Page 16

WO IST WAS BLEIBT?

In Zeiten der Wirtschaftskrise ändert sich nicht nur der Kunstmarkt, sondern auch die Kunst. Ein spekulatives Interview von Evelyn Kokes mit Stefan Heidenreich.

In letzter Zeit wurden enorme Summen für Arbeiten junger Künstler bezahlt. Wird die Krise diesem Hype nun ein Ende setzen und welche Kunst bleibt dann? Ich denke schon, dass dieser Hype vorbei gehen wird und mit ihm jene Kunst, die sich als Spekulationsobjekt dem überschießenden Markt angepasst hat. Die Frage ist dann, was als Nächstes kommt und woher das nächste Geld für Kunst kommt. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Es kann sein, dass andere Geldquellen erschlossen werden, es kann aber auch sein, dass es wirklich zu einem Bruch kommt. Ich glaube nicht daran, dass das, was jetzt am Markt anfängt sich zu entwerten, eine Kontinuität erfährt. Eher werden sich die Entwertungen weiter fortsetzen und eventuell könnte eine Umwertung der jetzt aktuellen Positionen stattfinden. Wie könnte diese Umwertung aussehen? Das verliert sich alles im Bereich von Vermutungen, aber als spekulative Objekte haben sich in letzter Zeit vor allem Kunstwerke geeignet, die wieder auf andere Kunstwerke verweisen. Spekulative Kunstwerke waren 14

weniger solche, die auf Welt verweisen. Vielleicht wird damit ein altes, modernistisches Programm neu aufgelegt. Bei der Moderne und dem Begriff der Moderne gibt es ein Missverständnis: Baudelaire dachte, dass die Aufgabe der Moderne darin besteht, die eigene Gegenwart darzustellen. Was dann als Moderne kam, war genau das Gegenteil davon. Es war eine Bewegung, in deren Verlauf sich die Kunst von der Darstellung der eigenen Zeit verabschiedete, bis sie eigentlich gar nichts mehr darstellte. Ich lese das so, dass die künstlerische Freiheit genutzt wurde, um negative Referenz auf andere Kunstwerke aufzubauen, anstatt Referenz auf Welt. Das gibt es auch heute noch. Das Wichtigste bei dieser Art von Arbeiten, die hoffentlich weniger werden, ist, dass sie sich in der negativen Referenz immer innerhalb der Kunst aufhalten und sich nicht auf die sogenannte Wirklichkeit beziehen. Ich hoffe, dass Kunst ihren Bedeutungsbereich auf Weltreferenz hin wieder ausdehnt, und derzeit sieht es ganz danach aus. Die Bewegungen ist eigentlich schon voll im Gang. Wenn der Markt versagt, spielen auch die großen Institutionen eine gewisse Rolle. Hier

wird versucht, die künstlerische Produktivität sowohl über Umsetzung von Studiengängen als auch über öffentliche Förderungen in Richtung Creative Industries zu lenken, um da eine Art Verschmelzung stattfinden zu lassen, die in der Medienkunst schon einmal gescheitert ist und nichtsdestoweniger immer wieder versucht wird. Würde die Kunst bei einer Verschmelzung mit den Creative Industries nicht einen wesentlichen Teil ihrer momentanen Freiheit einbüßen? Wie frei die Kunst wirklich ist, weiß ich nicht. Nominell ist sie sehr frei. In dem Augenblick, in dem sich ein Künstler überlegt, kann ich was machen oder kann ich es nicht machen, gibt es nichts, was er nicht machen könnte. Die Regularien und die Beschränkungen des Betriebes greifen erst viel später. Wenn jemand beharrlich Sachen macht, die im Betrieb nicht ankommen, kann er das zwar beliebig lang fortführen, aber er wird auf lange Sicht nichts davon haben. Man kann sagen, dass das Korrektiv in dem Betrieb eben nicht primär, sondern sekundär ist. Damit ist es ein


Millions discover their favorite reads on issuu every month.

Give your content the digital home it deserves. Get it to any device in seconds.