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Klinisch rein Fotografien zur Hygiene im Krankenhaus von Claudia Thoelen


Klinisch rein Fotografien zur Hygiene im Krankenhaus von Claudia Thoelen


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Vorwort von Sigrid Schneider Einleitung von Walter Popp Krankenhaushygiene Bettenaufbereitung Intensivstation Zentralsterilisation Küche Nachwort von Martin Exner Biographie

Herausgeber: Prof. Dr. Walter Popp Krankenhaushygiene, Universitätsklinikum Essen www.uni-essen.de/krankenhaushygiene/ Ausstellung und Katalog entstanden in Kooperation mit der Deutschen Arbeitsschutzausstellung (DASA) www.baua.de/dasa/ Wir danken den Firmen Schülke & Mayr und Instruclean für die finanzielle Unterstützung bei der Herausgabe des Buches.

© 2004 für die Fotografien bei Claudia Thoelen © 2004 für die Texte bei Sigrid Schneider, Walter Popp, Martin Exner Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Sämtliche Arten der Vervielfältigung oder der Wiedergabe dieses Werkes sind ohne vorherige Zustimmung der Autoren unzulässig und strafbar. Dies gilt für alle Arten der Nutzung, insbesondere für den Nachdruck von Texten und Bildern, deren Vortrag, Aufführung und Vorführung, die Entnahme von Schaubildern, die Verfilmung, die Mikroverfilmung, die Sendung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien. Zuwiderhandlung wird verfolgt. Gestaltung: Reinhild Ischinski, Hamburg Druck und Verlag: Peter Pomp GmbH, Bottrop

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Vorwort von Dr. Sigrid Schneider Leiterin des Fotoarchivs im Ruhrlandmuseum Essen

Bilder von der reinen Welt Eigentlich lässt sich das gar nicht fotografieren: Hygiene als vorbeugende Heilkunde zur Verhütung und Bekämpfung von Krankheiten. Was soll bei einem so abstrakten Thema konkret im Bild zu sehen sein? Eine systematische Dokumentation mikroskopischer Befunde? Eine Sozialreportage über die Menschen, die in einer Hygieneabteilung arbeiten? Claudia Thoelen hat sich gründlich vertraut gemacht mit allen sichtbaren Phänomenen der Hygiene im Krankenhaus – mit Instrumenten, Materialien, Räumen. Sie hat die Menschen beobachtet, die unter besonderen Bedingungen in diesen Räumen arbeiten. Sie hat ein Gespür entwickelt für die feinen Abstufungen von sauber über rein bis steril. Als Ergebnis dieser genauen Beobachtung legt Thoelen nicht Abbilder oder Illustrationen zum Thema vor, sondern ganz eigenständige Bilder, subjektive Porträts von Dingen und Menschen. Diese Bilder kann jeder Betrachter unterschiedlich interpretieren, abhängig etwa von seiner fachlichen oder emotionalen Nähe zum Gegenstand. Die Gesamtheit der Bilder lässt sich allerdings auch für den Nichtsachkundigen zu einem eigenen komplexen Bild zusammensetzen. Zu sehen ist viel Spiegelblankes; Menschen und Material sind mit unterschiedlichen Schutzschichten sauber abgedeckt. Sie befinden sich in geschlossenen Innenräumen, überwiegend künstlich beleuchtet; nur ganz selten ist ein Blick durchs Fenster auf Fragmente von Natur möglich, die aus dieser Perspektive abstrakt und künstlich wirkt. In dieser hermetischen Innenwelt komponiert Thoelen ausdrucksstarke Bilder mit genau kalkulierten grafischen Strukturen und Farben. Sie fotografiert grundsätzlich nur mit vorhandenem Licht, was je nach Beleuchtungsqualität ganz verschiedene Atmosphären erzeugt. Tücher, Gerätschaften oder Betten sind so fotografiert, dass man als Betrachter zum genauen Hinsehen herausgefordert wird. Man fängt an, diese Bilder von so banalen Gegenständen wie einem Stapel Bettwäsche oder zum Trocknen aufgehängten Gummihandschuhen zu „lesen“, sich intensiv mit kleinen Details zu beschäftigen. Die abgebildeten Menschen sind im Dienst an der Hygiene weitgehend verhüllt; ihre Gesichter und direkten Blicke in die Kamera wirken dadurch umso eindringlicher, sie geben der sterilen Dingwelt für Momente ein menschliches Antlitz. Die Fotografin zeigt nicht die Anstrengungen der Arbeit, sondern deren reibungslosen Ablauf – in diesem reglementierten Szenario geradezu widerständig wirkende Kommunikationsmittel wie beschriftete Kreppklebestreifen inbegriffen. Claudia Thoelen hat durch ihren künstlerischen Blick, durch Kameraperspektive, Wahl des Ausschnitts und die Farbigkeit eine Bilderwelt geschaffen, die tatsächlich eine Vorstellung davon vermitteln kann, wie vorbeugende Heilkunde zur Verhütung und Bekämpfung von Krankheiten in der alltäglichen Praxis aussieht.

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Einleitung von Prof. Dr. Walter Popp Krankenhaushygieniker, Universitätsklinikum Essen

Hygiene im Krankenhaus – ein Fotoprojekt Patienten, die stationär

im Krankenhaus aufgenommen werden, sollen möglichst schnell gesund oder zumindest gebessert entlassen werden. Tatsächlich ziehen sich jedoch drei bis vier Prozent der Patienten im Krankenhaus eine Infektion zu, die so genannte Krankenhausinfektion oder nosokomiale Infektion. Dies betrifft rund 500.000 der jährlich in Deutschland stationär behandelten 15 Millionen Patienten. Mindestens ein Drittel dieser Infektionen könnte verhütet werden, wenn die Hygiene im Krankenhaus durchgehend eingehalten bzw. verbessert würde. Krankenhaushygiene als eigenständiges Aufgabengebiet gibt es seit gut 30 Jahren in Deutschland. Was Krankenhaushygiene beispielhaft ist, was und wie Menschen hygienisch agieren und betroffen sind – das zu zeigen sollte Gegenstand eines Fotoprojektes sein, zu dem wir die Hamburger Fotografin Claudia Thoelen gebeten haben. Durch alle Bilder zieht sich das Triumvirat der hygienischen Sauberkeitsbegriffe: rein, desinfiziert, sterilisiert. Rein, reinigen: Mit Wasser und einem Reinigungsmittel werden Flächen abgewischt, nicht viel anders als zu Hause. Immer wird im Krankenhaus feucht gereinigt, denn Staub – auf dem Bakterien haften können – soll nicht aufgewirbelt werden. Desinfizieren heißt reinigen unter Zuhilfenahme eines Desinfektionsmittels. Flächen werden dabei ebenfalls gewischt, Instrumente werden tauchdesinfiziert, also eingelegt. Desinfiziert werden alle Instrumente, die am Menschen eingesetzt werden, aber auch Flächen in Intensivstationen, Arbeitsflächen in Küchen, Fußböden in OP-Sälen. Desinfektionsmittel sind aggressiver als Reinigungsmittel und damit auch toxischer für den Menschen. Sterilisieren kann man nur Gegenstände, aber nicht die Umwelt. Sterilisiert wird im Sterilisator: Im Krankenhaus ist das meist ein Autoklav, in dem bei Überdruck und einer Temperatur von 134° C gespannter Wasserdampf fünf Minuten lang auf die Gegenstände einwirkt. OP-Instrumente müssen steril zur Anwendung kommen. Auf sterilen Gegenständen darf kein Keim überleben. Reinigen heißt Keimzahlverminderung um den Faktor 10 bis 100, Desinfizieren um den Faktor 1000 bis 100.000. Von 100 Keimen überlebt beim Reinigen einer, beim Desinfizieren keiner. Von einer Million Keimen überleben beim Reinigen 10.000, beim Desinfizieren 10 bis 100. Betten werden desinfiziert, auf Intensivstationen wird desinfizierend gereinigt, in Küchen wird desinfiziert, in einer Zentralsterilisation wird sterilisiert, und die Krankenhaushygiene soll überwachen, dass das alles auch funktioniert. Frau Thoelen hat wunderschöne Bilder zu den komplexen Aufgaben und Zusammenhängen gemacht. Immer steht der Mensch im Mittelpunkt. Und der ist ja auch die eigentliche Hauptperson im Krankenhaus. Wir hoffen, dass möglichst viele Menschen die Fotos sehen und Gefallen an ihnen finden und so ein kleiner Einblick in das Thema Hygiene im Krankenhaus geschaffen wird.

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Krankenhaushygiene Die Verhütung von Krankenhausinfektionen ist eine der wichtigsten Aufgaben der

Krankenhaushygiene. Flächen müssen sauber sein und werden täglich, manchmal mehrfach täglich, mit Putzeimer und Lappen gereinigt. In sensiblen Bereichen muss sogar die Luft rein sein, zum Beispiel in Operationssälen, in sterilen Werkbänken oder in Reinräumen für die Bearbeitung menschlicher Stammzellen. Regelmäßig werden von der Krankenhaushygiene Überwachungsuntersuchungen durchgeführt: Wasser wird auf die Einhaltung von Grenzwerten untersucht. Endoskope werden nach der Säuberung in Spülmaschinen auf Keimfreiheit geprüft. Sterilisatoren müssen selbst Bakteriensporen abtöten und dies regelmäßig an so genannten Bioindikatoren belegen. Die Partikelzahlen in Werkbänken und unter den Klimaanlagen-Deckenfeldern über den OP-Tischen dürfen sehr enge Grenzwerte nicht überschreiten. Die Klimaanlagen müssen so eingestellt sein, dass die Luftströmung immer aus dem OP in die Vorräume verläuft. All dies hat die Krankenhaushygiene regelmäßig zu überprüfen. Krankenhausinfektionen werden insbesondere auf Intensivstationen regelmäßig erfasst, denn dort liegen die besonders „kritischen“, das heißt empfindlichen Patienten.

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Bettenaufbereitung Einziges privates Refugium des Patienten ist sein Bett, eine intime Insel

im Ăśffentlichen Raum des Krankenhauses. Das Bett ist fĂźr den Patienten der Ort seiner Sehnsucht nach vertrauter Umgebung, seinem gewohnten Leben und der Genesung. FĂźr das Krankenhaus ist das Bett Arbeitsobjekt: ein mobiles Instrument, das funktionell handhabbar sein muss: kippbar, abwischbar, desinfizierbar.

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Intensivstation heißt schwer kranke Menschen in Lebensgefahr, höchster medizinischer Einsatz und verschärfte

Isolierung: Ausnahmezustand. Intensivstationen müssen sauber sein, rein, desinfiziert. Materialien, die am Patienten eingesetzt werden, müssen absolut keimfrei sein, also sterilisiert. Isolierstation heißt Schutz vor den Keimen von draußen. Für den Gesunden sind sie kein Problem, den Intensivpatienten können sie das Leben kosten. Es gibt aber auch den umgekehrten Weg: wenn der Patient einen gefährlichen Keim trägt, der ein Risiko ist für andere Patienten, für das Personal, für die Besucher. Ein Beispiel ist MRSA, ein kugelrundes Bakterium, unempfindlich gegen fast alle Antibiotika. Patienten mit MRSA müssen isoliert werden – das bedeutet Zimmerarrest, Kittel, Handschuhe, Mundschutz, Kopfhaube für Personal und Besucher im Zimmer.

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Zentralsterilisation Bischofs-, Moskito- und Sakinskyklemmen, Pinzetten, Scheren, Klammern und Hunderte

weitere Medizinprodukte für Wundversorgung und Operationen werden hier aufbereitet. Klinisch rein reicht dabei nicht: Die Instrumente müssen steril sein, frei von allen Keimen, absolut sicher. Dazu wird ein kleines Unternehmen im Krankenhaus betrieben: die Zentralsterilisation. Die aus dem OP kommenden benutzten Instrumente werden in Spülmaschinen bei 90° C gereinigt und desinfiziert. Dann werden sie nach Packlisten in Siebe sortiert, in Folien eingeschweißt und wandern in das Sterilisationsgerät: Im Autoklav werden sie bei 134° C absolut keimfrei gemacht.

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Küche Tausende Mahlzeiten werden jeden Tag zubereitet. 50.000 stationäre Patienten im Jahr,

durchschnittliche Liegezeit sechs bis sieben Tage – das macht im Jahr 330.000 „Patiententage“, für die jeweils Frühstück, Mittagessen und Abendessen benötigt werden, angepasst an individuelle Bedürfnisse und diätetische Indikationen. Das Essen bestimmt den Tagesrhythmus, und sein Verzehr ist nicht nur Indikator für die Befindlichkeit, sondern auch für die Genesung. Die hygienischen Anforderungen an Küchen sind hoch. Salmonellen, Rotaviren oder Noroviren rufen jährlich Zehntausende von Durchfällen hervor, nicht selten übertragen durch Lebensmittel. Von jedem Gericht sind zur Untersuchung Proben einzufrieren, falls es Beschwerden gibt. In bestimmten Fällen ist getrennte Lagerung erforderlich: Eier separiert, kein Salat mit Fleisch, nichts Gekochtes mit Rohem zusammen aufbewahren.

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Nachwort von Prof. Dr. med. Martin Exner Direktor des Institutes für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn

Hygiene im Krankenhaus Seit Beginn der Krankenhausbehandlung

haben Infektionen für die behandelten Patienten zu den wichtigsten Komplikationen der medizinischen Behandlung schlechthin gezählt. Aufgrund der Unkenntnis über die Ursachen von Infektionen starben im 19. Jahrhundert Mütter nach Entbindung in Kliniken an Kindbettfieber unter jämmerlichen Bedingungen. Patienten, die operiert wurden, erkrankten an Tetanus und Gasbrand aufgrund unsteriler Instrumente und der Unkenntnis vieler Ärzte und Krankenschwestern über die notwendigen Maßnahmen zur Verhütung von Infektionen. Es zählte damals zum allgemein akzeptierten Wissensstand, dass eine Operation nicht ohne Wundinfektion und Eiterung ablaufen könne. Durch solche Infektionen kam es zu einer Verlängerung der Liegezeiten von bis zu 70 Tagen. Ohne Antibiotika blieb den damaligen Ärzten nur übrig, vereiterte Wunden auszubrennen oder infizierte Gliedmaßen zu amputieren. Erste Erfolge zur Verhütung dieser dramatischen Infektionen gelangen jedoch schon im 19. Jahrhundert durch Einführung der Händedesinfektion durch Ignaz Semmelweis und durch die Verbesserung der mikrobiologischen Diagnostik durch Robert Koch. Seit der Verbesserung der Anforderungen an die Reinigung, Desinfektion, Sterilisation wurden deutliche Erfolge schon in vorantibiotischer Ära erzielt. Dennoch stellen Infektionen, die im Krankenhaus erworben werden, bis heute eine große Herausforderung dar. Sie sind heute noch die wichtigste Komplikation der medizinischen Behandlung geblieben. Umso wichtiger ist es, die vielfältigen Voraussetzungen und Arbeiten, die der Hygiene im Krankenhaus dienen und damit dem Schutz der Patienten, transparent zu machen. Hierzu gehören auch die Arbeiten, die hinter den „Kulissen“ geschehen und die ohne Wissen der Patienten sicherstellen, dass das Risiko von Infektionen im Krankenhaus auf ein niedriges Niveau gesenkt werden kann. Deutschland hat auf diesem Gebiet maßgebliche Erfolge erzielt und zählt derzeit zu den Ländern, die die niedrigste Rate an Infektionen im Krankenhaus aufweisen. Hierdurch wird nicht nur dem Patienten Sicherheit gewährleistet und unnötiges Leiden vermieden, sondern auch erhebliche Kosten eingespart, die ansonsten aus einer Liegedauerverlängerung bei auftretenden Infektionen resultieren. Im Vergleich zu anderen Ländern werden durch eine umfassende Hygiene in deutschen Krankenhäusern Milliardenbeträge eingespart. Umso wichtiger ist es, dass diese häufig nicht beachtete Arbeit wie in der Fotoausstellung transparent gemacht wird. Dies ist Frau Thoelen mit ihren Bildern gelungen.

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Biographie Claudia Thoelen 1958 geboren in Essen, lebt seit 1991 in Hamburg

Studium

1979 – 1981 Comunicação Visual e Fotografia, Centro de Arte e Comunicação Visual, Lissabon 1981 – 1987 Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie, Universität/GSH Essen Auszeichnungen und Stipendien

1989 1994 1999 2000 2004

1. Preis: Emma-Fotografinnenpreis Jahresstipendium: Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur Schleswig-Holstein, Künstlerhaus Lauenburg 1. Preis: Printmedien, Medienpreis 1999 Arbeitsstipendium: Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur Schleswig-Holstein, Künstleratelier Rostock Projektförderung: Kulturwerk der VG Bild-Kunst GmbH

Einzelausstellungen (Auswahl)

1982 1986 1995 1998 1999 2002 2002

Alentejo, Museu Regional Évora, Portugal Kindermütter, VHS Duisburg, 10. Duisburger Akzente Landschaft Autobahn, Galerie Künstlerhaus Lauenburg Obdachlose Frauen, Theater am Stadthafen Rostock Obdachlose Frauen, Schleswig-Holstein Haus Schwerin Alzheimer, Wissenschaftszentrum Bonn Solidarité Féminine, Maison du Champ De Mars, Rennes, Frankreich

Gruppenausstellungen

1992 1998 2004

50

Tendenzen aktueller Fotografie, Universität Essen Das Bild des Menschen, die besten Fotos aus 50 Jahren Stern, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg Wirklich Wahr! Realitätsversprechen von Fotografien, Ruhrlandmuseum Essen



Klinisch rein Claudia Thoelen