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Sarah Hoffmann / fisch Tanz, 2009 // Gaze, Stahlseil, Videoloop auf CF (23 min)

Und ich fühlte, wie sich diese Vorstellungen in Wirklichkeiten umsetzten und mich alle die eingebildeten Schrecken als Wirklichkeiten packten. 1

Es ist nicht das Unheimliche selbst, das wir fürchten, sondern die Vorstellung, das bloß imaginierte Unheimliche könnte Wirklichkeit werden, Gestalt annehmen, lebendiger, als wir es uns je vorgestellt hatten. So wie es dem Protagonisten Arthur Gordon Pym in Poes Geschichte ergeht, dem auf seiner Reise durch die Südsee das Unheilvolle, Fremde, Unheimliche nicht von der Seite rückt und das sich schließlich am Ende der Erzählung in einem weißen, unfassbaren Monstrum, dem kein Name mehr gerecht wird, manifestiert. Wer als Kind jeden Abend unter dem Bett oder im Schrank nachgesehen hat, um sich zu vergewissern, dass dort nur ja kein Monster sich versteckt hielt, der wollte eines ganz und gar nicht sehen: ein sich versteckendes Monster. Und das, obwohl man es in seinen wildesten Ausführungen bereits vor Augen hatte, so als wäre es bereits real gewesen und es im Gegenzug erst recht unheimlich, dass das Monster nun doch nicht im Schrank war. Worin aber liegt dann die Faszination, sich Gruseliges, Unheimliches, Übernatürliches vorzustellen, wenn wir nichts so sehr fürchten wie die reale Manifestation unserer Vorstellung? Die Wirklichkeit ist nicht unheimlich genug, sie ist nur grausam. Familientragödien im trauten Heim, Flugzeuge, die wie Steine vom Himmel fallen, geliebte Menschen, die von einer Sekunde auf die andere von schrecklichen Krankheiten erfahren müssen – erklärbare, schreckliche aber nicht unheimliche Dinge. Die Wirklichkeit braucht zu all dem Schrecken, den sie bietet, noch das Unerklärliche, Seltene, Unfassbare. Eine Irritation, ein kalter Hauch im Nacken, der sich durch keine offene Türe erklären lässt. Oder auch eine Tänzerin – wie bei der Videoarbeit von Sarah Hoffmann und Fisch, die sich endlos auf zarten Stoffbahnen bewegt, über scheinbare Hindernisse steigt, auftaucht und verschwindet, doch stets präsent bleibt. Eine Gefangene fast, die sich dem Betrachter - durch eine rote Kordel unerreichbar, unfassbar gemacht - als seltsam wiederkehrende unwirkliche Gestalt zeigt. Das Unheimliche stört die temporär etablierte, empirisch nachvollziehbare Ordnung. Es entzieht sich durch seine Seltenheit jeglicher dauerhaften Untersuchung und Erklärung, wodurch es wiederum unheimlich bleiben kann. Das macht das Unheimliche so sympathisch: es ist nicht, und wenn doch, dann ist es nicht mehr unheimlich. Sollte es Usus werden, dass Tote zurückkommen, Freunde in Sprachen sprechen, die sie niemals erlernt haben oder Monstren in unseren Schränken leben, dann sind sie nicht mehr unheimlich, höchstens unheimlich normal. Angenehmer aber ist es dann doch, wenn imaginiertes Unheimliches eben imaginiert bleibt. Tritt es nämlich zutage, so hat man - neben dem Gruseleffekt – auch noch die Arbeit am Hals, sich damit zu beschäftigen, es von vorn und hinten zu betrachten und sich zu fragen, woher es wohl käme. Und das ist keine Erfindung allein von Psychotherapeuten des 20. Jahrhunderts; schon 1616 etwa erklärt der Arzt Fortunio Liceti überzeugt und allen Ernstes, dass Frauen manchmal Kinder mit Hörnern und Schwänzen zur Welt brachten, nicht weil sie mit Dämonen geschlafen hätten, sondern weil ihre überspannte Einbildungskraft der weichen Materie des Fötus eine diabolische Form aufgeprägt habe.2 Unheimliches, dem allein durch unsere Imagination Materialität verliehen wird, oder doch bereits existierendes, im Dunklen schlummerndes Unheimliches, 39


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