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Konzept Die Frage nach dem Richtigen und menschenwürdigen Verhalten gegenüber anderen ist seit je her ein Thema das die Menschen bewegte. In regelmäßigen Zeitabständen wird diese, ausgelöst durch neue Ergebnisse immer wieder neu diskutiert. So auch bei der 2004 neuaufgerollten Fragestellung zum Thema der Sicherheitsverwahrten in der Bundes Republik Deutschland. Es wurde festgestellt, dass es einen Unterscheid in der Unterbringung von Sicherheitsverwahrten geben müsste, da diese ihre Freiheitsstrafe abgesessen haben und unter anderen Verhältnissen leben müssten. Die Thematik des Wohnens in Gefangenschaft stellt somit die anfängliche Fragestellung des sonst sehr offenen Entwurfes. Die Interpretation lag dabei jeweils in den Händen der Entwerfer. Durch eine intensive Auseinandersetzung mit den Themen Gefangenschaft, Klostersystemen, Gefängnisse, Freiheit und soziale Hintergründe nahm der Entwurf seine ersten konzeptionellen Züge an. Die wesentlichste Fragestellung befasste sich mit der ethischen Position gegenüber Sicherheitsverwahrten. Bei der Entscheidungsfindung orientierten wir uns an einer liberalen Auslegung der Dinge. Der Gefangen selbst konnte und sollte nicht mehr in seiner Art geändert werden, um ihn in unser moralisches Wertesystem


einzugliedern, sondern ihm wurde die Freiheit gelassen über sich selbst zu entscheiden. Da dieses in unsere Gesellschaft nicht möglich ist, sollte ein neuer Ort für ihn gefunden werden. Dieser Ort sollte alle Ebene des menschlichen Bedürfnisse erfüllen und so dem Gefangenen einen menschenwürdiges Leben ermöglichen. Zudem sollte ihm eine Möglichkeit zur persönlichen Selbstverwirklichung garantiert werden, bei der Wahlmöglichkeit, Verantwortung, Motivation, Selbstbestimmung und Stolz wieder in den Vordergrund des Lebens stehen. Es wurde ein Szenario entwickelt, bei dem der Gefangene sich in eine selbstgewählte Isolation begibt, um dem Leben einen neuen Startpunkt zu ermöglichen. Die Basis des Gedankens war es, dass der Gefangen sich selber eine Gruppe, ähnlich einer Wohngemeinschaft, aussuchen würde, in der er sein weiteres Leben verbringt. Hier würde er ein Leben führen müssen, bei dem die Selbstversorgung eine Hauptrolle im Leben einnehmen müsste. Dabei würde es zu einem Effekt der Selbstverwirklichung kommen, da nun das erwirtschaftete von einem selber abhängen würde. Der zuvor von außen stammende Druck für die Arbeit würde nun ihn jeden selber wachsen oder durch die Gruppe kommen, für die man sich selbst entschieden hatte. Die Regeln in diesen Gruppen werden dabei wie in jeder WG selbst definiert und befolgt.


Standort Um dem Projekt eine juristische Grundlage zu ermöglichen, blieben wir auf dem Territorium der Bundes Republik und suchten nach einem relativ großen und menschenleeren Areal. Die Wahl fiel auf eine altes nicht mehr genutztes Militärgelände der Reichkreuzer Heide in der Nähe von Cottbus. Dieses ca. 27km ² große Areal besitzt zahlreiche ideale Voraussetzungen für das Szenario. Im Zentrum befindet sich eine 12km² großes Freifläche, die zur landwirtschaftlichen Bewirtschaftung sich einsetzen ließe, während die Ränder des Gebietes von dichten Wald gezäumt sind, und so das Areal auch visuell nach außen abschließen. Es wurde ein gesamtheitliches Masterkonzept für das Areal entworfen, dass sich an bestehenden Systeme orientiert und eine größtmögliche Unterbringung von 300 Menschen ermöglicht. Diese Leben in den Zweiernachbarschaften und verteilen sich auf ein innen liegende Kerngebiet der großen Waldlichtung und sind von einem Mix aus Kleingärten und Naturräumen umgeben. Ein Netz aus Wegen und Pfaden durchzieht das Gelände und verbindet die separaten Gruppen miteinander.


Die Waldlichtung Ein weiterer Aspekt dieses Areal ist die starke räumliche Differenzierungen der einzelnen Zonen, die hier vorzufinden sind und jeweils ihre eigenen Charakterzüge aufweisen. Räumliche Kontraste schaffen Abhilfe gegen die Monotonie des beschränkten Raumes. Landschafts- und Landwitschaftsarchitektonische Maßnahmen sorgen für zusätzliche Eindrucksvariationen und prägen das gesamte vielfältige Naturbild. Dazu gehören unterschiedliche Waldgebiete, verschiedene Ackerflächen, die natürlichen Wiese- und Heidelandschaften, aber auch die Kleingärten der jeweiligen Gruppen. Auch das visuelle Bedürfnis nach Wasser wird hier zufrieden gestellt. Sowohl ein kleiner Bach, als auch ein See sind hier zu finden und ermöglichen nicht nur andere Natureindrücke, sondern auch zusätzliche Freizeitmöglichkeiten und erlauben den Bewohnern vielfältige Abwechslung. Im dichten Wald hingegen befindet sich eine symmetrische Grenzanlage die das Areal von der Außenwelt trennt. Das Gebiet selber hat nur einen einzigen Zugang. Es ist ein Tunnel, der indirekt zwei Punkte innen und außen verbindet. So wird der Effekt der Isolation verstärkt.


Zwischenzone Betritt man diesen Tunnel, so führt er zu einer Grenzstation. Diese ist eine neutrale Zone innerhalb des „Begrenzten Raumes“. Sie ist das räumliche Gelenkstück zwischen Innen und Außen, dem Gebiet unsere Gesellschaft und der Zone der „Bewohner“. Es befindet sich zwar am Rande des gesamten Areals, doch bildet es eine umzäunte Insel, die andere Regeln besitz. Dieser Ort ist der Treffpunkt der beiden von einander getrennten Welten. Freunde und Angehörige können sich mit den jeweiligen „Bewohnern“ zurück ziehen, um die Privatheit des Treffens zu garantieren. Dazu finden sich einzelne Privathäuser auf dem Gelände wieder. Auch für die entgeltliche körperliche Zweckbeziehung sind Örtlichkeiten vorhanden, um den natürlichen Bedürfnissen der Bewohner entgegen zu kommen. Zusätzlich findet sich hier eine ambulante Station und weitere Zimmer, die zum Treffen mit sozialen Mentoren zur Verfügung stehen. Diese sind auch die Einzigen, die im Regelfall das Gebiet der „Bewohner“ betreten dürfen. Alle anderen dürfen das Gebiet niemals betreten.


Mittelpunkt Im Zentrum des „Bewohner“-Lichtung befindet sich, ein kleines urbanes Gemeinschaftszentrum. Dieses besitz die wichtigsten Gebäude, die eine 300 Mann Gesellschaft benötigt. Neben Räumen für die Organisation: Gemeinschaftshaus und Verwaltung, bietet es die Möglichkeiten zur notwenigen Versorgung von nicht selbstherstellbaren Produkten: Markthalle, und Freizeitmöglichkeiten: Stübchen und Sporthaus, sowie einen Ort für die religiöse Zusammenkunft: Gebetshaus. Hier wird den „Bewohnern“ die Möglichkeit gegeben sich auch außerhalb der separaten Gruppen zu treffen. Ausgangspunkt dieser sozialen Zusammenkunft ist der Gedanke, dass sich auch über die Gruppe hinweg soziale Strukturen etablieren. Für die Gemeinschaft sozial tätige Arbeiten werden über ein Umlagesystem refinanziert. Außerdem bildet ein monatlich sich wiederholender Rat der Gemeinschaft ein direktdemokratisches System, in dem jeder die Möglichkeit besitzt sich zu engagieren und sich so soziale Anerkennung zu erlangen. Dieser Ansatz würde deshalb funktionieren, weil die „Bewohner“ unter „Ihresgleichen“ sind und alleine ihr freier Wille hier zu bleiben ihnen eine neue Chance ermöglicht.


Gemeinschaftsort Diese, sich erst langsam entwickelnden sozialen System, würde nicht schlagartig funktionieren, sondern würden durch die unter den „Bewohnern“ operierenden sozialen Mentoren diesen im Laufe der Zeit nahe gelegt werden. Die Interpretation durch die Bewohner würde dann selbständig erfolgen, wobei grundlegende Menschenrechte jeden garantiert werden, und der Verstoß zu m Verlassen des Gebietes führt. Durch die bestehende Isolation, die sich durch die Abstinenz von jeglichen technischen Kommunikationsmöglichkeiten kennzeichnet, würde eine künstliche Sphäre in dem Gebiet entstehen, deren genaue soziale Entwicklung schwer absehbar ist. Eine zusätzliche Garantie für de Erhaltung dieses sozialen Gebildes wird durch eine mehrstufige Qualifizierung vor dem Eintreten in das Gebiet garantiert. Durch diese formelle und praktische Bewerbung wird der neue Bewohner anfänglich in einem separaten Haus untergebracht, bevor er sich bei den einzelnen Gruppen umschaut und dann seine Wohngemeinschaftswahl trifft.


Wahlfamilie Nach der Entscheidung für eine Gruppe zieht der neue „Bewohner“ in den Gemeinschaftshof ein. Gebildet wird es von jeweils sechs Einzelhäusern, einem Gruppenhaus und mehreren Nutz- und Gartenhäusern, die sich gemeinsam um einen Hof orientieren. Hier findet das wesentliche Leben der Bewohner statt. Durch die entsprechenden Baukörper wird ein harmonisches Gleichgewicht zwischen Gruppe und Individualperson hergestellt. Jedes der Einzelhäuser hat die Möglichkeit sich zurück zu ziehen, um seinen eigenen Hobbies nachzugehen. Gleichzeitig wird ein räumliches Angebot geschaffen, damit man sich auch gesellig zusammen das Leben gestaltet. Nicht der räumliche Zwang, sondern die Freiheit der Wahl garantieren das erfolgreiche Zusammenleben. Die Gruppengröße von vier bis sechs Mann wird dabei als Ideal angesehen, da ab dieser Gruppenzahl auch die Selbstversorgung leichter bewerkstelligen lässt. Gruppenarbeiten werden so effektiv, überschreiten dabei jedoch nicht den Punkt der sozialen Entwurzelung von der Gruppe.


Hausgemeinschaft Um das Leben in dem Gebiet zu bewältigen ist die selbständige Versorgung der Gruppe eine Grundvoraussetzung, auf die sich jeder der „Bewohner“ vor dem Eintritt in das Gebiet einlässt. Die Gruppe, in der man sich entscheidet freiwillig zu leben bildet dabei die reelle Basis dieses Ansatzes. Der Hausgemeinschaft steht ein entsprechend großer Garten und die wesentlichsten Gerätschaften zur Verfügung, so dass jede Gruppe selber über die Art und den Umfang der Bepflanzung entscheiden kann. Darüber hinweg soll die Wohngruppe eine soziale Einheit bilden, die nicht nur Verpflichtet, sondern auch Möglichkeiten bietet sich selbst zu verwirklichen. Durch dieses spezielle Lebenssituation, die sich sehr stark auf eine soziale und wirtschaftliche Einheit fokussiert, soll nicht nur die Selbstversorgung der Menschen sicher stellen, auch soll so ein anderes Lebensgefühl in den Köpfen der Menschen verankert werden. Die Welt außerhalb des Gebietes soll im Idealfall auf Dauer nicht mehr präsent sein. Es findet eine Entschleunigung des Lebens statt und die Menschen gelangen zu den vorrevolutionären Lebensqualitäten zurück.


Refugium Jeder „Bewohner“ besitz seinen eigenen privaten Rückzugsraum, der nur alleine ihm zur Verfügung steht. Dieser besteht aus zwei Zimmern, einem Bad und einer integrierten kleinen Teeküche. Die Räume weisen unterschiedliche Größen auf, um sie so verschiedenen Zwecken zu zu ordnen. Während das Vorderzimmer sich dem Hof hinwendet und einen kommunikativen Wohnraum darstellt, dient der halb so große hintere Raum alleine dem Schlafen und der Komplentation. Im Vorderzimmer kann man seinen eigenen Hobbies nachgehen, so dass der Raum auch als persönliche Werkstatt dienen kann, oder man richtet es als ein Wohnzimmer ein, in dem man auch außerhalb des Gemeinschaftshauses Freunde für einen geselligen Abend empfangen kann. Das Hinterzimmer ist gerade so groß genug, dass man hier dem Schlafen oder dem lesen eines Buches widmen kann. Schnittstelle beider Räume ist ein Kamin, der beide Räume mit Wärme versorgt. Zu dem Haus gehören außerdem zwei Freiflächen, die ebenfalls unterschiedlich bespielt werden können. So bietet diese circa 40m² großes Haus und die gleiche Fläche außerhalb einen Ort der Selbstverwirklichung.


Soziale Gruppen Einer der wichtigsten Ausgangsthesen ist die Bedürfnispyramide nach Maslow, die besagt, der der Mensch unterschiedliche Bedürfnisebenen durchläuft, bis er das Ziel der Selbstverwirklichung erreichen kann. Die Nutzung dieses Ausgangspunktes und die Lösung der Problematik im Umgang mit anderen Wohngruppen wird von uns mit einem zusätzlichen Arbeitskonzept vorgeschlagen. Auf dem Gebiet befinden sich außerhalb der Wohngruppen noch weitere Hof- und Werkstätten, in denen die einzelnen Bewohner sich außerhalb der Wohngruppenarbeitszeiten auch anderweitig beschäftigen können. Diese Werkstätten stehen in einem indirekten wirtschaftlichen Kontakt mit der Außenwelt, in der jeder „Bewohner“ sich Geld dazu verdienen kann, um über die Selbstversorgung hinweg auch zu ein wenig Luxus zu kommen. Dies geschieht alleine auf der freiwilligen Basis, die zugleich aber auch die Interaktion mit anderen „Bewohner“ notwendig macht, was zu sozialen Kompromissen führt. Die unterschiedlichen Ebenen des zwischenmenschlichen Kontaktes (das Leben in der Wohngruppe, die Nachbarschaft, die Arbeitsgruppen oder die Gemeinschaft) schaffen so eine neu Art der freiwilligen Sozialisierung.


Handbuch Ein Grundgedanke des gesamten Projektes ist die Annahme, dass der Mensch ein sozialisiertes Wesen ist und im Rahmen eines gemeinschaftlichen Lebens sich Regeln unterwirft. Diese variieren nach Mensch, Ort und Zeit und sind in ihrer Auslegung vielfältig. Die Regeln in dem Gebiet der „Bewohner“ werden von ihnen selbst definiert. Alleine die absoluten Menschenrechte sind verpflichtend. Die Sozialarbeiter, die das „Experiment“ aus der Distanz observieren haben nicht die Funktion von Wächtern, sondern von Beratern und greifen nur im äußersten Fall in das Geschehen ein. Jeder der „Bewohner“ hat sich im Vorfeld genau mit der Situation theoretisch auseinandersetzen müssen und erhält zusätzlich bei seinem Einzug in das Gebiet ein standardisiertes Handbuch über das das Leben in der Gemeinschaft. Hier finden sich sowohl praktische und nützliche Informationen zu den einzelnen Orten und Gebäuden des Gebietes und auch zahlreiche Tipps für den Alltag Aber vor allem beinhaltet es die sozialen gemeinsam getroffenen Regeln der Gemeinschaft, an die sich jeder halten muss, da er sonst aus dem Gebiet zurück „verbannt“ wird.


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Gebundener Entwurf, SS 2011 RWTH Aachen Lehrstuhl und Institut f端r Wohnbau und Grundlagen des Entwerfens Univ.-Prof. ir. Wim van den Bergh Dozenten: Dipl. Ing. Stephanie Brandt Dipl. Ing. Anika Karthaus Gruppenarbeit mit Peter Franz Weber


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