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Veröffentlicht Privatsphäre im Wandel

Diplomarbeit von Frauke Bönsch


Das menschliche Individuum wird zunehmend auf eine Projektion seines Datenprofils reduziert: Zu jedem Bürger existieren mittlerweile umfangreiche Datensammlungen, die nahezu jeden Aspekt des Lebens abdecken. Mit ELENA wird von rund 40 Millionen Arbeitnehmern ein detailliertes Profil rund um Job, Krankheit, Religion und Gewerkschaftstätigkeiten angelegt. Die elektronische Gesundheitskarte soll den Patienten gläsern werden lassen. Mit dem elektronischen Personalausweis soll der Bürger seine biometrische Identität preisgeben. Dazu kommen privat geführte Datenbanken von Scoring-Unternehmen, der Versicherungswirtschaft und Adressbrokern. Die Zusammenführung all dieser noch getrennt vorliegenden Datensammlungen zu einem Mega-Profil ist der Traum nicht nur der Wirtschaft - die Option der vollkommenen Überwachung weckt auch Begehrlichkeiten beim Staat. Die Möglichkeit, komplette digitale Identitäten zu stehlen, eröffnet ein weites Feld neuer Formen von Kriminalität.

The human individual is reduced to the projection of his data profile in an increasing fashion: For every man in this country there exists now an extensive data collection covering almost every aspect of life. In Germany, recently ELENA was created, and with it a detailed profile for about 40 million workers including job, illness, religion and trade union activities. The electronic health card strips away the patients privacy. With the electronic identity card, citizens will be forced to also pass over biometric identity data. Added to this, there is a growing number of private databases run by scoring companies, the insurance industry, and address brokers. Today, these databases are still separated – yet, many businesses would dream of combining these to provide a total view over each and every consumer/citizen. Of course the idea of perfectly monitoring all citizens also arouses desires within the government and state institutions. The ability to steal complete digital identities opens up a wide field of new forms of crime.


Das Web 2.0 mit seinen sozialen Netzwerken bietet Menschen völlig neue Ausdrucksmöglichkeiten. Die Hemmschwellen für Kommunikation sinken, auch schüchterne Zeitgenossen finden im Netz jemanden, der ihnen zuhört. Die völlige Öffnung Fremden gegenüber birgt auch Risiken: Die Sicherheit, vom heimischen Wohn- oder Kinderzimmer aus anscheinend anonym agieren zu können, trügt. Die wahren Absichten des Kommunikationspartners bleiben oft im Dunklen. Die heile Online-Welt ist zerbrechlich - wo schwache Menschen sich emotional entblößen, ist Psychoterror nicht weit. Einmal ins Internet gestellte private Informationen sind nur schwer wieder aus diesem zu entfernen und bieten Angriffsfläche für Mobbing und Stalking. Einer 2009 durchgeführten Studie der Universität Koblenz-Landau zufolge werden fünf Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland regelmäßig Opfer von Cybermobbing. Besonders häufig betroffen: Grundschüler.

The Web 2.0 and its social networks offer completely new methods of expression for individuals. Inhibiting barriers to communicate are dropping; even shy persons could find someone in the web who will listen to them. Opening up to strangers is not without risk, though: The security and anonymity the room at home appears to provide is a false one. The true intentions of communication partners often remain in the dark. The ideal online world is fragile – where faint people are emotional and psychological terror is often waiting around the corner. Once private information has been published on the Internet, it is difficult to get it removed again, offering ground for harassment and stalking. According to a 2009 study of the University Koblenz-Landau, about five million students in Germany become victims of cyber bullying on a regular basis. Most often affected: primary school students.


Die Kameraüberwachung im öffentlichen wie im privaten Raum boomt. Kameraaugen zeichnen jeden unserer Schritte auf. Führend in der Videoüberwachung ist London. Bereits 2008 waren 4,5 Millionen Kameras installiert, eine auf 13 Bürger. Staatliche Kampagnen werben mit Motiven wie den „Allsehenden Augen“ für Akzeptanz. Im Londoner Stadtteil Shoreditch gibt es Überwachung zum Mitmachen: Über das Fernsehen empfangen dort über 20.000 Menschen ihren eigenen CCTV-Kanal, gespeist aus Kameras auf Straßen und in Hauseingängen. Einschaltquoten von über 40% zeigen, dass die Überwachung der Mitmenschen schnell zum Volkssport werden kann. Die Kriminalität gesenkt haben die milliardenschweren Investitionen in Überwachungstechnik in Großbritannien aber nicht. Scotland Yard erklärte bereits 2008 die Videoüberwachung zum „völligen Fiasko“. Kameras werden dennoch weiter installiert.

Camera surveillance in public and private space is booming. Camera eyes record our every move. A leader in video surveillance is London. In 2008, over 4.5 million cameras were installed, one per 13 people. State campaigns started to advertise for acceptance using motifs such as the „All-seeing eye“. In the London district of Shoreditch anyone can join the observation: Using their TV sets, more than 20,000 people can see their own CCTV channel, fed by cameras on streets and in doorways. Viewer levels of over 40% show that the observation of others may become a popular sport quickly. The core goal of the measure, however, has not been reached: Lowering criminality. Scotland Yard already in 2008 called the video surveillance a „complete fiasco“. And yet: the trend to install even more cameras still lives on.


Eine zwischen 1982 und 2006 in den USA durchgeführten Studie der San Diego State University ergab, dass junge Menschen heute die narzisstischste Generation seit 25 Jahren darstellen: Nie zuvor wurden Fragen wie „Ich stehe gerne im Zentrum der Aufmerksamkeit“ häufiger positiv beantwortet. Das Web 2.0 bietet Möglichkeiten, das zur Schau getragene Selbstbild umfassend zu gestalten. Bewusste Tabubrüche ermöglichen es jedem, ein Stückchen Aufmerksamkeit und Ruhm zu erhalten. Dabei gilt das, was von Mediengesellschaft und „Big Brother“ vorgelebt wurde: Wer sich nicht möglichst auffällig oder attraktiv darstellen kann, ist ein Loser. Der Druck ist groß, ist die Aufmerksamkeit Einzelner und der Medien doch begrenzt. Wie jede Lotterie macht auch diese die Mehrzahl ihrer Teilnehmer zu Verlierern. Für die gibt es im Netz dann allerdings eine nahezu unerschöpfliche Ressource: Spott und Hohn.

In a study conducted by the San Diego State University between 1982 and 2006 showed that today‘s young people are the most narcissistic generation in 25 years: never before have questions such as „I like to become the focus of attention“ been answered positively with such a high frequency. The Web 2.0 offers ways to design, style and fake the selfperception presented to the outside world. Violating taboos here and there allows anyone to generate attention, and preferably even earn some fame. The role-models are presented by our media-centric society and shows like „Big Brother“: If you aren‘t flashy, attractive or special in some weird form, you are a loser. There is a big pressure to attract attention, while the span of attention of individuals and the media is limited. Like in any lottery, the majority of participants will lose. Losers however will find an almost inexhaustible resource on the Internet in the end: scorn and mockery.


Als die Zeitschrift „EMMA“ im Jahr 2001 ihren Leserinnen Tipps gab, wie sie die PCs ihrer Ehemänner ausspionieren konnten, wirkte das noch skurril. Heute ist die heimliche Überwachung des Beziehungspartners jedoch Alltag geworden. Unzählige kommerzielle Überwachungsprogramme für PCs sind im Angebot. Es gibt Handywanzen und die Möglichkeit der GPS-Ortung des Partners. Zahlreiche kommerzielle Anbieter werben unverblümt für den Kauf immer kleinerer getarnter Minikameras. Einst ausgeprägte moralische Hürden bei der Überwachung der Liebsten fallen mit der voranschreitenden Technisierung - das Durchführen einiger Mausklicks erfordert weit weniger Überwindung als die Beauftragung eines Privatdetektivs. Spionage kann aus Zweifeln Gewissheit werden lassen. Unzweifelhaft zerstört sie aber das, was die meisten Menschen als den Grundpfeiler einer gesunden Beziehung bezeichnen: Das Vertrauen.

When in 2001, the german emancipatory magazine „EMMA“ provided its readers with hints on how they could spy their husband‘s PCs, most people still found this quite bizarre. Today, secretly observing a partner during a relationship has become a common thing. A countless number of commercial observation programs for PCs are on offer. There are cell phone bugs, and GPS allows for tracking the partners location. Numerous commercial suppliers openly advertise the exciting possibilities purchasing spy cameras would bring. Once strong moralities and ethical values concerning the observation of loved ones have fallen victim of technological progress - while hiring a private investigator costs quite an effort, performing some mouse clicks is a much easier thing to do. Espionage surely can convert doubts to certainty. Without doubt though, it also helps destroying what most people regard to as the core of a healthy relationship: trust.


Impressum Diplomarbeit „Veröffentlicht – Privatsphäre im Wandel“ Konzept, Fotografie und Gestaltung: Frauke Bönsch Kontakt: Frauke Bönsch Mainzer Straße 40 55411 Bingen am Rhein fh@fash.de Alle auf diesem Internetangebot gezeigten Bilder und Texte unterliegen dem Urheberrecht (Copyright). Eine Vervielfältigung oder Verwendung der Lichtbilder, Texte und Seiten (oder Teilen davon) in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen und deren Veröffentlichung (auch im Internet) ist nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung von Frauke Bönsch gestattet.



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