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Translation: Nicholas Grindell

Ohne den Essener Werbeberater Hubert Heinrich Strauf (1904–1993) ist der Markenund Werbekosmos der westdeutschen Konsumgesellschaft nach 1945 kaum denkbar. Das Spektrum der von ihm beziehungsweise seinen Werbeagenturen über Jahrzehnte hinweg betreuten Klienten reicht von mehr als 500 Konsumgütermarken über diverse Gemeinschaftswerbungen – etwa für die Bonner Fördergemeinschaft der Obst- und Gemüseverwertungsindustrie und die westdeutsche Stahlindustrie – bis hin zu politischen PR-Kampagnen für die CDU.1

• Ob Alete, blend-a-med, Coca-Cola, Herta, Krombacher, Pril, Roth-Händle, Vivil oder ZentRa – Generationen von Konsumenten verbinden mit diesen von Strauf kreierten, betreuten beziehungsweise nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebten Marken, unverwechselbare Bildwelten, Claims, Produktund Werbedesigns sowie ganz individuelle Erwartungen und Erlebnisse. Der Kreative hinter den oftmals bis heute fortwirkenden Kommunikationsformen blieb nahezu unbekannt. Das Schicksal der anonymen Autorenschaft teilt Strauf berufsbedingt mit praktisch allen Werbern seiner Zeit. Um ein Markenprodukt wirkungsvoll zu bewerben, dürfe ein Werbekommunikator „[…] gar nicht selbst in Erscheinung treten, um seine Werbebotschaft vorzutragen, er muß sich vielmehr einer materiellen ‚Trage‘ bedienen, die sie gleichzeitig an viele, oft an ungezählte Empfänger überbringen muß“2, so Strauf. Dabei versinnbildlichen viele seiner kreativen Arbeiten das westdeutsche „Wirtschaftswunder“ und prägten den Verbraucheralltag im „Kalten Krieg“ mit. Die von Strauf gestalteten Bildwelten und Typografien schrieben sich tief in die Alltagswahrnehmungen und Handlungsabläufe der Verbraucher ein. Sie gaben und geben alltägliche Orientierung auf den immer weiter aus­ differenzierten Märkten, förderten den Absatz und stärkten das langjährig gewachsene Vertrauen in viele Unternehmen. Zudem war Strauf maßgeblich am Neubeziehungsweise Wiederaufbau der westdeutschen Werbewirtschaft nach 1945 beteiligt: 1946 als Mitherausgeber (bis 1963) der Werbefachzeitschrift „Werbung und Verkauf“, bei der Neugründung des Bundes Deutscher Werbeberater und Werbeleiter e. V., als Vorsitzender (1953–1967) von dessen Prüfungskollegium, als Mitbegründer der Werbefachschule Köln und des Marketing-Club Essen e.V., als Mitorganisator der ersten Internationalen Werbeausstellung nach Kriegsende in Essen 19553, als Vorstandsmitglied (1956–1959) beziehungsweise Vorstandsvorsitzender (1960–1963) der Gesellschaft Werbeagenturen e. V. sowie als

form 251/2014

Präsident der Fördergemeinschaft für Absatz- und Werbeforschung e. V. 4 Geboren in einem katholischen Essener Elternhaus, besuchte Strauf die örtliche Realschule.5 Seine kreative Neigung ließ sich zunächst kaum erahnen: Kurze Zeit nach seinem 14. Geburtstag, 1918, begann er eine Lehre als Schreibgehilfe in der Friedr. Krupp AG, die ihm sein Vater vermittelt hatte. Dazu musste er die „Kanzleischrift 7“, eine lateinische Schönschrift, erlernen. Zur weiteren Verbesserung seiner „Schreibe“ besuchte der junge Strauf in Abendkursen die Essener Kunstgewerbeschule. Anschließend wurde er in das kruppsche Büro für Arbeiterangelegenheiten versetzt, wo er Lohntüten beschriften musste. Es folgte eine Fortbildung an der Städtischen Höheren Handelsfachklasse, bevor er 1922 in eine siebensemestrige Lehre als Werkstudent der Gebrüder Lohmann, eines Herstellers von Babywaagen, eintrat. Da deren Waagen-Design gravierende, absatzhemmende Mängel aufwies, durfte Strauf ein neues Waagen-Design in weißer Lackierung entwickeln. Ihm war bewusst, dass eine Neuanschaffung einer Babywaage bei jungen Eltern auf Vorbehalte stoßen musste, da deren Nutzen nur für kurze Zeit gegeben war. Also entwickelte Strauf ein Leasing-Vertriebssystem (Verleihung der Babywaagen über Sanitätshäuser) und bewarb dieses mit einem neuen Werbeprospekt. Diese Marketing­ aktivitäten erwiesen sich als erfolgreich.6 Strauf selbst datierte daher seinen eher zufälligen Einstieg in „die Werbung“ auf 1922.7 Zur Vertiefung kaufmännischer und werblicher Kenntnisse studierte er von 1924 bis 1927 an der Universität Köln die Fächer Psychologie, Soziologie und Betriebswirtschaftslehre – letzteres beim BWL-Nestor Eugen Schmalenbach. Gleichzeitig belegte Strauf Werbekurse bei Rudolf Seyffert und absolvierte in den Jahren 1925/26 ein Fernstudium beim Werbepionier Johannes Weidenmüller (1881–1936) in Berlin-Pankow. 1927 war er diplomierter Betriebswirt. 1 Etwa im CDU-Bundestagswahlkampf 1957 mit dem Claim „Keine Experimente!“ für Konrad Adenauer. 2 Hubert Strauf, „Der Wirtschaftswerber als Beruf in Gegenwart und Zukunft“, in: ZAW (Hrsg.), Werbung im Europamarkt. Kongressbericht zum Kongress der Werbung in München 1963, München, 1963, S. 178–192, hier: S. 180. 3 Vgl. ZAW (Hrsg.), 20 Jahre ZAW 1949–1969. Almanach zum Kongreß der Werbung in München (10. – 14. Juni 1969), München, 1969, S. 37 (Bayerisches Wirtschaftsarchiv, 05 Sammlungen, S 004, Nr. 134). 4 Vgl. Gerulf Hirt, „Strauf, Hubert Heinrich“, in: Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Hrsg.), Neue Deutsche Biographie 25, Berlin, 2013, S. 492–493, hier: S. 493. 5 Zu den folgenden biografischen Informationen vgl. Hirt, „Strauf, Hubert Heinrich“. 6 Vgl. Dirk Schindelbeck, „Alte Reklame – Hubert Strauf“, in: Sammler-Journal, September 2003, S. 50–57, hier: S. 51. 7 Vgl. Hubert Strauf, biografischer Abriss im unveröffentlichten Almanach des Freundeskreises „Senioren der Werbung“ (Nachlass Hubert Strauf aus dem Privatbesitz von Burkard Strauf).

Without the Essen-based advertising consultant Hubert Heinrich Strauf (1904– 1993), the brand and advertising cosmos of post-war consumer society in West Germany is barely conceivable. The range of clients looked after by him and his agencies over a period of decades includes over 500 brands of consumer goods, campaigns for various industry groups (an association for the promotion of the groceries trade, West Germany’s steel manufacturers) and political PR for the CDU.1

• Alete (baby formula), Blend-a-Med (toothpaste), Coca-Cola, Herta (frankfurters), Krombacher (beer), Pril (washing-up liquid), Roth-Händle (cigarettes), Vivil (breathfreshening sweets), ZentRa (watches): for generations of German consumers, these brands created and managed (or revived after World War II) by Strauf are associated with distinctive visual worlds, claims, products and advertisements as well as personal expectations and experiences. The creative mind behind these communication designs, many of which are still in use today, has remained all but unknown. The fate of anonymous authorship is something Strauf shares with practically every advertiser of his time. In order to effectively promote a brand product, Strauf said, a commercial communicator “should not appear himself to present his message; instead he should use a material support that must then convey it to multiple, often countless recipients.”2 Many examples of his creative work symbolize West Germany’s “economic miracle” and helped shape the consumer environment of the Cold War years. The visual worlds and typographies designed by Strauf inscribed themselves deeply into people’s everyday perceptions and routines. They offered and continue to offer ongoing orientation in markets that are becoming increasingly differentiated, stimulating sales and strengthening trust in many companies over the years. Moreover, Strauf played a decisive role in building and rebuilding West Germany’s advertising industry after 1945: in 1946 as co-editor (until 1963) of the trade magazine Werbung und Verkauf; during the re-founding of the Association of Federal German Advertising Consultants and Managers, as the chairman (1953–1967) of its examining board; as co-founder of Cologne’s Adver­tising 1 As in the CDU parliamentary election campaign of 1957 with the claim “No Experiments!” for Konrad Adenauer. 2 Hubert Strauf, “Der Wirtschaftswerber als Beruf in Gegenwart und Zukunft,” in Zentralausschuß der Werbewirtschaft (ZAW) (ed.), “Werbung im Europamarkt. Kongressbericht zum Kongress der Werbung in München 1963” (Munich: ZAW, 1963), p. 180.

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Profile for Verlag form GmbH & Co. KG

form 251. Designer Quo Vadis?  

form Design Magazine N°251, Jan/Feb 2014

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