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Die Dürftigkeit und das Grelle

Über die Rolle des pornographischen Pop in einer prüden Kultur. Von Robert Pfaller

Es ist nicht ganz unkomisch zu beobachten, wie sehr die westliche Gegenwartskultur, die sich selbst doch gern als besonders aufgeklärt und postmodern-lustbezogen versteht, seit Beginn der 90er Jahre in eine Tendenz zu Lustfeindlichkeit und Prüderie verfällt: Immer mehr Leute ekeln sich „spontan“ vor Sexualität oder Tabakkultur, wenn nicht gar vor den Eigenheiten ihres Körpers; den meisten Genüssen ist der Zahn gezogen, so dass wir (wie Slavoj Zizek bemerkt hat) Schlagsahne vorzugsweise ohne Fett, Bier ohne Alkohol, Kaffee ohne Koffein, Sex ohne Körper etc. serviert bekommen; und ganz wie das iranische Fernsehen überträgt auch so manche westliche Anstalt seit der sogenannten Nipplegate-Affäre der Sängerin Janet Jackson Sportveranstaltungen nur noch mit einigen Sekunden Zeitverzögerung, damit nur ja keine unvorhergesehene Nacktheit auftaucht. Dem gegenüber hat Paul-Philipp Hanske jedoch vor kurzem daran erinnert, dass es paradoxerweise zugleich auch einen Boom von Amateurpornographie à la YouPorn, programmatisches Interesse an schmutziger Sexualität und politischer Unkorrektheit wie etwa im Magazin Vice, den Gebrauch von Porno-Outfits durch Popstars wie Britney oder Rihanna etc. gibt. Wie hängt nun das eine mit dem anderen zusammen? Wieso ist die erotische Austrocknung der Kultur begleitet durch das massive Auftauchen von grellem, pornographischem Pop? Vielleicht könnte man sagen: Je mehr die Gesellschaft als ganze ihre kulturellen Bezüge zur Sexualität verliert, desto drastischer sind die Bilder davon, die auf ihren Bühnen erscheinen. Und zwar mit einer doppelten Funktion: sowohl, um der verbliebenen Sehnsucht Nahrung zu geben, als auch, um von der Sache abzuschrecken und über ihren Verlust zu trösten. Es verhält sich wie bei der aktuell beobachtbaren Entwicklung von verlorengehendem Genuss zu verstärkt wahrgenommener Sucht: Wenn es keine Normalvorbilder des Genusses mehr gibt, dann treten nur noch deren Zerrbilder in Erscheinung. Das Zerrbild des Genusses ist der Süchtige; das Zerrbild der Sexualität ist der Popstar - oder der Talkshowgast. Fiktions-Kino und Reality-Fernsehen: Sex als Muster und als Marotte Wenn man zum Beispiel den Spielfilm mit aktuellen Fernsehformaten vergleicht, so lässt sich sehen, dass hier eine gegenläufige Entwicklung stattgefunden hat: Je weniger Sex es im Film gibt, desto mehr dafür in der Talkshow (sowie in den Reality-Formaten). Der Spielfilm von heute kann keine frivole Heiterkeit mehr entwickeln, keine knisternden Spannungen in den Geschlechterverhältnissen aufbauen, keine komplexeren erotischen Verwicklungen thematisieren, wie es Filme der 60er und 70er Jahre vermochten. Dagegen ist die Sex-Präsenz in der Talkshow nun massiv. Das Verhältnis dieser beiden Phänomene ist allerdings komplex: Das eine Medium hat keineswegs bloß die Aufgaben des anderen übernommen. Vielmehr bekommt der gezeigte Sex im (Privat-) Fernsehen eine ganz andere Funktion, als er früher im Film hatte - entsprechend der unterschiedlichen Natur der Medien. Der Spielfilm proklamiert mit seiner Darstellung von Erotik immer einen gesellschaftlichen Standard – er enthält, wie das ästhetische Urteil im Sinn Kants, eine Forderung nach allgemeiner Übereinstimmung. Er mag dabei mitunter zu weit gehen, und oft werden viele 61


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