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MAY I HELP YOU?

Institutionskritik in der Kunst, die Geschichte einer echten Männerfreundschaft - und wer ist eigentlich die Mutter von Paul Castleton? Von Martin Hochleitner

Ich habe Paul Castleton 1997 durch Zufall kennen gelernt. Gemeinsam mit Freunden besuchte ich damals Skulptur. Projekte in Münster. Paul hatte zuvor eines jener Fahrräder benützt, die Elin Wikström und Anna Brag für ihr Projekt Returnitiy konzipiert hatten. Das Besondere an den Fahrrädern war ihre Eigenschaft rückwärts zu fahren. Eine seit Kindheitstagen abrufbare Grunderfahrung wurde durch das Projekt Returnity völlig verkehrt. Ich hatte auf ein freies Fahrrad gewartet. Ziemlich verschwitzt und außer Atem drückte mir Paul seines in die Hand. Dabei schmunzelte er und half mit dann auch bei meinen ersten Versuchen. Gemeinsam haben wir an diesem Nachmittag noch weitere Projekte in Münster besucht und schließlich Adressen ausgetauscht. Paul Castleton und ich treffen uns seitdem regelmäßig. Immer wieder sind es größere Ausstellungen, Kunstmessen oder Biennalen, die uns zusammenführen. Paul arbeitet als freier Kurator. Er lebt in San Francisco, wo er 1995 ein spezielles und für ihn prägendes Ausstellungserlebnis hatte. Es war Andreas Zittels Personale im Museum of Modern Art, bei der die amerikanische Künstlerin ihr Projekt A-Z Travel Trailer Units vorstellte. Drei von Zittel selbst konzipierte Wohnwägen waren ihrerseits verschiedenen Personen für die Durchführung von Reisen zur Verfügung gestellt worden. Die Ausstellung im Museum zeigte dann neben den drei Wohnwägen auch Fotografien, die die Reisenden während ihres Unternehmens aufgenommen hatten. Zittel ist zwischenzeitlich zu einer gemeinsamen Lieblingskünstlerin geworden. Paul und mich interessiert, wie sie als Künstlerin Organisationssysteme konstruiert und im alltäglichen Gebrauch von Essen, Waschen und Schlafen auch tatsächlich überprüft. Durch die Arbeit von Andrea Zittel ist Paul und mir der Begriff der Ressource zu einem immer wichtigeren Beobachtungsansatz von künstlerischen Projekten geworden. Ressourcen an konkreten Orten zu nutzen, zu definieren und zu schaffen scheint uns ein neues Kriterium von künstlerischen Projekten seit den 1990er Jahren geworden zu sein. Ein Merkmal, das sich auch ganz wesentlich in das Definitionsmodell von „Ortsbezug“ integrieren lässt. Paul plant diesbezüglich ein eigenes Ausstellungsprojekt. Er möchte zeigen, wie sich das Thema „Raum“ in der Bearbeitung durch künstlerische Projekte seit den frühen 1980er Jahren wandelte. Dabei vertritt er die These, dass der Raum zuletzt, d.h. seit den späten 1990er Jahren, wieder viel zu kunstimmanent gedacht worden sei. Viele Projekte wurden wiederum auf einen anekdotischen Ortsbezug zurückgeführt oder genügten sich in Modellen, die vom Kunstbetrieb (und vor allem vom Kunstmarkt) begeistert aufgenommen wurden. Pauls Kritik gilt im gleichen Atemzug auch den vielen Referenzkunstwerken, die als Kunst über Kunst, kunsthistorische Betriebsamkeit erkennen lassen. Selten habe ich Paul so kunst-enttäuscht wie auf der Documenta von 2007 in Kassel erlebt. 56


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