamer sie durchs Leben gehen, desto genauer konnten sie auch Zeit selbst einschätzen. Unterlegt hat dies ein weiterer Test von zwei Gruppen mit je 40 Personen zwischen 20 und 50 Jahren. Die erste Gruppe bestand aus Teilnehmern, die bereits seit Jahren täglich mindestens 30 Minuten meditieren, in der zweiten Gruppe waren Personen, die bisher keine Meditation durchführten. Wer also meditiert und Zeit bewusst wahrnimmt, für den läuft die Uhr langsamer. Zeit wird immer kostbarer. Schwebte man früher als Yogaschüler oder meditierende Person auf einem schrägen Esoterikkurs, so werden genau solche Kurse heutzutage überall angeboten, ob im Fitnessstudio, auf Managerseminaren oder Besinnungstagen. Dass die Zeit so schnell vergeht und früher vieles besser war, wird bei vielen ein Kopfnicken auslösen. Dabei ist dieses Empfinden nicht nur an die derzeitige Epoche gebunden. Bereits zur Zeit der Industrialisierung hatten die Menschen das Gefühl, dass alles rast und schneller wird. Was heute das Internet ist, war früher die Eisenbahn und das Telefon. Dr. Marc Wittmann sagt, wir erleben Zeit intensiver durch Veränderung. Was hat sich die Zeit vom Kind zum Erwachsenen in der Pubertät dahingeschleppt! Körperliche Veränderungen, Schul- und Ausbildung, Studium, die ersten Arbeitsstellen – ständig war etwas im Wandel. Und plötzlich kommt die Routine: Zeit zerrinnt.

Wie können wir versuchen, die Uhr ­anzuhalten? 1. Auf die Uhr verzichten Egal ob die Uhr am Bett oder am Handgelenk. Wer nicht ständig auf die Uhr gucken kann, um nachzusehen, wie lange noch für etwas Zeit bleibt, wird auf Dauer viel entspannter. 2. Neugierig und kreativ bleiben Warum nicht mal einen anderen Weg zur ­Arbeit fahren? Wenn möglich auch mit dem Fahrrad? Oder trainieren Sie kreativ Ihr ­Gedächtnis. Überlegen Sie sich fünf Wörter – ­z. B. Opossum, einkaufen, Schrankwand, ­F ingernagel, orange – und bauen drum ­herum eine Geschichte auf. Versuchen Sie auch, Wörter wie „aber“ oder „ich“ durch Alternativen zu ersetzen. Das regt die grauen Gehirnzellen richtig an.

Wer das inzwischen schon nicht mehr kann, für den gibt es Hilfe – die App zum Stillsein. Während wir früher die Technik zum Arbeiten genutzt haben, stiehlt sie uns mehr und mehr Zeit durch Ablenkung. Der amerikanische Informationswissenschaftler Fred Stutzman sorgt mit einer eigens entwickelten App dafür, dass Sie nicht mehr abgelenkt werden und wieder mehr Zeit für sich nutzen. Der Nutzer wird gefragt, wie viele Minuten Freiheit er haben möchte. Für ein paar Dollar schaltet sich dann der Browser für mehrere Stunden ab und das Mobiltelefon ist still. Zu den Hauptnutzern gehören übrigens Studenten mit Abgabeterminen und Freiberufler, wie z. B. Autoren.

Hatten die Menschen früher wirklich mehr Zeit? Ob die Menschen früher mehr Zeit hatten, bleibt dahingestellt. Sicherlich wurden sie nicht aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung so unter Druck gesetzt und mit Informationen bombardiert wie die moderne Gesellschaft. Allerdings gab es auch nicht so viele Hilfsmittel, die einem den Alltag deutlich erleichtern und damit letztlich auch für mehr Zeit sorgen. Statt Maschinenarbeit war früher eben zeitraubende Handarbeit angesagt. Dr. Marc Wittmann betreut eine Doktorandin aus Kuba. Ihr ist aufgefallen, dass viele Menschen in Deutschland komplett verplant sind. Sogar die Freizeit ist genauestens getaktet, und es bleibt keine Zeit für Spontanität und Flexibilität. Auf Kuba leben die Menschen spontaner. Es gibt kaum Computer oder andere technische Hilfsmittel, die das Leben lenken. Überspitzt gesagt, gibt es im Dorf einen PC, auf welchem man eventuell alle paar Tage mal seine E-Mails lesen und verschicken kann. So wird Zeit aufgrund der kulturellen Unterschiede von Personen gleichen Alters unterschiedlich lang empfunden. //

3. Positiv denken und die Vorteile des Alters s­ ehen Wer das Alter positiv sieht, wird es auch ­positiv erleben. Viele Dinge werden gelas­sener gesehen und man ruht in sich selbst. 4. Fit halten – psychisch wie physisch Wenn Sie schon immer etwas machen wollten, wozu bis jetzt die Zeit gefehlt hat, fangen Sie einfach damit an! Durch Aufschieberitis geht erst recht viel Zeit verloren. 5. Soziale Kontakte pflegen Der Kontakt zu anderen Personen ist inspi­rierend, eröffnet neue Horizonte und Denkweisen. 6. Medienkonsum einschränken oder ab und z­ u ganz verzichten Lassen Sie in der Freizeit Mobiltelefon/PC/TV ausgeschaltet. Es ist erstaunlich, wie viel Zeit man auf einmal hat!

Selbsttest: Versuchen Sie eine Minute lang still zu sitzen und gucken dann wieder auf die Uhr. Probieren Sie das mit Ihrem Umfeld aus. Es ist erstaunlich, welch unterschiedliches Zeitempfinden die Personen haben. Besser noch: Versuchen Sie das Ganze mit fünf Minuten. Zum einen kann der Proband nicht mitzählen, zum anderen kann man beobachten, wie kribbelig und unruhig die Testperson wird.


38

DENKRAUM Herbst 2016

Vorschau

Impressum

In der nächsten DENKRAUM Ausgabe lesen Sie:

G O L A N A – L A T I DIG D E N K E N?

SELBE ALWAYS ON ODER

R

Chefredaktion: Anja Rössel Tel. +49 (0)89 / 66 65 83-26 a.roessel@hansbeckergmbh.de

Die Zukunft – nur einen Klick entfernt? Erleichtern uns digitale Medien und Möglichkeiten tatsächlich die Arbeit und sind wir dadurch effizienter? Was nutzen Tools und Plattformen im Einkauf und wo liegen die Grenzen? Seltsames Einheitsdesign: Wie Produktidentitäten verschwinden Bewertungsplattformen: Fluch und Segen Einfach mal offline – geht das? Ein Selbstversuch

Ausgabe 4 des UM ga Ma zins DENKRA im t erschein Frühjahr 2017

Porträt Die Hans Becker GmbH

Seit 1992 beobachtet Hans Becker die rele­ vanten Märkte und verfügt über fundierte Erfahrungen in Industrie, Handel, Banken, Versicherungen und vielen anderen Branchen. Über 450 Klienten konnten bereits von dem Spezialwissen der Hans Becker-Experten ­profitieren und dadurch ihre Effizienz steigern. Methoden- und Umsetzungskompetenz sind bis heute ein Markenzeichen von Hans Becker.

Autoren dieser Ausgabe: Anja Rössel, Franz Tramberger, Florian Steinkohl, Jonas Geißler, Christine Klein, Herbert Lechner, Andrea Marchel, Sebastian Rössel, Ines Zorn Gestaltung: Freie Kreatur, Ebersberg Petra Winkelmeier, Andreas Mitterer www.freiekreatur.de Druck: Kessler Druck + Medien GmbH & Co. KG, Bobingen

Schöne neue Welt? Shopping mit Virtual Reality

Als inhabergeführtes Unternehmen hat sich Hans Becker seit über 20 Jahren auf die Op­ timierung des strategischen indirekten Einkaufs sowie aller damit verbundenen Prozesse spezialisiert.

Herausgeber: Hans Becker GmbH Keltenring 11 82041 Oberhaching Tel. +49 (0)89 / 66 65 83-0 info@hansbeckergmbh.de www.hansbeckergmbh.de

Neben der Durchführung von reinen Kostensenkungsprojekten bzw. strategischen Optimierungsprojekten in einem klar definierten Zeitrahmen übernimmt Hans Becker für die Auftraggeber den kompletten oder auch teilweisen strategischen Einkauf von Gütern und Dienstleistungen. Hierzu gehören auch das Coaching von Einkaufs-Mitarbeitern sowie die nachhaltige und langfristige Qualitätskon­ trolle in den untersuchten Bereichen. Verschiedene Online-Angebote runden das Portfolio ab und unterstützen die Klienten punktuell.

HANS BECKER Effizient Einkaufen

Bildnachweis: Titel/ S.  2: ©Derek Meijer / Alamy Stock Foto; ­­S.  3: ©Thorsten Jochim / Hans Becker GmbH; S. 4: ©Freie Kreatur, ©Wiki­pedia, ©Hans Becker GmbH, ©Physikalisch-Technische Bun­des­anstalt, ©Nomos Glashütte; S. 6/7: ©Physikalisch-Technische Bundesanstalt; S. 8–11: ©Irina Werning (6); S. 12: ©Ingo Bartussek/ Fotolia.de; S. 13: ©musmellow/ Fotolia.de, ©blankstock/Fotolia.de; S. 14–17: ©Nomos Glashütte (10); S. 18: ©tatiana_davidova/Fotolia. de; S. 20/21: ©Mitteldeutscher Verlag; S. 22/23: ©Freie Kreatur (2)/ hellokids.com; S. 24/25: ©2010 MIT. Courtesy MIT Museum (3); S. 26–28: ©Jörg Fokuhl/laif (6); S. 29: ©Alamy Stock Foto (3); S. 30/31: ©Freie Kreatur, ©Hans Becker GmbH; S. 33: ©Freie Kreatur; S. 34/35: ©Freie Kreatur (9), ©Addictive Stock/ Fotolia.de; S. 36/37: ©#89537315/ Fotolia.de; S. 39: ©Pakhnyushchyy/ Fotolia.de, ©#43068567/Fotolia.de; S. 40: ©Freie Kreatur Erscheinungsweise: halbjährlich Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Fotos wird keine Haftung übernommen. Trotz sorgfältiger Auswahl der Quellen kann für die Richtigkeit nicht gehaftet werden. Nachdruck und Verwendung, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion.


Nächstes Mal im DENKRAUM:

ANALOG

DIGITAL


Wir schaffen

Denkraum HANS BECKER Effizient Einkaufen Hans Becker GmbH Keltenring 11 82041 Oberhaching Telefon +49 (0) 89 / 66 65 83-0 Telefax +49 (0) 89 / 66 65 83-12 info@hansbeckergmbh.de www.hansbeckergmbh.de Hans Becker GmbH I BĂźro Ă–sterreich Lindenweg 1 3353 Seitenstetten Telefon +43 (0) 7477 / 2 08 02 Telefax +43 (0) 7477 / 2 08 02-30 f.tramberger@hansbeckergmbh.at www.hansbeckergmbh.at

Denkraum Nr 3 | Herbst 2016  

Corporate mag by Hans Becker GmbH

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you