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KOLUMNE

ZITTY DESIGN BUCH 2011

DEINS MEINS UNSERS

zitty-Redakteurin Franziska Klün weiß, wie es sich mit fremden Möbeln lebt – seit zwei Jahren wohnt sie mit einem Mann zusammen. zitty editor Franziska Klün knows how to live with unfamiliar furniture. She’s been living with a man for two years.

YOURS MINE OURS WENN EIN PAAR ZUSAMMENZIEHT, PRALLEN STILWELTEN AUFEINANDER, WEISS FRANZISKA KLÜN FRANZISKA KLÜN KNOWS THAT WHEN A COUPLE MOVES IN TOGETHER, STYLES CAN CLASH Text FRANZISKA KLÜN Photography ACHIM HATZIUS

Es gibt eine Menge kluger Sätze, die bei der Partnerwahl Orientierung bieten sollen. Einer der bekanntesten geht so: Gegensätze ziehen sich an. Ich halte diesen Satz für ganz großen Quatsch, zumindest für mich, zumindest was das ästhetische Empfinden angeht. Lerne ich einen interessanten Mann kennen, den ich mag, der mich mag, kommt es irgendwann zu einem entscheidenden

Moment: Ich besuche diesen Mann zu Hause. Schon der erste kurzweilige Streifzug durch seine Räumlichkeiten kann alles bestätigen. Oder alles zerstören. Seit zwei Jahren wohne ich mit einem Mann zusammen. So einige Momente unseres Kennenlernens sind bereits in den Tiefen meines Gedächtnisses vergraben und nicht mehr abrufbar, doch an den ersten Besuch in seiner Wohnung kann ich


COLUMN

mich genauestens erinnern. Denn: Ich betrat den Flur und sah den alten Rollschrank. Ich betrat das Schlafzimmer und sah die alte Waschkommode mit Marmorplatte und Spiegel. Ich betrat die Küche und sah den Holztisch, Typ Jugendstil, daneben zwei passende Stühle mit gewebter Sitzfläche, darüber eine Lampe aus weißem Porzellan, alles vor einer grasgrünen Wand. Ich sah all das und damit war klar: Dieser Mann macht es sich schön, er ist bereit, in Möbel zu investieren, und vor allem: Er besitzt ein Stilempfinden, das meinem ähnlich ist. Nun wäre es vielleicht etwas viel der Interpretiererei, zu behaupten, ich hätte in dem Moment bereits bewusst untersucht, ob das Zusammenziehen mit diesem Mann ein Einfaches sein oder in endlosen Diskussionen enden würde. Ob ich mich mit diesen Möbeln wohl fühlen könnte. Vielleicht war das so. Ganz eventuell. Ich weiß nur: Es war einfach. Ich fühle mich wohl. Auch wenn seine Möbel weiterhin seine sind, die Küche, in der vor allem seine Dinge stehen, mir fremder ist als das Wohnzimmer, in dem vor allem meine Möbel stehen. Irgendwie passte alles zueinander, wir brauchten kaum Neues, und der größte Teil, den wir brauchten, fehlt uns auch heute, zwei Jahre später, noch. Warum das wiederum so ist? Vielleicht weil wir jetzt, in der Post-Single-Ära, alles richtig machen wollen. Plötzlich scheint jede Investition wie eine fürs Leben. Ein einfaches Regal von Ikea kaufen? Viel zu langweilig. Da informieren wir uns lieber. Kaufen uns was richtig Schönes. Solange stapeln sich die Bücher eben in allen Ecken auf dem Boden oder werden in Kommoden verstaut.

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There’s no shortage of clever sayings to guide one’s choice of partners. One of the best known: Opposites attract. But I think that one is utter nonsense, at least for me, at least in terms of aesthetic sensibility. When I meet an interesting man, one I like, one who likes me, at some point we arrive at the crucial moment. I go to his place. Even the first, brief foray through his rooms can confirm everything. Or destroy everything. I’ve been living with a man for two years. A few moments of our getting to know each other are already buried deep in the recesses of memory and can’t be exhumed anymore, but I vividly remember the first visit to his apartment. Because: I walked into the hall and saw his old, movable cabinet. I went into the bedroom and saw the old chest of drawers with a marble top and mirror. I walked into the kitchen and saw the wood table, Jugendstil, next to two matching chairs with woven seats, above them a lamp made of white porcelain, everything in front of a grass-green wall. I saw it all and it was clear: This man knows how to live, he’s ready to invest in furniture, and above all. His sense of style resembles mine. Now it might be overinterpretation to say I was at that moment consciously investigating whether or not living together with this man would be simple or succumb to endless discussions. Whether or not I could feel comfortable with this furniture. Maybe that was the case. Just maybe. All I know is: It was simple. I feel comfortable – even if his furniture is still his, and the kitchen, mostly full of his things, is more foreign to me than the living room, which is mostly full of my things. Somehow, everything went well together. We needed hardly anything new, and most of what we needed is stuff we still need now, two years later. And why is that? Perhaps because now, in the post-single era, we want to do everything right. Suddenly, every investment feels like a lifelong commitment. Just buy a simple shelf from Ikea? Much too boring. We’d rather get information there, and then buy something really beautiful. Until then, the books will get piled in every corner or tucked away in drawers.


STIL

»Das Magazin wird nicht sterben« Herr Lombardo, worauf stehen Sie in Ihrem neuen Büro in Kreuzberg? Auf schwarzem Boden. Und schlecht restaurierten Kacheln. Sie sagten einmal, der Fußboden sei für Sie das Wichtigste überhaupt. Das Fischgrätparkett beispielsweise, das in Ihrem ehemaligen Büro in der Auguststraße auslag, war auf Dauer nicht akzeptabel, zu massentauglich, zu eindimensional. Manche unserer Leser werden nun glauben, Sie spinnen. Wirklich? Nun ja, ich arbeite ungern in Räumen, die vorgestaltet sind. Der Parkettboden in Mitte erlaubte mir keine Handlungsmöglichkeiten. Ich beziehe den Boden gerne in meine Arbeiten mit ein. Doch alles, was ich in der Auguststraße machen wollte, konnte diesen Boden und damit die beschauliche Mitte-Umgebung zerstören. Das gefiel mir nicht. Bevor Sie nach Berlin kamen, lebten Sie in Köln. Ihr Büro lag in der Kyffhäuser Straße, einer ziemlich unprätentiösen Ecke. Sie wollten nicht da sein, wo alle Grafikdesigner waren. Dann zogen Sie ausgerechnet nach Berlin-Mitte. Wurden Sie schlecht beraten? In Köln habe ich mich sehr wohl gefühlt, doch mein Alltag veränderte sich komplett. Ich war viel unterwegs, hatte einen Lehrauftrag in Bremen, arbeitete in Berlin für die Zeitschrift „Liebling“. Ich bin nur noch zum Schlafen nach Hause gekommen, per Telefon versuchte ich, Leben und Büro zu organisieren. Irgendwann kam mir die Idee, eine Art Farmleben zu führen: Alle leben und arbeiten unter einem Dach, kochen zusammen. Nicht nur meine Familie, sondern das ganze Büro. Die Leute, die für mich arbeiten, sind schon ewig bei mir. Das einzige, was wir bekamen, was groß genug war und mit Garten, lag in der Auguststraße. Mir war bewusst, dass das genau die falsche Ecke ist. Sie sagen, Sie sind gerne der Außenseiter, Sie hätten nicht den Anspruch das klischeehafte Designerleben zu leben. Wenn man Sie anschaut, erschließt sich einem dieser Unter-

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schied nicht auf Anhieb – die Brille, der Bart, der Mitte-Stil. Ist es die Sehnsucht nach treuer Gesellschaft, die Sie von der ewigjungen, rastlosen Designerszene unterscheidet? Ich bin ein Familienmensch. Vor den Leuten, die in meinem Büro sitzen, habe ich keine Geheimnisse, wir können uns auch mal nicht mögen. Das ist mehr als nur Arbeit oder nur Freundschaft. Der Kunstmarkt ist keine Inspirationsquelle für Sie, weil er zu kommerziell ist. Sie hassen das deutsche Grafikdesign von heute, weil es zu kommerziell ist. Verurteilen Sie Kreative, die Geld machen wollen? Wenn es ihnen nur ums Geld geht, ja. Darum sollte es im kreativen Bereich nicht alleine gehen, sondern auch um die Mission, etwas Besonderes zu machen. Allerdings bin ich nicht mehr ganz so extrem in meiner Einstellung. Ich habe festgestellt, dass es mir nicht mehr reicht, nur mit Gleichgesinnten zu spielen. Denn damit verändere ich rein gar nichts. Damit kreiere ich nur mir und dem Kunden eine tolle Arbeit. Was möchten Sie verändern? Gerade habe ich eine Kampagne für das KaDeWe gemacht, das macht auch Spaß. Die Budgets stimmen, man muss sich zwar bei vielen Entscheidungsgremien durchsetzen, aber am Ende erreicht man viel mehr Menschen. Ich will wissen, ob das, was ich für all die IndieMusik- und Modelabels mache, auch auf einem größeren Spielfeld funktioniert. Wann lehnen Sie Anfragen ab? Wenn ich mich mit einem neuen Projekt beschäftige, versuche ich zunächst zu hinterfragen, ob das, was der Kunde will, authentisch ist, oder ob er nur etwas anderes kopieren will. Ich will neue Dinge kreieren. Das wünsche ich mir auch von anderen Grafikdesignern. In Ländern wie Holland oder der Schweiz gibt es unglaublich tolle Gestalter. In Deutschland gibt es die auch, aber die wagen nichts Neues. Warum nicht? Das weiß ich nicht. Ich wundere mich selbst immer wieder. Ich lehre schon seit vielen Jahren an Universitäten,

habe viele talentierte Grafikdesignstudenten betreut. Sobald es ums Geldverdienen geht, machen sie das, was der Kunde will. Ich bin der Meinung, dass man im Dialog mehr schaffen kann. Der Kunde hat eine Vorstellung, der Designer interpretiert das und am Ende kommt etwas Besonderes dabei heraus. Mit den zitty-Modebüchern war das auch so: Das ist nicht mein Werk oder das Werk der zitty, das ist etwas gemeinsam Erschaffenes. Also sind es nicht die mutigen Kunden, die es nicht gibt, sondern die Grafikdesigner, die sich nicht trauen? Oder zu wenig Zeit haben, die sie investieren wollen. Womit wir wieder bei den Honoraren wären. Wir kriegen oft eine Pauschale, die muss erstmal stimmen. Wenn es länger dauert als ursprünglich kalkuliert, dann ist das schon okay, wenn es für das Ideal wichtig ist. Die Hauptsache ist immer, was am Ende dabei heraus kommt. Etwas, das für alle Seiten funktioniert und besonders ist. Der Durchbruch gelang Ihnen mit der „Spex“. Von 2001 bis 2005 waren Sie dort Art Director. Lesen Sie sie noch heute? Nein. Das fällt mir immer noch schwer. Und wenn sie Ihnen mal in die Hände fällt, was denken Sie? Manchmal werde ich wehmütig. Es war eine tolle Zeit. Gestalterisch finde ich sie etwas einfach, sie sieht immer ähnlich aus, lebt von der immer gleichen Fotografie. Ihrer Meinung nach ist die „Brand Eins“ eingeschlafen, „Vanity Fair“ war Ihnen zu laut und die „Wallpaper“ unmenschlich. Werden Sie auch positiv vom Zeitungsmarkt überrascht? Diese Zitate beziehen sich durchweg auf die Vergangenheit, bei der „Wallpaper“ sprach ich vom Ende der 90er Jahre, als das Magazin wirklich wichtig war. Aber es ist schon merkwürdig, ich habe mir immer einen Magazinladen gewünscht, in dem ich alles

Foto: Michael Mann

Grafikdesigner Mario Lombardo,Träger zahlreicher Designpreise und Gestalter des zitty-Mode- und Berlin-Buchs, hat eine Mission: Besonderes schaffen und sich dem Scannerleser widersetzen Interview: Franziska Klün


STIL

Ein Mann (li.) und sein Werk (re.): Mario Lombardo glaubt an den Papierliebhaber von morgen

finde. Nun gibt es zwei davon in Berlin, „Do You Read Me“ und „Motto“, und jetzt habe ich das Interesse verloren, weil ich nicht mehr suchen und entdecken kann. Es ist ja alles dort. Wenn ich dahin gehe, habe ich den großen Vergleich, und irgendwie sind sie alle ähnlich, da sticht nichts hervor. Es gibt so viele Indie-Magazine, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt. Deswegen kann ich nicht sagen, ob es ein aktuelles Magazin gibt, das gut ist, ich war zu lange nicht mehr da. Ohne mich selbst loben zu wollen, aber die „Liebling“ war schon was Besonderes, weil sie eine andere Haptik und Objekthaftigkeit hatte. Ihnen geht es um den Teil der Gestaltung, der sich dem Betrachter nicht immer auf den ersten Blick erschließt. Sind es nicht verschwindend wenige, die heute noch Tiefgründigkeit in Gestaltung suchen? Das glaube ich nicht. Ich probiere immer, verschiedene Ebenen in meine Gestaltung einzubeziehen, die direkte Ebene nenne ich die Schönheit. Die gibt einem sofort ein Gefühl, dass man sich wohl und angesprochen fühlt. Die geht über Headline und Fotografie. Die zweite Ebene ist das Kryptische. Das gar nicht alle verstehen müssen? Genau. Ein ganz einfaches Beispiel ist das Logo für die Kunstausstellung „Vertrautes Terrain“: ein Fragment aus dem Bundesadler von, ich glaube, 1992. Das erzeugt sofort ein Bauchgefühl, wenn man sich ein wenig mit der deutschen Geschichte auseinandergesetzt hat. Man denkt vielleicht an Faschismus, vielleicht an den Adler, aber die Wenigsten werden festgestellt haben, dass das die Federn von dem Bundesadler sind. Ob das nun am Ende alle dekodieren, ist mir fast egal. Wenn ein Gefühl beim Betrachter entsteht, habe ich das erreicht, was Design erreichen muss. Eine Frage in eigener Sache: Welche ist die

schlimmste Seite in der zitty? Früher hätte ich gesagt, das Cover. Aber es wird besser. Ansonsten alle Seiten, wo links und rechts eine Anzeige steht, das sind Seiten, auf denen die Redaktion total unwichtig wird. Beunruhigt Sie der sich verändernde Zeitungsmarkt – die fallenden Auflagen, die sinkenden Budgets? Nein. Es gibt mehr Magazine und Papierliebhaber denn je. Anfang der 90er wurde schon das Ende von Print ausgerufen, alle meinten, Internet sei das neue Medium, jetzt sieht man, dass es parallel läuft, man blättert in einem Magazin, man kriegt eine Email und der Fernseher läuft. Das Magazin wird in den nächsten zehn Jahren nicht sterben, ganz im Gegenteil. Es wird oft vom Scannerleser gesprochen, der sich Magazine nicht mehr richtig durchliest, sondern nur überfliegt. Müssen Sie als Gestalter umdenken, indem Sie die Seiten schnell erfassbar machen? Es ist eine Frage des Anspruches. Will man sich dieser gesellschaftlich negativen Entwicklung unterwerfen oder etwas dagegen halten? Will man nur noch ganz kurze Texte veröffentlichen, in der Hoffnung, dass sie jemand liest oder vertraut man darauf, dass jemand die Texte liest, weil sie spannend sind? Es wird immer Leute geben, die sich über gute Hefte freuen können. Insofern werde ich einen Teufel tun, mich diesen Scannerlesern zu unterwerfen.

Mario Lombardos Mongrafie erscheint am 30.10. im Gestalten Verlag. The Tender Spot: The Graphic Design of Mario Lombardo (engl.), 256 Seiten, 39,90 Euro

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Stil

Mehr als das Bild zum Text Die Illustrative gewährt einen fundierten Einblick in die Welt der Gebrauchskunst

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enschenleere Häuserschluchten durchschneiden ein Netz von Wolkenkratzern, auf den Dächern werben riesige Standbilder für Motoröle, ein Zeppelin gewinnt langsam an Höhe. Es ist nicht schwer, Roman Bittners retrofuturistische Großstadtutopien an das New York des frühen 20. Jahrhunderts zu koppeln. Seine Illustrationen wirken in der Motivwahl aus der Zeit gefallen und in der pixelähnlichen Technik modern. Vielleicht erklärt diese Widersprüchlichkeit Bittners Erfolg. Er ist einer der gefragtesten Illustratoren Berlins, „Die Zeit“ druckt seine Bilder genauso wie der Hörbuch-Verlag Mega 1, seine DesignAgentur Apfel Zet gestaltet einen Trend mit: In den Printmedien erfahren Illustrationen als Textbebilderung gerade eine Renaissance. Bittners Herzblut gehört aber den Stadtlandschaften. Neue Werke wie die rechts abgedruckte Computerzeichnung zeigt er auf der Illustrative, dem führenden internationalen Festival für zeitgenössische Kunst und Grafik. Bittner ist ein Stammkünstler der Veranstaltung, er nimmt zum vierten Mal daran teil. Seit er im Frühjahr 2006 von dem Galeristen Pascal Johanssen gebeten wurde, etwas zu seiner geplanten Illustratorenausstellung beizutragen, arbeitet Bittner an seinen „Ancient Cities Of Tomorrow“. Mittlerweile ist aus der kleinen Illustratorenausstellung ein großes Festival geworden. Neben einer Ausstellung finden Workshops, Lesungen und Symposien statt. Der Young Illustrators Award wird an den besten Nachwuchsillustrator vergeben. Das Magazin „Objects“ gehört zum Kommunikations-Netzwerk der Illustrative und berichtet umfassend über Neuigkeiten aus der Welt der angewandten Künste. „Es war ein Zufall“, antwortet Johanssen, wenn man ihn nach seinen Beweggründen fragt, die Illustrative ins Leben zu rufen, „ein Nachbar, der Illustrator ist, kam in meine

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noch recht junge Galerie und fragte mich, ob ich nicht mal Lust hätte, eine Illustratorenausstellung zu machen“. Zu der Zeit hielt die Illustration zwar gerade wieder Einzug in Zeitungen und Zeitschriften, aber sie in Galerien als Kunst zu präsentieren? Johanssen war unsicher. Er arbeitete sich in das Thema ein und erkannte, dass er möglicherweise auf eine Nische gestoßen war: „Es gibt keine Veranstaltung, die man mit der Illustrative vergleichen kann. Dabei ist die Illustration eine alte Kunstform, sie war nur in Vergessenheit geraten. Auch Salvador Dalí, Andy Warhol oder Lyonel Feininger haben als Illustratoren angefangen.“ Tatsächlich genossen Illustratoren in der zweiten Dekade des 20. Jahrhunderts besonders in Modezeitschriften Starstatus. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Illustration fast vollkommen von der Fotografie verdrängt, das Foto war ein unverfälschliches Dokument. Erst mit der Entwicklung von Photoshop und stetig wachsenden Manipulationsmöglichkeiten hat das Medium an Glaubwürdigkeit verloren. Seitdem werden visuelle Medien neu bewertet: Gerade die subjektive Note ist das, was Art-Direktoren und Chefredakteure heute als besonders reizvoll empfinden. Sie regen die Fantasie an. Johanssens Idee stieß neben viel Skepsis auch auf großes Interesse. Schnell war klar: um einen fundierten Einblick in die Illustratorenszene zu gewähren, würden die Kapazitäten der Galerie nicht ausreichen. Etwas Größeres musste her, die Illustrative war geboren. Seitdem verfolgt Pascal Johanssen mit seiner Partnerin Katja Kleiss das Ziel, das künstlerische Potenzial oder, betrachtet man beispielsweise Bittners Werke, den kreativen Größenwahnsinn dieser grafischen Dienstleister auszuschöpfen und auszustellen. Mit Erfolg – letztes Jahr kamen knapp 20.000 Besucher, rund 2.000 junge Illustratoren aus 40 Ländern bewarben sich für den Young Illustrators Award.

Text: Franziska Klün

Diesen Herbst kehrt das Festival nach einer erfolgreichen Reise in die europäischen Zentren der zeitgenössischen Illustration, Paris und Zürich, zu seinen Ursprüngen zurück. 600 internationale Werke werden von Mitte Oktober bis Anfang November in der Villa Elisabeth in der Invalidenstraße ausgestellt. Zum besonderen Stolz der Organisatoren sind darunter auch japanische Künstler, die noch nie außerhalb Asiens zu sehen waren. „In Japan, genauso wie in Los Angeles und New York, gelten Illustrationen viel mehr als Kunst als hier“, so Katja Kleiss. Doch nicht allen liegt die Diskussion über den künstlerischen Wert am Herzen. „Ich muss meine eigene Arbeit nicht aufwerten, indem ich sie Kunst nenne“, sagt Roman Bittner. Für ihn ist die Kunst in einen hoch codierten, kryptischen Bereich vorgestoßen, während die Illustration immer nah am Sujet bleibt: „Normalerweise überlasse ich das mit der Aussage lieber den Konzeptkünstlern. Illustratoren sind eben wie Filmkomponisten, sie müssen alles können, ob Horrorfilm oder Historiendrama, sie müssen die richtige Musik dazu komponieren.“ Und so sei das auch bei Illustratoren, sie müssten im Gegensatz zum Künstler alles zeichnen, alles bedienen können. Auch dieses Jahr hat Bittner wieder eine weitere „Ancient City Of Tomorrow“ entworfen: „Das ist meine Traumvorstellung einer Großstadt, je dichter und höher, desto besser“. Für nächstes Jahr plant die Illustrative den Sprung nach New York. Stellt man Johanssen die Frage, warum niemand vor ihm auf die Idee kam, der Illustration eine Plattform zu bieten, antwortet er mit einer Gegenfrage: „Warum kam vor Steve Jobs niemand auf die Idee, einen Mac zu erfinden?“ Vielleicht ist es solches Selbstbewusstsein, an dem es der Illustratorenszene bis dahin gefehlt hat. 16.10.-1.11., Villa Elisabeth, Invalidenstr. 3, Mitte, U Rosenthaler Platz, tägl. 11-20 Uhr, www.illustrative.de


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„Ancient City of Tomorrow“ von Roman Bittner / Apfel Zet 8. - 21. OKTOBER | zitty 21-2009

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Moderatorin Hadnet Tesfai (rechts) wohnt in Wedding und hortet ihren Nagellack im Kühlschrank (unten)

Die Gründer der Kosmetikfirma Uslu Airlines, Feride Uslu und Jan Mihm, in ihrer Dachgeschosswohnung am Rosenthaler Platz in Mitte (oben und rechts)

Alles für den E-Fame

Ordnung ist das halbe Leben: Bei Jan-Henrik Scheper-Stuke reiht sich Schuh an Schuh an Schuh

Das neue Internetmagazin „Freunde von Freunden“ zeigt, wie die Berliner Kreativszene wohnt

Nikolaus Jagdfeld, Sohn der berühmten Unternehmerfamilie, hat ein Faible für Sessel mit Tierfellbezügen. MTV-Moderatorin Hadnet Tesfai bewahrt ihre Nagellacksammlung im Kühlschrank vor dem Austrocknen. Jan-Henrik Scheper-Stuke, Junior-Chef der Berliner Traditions-Krawattenmanufaktur Edsor Kronen, schaut gerne Asterixfilme. All das erfährt man auf dem Internetportal „Freunde von Freunden“, der neuen Spielwiese für Wohnungsvoyeuristen. Seit vergangenen September gibt es die Seite. Einmal die Woche wird darauf ein Beitrag veröffentlicht, in dem ein Auserwählter der Berliner Kreativszene zu Hause oder an seinem Arbeitsplatz – oft auch „Studio“ genannt – fotografiert und interviewt wird. Was liest, kocht, sammelt er? Worauf sitzt sie? Woraus trinkt er? Wie lebt sie? Und: Was verrät mir das über den Menschen?

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Die Antworten auf all diese Fragen versucht die Fotografin Ailine Liefeld mit ihrer Kamera einzufangen, während Kollege Tim Seifert das Interview führt. Sie arbeiten in der Mulackstraße in Mitte, in den Büroräumen der Agentur No More Sleep – einer Arbeitsgemeinschaft aus Grafikdesignern und Programmieren, die sich um den Aufbau der Seite, die Aufbereitung und Koordination der Beiträge kümmert. Besucht man diese Arbeitsgemeinschaft in ihren Räumlichkeiten, erhält man einen Bilderbuch-Latte-Macchiato aus einer meterbreiten, silbern funkelnden Espressomaschine zur Begrüßung. „Freunde von Freunden ist ein typisches Berliner Projekt, es kostet erstmal vor allem Zeit“, sagt Frederik Frede, Mitgründer von No More Sleep, „eben eine Herzensangelegenheit.“ Mit genau diesem Herzensblick machen sich Seifert und Liefeld zu ihren Ortsterminen auf. Ob in der Villa des Galeristen und

Kunstsammlers Thomas Andrae in Grunewald, in dem Kreuzberger Studio des DJ und Produzenten Marcel Knopf oder in der Wohnung der Mode-Journalistin Ana FinelHonigmann in Prenzlauer Berg, im Durchschnitt brauchen sie eine Stunde pro Besuch. Dabei ist die Aufgabenteilung klar: Seifert (27 Jahre, Student der digitalen Kommunikation) bringt Hintergrund, Zukunftspläne, Lieblingsorte und Musikgeschmack der jeweiligen Person in Erfahrung, Liefeld (28 Jahre, Lette-Verein-Absolventin, freie Fotografin) fängt „weibliche“ und „männliche“ Bilder ein. Und das geht so: „Unter weiblichen Bildern verstehe ich Fotografien von persönlichen, schönen Details, auf männlichen wird ein Raum oder eine Wohnung als Ganzes dargestellt.“ Will man das Portal als Ganzes verstehen, muss man laut Frederik Frede Folgendes wissen: „Der Name ist Programm. Wir

Fotos: Ailine Liefeld

Text: Franziska Klün


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Jan-Henrik Scheper-Stuke (links) ist Junior-Chef der Traditions-Krawattenmanufaktur Edsor Kronen und liebt die Farbe Rot.

Nikolaus Jagdfeld in seiner Wohnung in der Friedrichstraße. Der Inhaber des im Herbst 2009 eröffneten Cabinet-Stores im Quartier 206 hat eine Vorliebe für Tierfell-Bezüge

arbeiten wie ein geschlossenes FacebookNetzwerk: Porträtvorschläge kommen von Freunden von Freunden.“ Dennoch würden sie auf ungefähr die Hälfte ihrer Anfragen Absagen erhalten, was sie für eine sehr gute Bilanz halten: „Wir hatten mit mehr gerechnet, die Leute sind erstaunlich offen und begeistert.“ Frede spricht schnell, versichert, dass sie alles dafür tun würden, die Privatsphäre der Einzelnen zu schützen. „Einige junge Leute aber sehen die eigene Wohnung heutzutage als eine Art Präsentationsfläche und legen auf Privatsphäre im ursprünglichen Sinn nicht mehr viel Wert.“ Er erwähnt Wörter wie E-Fame, was etwa mit „Ruhm im Netz“ zu übersetzen ist, und erklärt, dass ihr Magazin die Sehnsucht nach dieser Art von Berühmtheit natürlich bedienen würde. Sowieso sprechen alle Beteiligten nie von einer „Seite“ oder einem „Blog“, sondern stets von einem „Magazin“.

Die Idee von „Freunde von Freunden“ ist nicht neu, der New Yorker Fotograf Todd Selby ging mit einem sehr ähnlichen Format im Juni 2008 online. Kommenden Mai erscheint das erste „The Selby“-Buch. Sponsoren wie der Sporthersteller Nike oder die Einrichtungskette Habitat bezahlen ihm Flüge nach Tahiti, London oder Paris. Auch das halbjährlich erscheinende spanische Printmagazin „Apartemento“ zeigt Innenansichten von Wohnungen kreativer Kosmopoliten im Alter von Mitte 20 bis Mitte 30. Sie alle folgen demselben Prinzip: Die Wohnungen sollen so authentisch wie möglich aussehen. Der Aschenbecher darf voll blieben, das Geschirr muss nicht restlos abgewaschen sein. „So kann man sich besser mit den Bewohnern identifizieren, Inspirationen für die eigene Einrichtung sammeln“, sagt Ailine Liefeld. Wohnmagazine wie „Schöner Wohnen“ oder „AD“

seien dafür zu glatt, zu aufgeräumt und hätten mit der jungen Generation nicht viel zu tun. Tim Seifert macht aus der Ähnlichkeit der Projekte keinen Hehl: „The Selby ist ganz klar unser Vorbild, etwas anderes zu behaupten wäre idiotisch.“ Ob sie sich auch bald wegbewegen möchten von der Lokalprominenz hin zu den globalen Celebrities? „Zunächst wollen wir die Marke aufbauen, deswegen kooperieren wir noch mit niemandem, Werbung in Form von Bannern wird es aber sowieso nie geben.“ Die würden die Bildsprache zerstören, es gebe aber kreative Kooperationsmöglichkeiten, die das Projekt irgendwann finanzieren können. Wie die aussehen sollten? Da fragen sie am besten den Altmeister der Medienberatung, Jo Gröbel. Den besuchen sie demnächst zuhause. www.freundevonfreunden.com 25. FEBRUAR - 10. MÄRZ | zitty 5-2010

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