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Blockupy 2k13 Eine Zusammenfassung aus der Sicht eines Fotografen.

von: Hanno Polomsky


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Ende Mai 2013. In Frankfurt standen die Blockupy Proteste an. Wir nahmen uns vor, diese Proteste und Aktionen mit der Kamera zu begleiten. Dass dies allerdings zu einem Wochenende wurde, bei welchem wir so extrem bei der Arbeit behindert werden, hatten wir nicht vermutet. In einer Gefahreneinschätzung rechnete die Polizei mit bis zu 2.000 gewaltbereiten Linksautonomen und versuchte daher, zusammen mit der Stadt Frankfurt, die geplante Demoroute für den Samstag verbieten zu lassen. Einige Zeitungen sprangen auf den Zug der Panikmache auf und so titelte beispielsweise die Bild damit dass Frankfurt der „Randale-GAU“ drohen würde und ein „Antifa-Kämpfer“ eine Demo im Flughafen angemeldet hätte. Gerade Proteste aus dem linken Lager im Vorfeld zu kriminalisieren ist nicht neu. Da ist von „S21Chaoten“, „1.Mai Krawallos“ oder eben „Antifa-Kämpfern“ die Rede. Sinn dieser Kampangen ist es, ganz schlicht und ergreifend, möglichst viele Menschen im Vorfeld abzuschrecken und die, welche sich davon nicht beeindrucken lassen, zu diffamieren. Denn wer hört sich bei der Arbeit, oder im Bekanntenkreis schon gern Sprüche wie: „Da gehst du hin? Da sind ja nur Steineschmeißer.“ an. Ich begleite Protestaktionen seit Jahren mit der Kamera und stelle eine Eskalation, welche ihre Initiative bei den Aktivisten hat, nur sehr selten fest.

Für viele Menschen kaum nachvollziehbar: Mit NATO-D


Draht gesichtere Zufahrten zur EZB.


Erster ungeplanter Zwischenstopp in Butzbach Am Donnerstag den 30.5.2013 gegen 16:30Uhr befand ich mich auf der A5 auf dem Weg nach Frankfurt. Auf dem Beifahrersitz hatte eine weitere Fotografin Platz gefunden und durchforstete Twitter nach dem Hashtag #blockupy. Schon seit mehreren Stunden wurde über eine Buskontrolle in Butzbach berichtet. Vier Reisebusse aus Berlin sollten festgehalten worden sein. Die Frequenz der eintreffenden Meldungen erhöhte sich immer wieder. Mittlerweile waren auch Journalisten vor Ort, berichten über erste Gängeleien durch die Beamten. Wir entschieden uns hinzufahren und die Sache mal direkt anzusehen. Das Auto stellten wir auf einem etwas abgelegenen Firmenparkplatz ab und suchten zu Fuß den Ort des Geschehens auf.

Runde. Da wir weder mit den Menschen sprechen, noch die Busse betreten durften, ließ sich diese Behauptung nicht kontrollieren. Einzeln wurden Personen in eine Garage abgeführt. Sie mussten ihr Gepäck und sich selbst durchsuchen lassen. Das Aktionsbündnis schrieb in einer Pressemitteilung: „Grund für die Einrichtung dieser schikanösen Kontrollstellen war die Behauptung, die Teilnehmer könnten in den nächsten Tagen versammlungsbezogene Straftaten begehen.“ Zudem wurde vermutet, dass sich Refugees in den Bussen befanden, welche gegen die Residenzpflicht verstoßen haben könnten. Ein fünfter Bus wurde bereits mit Eskorte nach Berlin zurückgeschickt. Eine Handvoll Journalisten stand vor ei- Für etwa 50 Menschen endeten die nem Tor, welches auf einen Parkplatz Proteste bereits bevor sie begonnen haführte. Ich betrat gegen 19Uhr das Ge- ben. lände, um Fotos zu machen. Kaum verließ ich den Parkplatz wieder, wurde ich schon von einem Beamten angesprochen, dass es auch für Medienvertreter nicht gestattet sei den Platz zu betreten. Er brachte das typische Totschlagargument an:

„Sie behindern polizeiliche Maßnahmen.“ Vor dem Tor sprach ich mit einem im Exil lebenden Journalisten aus dem Iran. „Und da sagen immer alle, dass es in Deutschland Pressefreiheit gibt. Das ist hier ja wie bei uns im Iran. Da darf auch nicht überall fotografiert werden,“ berichtete er. Die Busse saßen nun schon seit etwa fünf Stunden fest. Insassen durften diese nicht verlassen und auf Twitter machte die Meldung: „Wir pinkeln in Eimer“ die


Um 19:40Uhr kam Bewegung auf. Erste Menschen stiegen in die Busse und es sah nach einer Weiterfahrt ins Blockupy-Camp in Frankfurt aus. Sp채ter stellte sich jedoch heraus, dass zwei der vier

Busse noch eine Weile festgesetzt wurden. Unterdessen war das Interesse an den Kontrollen riesig. Die Zugriffszahlen auf unsere Bilder schossen senkrecht nach oben.


Spontane Solidaritätsdemo gegen staatliche Repressionen Auf dem Weg in die Stadt stellten wir ausser dem einen oder anderen Polizeiwagen - keine größeren Aufgebote fest. In der Nähe des Bahnhofes war die Straße gesperrt. Mittlerweile war es 20:30Uhr. Eine „Sponti“ mit etwa 100-150 Teilnehmern lief schnell und zielstrebig in die Richtung des Haupteinganges. Es handelte sich um eine Solidaritätsaktion mit den in Butzbach festgehaltenen und über Stunden kontrollierten Personen. Wenn man etwas nicht unterschätzen durfte, dann war es die Bereitschaft zu solchen spontanen Solidaritätsbekundungen. Vor dem Hauptbahnhof wurde eine kurze Kundgebung abgehalten und innerhalb weniger Minuten hatte sich die Menge wieder zerstreut.


Blockaden vor der EZB


B 31.05.2013; 6:36Uhr Beginn der Blockadeaktionen gegen die EZB


„Wir laufen um 5Uhr los,“ hieß es am Vorabend der Blockadeaktionen vor der EZB in Twitter und anderen sozialen Netzwerken. Einige Zeit vorher war in Frankfurt die Nacht für die Anwohner im Bahnhofsviertel bereits zu Ende. Permanent schallten die Sirenen der Einsatzfahrzeuge durch den Dauerregen. Um 5:30Uhr bewegte sich ein Zug aus mehreren „Fingern“ vom Protestcamp in Richtung EZB. Diese trafen gegen 6:25Uhr in der Nähe der Europäischen Zentralbank ein und die erwähnte „Fingertaktik“ wurde angewendet. Hierzu spaltete sich die Menge, scheinbar unktontrolliert vor Eintreffen am Aktionsort in kleinere Gruppen, um für die Einsatzleitung der Polizei unberechenbarer zu sein. Die Nebenstraßen vor der EZB waren schwer bewacht. Doppelreihig und untereinander verschraubt wurden bereits Tage zuvor Absperrgitter aufgebaut. An jeder Ecke stand ein Wasserwerfer und schwer gepanzerte Hundertschaften. Wieder kommen wir uns vor, wie auf einer Leistungsschau der Polizei. Auch hier zeigt sich wieder einBild, welches nach außen vermittelt werden sollte: Vor der EZB ist antikapitalistischer Protest nicht gewollt, und da hilft nur eine riesige Menge an Sicherheitsbeamten. Tatsächlich wurden Gegenstände auf gepanzerte Polizisten geworfen. Es handelte sich aber um aufblasbare Wasserbälle für Kinder.


Immer wieder wurde an den Absperrungen gerüttelt. Immer wieder setzten Beamte großflächig Pfefferspray ein. Und immer wieder lief ein vollkommen überforderter Pressesprecher der Polizei zwischen etwa 25 Journalisten umher und versuchte sie dazu zu bewegen weiter nach hinten zu gehen. Wir wurden hier extrem bei der Arbeit behindert: Fotografen und Kamerateams durften nicht in der Nähe der Einsatzfahrzeuge stehen, nicht vor und schon gar nicht hinter den Beamten der Hundestaffel. Auch war der Aufenthalt und das Fotografieren vor dem Wasserwerfer verboten. Man würde ja die

polizeiliche Maßnahme behindern. Um 7:30Uhr platzte einem Reporter des englischsprachigen Senders „Russia Today“ der Kragen und er brüllte auf den Kontaktbeamten ein. Der Einsatz zeigte Wirkung und der Tross aus Reportern durfte sich nahezu frei bewegen. Zumindest für 20 Sekunden. Dann nämlich starteten die Beamten eine erneute Angriffswelle mit Pfefferspray gegen die am Zaun Rüttelnden. Der Wind stand ungünstig und trug die beißende Nebelwolke direkt in unsere Richtung, was aber aufgrund des Dauerregens nicht weiter schlimm war. Wieder standen wir direkt


hinter den Polizisten, um zu fotografieren als plötzlich ein etwa 2 Meter großer vollgepanzerter Mann vor mir stand und mich aufforderte den Platz sofort zu verlassen. Die Antwort auf die Frage nach dem „warum“ wurde mir barsch ins Gesicht gebrüllt:

„WARUM? SIE FRAGEN WARUM? WEIL ICH ES IHNEN SAGE!“

Normalerweise gebe ich nicht so klein bei, aber ich hatte in diesem Moment Wichtigeres zu tun, als zu streiten. Das Katz- und Mausspiel hielt noch eine

Weile an. Es wurde am Zaun gerüttelt, die Polizei setzte Pfeffer ein. Die Menge zog sich zurück und einige Minuten später beginnt das Spiel von vorne. Um 7:40Uhr eine Durchsage aus dem Wasserwerfer, dass die Aktivisten vom Zaun fern zu bleiben haben, oder es würde Wasser gegen sie eingesetzt. Dieser Spruch sorgte für allgemeine Erheiterung, denn es schüttete seit Sunden und viele der Anwesenden waren bereits jetzt bis auf die Haut durchnässt. Benutzt wurde der „Wasserwerfer 10000“ an diesem Tage im Bereich des Gallusparks zumindest nicht: Immerhin etwas. Nur wenige


Meter weiter, in der Kaiserstraße, versuchten einige eifrige Bankangestellte zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen. Immer wieder kam es zu einzelnen Rangeleien, bei welchen die Polizei bemüht war, die Anzugträger aus der Schusslinie zu bringen und an einem weniger stark blockierten Punkt, durch die Absperrung zu geleiten. Dennoch kam es immer wieder zu Handgemengen und einigen Festnahmen. In der Luft war ein Knistern zu spüren und beide Seiten, sowohl Aktivisten als auch Ordnungshüter, waren extrem angespannt. Das Geschehen glich einem Spießrutenlauf, bei welchem Aktivisten immer wieder als „Pack, das endlich mal arbeiten gehen soll“ beschimpft wurden. Um 10Uhr wurde vom Blockupy-Bündnis die Blockade als erfolgreich bezeichnet und aufgelöst. Für den Nachmittag stand eine Demo gegen Abschiebung im Flughafen auf dem Programm. Zusätzlich kam es im Stadtgebiet immer wieder zu Blockadeaktionen auf der „Zeil“, der Haupteinkaufsmeile in Frankfurt.


Eine Aktivistin „markiert“ die Absperrung mit Klebeband auf welchem „Krisenakteur“ zu les


sen ist.


Der Bereich um die EZB gleicht einer Festung. Immer wieder laufen schwer gepanzerte Beamte durch die StraĂ&#x;en


Mehr als 3000 Menschen sind an den Aktionen um die EZB beteiligt


Demonstration im Terminal 1 im Frankfurter Flughafen Direkt nach den Blockadeaktionen rund um die EZB, fuhren wir mit der S-Bahn zum Frankfurter Flughafen. Viele Bahnen fielen aus, und mehrere Eingänge zum Hauptbahnhof waren abgesperrt worden. Schließlich standen wir um 12 Uhr aber doch in einem Zug und rollten stadtauswärts. Das Motto der Demo im Flughafen hieß „Blockupy Deportation Airport“. Bereits Tage zuvor titelte die größte deutsche Tagezeitung mit der Schlagzeile „Blockupy wirbt mit NS-Ausdruck“. Stein des Anstoßes war das Wort „Deportation“, welches vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen, mit der Deportation von Juden zu Zeiten der Nazidiktatur verglichen wurde. Von einem „Skandal“ und rechten „End-

lösungs“- Parolen war in dem Blatt die Rede. Ausserdem wollte die Zeitung erfahren haben, dass radikale Linke planten das Terminal 1, trotz eines Verbotes zu stürmen. Jedem Menschen, der auch nur in Ansätzen der englischen Sprache mächtig ist, sollte auffallen, dass der Aufruf „Blockupy Deportation Airport“ in eben dieser Sprache verfasst ist und „Deportation“ im Englischen nichts anderes bedeutet als Abschiebung. Und genau solche Abschiebungen finden im Flughafen Frankfurt jedes Jahr zu tausenden statt. Zusätzlich war die Demo im Terminal gerichtlich genehmig worden und somit keineswegs illegal.


12:15Uhr: Erste Demonstranten sammeln sich vor dem Terminal 1


12:30Uhr: Immer mehr Demoteilnehmer trafen mit der Bahn ein. Die vom Gericht genehmigte Anzahl von 200 Teilnehmern war längst überschritten und es war klar, dass nicht jeder ins Terminal durfte, welches nur noch über einen Eingang zu betreten war. Im unteren Bereich des Terminal1 fand daher eine Menschenkette, als Antwort auf eine Polizeiblockade, vor den Rolltreppen zur S-Bahn statt. Immer wieder kam es dazu, dass sich einzelne Flughafengäste damit nicht abfinden wollten und teilweise auf die Sitzenden und Stehenden einprügelten. Die Polizei rannte daraufhin mit etwa 15 Behelmten nach vorne, knüppelte in die Menge und zog einen Menschen heraus, welcher dann

abgeführt wurde. Unterdessen war oben im Freien auf dem Sammelplatz gegen 13:15Uhr von einem Pfeffersprayeinsatz die Rede. Über den Grund kann nur spekuliert werden. Als wir nur wenige Sekunden später vor Ort waren, hatte sich die Lage wieder beruhigt. Immer mehr Menschen trafen ein, und es schwebte eine Zahl von 800 durch die Kanäle der sozialen Medien. Dies bedeutete, dass etwa 600 Personen hätten draußen bleiben müssen. Unterdessen begannen Beamte eine Delegation von 200 Menschen ins Terminal zu lassen und somit das Gerichtsurteil über die genehmigte Demonstration durchzusetzen. Diese verlief wohl ohne Zwischenfälle.


Um 17Uhr kam der Demozug laut und gut gelaunt aus einem Tor des Terminal1. Und zwar so wie er die ganze Zeit unterwegs war: In einem Wanderkessel. Die Beamten forderten auf, durch ein Spalier in Richtung S-Bahn zu laufen. Dies wurde verweigert. Nach einigen Minuten wurde die Reihe aus Beamten gelockert, so dass die Aktivisten vermeintlich freien Zugang h채tten. Als die Aktivisten zur S-Bahn liefen, wurde eine Person rausgegriffen. Um einen Protest gegen diese Aktion zu unterbinden, ...


... schoben Mitglieder einer Hundertschaft aus Sachsen von hinten mit aller Kraft die verbliebenen Demonstranten durch die T端r. Diese wollten ohne den Festgenommenen jedoch nicht abreisen.


Sächsisches Demokratieverständnis. Das wäre sicherlich eine passende Überschrift für dieses Foto gewesen. Während der Rangeleien am Eingang zum S-Bahnhof hielt ein Beamter immer wieder seine Hand vor die Linse meiner Kamera. Wieder ein Fall, welcher sich in die lange Liste der Behinderung von Fotografen und Kameraleuten an diesem Tage einreihen konnte. Ein Presseausweis konnte ihn nicht von seinem Verhalten abbringen. Lediglich ein sehr lautes verbales Zurechtweisen zeigte Wirkung. Auch hier beruhigte sich die Lage nach einigen Minuten. Wir fuhren so zurück in die Stadt, wie wir gekommen waren. Mit der Bahn.


Wie man eine genehmigte Demonstration trotzdem verhindert - ein Leitfaden für Diktatoren. Am Samstag den 1.6.2013 sollte die Großdemonstration ab dem Baseler Platz starten. Schon ab 10Uhr waren tausende Menschen auf der kleinen Grünfläche, unweit des Frankfurter Hauptbahnhofes, unterwegs. Straßen waren für den Verkehr gesperrt worden, Musik und Reden hallten durch die angrenzenden Straßen. Die Demonstranten waren bunt gemischt und bestanden aus Gewerkschaftern, Parteiangehörigen und Unterstützern von kapitalismuskritischen Gruppen wie Attac. Es waren Gegner des Bahnprojekts Stuttgart21, der Atomkraft und des Flughafenausbaus anwesend. Da der Sonderzug aus Stuttgart jedoch mehrere Stunden

Verspätung hatte fehlten etwa 400-500 Menschen. Dennoch zählten die Veranstalter bereits jetzt mehr als 12.000 und die Polizei etwa 6.500 Teilnehmer. Auf der Grünfläche hatten Parteien und Bürgerorganisationen Infostände aufgebaut und versorgten Interessierte mit allem was lesenswert war. Mehrere Lautsprecherwagen standen bereits in der richtigen Reihenfolge, bevor sich gegen 12:15Uhr der Demozug aufstellte. Etwa 15 Minuten später ging es los. Ganz vorne ein Haufen von mindestens 50 Journalisten. Direkt dahinter etwa 100 Menschen hinter einem „Blockupy“-Transparent.


Anschliessend folgte der „Antikapitalistische Block“, welcher von Transparenten umgeben war. Inmitten dieses Blocks fuhr der Lautsprecherwagen des Bündnisses „um‘s Ganze“ die Wilhelm-Leuschner-Straße in östliche Richtung. Die Stimmung war gut und der Demozug lang und bunt. Nach wenigen hundert Metern waren an den Straßenrändern und auf dem Dach des Hotels „Interconti“ Beamte mit Filmund Fotokameras auszumachen. Im vorderen Bereich des Antikapitalistischen Blocks wurden daraufhin Regenschirme aufgespannt und die Transparente höher gezogen. Die nächsten beiden Querstraßen waren bereits mehrreihig von Polizisten und Mannschaftswagen abgeriegelt. Nach etwa 600m wird aus der Wilhelm-Leuschner-Straße die Hofstraße. Es wurden zwei Bengalos und ein Rauchtopf entzündet. Die Spitze des Zuges befand sich auf Höhe des jüdischen Museums, als hunderte Beamte mit Pfefferspray und Schlagstöcken direkt vor das Frontbanner liefen und somit einen Teil der anwesenden Journalisten von der Demo abgeschnitten wurden.


Polizisten st端rmen schwer bewaffnet in die Demo


Innerhalb von Sekunden war eine solche Menge an Beamten auf der Straße, die bereits jetzt einen Gedanken aufkommen ließen:

Das muss geplant gewesen sein.

Im Bildhintergrund sieht man den noch nicht aufgelösten Rauch eines Bengalo.

Ein erstes Indiez für diese zu diesem frühen Zeitpunkt noch sehr gewagte Theorie. Einige Meter weiter spielten sich dramatische Szenen ab. Polizisten prügelten und pfefferten wie von Sinnen auf die Spitze des Demozuges ein. Der beissende Nebel, des sogar in Afghanistan verbotenen Sprays, lag in der Luft. Mindestens ein


werden. Permanent wurden wir am Fotografieren gehindert. Hier sollten offenbar keine unschönen Bilder entstehen. Doch dafür war es jedoch längst zu spät. Weiter hinten preschte eine zweite Horde Beamte in die Demonstration. Es wurde geprügelt und gepfeffert was die Dosen hergaben. Viele streckten die Arme nach oben um das Vorgehen mit Handykameras zu fotografieren oder die Bilder direkt ins Netz zu streamen. Immer weiter bahnten sich die Beamten ihren Weg und machten dabei nicht mal vor Kindern und älteren Menschen halt. „Wir haben es hier mit einem gewalttätigen schwarzen Block zu tun.“ war nur kurze Zeit später der verzweifelte Rechtfertigungsversuch eines Polizeipressesprechers. Ganz anders sah das ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters:

„Es ist ekelhaft was hier passiert. Das glaubt später wieder kein Mensch“

Fotograf wurde gezielt angegriffen. Er wurde ebenfalls Opfer von Pfefferspray und musste mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden. An ein nach vorne kommen war für uns nicht mehr zu denken. Die Hofstraße war hermetisch abgeriegelt, und wir hatten alle Hände voll zu tun, auf den Beinen zu bleiben und nicht selbst Opfer der Polizisten zu

Vom Lautsprecherwagen wurden die mittlerweile Eingekesselten immer wieder aufgefordert Ruhe zu bewahren und den Block durch Kettenbildung geschlossen zu halten. Und immer wieder Sprechchöre „Wir sind friedlich. Was seid ihr?“. Es wurde versucht, einzelne Menschen aus den Ketten zu lösen und zu verhaften. Farbbeutel flogen. In der Parallelstraße Richtung Main standen zwei Wasserwerfer und ein Räumpanzer, sowie dutzende Mannschaftswagen, die das gesamte Ufer und die Brücke nach Sachsenhausen abriegelten. Der Untermainkai hinter dem Jüdischen Museum, war noch frei zugänglich. Wir bewegten uns in westliche Richtung, um irgendwie in


den Kessel zu gelangen. Als wir wieder in Hörweite waren, kochte die Menge. Eine Mischung aus Wut und Enttäuschung über die massive Einschränkung des Demonstrationsrechts, entlud sich immer wieder durch laute Sprechchöre:

„BRD: Bullenstaat! Wir haben dich zum kotzen satt!“


war in einer Lautstärke zu hören, welche so manche Fankurve vor Neid erblassen lassen würde. Wenig später beruhigte sich die Lage im inneren des Kessels jedoch wieder. Weiter hinten schoben sich nun immer weitere Beamte zwischen

ihre Kollegen und den Rest der Demonstration. Am Rand hatten die Demosanitäter Stellung bezogen und funktionierten präzise wie ein Uhrwerk: „Augen aufhalten, mit Wasser ausspühlen, Kopf abwischen. Der Nächste bitte!“


Ein Pfeffersprayopfer war dieser Reporter

Sprühlanzen für den großflächigen Einsatz von Pfefferspray


Eine „HK69“. Ein Granatwerfer u.a. für Tränengaskartuschen

Ein notdürftig errichtetes Feldlazarett der Demosanitäter


15:30Uhr: Die Kesselung dauerte nun schon fast drei Stunden. Ein Beamter, der vollkommen schockiert neben dem Koffer eines Sanitäters stand erzählte, dass er versucht habe Wasser und Getränke für die Verletzen zu organisieren, aber nichts passiert sei.

„Ich bin doch Schutzmann aus Leidenschaft und nicht um Menschen zu verprügeln.“ In diesen Sekunden passierte nur wenige Meter entfernt genau Dies. Ein Mann, welcher kurze Zeit zuvor ebenfalls durch Pfefferspray verletzt wurde, versuchte einen Beamten zur Rede zu stellen. Da er sich nicht beruhigen liess, wurde er festgenommen. Zwei Polizisten schleiften ihn an die Hauswand des Jüdischen Museums und schlugen seinen Kopf, möglicherweise versehentlich, dagegen. Sofort war Ruhe. Der Mann senkte den Kopf und wurde wackelig auf den Beinen. Eine wütende Menge brüllte unterdessen auf die zwei Behelmten ein, welche sich mitsamt des Festgenommenen hinter das Gebäude bewegten. Hier wurde der Verletzte von Sanitätern versorgt. Zeitgleich liefen Verhandlungen zwischen der Demoorganisation und der Polizei. Es wurde von Seiten der Ordnungshüter vorgeschlagen, dass alle Gekesselten sich einzeln abtasten lassen und dann weiterlaufen dürften. Abgelehnt! Es wurde gesagt, dass der nicht eingekesselte Demozug die Route zu Ende laufen solle. Abgelehnt! „Wir lassen uns nicht spalten“ war die Antwort. Wieder einmal zeigte sich die stärkste Waffe der Aktivisten: Solidarität.

Diese wurde auch aus den oberen Fenstern des Schauspielhauses praktiziert. Immer wieder wurden Eimer mit Wasserflaschen und Keksen herabgelassen. Die Stimmung stieg, und zwischenzeitlich konnte man sich nicht ganz sicher sein, ob man gerade Zeuge einer beispiellosen Verletzung der Grundrechte, oder einer Streetparade war.


Der miteingekesselte Lautsprecherwagen

Blick aus dem Kessel nach hinten


Gegen 16Uhr, also nach drei Stunden Kesselung, wurden einige Dixiklos angeliefert. Offenbar wollte man der internationalen Presse nicht auch noch Bilder von hunderten in die Ecke pinkelnden Menschen liefern. Ein Ultimatum nach dem anderen verstrich. Die Polizei zog den Kessel enger zusammen. Wieder Schreie aus dem Inneren. Eine Räumung schien in den nächsten Minuten sehr wahrscheinlich. Passiert ist aber nichts. Die Zermürbungstaktik der Einsatzleitung ging nicht auf. Hinter dem Kessel bekundeten immer noch Tausende mit lauten Rufen ihre Solidarität. Zwischendurch versuchten Clowns die Stimmung zu entspannen. Neue-Mainzer-Straße, Ecke Hofstraße bauten sich nun wieder etwa 100 Beamte auf und gingen direkt in die erste Reihe. Uns erreichte in diesem Moment eine Mitteilung eines Eingeschlossenen:

„Wo seid ihr alle? Die machen hier mit uns was sie wollen.“ Unzählige Versuche durch die Polizeiketten zu gelangen schlugen fehl. Also bauten wir uns an einem Korridor auf, durch welchen die „Geräumten“ abgeführt werden würden. Nun passierte wieder sehr lange scheinbar nichts. Parlamentarische Beobachter des Bundestages der Fraktion „Die Linke“ gehörten ebenfalls zu den Eingeschlossenen. Ihnen wurde nachgesagt, sie würden Kriminelle unterstützen, oder der „[Parlamentarier]Ausweis sei gefälscht“. Gegen 17:40Uhr also nach 4:45 Stunden begann die Räumung. Dass man vorher nach freiwilliger Angabe seiner Personalien hätte gehen können, kann nicht bestätigt werden.


Schon vor der Räumung sah die HofstraĂ&#x;e aus wie ein Schlachtfeld.


Begleitung der parlamentarischen Beobachter aus dem Kessel

R채umung von nicht so kooperativen Demoteilnehmern


Mancher hielt den stundenlangen Belastungen nicht mehr Stand. Stehen über teilweise 8 Stunden, kaum Wasser, wenig bis gar nichts zu essen und die permanenten Angriffe der Polizei, waren für manche Menschen zuviel. Dieser Mann wurde von den Beamten mehrere Meter über den Boden geschliffen, bis ein Journalist einen Sanitäter rief.

„Der tut nur so“ war die Aussage der Polizisten. Andere wurden an den Haaren aus der Menge gezogen, oder bekamen schlicht solange Schläge mit der Faust ins Gesicht, bis sie freiwillig mitkamen. Das Bild, welches die deutsche Polizei nach aussen spiegelte, schien hier vollkommen egal zu sein. „Das ist nunmal der Preis für einen Hardliner im Innenministerium“ sagte eine Frau,die das Geschehen schon eine Weile beobachtete und schüttelte immer wieder den Kopf. „Es ist unglaublich was hier passiert“,

sagte sie weiter. Es war in der Tat unglaublich. Die Demontranten wurden abgeführt und mussten sich und ihre Taschen durchsuchen lassen. Ebenso wurde nach Handys, Smartphones und dem Ausweis gefragt. Anschliessend wurde ein Schnellhefter mit einigen Fotos durchgeblättert, und wenn der Festgenommene nicht darin auftauchte, ging es weiter zur nächsten Station. Hier sollte sich jeder der fast 1000 Eingekesselten abfotografieren lassen. Nachdem diese Prozedur durchlaufen war, wurde eine Belehrung ausgesprochen. Die Person dürfe sich in der markierten Zone auf der Karte (nächste Seite) bis zum Folgetag um 7Uhr nicht mehr aufhalten. Sollte dieser Aufforderung nicht Folge geleistet werden, würde eine Festnahme drohen. Danach durfte man das Gelände verlassen. Direkt am Auslass hatten sich die Versorger mit gutem Essen und Getränken aufgebaut. Viele hatten seit 12 Stunden Nichts mehr zu essen bekommen.


Was sich an diesem Tage in Frankfurt abgespielt hat, gehört weder in in eine Demokratie, noch sollte ein Staat so mit seinen Bürgern umgehen. Den Worten von Jakob Augstein in einem Kommentar auf Spiegel-Online ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen: „Ein Staat, der seiner Demonstranten nur mit Gewalt Herr werden kann, verliert vor den Augen der Öffentlichkeit seine Legitimation. Der gewalttätige Staat ist der schwache Staat.“ Weshalb griff die Polizei gegen Störer, die es nicht, gab so hart durch? Weshalb wurden fast 1000 Menschen in Sippenhaft genommen, obwohl nur 3 Feuerwerkskörper gezündet wurden? Und weshalb zog man Menschen unter Anwendung s.g. Schmerzgriffe, oder sogar an den Haaren aus dem Kessel? Die Antwort ist so naheliegend, wie einfach. Wenn man jemandem immer wieder mit der Faust ins Gesicht schlägt, wird sich die Person irgendwann zur Wehr setzen. Und darauf wurde gewartet: Auf

einen Haufen , der durch die ständigen Provokationen und Angriffe, irgendwann vollkommen ausrastet, und auf welchen man dann ohne Rücksicht auf Veruste eindreschen darf. Alles unter der Legitimation der Verteidigung. „Wir wurden ja angegriffen“. „Wir hatten gar keine andere Wahl“. „Sehen sie, das waren nämlich doch gewalttätige Demonstraten“. So hätte man den Einsatz dann rechtfertigen können. Heute, Wochen nach der Demo steht eins fest: Der Einsatz war geplant. Die Beweise hierfür sind erdrückend. Auch wenn Polizeipräsident und Innenminister dies nicht zugeben wollen. Ob es einen Untersuchungsausschuss geben wird und dieser die letzten Zweifel beseitigen kann, steht aktuell noch nicht fest. Aber wieso überhaupt so hart durchgreifen? Wieso so ein riesiges Polizeiaufgebot? Was hat man davon? Und vor allem wer hat etwas davon? Auch diese Antwort liegt relativ nahe. Es


ist Wahljahr in Hessen. Die schwarz/gelbe Regierung wird nach aktuellen Umfragen auf der Oppositionsbank landen. Da die innere Sicherheit schon immer ein Kernthema der CDU war, hoffte man hier, durch ein hartes Vorgehen punkten zu können. Ebenso ist es kein Geheimnis, dass der Frankfurter Polizeichef Achim Thiel Linksextreme hasst (Frankfurter Rundschau 6.6.‘13). Wie man nun darauf kommt, dass sich auf einer bunten Demo ausschliesslich Extremisten tummeln, ist schleierhaft. Ebenso schleierhaft ist, wer die Beamten angewiesen hat immer wieder gegen

Journalisten vorzugehen. Zugehaltene Objektive oder verbale Einschüchterungen sind hier nur am Rande zu betrachten und passieren beinahe täglich. Was viel mehr ins Gewicht fällt, sind physische Angriffe. Schläge oder Pfeffersprayattacken gegen die Kamera, oder direkt ins Gesicht. Wenn einem Kameramann ein Bein gestellt wird und man ihm „verpiss dich“ hinterher ruft, braucht man sich über Beschwerden nicht zu wundern. Ebenso untragbar ist das Notieren der Personalien von Pressemitarbeitern, welche sich zweifelsohne als Journalisten ausweisen konnten.

Blockupy 2K13 - eine Zusammenfassung  

Eine Zusammenfassung der Blockupyaktionstage 2013 aus der Sicht eines Fotografen. Detaillierte Beschreibungen der Vorgänge und aussagekräfti...

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