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das ganze Umfeld entstehen – das ist sehr besonders. Das Nichts wäre interessant, aber wir kommen später dahin zurück. Sprechen wir über Ihre Lehrtätigkeit in Berlin. Was schätzen Sie an dieser Tätigkeit, warum machen Sie das? Ich schätze das, weil es gut ist. Man gerät in solche Situationen hinein. Ich war damals relativ jung, jetzt bin ich schon fast in Pension, in zwei Jahren. Ich habe damals so eine gewisse Technik gehabt, eine Abwehrtechnik kann man sagen. Ich hatte eine Einladung zu einer Lehrtätigkeit in Kassel. Obwohl Kassel an sich eine klasse Stadt ist, ich kannte sie auch, aber ich konnte mir das nicht vorstellen, dort zu unterrichten, ich hatte das Gefühl, wenn ich dort hänge, dann komme ich dort nicht mehr weg, kein öffentlicher Flughafen, nichts. Berlin war auch so, die haben die Stelle für Stadterneuerung ausgeschrieben, achtzig Bewerbungen, ich habe mich aber nicht beworben. Schließlich wurden zwanzig eingeladen, da war ich dabei. Und bin letztlich ausgewählt worden. Die Stadt Berlin hat mich extrem interessiert, das ist klar. Im Prinzip wächst einem das zu. Als Lehrer bin ich dann draufgekommen, dass mir die Studenten nahe sind, dass ich mich ihnen eher zugehörig fühle, als manchen Professorenkollegen. Die Kollegen sind mir manchmal alt vorgekommen, obwohl sie waren auch nicht sehr viel älter als ich, aber das ist bis heute so ein Phänomen. Das heißt, von der Studentenseite haben Sie einen guten Start gehabt? Von der Studentenseite ist dieses Interesse immer noch da und ich habe mir gedacht, eigentlich interessiert mich das. Ich habe das 48

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aber erst gewusst bei meinen Vorträgen und den Gesprächen mit den Studenten. Wie würden Sie sich als Professor beschreiben? Das ist keine leichte Frage. Wie würde ich mich als Professor beschreiben? Ja zum Beispiel der Weg zur Professur, diese Schule war damals eine 68er Generation. Alle dort waren ungeheure Rhetoriker und relativ sozial bewegte Architekten, von der Ausbildung her, die aber so lange politisch gearbeitet haben, dass Sie die Architektur an sich nicht mehr wirklich interessiert hat. Bis auf eine Ausnahme, Alfred Grazioli, der war dort, ein Schweizer, und er war ein hervorragender Architekt. Die anderen waren eher Lehrer, durchaus gute Lehrer, sozial bewegte Lehrer und alles Mögliche. Aber nicht in dem Sinne mit Haut und Haar Architekten, wo man das Gefühl hat, die sind viel lieber an der Schule, sind Lehrer und nicht in erster Linie Architekten. Ich habe natürlich jetzt das Problem, ich habe ein Büro hier in Wien, ich habe ein Büro in Zürich und die Schule in Berlin, so dass ich praktisch dauernd unterwegs bin. Ich habe dieses Leben, das natürlich auf Kosten meines Privatlebens geht, gewissermaßen so im Griff, dass ich dieses Verhältnis zwischen Lehrer und Architekt durchaus paritätisch sehe. Architektur ist sowieso im Prinzip etwas Didaktisches. Als Architekt kann ich nicht so wie ein Künstler sagen, gut, ich male jetzt das Bild, hänge das auf und irgendjemand wird das kaufen. Ich brauche ja Kapital, ich brauche einen Auftraggeber, ich muss also sowieso didaktisch sein, das heißt für jemanden arbeiten. Das ist auch das, was möglicherweise an der Schule für Architektur vermittelbar ist. So

würde ich das sehen. Die Qualität, die ich als Architekt schätze, und zu erreichen versuche, lasse ich voll in den Unterricht einfließen. Ich mache nicht so einen didaktischen Unterricht, der so geht, dass man sagt, für Studenten muss man das alles auf ein verständliches Maß zurücknehmen. Es gibt ja Lehrer, die sagen, man muss das herunterbrechen auf ein Lehrniveau. Das mag ich eigentlich nicht. Der Unterricht ist sehr stark mit meiner Arbeit verbunden, wobei meine Arbeit schon relativ didaktisch ist und sich sehr gut eignet zum Übertragen. Ich bin kein subjektiver Architekt. Ich versuche selber, bei meiner eigenen Aufgabe, zurückgenommen an die Dinge heranzugehen. Das lässt sich relativ gut in die Lehre übertragen. Ich versuche nicht lauter kleine Krischanitz aus den Studenten zu machen, das auf keinen Fall. Mich interessieren ja durchaus Auseinandersetzungen mit anderen Geschichten, weil man denkt, wie geht das, ich lerne da mindestens genauso viel wie die Studenten. Das ist eher ein partnerschaftliches Konzept. Aber ich bin dann auch nicht so jemand, der mit allen Studenten jeden Tag saufen geht, und wir sind alle per du. Das hat damit nichts zu tun, sondern es ist eher wie im Büro, dass man in einer gewissen recht harten Berufsebene agieren muss, wo die Anforderungen sehr hoch sind und dann letztlich jeder auf sich selbst zurückgeworfen ist. Und es gibt in jedem Fall kein Ende, wie es Kippenberger illustriert hat in Dialog mit der Jugend? Das heißt, dass Sie dann am Ende eines harten Jahres herauskommen und fertig sind. Über die Studenten haben Sie schon gesagt, dass sie fertig sind, die zwanzig, die


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