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in Zeiten der Prosperität? Die Kunstwelt, wie wir sie heute kennen – als eine Tätigkeit, die nicht mehr nur einem kleinen Kreis erlauchter Kenner offen steht – entstand überhaupt erst aus dem Aufstieg einer neuen Mittelklasse, die begann, sich nicht mehr nur über volle Kühlschränke und Haus mit Garten zu definieren. Dass diese Mittelklasse erodiert, die Schere aufgeht, kann ja wohl kein Anlass zum jauchzenden Begrüßen neuer Innovationen sein. 3. Die Kunst wird wieder seriöser, verlässlicher, wahrer! Die vermeintliche Gegentendenz zum Innovationsschub. Dabei handelt es sich um nichts anderes als eine Verkaufsstrategie. Genau wie Banken jetzt nicht mehr risikofreudige Aktienfonds anpreisen, sondern (angeblich) sichere Anlagen, wird nun in der Kunst das museal Abgesicherte hervorgekehrt. Mustergültig wird dies in kleinen Filmchen auf der Website von Sotheby’s vorgeführt. Da sieht man Chefauktionator Tobias Meyer, wie er die Situation in der Krise einschätzt (statt von Krise ist natürlich von „einer neuen Marktumgebung“ die Rede). Es gebe eine Rückkehr zu „Kennerschaft,“ dazu, „dass man wieder das reale Objekt“ anschaue. Als Beispiel wird dann ein abstraktes Werk des amerikanischen Malers Philipp Guston von 1955 gezeigt, das ausgerechnet den Titel „Beggar’s Joys“ – die Freuden des Bettlers – trägt. Es wurde im November für 10 Millionen Dollar verkauft. Tatsächlich ist es so, dass viele Sammler nun wieder auf sichere Werte und eine eher dezente Ästhetik setzen. Aber das hat nichts mit Seriosität oder gar einer Rückkehr zum „Wahren“ zu tun, sondern schlicht mit ängstlichem Sicherheitsdenken.

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4. Damien Hirst, Jeff Koons und Takashi Murakami sind die typischsten Künstler der letzten fünf Boom-Jahre. Man stelle sich vor, die Literatur der letzten Jahre würde ausschließlich am Beispiel von Stephen King, J.K. Rowling und Dan Brown diskutiert (nicht dass, in absteigender Reihenfolge der Genannten, deren Werke nicht diskutierwürdig wären). Eine kleine Handvoll berühmter Künstler erzeugt in der Medienöffentlichkeit das Bild vom Künstler, der wie eine Mischung aus Hollywood-Celebrity und mittelständischem Unternehmer agiert. Dabei hat das wenig bis gar nichts mit der Realität zu tun. Jeder, der sich in der Kunstwelt seit den Neunziger Jahren ein bisschen umgetan hat, weiß, dass das Gros an wichtiger und international beachteter Kunst der letzten Jahre von Künstlern gemacht wurde, die davon nicht reich, allenfalls wohlhabend wurden. Und das auch nur gerechnet auf die Jahre des Booms. Wo ist die Hochseeyacht von Monica Bonvicini, die McMansion von Liam Gillick, die Privat-Boeing von Pawel Althamer? 5. Die Kunst der letzten fünf Jahre war wie komplizierte Finanzprodukte: ein leeres Spekulationsobjekt. Der Vergleich ist so verlockend wie falsch. Wir wissen inzwischen, dass viele Banker die sprichwörtliche Katze im Sack verkauften. Sie verstanden oft selbst nicht die zugrunde liegenden Algorithmen zur Wahrscheinlichkeitsberechnung. Übertragen auf die Kunst wäre das in etwa so, als würde eine Galerie wie z.B. Eigen + Art in Berlin nicht Werke von Neo Rauch und Matthias Weischer verkaufen, sondern versiegelte Pakete mit Dutzenden von Werken Leipziger Maler, die der Käufer erst

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Jahre später öffnet, um dann das Gepinsel uninspirierter Nachahmer vorzufinden. So ist es nach wie vor nicht. Natürlich gibt es Schwundstufen der Verblödung, Nachahmer und Bluffer, die Me-Too-Kunst mit figurativem Gepinsel oder dekorativem Objekt-Gebastel anbieten und schlecht Informierte, die sich damit meinen eingehender beschäftigen zu müssen oder es gar kaufen. Und dazu gibt es auch die teure Edel-Variante – etwa, wenn Damien Hirst schlechte Kopien eigener früherer Arbeiten (Tiere in Formaldehyd) an reiche Oligarchen losschlägt. Speziell da hält sich das Mitleid in Grenzen. Aber Kunst pauschal auf eine Stufe mit Finanzderivaten zu stellen, grenzt an reaktionäre Propaganda. 6. Der Kunstmarkt ist unethischer als der Finanzmarkt. Dies war der Titel einer Podiumsdiskussion, die im Frühjahr von einem New Yorker Think Tank, der Rosenkranz Foundation, veranstaltet wurde. Während an der Börse wenigstens Insiderhandel unter Strafe gestellt sei, werde bei Auktionen munter manipuliert. Das mag zutreffen. Aber der Kunstmarkt ist nun mal nicht mit Auktionshäusern gleichzusetzen – es gibt ja eben auch zahllose private Galerien. Und die bewegen sich umsatzmäßig zwischen Gemüsehändler und, höchstens, einem mittelständischen Unternehmen. Die Größenverhältnisse erledigen das Argument von selbst. Zumal sich die Frage stellt, ob die Ethik eines Gesellschaftsbereichs sich einzig an der Transparenz und gesetzlichen Kontrolle ihrer Verkaufsvorgänge bemisst. 7. Diejenigen, die jetzt untergehen, verdienen es: Die überbewerteten Künstler und 11


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