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Multa Nova Frederik Bugglin


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Flashback Ein Fotografieprojekt, das stationären ­Geschwindigkeitsüberwachungsgeräten – im Folgenden: Blitzern – gewidmet ist, kann eigentlich nicht anders bezeichnet werden als: Gegenangriff. Bislang verhielt es sich so, dass wir es waren, die in den letzten uns verbliebenen privaten Räumen, unseren Autos, fotografiert wurden. Ungefragt, ­unrasiert, uninspiriert, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ein einseitiger Prozess also, der in Zeiten von user generated content und F ­ eedbackschleifen zwischen Konsumenten und Produzenten doch reichlich anachronistisch wirkt. Blitzer stehen gewissermassen in der Tradition des Kolonialfoto­ grafen, der seine Untersuchungssubjekte aus paternalistischer Perspektive registriert und klassifiziert, um sie letztlich effektiver reglementieren zu können. Der Blitzkrieg, der auf unseren Strassen tobt, kennt folglich nur Herrscher und Beher­rschte. Das ist nicht zuletzt für die Blitzer selbst bedauer­ lich. Da sie lediglich als stumme Wächter des Gesetzes wahrgenommen werden, interessiert sich beispielsweise niemand für ihre eigentümliche Ästhetik. In seinem Buch Multa Nova kehrt F ­ rederik Bugglin die Blitzrichtung um. Er blitzt Blitzer, er


porträtiert die Porträtpolizei: Flashback! Und plötz­ lich ist da eine Reziprozität, die zumindest auf symbolische Weise die Kluft zwischen der aktiven und der passiven Seite schmälert. Der lateinische Begriff «Multa Nova» bedeutet soviel wie «Erneute Geldstrafe» – im Zusammenhang mit einer solchen, und nur mit einer solchen, werden ­Blitzer gemeinhin wahrgenommen. Hier der Strafende, da der Gestrafte. Wenig überraschend, dass ein Schweizer Hersteller von Radarfallen «Multanova» als Firmennamen gewählt hat. In Bugglins ­Multa Nova hingegen haben wir es nicht länger nur mit graukalten Verkörperungen der Staatsmacht zu tun, sondern mit idiosynkratischen Skulpturen wider Willen. Entkoppelt von der üblichen Kausalkette «Geschwindigkeitsübertretung– Blitz–Busse», tritt die Gestaltung der Apparate wie auf einer Theaterbühne oder in einer PorträtSession in den Vordergrund. Mal scheint es, als seien sie von einem zum Kapitalismus konver­ tierten sowjetischen Konstruktivisten entworfen worden, mal ist es, als habe ein talentfreier Minimal Artist den Auftrag zur Gestaltung er­ halten, mal könnte ein in die Jahre gekommener Science-Fiction-Bühnenbildner dahinterstecken. Überhaupt zeigt Bugglin, dass auf dem Blitzermarkt durchaus ästhetische Vielfalt herrscht, sieht man einmal von der aus naheliegenden Gründen eher unauffälligen Farbpalette ab. Von der


kompakten, vogelhausähnlichen Attrappe über robuste, bunkerartige Gebilde bis hin zum asymmetrisch verschachtelten Hybrid aus Parkschein­ automat und Flakgeschütz. Was wir gewöhnlich einzig im Vorüberfahren oder -gehen durch den Filter reflexhafter Ablehnung wahrnehmen, bietet sich in diesen Fotografien der ästhetischen Kontemplation dar – seht her, ich bin zwar eine in­ differente, kalte Maschine, doch auch ich habe eine distinkte Form! Wenn aber die skulpturalen und allgemein die formalästhetischen Eigenschaften der Blitzer in Bugglins Fotografien expliziert oder – der Kalauer sei hier gestattet – exblitziert werden, so ist es auch naheliegend, sie in einen kunsthistorischen Kontext zu rücken. Ist es möglich, dass Blitzer heute eine ähnliche Funktion haben wie Kunst im öffentlichen Raum, nämlich eine didaktische? ­Insbesondere in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sollte moderne oder postmoderne public art dazu dienen, die Ent­stehung einer weltoffenen, demokratischen Menta­ lität zu fördern. So heiter-verspielt ­A lexander ­Calders oder so erhaben-inhaltsleer Richard ­Serras Plastiken auch daherkommen mochten – ein Teil ­ihrer Mission war immer auch Volkserziehung. Es ist eine etwas waghalsige Spekulation, aber auf­ fällig ist es durchaus: Während Kunst im öffent­lichen Raum aktuell mehr und mehr zum Selbstläufer wird – Stichwort: Kreiselkunst – und


a­ llgemein der Glaube an die veredelnde, erzieh­ erische Kraft der Bildenden Kunst schwindet – Stichwort: artistic research –, nimmt gleichzeitig die Überwachung der Städte mit Videokameras oder eben Blitzern zu. Sinnkrise der Kunst auf der einen, Hoffnung auf die Technik auf der anderen Seite. Vielleicht ist es ja die Geschichte dieses Mentalitätswandels, die Bugglins Bilder im Subtext erzählen. Und wenn die Kunst dann in den Blitzerporträts doch wieder aufscheint, so heisst das: Die Geschichte ist noch nicht zu Ende… Jörg Scheller


Das Auge Gottes und die neue Gerechtigkeit «Es gibt ein Aug’, das alles sieht, auch wenn’s in dunkler Nacht geschieht.» So lautet nicht etwa die mit Blut geschriebene Losung von Lord Sauron, dem teuflischen Herrn der Ringe, sondern der Refrain eines Kinderliedes aus der Kirche. Das allwissende Auge Gottes, das die Kindergärtner schützend behütet, spätestens aber in der Pubertät zum verlängerten Arm elterlichen Despotismus mutiert und schliesslich, mit Erreichen des führerscheintauglichen Alters, zum Ausbund staatlicher Freiheitsberaubung wird: multa nova, die Radarfallen der Schweizer Verkehrspolizei, die alles sehen, alles messen, sofort bestrafen. Frederik ­Bugglin hat die Perspektive gewandt und die geblitzt, die uns sonst blitzen, und dieser Wechsel erlaubt eine Sicht auf das allwissende Auge, die in theologischer und anthropologischer Hinsicht äusserst aufschlussreich ist. Die Vorstellung eines allsehenden Auges ist kulturgeschichtlich beinahe omnipräsent, und kaum eine Religion mag auf die Idee verzichten, dass die oder auch nur eine Gottheit alles sieht, zeitgleich oder sogar vorzeitlich, alles weiss, sich


nichts verborgen sein lässt. Dabei kommen verschiedene Varianten derselben Idee zum Spiel: Im Hinduismus etwa existiert eine Gottheit ­namens Avalokiteshvara (das Wort entstammt dem Sanskript, der Ursprache des Indogermanischen, und weist eine verblüffende Parallele zum schweizerdeutschen «abe luege» (hinab schauen) auf: Ava­ loki heisst genau das, was es im Dialekt noch heute bedeutet), deren Aufgabe es ist, die Menschheit zu bewachen und vor Unheil zu bewahren. Dabei schaut er vom Himmel her ganz tief auf die Welt ­hinab, damit ihm die Rettung keiner Seele entgehe, bis er das Gleichgewicht verliert und auf die Erde stürzt. Er schlägt mit dem Kopf auf, und dieser zerspringt in tausend Teile. Weil der Gefallene ­jedoch im göttlichen Heilsplan unverzichtbar ist, ­werden die Splitter zusammengetragen und dem Avalokiteshvara in Form einer vielköpfigen Pyramide erneut als Haupt auf den Hals gestellt. Jetzt hat er nicht nur einen Kopf und zwei Augen, sondern tausend Köpfe und zweitausend Augen, um seine Aufgabe noch besser zu erledigen. Das Judentum verehrt einen Gott, der den Menschen in- und auswendig kennt: «Jahwe, du hast mich erforscht, und du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du weisst es, du verstehst meine Gedanken von fern. Ob ich gehe oder liege, du hast es bemessen, und mit allen meinen Wegen bist du vertraut. Kein Wort ist auf meiner Zunge, das du,


Jahwe, nicht ganz und gar kennst.» (Ps 139,1ff). Das bergende Moment spielt noch immer eine ­Rolle, zugleich jedoch wird deutlich, dass dem einen Gott kein Mensch entgeht, wohin auch immer ihn sein Weg führt. Subtil, vielleicht auch nur sublim, erscheint das Auge als Bedrohung. Im Christentum ist dieses Auge, vor allem das drohende, zum Allgemeingut geworden, kaum eine ­barocke ­Kirche, in der das Auge in den Wolken, vom ­Dreieck der Trinität gerahmt, nicht zu finden wäre. Der erhobene Zeigefinger des Priesters, an dessen ­Kanzel das Emblem gerne prangt, beseitigt jegliche Unsicherheit, wie die Allsicht aus der Sicht der Gesehenen zu sehen sei. Dass dies eine falsche Entwicklung ist, zeigt ein Blick auf Jesus von Nazareth, nach dem sich die Christen benennen: Auch er weiss um den Gott, der alles sieht, nennt ihn jedoch Vater, weil er die Nähe der Beziehung höher schätzt als die Distanz zum Himmel, und er versteht dessen Allwissen als Allbesorgnis: «Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden; sie meinen nämlich, sie werden ihrer vielen Worte wegen erhört. Tut es ihnen nicht gleich! Euer Vater weiss, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.» (Mt 6,7f). Abgesehen von der Polemik gegen die Heiden, die aus dem soziokulturellen Kontext besser verständlich ist als in dieser isolierten ­Form, wird das Auge Gottes als gütige ­Fürsorge inter­pretiert, die das Beten im Grunde ­überflüssig macht – oder


aber so reinterpretiert, dass ­dabei weniger der ­Informationsaustausch eine Rolle spielt als vielmehr der demütige Akt der persönlichen Hingabe, wie er sich im Formulieren der eigenen Bedürftigkeit artikuliert. Im Islam ist die Allwissenheit Gottes stark akzentuiert, geht er doch von einer doppelten ­P rädestination aus, der Vorbestimmung des ­Guten wie des Bösen. Alles, was geschieht, geschieht, weil es so vorherbestimmt ist. Der Gott, jenseits der Zeit lokalisiert, kennt alle Eventualitäten und hat die seinen Plänen entsprechenden fest­gelegt. Konsequenterweise bräuchte das Auge ­Gottes gar nicht mehr zu schauen, denn Abweich­ ungen vom Geplanten sind nicht vorgesehen. Und schliesslich sei ein Blick auf den Blick der Figuren gestattet, die in fast zahlloser Masse auf den Osterinseln aufgestellt wurden: Riesige, göttergleiche Monolithe mit grimmigen Gesich­tern und leeren Augen. Setzt man ihnen, wie es ursprünglich der Fall war, wieder hölzerne Scheiben als Augen in die Löcher, so offenbart sich die ­Bedeutung der Figuren: Kontrolle über das Volk, ausgeübt von denen, die es sich leisten konnten, solche Steinkolosse aufzustellen. Weshalb und in welcher Hinsicht die Bevölkerung der Osterinseln kontrolliert werden mussten, bleibt das Geheimnis der Geschichte. Ganz unspektakulär und profan hingegen ist die


­ unktion des modernen Auge Gottes, das auf uns F am Wegrand lauert. Wahrheitsgemäss werden sie ­Radarfallen genannt, denn sie fallen über den her, der sich nicht an ihre Regeln hält. Namenlose, statische Jäger, die Beute machen unter den allzu Dynamischen, deren Namen wohlbekannt ­ werden, obwohl ihnen in diesem Augenblick Anonymität bedeutend lieber wäre. Ein Auge, das alles sieht, auch wenn es in der Nacht geschieht. Wie der antike Gott mit seinem Donnerkeil ­schleudert es ­Blitze, bei Tag und Nacht, und keine Dynamik der Welt vermag die Statik, mit der der Sünder an den Pranger des Fotopapiers gemalt wird, zu über­listen. Und dabei hat die ­Radarfalle geradezu populistischen Volkscharakter: Kaum ein Gegenstand des öffentlichen Lebens, der weit­ läufiger bekannt wäre und zugleich weniger umstritten. Denn er entzweit die Gemüter: Recht und Ordnung müssen sein, solange sie die Übertretungen der anderen betreffen. Fahrradfahrer träumen von Blitzorgien gestrafter Autolenker, Autofahrer verfluchen den Zugriff des Staates auf die individuelle Tempofreiheit, wünschen dem Stauverursacher im Schneckentempo oder dem PS-Bolzen auf der Überholspur jedoch Pest, Lepra und eine saftige Busse an den Hals. Für die ­anderen hat es immer zu wenig Radarfallen, für mich selbst permanent zu viele. Und da überschneidet sich der Automat mit dem Auge ­Gottes:


Mich sieht er immer, aber natürlich nur im falschen Moment, während der Nachbar tun und lassen kann, wie es ihm beliebt. Das Auge der Kamera ist die moderne Form des Auge Gottes: Es sieht alles, registriert alles, und es schlägt in dem Augen­ blick zu, der mich am meisten schmerzt. Die Aus­ gestaltung des persönlichen Interesse an Gott im 21. Jahr­hundert pendelt sich irgendwo ­zwischen den beiden extremen Ansichten ein, dass das Auge Gottes ohnehin blind ist und darum bedeutungslos – oder dass er nur das sieht, was er auch bestrafen kann. Eine Mittelposition rechnet mit einem gnädigen Gott, der gerne immer mal wieder fünf gerade sein lässt und sich im übrigen gleichgültig der Welt gegenüber nur noch um das Seine kümmert. Diesen Gottesvorstellungen zum ­Vergleich stellt die Radarfalle einen echten Fortschritt dar: Sie ist nicht blind, kennt keine Freude an der Strafe und auch keine Gleichgültigkeit. Im Gegenteil: Sie lässt auf zeitgenössische Weise ihre Gnade walten, indem sie Überschreitungen von innerorts drei und ausserorts fünf Stundenkilometern zwar misst, aber nicht ahndet. Eine sympathische, geradezu menschliche Maschine. Und sie stellt Gott unverhohlen in den Schatten, weil sie nicht zum Tun des Guten ermahnt, sondern es voraussetzt. Religionen bemühen sich – auf lange Sicht ­betrachtet durchaus erfolglos – seit jeher darum, den Menschen


zum Guten zu bewegen, indem sie dessen Unter­ lassung mit dem Entzug der göttlichen Liebe und der konsequenten Verbannung in ­welche Form der Hölle auch immer sanktionieren. Auch wenn ­jedes religiöse Gesetz vordergründig dazu dient, den Menschen besser zu machen, so ist es offensicht­lich, dass die vielen Verbote nur die nega­tive Form einer positiv zu beziffernden Strafe darstellen, die im Falle der Übertretung ausgesprochen und exekutiert wird. Das Gesetz will helfen und verbessern, in Wahrheit jedoch droht es. Nicht so die gnadenhafte Maschine: Sie weiss nichts vom Guten und von der irrigen Vorstellung, der Mensch könne verändert ­werden durch Belohnung oder Bestrafung, sie misst ­nüchtern, fordert ein, was es einzufordern gibt, und stellt auch keinen himmlischen Preis für Wohl­a nständigkeit in Aussicht. Das Gute muss getan werden, weil es so beschlossen worden ist, und mit diesem Beschluss wurde auch die Sank­ tion festgelegt, numerisch berechenbare, unwill­ kürliche Bestrafung, im Wiederholungsfall moralisch nicht verwerflich, aber finanziell expo­ nentiell. Radarfallen lassen uns im Gegensatz zur ­Gottheit, die immer moralisch ist, wenigstens in Ruhe, solange wir den Normen mehr oder weniger entsprechen. Und sie verlangen nichts derart Absurdes wie Glauben oder persönliche Anteilnahme. Insofern sind sie das Abbild der neuen


Gerech­tigkeit: Jeder weiss, was ihm blüht, wenn er die Regeln, die er kennt, bricht. Und da die ­meisten dieser Fallen am immer gleichen Ort stehen, verlangt das Auge der Moderne Gehorsam auch nur an bestimmten Orten. Der Rest interessiert es nicht. Und doch ist aller Verlockung zum Trotz der Vergleich des Technoauges mit dem Auge ­Gottes mangelhaft. Denn wirklich gnädig ist der Erlass kleiner Temposünden nicht, den die Maschinescheinbar anzubieten hat. Vielmehr ist er rein rechtlich motiviert: Weil die Hersteller nicht garantieren können, dass die Maschine permanent einwandfrei geeicht ist, wird eine Toleranz gewährt. Die Maschine kennt keine Gnade, sie toleriert ledig­lich ihre eigene Fehlbarkeit. Gott hingegen kennt keine Toleranz, aber er handelt gnädig. Und er verlangt tatsächlich immerwährende Rechtschaffenheit, vor ihm gibt es keinen rechtsfreien Raum, ungleich der Radarfalle, die nur innerhalb der Weite ihrer Linse messen kann. Gottes Auge jedoch ist flexibel, und darum sieht es die Dinge auch immer aus mehreren Perspek­ tiven. Das Technoauge jedoch schaut immer in dieselbe Richtung, bildet zweidimensional ab, misst nur, versteht nie. Sucht der Mensch auch bei der Maschine nach Verständnis? Dass sie die Dringlichkeit der Situation, die ihn zu höherem Tempo ­gedrängt


hat, würdige und entsprechend die Zahlen anders interpretiere. Oder sucht er vielmehr die ­Strafe für das, was er bewusst und absichtlich an Falschem begeht, viel zu wenig jedoch dafür zur ­Rechenschaft gezogen wird von einer ­Gesellschaft, die ihm die Hände nicht mehr abhackt, wenn er ein paar Schuhe statt zu bezahlen einfach stiehlt. Und die ihn nur darum bestraft, um ihn zu re­ sozialisieren und künftiges Ungemach zu verhindern. Lasse ich es unbesonnen zu, dass ich geblitzt werde, denn der Blick auf das Tachometer, den ich instinktiv und regelmässig werfe, zeigt mir, dass ich nicht recht tue, Anspruch auf Straf­m ilderung wegen Unwissenheit habe ich also nicht. Oder blitze ich mich im Grunde selbst, um Grenzen zu überschreiten und statt der endlosen Therapie­ stunden, Qualifikationsgespräche und Feedbackrunden, in denen mir so viel an Verständnis und darum auch an Forderung entgegengebracht wird, endlich wieder einmal knüppelhart und diskussionslos mit der Realität und ihrer ­geltenden Interpretation konfrontiert zu werden? Die Sucht des Fahrers nach dem Blitz, das ­Verlangen des Sünders nach klärender Strafe. Und die ­Radarfalle als Inbegriff der strafenden Rache des Mäch­tigen, das den Temposünder magisch anzieht. Eine Vari­ ante davon im Stadtverkehr: Der Wechsel der Ampel von grün auf orange als Grund, Gas zu geben oder zu bremsen? Orange ist konzipiert, wie im


Paradies, als Warnung vor dem Fehler und als milder Hinweis auf die Güte des Schöpfers, das Gege­bene nicht zu zerstören. Rezipiert wird es von den basalen Instinkten des Bleifusses als Ver­ suchung, der nicht zu widerstehen ist. Fällt das Licht dann auf rot und wird die weisse Linie über­s chritten, schlägt die Falle nicht nur quantitativ zu, indem sie die Überschreitung registriert, sondern auch qualitativ, weil sie die Absicht der Übeltat anhand der zeitlichen Differenz ­zwischen Rotlicht und Durchfahrt misst: Ist die volle Sekunde erreicht, so fällt die Busse unproportional höher aus, weil es numerisch nicht mehr als unabsichtliches Versehen berechnet werden muss, sondern als absichtliches Vergehen. Fällt der Blitz, ist das Urteil schon ge­ sprochen, und das Moment der Strafe lässt nicht auf sich warten, sondern ergeht im Sekundenbruchteil der Sünde. So effizient arbeitet selbst Gott nicht. Wie im kirchlichen Busskalender vorgesehen ergibt sich die Zerknirschung über den eigenen Fehler von selbst, in allgemeinen noch hinter dem Steuer, währt aber nur kurz und gibt der Hoffnung Raum, der Blitz sei nur Attrappe gewesen, welche sich aber in den allermeisten Fällen als nichtig erweist, so dass dem Unrechttäter nur noch die Wochenfrist der Reue bleibt, bevor er Sühne leistend Busse tut, indem er Busse bezahlt. Was die Kirche anonym anbietet – der Priester


kennt den Menschen jenseits des Beichtvorhangs nicht, und wenn er es tut, dann bleibt er an das Beichtgeheimnis gebunden –, wird vom Staat nur unter korrektester Identifikation erbracht, im Gegenzug zu Name und Adresse jedoch arbeitet dieser effizient, nach klar definierten Vorgaben und ohne Involvierung eines schlechten Gewissens oder eines bereinigenden, aber peinlichen Gesprächs. Die Maschinerie arbeitet reibungslos und unpersönlich, was das Sündigen kalkulierbar macht. Ein weiteres Gadget im Lifestyle. Wozu überhaupt Strafen? Schon in Kaiser Justinians (462-565 n.Chr.) massgeblicher Reform des Gesetzeskanons wird festgehalten, dass die Strafe nicht der Rache, sondern der Erziehung dient. Sie soll den Menschen bessern und verhindern, dass er ähnliche Fehler erneut begeht. Abschreckung als Pädagogik, Entzug von Öffentlichkeit durch Einsperrung als Chance zur Selbstreflexion. Die Gefängnisstatistik weist eindeutige Zahlen aus: Wer einmal einsass, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder einsitzen. Seit der Wiederein­ führung der Todesstrafe in den USA hat sich die Zahl der Kapitalverbrechen nicht verringert, sie ist im Gegenteil gestiegen. Handelt der Mensch besser, wenn sein falsches Tun bestraft wird, oder handelt er nur vorsichtiger, um nicht erwischt zu werden? Die Erfahrung deutet auf das letztere: Ich fahre noch immer zu schnell, nicht dort jedoch,


wo ich eine Radarfalle weiss oder vermute. Die strafende Pädagogik des Staates führt – wie nota bene jede strafende Pädagogik – letztlich nicht zur Besserung, sondern lediglich zu mehr Argwohn gegenüber der Autorität, sei dies nur der Staat, die Eltern oder eben auch der allsehende Gott hinter den Wolken. Ist der Mensch also von Grund auf schlecht und sein Fall hoffnungslos? Und demnach der Ruf nach mehr Härte im Gesetz, mehr Todesstrafe und mehr Waffen zur Verhinderung von ­Gewalt durch Waffen zwar falsch, aber das einzig Prak­ tikable? Hat das Auge Gottes, sollte es nicht wie multa nova funktionieren, ausgedient beziehungs­ weise von Anfang an den Anforderungen, die der Mensch nach seiner eigenen Züchtigung stellt, nicht genügt? So einfach, wie es theoretisch scheint, ist es praktisch nicht mit dem Menschen, und selbst ein nicht allsehendes Auge erkennt am Zustand der Welt, dass Abhilfe nötig ist, aber kaum zu gewährleisten. Dass das Auge Gottes sich nicht mehr konsequent um die Welt kümmert, weil es jenem mit den Jahrtausenden unfrucht­ baren Schauen-Müssens des Furchtbaren einfach zu blöd wurde, scheint nicht die sinnloseste aller Erklärungen zu sein. Kehren wir zu jenem Jesus von Nazareth zurück, nach dem sich die Christen benennen und auf den sie sich zuweilen auch berufen, wäre


a­ ufgrund seiner Sicht eine neue Sicht auf die Sicht Gottes zu gewinnen. Und zugleich die Hoffnung, dass mit der Erfahrung des ganz Anderen der Mensch eine Perspektive erhielte, die nicht nur ihm selbst, sondern auch den anderen Menschen das Leben vereinfachen würde. Wesentlich dabei wäre die Initialeinsicht, dass eine neue Perspek­ tive sich nicht machen lässt, denn die Optik, mit der wir eingestellt wurden und uns eingestellt haben, lässt sich willentlich kaum wesentlich verändern. Nicht erst der Patientenaufnahmestopp vieler Therapeuten könnte dies deutlich machen. Eine neue Perspektive kann nur gewonnen werden in der Auseinandersetzung mit etwas, das solche Perspektiven verleiht. Die Maschine misst, zwingt und fordert, womit die Optik nicht ­geschärft, sondern lediglich verhärtet wird. Die Erfahrung gewährten Lebens könnte ­allerdings so überraschend sein, dass ein Perspektiven­ wechsel möglich würde. Gewährtes Leben ereignet sich meist akzidentiell: Ein heil überstandener Unfall, die Geburt eines Kindes, Rettung aus verheerender Krankheit. Meist zieht der Alltag verhältnismässig zügig nach und damit auch die gängige Perspektive, dass das Leben doch nicht gewährt sei, sondern das, was wir daraus ­machen: Ein noch sichereres Auto, Frühförderung des Nachwuchses, mehr Bewegung im Büro. Eine neue Perspektive zu gewinnen hiesse, sich ­wesentlich


darauf einzulassen, dass es überhaupt eine neue Perspektive gibt, die zwar ausserhalb meiner Reich- und Sichtweite liegt, dennoch aber nicht unerreichbar bleiben muss. Jener Jesus von Nazareth, von dem auch schon die Rede war und nach dem sich eine ­Bewegung anfänglich sehr bewegter Menschen nannte, deren Entwicklung in die Statik ihm aber wohl eher Anlass zur Sorge denn zur Freude gab, jeder Jesus von Nazareth also kam nicht in eine Welt, die nach neuer Sichtweise lechzte, und auch nicht in eine Welt, die so gottser­ bärmlich schlecht war, dass Gott sich erbarmen musste. Sie war, was sie schon damals und auch heute noch immer war: Ein Tummelplatz derer, die im Begriff sind, sich zu entscheiden, ob sie lieber fressen oder gefressen werden wollen. Ohne Einladung jedoch und ganz ohne Begeis­ terung derer, die schon damals lieber frassen, kehrte er die Welt auf den Kopf und verkündigte ­ einen Gott, dessen Auge liebevoll und nicht strafend blickt, der kein Interesse am Peinigen der Misse­t äter bekundet und auch nur wenig dazu geneigt ist, das irdisch Vorherrschende trans­zen­ dent zu ­legitimieren. Überhaupt würde er, ­meinte jener Jesus, eher Mühe bekunden mit der herrschenden Form des Herrschens, und wer ihn sich als herrschaftlich Thronenden zwischen Myriaden beflügelter Engel vorstelle, der unterläge dem


a­ kuten Irrtum einer Projektion. Das allsehende ­Auge sieht zwar alles, aber es zieht das Schauen dem Sehen vor. Und es schaut am liebsten dorthin, wo sonst nur weggeschaut wird, es entzieht seinen Blick nicht dem Elend und lässt sich nicht beelenden von der immerwährenden Korruption dessen, was als Schöpfung im Ursprung nicht nur gut gemeint war, sondern gut gemacht. In der Person jenes Jesus von Nazareth erhält das Auge Gottes andere, überraschende ­Konturen. Er lebt Gott als den ganz Anderen und gewährt Erfahrungen, die kreativ am Menschen arbeiten. Etwa jener Frau, die, so ist zu vermuten, beim inszenierten Ehebruch erwischt wird und nun gesteinigt werden soll (Joh 7,53ff). Natürlich habe sie gesündigt, meint Jesus, zu dem sie gezerrt wird, um mit ihr gleichzeitig auch noch ihn loszuwerden, aber gäbe es denn jemanden, der, er sich selbst schauend, etwas Besseres sähe? Und der aufgebrachte Mob lichtet sich. Was aus der Frau wurde, wissen wir nicht, aber der Satz mit den ersten Stein wurde legendär, weil er tatsäch­ lich Augen öffnet. Gott schaut anders, als es zu erwarten wäre. Selbst anders, als er zu schauen das Recht hätte. Und auch anders, als wir es uns in den kühnsten Träumen erhofften. Es ist nicht die Monoperspektive von multa nova, auch nicht das auf Wahrung des Seienden geeichte Rechtsdenken von Tun und entsprechendem Ergehen, erst


recht nicht der biedermännische Kontrollblick unter die Bettdecke des Intimen, so anstössig ­dieses zuweilen auch sein mag. Die Erfahrung des ganz Anderen zeigt sich vielleicht und vielleicht sogar am ehesten in der Träne, die sich vom Auge jenes Jesus löste, als es darum ging, den toten Lazarus ins Leben zurück zu holen und sich die Zuschauerschaft nicht davon abbringen liess, ihn daran zu hindern. «Er riecht schon» (Joh 11,39), raunten sie ihm zu, als ob er das nicht schon selbst gerochen hätte. Eine neue Gerechtigkeit lässt sich nicht von multa nova ablichten und dem Menschen unter dem Vorwand von Recht und Ordnung als finanziellen Gewinn bei Vermeidung drohender Strafen verkaufen. Das Gute braucht keine zusätzliche Moti­vation, es reicht bereits, dass es gut ist, denn es ist immer gut, Gutes zu tun. Dies freilich war auch jenem Jesus bewusst, und darum hat er nie Wohlanständigkeit gepredigt, sondern eine ­radikal lebensbejahende Ethik, die die Moral des biederen Gutbürgers bei weiten übertraf, so sehr, dass ­seine Hörer sich allen Ernstes fragen mussten, wer denn solches überhaupt zu tun vermöge. Niemand, meinte er, ausser jenen, die sich die Perspektive des Auge Gottes gewähren lassen und dem Sein den Vortritt vor dem Zählen geben, dem Neu­ werden vor dem Bestandeswahren, der Kreati­vität vor dem Abgleich des Geschuldeten. Sie also,


­ enen es ihr Vertrauen in jenen Jesus ermöglichte, d dem Anspruch des Lebens mehr zu folgen als ihrer Furcht vor dem Tod. Denn was ist schon Leichenmoder für das Auge dessen, der mit den Planeten jongliert? Christoph Schluep


Jörg Scheller: geboren 1979 in Stuttgart, ­studierte Kunstgeschichte, Philosophie, Medien­ kunst und Anglistik. 2011 wurde er an der ­Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe mit einer geisteswissenschaftlichen Studie über Arnold Schwarzenegger 2011 promoviert. Seit 2012 ist er Dozent für Kunstgeschichte und Kultur­ theorie an der Zürcher Hochschule der ­Künste. Er forscht zu Körperkultur mit Schwerpunkt Body­building, Ausstellungsgeschichte, Popkultur und Popmusik. 2013 kuratiert er im Auftrag der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia das offizielle Rahmenprogramm des Schweizer Pavillons auf der 55. Biennale von Venedig. Christoph Schluep-Meier: geboren 1970, Dr. theol., VDM, studierte evangelische ­Theologie in Zürich und St. Andrews (Schottland). Er ist Pfarrer der evangelisch-methodistischen Kirche in Zürich 4.


Altstätten SG, Stossstrasse Arbon TG, Bahnhofstrasse Baar ZG, Aegeristrasse Basel, Wettsteinallee Bolligen SG, Uznacherstrasse Dietikon ZH, Überlandstrasse Dübendorf ZH, Lagerstrasse Egnach TG, Buch Frasnacht TG, Buch 14 Grafenort OW, Hauptstrasse Heiden AR, Gruberstrasse Hinwil ZH, Winterthurerstrasse Kemmental TG, Bommen Liebefeld BE, Hessstrasse Liestal BL, Fraumattstrasse Lungern OW, Brünigstrasse Luzern, Hirtenhofstrasse Luzern, Langensandstrasse Mönchaltdorf ZH, Esslingerstrasse Neukirch TG, Amriswilerstrasse Reinach BL, Aumattstrasse Reinach BL, Fleischbachstrasse St. Gallen, Langgasse Steinach TG, Hauptstrasse Steinhausen ZG, Blickensdorferstrasse Uster ZH, Aathalstrasse Wabern BE, Kirchstrasse Winterthur, Steigstrasse Winterthur, Tösstalstrasse

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Zürich, Talstrasse Zürich, Winterthurerstrasse Zürich, Zeltweg

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Danksagung: Sabine Bugglin-Liechti Petra Allemann, Walter Allemann, Astrid ­Bugglin, Peter Bugglin, Wilfried Keller, Roland ­Krauer, ­Emanuel J. Kuhn, Familien Lauchenauer und ­Liechti, Dani Linder, Melanie Mock, Rolf ­ Rellstab, Nico Schärer, Jörg Scheller, Christoph Schluep, Marius Viselka, Reto Winkelmann, Andy Zimmermann © 2013 Frederik Bugglin / die Autoren frederikbugglin.ch



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