Stanko Abadzic - Soul of street - portfolio

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Soul of

STREET

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INHALT IN DIESER AUSGABE

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MARC BARKOWSKI

EDITORIAL OLIVER MERCE

LOW SEASON STANKO ABADŽIĆ

SPOTLIGHT

CHRISTOF TIMMERMANN

USING THE LIGHT SABINE MONDORF

DIE GESCHICHTE HINTER DEM BILD BEST OF

COMMUNITY PIA PAROLIN

FOTOGRAFIEREN IM FLOW AUSSTELLUNG IM LOCKDOWN

ACHIM KATZBERG ADVENTS GEWINNSPIEL

DANIEL KRUMMENÖHLER

SOUL OF STREET #33


STANKO

ABADŽIĆ SPOTLIGHT VON MARC BARKOWSKI

„Je schneller wir leben, desto weniger Emotionen bleiben in der Welt zurück. Je langsamer wir leben, desto tiefer fühlen wir die Welt um uns herum.“

Eine große Ironie der Globalisierung besteht darin, dass die Menschen mit zunehmender Verbundenheit zur Technologie – E-Mail, Mobiltelefone, iPads – oft weniger miteinander verbunden sind. Diesen wachsenden Riss im sozialen Gefüge nahm der kroatische Fotograf Stanko Abadžic sehr bewusst zur Kenntnis. Seine zutiefst menschlichen Fotografien zeugen von wehmütiger Achtung vor einer Zeit, in der die Menschen eher spirituell und emotional miteinander in Kontakt standen als elektronisch. Dies erklärt die scheinbar „altmodische” Ästhetik seiner Bilder, von denen viele aufgrund ihrer geometrischen Komposition, sinnlichen Atmosphäre und aussagekräftigen Details den Anschein erwecken, sie könnten in den 1940er Jahren oder früher entstanden sein. Die leicht surreale Aufnahme ‚Legs Opatija‘ zum Beispiel, die sich spielerisch an der Grenze zwischen Realität und Fantasie bewegt, würde im Werk wegweisender französischer Fotojournalisten, die Abadžic so bewundert, nicht fehl am Platz wirken. Ungeachtet einer gemeinsamen Affinität zu Menschen wie André Kertész und Willy Ronis vermitteln Abadžic‘s Fotografien jedoch eine sehr zeitgenössische Botschaft. „Je schneller wir leben, desto weniger Emotionen bleiben in der Welt zurück. Je langsamer wir leben, desto tiefer fühlen wir die Welt um uns herum”, sagt er. „Ich bin nicht gegen die Globalisierung im Allgemeinen, aber ich bin gegen die physische und geistige Uniformität der Städte und Gemeinden, die von multinationalen Konzernen dominiert werden. Die Globalisierung macht uns zu passiven Konsumenten. Sie interessiert sich nicht für unsere Kreativität oder Individualität. Wir verlieren unser Glück und unsere Zufriedenheit, wenn wir unser Identitätsgefühl verlieren”. Dass er im Laufe seines Lebens mehrmals dazu gezwungen war, in ein anderes Land umzuziehen, während er sich um die Bewahrung seiner spirituellen Identität bemühte, hilft dabei, das Gefühl der Verbundenheit zu erklären, das Abadžic in Fotografien wie ‚a circle‘ zelebriert. Das Bild entstand während einer unruhigen Übergangszeit in Berlin und ruft auf elegante Weise einen Sinn von Nähe und Zusammenwirken hervor. Die modernistische Gegenüberstellung von Schatten und Licht – Abadžic‘s Markenzeichen – sorgt für eine ausbalancierte Stimmung und verhindert, dass das Bild ins Sentimentale kippt. Abadžic wurde 1952 in Vukovar, Kroatien, geboren. Sein Vater erkannte Stankos Empfänglichkeit für den Charme der alten Welt dieser Stadt an der Donau und schenkte ihm zu seinem 15. Geburtstag eine russische Kamera.

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Abadžic brachte sich die technischen Grundlagen selbst bei und verfeinerte sein fotografisches Auge durch Ausstellungen, Fotobücher, Film und Fernsehen. Er trat einem Fotoclub bei, stellte seine frühen Arbeiten aus und verdiente Geld mit dem Fotografieren von Hochzeiten und Fußballvereinen. Später wurde Abadžic als Fotojournalist Teil der Redaktion der Zeitung Vjesnik, heiratete und gründete eine Familie. Dieses beschauliche Dasein wurde jedoch durch den Ausbruch des kroatischen Unabhängigkeitskrieges im Jahr 1991 brutal unterbrochen. „Ich zog mit meiner Familie nach Deutschland, weil ich dachte, dass sich die Dinge bald beruhigen würden und dass wir nach Vukovar zurückziehen könnten, doch das war nicht der Fall”, erinnert sich Abadžic. „Es war eine sehr schwierige Zeit. Wir waren mittellos; wir ließen alles in Vukovar zurück und rannten um unser Leben. Ich nahm jede Arbeit an, die ich finden konnte: Spediteur, Kellner, Lehrer. Am schwierigsten war es, alle drei Monate zur Einwanderungsbehörde zu gehen, um unsere Visa zu verlängern. Unser Motto war: Denkt an heute, es gibt nur das Jetzt. Nach vier Jahren mussten wir ausreisen; sie wollten nicht, dass wir näher an die Fünfjahresgrenze kommen, die für die deutsche Staatsbürgerschaft erforderlich ist. Wegen all des Drucks war es mir selten möglich, Fotos zu machen”. Die dunklen Jahre der physischen und kreativen Vertreibung endeten, als Abadžic 1995 an einem sonnigen Tag im August nach Prag zog. Die Wärme der Sonne symbolisierte für Abadžic die positive Energie der Stadt. Mit einem Gefühl von Wiedergeburt begann er, Prag mit seiner Mittelformatkamera zu erkunden, ließ den Fotojournalisten zurück und entdeckte den Künstler in sich. „Ich schaute langsam hinter den Vorhang, betrat alte, mit Efeu bewachsene Hinterhöfe, in denen die Zeit stehen geblieben war”, sagt er. „Ich begegnete Menschen, die originell und authentisch blieben, Menschen ohne Eile, Menschen, die sich weigerten, an den Extremen der Globalisierung teilzuhaben. Je mehr ich Prag enthüllte, desto mehr begann ich, die Fotografie als Kunstform zu erleben. Das Gefühl war intensiv, wie ein Vulkanausbruch.“ Die rätselhafte Schönheit der alten Straßen und Sackgassen Prags trug auch dazu bei, das Gefühl des Mysteriösen zu vertiefen, das so vielen von Abadžic‘s Bildern innewohnt. Die verstohlene Pose und die voyeuristischen Obertöne von ‚Neugierde, Prag‘ verwandeln eine alltägliche Szene in eine cocteau-ähnliche Meditation über unbewusste Triebe.

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Die augenscheinliche Objektivität von ‚Ein Tag, an dem alles schiefgeht‘ wird durch die visuelle Spannung untergraben, die durch die verschütteten Früchte, das umgestürzte Fahrrad und die einschneidenden Winkel von Sonnenlicht und Schatten entsteht. Abadžic‘s Kopf, Herz und Geist hatten durch seine Fotografie die perfekte Übereinstimmung erreicht. Abadžic kehrte im Jahr 2002 in sein Heimatland zurück und ließ sich in der Hauptstadt Zagreb nieder, behielt jedoch seine tschechische Aufenthaltsgenehmigung und kehrt auch heute regelmäßig nach Prag zurück. Er fotografiert außerdem ausgiebig auf der kroatischen Insel Krk, dem Schauplatz von Bildern wie ‚Brothers, Baska‘, die beredt auf unsere gemeinsame Menschlichkeit verweisen. Abadžic schafft weiterhin Werke, die trotz seiner schwierigen Vergangenheit und des zunehmenden Zynismus, der gegenwärtig in Mode ist, einen positiven Ausblick zeichnen. „Die Massenmedien bombardieren uns mit Bildern von Blut und Tränen”, stellt er fest. „Es ist höchste Zeit, dass wir uns für Schönheit und Ästhetik interessieren, nicht nur für Kriege und Katastrophen. Ich glaube immer noch, dass Fotografie Menschen emotional berühren kann. Ich glaube, dass ein Foto ein Zeugnis und ein Dokument seiner Zeit sein kann, und dass es uns inspirieren kann, miteinander zu reden und eine bessere Welt zu schaffen”. www.abadzicphoto.com

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