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ihre Galerien! Die Geschichte zeigt, dass der Bankrott keine ästhetischen Werturteile trifft. Zahllose bahnbrechende Künstler (da stimmt das Klischee vom guten alten Van Gogh wieder) blieben entweder eh arm wie Kirchenmäuse, oder ihr Reichtum währte nur kurz, und die Zinsen strichen sie erst im Nachleben ein. Derweil sind innovative, kunstliebende Galeristen nicht unbedingt immer gute Geschäftsleute. Schadenfreude ist also völlig unangebracht. 8. Die Kunstwelt ist sowieso viel zu groß geworden und muss wieder auf überschaubare Größe schrumpfen. Dazu nur so viel: Man sage das mal einem jungen Künstler aus dem Libanon oder einer Kuratorin aus Brasilien. Die Globalisierung der Kunstwelt ist in jedem Fall eine Bereicherung, deren Beendigung sich nur wünschen kann, wer auch sonst lieber unter sich bleiben will. 9. Jetzt zeigt sich: Zeitgenössische Kunst ist nur „des Kaisers Neue Kleider“ – alles Scharlatane. Jetzt schlägt die Stunde der Moderne-Hasser: Man wähnt die aufmüpfige Kunst angezählt am Boden. Vor allem in der britischen Presse wird munter nachgetreten – dort ist die Kunst weniger gesellschaftlich verankert als etwa in Deutschland (wo dergleichen in den Medien in diesem Maße nicht stattfand) mit seinen vielen Kunstvereinen und Museen. Im britischen Observer, sonst eigentlich eine aufgeklärt liberale Zeitung, wetterte der Kolumnist Nick Cohen anlässlich einer Ausstellung junger britischer Kunst in der Tate Britain, die vom französischen Kurator Nicholas Bourriaud kuratiert wurde, gegen die Verschwendung von Steuergeldern für schwierige Gegenwartskunst. Da12

bei fällt ein typisches Argumentationsmuster auf: Man nimmt sich einen Pappkameraden, vorzugweise Damien Hirst oder Jeff Koons, und behauptet, dass deren pop-konzeptuellen Spielereien nichts als clever verpackte heiße Luft seien. Der große weite Rest der Kunst wird einfach ignoriert. Siehe dazu auch Binsenweisheit Nummer vier. 10. Kunst ist ein Ausdruck der puren Dekadenz unserer Zeit und wird untergehen. Auch hier setzt der britische Guardian ein unrühmliches Beispiel. Ausgerechnet der hauseigene Kunstkritiker Jonathan Jones behauptete munter: Warhol ist daran schuld, dass die moderne Massenkultur unsere Kultur zerstört. Die vier Jahrzehnte Kunst seitdem seien nichts als Popmüll gewesen: „Kunst, wie wir sie kennen, ist vorbei. Man wird sie sehr bald entlarven – als Dekor einer Ära des wirtschaftlichen Wahnsinns.“ Das mit dem wirtschaftlichen Wahnsinn mag ja stimmen, vielleicht sogar das mit dem Dekor, aber warum hält Jones ausgerechnet die Maler Mark Rothko und Francis Bacon als Gegenbeispiele hoch? Deren Gemälde aus der Zeit vor Pop sind gerade besonders begehrt und teuer gewesen in den letzten Jahren. Aber Apokalyptiker haben sich noch nie die Mühe gemacht, stichhaltig zu argumentieren. Stimmt schon, auch die Kunst erlebt eine schwere Krise – aber mit Binsenweisheiten ist sie nicht zu bewältigen. Jörg Heiser ist Chefredakteur von frieze und Autor von Plötzlich diese Übersicht. Was gute zeitgenössische Kunst ausmacht Claassen Verlag, Berlin (2007). Er kuratierte die Ausstellungen Funky Lessons, BAWAG Foundation, Wien (2005) und Romantic Conceptualism, Kunsthalle Nürnberg (2007). Seit 2008 ist er Gastprofessor im Fachbereich Bildhauerei-transmedialer Raum.

01 Damien Hirst For the Love of God, 2007 02 Jeff Koons Balloon Dog, 1994-2000 03 Takashi Murakami DOB‘s Adventures in Wonder-

land,1999


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