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Schriften m r fruhen Idamge\chichte und zum Koran

Hg. von Inarah - Institut 7ur Erforschung der fruhen Islamgeschichte und des I<oran Verantwortlich: Karl- F fein7 ( Ihlig


Markus Groß / Karl-Heinz Ohlig (Hg.)

Die Entstehung einer Weltreligion I Von der koranischen Bewegung zum Frühislam

INARAH Schriften zur frühen Islamgeschichte und zum Koran Rand 5

Verlag Hans Schiler


II. Zum Koran

Ein früher Koranpalimpsest aus Sancä'(DAM 01-27.1)

Teil 111: Ein nicht-'utmänischer Koran

Elisabeth Puin

1. Einführung: Die Bedeutung der Handschrift DAM 0 1-27.1 Bei Restaurierarbeiten an der Westrnauer der Groi3en Moschee in San'a', die 1972 begannen, wurde in einem Zwischenboden zwischen Decke und Dach eine große Menge von Handschriftenfragmenten, etwa zur Hälfte von Koranfragmenten auf Pergament, gefunden, die z. T. aus sehr früher Zeit stammen. Bei einem dieser frühen Koranfragmente, der Handschrift DAM 01-27.1, handelt es sich um einen Palimpsest, also ein Manuskript, bei dem die erste Schrift abgewaschen und dann das Pergament neu beschriftet wurde, bei dem dann aber die abgewaschene Schrift z. T. wieder zum Vorschein kam. Koranpalirnpseste kommen gelegentlich vor, da Pergament kostbar war und häufiger „recycled" wurde, wenn die Erstschrift stark beschädigt oder altmodisch-unleserlich geworden war. Doch stellt die hier vorgestellte Handschrift einen Sonderfall dar: Während normalerweise eine solche Wiederaufbereitung erst nach einer langen Zeit, oft nach mehreren hundert Jahren, erfolgte, liegen die Primär- und die Sekundärschrift bei DAM 01-27.1 zeitlich eng beisammen; beide sind in demselben, meist als ,Higäzi" bezeichneten Duktus geschrieben, der irn 1. Jahrhundert der Higrah (7. und frühes 8. Jh. AD) in Gebrauch war,' und in beiden ist, wie in

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Endress Schrift 173.


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Higäzi-Koranen üblich, die Zeilenzahl nicht konstant. Schon von daher ist DAM 01-27.1 für die Koranforschung von besonderer Bedeutung: Während normalerweise eine genaue zeitliche Einordnung beim Vergleich zweier früher Handschriften sehr schwierig ist - keines der frühen Koranmanuskripte ist datiert -,liegt im Fall des Palimpsests zumindest die relative Reihenfolge beider Schriften fest: Die abgewaschene, nun wieder teilweise blass sichtbar gewordene Schrift (scriptio inferior) ist die frühere, und die sekundär daraufgeschriebene, deutlich in dunkler Tinte sichtbare Schrift (scriptio superior) ist die spätere. Beide Schriftschichten wiederum weisen Korrekturen auf, deren Entstehungszeit ebenfalls - relativ gesehen feststeht: Die Korrekturen an der scriptio inferior wurden nach deren Entstehung, jedoch vor der Abwaschung und Neubeschriftung mit der scriptio superior angebracht, und die Korrekturen an der scriptio superior wiederum nach deren Entstehung. So sind in dem Palimpsest vier zeitlich nahe beieinanderliegende Stadien in feststehender Reihenfolge dokumentiert: 1. scriptio inferior; 2. Korrekturschicht der scriptio inferior; 3. scriptio superior; 4. Korrekturschicht der scriptio superior - ein Glücksfall für die Untersuchung der Textgeschichte des Korans und der Schriftgeschichte. 38 Blätter, evtl. 40 Blätter2 der Handschrift sind erhalten, und auf fast allen ist eine scriptio inferior sichtbar. Wie gezeigt werden SOU (s. U. 3.2), kann man mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass das Manuskript sowohl in der Primärschrift als auch in der Sekundärschrift jeweils einen ganzen Kodex, also einen kompletten Koran umfasste. Auf allen untersuchten Blattern mit nennenswerten Mengen an lesbarer scriptio inferior wiederum finden sich zahlreiche gravierende Unterschiede zum Wortlaut des heute alleingultigen Korans 'utmänischer Redaktion (im folgenden Standardtext3, abgekürzt StT, genannt). Eine nach Kategorien von „Abweichungen" geordnete Auflistung von Beispielen (s. U.4.3) soll einen Eindruck von ihrer Bandbreite und Bedeutung vermitteln. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass ausgerechnet die wenigen „überlebenden" Blätter eine 2

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Bei zwei in Europa in den Verkauf gelangten Blättern ist eine Zugehörigkeit zu dem Manuskript möglich und nicht unwahrscheinlich, aber nicht nachgewiesen; s. U. 3.1. Referenztext ist der 1924 und öfter in Kairo gedruckte sogenannte "KingFu'äd-Koran; diese Ausgabe wurde mit kleineren Korrekturen vielfach wiederaufgelegt und ist in der Orthographie identisch mit den kürzlich in SaudiArabien veröf-fentlichten, als „Medina-Koran(e)" oder „KFC-Korane" (für King Fahd Com-plex) bekannten Ausgaben.


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grot3e Ausnahme innerhalb ihres Kodex waren und die anderen, verlorenen Blätter mit dem StT übereinstimmten; vielmehr war vermutlich der ganze primäre Kodex von solchen ,,Abweichungen" betroffen. Es handelte sich also um einen ,,anderen Koran". Und das dürfte der Grund dafur gewesen sein, dass das primäre Manuskript schon nach so ungewöhnlich kurzer Zeit wiederverwertet wurde: Man konnte den „falschen" Koran nicht mehr verwenden und wollte ihn vernichten (ohne jedoch dabei das Pergament, auf dem er geschrieben war, ebenfalls zu zerstören). Und das, obwohl es sich wie bereits aus den unten angeführten Beispielen sowie aus der Dokumentation von Folio 2, 4, S4 und 16 (s. U. Kapitel 5) deutlich wird - keineswegs um ein völlig anderes Buch mit anderer Botschaft handelt. Selbst an Manuskriptstellen mit ganz „abweichendem" Wortlaut ist der Sinn des Textes oft nicht anders als der des StT; falls doch (meist sind es nur Nuancen), ist der Manuskripttext oft einleuchtender als der StT. Auch haben die vom StT abweichenden Textpassagen häufig Parallelen an anderer Stelle im StT. Wir wissen aus Berichten, dass es in der Frühzeit einige Kodizes gab, die zwar im Grot3en und Ganzen dieselben Inhalte wiedergaben wie der StT, sich in Struktur und an vielen Stellen auch im Wortlaut aber erheblich von diesem unterschieden; auch die Abweichungen selbst sind überliefert. Die beiden wichtigsten dieser Kodizes sind zweifellos die der Prophetengefährten Ibn Mas'üd und Ubayy; hinzu kommen noch 13 weitere „primäreg',d. h. nicht kopierte Kodizes, die sich im Besitz von Gefährten oder Frauen des Propheten5 befunden haben sollen, deren Textabweichungen sich allerdings häufig auch bei Ibn Mas'üd undloder Ubayy wiederfinden und weit weniger zahlreich sind. Der Vergleich der scriptio inferior von DAM 01-27.1mit den Besonderheiten dieser Korane - soweit sie bekannt sind - zeigt, dass das Manuskript aus Sanc$' mindestens so viele bedeutende Textunterschiede aufweist wie die Kodizes von Ibn Mas'üd und Ubayy, aber weder mit ihnen noch auch mit einem der anderen identisch ist. Es handelt sich also um einen weiteren, bisher unbekannten nicht-'utmänischen Koran. An den vier im Manuskript dokumentierten Stadien lässt sich die fortschreitende Kanonisierung des Koran gut nachvollziehen: Die Zeit, in der

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Folio 2 ist bereits publiziert in: Puin, Elisabeth Koranpalimpsest, Folio 4 und 5 in: Puin, Elisabeth Koranpalimpsest II. 'Ali, 'Umar, Zayd ibn Täbit, Hafsa, 'Ä'iSa, Umm Salama, Ibn 'Abbäs, Anas b. Mälik, Ibn az-Zubayr, Ibn 'Amr, Salim, Abu Musa und 'Ubayd ibn 'Umayr: Eine Auflistung von deren Textabweichungen findet sich bei Jeffery Materials.


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neben der 'ufmiinischen auch andere Fassungen des Korans, wie die scriptio inferior von DAM 01-27.1, Akzeptanz fanden (Stadium l), war schon bald nach der Entstehung des primären Kodex vorbei. Offenbar hatte sich die Passung der 'utmänischen Redaktion als Standardtext durchgesetzt, so dass man sich bemühte, den nun als „falsch" empfurideneri Koran, den man vor sich hatte, zwar im Prinzip zu retten, ihn aber durch Korrekturen den neuen Gegebenheiten anzupassen (Stadium 2). O b die Durchsetzung mit einem Schlag oder schrittweise erfolgte, ist unklar: Auf Folio 2, auf dem besonders viele schriftliche Korrekturen erhalten geblieben sind, gibt es keine (textliche) Abweichung vom St'l', die nicht korrigiert worden wäre. Auf den anderen Blättern der Handschrift hingegen gibt es zwar nicht selten Kadieriiiigen, unter denen oft nichts iiielir von der s ~ r i p t i oinferior lesbar ist, doch blieben aridererseits viele Abweicli~iiigenstehen, ohne dass schriftliche Korrekturen daran erlteiiiibar sind; o b dies bedeutet, dass in diesem Stadium noch nicht alle „Abweichungen" als „falsch" empfiinden wurden, oder ob man das Korrigieren da schon fast als sinnlos aufgegeben hatte und nur noch halbherzig fortführte, oder o b Korrekturen vorhanden waren, aber bei der Abwaschung vernichtet wurden (während die Pri~iiarschriftmit der Zeit wieder erschien), ist nicht klar. Jedenfalls beschloss man bald, dass Korrekturen nicht genügten, soiid e m dass es besser (einfacher? sicherer?) sei, die Priniärschrift ganz zu zerstören; man wusch sie ab L I I I ~beschrieb das Pergament neu mit der scriptio superior (Stadiiirn 3). Bei deren Entstehung war der Koran in Surenfolge und Wortlaut offenbar bereits sehr weitgehend fixiert, es finden sich (jedenhlls, soweit bisher untersucht)" n u r noch gelegentlich kleinere Textvariaiiten wie z. B. Singular statt Plural, anderer Verbalstaniiri oder andere I1erson, andere Partikel usw. Die Orthographie hingegen scheint sich noch in1 Fluss befi~ndenzu haben bzw. stimmt sehr häufig nicht mit der des heutigen StT überein (der ja genau dein Kodex 'Utmans entsprechen soll): Es gibt auf jeder Seite noch etliche orthographische Abweichungen davon. Ebensowenig hatten sich die heute als karionisch geltenden Verszählsystenie' durchgesetzt, denn die Verszälilung der scriptio superior (irn 3. Stadium) passt zu keinem dieser Systemex.

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Details und Diskussion dazu in einer späteren Publikation. Neben der kufischen Zählung des St'l' gelten als ebenfalls kanonisch diejenigen von Basra, Damaskus, M e k a und Medina, vgl. Spitaler Verszählung. Details und Diskussion dazu in einer späteren Publikation.


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Doch schritt die Standardisierung noch fort, s o dass man es für nötig hielt, auch die scriptio superior noch zu korrigieren (Stadium 4). Dabei wurde - offenbar in einem Durchgang, denn die neuen Dekadenornamente gleichen sich überall - die Verszählung dem System von Mekka u n d Medina angepasst". O b auch die die Schrift betreffenden Korrekturen alle auf einmal oder vielmehr schrittweise vorgenommen wurden, ist unklar; der sekundäre Kodex scheint lange in Gebrauch gewesen zu sein, wie man an einigen abgenutzten und reparierten Stellen, z. B. auf den Folio 2 und 5"', erkennt. Während des 4. Stadiums wurden die kleinen 'I'extabweichungeii sehr weitgehend beseitigt unci etliche der orthographischen Varianten korrigiert; viele allerdings blieben unkorrigiert, wurden also wohl nicht als „hlsch" empfunden, und einige orthographische „Korrekturenc' erlolgten nicht iin t scriptio supcrior, Ergebnis niehreSinne des St'l' - selbst das l ~ n d p r o d u k der rer Kedigierungen und Korrekturen, kommt dein St'l' zwar nahe, entspricht ihm aber nicht zu 100% An dein Koranfragn-ient 01-27.1 kann man ablesen, dass es sich beim Koran nicht etwa, wie hiiiifig behauptet wird, uni einen statischen 'I'ext Iiandelt, der in Wortlaut und Struktur durch eine lückenlose mündliche Überlieferung von seiner Entstehung bis heute unverändert und unveränderlich tradiert wurde. Der Ikliirid spricht vielnielir dafür, dass niündliche ac1'itioii zwar eine Rolle spielte, aber in dem Sinne, wie sie sich auch bei 'I'exten aus anderen Kulturen wiederfindet: Der Text wurde dadiircli hewahrt, aber gleichzeitig auch variiert. Es ist schon lange „klar, dass der 'l'cxt, den 'Utinan kanonisierte, nur einer von vielen rivalisierenden 'I'exten 1 1 . Doch während die Kodizes von Ibn Mas'i~d,Ubayy und den anderen '

Prophetengenossen, soweit sie vom Koran ' U ~ I I I ~ Iabwichen, IS nur noch vom Hörensagen bekannt sind, hat dieser eine „Rivale", wenigstens als Fragment, als (bisher) Einziger überlebt. Und da [)AM 01-27.1 einige wenige Abweicliurigen mit den Koranen der I>roplietengefahrleii geiiieiiisani hat sowie einige Stellen, a n denen diese ebenfalls (wenn auch andere) 'I'extdiskrepanzen aufweisen, ist das Manuskript aus San'a' auch ein greifbarer Ikleg daflir, dass die Augeiizeugenberichte über abweichende Korane der Wahrheit entsprechen.

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lktails und Diskiission dazu in einer späteren Publikation.

10 h i n , Elisabeth Korar~pulirnpsest473; Puin, Elisabeth Koranpalirnpscst 11 543-3. 1 1 jeffery Mciterials I X - X .


Elisabeth Puin Im Folgenden sollen zunächst (Kapitel 2 und 3) die Handschrift als Ganzes, mit Schwerpunkt auf der scriptio inferior, beschrieben und (Kapitel 4) die verschiedenen Arten von Abweichungen der scriptio inferior vom StT sowie ihrer Korrekturen anhand von Beispielen gezeigt werden. Anschließend (Kapitel 5) wird Folio 16, der in bezug auf die scriptio inferior nach den bereits veröffentlichten Blättern 2, 4 und 5 das nächste erhaltene Blatt ist, analysiert; dabei wird lediglich die scriptio inferior berücksichtigt, die Beschreibung der scriptio superior muss in einer nächsten Publikation erfolgen.

2. Kodikologische Beobachtungen 2.1 Das Material Die 38 (oder möglicherweise 40, s. U. 3.1) hochformatigen Pergamentblätter haben eine Größe von Ca. 36,5x28,5 cm; viele Folio sind allerdings nur noch als Blattfragmente erhalten''. Die Blätter weisen, wie alle in der Großen Moschee entdeckten Pergamente, Schäden auf, die durch das Alter und die unsachgemäße Lagerung entstanden und bei der Restaurierung nicht entfernt werden konnten13: Risse, Löcher (z. T. durch Insekten-, Ratten- oder Mäusefraß hervorgerufen), abgebrochene Blattteile, abgeblätterte Tinte, dunkle, durch die Einwirkung von Feuchtigkeit verursachte Flecken usw. Am Außenrand von Folio 8 fehlt ein schmaler Streifen, der von Menschenhand abgeschnitten worden sein könnte, etwa um ein Schrifiamulett herzustellen. Einige andere Schäden wiederum traten bereits auf, noch während der sekundäre Kodex in Gebrauch war: So ist auf Folio 2 ein Stück des äußeren Längsrandes abgebrochen, wodurch auf beiden Seiten etwas Schrift verlorenging; auf der Verso-Seite, bei der die Zeilenanfange betroffen sind, wurden die so entfallenen Buchstaben ergänzt, um den Text lebar zu erhaltenl4. Auch entstand auf Folio 5 in der Nähe des äußeren Blattrandes eine mürbe Stelle, an der die Schrifi so unleserlich geworden war, dass man sie - in erkennbar späterem Duktus - nachzog15.

12 S. die Übersicht in Kapitel 3.1: Blattfragmente sind dort durch Klammern gekennzeichnet. 13 Dreibholz Sanaa 302, 304. 14 Puin, Elisabeth Koranpalirnpsest 473. 15 Puin, Elisabeth Koranpalimpsest II 542-3.


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Doch handelte es sich bei dem für das Manuskript verwendeten Pergament von Vornherein nicht um besonders hochwertiges Material: Auf etlichen Blättern sind Schäden erkennbar, die bereits vor der ersten Beschriftung vorhanden waren, da bereits die scriptio inferior darauf Rücksicht nimmt. So sind auf den Blättern 2, 4,'7, 14, 16, 18 und 2816 kleine, meist runde oder ovale Löcher zu sehen, um die beide Schriftschicliten herumschreiben. Diese Löcher wurden vermutlich durch die Larven der (weltweit verbreiteten) Dasselfliege verursacht: Die Fliegen legen ihre Eier auf dem Fell von Schafen, Ziegen, Rindern oder auch Wildtieren ab, die Larven fressen sich durch die Haut in das Wirtstier hinein, wandern durch dessen Körper und setzen sich dann an seinem Rücken direkt unter der Haut fest, wo sie Beulen hervorrufen. Kurz vor der Verpuppung durchbrechen sie dann die Haut und lassen sich zu Boden fallen. Beim Wirtstier rufen sie nicht nur gesundheitliche Schäden hervor, sondern vermindern durch die entstehenden Löcher auch erheblich die Qualität des Leders bzw. Pergaments. Zwei Beispiele zeigen, jeweils in der Mitte des Bildausschnitts, solche Dasselfliegen-Löcher mit der sie berücksichtigenden Erst-und Zweitschrift; die eingeblendeten Zahlen geben die Nummer der Zeile der schwach sichtbaren scriptio inferior an: Folio 4v, scriptio inferior Zeile 11 hell hinter der dunkleren scriptio superior):

16 Untersucht wurden unter diesem Gesichtspunkt bisher nur die Blätter mit lesbarer scriptio inferior; möglicherweise kommen noch mehr betroffene Blätter ohne lesbare Erstschrift hinzu.


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Auch waren die Ränder der Blatter nicht immer ganz regelmägig. Auf Folio 17 etwa ist der Augenrand schief, und die Schrift passt sich dem an. Außerdem fehlten auf Folio 5 die untere innere Ecke und auf Folio 7 die obere Auflenecke von Anfang an; auch auf Folio 1 nimmt die scriptio superior (eine Erstschrift ist nicht zu sehen) auf die fehlende obere Außenecke Rücksicht.

Das Foto zeigt einen Ausschnitt von Folio 7v mit der schräg abgeschnittenen oberen Ecke, der sich die Schrift anpasst; die Stelle rechts unten im Bildausschnitt hingegen ist erst sekundär abgebrochen, wodurch Teile der Schrift wegfielen.


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Für die scriptio superior wurde dunkelbraune, fast schwarze Tinte verwendet. Sie ist meist noch sehr deutlich sichtbar, stellenweise aber aufgrund von einwirkender Feuchtigkeit etwas abgeblättert. Die bei der Korrektur der Verszählung der scriptio superior eingefügten ornamentierten Dekadenzeichen sind, wie auf den wenigen mir zur Verfügung stehenden FarbfotosI7 sichtbar, farbig (rot, gelb und wohl blau) gefüllt - ob überall oder nur auf manchen Seiten, ist mir nicht bekannt. Die scriptio inferior ist nurmehr als hellbrauner ,,SchattenKzu sehen. Es gibt Hinweise darauf, dass sie bereits wieder sichtbar wurde, noch während der sekundäre Kodex in Gebrauch war: Auf etlichen Seiten - so z. B. auf dem bereits veröffentlichten Folio 2 - ist sie an den Blatträndern, dort, wo sie über den Schriftspiegel der scriptio superior hinausgeht, also nicht von ihr verdeckt wird und eigentlich besonders gut lesbar sein müsste, kaum mehr erkennbar; derselbe Befund zeigt sich auf Folio 2v, wo die Zweitschrift nach einem Surenende etwa die Hälfte von Zeile 14 frei lässt, von der Erstschrift aber dennoch fast nichts mehr zu sehen ist. Offenbar hatte man an solchen Stellen die scriptio inferior nachträglich nochmals, vielleicht durch Radierung, besonders gründlich getilgt, um den Leser des sekundären Kodex nicht zu verwirren; eine großflächigere nachträgliche Tilgung war hingegen nicht möglich, da die scriptio superior dadurch auch beseitigt worden wäre. Auf manchen Blättern - z. B. auf dem bereits veröffentlichten Folio 5 sowie auf dem in diesem Aufsatz analysierten Folio 16 - ist die Erstschrift auf der einen Seite insgesamt sehr viel'deutlicher erkennbar als auf der anderen, ohne dass dasselbe dort notwendigerweise auch für die scriptio superior zuträfe. Womit dies zusammenhängt - etwa mit der Fleisch- bzw. Haarseite des Pergaments oder mit besonders gründlicher Tilgung - ist unklar. Scriptio inferior und scriptio superior scheinen mit etwa gleich breiter Feder und vielleicht auch mit derselben Art von Tinte geschrieben zu sein. Die Korrekturen an der scriptio inferior hingegen wurden mit sehr viel schmalerer Feder und in einer dunklen, lackartigen Tinte geschrieben, die offenbar nicht so stark mit dem Pergament reagierte wie die Originalschrift,

17 Die vorliegende Untersuchung erfolgte anhand von Kleinbild- und 6x6Fotografien meist in Schwarzweiß, aufgenommen von Dr. Gerd-R. Puin bzw. Dr. Hans-Caspar Graf von Bothmer (Universität des Saarlandes).


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so dass von ihr, wenn überhaupt, oft nur noch Spuren zu sehen sind, wo die scriptio inferior wieder gut erkennbar ist. 2.2 Die scriptio inferior: Schriftspiegel, Zeilen und Schrift

Der Schriftspiegel der scriptio inferior ist auf manchen Seiten etwa gleich grofl, auf den meisten aber etwas größer und vor allem höher als der der scriptio superior; nach dem sekundären Binden wurden die Blattränder leicht beschnitten. In beiden Schriftschichten schwankt die Zahl der Zeilen pro Seite: bei der scriptio inferior zwischen 25 und 30. Auch bildet die Schrift in beiden Schichten keinen einheitlichen Block, sondern ist im „Flattersatz" gehalten: Zwar sitzen die Zeilenanfange gleichmäßig genau untereinander, doch sind die Zeilen unterschiedlich lang, so dass sie nicht alle in derselben Position enden. Wie in frühen Handschriften üblich, unterscheidet sich der Abstand zwischen den B~chstabenblöcken'~ nicht grundsätzlich je nachdem, ob er sich mitten in einem Wort oder an einem Wortende befindet, es gibt also keinen besonderen Wortabstand. Zeilen enden sehr häufig mitten in einem Wort, das dann am Beginn der nächsten Zeile weitergehhrt wird. Da die Enden der letzten Zeilen einer Seite meist nicht mehr sichtbar sind, ist unklar, ob auch Seiten ggf. mitten in einem Wort endeten. Auf manchen Blättern verzog sich das Pergament durch das erneute Spannen (fiir die Trocknung) so stark, dass die Zeilen der scriptio inferior (im Gegensatz zur scriptio superior) vor allem in den unteren Blattbereichen nun ganz schief verlaufen und durch das Beschneiden teilweise wegfielen. Die Primärschrift ist, wie auch noch die Sekundärschrift, in einem frühen, meist als „Higäzi" bezeichneten Duktus geschrieben. Dabei sind diakritische Punkte - gemeint sind die kurzen, durch Aufsetzen der Feder entstandenen Striche, die die Konsonanten vereindeutigen - in der scriptio superior sehr häufig, in der scriptio inferior hingegen sehr selten zu sehen. Allerdings dürften auch in der scriptio inferior ursprünglich mehr Punkte geschrieben gewesen sein, die lediglich heute nicht mehr sichtbar sind, etwa weil sie beim Abwaschen zu gründlich getilgt wurden oder weil die scriptio superior sie überdeckt; so ist es wohl kein Zufall, dass sich auf Folio 2, auf

18 Ein Buchstabenblock ist definiert als Gruppe von Buchstaben, die miteinander durch Linksverbindung gekoppelt sind; als ein einziger Buchstabenblock zählen auch ggf. isolierte Buchstaben wie z. B. das Alif des Artikels.


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dem die scriptio inferior mit Abstand am klarsten sichtbar ist, auch die meisten diakritischen Punkte finden; sonst sieht man lediglich noch auf Folio 4v (2x), 9r und 19r (jelx) diakritische Punkte. Das System der Disambiguierung von im Rasm mehrdeutigen Buchstaben durch Punkte scheint bei der Entstehung der scriptio inferior schon voll entwickelt (wenn auch nicht durchgehend angewendet) gewesen zu sein: Es finden sich diakritische Punkte bei: Ta' (Sx), Däl (lx), Za' (lx), Qäf (lx) und Nün (3x). 2.3 Die scriptio inferior: Aufierschriftliche Zeichen 2.3.1 Verstrenner Die (einfachen) Verstrenner sind zwar auf jedem Blatt für sich einheitlich, sehen aber nicht auf allen Blättern gleich aus; weshalb sie variieren, ob etwa die Blätter von verschiedenen „Händenc' beschriftet wurden, ist derzeit unklar. Sie wurden offenbar vom Schreiber I den Schreibern selbst gesetzt und sind in derselben Tinte ausgeführt wie die Schrift. . Oft sind sie neben den letzten Buchstaben des Verses gesetzt, und zwar in demselben Abstand19, den ein nächster Buchstabenblock erhalten hätte. Handelt es sich bei dem letzten Buchstaben aber um ein finales Nün, was sehr häufig vorkommt, dann ist der Verstrenner meist in das Nun hineingesetzt bzw. schließt dieses, wie die gerade Seite eines Halbmondes, gewissermaßen ab; dies dürfte ein Beweis dahr sein, dass die Verstrenner im Manuskript, wie im heutigen „'utmänischen" Koran auch, die Enden der Verse und nicht etwa Versanfange markieren. Auf den meisten Blättern bestehen die Verstrenner aus 3-5 (selten auch mehr) leicht schräg übereinandergesetzten Punkten.:

19 Anders als bei kalligraphischen Handschriften gibt es keinen fest eingehaltenen Normabstand, er ist lediglich ungefähr gleichmäßig.


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Auf einem Blatt (Folio 16) bestehen sie aus je drei ein (meist schiefes) Dreieck bildenden Punkten, die neben dem letzten Buchstaben des Wortes sitzen, meist auch dann, wenn es sich um ein finales Nun handelt; in einem Fall sind sie über ein finales Ba' gesetzt (dessen Bogen, im Gegensatz zum finalen Nün, flach auf der Zeile liegt):

Auf zwei weiteren Blättern (Folio 7 und 19) bestehen die Verstrenner aus jeweils zwei dicht nebeneinander stehenden „Punktsaulen": esetzt

Dekadenzeichen sind nicht vorhanden; doch gibt es an einer Stelle (Folio 2v, Zeile 21, s. nebenstehendes Foto) ein Ornament, das wohl als Hunderterzeichen zu deuten ist (laut StT steht handelt es sich um Vers 2:102)".

20

Puin, Elisabeth Koranpalimpsest 474 und 488.

uchstaben gesetzt


Ein früher Koranpalimpsest Ein weiterer ungewöhnlicher, aus einer Säule von 10 (statt, wie üblich, 5) Punkten bestehender Verstrenner steht am Ende von Sure 15 (Folio 15v, Zeile 8); ob dies der Grund für die besondere Gestaltung ist oder ob es sich um ein weiteres Hunderterzeichen handelt - laut StT steht er hinter Vers 15:99 -, ist nicht zu entscheiden. Zwei andere besondere Verstrenner finden sich am Ende von Folio 16r und 17r. Auf beiden Seiten endet der Text mit einem Versende, (bei Folio 17 ist dies allerdings nicht ganz sicher), und der Rest der letzten Zeile bleibt unbeschriftet; das könnte der Grund dafür sein, dass man die beiden Verstrenner in besonderer Weise gestaltete: Folio 16r: vier Punkte bilden eine ungleichmäi3ige Raute:

Folio 17r: zwei übereinanderliegende horizontale Punktreihen füllen das letzte Achtel der letzten Zeile auf der Seite:


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2.3.2 Surentrenner

Alle drei erhaltenen Surenübergänge ( 8 3 9 ; 15325; 9319)" sind durch mit der Schreibfeder und in derselben Tinte wie die Schrift, also wohl vom Schreiber selbst, gezeichnete Surentrenner in besonderer Weise hervorgehoben. Dabei gibt es in zwei Fällen Hinweise darauf, dass, so wie die Verstrenner das Ende von Versen, die Surentrenner das Ende von Suren - und nicht den Anfang der nächsten Sure - markieren: Sowohl nach Sure 8 als auch nach Sure 9 steht eine Surenendformel („Dies ist das Ende von Sure ...") - bei Sure 8 nach, bei Sure 9 vor dem Surentrenner. Nach Sure 15 hingegen fehlt eine solche Formel.

Das Ornament besteht aus einer Reihe von abwechselnden Kreisen und „Doppelpunkten" (kurzen, übereinanderliegenden Strichen, die jeweils durch einfaches Aufsetzen der Feder entstanden), eingerahmt von einer umgebenden Linie und äußerer Punktreihe. Der Surentrenner ist zwar sehr langgezogen, fiillt aber nicht die ganze Zeile aus: Sowohl am Anfang der Zeile als auch an ihrem Ende steht etwas Text.

21 Zur abweichenden Surenreihenfolge s. U. 4.2.


Ein fruher Koranpalimpsest

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Der Surentrenner nimmt, jedenfalls soweit erkennbar, die ganze Zeile ein. Er besteht aus einem langgezogenen, in Abständen sich in kleinen Halbkreisen ausstülpenden und von einer Punktlinie umgebenen Rechteck, das mit einem Zickzackrnuster aus Linien und Punkten gefüllt ist. Wechsel von Sure 8

+ 9 (Folio 4r):

Der Surentrenner ist nicht ornamentiert, sondern besteht lediglich aus einer einfachen Linie, die nach dem letzten Wort und Verstrenner von Sure 8, nach etwa 113 der Zeile, beginnt und den Rest der Zeile füllt.

3. Das Fragment DAM 01-27.1: Rest eines ein ganzen primären

und eines ganzen sekundären Kodex Bei den Palimpsestblättern des Koranfragments DAM 01-27.1 handelt es sich nicht etwa um einige Einzelblätter, die, aufgrund ihres ausnahmsweise erheblich „falschen" Textes, aus ihrem ursprünglichen Kodex entfernt, recycelt und gemeinsam mit ungebrauchten Pergamentblättern fur einen anderen Kodex verwendet worden wären. Vielmehr wurde ein kompletter primärer Kodex abgewaschen, neu gebunden und mit einem kompletten sekundären Korankodex neu beschriftet.

3.1 Scriptio Inferior fast auf allen Blättern des Fragments sichtbar Zum Nachweis soll zunächst eine Übersicht über das Fragment DAM 0127.1, also über die Blätter des Kodex, die erhalten geblieben sind, gegeben werden. Darin werden nicht nur die im Dar al-Mahtutat in San'a' aufbewahrten Blätter aufgeführt, sondern auch zwei weitere Palimpsestblätter, die


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mit Sicherheit ebenfalls zu der Handschrift gehörenz2,sich jedoch außerhalb des Jemen befinden: Eines wurde von Christie's 200823versteigert, das andere im Jahr 2000 von BonhamZ4.- Aus Gründen der Vollständigkeit werden außerdem, jedoch separat, zwei weitere Blätter aufgefuhrt, die in Europa versteigert wurden und jetzt in Stanford bzw. Copenhagen liegenz5; bei ihnen ist eine Zugehörigkeit zu der Handschrift möglich, aber bislang nicht gesichertz6. Die wenigen Blätter, auf denen keine scriptio inferior sichtbar ist, werden in der Übersicht grau hervorgehoben; die Texte von Vorder- und Rückseite jedes Blattes sind durch ein „+" getrennt angegeben. Blattfragmente mit hohem Materialverlust sind durch (Klammern), sehr kleine Blattfragmente durch ((Doppelklammern)) markiert.

22 Puin, Elisabeth Koranpalimpsest I1 52718. 23 Christie's London, April 2008, Sale 7571, lot 20. Eine Abbildung beider Seiten befindet sich derzeit (Juni 2010) auf der Webseite von Islarnic Awareness (http://www.islamic-awareness.org/Quran/Text/Mss) als „Christie's 2008" sowie bei www.christies.com unter „Auction Results". 24 Bonhams Islarnic Sale, 11. Oktober 2000, lot 13. Eine Abbildung beider Seiten befindet sich derzeit auf der o. e. Webseite von Islarnic Awareness als "Bonham's 2000". - Die scriptio inferior dieses Blattes wurde untersucht in Fedeli

Evidences. 25 Das mittlerweile in Stanford aufbewahrte Blatt wurde von Sotheby's in London, 22.10.1993, Lot 34 versteigert; eine Abbildung der Recto- und Verso-Seite sowie die Angabe der Texte beider Schriftschichten befindet sich derzeit (Juli 2009) auf der o. e. Webseite von Islarnic Awareness als „Sotheby's 1993". Das andere, mittlerweile in der David-Collection in Copenhagen, Inv.Nr. 8612003 befindliche Blatt wurde von Sotheby's in London, 22. und 23. Oktober 1992, Lot 551, sowie von Christie's in London, 1. Mai 2001, Sale 6428, lot 12, versteigert. Eine Abbildung beider Seiten befindet sich derzeit (Juni 2010) auf der o. e. Webseite von Islamic Awareness als „Sotheby's 1992", eine der Avers-Seite bei www.christies.com unter „Auction Results". In sehr guter Qualität sind beide Seiten abgebildet bei Fogg Calligraphy. Die scriptio inferior dieses Blattes wurde untersucht von Fedeli in Evidences. 26 Puin, Elisabeth Koranpalimpsest I1 528.


Ein früher Koranpalimpsest

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Übersicht über das Fragment DAM 01-27.1

evtl. auch zu DAM 01-27.1 gehörig Scriptio Inferior Scriptio Superior

Folio 2:265-271 + 2:271-277 Stanford Copenhagen 2:277-282 + 2:282-286

2:191-196 + 2:197-205 2:206-217 + 217-223

Die beiden sicher zu der Handschrift gehörigen, aber außerhalb des Jemen aufbewahrten Blätter werden mit aufgeführt, ohne jedoch eine Nummerierung innerhalb der Handschrift zu erhalten. Auch die 6 sehr kleinen Fragmente, deren Textpartien erst kürzlich identifiziert werden konnten und die die Reste von 5 Blättern darstellen, sind zwar gemäß ihren Texten eingeordnet, erhalten aber keine eigene Nummer, sondern die des zuletzt vor ihnen erhaltenen Blatts, versehen mit dem Zusatz „z". Die Auflösung der mir zur Verfügung stehenden Fotos auf den o. a. Webseiten von Islamic Awareness und Christie's ist allerdings zu niedrig für eine Entzifferung der scriptio inferior.


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Elisabeth Puin

Folio , 15 16 17 18 19 20

DAM 01-27.1: 38 erhaltene Blatterz7 IScriptio Superior IScriptio Inferior (29:29-40 + 29:43-53 Blatt 180" 125:vor15-27 + 15:88-Ende,dann gedreht) 25: 1-8 30:26-40 + 30:40-54 9:70-80 + 9231-84 und mehr 31:24-32:4 + 32:4-20 9:106-113 + 9:114-120 32:20-33:6 + 33:6-18 9:121-Ende, dann 19:l-5 + 19:6-28 33:18-29 + 33:30-37 19:vor30-53 + 19:53-66 U.m. 3452-359 + 3510-18 verso: scriptio inferior

Wie die Tabelle zeigt, ist auf fast allen, nämlich auf 34 von 38 Blättern der Handschrift die scriptio inferior zumindest schwach erkennbar, auf 20 Blättern davon sogar (mindestens teilweise) lesbar. Und auch auf den 4 (dunkelgrau markierten) Ausnahmen ohne eindeutig sichtbare scriptio inferior könnte sich doch eine solche befunden haben: 3 davon sind sehr kleine, nur wenige cm2 große Fragmente mit wenig Aussagekraft. Auf ihnen sind zwar keine eindeutig als solche erkennbaren Buchstaben einer scriptio inferior zu sehen, aber - ebenso wie auf dem vollständig erhaltenen Folio 1 - zahlreiche Flecken und Unregelmäßigkeiten, bei denen es sich um Reste von Schrift handeln könnte; anhand des mir zur Verfügung stehenden foto material^^^

29 Vor einigen Jahren haben Prof. Dr. Sergio Noja-Noseda (f 2008) und Dr. Alba

Fedeli (Universiti degli Studi di Milano) im Rahmen des Amari-Projekts zusätzlich UV-Fotografien des Manuskripts anfertigen lassen, die hoffentlich bald als Faksimile-Nachdruck publiziert werden können; es ist zu erwarten, dass auf ihnen noch erheblich mehr von der Originalschrift zu erkennen ist als auf her-


Ein früher Koranpalimpsest

251

kann dies aber nicht geklärt werden. Es handelt sich also bei den allermeisten, womöglich sogar bei allen Blättern des Koranfragments um Palimpsest. 3.2 Spanne von 78% bzw. 73% des Korantextes „stichprobenartig" belegt

Die erste belegte Textpartie30 der scriptio superior ist Sure 4:33 auf dem Bonham-Folio, die letzte ist Sure 60:l auf Folio 31; zwischen diesen beiden Polen finden sich Teile der Suren 5, 6, 7, 9, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 21,22, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32, 33, 34, 35, 37, 38, 39, 41, 42, 43, 44, 47, 48, 55, 56, 57, 58 und 59, der Text dazwischen war also sicherlich einmal vollständig. Somit ist eine Spanne von 47/60 = Ca. 78% des gesamten Korantextes zumindest stichprobenartig vorhanden. Die erste belegte Textpartie der scriptio inferior ist Sure 2 3 7 (auf Folio 2), die letzte Sure 37:142 (auf Folio 24); dazwischen finden sich Teile der Suren 5, 8, 9, 15, 18, 19, 21, 24, 25, 28, 33 und 34. Auch in der scriptio inferior dürfte der Text dazwischen einmal vollständig gewesen sein: Da sich auf fast allen erhaltenen Blättern der Handschrift zwei Schriftschichten befinden, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass dies auf den verlorengegangenen Blättern nicht der Fall war. Wie groß die Textmenge genau war, ist indes nicht festzustellen, denn die Anordnung der Suren unterscheidet sich in der scriptio inferior von der des StT (s. U. 4.2); es ist nicht einmal sicher, dass die Sure 37 wirklich die letzte in der genannten Reihe war. Doch dürfte auch die scriptio inferior dem Prinzip gefolgt sein, die Suren zumindest grob nach ihrer Länge anzuordnen und die sehr kurzen Suren weit hinten anzusiedeln, so dass sich durch die abweichende Surenfolge in der Textmenge keine allzu großen Unterschiede ergeben dürften. Nimmt man also trotz der Unterschiede den StT als Grundlage, so ergibt sich eine Spanne von 44/60 = Ca. 73% des Korantextes, die in der scriptio inferior zumindest stichprobenartig belegt ist. Der nachweisbare Textumfang beider Schriftschichten ist also annähernd gleich und mit 73% bzw. 78% so groß, dass man davon ausgehen kann, dass es sich in beiden Fällen ursprünglich um vollständige Koranko-

kömmlichen Fotografien und womöglich mehr, als auf dem Original mit bloilem Auge zu erkennen ist. 30 Die beiden separat aufgeführten, in Stanford und Copenhagen aufbewahrten Blätter werden hier nicht berücksichtigt, da ihre Zugehörigkeit zu der Handschrift nicht gesichert ist.


Elisabeth Puin

252

dizes handelte: Ein ganzer Kodex (mit der scripio inferior) war also aufgelöst, abgewaschen und dann als Ganzes - wenn auch evtl. unter Hinzuziehung einiger neuer Pergamentblätter - wieder gebunden und mit einem vollständigen sekundären Kodex (mit der scriptio superior) neu beschriftet worden. 3.3 Zusammengehörige Blätter

Bei der Neubindung kamen nicht selten - betroffen sind immerhin 13 Folio - zusammengehörende Blätter des ersten Kodex auch im sekundären Kodex wieder zusammen, wie die Übersicht der aufeinanderfolgenden Blätter zeigt: Dicker einfacher Rahmen: zusammengehörige Blätter der scriptio inferior Doppelrahmen: zusammengehörige Blätter der scriptio superior Folio Iscriptio Inferior lscriptio Superior

1

I

IZwei Blatter verloren, dann folgt Kein Zusammenhang zu Folio 16 TZn1;n 1 6

I

I


Ein früher Koranpalimpsest

253

Dieses Phänomen dürfte technisch bedingt sein: Die Wiederaufbereitung des Pergaments fand vermutlich nicht an demselben Ort statt wie die „frische" Herstellung groi3er Mengen von Pergament direkt aus Tierhäuten, sondern eher in der Nähe des Schreibortes in einer kleineren Werkstatt, wo der Raum und auch die Anzahl von Spannrahmen begrenzt war. Daher konnte der erste Kodex nicht iii einem einzigen Durchgang wiederaufbereitet werden, sondern wurde portionsweise aufgelöst, wodurch die Wahrscheinlichkeit, dass ursprünglich zusammengehörige Blätter auch zusammenblieben, stieg. Ein textlicher Zusammenhang zwischen beiden Schriftschichten ist hingegen nirgends erkennbar; er wäre ohnehin unwahrscheinlich, da die Erstschrift nach der Abwaschung zunächst wohl ganz verschwunden war und erst einige Zeit später wieder sichtbar wurde. Einige Blätter - im Fragment erhalten sind drei, nämlich Folio 12, 15 und 25 - wurden bei der Neubindung auch „auf den Kopf gedreht".

4. Ein „falscher" Korantext: Der Grund für die Auflösung des

primären Kodex 4.1 Korrekturen vor der ,,endgültigen" Abwaschung der scriptio inferior

Zunächst versuchte man noch, Abweichungen vom nun offenbar zum StT gewordenen '-manischen Koran zu korrigieren, eine Methode, die - bezogen auf orthographische oder auch kleine textliche Abweichungen - in frühen Manuskripten häufig zu beobachten ist31. Auf dem bereits veröffentlichten32Folio 2 finden sich in fast jeder Zeile Radierungen und korrigierende Einfügungen und Überschreibungen, die in dunklerer, lackartiger Tinte mit einer deutlich dünneren Feder in kleinerer, engerer Schrift geschrieben sind als der originale Text. Einige Beispiele sollen einen Eindruck davon vermitteln, wie die Korrekturen aussehen:

31 Vgl. Fedeli Non-Palimpsest. 32 Puin, Elisabeth Koranpalirnpsest.


254

Elisabeth Puin

Folio 2r, Zeile 8 der scriptio inferior:

Zwischen den beiden sehr dunklen, deutlich lesbaren Zeilen der scriptio superior ist die viel hellere scriptio inferior zu sehen sowie der sie korrigierende Schriftzug â&#x20AC;&#x17E;ma 'ar" (in dunkler Tinte mit schmaler Feder geschrie-

Hier wurde die scriptio inferior ausgekratzt, so dass sie nicht mehr lesbar ist; von der dann darĂźbergeschriebenen Korrektur ist nur noch eine Haste zu erkennen.


Ein früher Koranpalimpsest

AuDer auf Folio 2 gibt es auch auf vielen anderen Blättern Korrekturen, vor allem in Form von Radierungen, die z. T. die scriptio inferior ganz unleserlich machen: Entfernt wurden einzelne Wörter oder auch ganze Zeilen oder mehrere Zeilen. Ein extremes Beispiel ist Folio 20v (nebenstehendes Foto), von dem nur noch etwa 113 als vertikaler Pergamentstgreifen erhalten ist. Von der scriptio inferior sind nur noch hie und da ein paar Buchstaben zu lesen, die zufällig übrigblieben: Die scriptio inferior der ganzen Seite wurde offenbar zunächst durchgestrichen und dann ausgekratzt.


256

Elisabeth Puin 4.2 ,,Fehler" in der Makrostruktur: Andere Surenfolge

Ein bedeutender Unterschied zum StT - der allerdings nicht ausschlaggebend für die Zerstörung des primären Kodex gewesen sein dürfte - betrifft zwar nicht den Wortlaut, aber die Makrostruktur des Korans, nämlich die Reihenfolge der Suren: In der scriptio inferior folgt auf Sure 15 3 Sure 25 (Folio 15v) und auf Sure 9 3 Sure 19 (Folio 18). Lediglich der dritte erhaltene Surenwechsel entspricht dem StT, nämlich der von Sure 8 zu Sure 9 (Folio 4); allerdings weicht die Gestaltung des Übergangs von der des StT ab (s. U.4.3.5)33.- Die Surenfolge des sekundären Kodex hingegen entspricht, soweit erhalten, genau der des StT. In der folgenden Übersicht sind nur diejenigen Blätter angeführt, auf denen sich in der scriptio superior oder der scriptio inferior ein Surenwechsel befindet. Die in der jeweiligen Schriftschicht betroffenen Blätter sind grau hinterlegt.

+

33 Detaillierte Analyse s. Puin, Elisabeth Koranpalimpsest I1 5601561.


Ein friiher Koranpalimpsest

257

In der Literatur ist die Existenz früher Korankodizes mit anderer Surenfolge als der 'u~mänischen belegt: Sowohl Ibn d-Nadim in seinem 37719874 fertiggestellten Fihrist als auch Abu 1-Fad1 al-Suyüti (84911445 91111505) in seinem al-Itqan fi U l ~ al-Qur'än m berichten über ungewöhnliche Surenfolgen in den Kodizes der Prophetengefahrten Ibn Mas'üd und Ubayy ibn Kacb34und geben Listen davon wieder. Die Surenfolge in der scriptio inferior von DAM 01-27.1 entspricht allerdings weder der von Ibn Mas'üd noch der von Ubayy; doch ergeben sich Ähnlichkeiten mit beiden insofern, als immerhin bei Ibn Mas'üd die räumliche Nähe der Suren 15 und 25 (die Reihenfolge ist bei ihm lediglich umgekehrt) sowie bei Ubayy die der Suren 9 und 19 (bei ihm ist aber Sure 11 dazwischen) zueinander belegt ist: bzw. gemäß al-Suyüti fehlt Sure 15. 5 oder 52+25 bzw. gemaD al-Suyüti fehlt Sure 25. Auch sind auDer DAM 01-27.1 noch andere frühe Manuskripte mit anderer Surenfolge erhalten35: In dem ebenfalls in San'ä' gefundenen Koranfragment DAM 01-32.1 etwa kommt der Surensprung 2 6 3 3 7 vor, was der Reihenfolge bei Ibn Mas'üd e n t ~ p r i c h t ~In~ . einem weiteren Fragment aus San'ä' sind die Surensprünge 19+22,36+38,67371,72+51 und 67+8337 nachweisbar, die weder mit Ubayys noch mit Ibn Mas'üds Kodex übereinstimmen.

34 Berücksichtigt wurden die Listen soweit angeführt bei Jeffery Materials (22-23 bzw. 115), Dodge Fihrist und Suyüti Itqan. 35 Ernst zu nehmen sind nur solche Surensprünge, die sich auf ein und derselben Seite, zumindest aber auf ein und demselben Blatt befinden; sonst kann es sein, dass die abweichende Surenfolge lediglich duch den Zufall einer sekundären Buchbindung zustandekommt. 36 Ein Foto dieser Seite ist auf der Unesco-CD veröffentlicht. Vgl. auch Small Unesco CD Part 2 (er übernimmt die Benennung auf der CD: Showcase 12, Ms. 35) sowie Puin, Gerd-R. Observations 111 (die Nummer des Manuskripts wird dort nicht genannt). 37 Puin, Gerd-R. Observations, 111.


Elisabeth Puin 4.3 ,,Fehlerc' im Text

Die Untersuchung aller 14 Blätter mit gröf3eren (lesbaren) Tmtmengen in der scriptio inferior (DAM 01-27.1 Folio 2, 4, 5, 7, 8, 9, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 28 sowie das bei Bonham versteigerte Blatt)38hat ergeben, dass sich auf allen diesen Blättern „Abweichungen" - eigentlich sollte man neutral sagen: Unterschiede - zum Wortlaut des StT befinden; je mehr Text auf einer Seite lesbar ist, desto mehr Unterschiede finden sich, und zwar meist ebenso gravierende wie auf den Blättern 2, 4 und 5, deren Texte bereits veröffentlicht sind, und wie auf dem in diesem Aufsatz analysierten Folio 16. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die zufällig überlebenden Blätter eine Ausnahme innerhalb des Kodex darstellten und der Text auf den verlorengegangenen Blättern mit dem StT übereinstimmte; vielmehr kann man wohl davon ausgehen, dass der primäre Kodex überall so viele Abweichungen vom Koran der 'utmänischen Redaktion enthielt, dass man ihn nicht mehr verwenden konnte, nachdem diese stattgefunden bzw. sich als alleingultig durchgesetzt hatte. Dabei scheinen im Manuskript nur solche Abweichungen auf, die sich im Rasm, also dem „Skelett" der Schrift ohne diakritische Punkte und Vokalzeichen, zeigen. So ist z. B. keine der in der Qirä'at-Literatur verzeichneten, vom StT verschiedenen „Lesartenc' im Manuskript nachweisbar, was aber schlicht an dem noch sehr „defektiven" Charakter der Schrift liegen könnte: Wie oben in 2.2 beschrieben, sind diakritische Punkte in der scriptio inferior kaum je sichtbar, und das Instrumentarium zur Schreibung von

38 Die beiden in 3.1 als „Stanford" und „Copenhagen" bezeichneten Blätter werden hier nicht berücksichtigt, da ihre Zugehörigkeit zu, Kodex (noch) nicht gesichert ist; die scriptio inferior des Copenhagen-Folio wurde von Fedeli in Evidences untersucht und weist zahlreiche Textabweichungen vom StT auf. Die nur als Fragmente erhaltenen Blätter 12, 23, 24, 25 und 27 (sie alle sind kleiner als 113 der eigentlichen Blattgröße) sind noch nicht gründlich untersucht. Die Analyse des Bonham-Blattes mit seinen Textabweichungen ist bereits veröffentlicht (Fedeli Evidences), ebenso die der Blätter DAM 01-27.1, Folio 2, und 4, 5 (Puin, Elisabeth Koranpalirnpsest und Koranpalimpsest II); die Untersuchung der anderen Blätter des Fragments soll in diesem Aufsatz (Folio 16, s. U. Kapitel 5) sowie in weiteren Publikationen erfolgen. Über das in 3.1 als „Christie's" bezeichnete Blatt kann ich allerdings keine Angaben machen, da es m. W. noch nicht publiziert ist und die mir zugänglichen Abbildungen eine Untersuchung der scriptio inferior nicht zulassen.


Ein früher Koranpalimpsest

259

Vokalen (oder gar von darüber hinausgehenden Leseanweisungen) fehlte ohnehin noch. Die meisten „Lesartenc'aber schlagen sich im Rasm gar nicht nieder, so dass sie, falls im Manuskript gemeint, dort doch unsichtbar bleiben. Selbst dort, wo der Rasm der scriptio inferior mit dem des StT übereinstimmt, ist also nicht automatisch sicher, ob er auch wirklich genau so zu lesen ist wie der StT. Dass dies nicht der Fall ist, zeigen einige Stellen im Manuskript, an denen eine im Rasm sichtbare Abweichung eine grammatische Änderung des Nachfolgenden hervorruft (z. B. Indikativ statt Konjunktiv nach der Verneinung 1a statt lan, s. U. 5.4 Folio 16r Zeile 24); dort ist die.veränderte Lesung sozusagen indirekt nachweisbar, auch wenn sie in der Schrift selbst nicht erscheint. 4.3.1 Vorbemerkungen zur Ubersicht über die Arten von Textabweichungen sowie zu Darstellungsweise und Umschrift Im Folgenden sollen einige der Textabweichungen vorgestellt und diskutiert werden, die entweder unkorrigiert blieben oder trotz erfolgter Korrekturen wieder sichtbar wurden. Dabei ist jedes untersuchte, nennenswerte Mengen von lesbarer scriptio inferior enthaltende Blatt mit mindestens einem Beispiel vertreten, um zu belegen, dass solche Textunterschiede wirklich überall vorkommen. Die Ubersicht ist nach Kategorien von Textabweichungen geordnet, ohne dass dabei Anspruch auf Vollständigkeit erhoben würde; vielleicht könnte man stattdessen auch ganz andere Kategorien bilden. Diese Darstellungsart schien mir lediglich die geeignete zu sein, um die Bandbreite der Abweichungen deutlich zu machen. Eine vollständige Auflistung der Besonderheiten der scriptio inferior in Form von Kategorien wäre hingegen wenig sinnvoll, denn der Erfassung des Texts würde das nicht gerecht. Der Schwerpunkt der folgenden Übersicht - wie auch der Darstellung der Manuskriptseiten (Kapitel 5.2-5.5) liegt auf der Dokumentation des Manuskripttextes; der Kommentar dazu beschränkt sich im Wesentlichen auf die Beschreibung der Abweichung, die Feststellung eventueller Parallelen zu anderen Stellen im StT oder zu den Kodizes von Ibn Mas'ud und Ubayy sowie ggf. die Übersetzung der abweichenden Manuskriptstellen. Tiefergehende Analysen, etwa zur Komposition oder zu etwaigen Konsequenzen des „anderenc' Textes für Gesetzgebung oder Theologie, werden nicht vorgenommen.


260

Elisabeth Puin

Die verwendete lateinische Umschrift weicht in einigen Punkten um der größeren Genauigkeit willen von der üblichen ab; da sie in den beiden vorausgegangenen Publikationen bereits vorgestellt wurde, wird hier auf eine erneute Erläuterung verzichtet. Der Text des Manuskripts wird in direktem Vergleich mit dem StT wiedergegeben (die selten auftretenden Gemeinsamkeiten der Textabweichungen mit den Kodizes von Ibn Mas'üd und Ubayy werden hingegen lediglich im Kommentar erläutert): In jeweils einem Kästchen, das wiederum in zwei (oder ggf. in drei) Zeilen eingeteilt ist, steht in der unteren Zeile der Wortlaut des Manuskripts in einem schlichten Nashi-Duktus; diakritische Punkte werden nur dort gesetzt, wo sie sich auch in der Handschrift befinden. Die obere Zeile zitiert die entsprechende Passage, wie sie sich im StT darstellt, und ggf. wird eine mittlere Zeile eingeschoben, die den Wortlaut der „Korrekturschicht" der scriptio inferior wiedergibt. Während in der Dokumentation von Manuskriptseiten (s. U. Kapitel 5.2-5.5) jede Zeile des Manuskripts ein eigenes Kästchen erhält, werden in der folgenden Übersicht über die Arten von Abweichungen möglichst in sich vollständige Textpartien ggf. zeilenübergreifend in je einem Kästchen zusammengefasst; Zeilenenden werden dabei durch markiert. Die Unterschiede des Manuskripttextes vom StT sowie ggf. Korrekturen innerhalb der Handschrift sind mit gerahmten Feldern, wo möglich (s. Kapitel 5.2, 5.3) um der gröi3eren Deutlichkeit willen3' zusätzlich auch farbig markiert. Der Farb- und Rahmencode, der die arabische Schrift so wenig wie möglich stören soll, wurde von Dr. Gerd-R. Puin für die Publikation von Handschriften erfunden und von mir weiterentwickelt; da er sich seit der Publikatikon des ersten Manuskriptblattes nochmals leicht verändert hat, soll er hier kurz erläutert werden: Wo im Manuskript Textteile eindeutig fehlen, wird diese Stelle durch einen dicken einfachen Rahmen markiert und rot hinterlegt. Wo im Manuskript Textteile im Vergleich zum StT an eine andere Stelle transponiert sind, erhalten sie - und zwar um der größeren Deutlichkeit willen sowohl in der Zeile mit dem StT als auch in der Zeile, in der der Manuskripttext wiedergegeben wird - einen sehr dünnen einfachen Rahmen; Pfeile zeigen an, wohin die entsprechenden Wörter im Vergleich zum StT „gewandert" sind.

39 Aus Kostengründen ist das derzeit nicht im ganzen Aufsatz möglich.


Ein früher Koranpalimpsest

261

Textteile, die im Vergleich mit dem StT zusätzlich sind, erhalten einen Doppelrahmen und sind grün hinterlegt. Textpartien, die weder fehlen noch zusätzlich, aber anders sind als der StT, sind gestrichelt gerahmt und blau hinterlegt. Korrekturen an der scriptio inferior sind mit einem Punktrahmen umgeben und violett hinterlegt. Wo die Korrektur in einer Radierung besteht und also Text weggefallen ist, wird dies durch eine unterstrichene Punktreihe .. . dargestellt. Wurde nach der Radierung Text eingefügt, so ist dieser unterstrichen. Nicht durch Rahmen, sondern nur mit Hilfe von Farben bzw. Schraffur markiert sind folgende Merkmale: Mit dem StT identischer Manuskripttext erhält keinen Rahmen und ist (im farbigen Teil des Aufsatzes) einfarbig gelb (bzw. im schwarzweißen Teil: einfach weiß) hinterlegt. Wo im Manuskript nichts lesbar ist und unklar ist, was dort stand, zeigt dies eine dunkelgrau hinterlegte Punktlinie an (auch im schwarzweißen Teil). Dabei wird nicht zwischen den verschiedenen möglichen Gründen fiir die Unleserlichkeit (Materialverlust, Wasserschäden, Radierung usw.) unterschieden. Wo unsicher ist, ob überhaupt etwas dort stand, bleibt das Feld leer und wird ebenfalls dunkelgrau hinterlegt; dies ist z. B. häufig dort der Fall, wo der StT einen Verstrenner setzt, der im Manuskript nicht (mehr) sichtbar ist, ursprünglich aber vorhanden gewesen sein könnte. Wo Text nicht mehr sichtbar ist, aber sicher rekonstruiert werden kann, wird die betroffene Textpartie in der Wiedergabe zwar geschrieben, aber mit einer horizontalen Schraffur hinterlegt. Dies ist z. B. der Fall, wenn in einem mit dem StT identischen Satz manche Wörter nur zum Teil lesbar sind; dort kann man davon ausgehen, dass auch der verlorengegangene Rest dem StT entspricht.


Elisabeth Puin

262

4.3.2 Transposition

Umstellung von Wörtern und Textpassagen innerhalb einer Aufzählung 5

t

...

-

,

0

4-

1'

Fol. 9r

d e ' 3 2. 516 StT: „...Und gute Frauen gehören zu guten Männern, und gute Männer zu guten Frauen". Im Manuskript ist die Reihenfolge vertauscht: „...und schlechte Männer [gehören zu] schlechten Frauen. Und gute Männer gehören zu guten Frauen, und gute Frauen zu guten Männern." Am Sinn ändert sich nichts.

Umstellung von Wörtern und Textpassagen innerhalb einer Schilderung 9

+M& \

\

&\+

iq-[ LJ

0

L"

99

+.M

StT 24:27

Fo1.91[L-i\+L;y 2. 718 LI-!

StT „O ihr. die ihr glaubt, betretet keine anderen Häuser als die euren, bevor ihr nicht um Erlaubnis gebeten und ihre Bewohner gegrügt habt". Ms. (das ,,andere.. . als die euren" fehlt auperdem): ,,Mbetretet kein Haus, bevor ihr nicht seine Bewohner eeerüi3t und um Erlaubnis gebeten habt". Vom Ablauf der Ereignisse her dürfte Reihenfolge in der Manuskriptversion die sinnvollere sein. Diese Textabweichung des Manuskripts findet sich auch in den Kodizes von Ibn M a ~ ' ü dund ~ ~Ubayy4'!

40 Jeffery Materials 65. 41 Jeffery Materials 149.


Ein früher Koranpalimpsest 4.3.3 Anderer Text

Anderer SatzWers: ähnlicher Sinn

Vers 19:66 lautet im StT: ,„Der Mensch sagt: Werde ich etwa, wenn ich gestorben bin, lebendig (wieder) hervorgebracht werden?". Im Manuskript steht hingegen, soweit lesbar, etn anGerer Text: Die Schrtft u m Ende von Zeile 20 ist zu lesen als &d %.Der Schluss des letzte: Wortes stand offenbar in der nächsten Zeile; es ist sicher zu ergänzen zu 532'. Im StT kommt diese ganze Formulierung an 3 Stellen (23:82, 37:16 und 56:47) v?r, und zwar j e d ~ m a jinnerhalb genau desselben Textes: F\$ & L+ \ $ f \ j l ~ 5 ' 5i %j „Sie sagen: Sollen wir etwa, wenn wir gestorben und zu Erde und Knochen geworden sind, auferweckt werden?"; vermutlich stand also dieser Text hier im Manuskript, zumal die ersten beiden Buchstaben von mitnä lesbar sind. Trotz desgänzlich anderen Wortlauts ist der Sinn der Manuskriptversion sehr weitgehend derselbe wie der des StT. Anderer Satz (andere stereotype Formel): austauschbar

Im StT endet Vers 24:35 (wie im Manuskript nach wa-yadrubu 'llahu 'lamtäla li-1-näsi / Und Gott prägt den ~ e n s c h e ndie ~leichnisse)mit der Standardformel wa-'llahu bi-kulli Say'in 'alimun / Gott weii3 über alles bescheid. Im Manuskript hingegen lautet die Endformel la'allahum .. ...üna; sie ist nicht vollständig lesbar, doch dürfte sie la'allahum yatadakkarüna / Vielleicht würden sie sich mahnen lassen gelautet haben, wie in der mutmaj3lichen Parallele in StT 14:25: wa-yadrubu 'llahu '1-amtäla li-1-näsi la'allahum yatadakkaruna „Und Gott prägt den Menschen die Gleichnisse. Vielleicht würden sie sich mahnen lassen". ----F

)defektiv/weniger a l s ~ t r I m a n d e ais m StT [identisch m i t StT 1

C..

= : Radierg.

...

.....

7 .

iI...i

:,

....

= : neuer Text üb. Radierg.

7 .

9

*..C

-

1

1

:,*,:= einkorrig.

......


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264

Anderer Ausdruck: synonym

Statt StT min-ba'dihi I nach ihm (um Ende der Zeile) stand im Manuskript ursprünglich (bis es korrigierend durch das „korrekte" min ba'dihi ersetzt wurde, s. Zeile l b ) das synonyme 'ala ätäri[hi] 1 hinter ihm (defektiv geschrieben). A n der Bedeutung „Wir haben doch dem Mose die Schrift gegeben und nach ihm die (weiteren) Gesandten folgen lassen" ändert sich nichts. - Der vom StT abweichende Wortlaut des Manuskripts hat sehr ähnliche Parallelen, in sehr ähnlichem Zusammenhang, in StT 57~27 @ /j.

&

fJb\+ ,,Hierauf ließen wir hinter ihnen her unsere Gesandten folgen' sowie in StT 5:46. Anderes Wort: synonym

Das vom StT abweichende (gestrichelt gerahmte) Wort, tahäfüna (defektiv geschrieben), ist ein Synonym zu tahgawna, beide Verben bedeuten „sich fürchten".

Anderes Wort: austauschbar

Statt StT: qälü' subhanaka / Sie sagen: Gepriesen seist du! steht im Manuskript rabbanä / Sie sagen: 0 unser Herr! Beide Wörter sind zwar - qälül nicht synonym, als respektvolle Anrede an Gott aber austauschbar.


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Anderes Wort: andere Bedeutung

Fol. 8v &d\iJ-J I \J J4 L r „\ „„„ P-----

J--.

-----a

Statt StT: uli 'l-qurba / die Verwandten steht im Manuskript 'l-fuqarä' / die Armen. Statt StT „[Und diejenigen von euch, die begünstigt sind und über genügend Mittel verfügen, sollen nicht schwören,] dass sie den Verwandten, den Bedürftigen und denen, die um Gottes Willen ausgewandert sind, nichts geben werden" lautet die Manuskriptversion also „..., dass sie den Armen und den Bedürftigen und denen, die um Gottes Willen ausgewandert sind, nichts geben werden". - Dass dadurch zwei fast gleichbedeutende Begrifle, „'J-fuqarä' / den Armen" und „'J-masakin 1 den Bedürftigen", nebeneinandentehen, hat eine Parallele in StT 9:60. &d&T@, . Andere Form desselben Wortes: Relativsatz statt Partizip (bzw. urngekehrt) ,

,

,

0

Mitte der Zeile: Statt des Relativsatzes des StT wa-'lla-na ämanül / und diejenigen, die glauben steht im Manuskript das Partizip von demselben Verb al-mu'minina / die Gläubigen. Ende der Zeile: umgekehrtes Phänomen: Statt des Partizips des StT: li-'1mubrikina / für die Beigeseller [=die Polytheisten] steht im Manuskript ein Relativsatz mit demselben Verb li-'lla-na abrakul / fUr diejenigen, die beigesellen [= Polytheisten sind]. Der Sinn bleibt gleich.

1

1

-

1

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1

Imehr als StT ]]anders als StT lidentiscli mit StT i..M

*=.m

:r. . . .:= Radierg. :,

... ,

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= : neuer Text üb. Radierg.

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= : einkorrig.

$41144 i{l#fltbb14##I


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266

Andere Form desselben Wortes: Anderer Kasus

2.7 Statt des StT min waladin steht im Manuskript der Akkusativ (ohne min): waladaln. Am Sinn „Es steht Gott nicht an, sich irgendein Kind zuzulegen" P

ändert sich dadurch nichts. Andere Form desselben Wortes: Anderes Tempus

W o im StT die Perfektform baSSarnäka steht, wiederholt das Manuskript die lmperfektform nubaSSiruka aus Vers 53; der Sinn bleibt derselbe. Andere Form desselben Wortes: Intensiv statt Indikativ; anderer Plural; 3. Person Passiv statt 2. Person Aktiv

Anders als im StT steht das Verb nach an im Manuskript in der Intensivform taqarranna - vermutlich aus Gründen des Wohlklangs, denn so ergibt sich in Kombination mit den folgenden Worten eine Reihe von dreimal der Endung -anna, -unna, -anna. Statt StT a'yunuhunna / ihre Augen steht im Manuskript die andere Pluralform des Wortes, 'uyiinuhunna, ohne dass sich u m Sinn irgendetwas ändert. Statt StT ätaytahunna / du hast ihnen (f.) gegeben steht im Manuskript ein Schrifzug, der wohl als die Passivform / ihnen (f.) wurde gegeben zu interpretieren ist, was im vorliegenden Kontext um Sinn nichts ändert. Übersetzt lautet die Manuskriptversion „So ist am ehesten gewahrleistet, dass sie [= die Frauen] ,kühlen Auges' und nicht traurig sind, und dass sie alle

&G\


Ein früher Koranpalimpsest

267

mit dem, was ihnen gegeben wurde, zufrieden sind" statt StT „. .. mit dem, was du ihnen gegeben hast, zufrieden sind".

Anderer Bezug durch anderes Possessivsuffix: Der Sinn bleibt derselbe

Statt des StT rabba- / seinen Herrn steht im Manuskript rabbah 1 deinen Herrn; gemeint ist in beiden Fällen (derselbe) Gott. - (Das im Vergleich zum StT zusätzliche Zakariyä nennt das Subjekt des Satzes explizit, ohne dass sich dadurch etwas an der Bedeutung ändern würde.) Die Übersetzung von Vers 3 lautet in der Manuskriptversion: „als Zakariyä im Stillen deinen [= Muhammads] Herrn anrief' statt wie im StT „als im Stillen seinen Herrn anrief'.

-

Anderer Bezug durch anderes Possessivsuffix und andere Person: leichte Sinnveränderung

,

:C

\

,,

r

\

3\

I"$

+J\i$;~\

4

StT 9

I

Im Manuskript ist das zweite Verb von Vers 2, im Gegensatz zum ersten Verb, nicht als Imperativ Plural formuliert, sondern als dritte Person Plural; entsprechend nennt das darauf bezogene Personalpronomen in annahum nicht die zweite, sondern die dritte Person, so dass an dieser Stelle zu lesen ist: wa-la-ya'lamüna annahum gayru mu'giziyi 'llähi. Zu übersetzen ist der Text wissen (aber), dass & also „. .. Zieht nun vier Monate im Land umher! sich dem Zugriff Gottes . .. nicht entziehen können", statt, wie der StT, „Zieht nun vier Monate im Land umher! Ihr müsst aber wissen, dass ihr euch dem Zugriff Gottes nicht werdet entziehen können". Dabei beziehen sich beide Verben (fa-sihu' / zieht umher wie la-ya'lamüna / sie wissen) zweifellos, wie im StT, auf die Heiden. ----F

anders als StT [identisch m i t StT 4iekerrekeri4kaffriser

H..

**.C

F.

C.

:,,,,:= Radierg. :,

...

= : neuer Text üb. Radierg.

....

r , . ~

, .1.... . i ,= :

einkorrig.


268

Elisabeth Puin

Trotz der scheinbaren Verkomplizierung könnte die vom StT abweichende Formulierung das Verständnis der Verse 9:l-2 klären und vmeinfachen: Die Passage spielt auf eine (bereits stattgefundene) Mitteilung (barä'ah) Gottes und seines Gesandten an die Heiden an. Dabei spricht der koranische Text in den Anhängern des Propheten und über die Ungläubigen: „... Vers 9:l diejenigen von den Heiden, mit denen & J eine bindende Abmachung eingegangen habt". In der Version des Manuskripts bleibt das auch u m Ende von Vers 9:2 so, es wird über die Heiden in der 3. Person gesprochen. Bei dem im Imperativ gehaltenen - und ebenfalls auf die Heiden bezogenen - fa-sihii' fi 1ard / zieht nun vier Monate (unbehelligt) im Land umher handelt es sich u m einen Einschub, ein Zitat: den Inhalt der in Vers 1 erwähnten barä'ah; der Schluss des Satzes, die Ankündigung, dass die gerechte Strafe die Ungläubigen schon noch ereilen wird, ist hingegen im Manuskript nicht als Bestandteil der barä'ah formuliert, stellt also keine Drohung an die Ungläubigen dar, sondern eher eine Beschwichtigung der Gläubigen. Andere Kopula

nung 1ä - des StT stand im Manuskript ursprünglich (s. Z. 26a) die Partikel aw / oder. Das nachträglich (s. Z. 26b) einkorrigierte wa-1%ist, das undeutlich sichtbare ursprüngliche AlZf überdeckend, vor dem ursprünglichen W ä w eingefügt, welches dick durchgestrichen wurde. Der leicht andere Wortlaut ändert kaum etwas an der Bedeutung: Statt StT „Diejenigen von den Schrifibesitzern und den Heiden, die ungläubig sind, . . ." lautet die Übersetzung der originalen Manuskriptversion „Diejenigen von den Schrifibesitzern oder den Heiden, die ungläubig sind .. ."


Ein früher Koranpalimpsest

269

Statt wa- / und steht als Satzeinleitungspartikel fa- / und da; dies (wie auch umgekehrt wa- statt fa-) stellt eine auch in vielen anderen frühen Koranmanuskripten belegte, unbedeutende Textvariante dar. 4.3.4 Fehlender Text

Fehlender ganzer Vers: Im Manuskript fehlt Vers 9:85 (Folio 16v, nach Zeile 12; s. U . Kapitel 5.5); ob er womöglich an eine andere Stelle transponiert wurde, ist nicht festzustellen, da zu viele Blätter des Kodex verloren sind. Im StT steht der Vers a m Ende einer Schilderung des Schicksals derer, die nicht bereit waren, u m Gottes willen in den Krieg zu ziehen; er lautet: „Du brauchst ihr Vermögen und ihre Kinder nicht zu bestaunen. Gott will sie im Diesseits damit bestrafen, und er will, dass sie bis ans Ende ihres Lebens im Unglauben verharren".

Fehlender Satz innerhalb eines Verses: keine Änderung i m Textverständn is

Im StT lautet diese Stelle Gott wird ihnen [= den Ungläubigen] nicht vergeben. Dies (geschieht ihnen) dafür, dass sie an Gott und seinen Gesandten nicht glauben. I m Manuskript dagegen fehlt die (unterstrichen) explizite Erklärung für Gottes Unnachgiebigkeit; a m Verständnis des Textes ändert sich dadurch nichts, denn das Vergehen der Ungläubigen wird bereits zuvor, in Vers 79, geschildert. - Zu der Manuskriptversion gibt es eine fast identische Parallele, ebenfalls ohne die Erklärung, in StT 63:6. - 1 - l r

Cefektidweniger a l s T m a n d e r s als StT [identisch mit StT s\(l(( 1 1 1 .

i...

...W

..... =:. Radierg. :,hL,:= r

....

neuer Text üb. Radierg.

7 .

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:= einkorrig.

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270

Elisabeth Puin

Fehlen mehrerer Wörter innerhalb einer Schilderung leicht sinnverändernd

&\ --

Ju

Fol. 16r Z. 1314

Im Manuskript ist das Verb yu'addibhum „er [= Gott] wird sie strafen" nicht, wie im StT, durch 'adäbaln alima'n „mit schmerzhafter Strafe" erläutert; das mildert den Satz ein wenig ab, ändert um Sinn sonst aber nichts. - Statt StT fi '1-dunyä wa-'1-ähirati / im Diesseits und Tenseits steht im Manuskript nur fi '1-dunyä / im Diesseits; der Satz heiJt dann übersetzt: „Wenn sie sich aber abwenden, wird Gott sie im Diesseits strafen." Der Jenseitsaspekt der Strafe fehlt also, diese wird rein - aber dajür sehr konkret - f ü r das Diesseits angedroht. Die Manuskriptversion passt besser als der StT zu dem (im StT wie im Manuskript) ebenfalls rein auf das Diesseits bezogenen Folgesatz, den Schluss des Verses: Und sie haben (dann) auf der Erde weder Freund noch Helfer." Fehlendes Wort innerhalb einer Schilderung: keine Sinnveränderung

I

I

Das Verb des Relativsatzes, balaw', fehlt im Vergleich zum StT, ohne dass sich am Sinn dadurch viel ändern würde: Der &t Verb konstruierte Relativsatz kommt im StT noch an 4 weiteren Stellen vor; weit häufiger aber ist im StT der ohne Verb konstruierte Relativsatz alladina min qablu / qablika / qablinä / qablikum / qablihim (genau wie die Manuskriptversion z. B.: StT 30:42). Obwohl die Übersetzung beider Versionen sich im Deutschen etwas unterscheidet - „diejenigen, die früher / vor euch usw. dahinyerangen sind" (Konstruktion mit Verb) vs. „diejenigen, die friher 1 vor euch usw. gelebt haben" (Konstruktion ohne Verb) -, ist immer dasselbe gemeint.


Ein früher Koranpalimpsest

Fehlende Wörter innerhalb einer Aufzählung

1

5-93

5 m y sJMi ,

53wy5+yi ,

53=;ii ,

**

1

StT 9:112

Im Manuskript sind in die Liste der wahren Gläubigen lediglich aufgenommen: ,,die, die (Gott) dienen, die asketisch leben, sich im Gebet verneigen und die gebieten, was recht ist"; im StT gehören auj3erdem dazu die alhämidüna / die, die Gott loben und die al-sägidüna / die, die sich (im Gebet) niederwerfen. Dass die beiden Glieder im Manuskript fehlen, dürfte keine substanzielle Bedeutung haben; schliej3lich liej3e sich auch die Liste des StT beliebig erweitern. Fehlende Partikel

I

Im Manuskript fehlt die Partikel la-, die im StT nach innä das munaggühum als Prädikat kennzeichnet; a m Sinn ändert sich nichts. - Kleine Textabweichungen in Form fehlender Partikelflnden sich nicht selten auch in anderen frühen Manuskripten. 4.3.5 Zusätzlicher Text

Basmalah zwischen Sure 8 und Sure 9:

1

1

JdrfeMiviwrnigerandcrs i..b

:.,.. =:

...

C-.

Radierg.

*..:,

= : neuer Text üb. Radierg.

....

7 .

1

-

F

als StT [identisch mit StT 1 1 1 .

...... *..C

:,

:= einkorrig.

1


Elisabeth Puin

272

*i\J\ drJ3 d\

b!,

Icu\,JYY1k.4i

Der Text der Sure 8 (al-Anfal) endet, abgeschlossen durch einen Verstrenner, nach etwa einem Drittel der Zeile 7; den Rest füllt ein Surentrenner in Gestalt einer einfachen Linie. Zeile 8 beginnt dann mit einer (mit einem Verstrenner versehenen) Basmalah, die jedoch nicht den Beginn von Sure 9, sondern das Ende von Sure 8 markiert. Der Text nach ihr bezieht sich nämlich auf diese, er lautet: h(ädihi hätimatu) sürati ' I 1-'anfäli I J . UöJy ~ 'U 1 Dies ist das Ende der Sure al-Anal. Darauf folgt die Kurzformel der Basmalah, bi-smi 'lläh; ob als Abschluss der Endformel oder als Einleitung der neuen Sure, ist nicht zu entscheiden. - Nach dem StT wurde die neunte Sure ohne einleitende Basmalah überliefert (während sie in der Version von Ibn Mas'ud mit der Basmalah beginnt, aber nicht auf Sure 8, sondern auf Sure 10folgt); die in der Handschrift vorliegende Lösung scheint eine Art von Kompromiss zwischen der üblichen Vorstellung und dem Bedürfnis nach einer Einleitung mit Basmalah darzustellen. Ob die Basmalah eine Sure einleitet oder sie vielmehr abschliept, ist bzw. war durchaus umstritten; es gibt Überlieferungen, nach denen die Basmalah offenbart wurde, u m das Ende (und nicht den Anfang) von Suren a n z u ~ e i g e n . ~ ~ Ebenso kontrovers war, ob man im Koran die Surenanfänge bzw. -enden durch die Zusätze fstihah siirah N . N. bzw. hätimah surah N . N. markieren dürfe. 43

42 Vgl. d-Suyüti (st. 911 AH 1 1505 A D ) Itqän I , 112. 43 Vgl. d-Sigistäni Masähif143.


Ein früher Koranpalimpsest

273

Zusätzliche Textpassage innerhalb eines Verses (und andere Kopula): andere Satzstruktur

Im StT ist Vers 24:lO ein unvollständiger Bedingungssatz: „Und wenn nicht Gott seine Huld und Barmherzigkeit über euch würde walten lassen, und wenn er nicht so gnädig und weise wäre." Ein NachsatzlHauptsatz zu dem (zweiteiligen) konditionalen Vordersatz fehlt, so dass z. B. Paret44 in Klammern ergänzen muss: „(wären diese Bestimmungen weniger mild ausgefallen?)". Im Manuskript hingegen liefert der zusätzliche Teil \I;~$M&$;L wäre keiner von euch jemals (von Sünden) rein den Nach-/Hauptsatz. - Das darauf folgende 'llahu tawwäbun hakimun ist im Manuskript nicht durch waanna I und dass eingeleitet, sondern durch wa-lakinna I aber, ist also nicht Teil des Konditionalsatzes, sondern eigenständiger Hauptsatz. Die an dieser Stelle vom StT abweichende Manuskriptversion hat eine identische Parallele im StT 24:21 (wo er im Manuskript mit dem StT übereinstimmt, sich also wiederholt): „Und wenn nicht Gott seine Huld und Barmherzigkeit über euch würde walten lassen, wäre keiner von euch iemals (von Sünden) rein. Gott ist gnädig und weise."

44

Paret Übersetzung 286.

.... .....

----F

)defcktiulweniger als ~ t ~ m l a n d ealsr StT s [identisch mit StT = : Radierg.

...

r.

- 1 1 - 1

#..C

....L=

:,&=: neuer Text üb. Radierg. :,

....

7 .

*..C

einkorrig.


274

Elisabeth Puin

Zusätzliches Wort innerhalb einer Schilderung: präzisierend

Im Manuskript steht nach \G @ vorher (wörtl.: vor diesem) zusätzlich 14j\ dem Tag. Statt StT „Sie sagte: Wäre ich doch vorher gestorben und ganz in Vergessenheit geraten!" lautet die Manuskriptversion etwas präziser, aber im Sinn nicht verändert: „Sie sagte: Wäre ich doch vor diesem Tag gestorben und ganz in Vergessenheit geraten!" Zusätzliches Wort innerhalb einer Schilderung: sinnerweiternd

Das im Vergleich zum StT zusätzliche wa-rasülihi / und seines Gesandten (doppelt gerahmt) setzt die Passage in Gleichheit zu dem Text am Anfang der Sure (barä'atun mina 'llahi wa-rasijlihi); es wiederholt sich in der parallel formulierten Textstelle 9:3. Der Zusatz impliziert, dass die Strafe für die Ungläubigen möglicherweise eine ganz diesseitige durch die Hand des Propheten sein könnte: „Sie wissen aber [statt StT: Ihr müsst aber wissen], dass sie sich dem Zugriff Gottes und seines Gesandten nicht werden entziehen können". Zusätzliche Glieder einer Aufzählung StT

eure Söhne (doppelt gerahmt) erweitert. Übersetzt lautet die Passage in der erweiterten Manuskriptversion: „[Ihr Gläubigen!] Nehmt euch nicht eure Väter und eure Söhne und eure Brüder zu Freunden [wenn diese den Unglauben dem Glauben vorziehen!]". Die Aufnahme der Söhne an dieser Position in die Aufzählung hat eine Parallelle in sehr ähnlichem Zusammenhang


Ein früher Koranpalimpsest

275

in StT 58:22: ++I 9\ 9\ P\\, \jgJ / auch wenn es ihre Väter, ihre Söhne, ihre Brüder oder ihre Sippenangehörigen wären sowie eine weitere, allerdings in etwas anderem Sinnzusammenhang, in StT 9:24: (J&\, dY ,\ +I hb!. Zusätzlicher Artikel

",

P

9J

YJ

P(Ip LI1U\

dmk

StT 287

Fol.2r

z.3(a)

Statt StT &-rühi 'I-qudusi stand im Manuskript ursprünglich offenbar rühi '1-qudusi (Läm und Rä' sind mittlerweile von der scriptio superior verdeckt, aber das Alif des Artikel ist klar sichtbar). Im StT ist '1-qudusi als Substantiv im Genitiv innerhalb eines Status constructus aufgfasst, weswegen das vorausgehende Substantiv indeterminiert bleibt; in der ursprünglichen Manuskriptversion dagegen ist es - das vorausgehende Substantiv ist durch Artikel determiniert - offensichtlich als Adjektiv aufgefasst. Dieser Sprachgebrauch entspricht dem christlichen Arabisch, in dem es für den „Heiligen Geist" neben dem (dem Koran entsprechenden) rühu '1-qudus auch die Form al-rühu '1-qudus gibt. Sekundär wurden die Buchstaben vor dem Wäw und IIa' überkritzelt; auch das Alifist zwar wieder sichtbar, dürfte aber bei der Korrektur getilgt worden sein. Zusätzliche Partikel

Die im Vergleich zum StT zusätzliche Kopula wa- / und am Anfang von Vers 128 ändert an der Bedeutung nichts. Kleine Textabweichungen in Form fehlender Partikel jnden sich nicht selten auch in anderen frühen Manuskripten. ----r

anders als StT lidentisch mit StT

*

1 1 1 .

b

.....=: 1

...

C-.

...... *..C

:,*,=: neuer Text üb. Radierg. :,

M....

Radierg.

....

7 .

= : einkorrig.


Elisabeth Puin

276

4.4 Kein Grund für die Auflösung des primären Kodex: Abweichende Orthographie und Verszählung

4.4.1 Orthographische Abweichungen Eine ausführliche Beschäftigung mit den orthographischen Besonderheiten des scriptio inferior kann erst in einer späteren Publikation erfolgen. An dieser Stelle sei nur allgemein bemerkt, dass sich in der scriptio inferior dieselben Kategorien orthographischer Abweichungen vom StT finden wie noch in der scriptio superior sowie in vielen anderen frühen Koranhandschriftenl, z. B.: Defektivschreibung (also: Nicht-Schreibung) von Längungs-Alif; Plene-Schreibung von Längungs-Alif, wo der StT Defektivschreibung vorsieht; Schreibung von hattä und 'alä mit Alif statt Yä' am Ende; Schreibung von say' mit Alif in der Mitte; gelegentliche Schreibung eines langen la:/-Lauts mit Yä' (interessanterweise auch in sirät!). 4.4.2 Abweichende Verszählung Die Verszählung des Manuskripts mit der des StT zu vergleichen, ist aus mehreren Gründen schwierig: Erstens weicht der Text ja z. T. erheblich vom StT ab, so dass manche Wörter, auf die im StT ein Verstrenner folgt, im Manuskript gar nicht vorhanden sind. Zweitens ist die scriptio inferior an vielen Stellen nur so schwach sichtbar oder von der scriptio superior überdeckt, dass man nicht entscheiden kann, ob ein Verstrenner tatsächlich „fehlte" oder ob er lediglich nicht mehr zu sehen ist. Drittens gibt es keine Dekadenzeichen, sondern lediglich einfache Verstrenner sowie ein (oder evtl. zwei) Hunderterzeichen, so dass zwar die Einteilung in Verse beobachtet werden kann, eine „Zählungu im eigentlichen Sinn aber kaum nachvollziehbar ist. Dennoch kann man feststellen, dass die Verszählung des primären Kodex mit keinem der kanonischen Zählsysteme2 übereinstimmt:

1

2

Vgl. Small Textual Variants 582-3 sowie die ausführlichere Liste von orthographischen Varianten in Kapitel 3 von Small New Country. Berücksichtigt sind sie, soweit bei Spitaler Verszählung 32 angeführt: Basra, Damaskus, Mekka und Medina.


Ein früher Koranpalimpsest

277

Das wohl sicher als solches zu deutende Hunderterzeichen (Folio 2v, Zeile 21)3 folgt auf Vers 2:102 gemäß der kufischen Zählung des StT; alle anderen kanonischen Zählsysteme zählen an dieser Stelle Vers 101 - die Zählung des Manuskripts weicht also an dieser Stelle von allen anderen ab. Hinzu kommt ein zweiter, aus doppelt so vielen Punkten wie üblich gebildeter Verstenner, bei dem es sich (s. o. 2.3.1) ebenfalls um ein Hunderterzeichen handeln könnte; er steht am Ende von Sure 15, wo alle kanonischen Systeme Vers 15:99 zählen. Außerdem sind etliche „zusätzliche" Verstrenner an Stellen sichtbar, an denen die Zählsysteme kein Versende vorsehen: So steht nach den Basmalahs an allen im Fragment erhaltenen Surenanfangen ein Verstrenner, während in keinem der üblichen Zählsysteme die Basmalah als eigener Vers gewertet wird. Hinzu kommen - auf noch nicht veröffentlichten Blättern Verstrenner ,,mittenc'in Vers 9:117 (Folio 17v), 25:4, 25:5 (beide Folio 15v), und Vers 19:7 (dessen fast gesamter Text allerdings vom StT abweicht; Folio 18v). Verszählungen, die zu keinem der kanonischen Systeme ganz passen, finden sich allerdings in vielen frühen Handschriften und sogar noch in der scriptio superior des Fragments DAM 01-27.1; seine „abweichendec'Verszählung war also sicherlich kein Grund für die Vernichtung des primären Kodex.

5. DAM 01-27.1 Folio 16: Die scriptio inferior: Sure 9:70-ca. 89 Im Folgenden soll ein weiteres Blatt des Manuskripts, Folio 16, beschrieben und seine scriptio inferior dokumentiert sowie Abweichungen vom StT kommentiert werden. Auf die Analyse auch der scriptio superior des Blattes muss aus Platzgründen hier verzichtet werden; sie soll in einer nächsten Publikation nachgeholt werden. 5.1 Allgemeine Beobachtungen Wie auch im Rest des Fragments, haben die Inhalte von scriptio inferior und scriptio superior von Folio 16 nichts miteinander zu tun, sondern es handelt sich um ganz verschiedene Ausschnitte aus dem Koran: Bei der scriptio

3

Puin, Elisabeth Koranpalimpsest 474,488.


278

Elisabeth Puin

inferior um Sure 9:70-ca. 89 (im unteren Bereich ist auf Folio 16v nichts mehr lesbar), bei der scriptio superior hingegen um Sure 30:26-54. Während im sekundären Kodex die Blätter 5 und 16 weit auseinanderlagen - Blatt 5 endet in Vers 17:6, während Folio 16 mit Sure 30:26 beginnt -, bestand im primären Kodex der scriptio inferior ein enger Zusammenhang zwischen beiden Blättern: Der Text der scriptio inferior endet auf Folio 5r (auf Folio 5v ist nichts lesbar) in Sure 9:26, während Folio 16 mit Sure 9:70 beginnt; vom Platzbedarf her berechnet, dürften nur 2 Blätter zwischen Folio 5 und Folio 16 gelegen haben. Das Blatt ist senkrecht durchgerissen; vom seitlichen Außenrand ist oben ein erhebliches Stück abgebrochen, ebenso ein kleineres am unteren Rand. An vielen Stellen, vor allem am seitlichen Außenrand, ist das Pergament durch Einwirkung von Feuchtigkeit schwärzlich verfärbt. Ein wohl von einer Dasselfliege verursachtes, kleines hochovales Loch4 in Höhe der 6. Zeile der scriptio superior (auf Folio 16r) bzw. zwischen der 6. und 7. Zeile (Folio 16v) war schon von Anfang an vorhanden, denn bereits die scriptio inferior (Folio 16r, Zeilei7) nimmt darauf Rücksicht. Auf der Rückseite von Folio 16 ist die scriptio inferior sehr viel schlechter zu erkennen als auf der Vorderseite (während die Lesbarkeit der scriptio superior auf beiden Seiten etwa gleich ist). Vielleicht handelte es sich bei der Verso-Seite um die Fleischseite des Pergaments, auf der die Tinte weniger gut haftet als auf der Haarseite; vielleicht wurde die Schrift auch besonders intensiv getilgt. Folio 16r enthält 25 Zeilen. Auf Folio 16v sind im oberen Blattbereich 18 Zeilen des Text immerhin teilweise lesbar; hinzu kommen wohl 7 weitere Zeilen, von denen nur noch Spuren erkennbar sind, so dass auch die VersoSeite 25 Zeilen enthalten zu haben scheint. Auf der Recto-Seite beginnt der Schriftspiegel der scriptio inferior etwa 1 Zeile über dem der scriptio superior und endet 1 Zeile unterhalb; die Zeilen beginnen etwas weiter rechts als die der scriptio superior, fast ganz an der (sekundär beschnittenen) Blattkante und gehen auch links etwas weiter, ebenfalls bis fast ganz zur Blattkante. Auf der Verso-Seite beginnt der Schriftspiegel der scriptio inferior 1 Zeile oberhalb der scriptio superior; unterhalb der scriptio superior scheint er noch 1-2 Zeilen weiterzugehen. Links, am Zeilenende, stimmen beide Schriftspiegel in etwa überein; über

4

Abbildungen ähnlicher Löcher auf anderen Blättern s. o. 2.1.


Ein früher Koranpalimpsest

279

den Zeilenanfang kann nichts ausgesagt werden, da das Blatt dort in der oberen Hälfte, in der überhaupt nennenswerte Textmengen sichtbar sind, abgebrochen ist. Vor allem im unteren Blattbereich sind die Zeilen der scriptio inferior auf der Recto-Seite (auf der Verso-Seite ist dort kaum mehr Schrift erkennbar) nicht (mehr) horizontal, sbndern schiefgezogen; sie enden in deutlich höherer Position als sie beginnen - wohl ein durch das erneute Spannen des Pergaments nach der Abwaschung der Erstschrift hervorgerufener Effekt. Nur an einer Stelle, nämlich über dem Tä' von al-mu'minati (9:72, Fol. 16r, Z. 6) ist ein einzelner diakritischer Punkt zu sehen; ein zweiter, vermutlich vorhandener wird von der scriptio superior überdeckt. Zehn Verstrenner (sieben davon auf der Recto-Seite) sind sichtbar, alle an den nach dem StT dafür vorgesehenen Positionen. Sie bestehen, soweit vollständig sichtbar, aus jeweils drei als Dreieck angeordneten Punkten. Der Verstrenner am Ende von 9:78 (Folio 16r, Zeile 20) ist über das finale Bä' von al-guyüb gesetzt. - Eine Ausnahme könnte der letzte Verstrenner auf der Recto-Seite (9:80), etwas links von der Mitte der letzten Zeile, bilden: Dabei scheint es sich um vier ein schiefes Quadrat bildende, halb in den Bogen des finalen Nün gesetzte Punkte zu handeln5. Folio 16r scheint genau mit dem Ende eines Verses (samt Verstrenner) zu enden, wobei ein Teil der letzten Zeile offenbar freigelassen wurde, um dieses Ergebnis zu erzielen; dasselbe für Higäzi-Handschriften ungewöhnliche Bestreben zeigt sich auch auf den (noch nicht veröffentlichten) Blättern 17 und 19. In der scriptio inferior von Folio 16 finden sich zahlreiche orthographische und auch textliche Abweichungen vom StT (s. U. 5.2-5.5); keine dieser Abweichungen ist in der Qirä'ät-Literatur oder für die Kodizes von Ibn Mas'üd oder Ubayy verzeichnet. Im Folgenden soll die scriptio inferior von Folio 16 zeilenweise und im direkten Vergleich mit dem StT dokumentiert werden, und zwar zunächst (5.2-5.3) ohne Kommentar, um einen Eindruck des Textes zu vermitteln; danach werden (5.4-5.5) die orthographischen und textlichen Abweichungen vom StT kommentiert, wobei zur größeren Anschaulichkeit die betreffenden Zeilen nochmals, allerdings in Schwarzweiß, angeführt werden. Der dabei verwendete Rahmen- und (ggf.) Farbencode wird unten auf jeder Doppelseite erklärt; zur ausführlicheren Erläuterung s. o. 4.3.1.

5

Abbildung und Diskussion des Verstrenners s. o. 2.3.1.


Elisabeth Puin 5.2 Folio 16 r, scriptio inferior: Sure 9:70-80: Dokumentation im Vergleich mit dem StT, ohne Kommentar

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u s q w s t T

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9:72

I

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Hinter masäkina lässt die Schriff etwas Raum, ojfenbar um das Loch im Pergament zu berücksichtigen, das also von Anfang an dagewesen sein muss!


Ein frĂźher Koranpalirnpsest

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{V y } I";

*

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StT &k 9:72

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1.16r .IL. 8, T1

Der.Text von 2. 8, T1 und T2 steht im Manuskript in nur 1 Zeile und ist hier lediglich aus technischen GrĂźnden aufgeteilt.

I

Fol. 16r

Iz. 11


Elisabeth Puin


Ein frĂźher Koranpalimpsest

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4

p 19:80

StT

Der Text von Z. 24, T1 und T2 steht irn Manuskript in nur 1 Zeile und ist hier lediglich aus technischen GrĂźnden aufgeteilt.

5.3 Folio 16 V, scriptio inferior: Sure 9:80-ca. 89: Dokumentation im Vergleich mit dem StT, ohne Kommentar

I


Elisabeth Puin

3 ~ 9 \ \ bi M1 ~ 3 91 3

StT 9.1

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Fol. 16v 2.2

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Ein frĂźher Koranpalimpsest

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Elisabeth Puin

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-

StT

' 9:87

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Fnl. 16v

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P

Fol. 16v

P

noch hier und da einzelne Buchstaben lesbar, so dass ein Vergleich mit dem StT nicht mĂśglich ist. *~c-p%wym *.,:l .-Ic.v?L;~ *. 1,

'

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5.4 Folio 16 r, scriptio inferior: Sure 9:70-80: Kommentar zu den orthogra$hisch& und textlichen Abweichungen

-

Fol. l6r

L'*~ELI\IZ.Z

Das Alif des Artikels von '1-mu minar rsr ogenbar sekundär einkorrigiert; auch etwas weiter vorne in der Zeile sind noch Spuren eines korrigierenden Einschubs zu erkennen, doch ist unklar-, wqrum es Sich dabei handel;


Ein früher Koranpalimpsest

287

A m Ende der Zeile ist keine Schrift mehr lesbar, doch dürfte das awliyä'u gefehlt haben; s. Kommentar zur nächsten Zeile.

A m Anfang der Zeile ist die Schrift recht undeutlich, doch scheint vor dem wohl als ba'din zu lesenden Schriftzug noch ein - im Vergleich zum StT zusätzliches - min zu stehen. Vermutlich ist die Stelle irn Manuskriptparallel zu StT 9:67 konstruiert, in der der genau uqgekehrte, Fall der munafiqün beschrieben wird: ~ 3 .~b9$b 9 *"T3 +&dT 1 Die ~ e u c h l e r i n i e nund Heuchler gehören zueinander. Sie gebieten, was verwerflich ist, und verbieten, was recht ist. Falls Vers 9:71 tatsächlich parallel dazu konstruiert ist, dürfte das gemäp StT erwartbare awliya'u a m Ende von Zeile 2 gefehlt (s. Rekonstruktion) und der Text gelautet haben: wa-'1-mu'minüna wa-'1-mu'minatu ba'duhum min ba'din / Die gläubigen Männer und Frauen gehören zueinander statt StT Die gläubigen Männer und Frauen sind untereinander Freunde. Statt StT bi-'1-macrüfi steht das Wort im Manuskript offenbar ohne das Alif des Artikels, bi-1-ma'rüfi - eine orthographische Variante, die nach der Partikel bi- in Higzi-Manuskripten häufiger vorkommt. Von dem Verb vor 'ani '1-munkari ist nichts mehr zu sehen; da die Formulierung 'ani '1-munkari jedoch im StT ausmahmslos in Verbindung mit einer Form des Verbs nahA vorkommt und die Verbform dieselbe sein muss wie beim vorausgehenden ya'murüna, kann es sehr sicher rekonstruiert werden. Y.

I

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s als StT lidentisrh mit StT a.hrrrela<rn*rrbar

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oh i = einkorrig.

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Elisabeth Puin

288

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"* ,k *

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j

StT 9:72

W - +&,J\ Statt des Akkusativs StT '1-mu'minina steht im Manuskript li-'1mu'minina, oflenbar in Abhängigkeit von dem Verb; allerdings wird waada sonst im Koran und auch nach den Regeln der klassischen Grammatik mit doppeltem Akkusativ konstruiert. Das nachfolgende Wort, '1-mu'minät, ist mit einem zusätzlichen Häkchenbuchstaben geschrieben. Dabei handelt es sich vermutlich u m eine echte orthographische Variante: So ist etwa der Plural äyät, wo der StT das Wort defektiv schreibt, in Hi@zi-Koranen häufig mit einem zusätzlichen Häkchen geschrieben - vielleicht u m die Aussprache des Langvokals mit Imälah anzuzeigen. Auch gibt es eine Parallele in derselben scriptio inferior auf Folio 19r, Zeilen 9 und 18 (19:36 und 19:43), wo das Wort sirät beide Male mit einem zusätzlichen Häkchen geschrieben ist. Über dem Tä' von '1-mu'minäti ist ein diakritischer Punkt zu sehen; ein zweiter, vermutlich vorhandener wird von der scriptio superior überdeckt. Das Ende der Zeile, nach gannätin, ist verloren; da jedoch der Text a m Anfang der nächsten Zeile, tahti(hä) '1-anhäru, klar zu lesen ist und dieser in Kombination mit gannät im StT ausschliejllich innerhalb der Formel gannätin tagri min tahtihä '1-anhäru vorkommt, kann der verlorene Text sehr sicher rekonstruiert werden.


Ein fruher Koranpalimpsest ,**

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289 *H*'

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1

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Der. Text von 2. 8, T1 und T2 steht im Manuskript in nur 1 Zeile und ist hier lediglich aus technischen Gründen aufgeteilt. Die Worte des StT wa-ridw5nun mina 'llahi akbaru / Aber Gottes Wohlgefallen bedeutet (noch) mehr (als all dies) nach der Beschreibung des Paradiesgartens als Belohnung der Gläubigen fehlen im Manuskript; ebenso fehlt das huwa nach dälika. Die so verkürzte Manuskriptversion hat eine identische Parallele in StT 61:12 j$\ 4 5 ~ J G L& 3 - Der nachfolgende Schluss des Verses, Das ist das groi3e Glück6, bezieht sich im Manuskript (wie auch in StT 61:12) damit eindeutig auf das Leben im Paradies; im StT 9:72 dagegen bezieht er sich hauptsächlich auf Gottes Wohlgefallen. Hinter dem Hä' von gähidi ist ein Stück des Blattes abgebrochen, so dass unklar ist, was ursprünglich dort stand; doch reicht der Platz keinesfalls für den ganzen nach StT dafür vorgesehenen Text, es muss etwas gefehlt haben: entweder '1-kuffära wa- oder (wahrscheinlicher) '1-munäfiqina wa-.

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StT

Das i m Vergleich zum StT verschiedene Wort '1-näru 1 das (Höllen-)Feuer ist synonym zu dem StT gahannamu. - Die Formulierung des Manuskripts hat eine fast) identische Parallele in StT 24:57 d\ LIYJS >U\ &gLg .

Andere Übersetzer verstehen den Begriff „fawzC' als Errungenschaft, „a succeeding, success, achievement", also: „Das ist die große Errungenschaft". V d . Ambros Dictionarv 216.

6

..-...

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Jdcickfiuiwenigeranders C .

.... ...

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.......

als StT [identisch mit StT mkrrrrknmiirrbr

9-9-.

.= Radierg. m o h m= neuer Text üb. Radierg. o

I,..,

einkorrig.

I


290

Elisabeth Puin

Statt des StT yahlifuna / sie schwören verwendet das Manuskript das synonyme (und im StT, an anderen Stellen, ebenfalls vorkommende) yaqsimüna; vgl. dasselbe Phänomen 9107 (Folio 17r, Zeile 4). Hinter dem Käf von kalimat [ ist ein Stück des Blattes abgebrochen, so dass unklar ist, was ursprünglich dort stand; doch reicht der Platz nur noch für [kallimata '1-kufri, der Rest des nach StT dafür vorgesehenen Textes muss im Manuskript gefehlt haben.

Die orthographische Variante der Defektivschreibung von Längungs-Al$ wie hier in yanalul, findet sich in Higzi-Manuskripten häufig.

Statt des nach StT vorgesehenen yaku ist im Manuskript ein Fä' sowie ein weiterer runder Buchstaben zu sehen, während der nächste Buchstabe nicht mehr zu erkennen ist; der undeutliche Schriftzug dürfte, abweichend vom StT, als fa-hu[wa] zu lesen sein. Entsprechend fehlt das Alif des StT nach dem folgenden Wort hayr, denn da hayr im Manuskript ja nicht von yaku abhängig ist, steht es nicht wie im StT im Akkusativ hayraln, sondern im Nominativ hayrun; an der Bedeutung ändert sich nichts. Die Wendung (fa-)huwa hayrun lahum (oder lakum) hat mehrere Parallelen (2:216, 8:19, 1695, 22:30) im Nominativ, kommt hingegen nur einmal (3:180) im Akkusativ vor.


Ein früher Koranpalimpsest

291

Die Schreibung von yatawallaw ohne abschlieflendes Alif hat i m Manuskript eine Parallele im ebenso ohne Alifgeschriebenen tawallaw in Z. 16 (9:76). Im Manuskript ist das Verb yu'addibhum „er [= Gott] wird sie strafen" nicht, wie im StT, durch 'adäbaln alimaln „mit schmerzhafter Strafe" erweitert; das mildert den Satz ein wenig ab, ändert u m Sinn sonst aber nichts. Statt StT fi '1-dunyä wa-'1-ähirati I im Diesseits und Jenseits steht im Manuskript nur fi '1-dunyä I im Diesseits; der Satz h e g t dann übersetzt: „Wenn sie sich aber abwenden, wird Gott ihnen im Diesseits eine schmerzhafte Strafe zukommen lassen." Der Jenseitsaspekt der Strafe fehlt also, diese wird lediglich - aber dafür sehr konkret - für das Diesseits angedroht. Die Manuskriptversion passt besser als der StT zu dem (im StT wie im Manuskript) ebenfalls rein auf das Diesseits bezogenen Folgesatz, den Schluss des Verses: Und sie haben (dann) auf der Erde weder Freund noch Helfer."

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StT 9:74

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Das min vor waliyyin scheint erst sekundär eingefügt; die ursprüngliche Version offenbar ohne min wäre zu lesen wa-mä lahum fi '1-ardi waliyyun, im Nominativ statt i m Genitiv. A m Sinn ändert sich durch das fehlende min nichts, die Übersetzung bleibt Und sie haben (dann) auf der Erde weder Freund noch Helfer." - Die Formulierung (wa-)mä lahum/lakum ... min waliyyin kommt im Koran mehvfach (2:107, 9:116, 17:26 sowie 5 weitere Stellen) vor, scheint also eine Art Standardformel zu sein, während die Version ohne min nur in Verbindung mit laysa (6:51, 2x) bzw. wa-lam yakun (l7:l 11) statt mit mä vorkommt. Zur Übersetzung s. o. Kommentar zu Zeile 13. Statt der 3. Pers. sg. perf: des StT 'ahada steht i m Manuskript die 3. Pers. sg. imperf: yu'ahidu; a m Sinn ändert sich dadurch nichts.

y ie. . i

a

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d

e

r

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s als StT [identisch mit StT

1 - 1 - 1

= 9.


292

Elisabeth Puin

Das Manuskript nennt, im Vergleich zum StT zusätzlich, das Subjekt Allah explizit, wodurch sich sich um Sinn nichts ändert; statt wie im StT Aber als &ihnen ... gegeben hatte h e g t die Stelle im Manuskript Aber als Gott ihnen ... gegeben hatte; vgl. dasselbe Phänomen im nächsten Vers. - Die ausführlichere Formulierung 4 . b 3 +I des Manuskriptsfindet sich identisch in StT 3:l7O, 3:180, 4:37 und 4:54. Die orthographische Variante der Schreibung von tawallaw ohne abschlieJendes Alif hat im Manuskript eine Parallele im ebenso ohne Alif geschriebenen yatawallaw in 2.13 (9:74). - Das wa-hum des StT fehlt im Manuskript, und das (im StT darauf folgende) Partizip endet im Manuskript sicher nicht, wie im StT, auf -iina; die Endung ist zwar nicht zu lesen, doch für -üna reicht der Platz keinesfalls. Vielmehr dürfte die Endung -ina, das Partizip also mu'ridina gelautet haben; damit stünde das Partizip im Zustandsakkusativ, der den koordinierten Zustandssatz des StT wa-hum mucridüna ersetzt. An der Bedeutung ändert sich dadurch nichts, die Passage lautet nach wie vor „(sie kehrten den Rücken) und wandten sich ab." Im Reim passt die akkusativische Form des Manuskripts (mit der Endung -ina) besser als der Nominativ des StT (Endung -üna) zum vorausgehenden Vers, der auf -ina endet.

Die orthographische Variante der Defektivschreibung von Längungs-Alif wie hier in nifäqalnfindet sich in Higzi-Manuskripten häufig.


Ein früher Koranpalimpsest

293

Z u diesem Vers (im StT) kommentiert Paret7: „Zur Verbalform a'qabahum [s. Z. 161 ist entweder ein persönliches Subjekt zu ergänzen (er, d. h. Gott) oder - weniger wahrscheinlich - ein sächliches." Das Manuskript klärt diese Frage durch die im Vergleich zum StT zusätzliche explizite Nennung des Subjekts Allah. Der Beginn von Vers 9:77 im StT &&. f3, & \sb wird üblicherweise übersetzt Er [= Gott] ließ ihnen daraufhin Heuchelei in ihre Herzen kommen bis zu dem Tag, da sie ihm begegnen würden. Im Manuskript fehlt aber das fi qulübihim / in ihre Herzen nach nifäqaIn / Heuchelei. Das Verb 'aqaba / folgen bedeutet auJerhalb des Korans im IV. Stamm ebenfalls ,Jolgen", konstruiert mit dem Akkusativ; im Koran kommt es im vierten Stamm nur an dieser einen Stelle vor. Die vom üblichen Gebrauch abweichende Interpretation des Wortes darin als „to bring about with or in s. o., s. th. '" könnte durch das fi qulübihim / in ihre Herzen des StT hervorgerufen oder verstärkt worden sein; ob sein Fehlen im Manuskript eine veränderte Interpretation der Satzkonstruktion (nifäqatnals adverbialer Akkusativ? also: „wegen der Heuchelei"?) und des Verbs nahelegt, kann hier nicht geklärt werden. Durch das im Vergleich zum StT zusätzliche dälika / dies (geschah) ändert sich a m Sinn nichts; vgl. dasselbe Phänomen in Folio 18r, Z. 1y9.

+i{vv}s;$i3K L;j \JIKQ pi \ {} J

jL o,U,L

lg:7 I

p StT 4u\

JJ\

Statt StTbJ-mä känii steht im Manuskript wohl (die Stelle ist undeutlich) nur mä känül; a m Sinn ändert das nichts, da in diesem Fall das kurz vorher im Vers stehende (s. o. 2 . 17) bi- aus bi-mä ahlafül mitgilt.

7 8 9

-

..:.... .. .-...

Paret Kommentar 208. Ambros Dictionary 192. Noch nicht veröffentlicht.

... .:&=..

--9-r

... ....

Jdefektiviu.nigernnders = : Radierg.

.....

als StT lidentisch mit StT

9-99.

= : neuer Text üb. Radierg. :a-iu:= I,..,

einkorrig.


Elisabeth Puin

294

~-Y \ ~ ~ ~ Y & I ] \ , ~ * ~ ~1 \ ~ I

Fol. 16r

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I

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A

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i I,

J

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z;6r ~

Statt des StT fa-yasharüna steht im Manuskript sahirül. Das Verb ist also statt im Imperfekt im Perfektgehalten und damit nicht wie im StTparallel zu den beiden vorausgehenden, von 'lladina abhängenden Verben formuliert, sondern zu dem folgenden sahira 'llahu; vor dieses ist auch die Partikel fa„gewandert", die die Aussage als Folge des zuvor Gesagten kennzeichnet. Dadurch verschiebt sich der Akzent etwas: Offenbar ist laut Manuskript die Zäsur in diesem Vers nicht erst, wie im StT, vor sabira llahu minhum 1 Gott spottet über sie zu machen, sondern bereits vor saharül minhum 1 sie spotten über sie; Gottes Spott ist dann eine unmittelbare Reaktion auf dieses Verhalten. Statt des StT „Die, welche die zu freiwilligen Leistungen bereiten Gläubigen wegen der Almosengaben bekritteln, und diejenigen (bekritteln), die nichts als ihren Eifer vorweisen können, und über sie spotten - über die spottet (dereinst) Gott, und eine schmerzhafte Strafe haben sie zu erwarten" lautet die Übersetzung der Manuskriptversion etwa „Die, welche die zu freiwilligen Leistungen bereiten Gläubigen wegen der Almosengaben bekritteln, und diejenigen (bekritteln), die nichts als ihren Eifer vorweisen können - die spotten über jene, und so spottet Gott (seinerseits) über diese (nämlich die Spötter), und eine schmerzhafte Strafe haben sie zu erwarten."


Ein früher Koranpalimpsest

295

Zu der abweichenden Passage gibt es im Manuskript (Folio 18r, Z. 17) eine parallel konstruierte, ebenfalls vom StT abweichende Stelle in 9:127: fa'nsarafül fa-sarafa 'llahu qulübahum statt StT tumma 'nsarafül sarafa 'llahu qulübahum.

Fol. 16r Z. 24 T l r

Fol. 16r

Der Text von Z. 24, T1 und T2 steht im Manuskript in nur 1 Zeile und ist hier lediglich aus technischen Gründen aufgeteilt. Statt des StT fa-lan wird im Manuskript die Verneinung 1%verwendet; das folgende Verb steht dann nicht im Konjunktiv, sondern im Indikativ Imperfekt und ist yagfiru statt StT yagfira zu lesen. Während lan eindeutig futurisch gebraucht wird, ist 1%weniger spezifisch und kann auch präsentisch gemeint sein, doch ändert sich dadurch hier an der Bedeutung wenig, der Satz kann nach wie vor übersetzt werden mit Gott wird ihnen nicht vergeben. Die Erklärung des StT für Gottes Unnachgiebigkeit, dyJ, AU& \ ,J L, di Dies (geschieht ihnen) dafür, dass sie an Gott und seinen Gesandten nicht glauben fehlt im Manuskript. Auch ist der nächste Satz nicht, wie im StT, mit der Kopula wa- eingeleitet, sondern mit inna, so dass das folgende Substantiv im Akkusativ stehen, also 'llaha gelesen werden muss; am Sinn ändert sich dadurch nichts. - Zu der Manuskriptversion gibt es eine fast identische Parallele, ebenfalls ohne die Erkliirung und mit inna statt wa-, allerdings ohne das in tastagfir lahum


Elisabeth Puin

296

sab'ina marrah 1 und wenn du 70 mal für sie bittest, in StT 63:6 '&J\+.I\ 6% b! Al . \ A\+.¿yj ++Li/r\ "+I.

+

+

+

Der Anfang der letzten Zeile ist durch das sekundäre Beschneiden des Blattes verlorengegangen (das Ende ist davon nicht betroflen, da die Zeilen hier nach links oben schräg verlaufen, s. o. 2.2 und 5.1). Vor '1-qawm, dessen Al$ vollständig sichtbar ist, wäre noch genügend Platz fur einige wenige Buchstaben, doch ist völlig unklar, was evtl. dort gestanden haben könnte: Das im StT unmittelbar vor '1-qawm stehende yahdi war anscheinend bereits a m Ende von Zeile 24 geschrieben, und auch in der der Manuskriptversion des Verses ähnlichen Parallelstelle (StT 63:6, s. Kommentar zu Zeile 24) gehört kein Text zwischen al-qawm und yahdi. Ebenso wäre nach '1-fäsiqin und dem Verstrenner, die ca. in der Mitte der Zeile stehen, noch Platz für einige Wörter, doch auch hier ist völlig unklar, was das gewesen sein könnte: Von den laut StT unmittelbar folgenden Worten fariha '1muhallafüna ist '1-muhallafüna auf der Rückseite des Blattes zu sehen, und zwar nicht ganz a m Anfang der 1. Zeile, so dass anzunehmen ist, dass auch fariha noch davor stand. Es ist wahrscheinlich, dass links und rechts der sichtbaren Wörter gar kein Text stand und dass hier das (sonst in Hi@zi-Koranen eher nicht beobachtbare) Bestreben, die Seite mit einem Vers enden zu lassen, das übliche Schreibprinzip, Zeilen möglichst vollständig für den Text zu nutzen, überwog. Für eine solche Sonderstellung sprechen auch der für die Handschrijl ungewöhnliche (s. o. 2.3.1 und 5.1) letzte Verstrenner sowie ähnliche Beobachtungen an den Folio 17r und 19r.


Ein früher Koranpalimpsest

297

5.5 Folio 16 V, scriptio inferior: Sure 9530-ca. 89: Kommentar zu den orthographischen und textlichen Abweichungen

, Fol. 16v

z.

Von dem Wort nach '1-muhallafüna ist nur der Anfang, - nämlich bi-'a (BäAliQ zu erkennen, es kann also nicht, wie im StT, bi-maq'adihim gelautet haben. Stattdessen könnte dort, parallel zu Vers 83, ein anderes (gleichbedeutendes) Verbalsubstantiv von derselben Wurzel, nämlich entweder bi-'1qu'üdi (so im StT) oder bi-'I-qa'dati (so im Manuskript, s. U.Zeile 9) gestanden haben. Der Sinn wäre derselbe: Diejenigen, die zurückgelassen worden sind (statt ins Feld mitgenommen zu werden), freuen sich darüber, dass sie hinter dem Gesandten Gottes daheim geblieben sind.

Bis a u f wenige Buchstaben ist der Text der Zeile nicht lesbar; es ist entsprechend auch unklar, mit welchen Buchstaben die Zeilegenau endete.

Bis auf einen einzigen Buchstaben ist der Text der Zeile nicht lesbar; entsprechend es ist auch unklar, mit welchen Buchstaben die Zeile genau endete.

Für die Worte des StT fi '1-harri, das Ende des Satzes, ist im Manuskript identisch mit StT

...

.....

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Elisabeth Puin

Die orthographische Va ante der Defektivschreibung von Längungs-Al$ wie hier in känul,jndet sich z Hi&zi-Manuskripten häufig. Statt des StT [bi-mä känü'] yaksibuna / [was sie] begangen [haben]'' steht im Manuskript das - in diesem Zusammenhang - gleichbedeutende [bi-mä känu] ya'malüna 1 [was sie] getan [haben].Zu der Manuskriptversion gibt es eine identische Parallele in StT 32:17, 46:14 und 56:24 &+ i j K & i3 . - An anderer Stelle im Manuskript findet sich die umgekehrte Textvariante ya'malüna statt StT yaksibüna (vgl. Folio 17r, Z. 20, 9 ~ 1 2 ) .

Das Verb fa-'sta'danüka (von ista'dana 1 um Erlaubnis bitten zu) ist nicht, wie im StT, mit li- konstruiert, sondern mit fi, was dem Gebrauch des Klassischen Arabisch entspricht.

10 Gelegentlich wird das Verb „kasabaC'allerdings auch als „erwerbenmübersetzt,

so etwa an dieser Stelle von Ibn Rassoul.


Ein frĂźher Koranpalimpsest

I

P P.? J

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u 9331

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299

.fik h3+!\3

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,

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,

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N L P , . J 3 \

Statt StT bi-'I-qu'Ăźdi steht im Manuskript oflenbar (die Schrift ist hier nicht sehr deutlich) ein anderes, gleichbedeutendes Verbalsubstantiv derselben Wurzel, bi-'1-qa'dati ! i m StT kommt diese Form nicht vor.

Fol. 16v

I m Manuskript fehlt dergesamte Vers 9235.


Elisabeth Puin

300

Ob der Text a m Anfang der Zeile genau mit dem Beginn von Vers 9:86 im StT identisch ist, ist unklar, da erst nach der Mitte von Zeile 13 wieder Schrift zu erkennen ist, S~T \gj3 P +, J* P<,,< - 6 ~jki \~j~jki&ijid 936

o

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"

/ ,

Da weder am Anfang noch ganz arn Ende der Zeile Schrift lesbar ist, kann nurgeschätzt werden, mit welchen Schrifzügen sie begann und endete.

Da weder am Anfang noch ganz am Ende der Zeile SchriJt lesbar ist, kann nurgeschätzt werden, mit welchen Schriftzügen sie begann und endete. I

Da a m Anfang der Zeile keine Schrift lesbar ist, kann nur geschätzt werden, mit welchen Schriftzügen sie begann.


Ein früher Koranpalimpsest

30 1

Vom restlichen Text (es scheint sich u m 7 weitere Zeilen zu handeln) sind nur noch hier und da einzelne Buchstaben lesbar, so dass ein Vergleich mit dem StT nicht möglich ist. Rechts unterhalb der letzten Zeile der scriptio superior ist eine Korrektur der scriptio inferior in sehr dunkler, lackartiger Tinte teilweise stehengeblieben: ein schwaFz ausgefüllter Kreis, zu dem eine Reihe von drei fast senkrecht übereinander angeordneten Punkten herabkommt und dessen Kontur zwei weitere Punkte rechts folgen (ursprünglich waren es vielleicht noch mehr, also eine Punktreihe, die den Kreis umgab). Worum es sich dabei handelt, ist unklar; es könnte ein einkorrigiertes Dekadenzeichen sein.

Auf den folgenden Seiten sollen Abbildungen der Recto-Seite von Folio 16, einen Eindruck von deren Aussehen vermitteln. Um eine bessere Vergrößerung zu erreichen, sind die obere und die untere Hälfte auf zwei Seiten verteilt.


302

Elisabeth Puin

Folio 16 recto, obere Hälfte. Die Nummern in normalem Format beziehen sich auf die Zeilen der scriptio superior, die kursiven Nummern auf die Zeilen der scriptio inferior.


Ein frĂźher Koranpalimpsest

303

Folio 16 recto, untere Hälfte. Die Nummern in normalem Format beziehen sich auf die Zeilen der scriptio superior, die kursiven Nummern auf die Zeilen der scriptio inferior.


Elisabeth Puin

6. Bibliographie AMBROS,ARNE: A Concise Dictionary of Koranic Arabic. Wiesbaden: Reichert 2004. DODGE,BAYARD(Hrsg. U. Übers.): The Fihrist of al-Nadim. A TenthCentury Survey of Muslim Culture. (= Records of Civisization: Sources and Studies 83), Bd. 1, S. 53-57. DREIBHOLZ, URSULA:Der Fund von Sanaa. Frühislamische Handschriften auf Pergament. In: Rück, Peter (Hrsg.): Pergament. Geschichte Struktur - Restaurierung - Herstellung. Sigmaringen: Thorbecke 1991 (Historische Hilfswissenschaften. Hg. von Peter Rück. Bd. 2), 299-313. ENDRESS, GERHARD: Die arabische Schrift. In: Fischer, Wolfdietrich (Hrsg.): Grundriß der Arabischen Philologie Bd. I. Wiesbaden: Reichert 1982, 165-190 FEDELI,ALBA:A.Perg.2: A Non-Palimpsest and the Corrections in Qur'änic Manuscripts. In: Manuscripta Orientalia 11 (2005), 20-27. FEDELI, ALBA:Early Evidences of Variant Readings in Qur'anic Manuscripts. In: OHLIG/PUIN Die dunklen Anfange, 293-317. FOGG,SAM:Islamic Calligraphy. Catalogue 27. London 2003 G ~ o s s MARKUS , und K A R L - H ~OHLIG ~ ~ z (Hg.): Schlaglichter. Die beiden ersten islamischen Jahrhunderte. Berlin: Schiler 2008 (= Inirah. Schriften zur frühen Islamgeschichte und zum Koran, Bd. 3). G ~ o s s MARKUS , und URL-HEINZOHLIG(Hg.): Vom Koran zum Islam. Berlin: Schiler 2009 (= Inarah. Schriften zur frühen Islamgeschichte und zum Koran, Bd. 4). Ibn Rassoul s. al-Qur'än al-Karim JEFFERY, ARTHUR(Hrsg.): Materials for the History of the Text of the Qur'än. The Old Codices. Leiden,: Brill 1937 Der Koran. Kommentar und Konkordanz von RUDI PARET.Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Kohlhammer 1971. Der Koran. Übersetzung von RUDIPARET.Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Kohlhammer 1962. Paret s. Koran PUIN, GERD-R.:Observations ON Early Qur'an Manuscripts in Sancä'. In: The Qur'an as Text. Hrsg. von Stefan Wild. Leiden, New York, Köln: Brill 1996, 107-111. PUIN,ELISABETH: Ein früher Koranpalimpsest aus San'ä' (DAM 01-27.1). In: GROSS/OHLIG: Schlaglichter, 46 1-493.


Ein früher Koranpalimpsest

305

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18. Koran is falsch! (By Prof. Elisabeth Puin)  

Prof. Puin.

18. Koran is falsch! (By Prof. Elisabeth Puin)  

Prof. Puin.

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