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das magazin von typografie.info

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Inhalt titelthema Fundsachen

Seite 05

reportage Das Buchstabenmuseum Berlin von Sabine Kahlenberg

Seite 17

beiträge Überkewl – Umlaute in Übersee von Ralf Herrmann

Seite 22

schriftvorstellung Helsinki von Ludwig Übele

Seite 24

buchvorstellung Die Schriften der Motor City

Seite 28

schriftvorstellung Iwan Reschniev von Sebastian Nagel

Seite 36

schriftvorstellung Die Interpretation der Typoart Liberta für den Knabe-Verlag

Seite 42

aus dem typowiki Dann drück doch mal Propeller–Badewanne–Escape

Seite 48

buchvorstellung New Vintage Type

Seite 50

typotipp Ligatursatz in InDesign mit Suchen-und-Ersetzen

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Seite 52

Editorial Als ich mich Anfang des neuen Jahrhunderts im Internet nach typografischem Erfahrungsaustausch umsah, kam ich noch nicht besonders weit. Es gab natürlich schon die Online-Shops der größeren Schriftanbieter und einige liebevoll gepflegte private Webseiten zu Schrift und Typografie, aber von Interaktivität noch keine Spur. Blogs, Wikis und Social Networks kannte man noch gar nicht. So lag für mich die Idee nahe, einfach selbst eine interaktive Internet-Plattform für Typografie zu schaffen. Doch die Idee lag eine ganze Weile brach, denn die besten Domainnamen waren ohnehin längst vergeben. Ein kleine Chance tat sich auf, als 2001 die .info-Domains eingeführt wurden. Die ersten und somit auch besten .info-Domains wurden anfangs über ein weltweit durchgeführtes Losverfahren vergeben zu dem ich kurzentschlossen gut ein dutzend Domains in die Waagschale geworfen hatte. Als ich dann überraschenderweise der glückliche Gewinner von Typografie.info wurde, war die Entscheidung gefallen, dass nun der Zeitpunkt für ein Typografie-Portal gekommen war. Die Webseite ging im November 2001 online und erfreute sich rasch wachsender Beliebtheit. Heute gliedert sie sich in zwei Bereiche: Im Typografie.info TypoWiki finden sich hunderte Fachartikel zum einfachen virtuellen Nachschlagen und im Typografie. info TypoForum diskutiert täglich eine ständig wachsende Community über alle nur erdenklichen typografischen Fragen. Es ist dabei ebenso erstaunlich wie erfreulich, dass über die Begeisterung zum Thema Schrift Personen völlig verschiedener Altersund Berufsgruppen zusammenfinden und ihr Wissen aus unterschiedlichsten Bereichen gegenseitig austauschen und bereichern. Nach 8 Jahren möchten wir mit dem Typografie.info TypoJournal nun ein neues Kapitel aufschlagen. Ein größtenteils monothematisches Typomagazin, dass sich dem jeweiligen Thema ausführlicher widmet, als es auf unserer Webseite möglich wäre. Der Community-Charakter steht natürlich auch beim TypoJournal im Vordergrund. Die Typografie.info-Mitglieder können jederzeit gern an den Inhalten und der Gestaltung des Magazins mitwirken. An dieser Stelle deshalb ein herzlicher Dank an alle, die Material für diese erste Ausgabe eingereicht oder bei der Gestaltung mitgewirkt haben. Ralf Herrmann Typografie.info-Gründer

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t i t e lt h e m a Seit Tausenden Jahren ist die Schrift untrennbar mit ihren

physischen Schreibgeräten und Schriftträgern befreit. Schriften

physischen Schreibmitteln verbunden. Jedes Schreibgerät

werden heute nahezu ausschließlich digital hergestellt, ver-

hat seine eigene Spur in den Schriftformen hinterlassen – ob

trieben und eingesetzt.

mit Griffeln in Wachstafeln gedrückt, ob mit Meißeln in Stein

Umso wertvoller werden den Schriftliebhabern die Relikte

gehauen oder mit Pinseln und Federn auf Papyrus oder Papier

materieller Schrift und deren Anwendung, die sich immerhin

geschrieben. Und auch Bleilettern und Fotosatz-Scheiben

noch auf Dachböden und Flohmärkten aufstöbern lassen.

haben ein charakteristisches Druckbild hinterlassen. Doch in

Nachfolgend eine Auswahl der Lieblingstypofundstücke der

den letzten 20 Jahren hat sich die Schrift endgültig von ihren

Typografie.info-Mitglieder.

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Erik Spiekermann, Berlin www.spiekermann.com Dieses Schild legte 1967 den Grundstein zu meiner Sammlung. Wir – meine damalige Frau Joan und ich – sahen es irgendwo in Südfrankreich, neben der Tür eines Zeitungsladens. Während ich unseren 2CV parkte und die alten Männer, die auf der Bank vor dem Laden saßen, mit meinem schlechten Französisch ablenkte, schaff‌te Joan es irgendwie, die paar lockeren Schrauben aus der Hauswand zu drehen und das Schild unter ihr kurzes Kleid zu stecken. Als wir wieder im Auto saßen, wollte ich wissen, warum sie denn so schnell wieder zurück war und ob wir nicht doch etwas Geld bieten sollten für das Schild. Ich hatte nicht bemerkt, dass sie bereits alles erledigt hatte. Eine Karriere als Trickdiebe haben wir danach nicht angefangen, aber 20 Jahre später FontShop gegründet. Dieses Emailleschild war unsere erste typografische Missetat.

Robert M. Schöne, Pirna www.romibello.de Ich habe diese „Giftschild“ auf einem Flohmarkt in Berlin entdeckt. Mich hat dabei einfach die Schönheit des Schildes (es glänzt gold auf weiß) und die geschwungene Form der Schrift inspiriert. Der Widerspruch zwischen dieser Ästhetik und dem Hinweis auf eine giftige Substanz wirkte auf mich nicht sehr bedrohlich, sondern geradezu „einladend“.

Erwin Städeli, Winterthur Ich habe dieses Zugschild vor drei Jahren an einem Bahn-Jubiläumsanlass in Winterthur wegen der def‌tigen Typografie gekauft. Nostalgische Gründe waren Ausschlag gebend: so was darf doch einfach nicht in den Kübel wandern! Das Schild, ca. 74 × 20 Zentimeter, besteht aus plastifiziertem Karton und ist stark abgenützt.

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Ralf Herrmann, Weimar www.opentype.info Bei einem Streifzug durch ein verlassenes Gebiet in der Innenstadt von Detroit fand ich einige historische Autos aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, die am Straßenrand vor sich hin rosteten. Ein Anblick, der Autoliebhabern leicht die Tränen in die Augen getrieben hätte! Das hier gezeigte Emblem ist ein Paradebeispiel für die so genannten Streamline-Schriften dieser Zeit und ich konnte nicht umhin, zumindest dieses Stück zu retten. In dem Emblem verbinden sich auf fantastische Weise Zeitgeist und technische Notwendigkeit. Dieser Schriftstil entwickelte sich speziell für die Automobilbeschriftung und erzählt von der Glanzzeit der Detroiter Automobilgeschichte in der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Das Emblem gehört zu einem Wagen des ehemaligen Luxusherstellers Packard, der unweit der Fundstelle einst die modernste Automobilfabrik der Welt betrieb. Das mittlerweile verlassene Packard-Werk steht noch immer als weithin sichtbares Industriedenkmal mitten in der Stadt und mittlerweile wächst auf dem Boden der Fabrikhalle ein Baum, der sich einem Loch in der Decke entgegenstreckt. → Siehe Artikel „Die Schriften der Motor City“

Thomas Maier, Berlin Dieses unterschnittenen Bleisatz-W stammt aus einem Stecksetzkasten einer alten Druckerei. Es waren nicht alle Buchstaben vorhanden, deshalb war es wohl uninteressant und ist übriggeblieben. Unterschnittene Schreibschriften waren im 19. Jahrhundert sehr verbreitet und sind heute in Vergessenheit geraten. Die Schreibschriften wurden verwendet, um Werbebriefe zu drucken und die Lithographie im Buchdruck zu imitieren. Am Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Schreibschriften im Buchdruck weitgehend von Imitationen von Schreibmaschinenschriften abgelöst, als die Werbebriefe häufiger mit der Schreibmaschine geschrieben wurden. Die Unterschneidungen waren bei den Buchdruckern nicht sehr beliebt, weil die überstehenden Teile leicht abbrachen und die Schriften dann unbrauchbar waren.

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Stefan Pohl („Pachulke“), Leipzig www.crealog-leipzig.de „Wenn man vom Bleisatz herkommt, werden einem irgendwann substantielle Parallelen zwischen der Reproduktion von Schrift durch einen Abdruck auf Papier und der Reproduktion von Eisenteilen durch Guß auf‌fallen. Vielleicht interessieren sich deshalb etliche Typographen für alte Kanaldeckel. Dieser Deckel aus einer alten Leipziger Gießerei hat hier im Gewerbehof gelegen, bis er bei Bauarbeiten gegen ein vergleichsweise prosaisches, jedenfalls aber gesichtsloses Betonteil ersetzt wurde. Er lag schon auf dem Transporter, wo er – der hohen Schrottpreise wegen – unweigerlich der Schmelze entgegengefahren wäre und das Schicksal vieler anderer alter Deckel geteilt hätte, die Tiefbauarbeiten zum Opfer gefallen sind. Denn für Kanaldeckel gibt es keinen Denkmalschutz. In letzter Minute konnte ich die Jungs davon überzeugen, dieses Stück lokaler Industriegeschichte wieder abzuladen. Jetzt liegt es bei mir in der Garage, nach dem Sandstrahlen fast wie neu.“

Henning Krause, Berlin www.formgebung.com Dieses F habe ich Anfangs der Neunziger einem Fassaden­ werbebeschriftungstrupp aus den Fingern gewunden. Sie waren gerade damit beschäf‌tigt, an einem Pleiteladen in Wuppertal die Beschriftung abzubauen und wegzuwerfen. Ich habe ihnen – gegen das heilige Versprechen, dass ich mich der gesundheitsgefährdenden Hochspannungsinstallation (2400 Volt) würdig erweisen würde – die Buchstaben abgeschwatzt. Leider hat mich jeder Umzug einen Buchstaben gekostet. Dieses F ist der letzte übrig gebliebene Buchstabe. Irgendwie passt das. F für formgebung.

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Viktor Solt-Bittner, Wien http://www.bonsai-cuts.at Mein typografischer Schatz besteht aus einer einzigen bedruckten Seite. Sie stammt aus der 1499 gedruckten Hypnerotomachia Poliphili von Aldus Manutius und würde für mich auch den Höhepunkt einer größeren Sammlung darstellen. Wozu also mehr zusammen­ tragen? Diese Einstellung disqualifiziert mich vermutlich als echten Sammler, hilft aber, Geld und Platz zu sparen. Der Antiquar, bei dem ich mein PoliphilusRudiment gekauft habe, war von meiner Begeisterung etwas irritiert. Er wies mehrmals darauf hin, dass es sich nur um eine einzelne Seite ohne Illustrationen handle. Super! Keine Bilder bedeutet mehr Buchstaben! Antiquarische Bücher zu zerschneiden und seitenweise zu verkaufen, scheint ja nichts ungewöhnliches zu sein. Die reinen Textseiten stellen dabei wohl nur das Abfallprodukt dar, das Geschäft wird mit den Illustrationen gemacht. Vielleicht werden Seiten, die niemand mag, nach einer Gnadenfrist entsorgt, so wie die hässlichen und alten Hunde im Tierheim. Zumindest stelle ich mir das so vor, und dann habe ich nicht so eine schlechtes Gewissen, obwohl ich mit meinem Kauf die barbarische Unart des Bücherfiletierens unterstützt habe.

Microboy, Berlin Während meines Studiums Mitte der Neunziger gab es in Dessau viele Betriebe und Fabriken, die nach der Wende geschlossen und meist fluchtartig verlassen worden waren. Auf einem Streifzug durch das leerstehende Junkalor-Werk habe ich neben anderen Objekten auch diese Pappbuchstaben gefunden. Interessanter als die Buchstaben finde ich jedoch das hübsche Preisschild mit der schönen tz-Ligatur.

Sven Lubenau, Berlin www.dersven.de Dieses Fundstück war ein Geschenk eines ebenfalls typophilen Gesellen. Er schenkte es mir mit dem Hintergrund, dass es wohl aus den Bleisatzzeiten kommen müsste. Recherchen ergaben, dass es sich dabei um ein Schließschlüssel handelt. Beim Aufräumen des Ateliers eines Berliner Grafikers fiel es ihm in die Hände. Die Patina bzw. die Gebrauchsspuren erzählen von einem durchaus intensiven Einsatz. Mir ist das ein besonderes Stück. In meiner Ausbildung als Druckvorlagenhersteller haben wir praxisnah das Thema Bleisatz angeschnitten. Im Jahre 1997 war der Computer bereits in meinen Beruf eingezogen und daher habe ich in meiner Ausbildung schon recht Glück gehabt, dass mein Ausbilder typografisches Interesse hatte und mir diese Einblicke in den Bleisatz ermöglichte. | 12 |

Dan Reynolds, Offenbach www.typeoff.de Ich habe diese Sanskrit-Manuskriptseite von einem Händler in Neu-Delhi gekauft, wahrscheinlich für viel zu viele Rupies. Trotzdem finde ich sie ganz schön. Die Rectoseite (Vorderseite) ist illuminiert, aber diese Verso (Rückseite) interessiert mich viel mehr. Die Handschrift zeigt deutliche Unterschiede zu zeitgemäßen gedruckten Texten im Hindi. Anders als dort, wo die Kopf‌linie über ein ganzes Wort läuft, sind nur die einzelnen Zeichen einer Silbe miteinander verbunden.

Lars Kähler, Lübeck

Jürgen Weltin, Pullach

www.global-type.org

www.typematters.de

Dieses keramikartige „Typo-Ei“ habe

Die Holzletter W habe ich auf einer

ich etwa 1988 in Darmstadt bei einem

Auktion der ATypI in Lyon ersteigert,

Geschenkeladen entdeckt. Da eine

oder war es in Kopenhagen?

Beschreibung gefehlt hat, kann ich

Von der Größe her würde es sich gut als

leider rein gar nichts zu Herkunft und

Käseteller eignen, dachte ich. Der noch

Herstellung sagen. Aber es hat seit-

vorhandenen Farbreste wegen und da

dem seinen Stammplatz in meinem

das Holz sicherlich nicht spülmaschi-

Souvenir­regal.

nentauglich ist, habe ich mich aber lieber dazu entschlossen, mein Büro damit zu schmücken. Auf dass das W mich täglich daran erinnere, dass ich am liebsten Buchstaben zeichne.

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Romesh Naik („Nike“), Ditzingen Die beiden Kinostühle konnte ich aus einem alten französischen Garnisonskino in Reutlingen retten. Das Kino wurde wenige Tage später abgerissen. Ich mag besonders die Patina und Stencil-Buchstaben auf den gusseisernen Verstrebungen. Die Plaketten kamen wohl später dazu. Jetzt haben Sie einen Platz in meinem Arbeitszimmer gefunden und dienen als Turngerät für meine Kinder.

Nina Stössinger, Basel www.altaira.de Einige Tage nachdem ich – nach dem Studium im Ausland – wieder in meiner Heimatstadt Basel angekommen war, entdeckte ich auf dem Heimweg von der Arbeit diese zwei Bretter mit der Beschrif‌tung Bâle/Suisse, also Basel und Schweiz, am Straßenrand. Es war ein ziemlich merkwürdiger Moment, die Bretter standen vor einem Bürogebäude auf der Straße und ich habe keine Ahnung, wer sie dort hingestellt hat und wo sie herkamen. Jedenfalls standen sie dort mit anderem Gerümpel, „gratis zum Mitnehmen“, und ich nahm sie mit und seither hängen sie in meinem Flur an der Wand. Mir gefällt die alltagsgeprägte Rohheit der schablonierten Buchstaben, das grob abgebrochene Holz; die Schrift bekommt so etwas sehr Haptisches und Praktisches, denn diese Buchstaben wurden nicht geschrieben, damit sie schön aussehen, sondern weil sie wohl eine Destination klar zu deklarieren hatten: Basel, Schweiz. Da, wo ich nun auch wieder wohne.

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Jay Rutherford, Weimar www.jayrutherford.com Peter Heckwolf, der Leiter der Druckwerkstatt der Bauhaus-Universität, gab mir einen Tipp bezüglich dieses Schildes, das im Sperrmüll vor seinem Haus lag. Ich eilte sofort zu der Stelle und entdeckte, dass es sogar zwei Schilder waren. Ich nahm sie beide mit und brachte dieses an meiner Küchenwand an. Selbst nach zwei Umzügen (nach Italien und wieder zurück nach Weimar) hat dieses 1,4  ×  1 Meter große Schild noch immer einen Ehrenplatz in meiner Wohnung. Ich liebe die einfachen Buchstabenformen, die klare typografische Struktur – und den Rost.

Jürgen Siebert, Berlin www.fontblog.de Den überdimensionalen Stempel habe ich bei einem Flohmarkt in Wiesbaden erstanden, etwa 1980. Er diente einst als Blickfang im Schaufenster eines Stempel-Shops.

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Durch den Zusammenschluss Berlins wurde der damalige Hauptbahnhof in Ostbahnhof umbenannt. Praktischerweise musste lediglich das „HAUP“ abgenommen und durch ein „OS“ ersetzt werden. Die großen, aber relativ leichten Buchstaben bestehen aus drei Teilen, die ineinander gesteckt und montiert waren. Ursprünglich hatten die Buchstaben vier parallel laufende, weiße Neonröhren an der Vorderseite.

Das Buchstabenmuseum r e p o r ta g e

das zweite leben der lettern. in berlin wird in kürze das erste buchstabenmuseum eröffnen. warum es sich lohnt, meterhohen lettern ein neues zuhause zu geben und was uns in den museumsräumen erwarten wird, haben wir vor ort in der hauptstadt erfragt. Erwähnt man seinem Gegenüber allein das Wort Buchstaben-

ken auf uns wie das Aroma eines fremdländischen Gewürzes

museum, entfährt sogar dem Nicht-Typografieinteressierten

oder Dufts, die wir per Kleinhirn leicht mit dem Ort asso-

das ein oder andere „Oh!“ und „Ah!“.

ziieren, an denen wir diesem zurückhaltenden Phänomen

Die Schlussfolgerung, man habe ein durchaus emotionales

begegnet sind.

Verhältnis zu Schrift und Buchstaben – unabhängig vom

Buchstaben in dreidimensionaler Form, als gebaute Objekte,

Inhalt – liegt nahe und ist auch begründet. Schließlich sind

„beschreiben“ die Räume, in denen sie sich befinden. Insbe-

Buchstaben jedem Menschen seit seiner Kindheit vertraut

sondere das urbane Umfeld ist von ihnen geprägt: Buchsta-

und auch wenn der ein oder andere eine spezielle Beziehung

ben be-schreiben die Stadt, ihre Fassaden, ihre Straßen, ihre

zu den Lettern haben mag, sind sie als Teil der Schriftsprache

öffentlichen Räume. Die Buchstaben zeigen sich leuchtend

der Alphabetschriften die grundlegendste Kulturtechnik der

oder monumental, manchmal ganz klein, oft plakativ, sie

westlichen Welt.

werden hoch offiziell gesetzt oder als verbotene Handschrift

Und für manche ist die Beziehung eben so eng, dass sie das

appliziert.

Objekt ihrer Begierde nicht mehr hergeben möchten und

Schrift im öffentlichen Raum kann die Stimme der Ordnung

das Sammeln beginnen: Die Gründerinnen des Buchstaben­

oder des Anarchisten sein, die der Werbung oder der Kunst,

museums, Barbara Dechant und Anja Schulze, sind der Buch-

uns ganz persönlich oder anonym ansprechen. Die Assozia-

stabenjagd verfallen und fingen 2005 an, die ersten obdach­

tions- und Bedeutungsebenen entfalten sich weit, wenn man

losen Buchstaben bei sich aufzunehmen.

das Thema Schrift im öffentlichen Raum anreißt.

let tern im raum

gestaltung als höhere bedeutungsebene

Schriften und deren Buchstaben im öffentlichen, urbanen Raum tragen neben ihren großen Gestaltungsgeschwistern

Buchstaben bilden in ihrer Funktion in erster Linie Wörter.

Architektur und Beleuchtung zur Atmosphäre in einer Stadt

Doch es gibt noch etwas Entscheidendes darüber hinaus:

bei. Auf Reisen beobachten wir das oft. Fremde Schriften wir-

Buchstaben sind – als Grundeinheit der Schrift – etwas | 17 |

Gestaltetes. Die Gestaltung der Buchstaben addiert eine

Unterkunft zu geben. Dort ist eine Schausammlung installiert

weitere Bedeutungsebene zu dem geschriebenen, gemeinten

worden, die die XXL-Objekte auf besondere Art und Weise

Wort. Und eben diese Gestaltung ist es auch, die uns bei unse-

erlebbar macht.

rer Erinnerung, unserer Emotion packen kann. Bei einigen

Die schiere flächenmäßige Größe, die einem solchen Museum

Schriften kann dies kontextabhängig geschehen, bei anderen

naturgemäß abverlangt wird, lässt erahnen, dass uns zukünf-

schon durch das eigene Erscheinungsbild des einzelnen Buch-

tig viel erwartet. Dechant und Schulze brauchen für eine

stabens. Dies ist der Grund, warum wir uns so beeindruckt

permanente Ausstellung viele Hunderte von Quadratmetern,

zeigen, wenn plötzlich ein zwei Meter hohes A vor uns steht.

da die Exponate meist recht groß und raumfüllend sind. Und zahlreich.

das schaudepot in der leipziger str asse

Die Stars des Museums sind natürlich die Buchstaben in unterschiedlichster Gestalt: Sie werden wirkungsvoll, aber distanziert und auf das Wesentliche beschränkt inszeniert.

Schon viele Buchstaben fanden ihren Weg ins Museum, waren

Große und kleine, gelungene und misslungene, berühmte und

aber der Öffentlichkeit bislang nicht zugänglich. Vor kurzem –

spezielle, vergessene und alte, elegante und formvollendete –

und nach langer Suche – fanden Dechant und Schulze endlich

das Buchstabenmuseum wird gleichermaßen ein Wunderland

einen geeigneten Ort, von dem die Exponate und natürlich

und Refugium für Buchstabeninteressierte sein.

die Besucher profitieren: Der Leipziger Straße in Berlins Mitte gebührt die Ehre, den gesammelten Lettern eine erste

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Sabine Kahlenberg

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interview mit barbara dechant und anja schulze Wie kommt man auf die Idee, ein Buchstabenmuseum zu gründen? bd:

Ja das ist so eine Sache, ich habe schon früh angefangen, mich mit Buchstaben zu beschäftigen. Aus einem anfänglichen Faible wurde echte Sammelleidenschaft. Buchstaben sind aus meinem Alltag nicht mehr wegzudenken und begleiteten mich von Wien bis Berlin. Nur was tut man mit diesen wunderbaren Buchstabenkörpern, außer sie besonders schön zu finden und im Wohnzimmer stehen zu haben?

as:

Und so war die Idee, ein Buchstabenmuseum zu gründen, dann eigentlich schnell geboren. Ich arbeite seit mehreren Jahren im kulturellen Bereich und habe schon immer davon geträumt, einmal ein eigenes Museum zu führen. Barbaras Buchstabenfaszination ist einfach ansteckend und was ist schon ein gutes Museum ohne eine spannende Sammlung?

Wie viele Buchstaben sind bereits in der Sammlung? as:

Seit Gründung des Vereins im Mai 2005 konnten offiziell 18 Schriftzüge übernommen werden. Das sind mehrere Hundert Einzelobjekte der unterschiedlichsten Größe und Materialart.

bd:

Das reicht zum Beispiel von einem knapp 2,50 Meter hohem Wertheim-W bis hin zu einem circa 6 Zentimeter kleinen Mont-Blanc-M.

Habt ihr einen Lieblingsbuchstaben? bd:

Ich habe eigentlich keine Lieblingsbuchstaben, ich liebe sie alle, aber generell mag ich die kleinen Buchstaben lieber als Großbuchstaben.

as:

Ganz klar, natürlich das „A“.

Welche Buchstaben hättet ihr noch gerne in eurer Sammlung? bd:

Am liebsten hätten wir natürlich den stadtbekannten Zweifel-Schriftzug vom ehemaligen Palast der Republik. Wir beschränken uns aber nicht nur auf lateinische Buchstaben, denn wir wollen auch einzelne Buchstaben und Zeichen unabhängig von ihrer Kultur, Sprache und Schriftsystem dokumentieren. Asiatische Zeichen zum Beispiel, sie sind für die meisten von uns inhaltsfreie Zeichen, da wir die Sprachen nicht können.

as:

Aber ein keckes Konsum-K und ein molliges Mitropa-M wären auch noch sehr schön für unsere Sammlung.

Was sind eure nächsten Pläne und Schritte? bd:

Die Hauptaufgabe des Buchstabenmuseum ist natürlich die kontinuierliche Erweiterung der Sammlung und die Rettung bewahrenswerter Schriftzüge. Die Exponate sollen der Öffentlichkeit weiterhin zugänglich gemacht werden.

as:

Ja, wir sind noch auf der Suche nach repräsentativen Räumlichkeiten, die unsere Buchstaben überhaupt fassen. Geplant ist ein Museum im traditionellen Sinn. Das reicht von einer permanenten Ausstellung zur Geschichte und Entstehung von Buchstaben bis hin zu experimentellen Auseinandersetzungen mit dem Alphabet und unkonventionellen Themenausstellungen. Dafür müssen zunächst noch Förderer und Sponsoren gefunden werden, die unser Projekt schätzen lernen und in den nächsten Jahren unterstützen. Aber daran haben wir keinen Zweifel.

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Barbara Dechant, 38 Vorstandsvorsitzende und verantwortlich für Typografie und visuelle Kommunikation b@buchstabenmuseum.de Anja Schulze, 33 Vorstandsvorsitzende und verantwortlich für Presse und Öffentlichkeitsarbeit a@buchstabenmuseum.de

Buchstabenmuseum e.V. Bewahrung und Dokumentation von Buchstaben Schaudepot Leipziger StraĂ&#x;e 49, 10117 Berlin Besichtigung nach Anmeldung unter fuehrung@buchstabenmuseum.de www.buchstabenmuseum.de

Überkewl, Umlaute in Übersee beiträge

eine glosse von ralf herrmann über den einsatz von umlauten im englischen sprachraum Dem Europäer sind zwei Pünktchen über einem Vokal in der

heute bekannten Form 1967 veröffentlicht und eignete sich

Regel wohl vertraut. Franzosen, Griechen und Niederlän-

prima, Texte in englischer Sprache unabhängig von der ver-

der kennen die Pünktchen als Diärese. Das klingt nach einer

wendeten Hard- und Software zu kodieren. Die Europäer mit

schlimmen Krankheit, bedeutet aber nur, dass aufeinander­

ihren unzähligen Häkchen, Strichen, Pünktchen und Hütchen

folgende Vokale getrennt ausgesprochen werden müssen,

auf und unter den Buchstaben blieben zunächst außen vor.

etwa in „Citroën“. Für jene, die die deutsche Sprache benut-

Es steht wohl in keinem direkten Zusammenhang, aber zwei

zen, kennzeichnen die Pünktchen eine Vokalveränderung

Jahre nach der Veröffentlichung des ASCII-Standards veröf-

und bilden heute jeweils einen eigenen Buchstaben, eine Art

fentlichte die deutsche Rockband „Amon Düül II“ ihr erstes

Wurmfortsatz des „normalen“ Alphabets. Wieviele Buchstaben

Album. Die „Krautrocker“ verwendeten die Umlaute in ihrem

hat das Alphabet? 26! Moment, äh, plus ein paar Zerquetschte:

Namen nicht ohne Grund, denn Düül ist die korrekte Schreib-

ä, ö, ü und das leidgeplagte Eszett. Wer einen Umlaut im

weise einer türkischen Sagenfigur. Doch plötzlich waren mit

Namen trägt, hat selten Freude daran. Wieviele E-Mails die

den „Heavy Metal Umlauts“ (auch „Röck Döts“ genannt) ein

Jörgs und Dörtes nie erreichen werden, weil die Umlaute vor-

Trend geboren, der die Pünktchen völlig von ihrer sprach-

her nicht korrekt in ihre historischen Bestandteile aufgelöst

lichen Funktion befreite. Blue Öyster Cult und Motörhead

wurden, mag man kaum erahnen. Denn die heute verwende-

nannten sich später Bands, die mit den Pünktchen nicht die

ten Pünktchen basieren auf nichts anderem als einem „e“, dass

Aussprache, sondern die Aussage ändern wollten. „I only put

in gebrochenen Schriften vermehrt über statt hinter den Vokal

it in there to look mean“, soll der Grafiker des ersten Motör-

geschrieben wurde. In der Kurrentschrift gleichte das „e“ eher

head-Albums gesagt haben. Auch die Band Mötley Crüe hatte

zwei schrägen Strichen, die sich immer weiter vereinfachten

eigentlich lediglich eine Dekoration im Sinn, musste bei ihren

und heute mit dem aus Punkten bestehenden Zeichen der

Konzerten in Deutschland aber erfahren, dass ihre Pünktchen

Diärese (Trema genannt) vereinheitlicht sind.

natürlich ernst genommen wurden, wenn die Menge „Möttleh Krü-e“ brüllte. Metallica haben sich die Haare abgeschnitten und der Heavy Metal ist tot. Doch die dekorativen Umlaute sind im Englischen präsenter denn je (siehe Bilderserie auf der rechten Seite). Ein Streifzug durch einen Supermarkt oder die Straßen

Dass Umlaute bis heute am Computer Ärger machen, liegt

einer nordamerikanischen Stadt fördert Erstaunliches zu Tage.

am berühmt-berüchtigten ASCII-Zeichensatz. Der „American

Die Pünktchen sollen nicht mehr „böse“ sein, sondern eher

Standard Code for Information Interchange“ wurde in der uns

exotisch oder – in vielen Fällen – ein Verweis aufs Deutsche.

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Dieses kanadische Unternehmen suchte für sein Leckereien-Geschäft einen coolen Kunstnamen. Während „Yogen“ so etwas wie „Joghurt“ implizieren sollte, hat man in „Fruz“ nach eigenen Angaben „frozen“, „fruit“ und „fresh“ vereint. Eine Extraportion Pünktchen kann natürlich nie schaden.

Eine Müslix-Packung mit Umlaut verwundert den Deutschen auch im Englisch-sprachigen Ausland noch nicht allzu sehr. Man sollte nur vermeiden, an der Kasse über die Aussprache der Frühstücks­ cerialien zu diskutieren.

Dieses europäische Restaurant in Toronto lädt zum „Festivül“. Die Umlaute als klarer Bezug zur deutschen Braukunst sind bewusst eingesetzt.

Schwarzkopf hat Emigres guten alten Trendfont Template Gothic wieder ausgegraben. Um dem Ganzen noch eine buchstäbliche Krone aufzusetzen, wird der deutsche Haarkleber in den USA als göt2be angeboten.

Dieses Unternehmen hat den Umlaut zum essenziellen Bestandteil der Corporate Communication gemacht. Der Firmenslogan lautet „Life from a different point of vü“ und auch sonst ist jedes Vorkommen von „view“ durch „vü“ ersetzt.

Für deutsche Unternehmen bietet sich das Spiel mit der deutschen Sprache natürlich besonders an. Volkswagen wirbt in Kanada mit dem Slogan „Fast as schnell“ und Mercedes-Benz bedient sich Kunstwörter wie Überkewl und Überblast: „The B-Class is the ultimate in überkewl.“

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Die Schriftfamilie Helsinki schriftvorstellung

eine schriftfamilie von ludwig übele auf basis der schrift der finnischen verkehrsschilder Wie viele andere Länder auch verwendet Finnland für Ver-

entstand, hielt sich Übele zunächst noch möglichst genau an

kehrsschilder eine von Ingenieuren mit Zirkel und Lineal

die Vorlagen.

entworfene Schrift, die zuallererst industrieller Praktikabilität denn ästhetischen Ansprüchen genügt. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb üben diese Schriften einen gewissen Reiz aus. Das mag an der durch die konsequente mathematische Konstruktion erlangten Klarheit und einer gewissen Sperrigkeit der Formen liegen, die ihnen Charme und Eigenständigkeit verleihen. Geometrisch konstruierte Schriften der Art, wie es auch die finnische Verkehrsschrift ist, sind ohne Rücksicht auf optische Regeln aus Kreisen und Rechtecken zusammengesetzt. Bei dieser Interpretation versuchte Übele einerseits

Diese Abbildung zeigt einen Vergleich der ersten Version

den ursprünglichen konstruierten Charakter der Schrift

(oben) und der späteren endgültigen Fassung (unten). Man

möglichst getreu beizubehalten, andererseits den Ansprü-

sieht deutlich die Unterschiede: Ursprünglich war die Schrift

chen an Lesbarkeit und Ästhetik bestmöglich zu genügen. Bei

eine echte Monoline, das heißt, die Strichstärke war tatsäch-

der ersten Version, die bereits vor etwas mehr als 10 Jahren

lich gleichbleibend, unabhängig davon ob es sich um einen

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waagerechten oder senkrechten Strich handelte. Nicht nur wirkten die Horizontalen dadurch zu fett, sondern es ergaben sich auch unschöne Rundungen der Binnenformen (siehe e und o). Die größte Veränderung erfuhr der Buchstabe a, der, obwohl zunächst reizvoll, im Grunde nicht zu den restlichen Zeichen passte. Der untere Bogen des g wurde außerdem leicht

formen optisch eigentlich stärker sind, entschied sich Übele

verlängert, weil die Verwechslungsgefahr mit einem q zu groß

für die Außenkontur, da dies für den sehr feinen Schriftschnitt

erschien.

überzeugender erschien.

Es gibt normalerweise zwei gängige Arten, wie eine Rundung

Helsinki Regular entspricht der Schrift der finnischen

in eine Senkrechte übergeht: ein runder, fließender Übergang

Verkehrsschilder. Da dieser jedoch für Fließtexte zu fett ist,

oder ein hartes Aufeinandertreffen, so dass sich eine Ecke

wurden noch zwei leichtere Versionen (Book und Light)

ergibt. Außen- und Innenlinie harmonieren dabei gewöhn-

hinzugefügt. Außerdem kamen noch zwei fettere Versionen

lich. Bei manchen Zeichen der finnischen Verkehrsschilder

(Bold und Black) dazu. Die geometrisch-konstruierten Formen

schien Übele dieser Übergang zu unentschlossen (beispiels-

erschienen Übele besonders geeignet, sehr extreme Versionen

weise beim r). Bei der Helsinki versuchte er deshalb, dieses

auszuprobieren. So entstanden dann noch eine Hairline und

Detail zu übertreiben und die Außenlinie bewusst unter-

eine ultrafette Version. Diese Schnitte sind natürlich nur im

schiedlich zur Innenlinie verlaufen zu lassen.

Displaybereich sinnvoll einsetzbar, machten Übele aber in der

Das erkennt man zum Beispiel beim n: Die Binnenform geht

Gestaltung besonders viel Spaß.

gerundet in den senkrechten Schaft über, die Außenlinien

Die Strichzunahme in den einzelnen Schnitten erfolgt größ-

hingegen nicht. Dieses Prinzip ist natürlich bei fetten Schnit-

tenteils nach innen. Damit wirken natürlich fette Schnitte

ten einfacher durchzuhalten als bei feinen, bei denen sich

schmaler als feine, da sich der Weißraum radikal verkleinert.

Fläche immer mehr verliert und der Buchstabe zur Linie wird.

Bei einer Buchschrift wäre eine solche Handhabung der Fet-

Bei der Hairline musste dann eine Entscheidung getroffen

tenbildung sicherlich störend, bei einer konstruierten Schrift

werden: rund oder hart in einem Winkel. Obwohl die Binnen-

wie der Helsinki ist sie durchaus sinnvoll.

Weitere Informationen unter www.ludwiguebele.de

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Helsinki Hairline Helsinki Light Helsinki Book Helsinki Regular Helsinki Bold Helsinki Black Helsinki Fat

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Die Schriften der Motor City buchvorstellung

die grafikdesigner franziska jähnke, dörte wächter und ralf herrmann verbrachten einige monate in detroit und verarbeiteten ihre eindrücke in einer schriftfamilie und einem aufwändig gestalteten schriftmusterbuch

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Detroit wurde 1701 von Antoine de la Mothe Cadillac als „Ville d’Etroit“ (Stadt an der Meerenge) gegründet. Anfang des 20. Jahrhunderts wird Detroit zum Geburtsort und Zentrum der amerikanischen Automobilindustrie. Die „Big Three“ – Ford, General Motors und Chrysler – schaffen die Autostadt schlechthin. Lange prahlt Detroit mit einem Wirtschaftswachstum sondergleichen. Während der 1920er-Jahre entsteht ein Hochhaus nach dem anderen; riesige Warenhäuser und Kinopaläste säumen die Straßen. 1930 ist Detroit die viertgrößte Stadt der USA. Der Reichtum der Stadt spiegelt sich auch im Design der Detroiter Automobile wider. Nie waren sie größer und prunkvoller als in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Mit den Automobilen wachsen auch die obligatorischen Chrom-Schriftzüge an Cadillac und Co. immer weiter in die Breite und so entwickelt die Automobilindustrie nebenbei auch eine völlig eigenständige Form der Schriftgestaltung. Denn da die schweren Embleme nach wie vor aus einem zusammenhängenden Stück Metall gefertigt werden, müssen die Buchstaben auf der Grundline beziehungsweise x-Höhe mit einer stabilen Verbindung versehen werden. Die „Streamline-Schriften“ sind geboren und entwickeln sich rasch zu einem repräsentativen Designelement der Zeit, das sich später auch auf anderen Produkten wiederfindet, etwa auf Plattenspielern, Staubsaugern und Kühlschränken. Doch auf den raschen Aufstieg der Stadt folgt ein ebenso dramatischer Abstieg. In den 1960er Jahren kommt es durch steigende Arbeitslosigkeit zu schweren Rassenunruhen, die schließlich dazu führen, dass sich der überwiegende Teil der weißen Bevölkerung aus der Stadt in die Vororte flüchtet. Als später auch die Automobilhersteller ihre Fabriken in die Vororte verlegen, verkommt die Innenstadt Detroit fast zu einer Geisterstadt, die nur noch durch Amerikas höchste Mordrate und die jährliche Devil’s Night Schlagzeilen macht, wenn in der Nacht vor Halloween Hunderte von Häusern in der Innenstadt in Brand gesetzt werden.

Ford Motor Co Chrysler Eight

8 Mile Road American Diner

C_a_d_i_l_l_a_c_ The all-new Studebaker

Assembly Line

Die Grafikdesigner Franziska Jähnke, Dörte Wächter und Ralf Herrmann verbrachten einige Monate in der Innenstadt von Detroit und erkundeten die noch immer allgegenwärtigen Relikte der Detroiter Glanzzeit. Die verlassenen Fabriken der berühmten Automobilhersteller stehen noch immer – es fehlt schlicht das Geld sie abzureißen oder anderweitig zu nutzen. Auch die alten Autos gehören noch immer zum Straßenbild. Sie werden so lange gefahren, bis sie buchstäblich auseinanderfallen. Die Detroiter nennen solche Schrottkarren liebevoll „Hooptie“. Wenn sie dann doch den Geist aufgeben, werden sie einfach am Straßenrand stehen gelassen und rosten dort über Jahrzehnte vor sich hin. Der ausgefallene Stil der Chromschriftzüge an den Detroiter Autos der 1930er bis 1940er Jahre erweckte sofort das Interesse von Ralf Herrmann, der basierend auf diesem Stil eine Serie von Fonts entwickelt. Doch Detroit und seine Geschichte hinterließen auf die drei Designer einen so nachhaltigen Eindruck, dass man die Schriften nicht einfach nur einzeln in digitaler Form herausbringen wollte. Stattdessen entstand von Anfang an die Idee, die Schriften zusammen mit einem Buch herauszubringen, das die eindrucksvolle Geschichte der Stadt als Wiege der Automobilindustrie schildert. Das Buch fungiert dabei als Schriftmuster, geht hierbei aber völlig neue Wege. Zum vielleicht ersten Mal ist das Schriftmuster kein nachgeschobener Verkaufsprospekt. Schriften und Schriftmuster sind gleichwertige, miteinander verbundene Teile einer Arbeit, die sich gegenseitig befruchten. Das Buch setzt damit ein Zeichen gegen die üblichen Schriftmuster und ihre oft nichtssagenden Blindtexte, Werbefloskeln und endlosen Zeichenbelegungsdarstellungen. Stattdessen schildert das Buch auf über 100 Seiten die Geschichte des Automobils und der Stadt Detroit, welche die Schriftentstehung unmittelbar inspiriert haben. Es erzählt Anekdoten, die sich um die ersten „pferdelosen Kutschen“, um Geschichte schreibende Brandstifter und verrückt-geniale Ingenieure ranken. Die Schriftfamilie wird im Buch als Display-Schrift und prägendes Gestaltungselement eingesetzt. Auf diese Weise kann sich der Schriftnutzer von den unterschiedlichen Anwendungsgebieten der Schriften überzeugen. Buch und Schriften sind momentan allerdings noch nicht erhältlich. Die Autoren suchen noch Partner zur Realisierung dieses Projektes. Weitere Informationen finden sich auf der Homepage http://www.hooptie.de

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Ai Ad As of oa ol fv fa fr Hi Ha Hu

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Schriften dieser Art waren mit den herkömmlichen Fontformaten PostScript Type1 und TrueType nicht zufriedenstellend umsetzbar, da praktisch jeder Buchstabe mit den jeweiligen Nachbarbuchstaben legiert werden muss. Mit der OpenType-Technologie war es hier erstmals möglich, einen Streamline-Font zu erstellen, der durch OpenType-Klassen, Alternativzeichen und kontextbedingte Ersetzungen vollautomatisch für jede beliebige Buchstabenkombination die passende Verbindung erzeugt.

and shame_ Nachfolgendes Beispiel zeigt den Einsatz einmal ohne (oben) und einmal mit (unten) automatischen OpenType-Features.

Cobo Hall Detroit Cobo Hall Detroit

my_ pain__ @ A B C D E F � G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Ä Å Ç É Ñ Ö Ü À Ã Õ Œ Æ Ø Ÿ Â Ê Á Ë È Í Î Ï Ì Ó Ô Ò Ú Û Ù ! # $ % & () * + , -. / 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 : ; < = > ? [\ ] ^ _ ` a b � c d e f g h i j k l m n o � p q r s � t u v � w � x y z {|} ~ á à â ä ã å ç é è ê ë í ì î ï ñ ó � ò � ô � ö � õ � ú ù û ü † ‡ ° ¢ £ § • ¶ ß ® © ™ ´ ¨ ± ¥ µ ª º æ ø � ¿ ¡ ¬ ƒ “„ … œ – — “” ‘’ ÷ ÿ € ‹› fi fl tt ff or Th ll· ‚„‰ ı ˆ ˜ ¯ ˘ ˙ ˚ ¸ ˝ ˛ ˇ ¼ ½ ¾

Iwan Reschniev schriftvorstellung

jan tschicholds „leicht und schnell konstruierbare schrift“ aus dem Jahr 1930 in einer überarbeitung von sebastian nagel

August 2007 im Forum von Typografie.info: F l o r i a n G zeigt die Titelseite von Christopher Burkes Buches „Jan Tschichold and New Typography“ und stellt eine kleine Quizfrage: „Welche Schrift wird auf dem Umschlag verwendet?“. Die Frage bleibt unbeantwortet. N o r b e r t R i e d i aus Graubünden lässt das keine Ruhe und bietet eine Bündner Nusstorte als Kopfgeld. Es stellt sich heraus, dass es sich um Tschicholds Entwurf einer „leicht und schnell konstruierbaren Schrift“ handelt. S c h m o r k o h l zeigt ein winziges Bildchen, F l o r i a n G bestätigt. Nusstorten gehen raus, mit dem Wermutstropfen, dass es die Schrift nicht digital gibt. S e b a s t i a n N a g e l fragt: „Soll ich mal machen?“ und macht dann, anhand der kleinen Vorlage und ein paar wenigen Informationen, mit viel Interpretation und möglichst wenig Fantasie. Dafür wird ihm von N o r b e r t R i e d i eine Nusstorte versprochen und nach einer ersten Testversion auch prompt gebacken und geliefert. Ein Genuss.

jan iwan nagelneu Zusätzlich motiviert, entstehen weitere Strichstärken und Erweiterungen des Zeichensatzes. Tschicholds Entwurf soll nicht verfälscht, aber in einigen Details (zum Beispiel den Satzzeichen) praxistauglicher gemacht werden. Zusätzlich gibt es einen „Authentizitätsmodus“ für Puristen. Ein Name wird gesucht. „Tschichold“ ist zu groß für die Schrift. „Nagel“ wäre vereinnahmend. Der Entwurf stammt aus Jan Tschicholds Phase der Neuen Typografie; sein Kampfname zu dieser Zeit: Iwan. Nun noch die Neugestaltung einbringen ... Der Bündner Tortenbäcker N o r b e r t R i e d i schlägt „Nagelneu“ vor – übersetzt ins Rätoromanische: „Reschniev“. Das passt zu „Iwan“ und zur Schrift. Der Name ist gefunden: „Iwan Reschniev“.

Jan Tschichold stellt im „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel“ (9. August 1930) eine Schrift vor, die „ohne Vorkenntnisse von jedermann herstellbar“ sei.

„Man zeichnet auf farbiges Papier oder Karton ein Netz aus Quadraten und trägt darauf die Buchstaben nach der Vorlage ein. (Man benützt zweckmäßig die Rückseite des Papiers und zeichnet die Buchstaben spiegelverkehrt. Damit spart man die Beseitigung der Hilfslinien.) Dann ausschneiden und rhythmisch montieren. (Gleichmaß der Wörter entsteht nicht durch gleiche lineare Distanz der Buchstaben: in dem Worte SIRIUS z.B. müßten SI und US dichter zusammenstehen. Auch erlaubte die Netzeinteilung keine rhythmische Ordnung der ABC-Folgen.) Kleinbuchstaben sind besser zu lesen und schneller herzustellen, daher den Großbuchstaben vorzuziehen.“

sebastian nagel über den Entstehungsprozess Dem Original folgend Grundsätzlich wollte ich vorerst eine weitestgehend am Original orientierte Digitalisierung vornehmen, dabei aber undogmatisch, sondern praktisch vorgehen. Ich scheute mich nicht davor – Tschichold in Ehren –, Details zu verändern und Entscheidungen zu treffen, die die Schrift für heutige Anwen-

dieser Einheit gewählt. Die Abstände zwischen den Zeichen

dung nützlicher machen würden, auch wenn dadurch kein

betragen in der Regel ebenfalls eine Rastereinheit von 100 em.

absolut exaktes Abbild der Originalschrift entstehen würde. Tschicholds Schrift war in ihrer Grundüberlegung schon ein

Optische Feinabstimmung

Kompromiss, der Limitierungen unterworfen war – möglichst

Natürlich wurde nach der Erstellung der Zeichen schnell klar,

einfache Erstellbarkeit, auch vom Laien, bei annehmbarem

dass optische Korrekturen notwendig waren. Die waagerech-

Ergebnis. Da die einfache Erstellbarkeit für den Anwender

ten Linien wirkten zu dick, sie wurden dezent verdünnt, um

in einer digitalen Version ohnehin hinfällig war, konnte das

optische Gleichmäßigkeit zu erreichen.

Ergebnis durchaus noch eine Spur annehmbarer gemacht

Da Tschichold in seinem Text zur Schrift von einer feinen Aus-

werden – unter dem Grundsatz, den Gesamteindruck dabei

balancierung der Abstände sprach, war klar, dass es ihm nicht

nicht zu verändern.

darum ging, einen möglichst gleichmäßigen Raster über eine Seite zu ziehen, und die Buchstaben dann danach zwanghaft

Der Grundraster

anzuordnen. Vielmehr war der Raster nur zur Konstruktion

Ausgangslage war zu Beginn der Arbeit tatsächlich nur ein

der Formen entwickelt worden, die Anordnung der Buchsta-

unheimlich kleines Pixelbild im Typografie.info TypoForum.

ben zueinander sollte dann optischen Kriterien genügen.

Ich musste also von Beginn an mehr „mit Tschichold denken“

Schrägen Linien wurde es deshalb „erlaubt“, den ihnen im

als abzeichnen, denn viel an verwertbaren Maßen gab die

Rastersystem zugewiesenen Platz eine Spur weit zu über-

Vorlage nicht her.

schreiten - die betroffenen Zeichen wirken so nicht schmaler

Mein Denkansatz: Tschichold wollte eine schnell konstru-

als ihre „geraden“ Gegenstücke. Auch für „besondere Fälle“

ierbare, selbst produzierbare Schrift. Er hätte also einen

wie das c, r und s wurden Abweichungen aus dem Raster tole-

möglichst einfachen Raster gewählt, der grundsätzlich keine

riert, um ihren Verbund in der Gesamtzeile besser zu gewähr-

komplizierteren Verhältnisse zwischen Strichen und Bin-

leisten. Die Waagerechten des c sind z.B. eine Spur länger

nenformen zuließ. Dies war natürlich in der Vorlage auch

als im Raster vorgeschrieben, um den großen Weißraum im

erkennbar: Die normal-breiten Minuskeln wie „n“ haben

Inneren des Zeichens auszugleichen. Die zusätzliche oder

ein Breite-Höhe-Verhältnis von 3:5, normal-breite Versalien

verminderte Breite der Zeichenform wurde durch entspre-

besitzen ein Verhältnis von 3:7. Die vertikalen Striche nehmen

chende Korrektur in der Vor- bzw. Nachbreite des Zeichens

dabei zusammen zwei Rastereinheiten in Anspruch, die Bin-

abgefangen, sodass im Gesamteindruck weiterhin eine relativ

nenformen eine. Vertikal lassen sich bei 5 Einheiten sowohl

regelmäßige Texturierung – basierend auf den Bruchteilen der

doppelstöckige als auch einstöckige Minuskeln ohne Kom-

100 em-Einheiten – erhalten blieb.

promisse zeichnen – Tschichold hatte das schlicht einfachst-

Der später gefunde Abdruck des Original-Alphabets bestä-

mögliche Raster gewählt.

tigte in weiten Teilen meine Überlegungen. In einigen Details

Für eine Rastereinheit wurden 100em-Einheiten definiert -

waren zwar Abweichungen erkennbar – in Hinblick auf die

das Grundmaß für alle weiteren Entscheidungen von Buchsta-

Erstellung einer gut verwendbaren Schrift wurden die Unter-

benbreiten bis hin zur Zurichtung. Maße wurden immer nur

schiede zum Original aber teilweise hingenommen, so zum

in Vielfachen oder einfachen Bruchteilen (25, 50 und 75 em)

Beispiel das s, das im Originalentwurf überaus breit wirkt,

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weil es strikt dem Raster folgt. In der digitalen Überarbeitung

Der Grundraster der Originalschrift ist so nicht weiter aufrecht

reiht es sich optisch besser in die anderen Buchstaben ein.

zu erhalten – dies hätte entweder eine extreme Lichtung des Schriftbildes – bei Beibehaltung des Grundrasters des Origi-

Zeichensatz

nals –, oder eine extreme Komprimierung der Formen – bei

Tschichold hatte in seinem Muster nur die grundlegenden

Anpassung des Grundrasters auf die veränderte Strichbreite

Zeichnen A–Z, a–z, 0–9, und wenige Satzzeichen und –

– zur Folge gehabt. Als Lösung nimmt die Zeichenbreite und

augenscheinlich sehr unpassende – Diakritika erstellt.

Zurichtung entsprechend der Verringerung der senkrechten

Der Zeichensatz wurde vorerst auf das Mindestmaß Latin-1

Strichstärken mit ab. Der grundlegende Raster der Original-

erweitert, um den Font in westeuropäischen Sprachen prob-

schrift ist so zwar nicht mehr haltbar, die Schnitte wirken im

abc123 âbç ſẞẞ ſl fb „:! links: Feinanpassungen: horizontale Striche sind dünner als vertikale, die Breiten spezieller Zeichen wie „s“ „c“ und „T“ sind optisch angepasst. oben: Erweiterung des Zeichensatzes um Kapitälchen, diakritische Zeichen, langes s, Versal-ß und kontextabhängige bzw. stilistische Varianten.

lemlos einsetzen zu können. Die kaum brauchbaren Diakritika

Gegenzug aber optisch gleich breit und das Schriftbild ähnlich

Tschicholds wurden im Zuge dessen überarbeitet. Der Font

dicht.

wurde auch mit einem Versal-ß für Versalien und Kapitälchen

Die Rundungen, die in der Black ihr logisches Maximum

ausgestattet.

erreicht haben, indem die innenliegende Seite der Rundung

Zusätzlich wurden Kapitälchen mit entsprechenden Ziffern

zum Punkt reduziert ist, weitet sich mit leichter werdender

und Satzzeichen entworfen, um die typografischen Diffe-

Strichstärke immer weiter aus, während sie außen den Radius

renzierungsmöglichkeiten zu erweitern. Kontextsensitive

der Originalschrift erhalten. Dadurch bleibt der Gesamt­

Varianten für f und ſ mit verkürzten Schweifen in Abhängigkeit

charakter gewahrt.

zum Folgezeichen ermöglichten eine weitere Optimierung des

Die 7 entstandenen Schnitte erlauben eine feine typografische

regelmäßigen Gesamteindrucks.

Abstimmung auf andere Gestaltungselemente und machen die

Da der regelmäßige Rhythmus auch unter den Originalformen

Schrift so flexibler im Einsatz als ein einzelner Schnitt.

der Anführungszeichen, Komma und Rufezeichen litt, wurden diese standardmäßig durch überarbeitete Formen ersetzt – neben den überarbeiteten Diakritika die augenscheinlichste Änderung des Original-Entwurfs. Um Tschichold nicht unrecht zu tun, sind die Originalformen als Alternativzeichen ebenfalls verwendbar. Alle diese Eigenschaften sind als Opentype-Feature bequem aktivierbar.

Die Strichstärken Ausgehend vom Originalentwurf (entspricht in der Digitalisierung der „Black“) habe ich insgesamt sechs leichtere Schnitte der Schrift erstellt. Während der grundlegende Aufbau der Zeichen identisch bleibt, verändern sich die Strichstärken und auch die Zurichtung in definierten Schritten. | 40 |

Die Iwan Reschniev kann als Basispaket (4 Schnitte) oder Komplettpaket (7 Schnitte) als Download oder auf CD-ROM lizenziert werden. Weitere Informationen unter www.fonts.info

ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ ÄÅÆÁÀÂÃÇËÉÈÊÐÏÍÌÎŁÑÖŒØÓÒÔÕŠẞÞÜÚÙÛŸÝŽ 1234567890 abcdefghijklmnopqrstuvwxyz äåæáàâãçëéèêðïıíìîłñöœøóòôõšþüúùûÿýž 1234567890 ¡! ¿? () {} [] |¦/\ abcdefghijklmnopqrstuvwxyz äåæáàâãçëéèêðïıíìîłñöœøóòôõšßſþüúùûÿýž fi fl   ›‹ „“ ‚‘’„“”‚‘’„“” .,,;: … ¿? ¡! ¡! ·•-–—_ () {} [] |¦/\ °‘“$¢ƒ£¥€¤µ@&#§™®ºª*©†‡¶ =±×−÷+¬<>~^ ¹²³ ⁄ ½ ¼ ¾ % ‰ ¨ˇˆ`´˚˝˙˜˘¸˛

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Die Neuinterpretation der Typoart Liberta schriftvorstellung

friedrich althausen („grafikfritze“) hat sich bislang vor allem durch seine kostenlose brotschrift „vollkorn“ einen namen gemacht. für den „knabe verlag weimar“ hat er 2008 die typoart liberta neu aufgearbeitet und ausgebaut. In der ehemaligen DDR kannte sie fast jeder:

digitalen Satz erfordert viele schwierige

die Bücher aus Knabes Jugendbücherei mit

Entscheidungen, doch eröffnet sie gleichzei-

dem markanten Leineneinband und den

tig einen großen Gestaltungsspielraum. Die

liebevollen Federzeichnungen. Der „Gebrü-

Liberta wurde von Herbert Thannhaeuser

der Knabe Verlag“ verlegte die beliebten

entworfen und Ende der 1950er-Jahre vom

Abenteuer­erzählungen, Feriengeschichten,

VEB Typoart Dresden veröffentlicht. Thann-

Sagen und Märchen von 1945 bis Anfang

haeuser, 1898 in Berlin geboren, beschäf‌tigte

der 1980er-Jahre. Die Bücher kosteten in

sich von 1925 bis zu seinem Tod im Jahr 1963

der Regel unter vier DDR-Mark und wurden

mit Schriften und war als künstlerischer

größtenteils unter dem Ladentisch gehandelt,

Berater oder Leiter verschiedener Drucke-

da die Auf‌lagen – unter anderem wegen aku-

reien tätig. Nach der Zusammenfassung

ten Papiermangels – in der Regel sehr klein

mehrerer sächsischer Schriftgießereien zum

waren.

Volkseigenen Betrieb Typoart war Thannhaeuser seit 1951

Für den 2006 neu gegründeten „Knabe Verlag Weimar“ über-

dessen künstlerischer Leiter. Er zeichnete rund 20 Schriften

nahm Friedrich Althausen im Rahmen seiner Diplomarbeit an

in insgesamt über 40 Schnitten, sowohl gebrochene wie Anti-

der Bauhaus-Universität Weimar die Neugestaltung der Kin-

qua-Schriften, sowohl Auszeichnungs- wie auch Leseschriften.

der- und Jugendbuchreihe. Neben der grafischen Gestaltung

Zur Vorlage der Liberta dienten ihm eigene Zeichnungen

arbeite Althausen auch die häufig in den Büchern eingesetzte

einer „Europa“ genannten Schrift aus der Zeit vor dem zwei-

Schrift Liberta neu auf.

ten Weltkrieg. Die Liberta war Thannhaeusers umfangreichste

Die Übertragung einer Schrift vom Bleisatz in den heutigen

Antiqua-Schriftfamilie.

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Die Liberta ist eine freundliche und gleichsam seriöse

Die vorliegende Interpretation der Liberta vereinigt mit

Antiqua. Durch ihre weiten, runden, beinahe „pummeligen“

dem Erhalt des Alten und der Betonung des Neuen schein-

Bögen und Formen strahlt sie eine wohlige, naive, liebliche,

bar gegensätzliche Ziele. Sie wurde zeitgemäß ins Heute

für heutige Sehgewohnheiten fast lustige Atmosphäre aus. Aus

übertragen, ist vorbereitet für den Gebrauch in vielfältigen

dem Schriftbild heben sich die kugeligen Punzen von b d p q

Anwendungen und ist für seriöse Gestaltung auch ohne

o g hervor. Dadurch wirkt sie sehr offen, obwohl Schriften mit

Retro-Geschmack geeignet. Das zeigt sich am gut ausgebauten

runden, großen Binnenformen oft relativ geschlossene Bögen

Zeichenvorrat, den sechs Strichstärken von leicht bis extrafett,

bilden. Wie bei älteren Antiquaschriften unterstützt außerdem

mehreren Ziffernsätzen und Kapitälchen – jeweils in aufrech-

die geneigte Kontrastachse diese offene Ausstrahlung. Die

ten und kursiven Schnitten. Erneuert wurde die Liberta auch

Liberta besitzt einen deutlich erkennbaren Strichstärkenkont-

durch die Herausbildung scharfer Ecken, die Thannhaeuser

rast, der nicht zu stark und damit zerbrechlich wirkt, sondern

aufgrund der damaligen Technik nicht umsetzen konnte. Sie

ihr trotz Lieblichkeit eine gesunde Robustheit verleiht. Die

entstehen aus der Konsequenz seiner Formensprache und

konischen, sich von unten nach oben verbreiternden Stämme

sind somit ein logischer Schritt der Aktualisierung.

und die kalligrafischen Fähnchen und Füßchen verleihen der

Die Höhenproportionen sind kompakter als in der Typoart-

Liberta eine moderne und zeitgemäße Anmutung. In diesen

Liberta – durch die Kürzung der Ober- und Unterlängen und

Details greift sie den jüngsten Trends in der Antiquagestaltung

die verringerte Versalhöhe entsteht eine vergrößerte Mittel-

vor. Die Liberta steht einfach und zufrieden, in sich ruhend

länge. So wächst ihre tatsächliche Größe deutlich an und der

und selbstbewusst auf dem Papier.

benötigte Raum für ein relativ gleich großes Wort verringert

Thannhaeusers Liberta wurde für den Satz und Druck mit

sich. „Sie braucht also einen geringeren Zeilenabstand und

beweglichen Bleilettern erdacht, gezeichnet und gegossen.

wird dadurch im Platzverbrauch effektiver.“ Dieser Schritt,

Der erfahrene Schriftgestalter hat die besonderen Anforde-

von den eher zerbrechlichen Proportionen hin zu robusten

rungen an die Schriftherstellung und die Drucktechnik seiner

und knackigen, entspricht der Entwicklung der Formen durch

Zeit bei seinem Entwurf bedacht. Blei ist ein Werkstoff, der

die vergangenen Jahrzehnte, die wir als angenehm und aus-

sich durch die Benutzung, also den Druck abnutzt. Außerdem

gewogen empfinden.

wird beim Hochdruck immer ein Teil der abgedruckten Farbe

Einige Buchstabenformen sind für den heutigen Gebrauch

an den Seiten des Buchstabens herausgequetscht. Diese zwei

angepasst. Besonders betrifft es das ß, das komplett neu

Aspekte verursachen das weich und abgerundet erscheinende

gezeichnet wurde. Die reizvolle, aus Lang-s und z zusammen-

Druckbild von Bleibuchstaben. Besonders in kleinen Schrift-

gesetzte Form lehnt sich augenscheinlich an ein typisches

graden kann sich durch das Ausquetschen der Strichkontrast

Fraktur-Eszett an und wird als Alternativ-Zeichen angebo-

fast vollständig erübrigen. Also sind scharfe Ecken sowohl

ten. Es ist auf der Standardposition einem heute üblichen

innen als auch außen an der Form schwer zu realisieren.

Antiqua-Eszett gewichen, dass formal auf Lang-s und Rund-s

Friedrich Althausen sagt dazu: „Die Weichheit des Druckbildes

basiert.

war also zu einem gewissen Maße unvermeidbar und damit nicht Teil des Schriftentwurfes.“ Als Vorlage für die Interpretation nutzte Althausen allein das Werksatz-Druckbild in den Büchern des Knabe-Verlages und keine Schriftmuster der Liberta. Eventuelle Originalskizzen oder -Matrizen Thannhaeusers hätten vielleicht weitere Hin-

Doch grundsätzlich orientiert die neu intepretierte Liberta an

weise auf die Ideen des Schriftentwerfers gegeben, doch sie

der Vorlage von Thannhaeuser und behält deren Atmosphäre

hätten dieser Interpretation auch die Lockerheit und Frische

und die wichtigen Charaktereigenschaften (Naivität, Freund-

genommen. „Ich stellte mir bei der Interpretation immer

lichkeit, Offenheit, Seriosität) bei. Das 20. Jahrhundert als

wieder die Frage: Wie hätte Thannhaeuser entworfen, wenn er

Ursprungszeit der Liberta-Vorlage sollte sichtbar bleiben. Und

die heutige Technik zur Verfügung gehabt hätte?“

so wurde einiges bewusst nicht modernisiert.

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Links: Die Typoart-Liberta im (stark vergrößerten) Lesegrad Mitte: Die Typoart-Liberta im Auszeichnungsgrad lässt Thannhaeusers Idee der Rund-Eckig-Kombination erahnen Rechts: Die Neuinterpretation von Friedrich Althausen

Die Mittellänge ist in der Überarbeitung (rechts) spürbar vergrößert, Versalhöhe und Unterlängen dagegen etwas verkleinert.

6 Strichstärken: extrafett, fett, halbfett, normal, mager, leicht

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Die neue Schrift besitzt bewusst kaum Unterschneidungspaare. Wie im Bleisatz bleiben Zeichenkombinationen wie beispielsweise „Wo“ mit einem relativ großen Abstand unverändert stehen. „Die durch den Digitalsatz möglich gewordenen Unterschneidungsvorgaben wurden von Schriftgestaltern allzu oft unbedacht übertrieben. Bei vielen Zeichen wurde vergessen, dass auch das Fleisch, der Weißraum vor und nach dem Graphem, zum Buchstaben gehört. Ein zu starkes Unterschneiden wirkt tatsächlich wie eine Zeichenkollision, auch wenn sich die schwarzen Flächen noch nicht berühren.“ Tatsächlich sind die Zeichenformen der Liberta zum Beispiel durch steile Diagonalbalken im W so gestaltet, dass die entstehenden weißen Lücken nicht stören. Sie sind ohnehin nur minimal breiter als sie nach einem üblichen Kerning blieben. Die wenigen Ausnahmen von diesem Verzicht auf Unterschneidungen betreffen die Interpunktion, zum Beispiel ausführende Gänsefüßchen nach Punkt oder bei einem Komma nach Apostroph. Ein besonderer, dezenter und eindeutiger Verweis auf den Bleisatz und das 20. Jahrhundert ist das f und sein eingezogener Kopf. Auf Bleikegeln war ein ausladender Kopfbogen immer schwierig zu handhaben. Weder in der Handschriftzeit vor Gutenberg noch in den jüngsten Foto- und Digitalsatzzeiten war diese Einschränkung nötig oder üblich. Doch erspart sie gleichzeitig viele Kollisionsprobleme, so dass Kerning seltener nötig ist und Ligaturen nicht zwingend gebraucht werden. Friedrich Althausens Schrift- und Buchreihenentwurf wurde vom Weimarer Knabe-Verlag angenommen und umgesetzt. Im Thüringer Nussknackermärchen „Knurks hat doch ein Herz“ ist die neue Liberta in ihrer ersten Anwendung in den Buchläden zu sehen. Zum Veröffentlichungsdatum der Schrift sagt Friedrich Althausen: „Noch ist einiges nachzuarbeiten. Dann soll sie so schnell wie möglich in die Freiheit – vielleicht im bald eröffnenden neuen Weimarer Schriftverlag“.

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Weitere Informationen unter: www.grafikfritze.de www.knabe-verlag.de

Dann drück doch mal Propeller, Badewanne,Escape aus dem t ypowiki

wie die computertasten an pc und mac wirklich heissen Der Computer ist heute für jedermann ein alltägliches Werk-

fer. Seinen Ursprung hat dieses Zeichen übrigens in einem

zeug, das sich die meisten Menschen einfach durch Auspro-

schwedischen Symbol für Sehenswürdigkeiten. Auch der Taste

bieren erschließen. Einen „Tastatur-Führerschein“ gibt es

mit dem Symbol ⌥ erging es nicht besser. Hier sahen manche

leider nicht und Software-Handbücher liest ja ohnehin kaum

Anwender doch tatsächlich eine Badewanne oder eine Brat-

jemand. Gegebenenfalls lässt man sich einige Funktionen von

pfanne abgebildet und benennen die Taste entsprechend. Das

Freunden oder Kollegen erklären und übernimmt dann auch

Symbol stellt übrigens die übliche schematische Abbildung

deren Vokabular, darunter auch die Benennung der Com-

einer elektronischen Weiche dar.

putertasten, die mit ihren seltsamen Symbolen und Abkür-

Die falschen Bezeichnungen mögen für Erheiterung sorgen,

zungen zunächst viele vor Rätsel stellen. Deshalb haben sich

wenn man sie durch’s Büro ruft, doch wirklich zu empfehlen

umgangssprachlich viele falsche Bezeichnungen etabliert. Was

sind sie nicht. Sie sind wie lokale Mundart, die nur von einem

könnte etwa das STRG auf einer PC-Tastatur bedeuten? „Das

begrenzten Sprecherkreis verstanden wird. Es empfiehlt sich

muss Englisch sein, oder?“ String, Strong und Strange hört

daher, zumindest die korrekten Bezeichnungen der Betriebs-

man deshalb häufig als Benennung dieser Taste. Aber auch

system-Hersteller zu kennen, oder besser noch: sie konse-

eine deutsche Variante wurde gefunden: Störung! Tatsächlich

quent zu benutzen. Denn wer irgendwann doch einmal Hilfe-

steht STRG für nichts anderes als Steuerung.

Dokumente zu Rate ziehen muss, wird dort zum Beispiel am

Den zahlreichen Symbolen auf der Mac-Tastatur erging es

Mac lediglich die offiziellen Bezeichnung wie Befehl, Wahl und

nicht besser. Hier scheinen der Fantasie keine Grenzen gesetzt

Umschalt finden, die ein Großteil der Mac-Anwender so sel-

zu sein. Die Taste mit dem angebissenen Apfel als „Apfel-

ten benutzen, dass sie Mühe haben, diese Tasten überhaupt

Taste“ zu bennen erscheint noch einigermaßen logisch. Doch

zu finden. Die nebenstehende Übersicht zeigt die offiziellen

das zweite aufgedruckte Zeichen ⌘ lädt zu ausgefallenen

Bezeichnungen für die Mac- und PC-Tastatur und auch einige

Deutungen ein. Manche Nutzer benennen die Taste Propeller,

der gängigen falschen Bezeichnungen.

Blumenkohl, Autobahnkreuz, Kleeblatt oder gar Teppichklop| 48 |

Funktion

Anfang

Zeilenschalter Rückschritt Escape

Seite auf

esc

Tabulatortaste

Feststelltaste

fn

Entf.

Umschalt

⇧ alt

ctrl

alt cmd

ctrl (Steuerungstaste)

cmd

ctrl

Leertaste

Eingabe

Entfernen

Wahl (Alt, Badewanne, Bratpfanne, Weiche)

Ende Seite ab

Befehl (Apfel, Propeller, Blumenkohl, Autobahnkreuz, Kleeblatt, Teppichklopfer)

Einfügetaste Druck Pos1 Eingabetaste

Rollen Bild auf

Rücktaste Escape-Taste

Pause

Esc

Feststelltaste Umschalttaste (Hochstelltaste,Shift)

Rollen

Pause Untbr

Pos1

Bild

Entf

Ende

Bild

Tabulatortaste

⇤ ⇥

Druck S-Abf

Einfg

Enter

Strg

Alt

Steuerungstaste (String, Strong, Strange, Störung)

Alt Gr

Leertaste

Windows-Taste

Alt-Taste

AltGr-Taste (steht ursprünglich für „Alternate Graphic“; falsche Bezeichnungen: Alt Grau, Alt Groß, Alternate German, Alternate Group, Altgriechisch)

NumLockTaste

Num

Strg

Entertaste

Entfernen Ende Bild ab

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New Vintage Type buchtipp

retro ist wieder in – auch in der typografie. in ihrem buch tragen steve heller und gail anderson typografische gestaltungen und schriftarten zusammen, die sich an vergangene design-epochen anlehnen.

Im deutschsprachigen Raum ist Steve Heller vor allem durch seine fundierten

Fakten zum Buch

designhistorischen Vorträge auf der

Englische Ausgabe: Titel: New Vintage Type Classic Fonts for the Digital Age Hardcover, 176 Seiten Verlag: Watson-Guptill ISBN-10: 0823099598 ISBN-13: 978-0823099597

Typo Berlin bekannt geworden. Er arbeitet seit über 33 Jahren als Art-Direktor bei der New York Times und wirkte an über 100 Design-Büchern mit. In „New Vintage Type“ trug er mit Gail Anderson aktuelle Schriften, Anzeigen-, Buch- und Magazingestaltungen aus aller Welt zusammen, die sich stilistisch an vergangene Design-Epochen anlehnen. Die über 400 Beispiele gliedern sich in die Bereiche Viktorianisches Zeitalter, Holzbuchstaben-Ära, Art Déco, Modernismus und „exzentrisch“. Jedes der Kapitel wird von einer designhistorischen Einleitung zur jeweiligen Epoche begleitet. Zu jedem Beispiel gibt es eine kurze Beschreibung sowie die Angaben zu Designagentur, Designer(n), Kunde und verwendeten Schriftarten. Das Buch bietet sich als umfassende Inspirationsquelle für Retro-Typografie an. Aus europäischer Sicht fällt allerdings deutlich auf, dass der überwiegende Teil der Arbeiten aus dem amerikanischen Raum stammt und somit ein amerikanischer Designstil in allen Bereichen etwas überpräsent dargestellt wird. Europäische Designs finden sich nur selten und Arbeiten von Designern außerhalb des west­ lichen Kulturkreises fehlen gänzlich. Das Buch ist derzeit in einer englischen und einer französischen Fassung erhältlich, beide Versionen können zum Beispiel über Amazon bezogen werden.

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Französische Ausgabe: Titel: Typographie vintage à l‘ère du numérique Broschiert, 192 Seiten Verlag: Thames & Hudson ISBN-10: 2878112962 ISBN-13: 978-2878112962

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Ligatursatz in InDesign t y p ot i p p

wie man in indesign mit der suchen-und-ersetzen-funktion sowie dem sonderzeichen „verbindung unterdrücken“ ligaturen in deutschsprachigen texten setzt Mit OpenType-Schriften können Texte heute vollautomatisch

ff-Ligatur. Eine weitere Ausnahme bilden Abkürzungen, die

mit Ligaturen versehen werden. Beim Satz von deutschspra-

auf eine mögliche Ligatur enden. Die Abkürzung Aufl. kann im

chigen Texten stellt sich dabei allerdings das Problem, dass

Gegensatz zu Auf‌lage mit fl-Ligatur gesetzt werden.

hier Ligaturen nicht über Morphemgrenzen hinweggesetzt gesetzt werden, jedoch nicht mit einer fl- oder ffl-Ligatur,

Die InDesign-Funktion „Verbindung unterdrücken“

da der Leser sonst die Morpheme Stoff und Laden nicht gut

Wie man an diesen Regeln sieht, ist es für deutsche Texte

auseinander halten kann und versucht ist, Stof-fladen bezie-

unmöglich, allein die Programmautomatik zum Setzen der

hungsweise Sto-ffladen zu lesen.

Ligaturen zu verwenden. Der Text muss immer nachkorrigiert

werden dürfen. Stoff‌laden kann etwa mit einer ff-Ligatur

werden und falsche Ligaturen müssen gegebenenfalls einzeln

beispiele ohne ligatur

Auflage, höflich, Schilfinsel, Kaufleute, ich kaufte

durch lokale Formatierungen wieder entfernt werden. Dies ist nicht nur zeitaufwändig, sondern auch fehleranfällig, da die lokalen Formatierungen durch Änderungen am Absatz bzw. Absatzformat leicht verloren gehen können. Seit CS3 gibt es eine wenig bekannte Funktion, die es auf einfache

beispiele mit ligatur

Wasserflasche, Sportfischen, Rohstoffe, abflauen, erfinden

Weise ermöglicht, ungewollte Ligaturen sauber und dauerhaft zu entfernen. Es handelt sich dabei um das Sonderzeichen „Verbindung unterdrücken“. Um es einzufügen, setzt man die Text­einfügemarke zwischen die legierten Buchstaben und wählt über das Schrift- bzw. das Kontextmenü den Menü-

Da das f in vielen Antiqua-Schriften so stark über den folgen-

punkt Sonderzeichen einfügen → Andere → Verbindung unterdrü-

den Buchstaben ragt und damit bei der Auflösung der Ligatur

cken. Die Ligatur wird aufgelöst und da dies über fest einge-

eine große Lücke reißen kann, hat sich für Nachsilben mit i

fügtes Sonderzeichen erfolgt, bleibt die Auflösung der Ligatur

(-ig, -ich, -isch) die Ausnahme etabliert, hier auch über die

auch bestehen, wenn der Absatz völlig neu formatiert wird.

Morphemgrenze hinweg eine Ligatur zu setzen. Süffig kann

Um diese Funktion bei längeren Texten anzuwenden, emp-

also mit ffi-Ligatur gesetzt werden. Treff‌lich hingegen nur mit

fiehlt sich die Suchen-und-Ersetzen-Funktion von InDesign.

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So geht’s

dieser Ligatur zu finden. Entscheiden Sie, ob die Ligatur an dieser Stelle korrekt ist. Wenn nicht, klicken Sie auf

1. Überprüfen Sie zunächst, welche Ligaturen in der jeweiligen Schriftart durch die Automatik standardmäßig ersetzt

Ändern. Anderenfalls setzen Sie die Suche durch Klick auf den Button Weitersuchen fort.

wurden. Dazu öffnen Sie über Fenster → Schrift und Tabel-

Wenn das Dokument komplett durchsucht wurde, wiederho-

len → Glyphen die Glyphenpalette und wählen Sie dort

len Sie die Prozedur ab Punkt 3 mit den anderen benutzten

unter Einblenden den Bereich Standardligaturen. Alle hier

Ligaturen.

gezeigten Ligaturen müssen nun einzeln auf Ligaturen über Morphemgrenzen hinweg überprüft werden.

tipp Um Ligaturen und andere ersetzte Zeichen auch visuell schnell finden zu können, kann in den Voreinstellungen von InDesign unter Satz → Markieren der Punkt Ersetzte Glyphen ausgewählt werden. Die Ligaturen werden dann farbig hinterlegt, solange man nicht im Vorschau-Modus ist.

2. Öffnen Sie den Suchen-und-Ersetzen-Dialog über Bearbeiten → Suchen und Ersetzen. 3. Geben Sie die eine Buchstabenverbindung, zum Beispiel fi, in Suchen nach ein. Geben Sie in das Feld Ändern in die gleichen Buchstaben ein, aber fügen Sie dazwischen ^j ein – dies ist die aufgelöste Schreibweise für das Sonderzeichen „Verbindung unterdrücken“. Klicken Sie anschließend auf den Suchen-Button, um das erste Vorkommen

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Impressum Redaktion Ralf Herrmann, Weimar www.typografie.info

Layout Robert M. Schöne, Pirna www.schoene-schoene.de

Fundsachen-Illustration Laura Serra, Berlin www.laureola.de

Lektorat Jörg Roßbach, Jena www.seite7.de

Eingesetzte Schriften Überschriften: Helsinki Hairline von Ludwig Übele www.ludwiguebele.de Sonstige Texte: Graublau Sans Pro von Georg Seifert www.fonts.info

Anschrift TypoJournal c/o Seite7-Webagentur JenTower Leutragraben 1 07743 Jena Telefon: 0700 – 93 27 38 36 E-Mail: typojournal@typografie.info Homepage: http://www.seite7.de | 54 |

Graublau Sans Pro

von Georg Seifert

Fünf Jahre arbeitet Georg Seifert an dieser umfassend ausgebauten Schriftfamilie. Mit ihren 7 Strichstärken und über 1000 Glyphen pro Schnitt eignet sich die Schriftfamilie für alle nur erdenklichen typografischen Aufgaben — ob im Werksatz oder als Displayfont. Den eher neutral gehaltenen aufrechten Schnitten im zeitlosen Design humanistischer Groteskschriften wurde eine charakterstarke Kursive zur Seite gestellt. Das Schriftbild der Kursiven leitet sich noch deutlicher von der Schreibschrift ab, als es bei den meisten heutigen Groteskschriften der Fall ist. Das bewegte Schriftbild der Kursiven hebt sich dadurch hervorragend von den aufrechten Schnitten ab und und behält sich dabei eine ausgezeichnete Lesbarkeit. Für den Einsatz in Schaugrößen sind 6 zusätzliche Display-Schnitte verfügbar. Mit abgerundendeten Ecken und verringerter Lautweite sind diese Schnitte perfekt auf den Einsatz in Überschriften und Wortmarken ausgelegt. Der Zeichenumfang beinhaltet neben den üblichen westeuropäischen Belegungen unter anderem auch griechisch, kyrillisch, CE (Central European) und türkisch. Ebenso umfangreich gestaltet sich der Ziffernausbau: Mediäval- und Versalziffern ( jeweils proportional und für den Tabellensatz), Kapitälchenziffern, Bruchziffern, Ziffern für Hoch- und Tiefstellung sowie Kreisziffern sind verfügbar.


TypoJournal 1