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Verpackungsmaterialien – die Qual der Wahl VERPACKUNG Täglich erleichtern Verpackungen unser Leben. Güter werden einfacher tragbar, Lebensmittel halten länger. Ein Wein kann während Jahren in einer Glasflasche reifen und während der Lagerung immer besser werden. Der Begriff «Verpackung» beinhaltet aber nicht nur das Packgut, sondern alles, was dazu dient, eine Ware so zu verpacken, dass sie bis zum Gebrauch keinen Schaden erleidet. VON HEINZ URBEN ■■Welche

Voll- und Wellkartons sind gut bedruckbar, eignen sich zur Produktpräsentation, dienen als Schutz und können mehrmals rezy­ kliert werden.

© Model AG, Weinfelden

Packstoffe (Verpackungsmaterialien) können für die optimale Verpackung eingesetzt werden? So einfach die Frage erscheint, so vielschichtig sind die Antworten. Moderne Verpackungen sind hoch entwickelte Produkte und Systemlösungen. Im Globalisierungszeitalter werden Güter um die halbe Welt geschickt. Produziert wird dort, wo Arbeitskraft und Know-how in genügender und bezahlbarer Menge vorhanden sind. Die Märkte sind auf der ganzen Welt verteilt, und so werden Güter mit Überseecontainern über die Meere verschifft, mit Lastwagen in die Binnenländer verteilt, um irgendwann im Regal oder als Postpaket bei den Konsumenten zu landen.

Was eine Verpackung alles können sollte Eine Verpackung bietet Schutz, erleichtert die Lagerung und den Transport. Zudem zeigt sie Hinweise für den Einsatz auf, bietet Informationen bezüglich Haltbarkeit und Fälschungssicherheit und oft ist eine Erstöffnungsgarantie «eingebaut». Sie wirbt mit ihrem Äusseren für den Inhalt und bietet mit eingebauten Griffen oder Tragehilfen Erleichterung beim Handling. Sind alle diese Anforderungen erfüllt, soll die Verpackung idealerweise nochmals genutzt oder zumindest einfach rezykliert werden können.

Papier, Karton, Pappe Packstoffe auf Papierbasis kommen als Primärverpackung für trockene Güter zum Einsatz. Meist werden sie für Sekundär- und Tertiärverpackungen eingesetzt. Der nachwachsende Rohstoff Holz kann im Herstellprozess mit Recyclingmaterial ergänzt werden. Die Recyclingrate von Papier, Karton und Pappe bewegt sich in

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der Schweiz seit Jahren im Bereich von 80% (Quelle: swissrecycling. ch). Papiere überzeugen mit einer guten und problemlosen Bedruckbarkeit und der Möglichkeit von

«Moderne Verpackungen sind hoch entwickelte Produkte und Systemlösungen. Die Herausforderung: den optimalen Werkstoff ­dafür zu finden.» zahlreichen attraktiven Veredelungsmöglichkeiten. Papierähnliche Packstoffe sind vielseitig in Oberfläche, Farbe, Haptik, Dicke und Formaten.

Packstoffe, die auf Holz basieren, sind feuchtigkeitsempfindlich und haben nur beschränkte Barriereeigenschaften. Diese Nachteile können in Kombination mit Verbundmaterialien (Kunststoffe und Aluminium) eliminiert werden.

sierten Druckfarben selbstverständlich. Iris Brugger, Leiterin Marketing & Kommunikation Model AG, ist überzeugt, dass diesem Material fast keine Grenzen gesetzt sind. So eignen sich Voll- und Wellkarton für zahlreiche Lösungen wie Transport- und Versandverpackungen, Displays für den Abverkauf am POS sowie Produktkartons für die Kosmetik-, Parfumund Lebensmittelindustrie.

Voll- und Wellkarton

Papiere mit integrierten Die Firma Model AG in Weinfel- Schaltungen den setzt mehrheitlich Voll- und Wellkarton für Verpackungen ein. Diese Materialien bieten vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten. Verpackungen aus Karton erfüllen hohe Anforderungen an die Stabilität und können exakt auf Mass gefertigt werden. Je nach Motiv und Auflage können sie mit unterschiedlichen Druckverfahren bedruckt werden. Einschränkungen gibt es dabei fast keine. So ist im Food-Bereich das Bedrucken mit lebensmitteltauglichen, wasserba-

Packstoffe, die auf Holz basieren, sind für Denis Heiniger, Leiter Business Development, Antalis AG, Lupfig, stabile und preiswerte Materialien. Für ihn gehören auch Spezialmaterialien für den Korrosionsschutz oder zur Ladungssicherung zum Verpackungsmaterial. Als Besonderheiten hebt er Spezialitäten wie die Black Range hervor oder witzige und auffallend farbige Luftpolstertaschen. Neuheiten sind die Kreativpapiere von Keaykolour, Curious und Conqueror.

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mit dem Gmund Colors System erreicht werden. Zudem bietet Papyrus unter der Dachmarke Specials® Feinpapiere an, die zunehmend Einsatz bei edlen Verpackungen für Luxusgüter finden.

© Wipf AG, Volketswil

Gold für eine «Belle-Epoque»Verpackung

Verbundmaterialien schützen aromatische Stoffe wie Kaffee am besten. POWERCOAT®ALIVE ist das weltweit erste ready-to-use NFCPremiumpapier, das Print- und Online-Technologie smart verbindet. Im Papier eingearbeitete Chips liefern Informationen von der Verpackung direkt auf ein NFC-fähiges Smartphone oder Tablet.

Edel verpackt mit hoch­ wertigen Materialien

© S. Martinoli/Senz’acca Design

Mit Invercote G führt die Papyrus Schweiz AG in Thalwil einen Dau-

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erbrenner im Sortiment für hochwertige Verpackungsmaterialien. Für Melanie Imper, Leiterin Marketing und Kommunikation, ist Invercote der Karton für edle Verpackungen schlechthin. Der ausdrucksstarke Kraftzellstoffkarton FoldKraft™ hingegen zeichnet sich durch gelebte Nachhaltigkeit aus. Bis zu 15% wiederaufbereitete Fasern kommen zum Einsatz und setzen Zeichen. Perfekte Farbkombinationen können

«Ich bin natürlich ein Papiermensch», sagt Stefano Bosia, Head of Sales & Marketing der Fratelli Roda SA in Taverne, von sich. Kein Wunder, arbeitet er doch jeden Tag mit Papier und Karton. Er ist überzeugt, dass diese Packstoffe die umweltfreundlichsten und verantwortungsvollsten Materialien sind. Zudem sind sie ein wichtiges Kommunikationsmittel, machen das Produkt und die Marke erkennbar und vermitteln alle wichtigen Informationen zum Inhalt.

Glas ist geschmacksneutral Nebst Quarzsand wird für die Herstellung von Getränkeflaschen bis zu 60% Altglas eingesetzt. Bei grünen Flaschen können dies bis zu 95% sein. Glas hat bei den Konsumenten einen guten Ruf. Es wird als hochwertig angesehen und als umweltbewusster, hygienischer und recyclingfähiger Packstoff. Bei Kunststoffverpackungen mit flüssigem Inhalt können Stoffe gelöst werden und in die Flüssigkeit übertreten. Bei Glasflaschen gibt es keinen Austausch zwischen

Als Basis für die Retro-Verpackung, «Cima Norma», diente ein Chromo­ sulfatkarton (GZ). Die Verpackungs­ lösung wurde mit der Goldmedaille am Swiss Print Award 2018 in der Kategorie Packaging ausgezeichnet.

Inhalt und Verpackung. Glas ist und bleibt geschmacksneutral.

Holz Verpackungen aus Holz sind meist Paletten oder Kisten. Mit Sonderkonstruktionen können besonders sensible oder sperrige Güter verpackt werden. Zusätzlich können Elemente wie Datenlogger eingebaut werden. Diese überwachen die Belastungen des Packgutes während dem Transport. Weiterhin können individuelle Einbauten das Produkt fixieren und sicherstellen, dass der Inhalt unterwegs nicht beschädigt wird. Verpackungen, die auf Holz

«Die Verpackung soll zunehmend weniger Anteil am Produkt haben, gleichzeitig aber immer komplexere Anforderungen erfüllen können.» basieren, werden nachhaltig gewonnen, können einfach bearbeitet und rezykliert werden, sind aber feuchtigkeitsempfindlich.

Kunststoffe Basis zur Herstellung von Kunststoffen ist meist Erdöl. Im Verpackungsbereich finden PE, PP, PET und PS am häufigsten Verwendung. Polyamide (PA) besitzen gute Barriereeigenschaften gegenüber Feuchtigkeit und Sauerstoff, weisen eine gute mechanische Festigkeit auf und werden daher oft zur Herstellung von Verbundstoffen eingesetzt. Polyethylene (PE) werden für die Herstellung von Folien und Flaschen eingesetzt. In Verbundmaterialien wird PE gerne als Siegelschicht für das Versiegeln von Behältern genutzt. Polyethylenterephthalat (PET) ist transparent, glänzend und überzeugt mit guter Bedruckbarkeit. PET wird für die Herstellung von Getränkeflaschen eingesetzt. Polypropylen (PP) trägt dank der guten mechanischen Eigenschaften dazu bei, dass Packungen gut geöffnet werden können. Zudem weist PP gute Barriereeigenschaften gegen Feuchtigkeit auf. CPP ist zudem ein gutes Siegelmedium

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tigkeit geht, muss immer das Ganze betrachtet werden. So haben beim Transport flexible Verbundstoffverpackungen die Nase vorne. Sie sind kleiner, leichter und lassen sich platzsparend stapeln. Beträgt der Verpackungsanteil bei Glasverpackungen rund 50%und bei Konservendosen gut 25%, weisen flexible Verbundstoffverpackungen einen Anteil von nur 5% auf.

Zuckerrohr

Holzfasern

Zuckerrohr

Deckel und Beschichtung aus Zuckerrohr

und wird vor allem bei Produkten, die sterilisiert werden, eingesetzt. Polystyrol (PS) ist als Folie hochtransparent und dimensionsstabil. Aufgeschäumt (Styropor) wird es zum Schutz von zerbrechlichen Gütern eingesetzt. Hart-PVC wird häufig für Blister und Trays eingesetzt, da es gute Barriereeigenschaften gegen Sauerstoff und Aromastoffe besitzt.

© Tetra Pak (Schweiz) AG,

Glattbrugg

Aufbau einer Tetra-Pak-Lösung basierend auf nachwachsenden Roh­stoffen

riere (Licht, Sauerstoff, Feuchte) und schützt das Kaffeearoma. Wenn es um nachhaltige oder klimaneutrale Verpackungen geht, haben Kunst- und Verbundstoffe einen eher schlechten Ruf. Aus der Sicht von Karin Marino, Marketing Manager Wipf AG, ist der schlechte Ruf der Verbundstoff­ verpackungen keineswegs gerechtfertigt. Denn wenn es um Nachhal-

Tetra Pak hat bereits 2011 begonnen, bio-basierte Kunststoffe auf Basis von Zuckerrohr für die Beschichtung der Getränkekartons und der Verschlüsse einzusetzen. Für Dr. Josef Meyer, Commercial Director Tetra Pak (Schweiz) AG, ist das langfristige Ziel, dass alle Verpackungen von Tetra Pak aus bio-basierten Materialien hergestellt werden. Die bio-basierten Verschlüsse bestehen aus brasilianischem Zuckerrohrethanol und sind funktionell wie herkömmliche ölbasierte Kunststoffkappen. Sie weisen aber einen deutlich geringeren CO2Fussabdruck auf. Wichtig ist, dass die Recyclingfähigkeit nicht beeinträchtigt wird, da die bio-basierten Materialien ohne Einschränkungen zusammen mit herkömmlichen Polymeren verarbeitet werden können. Die Fibre-Evolution-Anlage von Model AG, Weinfelden, verarbeitet Getränkekartons und schwerlösliche Papiere zu Wellkar-

tonpapieren und nutzt so wertvolle Rohstoffe mehrmals.

Metalle Aluminium ist lichtdurchlässig, hat aber hervorragende Barriereeigenschaften gegen Sauerstoff und Feuchtigkeit. Deshalb wird es oft im Bereich der Lebensmittelund Pharmaverpackungen eingesetzt. Auch die Recyclingeigenschaften überzeugen. Die Weissblechdose gehört zu den Klassikern unter den Verpackungen. Als Konservendose verhilft sie dazu, Lebensmittel über einen sehr langen Zeitraum haltbar zu machen. Durch die hervorragenden Eigenschaften als Licht- und Sauerstoffbarriere wird Weissblech darüber hinaus oft für das Verpacken von Farben und Lacken verwendet. Wie Aluminium lässt sich Weissblech nahezu ohne Qualitätsverluste wiederverwerten.

Verpackung in der Zukunft Die Anforderungen an eine Verpackung sind äusserst vielfältig. Immer neue Wünsche von Anwendern und Verbrauchern müssen erfüllt werden. Trotz der komplexen Anforderungen soll die Ver­ packung immer weniger Anteil am Produkt haben. Sie soll minimale Kosten und möglichst keine ökologischen Belastungen verursachen. Keine leichte Aufgabe für die Verpackungsbranche, die auch in Zukunft innovativ und flexibel auf die Marktbedürfnisse eingehen muss. n

Verbundmaterialien Packgüter erfordern oft eine Reihe unterschiedlicher Schutzeigenschaften. Damit die Verpackung allen gerecht wird, kommen Materialien mit verschiedenen Eigenschaften kombiniert und im Verbund zum Einsatz. Um die gleiche Eigenschaft mit Monomaterialien zu erhalten, müsste in den meisten Fällen deutlich mehr Material aufgewendet werden. Auch Verbundstoffe lassen sich über moderne Anlagen recyceln, sind aber immer noch eine Herausforderung. Die dabei gewonnenen, getrennten Ausgangsmaterialien können wiederverwertet werden.

Es ist nicht so, wie es auf den ersten Blick erscheint Je nach Anforderung kommen unterschiedliche Verbunde zum Einsatz. Für Kaffee wird oft ein Verbund von PET/ALU/PE eingesetzt. Aluminium ist eine sehr gute Bar-

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Verpackung

Die gezielt angebrachte und lösbare Umhüllung eines Produkts

Packstoff

Werkstoff, aus dem Packmittel und Packhilfsmittel bestehen

Packgut

Das zu verpackende oder bereits verpackte Gut

Packmittel

Hauptbestandteil der Verpackung, welche das Packgut aufnimmt

Packhilfsmittel

Teile der Verpackung, die gemeinsam mit dem Packmittel die Hauptfunktionen einer Verpackung abdecken (Polstermaterial, Klebeband, Verschlüsse)

Packstück

Zusammengefasste Versand- oder Transporteinheit

Packung

Das verpackte Gut als Einheit

Primärverpackung

Bonbonverpackung mit Direktkontakt

Sekundärverpackung

Schlauchbeutel mit verpackten Bonbons

Tertiärverpackung

In Faltschachtel verpackte Bonbonbeutel

Einwegverpackung

Wird nach Gebrauch dem Recycling zugeführt

Mehrwegverpackung

Wird vom Hersteller oder Händler zurückgenommen, gereinigt, neu gefüllt und wieder eingesetzt (Weinflaschen, Tonerkassetten)

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Dossier Verpackungen und Display

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