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STILBLÜTEN „Bildung kommt von Bildschirm und nicht von Buch, sonst hieße es ja Buchung.“ (Dieter Hildebrandt)

„Fußballer müssen wieder lernen, dass Qualität von Qual kommt.“ (Berti Vogts)

„Es gab Zeiten, da habe ich vor lauter Druck und Konzentration den Druck nicht mehr gespürt.“ (Oliver Kahn)


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IMPRESSUM: Herausgeber: Stefan Korte (V.i.S.d.P.) AufWerk GmbH Markgrafendamm 24 10245 Berlin Tel. 030/20687665 Fax. 030/20687698 Redaktion: Veronika, Rupert Janeczek, cis, LR, erg, Andrea Schletz, K.B., O_o, Micha Freier Autor: Wolfgang Noack Grafik, Satz und Gestaltung: Monique Illner (illimo) Ola Knaub Stefan Schilling Takafumi Nakabayashi Christopher Schade Der Inhalt dieser Ausgabe unterliegt dem Urheberrecht. Nachdruck, Vervielfältigung, Speicherung, bzw. anderweitige Nutzung von Inhalten bedürfen der schriftlichen Genehmigung des Herausgebers. Alle Angaben sind ohne Gewähr. Bei Verlosungen ist der Rechtsweg ausgeschlossen. Auflage: 1000 Exemplare / Monat Ausgabe: September 2010 Redaktionsschluss: 25. Aug. 2010

An die Redaktion Meine Meinung zu FLUX: FLUX spricht bestimmt sehr viele Jugendliche und Kinder an, da die Themen in der Zeitung sehr angesagt sind und jeder etwas damit anfangen kann. FLUX ist so geschrieben, dass wirklich alle verstehen, was dort geschrieben ist. Die einzige Kritik, die ich habe, ist, dass mir persönlich ein bisschen zu viel Schrift in der Zeitung steht. Aber alles in allem finde ich FLUX sehr interessant. Ich kann sie nur weiter empfehlen. Für alle, die auf dem neuesten Stand bleiben wollen und zusätzlich noch so Kleinigkeiten lernen wollen, ist diese Zeitung ein „Muss“. Antonia, 14 Jahre


Schulunterricht im Kino Die SchulKinoWochen Berlin vom 10. bis 24. November 2010 verwandeln so manche Kinosäle Berlins in Klassenzimmer. Das Lernen mittels Filmen, Gästen und Referenten verspricht ein abwechslungsreiches Angebot für Schüler aller Altersstufen. Thematisiert wird darin insbesondere das Zeitgeschehen, einschließlich sozialer und politischer Gesichtspunkte. Zudem gibt es Filme zu speziellen Themenschwerpunkten wie z.B. „Afrika“, „Anderssein“ und „Diskriminierung“ zu sehen. Die Vorstellungen werden durch Gespräche mit Medienpädagogen, Referenten und Gästen aus dem Filmbereich ergänzt. Ein Kinder- und Jugendfilmmagazin soll das Projekt mit Rezensionen, Reportagen, Interviews und selbst gemachten Kurzfilmen begleiten. Eintritt: für Schüler 3 Euro, Lehrer frei. Außerdem werden für eine Online-Redaktion Schüler gesucht, die bei einem begleitenden Online-Filmmagazin zu den SchulKinoWochen mitmachen wollen. Bewerbungen unter: jaro@dubistgeschichte.de Das Filmprogramm ist speziell auf den Einsatz im Unterricht abgestimmt und nach Fächern, Altersempfehlungen und lehrplanrelevanten Themen gegliedert. Für Lehrer gibt es pädagogische Begleitmaterialien, mit denen die Filme im Unterricht optimal vor- und nachbereitet werden können. Das Angebot ist vielfältig und umfasst Literaturverfilmungen, Animationsfilme sowie Spiel- und Dokumentarfilme.

Weitere Infos sowie Fortbildungsangebote und Kinoseminare für Lehrer unter: http://www.visionkino.de E-Mail: berlin@schulkinowochen.de Postadresse: SchulKinoWochen Berlin, c/o JugendKulturService, Obentrautstraße 55, 10963 Berlin Info-Telefon: 030 / 23 55 62 18 Rupert Janeczek

Eine Kunst für sich Ein Workshop im Jüdischen Museum Berlin (JMB) widmet sich den Gedichten von Nelly Sachs. Können Jugendliche mit den Gedichten von der jüdischen Dichterin Nelly Sachs noch etwas anfangen? Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Workshops beschäftigen sich im Anschluss an eine Führung durch die Sonderausstellung mit ausgewählten Gedichten der Schriftstellerin. Der Symbolik und den Schlüsselwörtern aus den Gedichten nähern sich die Teilnehmer auf ungewöhnliche Art: In einzelne Wörter zerlegte Gedichte werden neu zusammengesetzt und gelesen. Das Gedichts-Puzzle ist ein Spiel mit Sprache, Bedeutungen und Ausdruckskraft der Worte.

Der Workshop eignet sich für Schüler ab der elften Klasse der gymnasialen Oberstufe und dauert nach Ende der Führung zwei Stunden. Termine müsst ihr pro Gruppe vereinbaren. An Kosten fallen für euch pro Person drei Euro an, wobei der Eintritt für das Museum bereits enthalten ist. Rupert Janeczek Kontakt: Jüdisches Museum Berlin, Lindenstr. 9 – 14, 10969 Berlin, Tel.: 030 259 93 305, E-Mail: fuehrungen@jmberlin.de

© DLA Marbach

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Nelly Sachs‘ Poesiealbum »Unser Paradiesgärtlein mit Schwalbengezwitscher«

Nelly Sachs wurde am 10. Dezember 1891 in Berlin-Schöneberg geboren. Sie war eine deutsch-jüdische Schriftstellerin. Erste Gedichte schrieb sie mit 17 Jahren. Im Jahre 1921 erschien mit Unterstützung des Schriftstellers Stefan Zweig ihr erster Gedichtband unter dem Titel „Legenden und Erzählungen“. Im Jahre 1966 wurde ihr der Nobelpreis für Literatur verliehen. Nelly Sachs ist am 12. Mai 1970 in Stockholm, Schweden, gestorben.


Voll krass oder doch ganz brav? – Mädchen in jugendkulturellen Szenen „Krass“, so beschreibt Gabriele Rohmann den Titel ihres Buches „ist eines der vielen Modeworte der ‚heutigen‘ Jugend … Krass ist, wer besondere Fähigkeiten aufzuweisen hat, krass ist aber auch, wer Werte vertritt, die andere strikt ablehnen, zum Beispiel die krassen Töchter in der rechtsextremen Szene. Und Töchter, nun ja, sind sie alle.“ Die verschiedenen Jugendkulturen haben in den letzten Jahrzehnten eine Veränderung des traditionellen Geschlechterverhältnisses in Gang gesetzt. Trotzdem sind die meisten Jugendkulturen immer noch Jungenkulturen. „Männliche Skater, HipHopper, Metaller, Skinheads, Hardcoreler, Punks und DJs scheinen die einzelnen Szenen zu dominieren, geben mehrheitlich Zeitschriften und Fanzines heraus, treten öffentlichkeitswirksamer in Erscheinung und werden mehr beachtet – sowohl von den Jugendlichen als auch von den Medien oder der Forschung.“ Dagegen sind „Mädchen

weniger am Rande der Jugendkulturen als vielmehr viel zu lange zumindest in den Sozialwissenschaften und Medien nur am Rande berücksichtigt worden“ berichtet die Sozialwissenschaftlerin und Herausgeberin dieses Buches Gabriele Rohmann. In „Krasse Töchter“ werden verschiedene jugendkulturelle Szenen in Aufsätzen, Interviews und Insider-Berichten von mehreren Autorinnen und Autoren vorgestellt. Hierbei haben sie die Strategien und Rollenmuster der Mädchen und jungen Frauen in den Kulturen der Rockabillys und Skinheads über die Graffiti-Szene bis hin zum Black und Death Metal erforscht und neueste Erkenntnisse aus der Sozialforschung zusammengetragen. Ein wichtiger Aspekt dabei war, aufzuzeigen, wie aktiv (z.B. als Rapperinnen) oder passiv (z.B. als Rockabellas) sie sind, wie sie die Szene selbst mit gestalten und prägen oder als Vorkämpferinnen eigener, weiblich geprägter Jugendkulturen (z.B. Riot Grrrls/Ladyfeste) auftreten. Im Grunde geht es darum, wie sie sich in einer männlich geprägten Umwelt behaupten. „Provokations- und Protestkulturen wie die Riot Grrrls der 1990er-Jahre verschwanden in der öffentlichen Wahrnehmung schnell hinter der von den Medien konstru-

ierten handzahmen „Girl Power“- oder „Girlie“-Fassade von Casting Bands wie den Spice Girls, TictacToe oder den No Angels“ so Rohmann. Aus der feministischen subkulturellen Bewegung Riot Grrrls sind dann im Jahre 2000 die Ladyfeste entstanden. Bei den jährlich, inzwischen weltweit stattfindenden Veranstaltungen, die von Frauen und Transgendern* organisiert werden, gibt es ein breites Angebot an Workshops, Konzerten, Partys, Lesungen, Filmen, Ausstellungen und Diskussionsveranstaltungen mit feministischen Themen. Allgemeine Aussagen darüber, welche Rollen Mädchen und junge Frauen in den verschiedenen Jugendszenen spielen, sind nicht möglich. Tatsache ist aber, dass sie in den letzten Jahrzehnten aktiver und selbstbewusster geworden sind. „Trotzdem ist das Geschlechterverhältnis in den meisten Jugendkulturen nicht ausgeglichen“, so Rohmann, „medien- und sozialpädagogische Arbeit mit Mädchen kann daran arbeiten. Notwendig ist aber eine gleichermaßen gendersensible** Arbeit mit Jungen. Und die steckt noch in den Kinderschuhen.“ Wer sich einen Überblick über die Vielfalt jugendkultureller Szenen und die Beteiligungsformen der Mädchen und jungen Frauen verschaffen möchte, sollte sich „Krasse Töchter“ genauer ansehen, schon allein der Fotos und Illustrationen wegen Andrea Schletz Gabriele Rohmann: Krasse Töchter. Mädchen in Jugendkulturen. Berlin: Archiv der Jugendkulturen, 2007. 312 Seiten, Infos: www.jugendkulturen.de

Gender: englische Bezeichnung für das soziale Geschlecht (im Gegensatz zum biologischen Geschlecht „sex“). Gender umfasst die unterschiedlichen Rollen, Normen und Verhaltensweisen, die Frauen und Männern in unserer Gesellschaft zugewiesen werden. Sie sind – im Gegensatz zum biologischen Geschlecht – erlernt und nicht angeboren, damit auch veränderbar. *Transgender: So werden Personen oder Handlungen bezeichnet, die von der sozialen Geschlechtsrolle oder Geschlechtsmerkmalen abweichen. **gendersensibel: „Gender-Bewusstsein“ vergl. Genderkompetenz: ist das Wissen um die Auswirkungen der geschlechtsspezifischen Sozialisation auf Verhalten und Einstellungen von Frauen und Männern und die Fähigkeit, so damit umzugehen, dass im jeweiligen Kontext (privat, schulisch, ...) beiden Geschlechtern neue und vielfältige Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet werden. Infos: www.gender.schule.at

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Das entscheidende Jahr 1990

Zum 20. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober zeigt das Deutsche Historische Museum (DHM) in der Ausstellungshalle von I. M. Pei eine Sonderausstellung: „1990 – Der Weg zur Einheit“. FLUX war für euch vor Ort. Im Eingangsbereich sind Bilder vom Mauerfall im Jahre 1989 zu sehen. Fernsehkameras zeigen Menschenmengen, die voller Jubel die offene Grenze passieren und im Freiheitsrausch die Finger zum Victory-Zeichen erheben. Nach dem Sieg folgt im Jahre

Barbara Klemm, Tag der deutschen Vereinigung, Berlin, 3. Oktober 1990, DHM

Wahlplakat der CDU zur Volkskammerwahl, DDR 1990, DHM

1990 die Ernüchterung. Aber was war das eigentlich für eine Zeit, in der sich die Ereignisse überstürzten? Einen umfassenden Überblick darüber bietet die gegenwärtige Ausstellung mit zahlreichen Fotos, Videos, Zeitungsausschnitten, Karikaturen, Objekten, Plakaten und Gemälden. Thematisiert wird der Zerfall der SED-Herrschaft, die Besetzung des Ministeriums für

Staatssicherheit (MfS), die Ausreise von DDR-Bürgern in die Bundesrepublik, der Staatsbankrott und die Treuhandanstalt. Die erste freie Volkskammerwahl am 18. März 1990 sowie die Wirtschaft- und Währungsunion am 1. Juli 1990 gelten als die entscheidenden Wendepunkte und werden besonders gewürdigt. So zeigt z.B. eine kleine Vitrine zwei Banknoten, einen 100 DM-Schein und einen 100 Mark-Schein (DDR) – Relikte aus der Vergangenheit. Parallel zur deutschdeutschen Entwicklung geht es um den Zwei-plus-vier-Vertrag zwischen den beiden deutschen Staaten und den Alliierten, der im September 1990 in Moskau unterzeichnet wurde und

Michael Pladeck, Feier zur Vereinigung am Reichstag, Berlin, 3. Oktober 1990, DHM

letztendlich den Weg für die Wiedervereinigung Deutschlands frei machte. Neben seltenen Exponaten wie dem Originalmanuskript einer Rede Helmut Kohls gibt es in der Ausstellung auch Wunderliches zu bestaunen, etwa ein Deutschlandpuzzle, ein „Bier zum Tag der Deutschen Einheit“ sowie Parteiabzeichen und Mitgliedsbücher. Andrea Schletz

Deutsches Historisches Museum, Hinter dem Gießhaus 3, bis 10. Oktober 2010, täglich 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 5 Euro

Broschüre mit dem Vertrag über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, Bonn, 1990, DHM


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Freundschaften per Mausklick Eine Möglichkeit, das Internet zu nutzen, sind Soziale Netzwerke. SchülerVZ, StudiVZ, Myspace und Facebook gehören zu den populärsten Internetseiten und zählen Millionen Mitglieder. Seit Mitte der 1990er Jahre gibt es digitale Gemeinschaften je nach Interessens- und Lebenslage. Oft bleibt die Privatsphäre dabei auf der Strecke. Freundschaften in sozialen Netzwerken sind für viele kaum noch aus dem Leben wegzudenken. Negative Erfahrungen mit Cyber-Mobbing oder mit Fotos, die ohne Einverständnis publiziert werden, bleiben dabei nicht aus. Viele Anwender sind sich dieser Problematik bei der digitalen Kontaktpflege nicht bewusst. Denn schon beim Anlegen eines Profils – das man braucht, um Kontakt mit anderen aufnehmen zu können – sollte man sich Gedanken machen, welche Daten man von sich preisgibt und welche Gefahren in den Angaben stecken. Vor allem sollte das Benutzerprofil nicht öffentlich eingestellt, sondern der Zugriff beschränkt werden. Sonst könnte es passieren, dass bei einer Bewerbung um eine Ausbildungsstelle oder bei der Suche nach einem passenden Betriebspraktikumsplatz die Partyfotos zum Verhängnis werden. Ein Problem liegt darin, dass die Standardeinstellungen häufig so angelegt sind, dass die Profile für jeden zugänglich sind. Wer das übersieht oder vergisst, die Standardeinstellung zu ändern, muss damit rechnen, dass private Daten und Fotos von jedermann einzusehen sind. Bei den Profileinstellungen kann man auch Suchmaschinenergebnisse ausschließen. Durch digitale Netzwerke hat sich die Form der Kommunikation grundlegend geändert. Zwar ist es ein großer Vorteil, dass die räumliche Distanz keine Einschränkung darstellt, allerdings bedeutet „Soziales Netzwerken“ für den

Nutzer auch ein permanentes Geben und Nehmen. Denn je mehr er über sich und seine Privatshpäre preisgibt, desto leichter finden Gleichgesinnte zu ihm. Nicht selten besteht ein gewisser Gruppenzwang zur Teilnahme. Naturgemäß sind die Netzwerke bestrebt, den Mitmach-Druck hochzuhalten. Längst ist ein regelrechter Wettbewerb um die Freundschaften per Mausklick entstanden. Dabei bedeutet ein großer Freundeskreis nicht zwangsläufig, dass wirklich mehr kommuniziert wird – oft werden nur wenige Kontakte „gepflegt“. Übrigens: Virtuelle Freunde müssen nicht unbedingt virtuell bleiben. Manchmal entstehen in digitalen Netzwerken Freundschaften, die auch in der „realen“ Welt eine Chance haben. Doch auch hier ist Vorsicht geboten! VERONIKA

Tipp: Auf http://www.bmfsfj.de, der Homepage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, in die Such-Funktion „Chatten ohne Risiko“ eingeben, dann erscheint ein Kurzinfo zur gleichnamigen Broschüre, die als PDF heruntergeladen werden kann und viele Hinweise zum sicheren Chatten im Netz enthält.


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Vorsicht, Gefahr im Netz! Spielen, suchen, chatten – für die meisten ist das Internet ein wichtiges Kommunikationsmittel. Fast zwei Drittel der 12- bis 19-jährigen sind unterwegs in Social-Netzwerken wie Facebook oder SchülerVZ. Es besteht aber nach wie vor mangelnder Internet-Schutz, was Datensicherheit und Privatsphäre betrifft. FLUX gibt Tipps, wie ihr euch dennoch vor Gefahren schützen könnt. Gesunder Menschenverstand ist die beste Voraussetzung, Gefahren zu erkennen. Damit du sicher surfen kannst, brauchst du einen installierten, aktuellen und aktiven VirenScanner. Viren sind so genannte Schadprogramme, die darauf ausgerichtet sind, Daten zu sabotieren bzw. diese unrechtmäßig zu verändern, zu löschen oder unbrauchbar zu machen. Es gibt unzählige Varianten von Viren, z.B. Scriptoder Linkviren sowie verschiedene andere Schadprogramme wie Würmer oder Trojaner. Diese Schadprogramme können per E-Mail, beim Chatten, per Download oder einfach beim Surfen im Internet auf einen Computer gelangen.

Hier ein paar wichtige Punkte: das Anti-Viren-Programm sollte immer aktuell und aktiv sein immer mit der aktuellsten Browser-Version surfen; die Browser sollten nach Möglichkeit keine betriebssystemeigenen Browser wie z.B. der Internet-Explorer sein, sondern Browser wie Firefox und andere. Grund ist, dass betriebseigene Browser eng mit dem Betriebssystem verzahnt sind und für Angriffe eine größere Gefahr darstellen. Gilt u.a. auch für E-Mails-Clients (Outlook-Express) und Chat-Programme (Windows Live Messenger) Sicherheitseinstellungen des Browsers nutzen das Betriebssystem regelmäßig aktualisieren, also auf den neuesten Stand bringen (vor allem Sicherheits-Updates) regelmäßig die Kennwörter ändern und diese niemandem weitergeben keine Kennwörter und persönliche Zugangsdaten auf dem PC speichern keine E-Mails öffnen, deren Absender nicht bekannt ist E-Mail-Anhänge und Downloads mit dem Anti-Viren-Programm überprüfen, bevor sie geöffnet werden verschiedene Benutzerkonten anlegen, nicht mit dem Administrator-Konto ins Internet gehen – infizierende Schadprogramme haben andernfalls auch den vollen Zugriff! Es könnten wichtige Daten unbrauchbar oder gelöscht und das System zerstört werden.

Firewalls Eine so genannte Firewall kann im Gegensatz zu Virenschutzprogrammen nicht vor Viren schützen. Denn die Firewall kontrolliert alle Anfragen ins Internet und alle eintreffenden Datenpakete, damit also auch unbefugte Zugriffe aus dem Internet. Eine richtig konfigurierte Firewall sollte in der Lage sein, zu verhindern, dass Betrüger in den Rechner eindringen und dass gegen den Willen des Benutzers Daten vom Rechner ins Internet gelangen. Die Sicherheit einer Firewall hängt unter anderem stark vom Benutzer und seiner Fähigkeit ab, die Firewall an die installierten Anwendungen

anzupassen und Freigaberegeln vorzugeben. Fehlermeldungen sollten in keinem Fall leichtfertig weggeklickt werden, möglicherweise lässt ein unvorsichtiger Benutzer in diesem Moment gerade einen Zugriff eines Crackers zu, den die Firewall gerade unterbinden will.

Was ist beim Chatten zu beachten? gesundes Misstrauen ist angesagt! ausschließlich Nicknamen (Spitznamen) verwenden keine persönlichen Daten, insbesondere keine Adressen, Telefonnummern, Zugangsdaten und Kennwörter angeben im Chat geschriebene Wörter können viele Menschen lesen, also auf den Inhalt achten, denn sie gehen auch nach dem Löschen nicht verloren! Vorsicht beim Versenden von persönlichen Bildern Vorsicht beim Vereinbaren von Treffen! sich mit Funktionen des Chat-Programms vertraut machen, insbesondere „InstantMessenger“-Funktionen, z.B. bei ICQ. Dieses Chatprogramm wird vorzugsweise zum Chatten mit Freunden und Bekannten genutzt; diese können in ein Verzeichnis eingetragen werden und der Nutzer sieht dann, ob diese auch gerade „online“ sind. Fremde können relativ einfach geblockt werden.

Den Chatraum sofort verlassen, wenn: dich jemand erpresst oder bedroht jemand „schweinische“ Wörter benutzt dir jemand größere Geldgeschenke anbietet dir jemand Angebote macht, wie „in einem Film mitspielen“ oder „als Model arbeiten“, an Casting Shows teilnehmen etc. jemand Fotos von dir machen will jemand von dir verlangt, dass du zu niemandem etwas weitersagend darfst sprich im Notfall mit einer Vertrauensperson! Andrea Schletz Weitere Infos: www.klicksafe.de www.internet-abc.de www.jugendschutz.net www.time4teen.de www.ccc.de


Alles für umsonst und keine Konsequenzen?

Der Austausch von Dateien (Musik, Videos, Software) findet bei Jugendlichen großen Anklang und wird eifrig betrieben. An die möglichen Konsequenzen denken die wenigsten. Was illegale Downloads und Tauschbörsen, aber auch Verträge (z.B. Abo-Fallen) im zivil- und strafrechtlichen Sinne bedeuten – darüber gibt uns Rechtsanwalt Christian Scheiding Auskunft. Können bei SchülerVZ oder Facebook Bilder von Freunden veröffentlichen werden? Die Veröffentlichung von Bildern, auf denen sich Freunde befinden, ist immer dann erlaubt, wenn das Einverständnis des Freundes vorliegt. Wenn der Freund noch nicht 18 Jahre alt ist, müssen außerdem die Eltern zustimmen. Soweit man einen Freund oder eine Freundin in einer offensichtlich peinlichen Situation fotografiert (z.B. betrunken auf einer Party), hat derjenige einen Unterlassungsanspruch gegen die Veröffentlichung. Was darf ich dann veröffentlichen oder tauschen? Auf jeden Fall dasjenige nicht, was im geistigen Eigentum von anderen steht. Also beispielsweise Videos und Musikstücke von Künstlern ohne deren Einwilligung. Genauso ist es nicht erlaubt, Grafiken und Zeichnungen von Künstlern ungefragt zu veröffentlichen, z.B. Bilder von der Diddl-Maus oder von GZSZ auf der Homepage einbinden. Kann ich mich auch im Internet strafbar machen? Das Internet ist auch strafrechtlich gesehen kein rechtsfreier Raum. Jeder sollte wissen, dass man sich auch im Internet strafbar machen kann (z.B. Verbreitung von Pornografie oder Propaganda verfassungsfeindlicher Organisationen). Das heißt auch, wenn du im Internet beleidigt oder belästigt wirst, du auch eine Anzeige bei der Polizei machen kannst.

Was kann mir passieren, wenn ich eine Straftat begangen habe? Wenn gegen einen Jugendlichen wegen einer Straftat ermittelt wird, bei der ein Computer benutzt wurde, kann es auch sein, dass der Computer beschlagnahmt werden kann. Gegebenenfalls kann es auch zu einem Strafverfahren kommen. Existieren im Internet andere rechtliche Regelungen als außerhalb des Internets, z.B. was den Abschluss von Verträgen angeht? Nicht wirklich. Grundsätzlich kann man sagen, dass Verträge im Internet genauso zustande kommen wie außerhalb des Internets, also durch Angebot und Annahme. Wenn ich also auf einer Homepage einen Vertrag abschließe, indem ich persönliche Daten eingebe und dann auf „Bestätigen“ oder ein ähnliches Feld klicke, kann ich einen Vertrag abschließen. Allerdings gibt es eine Einschränkung: Bei Verträgen (z.B. auch DownloadVerträgen oder sog. Abo-Verträgen bzw. Abo-Fallen) steht mir, weil ich weder mit dem Verkäufer Kontakt hatte, noch das Produkt ansehen konnte, ein W iderrufsrecht zu. D i e s e s W i d e r r u f s re c h t b e t r ä g t grundsätzlich 14 Tage. Innerhalb dieser Widerrufsfrist kann man quasi den Vertrag rückgängig machen, ohne dass dafür ein Grund vorhanden sein muss. Was passiert, wenn sich ein Jugendlicher bei einer solchen

Abo-Falle oder auch bei einem Klingelton-Anbieter angemeldet hat? Wenn Jugendliche (bis zum 18. Lebensjahr) Verträge abschließen, dann sind diese erst einmal „schwebend unwirksam”, d.h. von ihnen geht keine rechtliche Folge aus. Der Verkäufer hat dann auch keinen Anspruch auf den Kaufpreis. Wirksam werden die Verträge nur, wenn die Eltern zuvor oder nach dem Abschluss des Vertrages dem Jugendlichen den Ver trag genehmigen. Wirksam wird der Vertrag aber auch, wenn der Jugendliche die Leistung mit eigenen, zur freien Verfügung stehenden Mitteln vollständig bewirkt hat (man nennt diese Regelung a u c h Ta s c h e n g e l d p a r a g r a p h ) . Solange der Jugendliche ohne Genehmigung der Eltern gehandelt hat und auch den Kaufpreis nicht voll gezahlt hat, ist der Vertrag also schwebend unwirksam. Die Eltern können den Vertrag kippen; indem sie die Zustimmung ausdrücklich gegenüber dem Verkäufer verweigern. So hat beispielsweise das Amtsgericht Berlin Mitte am 28.07.2008 (Aktenzeichen 12 C 52/08) entschieden, dass ein Jugendlicher ein Klingelton-Abo nicht wirksam abgeschlossen hat. Der Jugendliche bekam das Geld dann zurück. Wenn das Angebot auf einer Betrugsmasche beruht, kann man es zusätzlich wegen arglistiger Täuschung anfechten. Bei den Abo-Fallen sollte man im Zweifel rechtlichen Rat suchen und nicht sofort zahlen. Das kann der

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10 Rechtsanwalt sein oder die Verbraucherzentralen. Auf jeden Fall sollte man sich nicht von den Betreibern von Abo-Fallen sowie den von ihnen engagier ten Inkasso-Büros und Rechtsanwälten unter Druck setzen lassen. Woran erkennt man solche Betrugsseiten? Das lässt sich nicht leicht beantworten. Ich selbst habe festgestellt, dass in Abo-Fallen oft versucht wird, die Jugendlichen mit einem Gewinnspiel dazu zu bewegen, sich anzumelden. Oder dass der Preis oft ganz klein auf der Seite erscheint, die Aufforderung sich anzumelden aber sehr groß. Betrug liegt auch vor, wenn man sich erst anmelden muss, um weitere Infos oder Downloads zu erhalten (z.B. um Vorlagen herunterzuladen). Die Frage von Jugendlichen muss doch sein: Warum brauchen die meine E-Mail bzw. Adresse, damit ich mir etwas kostenlos(!!!) herunterladen kann? Wie kann man sich im Internet allgemein schützen (nicht nur gegen Abo-Fallen)? Ich möchte es mal so formulieren:

Wenn man ein Grundgesetz für das Internet aufstellen will, würde ich folgenden Ratschlag bzw. folgende Regelung formulieren: Artikel 1: Sei aufmerksam! Bevor du etwas anklickst, insbesondere dich irgendwo anmeldest, lies dir unbedingt vorher durch, was du anklickst. Lasse dich nicht von vermeintlichen Gewinnspielen oder Gratis-Angeboten locken. Wenn vorhanden, lies dir auch die allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) durch. Diese findet man oft als Link am Ende einer Seite. Artikel 2: Überlege! Warum braucht jemand, der dir eine vermeintlich kostenlose Leistung (z.B. Tatoovorlagen) zum herunterladen und ausdrucken anbieten will, deine persönlichen Daten, wie Geburtsdatum, Wohnadresse und E-Mail-Adresse? Sicherlich nicht, um dir eine Karte zum Geburtstag zu schicken. Artikel 3: Sei sparsam! Gehe mit deinen Daten sorgfältig um. Du verrätst auch nicht jedem deine Geheimnisse. Daher solltest

du bei sozialen Netzwerken zum einen darauf achten, wem du deine Daten preisgibst, als auch welche Daten du veröffentlichst. Du kannst mit der Einstellung der Privatsphäre verhindern, dass Unbekannte sich dein Profil vollständig ansehen. Es reicht vollkommen aus, wenn deine Freunde und vielleicht noch deren Freunde dein Profil einsehen können. Artikel 4: Sprich mit deinen Eltern! Auch wenn es öde klingt, aber deine Eltern kennen sich mit der medialen Welt auch ein wenig aus. Eine Frage bringt keinen Ärger. Sie können dir dabei helfen, Fallen und Gefahren im Internet zu meiden. Artikel 5: Im Zweifel – Finger weg! Wenn du wirklich nicht weißt, ob ein Angebot seriös ist oder nicht, dann lass es im Zweifel sein. Du wirst es sicher nicht bereuen. Interview: Andrea Schletz Weitere Informationen und Rechtsberatung: Rechtsanwalt Christian Scheiding Markrafendamm 24 10245 Berlin, Tel: 0179-451 35 73

Zwölf Web-Seiten, die die FLUX-Redaktion empfiehlt: 1. Auf www.nicht-lustig.de gibt es Cartoons für alle Lebenslagen, auch zum Versenden. 2. Die Seite www.suchlexikon.de enthält spezielle deutschsprachige Suchmaschinen, Kataloge, Verzeichnisse und Linksammlungen. 3. Die Seite www.blender.org bietet eine kostenlose 3D-Grafik-Software, die zwar nicht ganz so leicht zu bedienen ist, jedoch wahnsinnige Möglichkeiten bietet, wenn man die ersten Hürden erst einmal genommen hat. 4. Auf der kostenfreien Musikseite www.samurai.fm sind DJ-Sets verschiedenster Musikstile aus den Clubs der Welt nachzuhören. 5. Die Seite www.simfy.de ist eine digitale Plattensammlung, auf der man über sechs Millionen Songs anhören kann. 6. Auf www.treiber.de könnt ihr euch kostenlos Treiber und Updates für alle Systeme herunterladen. 7. Auf de.bigpoint.com kann man nahezu alle im Internet verfügbaren Browser-Games gegen andere User spielen.

8. Weltweit gibt es Bemühungen, Netzpublikationen zu archivieren, um diese dauerhaft zugänglich zu machen. Die Seite de.wikipedia.org/wiki/Web-Archivierung führt in das Thema ein und bietet Zugriff auf eine ganze Reihe bereits vorhandener Web-Archive. 9. In dem Roman „1984“ zeigt George Orwell auf, wie durch gezielte Wortneuschöpfungen (sog. „Neusprech“) das Denken beeinflusst wird. Was die aktuelle politische Rhetorik (siehe auch S. 22) sagen bzw. verbergen will, ist auf neusprech.org nachzulesen. 10. Einen anderen Blick auf die Welt und speziell auf die Staaten des ehemaligen Ostblocks bietet de.rian.ru – die Website der russischen Nachrichtenagentur „Novosti“. 11. Die Seite www.indymedia.org ist ein globales Netzwerk von unabhängigen Medienaktivisten und Journalisten für unzensierte und unkommerzielle Berichterstattung. 12. Die Seite www.zvab.com/index.do (Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher) – das weltweit größte Online-Antiquariat für deutschsprachige Titel – ist für den Bücherfreund ein Muss.


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Digitale Spielwelten:

Vom Videospiel zum Browsergame Computer- und Konsolenspiele haben in den letzten 50 Jahren eine ungeheure Entwicklung erfahren. Sie bestimmen mittlerweile einen Großteil unserer Freizeit. Damit hat die digitale Revolution Kindheit und Jugendzeit grundlegend verändert. Wo man früher das Lachen und Toben spielender Kinder hörte, geben heute häufig Soundeffekte und Tastaturanschläge den Ton an. Das erste Patent für ein Computerspiel wurde im Jahre 1947 angemeldet. Bis Ende der 1960er Jahre waren elektronische Spiele jenen Wissenschaftlern und Studenten vorbehalten, die damit experimentierten. Durch die technische Weiterentwicklung von Computern und durch die Verbreitung der Fernsehtechnologie wurden Videospiele anfangs der 1970er Jahre der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Münzspielautomaten wurden an öffentlichen Orten aufgestellt und konnten von jedem genutzt werden. Der Videospiele-Markt wurde durch die Entwicklung der Heimspielkonsolen stark geprägt, welche sich in den 1970er Jahren schnell zu einem Massenartikel entwickelten und die Spielautomaten in den Hintergrund drängten. Die Entwicklung des Heim- bzw. Personalcomputers und dessen Verbreitung Anfang der 1980er Jahre revolutionierte den Spiele-Markt nachhaltig. So wurden eigens Spiele für den Computer konzipiert, unabhängig von den Konsolenspielen. Überhaupt haben sich in den 1970er bis 1980er Jahren auch die unterschiedlichen Spielgenres und Kategorien entwickelt. Actionspiele, Rollenspiele, Jump and Run, Beat ’em up, Managerspiele, Simulationsspiele sowie Sport- und Strategiespiele entspringen dieser Zeit. Mit der steigenden Zahl von Computer- und Internetnutzern war es nur folgerichtig, dass auch netzwerk- und onlinefähige Spiele entwickelt wurden. So entstanden Anfang der 1990er Jahre die MMORPGs (Massively Multiplayer Online Role Playing Games). Der Reiz dieser Spiele besteht in den Interaktionsmöglichkeiten mit anderen Spielern in Echtzeit, dem Aufbau der eigenen Spielfigur (Avatar) und den komplexen Missionen.

Die Leistungsfähigkeit und flächendeckende Verbreitung von Internet und Hardware sorgen mittlerweile für immer mehr Nutzer/innen von Online- und Browsergames. Für diese Spiele ist keine Konsole oder Extra-Software nötig. Gespielt wird über einen Webbrowser und die Datenberechnung für das Spiel erfolgt über den Server des Anbieters. Speziell für Rollen- und Simulationsspiele werden oft monatliche Entgelte fällig, meist zwischen 10 und 22 Euro. Auch bei „kostenfreien“ Spielen muss der Spieler ab einem gewissen Level für Updates, neue Kapitel, Fähigkeiten und Ausrüstung bezahlen, um einen Spielfortschritt zu erreichen. Bei Online-Rollenspielen ist häufiges und langes Spielen oft Grundvorrausetzung, um die Spielfortschritte nicht zu verlieren. Spielpausen führen zu Punktabzug oder zu Rückschritten im Spielverlauf. Ansonsten gibt es bei den Online- und Browsergames die ganze Bandbreite der Spiele-Welt. Von Rennspielen bis zur Bauernhof-Simulation ist für jeden Geschmack etwas dabei. Die Zahl der Anbieter ist groß. Groß ist allerdings auch die Gefahr, dass Schadsoftware (Viren, Würmer, Trojaner), welche bevorzugt Netzwerke und Serversysteme befällt, den Weg auf den heimischen Rechner findet. Gute Sicherheitseinstellungen und eine aktuelle Antivirensoftware sind deshalb unabdingbar, wenn man in der virtuellen Welt spielen will. Wer dann irgendwann von den immergleichen Tastenkombinationen, Soundeffekten und Spielmustern gelangweilt ist, kann ja mal vor die Tür gehen und das Echtzeit-Abenteuer Leben in Angriff nehmen. Micha


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Bist du computersüchtig? Mach den Test! Das Arbeiten und Spielen am Computer wird dann zum Problem, wenn die Nutzung dieses elektronischen Mediums zur Flucht aus und vor dem wirklichen Leben führt. Es gibt sieben Merkmale für eine exzessive Computernutzung, wobei man von einer Sucht erst sprechen kann, wenn sich diese über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten und mehreren Stunden pro Tag erstreckt. Wenn du von den folgenden sieben Kriterien mehr als drei Punkte für dich mit ja beantworten kannst, heißt das zwar nicht automatisch, dass du süchtig bist, dennoch aber deinen Umgang mit Internet und Spielen überdenken könntest. Einengung im Verhalten: Spielen, Chatten und Surfen sind für dich die wichtigsten Tätigkeiten, deine Freizeit wird darauf abgestimmt (die Nacht wird zum Tag), du beschäftigst dich auch gedanklich andauernd mit diesen Themen. Verdrängung: Du spielst und surfst, um deinen Problemen zu entfliehen. Abstumpfung: Um ein Glücksgefühl zu erzeugen, brauchst du immer längere und häufigere Spielzeiten, die Inhalte werden extremer. Kontrollverlust: Du verlierst oft das Zeitgefühl, spielen ist wichtiger als Schule oder Arbeit. Gesundheitsprobleme: Deine Leistungsfähigkeit lässt nach, du bist oft müde oder extrem angespannt und reizbar, evt. neigst du durch das viele Sitzen und die Fast-Food-Er-

nährung zu Übergewicht oder hast Gelenkprobleme. Isolierung: Du ziehst dich von Freunden und Familie immer mehr in die virtuelle Welt zurück, vernachlässigst soziale Kontakte und gehst selten vor die Tür. Entzugserscheinungen: Wenn du längere Zeit nicht gespielt bzw. gesurft hast, wirst du aggressiv, nervös, unruhig, vielleicht zitterst oder schwitzt du.

Digitale Medien sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Ihre leichte Verfügbarkeit, die hohe Interaktivität und die Möglichkeits- und Reizfülle machen sie so attraktiv. Entscheidend dabei ist, wie wir mit Computer und Internet umgehen und sinnvoll nutzen, ohne uns abhängig zu machen. Micha

Einer ist immer besser … FLUX interviewte zwei Schüler (13) zum Thema Online-Spiele FLUX: Ihr spielt Online-Spiele, warum? Schüler: Man kann mit seinen Kumpels gemeinsam spielen. Ein Ansporn ist, immer zu wissen, dass einer besser ist als man selbst, es sei denn, du selbst bist der Beste. Spielt ihr jeden Tag und wie lange? Ja eigentlich spielen wir jeden Tag nach der Schule ungefähr ein bis zwei Stunden. Gebt ihr dafür auch Geld aus, wie viel? Na ja, ein bisschen Taschengeld ist schon draufgegangen. Im letzten halben Jahr ungefähr 30 Euro. Hattet ihr schon mal Probleme mit Hackern? Ja, mein Account ist schon mal gehackt worden und mein Guthaben war danach ziemlich reduziert, das war echt voll blöde. Aber ich hab´ mein Passwort geändert und weiter gespielt. Ein großes Problem sind auch die vielen Trojaner und Viren, die man sich bei diesen Spielen holt. Letztens wäre mir fast mein gesamtes System abgestürzt, da hatten wir an einem Nachmittag 23 Trojaner auf unseren Rechner bekommen, das war echt knapp. Was sagen eure Eltern dazu? Meine Mutter findet es nicht so gut, dass ich Teile meines Taschengeldes dafür ausgebe, aber sie sagt, es sei mein Geld und ich kann damit machen, was ich will. Sie schimpft auch immer, weil diese Seiten so viele Trojaner und Viren auf meinen Rechner laden, das Interview: K.B. nervt mich selber auch.


Die gesellschaftlichen Auswirkungen des Internets – der Bundestag sucht nach Antworten Die vom Deutschen Bundestag eingesetzte Enquete-Kommission 1 „Internet und Digitale Gesellschaft“ hat sich das Ziel gesetzt, bis zum Sommer 2012 die Folgen des Internets auf die Gesellschaft umfassend zu untersuchen. Sämtliche Sitzungen finden öffentlich statt. Eine breite Beteiligung der Bürger via Blogs, Foren und Teilnahme an den Sitzungen ist ausdrücklich erwünscht.

Interfraktioneller Antrag Die Fraktionen von CDU/CSU, SPD, FDP und BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN stellten am 3. März 2010 einen interfraktionellen Antrag auf Einrichtung einer Enquete-Kommission, der einen Tag später einstimmig vom Parlament angenommen wurde. Darin beauftragt der Deutsche Bundestag die Enquete-Kommission, die Auswirkungen des Internets auf folgende Schwerpunkte hin zu untersuchen: - Kultur und Medien - Wirtschaft und Umwelt - Bildung und Forschung - Verbraucherschutz - Recht und Innen - Gesellschaft und Demokratie Ein zuvor gestellter Änderungsantrag der Fraktion DIE LINKEN fand nicht die erforderliche Mehrheit der Abgeordneten.

Beteiligung der Öffentlichkeit ausdrücklich erwünscht Auf der Internet-Homepage der Enquete-Kommission wurden ein Blog und ein Forum zur Diskussion eingerichtet. Die Sitzungstermine sind schon Monate im Voraus einsehbar. Wer an den Sitzungen teilnehmen möchte, sollte sich wegen begrenzter Platzkapazitäten frühzeitig per E-Mail anmelden. Sämtliche öffentliche Sitzungen können über die eingerichtete Mediathek als Livestream im Internet abgerufen werden. Weitere Informationen wie etwa Sitzungsprotokolle finden sich auf der Homepage unter der Rubrik Dokumentation.

Netzneutralität kontrovers diskutiert In der Sitzung vom 14. Juni 2010 wurde das Thema „Netzneutralität“ kontrovers diskutiert. „Unter Netzneutralität versteht man den Grundsatz, dass Netzbetreiber keinen Unterschied bei den Inhalten oder Anwendungen in ihren Netzen machen oder diese aufgrund eigener Interessen beschränken dürfen“ 2. Mit dieser etwas schwer verständlichen Definition aus einer offiziellen Sitzungszusammenfassung ist der freie, kostenlose und gleichberechtigte Zugang für alle NutzerInnen zu den Inhalten im Netz zu verstehen.

Öffentliche Anhörung und Einrichtung von Projektgruppen Unter Beteiligung von Wirtschaftsvertretern, Professoren, Medienexperten und Juristen fand am 5. Juli 2010 die erste öffentliche Anhörung statt. Die eingeladenen Experten sprachen sich überwiegend für eine weitgehende Selbstregulierung des Internets aus. Mit rechtlichen Einschränkungen und staatlichen Eingriffen gäbe es eher 1 2

negative Erfahrungen. Zu den Themen „Netzneutralität“, „Urheberrecht“ und „Datenschutz“ wurden bereits Projektgruppen eingerichtet. Jede Projektgruppe setzt sich aus neun Stimmberechtigten und bis zu 17 weiteren Mitgliedern zusammen. Neben den Abgeordneten aller im Bundestag vertretenen Parteien arbeiten Sachverständige in den Projektgruppen mit. Aufgabe der Projektgruppen ist es, Entwürfe für einen Zwischen- und Abschlussbericht auszuarbeiten, der anschließend von der Enquete-Kommission verabschiedet und dem Parlament vorgelegt wird.

Bisher erschienene Bundestagsdrucksachen zum Thema: • 17/950 – Antrag CDU/CSU, SPD, FDP, BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN: Einsetzung einer Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ (PDF) • 17/951 – Änderungsantrag DIE LINKE (PDF) Die nächsten Sitzungstermine der Enquete-Kommission in diesem Jahr finden am 13. September, 4. Oktober, 29. November und am 13. Dezember statt. Sitzungsbeginn ist jeweils 13 Uhr im Paul-Löbe-Haus, Sitzungssaal E 400.

Weitere Informationen unter: www.bundestag.de/internetenquete (Homepage) E-Mail: enquete.internet@bundestag.de Unter www.open-enquete.de hat die FDP eine eigene Website zum Thema eingerichtet.

Kontakt-Adresse: Deutscher Bundestag Sekretariat der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft Platz der Republik 1, 11011 Berlin Telefon: +49 (0)30 227 37731 Telefax: +49 (0)30 227 36733 LR

Enquete-Kommission (offizielle Definition des Deutschen Bundestages): Auf Antrag eines Viertels seiner Mitglieder ist der Bundestag verpflichtet, zur Vorbereitung von Entscheidungen über umfangreiche und bedeutsame Sachkomplexe, Enquete-Kommissionen einzusetzen. Die Mitglieder der Enquete-Kommission werden im Einvernehmen der Fraktionen benannt. Enquete-Kommissionen bestehen aus Abgeordneten und externen Sachverständigen. Sie legen dem Bundestag Berichte und Empfehlungen bis zum Ende der Wahlperiode vor. Auf deren Grundlage kann der nächste Bundestag darüber entscheiden, ob die Enquete-Kommission ihre Arbeit fortsetzt.

von frz. enquête, „Untersuchung“ Quelle: www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2010/30091915_kw24_pa_enquete/index.html

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Recycling der anderen Art – Kunstobjekte aus Elektroschrott und Metall Wer mit offenen Augen durch die Straßen geht, entdeckt manchmal ganz abgefahrene Läden. So geschehen in Neukölln in der Hermannstrasse 47. Hier befindet sich ein An- und Verkauf für Elektrotechnik und Computer, Laptops und Zubehör. Neben dem Geschäft befindet sich ein Ausstellungsraum mit Kunstwerken aus Schrott von verschiedenen Künstlern. Fasziniert von den Arbeiten, haben wir den Inhaber, Muharrem Batman, befragt, wie man dazu kommt, derartige Kunst zu machen und auszustellen. FLUX: Würdest du dich kurz vorstellen. Batman: Mein Name ist Muharrem Batman. Ich bin in der Türkei geboren und lebe jetzt seit über 30 Jahren in Berlin. Ich betreibe den Laden Batman Elektronik, kaufe, verkaufe und repariere Computer und Unterhaltungselektronik. Bist du ein Computerfreak? Ja, absolut. Ich bezeichne mich selbst als computerverrückt. Durch meine Hobbys Musik und Lichttechnik bin ich zum Computernutzer geworden. Mein erster Rechner war ein Amiga 500. Ich war sozusagen ganz früh mit dabei. Ich habe mir alles selbst beigebracht und bezeichne mich jetzt als Fachmann. Schließlich habe ich mein Hobby ja auch zu meinem Beruf gemacht, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Wie bist du zur Kunst

daraus zu machen. Wir verwenden Platinen, Röhren, Prozessoren usw. Es gibt keine Grenzen für kreativen Spielraum. Ich bin ein großer Fan von der Verschmelzung zwischen Stahl und Elektronik. Das sieht man hier ja auch. In diesem Jahr haben wir am Kulturfestival 48 Stunden Neukölln teilgenommen und regen Zuspruch erhalten. In absehbarer Zeit wollen wir diesen Ladenraum für Ausstellungen verschiedenster Künstler/innen nutzen und ihnen die Möglichkeit bieten, ihre Werke zu präsentieren.

haben uns immer mehr Menschen auf unsere Objekte angesprochen. Na ja, dann sind wir halt auch auf Messen und Ausstellungen gefahren und haben viele andere Künstler kennen gelernt. Durch mein technisches Wissen kann ich Kunstprojekte unterstützen und befinde mich eigentlich immer im Austausch mit anderen kreativen Leuten.

Hört sich spannend an. Noch ein letztes Wort? Normal ist langweilig. Wenn mir jemand sagt, ich bin normal, dann bin ich beleidigt. Kreativ und „verrückt“ sein, macht viel mehr Spaß.

Danke für das Gespräch und weiterhin viel Spaß und Einfallsreichtum. Interview: Michael

gekommen? Ich habe schon als Kind gern mit allem gebastelt und ich habe auch immer sehr viele Ideen in meinem Kopf, die ich alleine alle gar nicht umsetzen kann. Die Idee für die Köpfe aus Computerteilen hatte ich, aber angefertigt hat sie meine Schwester. Einige der Metall-Skulpturen, die du hier siehst, stammen von befreundeten Künstlern aus dem Tacheles. Mit der Kunst aus Elektronik-Teilen haben wir vor über 15 Jahren begonnen. Das sollte anfangs nur Dekoration und Spielerei sein, aber im Lauf der Zeit

Was genau heißt das? Ich liefere Konzepte für technische Probleme, helfe beim Durchführen von Projekten, die Elektronik verwenden und liefere Ideen, die befreundete Künstler/innen dann für mich umsetzen. Für eine Kunstaktion z.B. habe ich alte Schreibmaschinen besorgt, die unter Gitterboxen „eingesperrt“ wurden. Hiermit sollte symbolisch an die Bücherverbrennungen und Zensur im Dritten Reich erinnert werden. In diesem Fall habe ich einer amerikanischen Künstlerin zugearbeitet. Warum nehmt ihr Elektroschrott für eure Kunstobjekte? Für mich gibt es keinen Schrott. Ich sehe das ganze Material als Rohstoff, den man einfach neu verwendet. Etwas machen aus dem, was da ist, finde ich spannend. Durch meine Leidenschaft für Computer und Technik liegt es ja auf der Hand, hier auch künstlerisch tätig zu sein und etwas


Erfinde d a s R a d n e u ! V e lo s aus Ba m bus

Im Jahre 1894 stellte eine Londoner Firma das erste Fahrrad vor, dessen Rahmen aus Bambus gefertigt wurde. Lange Zeit in Vergessenheit geraten, kommt das Bambus-Rad jetzt wieder in Mode. Mehrere Hersteller bieten Bambus-Modelle an und in den Großstädten New York, San Francisco und Berlin haben sich Initiativen zum Selbstbau von Bambus-Fahrrädern gegründet.

Die ersten Bambusfahrräder Die Londoner Firma Bamboo Cycle Co. Ltd. brachte im Jahre 1894 das erste Fahrrad der Welt mit Bambus-Rahmen auf den Markt. Kunden, die eines dieser Fahrräder gekauft hatten, zeigten sich begeistert von den guten Fahreigenschaften, dem hohen Fahrkomfort und der Robustheit der Konstruktion. Allerdings ging die Firma bereits im Jahre 1898 in Konkurs. Von den englischen Vorbildern inspiriert, gründeten österreichische Unternehmer im Jahre 1896 die Firma K. k. priv. Bambus-Fahrräder-Fabrik Grundner und Lemisch, die unter verändertem Namen noch bis 1906 produzierte.

Originale und Nachbauten Gut ein Dutzend der „frühen“ Bambus-Fahrräder aus Österreich und England sind heute noch erhalten. Das Wolverhampton Museum of Industry, das derzeit geschlossene Národní technické muzeum in Prag sowie Lampl`s Fahrradmuseum im Niederösterreichischen Werndorf besitzen zum Teil restaurierte Originale. Ein Ehrenmitglied des Radsportvereins Wendlingen e.V. in Baden-Württemberg baute ein Modell von 1895 originalgetreu nach. Rahmen- und Lenkerrohre des Nachbaus wurden aus Bambusholz gefertigt und mit Manschetten zusammengehalten. Der Zusammenbau ist Maßarbeit, denn jede Manschette muss an den Durchmesser des jeweiligen Bambusrohres angepasst werden.

Neuer Anlauf nach über 70 Jahren Erst in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts kamen erneut wieder Fahrräder aus Bambus auf den Markt. Zwischen 1980 und 1984 stellte die japanische Firma Musashi in Hamburg hochwertige und formschöne Bambus-Fahrräder her. Mittlerweile haben eine ganze Reihe von Herstellern auch Bambus-Modelle im Programm, angefangen vom Rennrad über Reiseräder bis hin zum Lastenrad. Im Vergleich zu Stahl besitzt der nachwachsende Rohstoff Bambus folgende Vorteile: - wesentlich geringere Herstellungskosten - höhere Steifigkeit und Stabilität - geringeres Gewicht - frei von Korrosion - leichte Reinigung und Pflege - vibrationsdämpfend - einfaches Recycling - klimaneutral, weil nachwachsend - gutes Fahrgefühl, weil das Material „lebt“

Fahrrad-Selbstbau in New York und San Francisco Die Bamboo Bike Studios in Brooklyn, New York und San Francisco bieten jedem Fahrradfahrer und jeder Fahrradfahrerin die Möglichkeit, unter Anleitung ein persönliches „Wunschrad“ zu bauen. Die im Voraus zu buchenden Zwei-Tages-Kurse finden immer an einem Wochenende statt. SelbstbauerInnen haben grundsätzlich die Wahl zwischen zwei Modellvarianten: dem „Local“, einem Stadtrad auf dem es sich komfortabel und entspannt in aufrechter Position radeln lässt, und dem „Express“, einem sportlichen Modell für Vielfahrer, Langstreckenfahrer und Pendler. Die Kosten pro Kurs liegen derzeit bei 948 Dollar für ein komplettes Rad und 632 Dollar ausschließlich für den Rahmen. Im Gegensatz zur Herstellung von Stahl-Rahmen werden „nur“ Fertigkeiten in der einfachen Holzbearbeitung wie sägen, bohren und kleben benötigt.

Selbstbau-Workshops an der TU-Berlin Seit kurzem finden an der Technischen Universität Berlin Selbstbau-Workshops statt. Ein Workshop läuft über drei bis vier Abendtermine – und kostet 190 Euro. Neben dem kompletten Bambus-Rahmen werden mindestens Gabel, Lenker, Tretlager und Pedalen zur Verfügung gestellt. Die Anbauteile stammen aus dem Recycling von Altfahrrädern, können aber auch selbst mitgebracht werden. Weitere Teile wie Sattel, Bremsen, Laufräder, Schaltung, Licht etc. kommen – je nach Verfügbarkeit der Werkstatt – noch hinzu. Als Fertigungsmaterial finden RecyclingMetallteile, Bambusrohre, Hanffasern und Epoxidharz Verwendung. Gebaut werden vorrangig Diamant-BambusRahmen, nach Absprache sind aber auch andere RahmenLR Formen möglich.

Wichtiger Hinweis: Alle Workshop-Teilnehmer sollten mindestens 18 Jahre alt sein. Informationen unter: Bamboo Bike Studio: http://bamboobikestudio.com Berlin Bamboo Bikes: www.berlin-bamboo-bikes.org Weitere Links unter: http://gruene-uni.org/ mach_mit/index.php?id=92

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Fußball-WM in Südafrika

Nachstellung einer Jagdpartie oder: Was macht der Fußballer an seinem freien Tag? Spanien also. Überrascht haben dürfte das die Deutschen kaum. Selbst die hoffnungsvollste Mannschaft kann nur so gut spielen, wie es der Gegner zulässt – eine Binsenweisheit. Die acht Tore gegen England und Argentinien reichten nicht aus, um Weltmeister zu werden. Im entscheidenden Moment gelang es der jungen deutschen Mannschaft nicht, die Ur-Instinkte dieser Sportart zu aktivieren. Wie der Ochs’ vorm Berg stand sie vor einer spanischen Elf, die in ihrer fußballerischen Entwicklung um Lichtjahre voraus schien. Deren Trainer, Vicente del Bosque, hat nicht unrecht, wenn er sagt, Fußball sei „permanente Evolution“. So perfekt organisiert wie die Spanier im Halbfinale hatte man überhaupt noch keine Mannschaft spielen sehen. Für den staunenden Beobachter fühlte es sich an, als hätten sie mindestens zwei oder drei Mann mehr auf dem Platz. Immerhin, Miroslav Klose hätte fast den Gipfel in der Rangliste der besten WM-Torschützen aller Zeiten erklommen. Nicht der Pfosten, die verletzte Wirbelsäule stand ihm im Weg. Grund genug, diesen Fußballer einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Doch um seine 14 WM-Tore soll es an dieser Stelle nicht gehen, oder zumindest nur am Rande. Eine Nachbetrachtung zur WM 2010 am Beispiel eines Torjägers. Wie er seinen freien Tag verbringen werde, wurde Klose auf der Pressekonferenz nach dem Achtelfinale gegen England gefragt. „Da meine Frau nicht da ist, muss ich mit Harald kuscheln“, so Klose schelmisch, woraufhin der neben ihm sitzende Harald Stenger, seinerseits Presse-Sprecher des DFB, vor Lachen fast vom Stuhl fiel und Klose noch einmal nachlegte: „Da kann ich mir allerdings Schöneres vorstellen.“ Wie man später vernehmen sollte, ward Vorstellung nicht Wirklichkeit: während Schweinsteiger, Podolski und Co. sich auf Shopping-Tour, Safari-Trip oder zum Friseur-Termin begaben, langweilte Klose sich angeblich – so wurde es kolportiert – im Quartier der Nationalmannschaft. Klose ein Langweiler? Klose, das Phänomen, das Mysterium, die Legende, ein geistloser Stubenhocker? Mitnichten! Wir wollen das nicht glauben! Auch wenn Klose seinen freien Tag auf der Massagebank verbracht haben mag, die aktuelle Ausgabe der „11 Freunde“ (natürlich nur zum Schein) vorm

Gesicht, von Langeweile kann wohl kaum die Rede sein. Denn wie sagte die Schriftstellerin Gertrude Stein: „Es braucht viel Zeit, ein Genie zu sein, man muss so viel herumsitzen und nichts tun, wirklich nichts tun.“ Klose – ein verkanntes Genie? Was zu beweisen wäre. Versuchen wir es also. Es war die 8. Minute gegen Australien: Müller geht zur Grundlinie durch, passt blind nach innen, Klose lässt den Ball durch, Podolski zieht ab – es steht 1:0. Dann das Achtelfinale, die 20. Minute gegen England: Klose gibt ein geheimes Zeichen, Neuer prügelt daraufhin den Ball über das gesamte Feld, so dass der gestartete Klose einschießen kann (das Tor, wie gesagt, nur am Rande) – wieder 1:0. Und dann das Unfassbare, die 70. Minute im selben Spiel: Klose schlägt aus der Tiefe der eigenen Deckung eine Bananenflanke auf Özil, der passt zu Müller – 4:1. Drei Mal ein Klose, der nicht zufällig richtig steht und einköpft oder einfach nur den Fuß hinhält, wo


19 andere den Ball erkämpft haben, sondern der viel mehr tut, als ein „ Torjäger “, wenn man es wörtlich nimmt, tun müsste (und oft genug auch tun sollte): Klose schlägt Bananenflanken als wäre er bei Manni Kaltz in die Schule gegangen; Klose gibt Zeichen als wäre er Winnetou, der seine Apachen zum Angriff ruft; Klose lässt durch, als hätte er Augen im Hinterkopf wie Hoteiosho, der japanische Weihnachtsmann. Erinnert man sich an die Worte von Vicente del Bosque, dann könnte uns die permanente Evolution des Miroslav Klose – jene vom allseits unterschätzten Freizeitkicker bei der SG Blaubach-Diedelkopf hin zum Nationalspieler, jene vom Bankdrücker unter van Gaal hin zum Stammspieler unter Löw und natürlich jene vom Abstauber hin zu Winnetou, Manni Kaltz und Hoteiosho in einer Person – vielleicht auf die Spur bringen, was Klose noch so an seinem freien Tag macht, wenn er nicht gerade als Genie herumsitzt. Während die anderen sich also den profaneren Dingen des Lebens zuwenden, antizipiert Klose unter den knetenden Händen von Chefmasseur Klaus Eder Spielzüge im toten Winkel, studiert den für Bananenflanken ursächlichen Magnus-Effekt, um anschließend auf dem ausgestorbenen Trainingsplatz selbige zu schlagen und schaut „Winnetou“ I bis III auf DVD und wenn noch Zeit bleibt „Unter Geiern“. Von den Apachen ist zwar nicht bekannt, dass sie Fußball gespielt hätten, die Jagd allerdings war ihnen nicht fremd. Der Philosoph Peter Sloterdijk bezeichnete das Fußballspiel einmal als „anthropologische Versuchsan-

ordnung“, bei der männliche Menschen eine Antwort suchen auf die Frage: Was macht man mit Jägern, die keiner mehr braucht? Denn Männer sind seit jeher so gebaut, dass sie an Jagdpartien teilnehmen, was mit Beginn von Ackerbau und Viehzucht vor ca. 10.000 Jahren etwas in Vergessenheit geraten ist. Sobald man die alten Jagdgefühle aber wieder zulasse, so Sloterdijk, spüre man, dass auf dem Fußballplatz das älteste Erfolgsgefühl der Menschheit imitiert werde: „mit einem ballistischen Objekt ein Jagdgut zu treffen, das mit allen Mitteln versucht, sich zu schützen.“ (SPIEGEL, 23/2006) Daher also auch die unter Reportern so beliebte Aufforderung an Fußballer, Auskunft über ihr Gefühlsleben zu geben – so kurz nach dem Sieg. „Geben Sie doch mal einen Einblick in Ihr Innenleben!“, wurde Klose etwa gefragt, nachdem er zwei Tore gegen Argentinien geschossen hatte. Klose daraufhin: „Ja, das ist schwierig, ich bin sehr sehr glücklich, bin froh, dass ich wirklich dieses Spiel gegen Argentinien gewonnen habe.“ Er selbst also, Klose, hat das Spiel gegen Argentinien gewonnen. Herrlich! Eine Tatsache, die – will man sie nicht leichtfertig als Versprecher eines zerstreuten Genies abtun – sich vielleicht nur aus dem fundamentalsten aller männlichen Ur-Instinkte, dem Jagdinstinkt erklären lässt. Was der Instinkt-Fußballer Klose eigentlich sagen wollte, ist, er habe die Beute endlich zur Strecke gebracht. Falls Klose kein Genie sein sollte – der perfekte Jäger wäre er gewesen. cis

Begegnung mit dem Voodoo-Mann Viele Menschen im westafrikanischen Guinea glauben an die Macht des Fetischs, an Zauberei und Voodoo. Es geschehen dabei – aus der Sicht des Europäers – die unglaublichsten Dinge. So gehört es durchaus zum guten Ton, bei einem Fußball-Länderspiel den gegnerischen Torwart durch einen Voodoo-Zauberer behexen zu lassen. Die von mir persönlich erlebte Geschichte ereignete sich 1972/73 in der Nähe von Faranah. Der Or t liegt am Niger, ca. 70 km von seiner Quelle und über die asphaltier te RN1 gut 400 km von Conakry entfernt. Wir hatten dort im Auftrag der guineischen Post- und Fernmeldeverwaltung eine Telefonverbindung aufgebaut. Nach der Fertigstellung habe ich zusammen mit einem guineischen Mitarbeiter die gesamte Trasse mit den insgesamt 830 Masten zu Fuß abgelaufen, um alle Besonderheiten in einem sog. Stützpunktnachweis aufzunehmen.

Auf freier Landstraße, irgendwo zwischen Faranah und Tiro, kam uns eine Gruppe Menschen entgegen. Angeführt von einem Busch-Zauberer, einem sog. Fetischeur, trugen sechs oder sieben junge Männer wie in Trance einen langen Pfahl. Sie umschlangen ihn mit ihren Händen und schienen fest mit ihm verbunden zu sein. Ihre Gesichter waren schweißnass, ihre Augen verdreht und sie taumelten regelrecht in Schlangenlinien auf der Straße entlang. Hinter ihnen bewegte sich eine bunte Menschenmenge und schien die Männer anzufeuern. Insgesamt waren vielleicht 30 bis 40 Leute unterwegs.

Nicht lange, nachdem sie uns passiert hatten, bogen sie auf einen Pfad ein, der in das Buschland führte. Mein Begleiter klärte mich nun auf, welche Bedeutung diese seltsame Begegnung hatte. Im Dorf der Männer war Getreide gestohlen worden. Ein Fetischeur wurde mit der Aufklärung beauftragt. Die Männer mit dem Pfahl waren seine Medien, die nun durch die Magie des Zaubers bis in die Hütte des Diebes gehen und ihn so lange mit dem Pfahl gegen die Brust stoßen würden, bis er gesteht und zeigt, wo das Diebesgut versteckt ist. Kein gutes Gefühl, wenn man solch einer Truppe begegnet! Wolfgang Noack


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VERGESSENE FESTE

K I R M E S

Ganz vergessen ist dieses Volksfest, das zwischen Juni und November insbesondere im mitteldeutschen Raum gefeiert wird, freilich nicht. Vor allem im Eichsfeld bewahrt sich bei den „Kirmsen“ noch das Bewusstsein vom ursprünglichen Fest, das ein solches zur Kirchweihe ist. Zwar hat sich auch hier das Festdatum von der historischen Kirchweihe gelöst, die festliche Einheit von kirchlicher Messfeier und Volksfest dauert jedoch an. Wie sich vielerorts der Begriff „Messe“ von der gottesdienstlichen Messe trennte und auf das daneben bereitete Fest – den Jahrmarkt – überging, so geschah dies auch bei der Kirmes, mittelhochdeutsch „kirmesse“ geschrieben. Die „Goldene Legende“ spricht in ihrem letzten Kapitel vom feierlichen Begängnis der Kirchweihe unter den anderen Jahresfesten; der Tempel erfahre dabei eine „zweifache Weihe“, eine „leibliche und geistliche“. Berichte von heutigen Kirmesfeiern lassen noch die Einheit zwischen Gottesdienst und Volksfest erkennen, sowohl für die katholische wie auch die evangelische

Kirche. So wurde das Datum des Kirchweihfestes für die Nikolauskirche bei Heiligenstadt schon 1363 durch erzbischöfliche Verfügung auf den 2. Pfingsttag gelegt. Damit bestimmte das Grün der Birken den Schmuck der Häuser, die Prozession am Vormittag und den Festumzug am Nachmittag, die vom „Platzmeister“, den „Platzmeistermädchen“ und „Kirmesburschen“ begleitet wurde. Man führte aber auch – als lokale Tradition – die Ziege eines Torwächters mit, die bei einem Überfall auf die Stadt eine Rolle gespielt haben soll. Überhaupt ist der Ziegenbock als ein beliebtes Schlachttier zum Festschmaus des Tages anzusehen. So singt man im Eichsfeld, wo zumeist am St.-Gallus-Tag, dem 16. Oktober, Kirmes gefeiert wird: „Wenn´s Kermesse äs, wenn´s Kermässe äs, doh schlacht min Vater enn Bock; doh hupst minne Mutter, doh tanzt minne Mutter, doh krie ich enn nuiben Rock.“ Der Mann, der den Bock opfert, schlachtet und die Frau, die tanzt, ergeben ein Grundritual des alten Opferfestes. erg

AKTUELLE BUCHEMPFEHLUNGEN Der Hochstapler von David Belbin, Kindler Verlag, 288 Seiten, 19,95 Euro, ab 14 Jahre Mark, Sohn einer Bibliothekarin, ohne Vater aufgewachsen, fühlt sich schon früh zur Literatur hingezogen. Als 14-jähriger erhält er die Hausaufgabe, eine Kurzgeschichte im Stil Charles Dickens zu schreiben. Das gelingt ihm so gut, dass man ihm die Autorenschaft nicht abnimmt. Dennoch bleibt er der Literatur treu und bewirbt sich später nach seinem Schulabschluss um ein Literaturstudium. Zunächst möchte er aber für ein Jahr in Paris leben, so wie die großen Autoren: Beckett, Hemingway, Joyce. In Paris mietet er ein Zimmer, kauft sich eine alte Schreibmaschine auf dem Flohmarkt und verdient sein Geld als Nachhilfelehrer bei den Mädchen Helen und Francine. Doch Helen, ihr Stiefvater Paul und Francine bringen Mark in ernste Schwierigkeiten. Er verlässt Paris und zieht nach London, sucht nach Seelenverwandten, bleibt aber doch nur in einer lieblosen Studenten-WG hängen. Das Literaturstudium ödet ihn mehr und mehr an, das Geld wird knapp. Da kommt ihm die Stellenanzeige einer Literaturzeitschrift sehr gelegen. Mark arbeitet von nun an für Anthony Bracken und innerhalb kürzester Zeit wird er Leiter der „Little Review“. Endlich kommt er seinem Traum vom literarischen London näher. Doch unerwartet taucht eine alte „Fingerübung“ Marks, im Stile Hemingways geschrieben,

auf. Paul und Helen, seine vermeintlichen Freunde aus Paris, geben an, dieses Manuskript auf einem Pariser Flohmarkt gefunden zu haben. Ein literarisches Verwirrspiel beginnt.

Die Welt wie wir sie kannte von Susan Beth PfefferCarlsen-Verlag, 410 Seiten, geb. Ausgabe, 17,90 Euro, ab 14 Jahre Stellen wir uns vor, ein Meteorit wird auf dem Mond einschlagen. Von Wissenschaftlern vorausgesagt. Welch ein Ereignis. Man trifft sich abends mit der Familie, Freunden, Nachbarn und wohnt dem Spektakel bei, doch plötzlich hängt der Mond schief am Himmel, viel zu nah an der Erde. Das Außergewöhnliche, das jetzt folgt, fängt langsam an: Satelliten geraten aus der Umlaufbahn, die Kommunikationssysteme brechen ein und mit zunehmender Geschwindigkeit gerät alles, aber auch alles aus den Fugen. Hitzewellen, Dürre, Springfluten, Kälteperioden, Vulkanausbrüche überall. Diese Geschichte wird in Form eines Tagesbuches geschildert. Die Protagonistin Miranda ist ein Teenager und wohnt mit ihrer Mutter und ihren beiden Brüdern zusammen. Die Aufzeichnungen zeigen, wie sich aus ersten „Unannehmlichkeiten“ existenzielle Probleme entwickeln. Die Zukunft scheint ungewiss – Ausgang offen.


Rettet das Archiv! Im letzten Heft haben wir euch im Interview mit Klaus Farin das Archiv der Jugendkulturen e.V. vorgestellt. Jetzt steht das Archiv vor dem Aus und will deshalb eine Stiftung gründen. Denn es erhält bis heute keinen Cent Regelförderung und arbeitet seit seiner Gründung im Jahre 1998 mit auf Zeit geförderten Stellen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Sicherung der Grundkosten ist nicht gegeben, d.h., um laufende Kosten zahlen zu können, müssen die Vereinsmitglieder oder Mitarbeiter sogar privat spenden. Eine Stiftung bedeutet Sicherheit und Kontinuität im Weiterbestehen des Archivs der Jugendkulturen, unabhängig von der Vergabe von Fördergeldern. Für die Gründung sind 100.000 Euro notwendig. Ihr könnt dem Archiv mit eurer kleinen Spende helfen. Andrea Schletz

Foto: Andrea Schletz

Anschrift: Archiv der Jugendkulturen e.V., Fidicinstraße 3, 10965 Berlin, U6 Platz der Luftbrücke, Tel.: 030-694 29 34 E-Mail: archiv@jugendkulturen.de www.jugendkulturen.de Öffnungszeiten: Montags bis Freitags von 10 bis 18 Uhr und nach Absprache

Der Innenhof des Archivs der Jugendkulturen.

Das lebendige Wort Kevin allein... nein, Kevin ist nicht allein zuhause. Seine Oma ist heute Nachmittag zu Besuch, hat den Kaffeetisch gedeckt und möchte mit ihrem Enkel vom frischen Pflaumenkuchen kosten – doch der sitzt in seinem Zimmer und bloggt. „Kevin, komm´ doch bitte, der Kaffee wird schon kalt!“ Nein, auch jetzt hört Kevin nicht, brabbelt aber irgendetwas durch die Tür. Da geht plötzlich die Tür auf und die Oma sagt, im Türrahmen stehend, zugegebenermaßen etwas barsch: „Du kommst jetzt mit in die Küche! Ohne Fisimatenten zu machen.“ Da schaltet Kevin den PC ab und trabt hinterher. Aber was sind eigentlich Fisimatenten? Das seltsam klingende, bis in die Mundarten verbreitete Wort, bedeutet soviel wie „Flausen, Ausflüchte, Umständlichkeiten nichtige Einwände“. Es entstand im 15. Jahrhundert aus einer Kreuzung von lateinisch visae patentes = geprüftes Patent (dieser Begriff erlangte bald durch die spöttische Auffassung der damit verbundenen bürokratischen Vorgänge die Bedeutungsnuance von „überflüssiger Schwierigkeit“) und mittelhochdeutsch visamente = Einteilung eines Wappens, Zierat, wobei dieses Wort wiederum aus dem altfranzösischen visement

= Aussehen entlehnt wurde. Unter dessen Einfluss tritt auch der Buchstabe m an die Stelle des p, so schon 1499: „it is ein viserunge und ein visimatent“. Also, der Kuchen hat den beiden ganz gut gemundet. Das war zu erwarten. Aber als Kevin dann eine halbe Stunde später weiter bloggt und von seinem Freund – auch das war zu erwarten – mit der Frage genervt wird, warum er denn nicht online geblieben sei, kommt freilich die coole Antwort: „Mach´ jetzt bloß keine Fisimatenten, du Spast!“ erg Eine andere Entstehungsgeschichte des Begriffs „Fisimatenten“ geht auf die Zeit der napoleonischen Kriege und der Besetzung der Pfalz zurück. Aus der freundlichen Einladung französischer Soldaten „Visitez ma tente“ (Besuchen Sie mein Zelt) an die jungen pfälzischen Mädchen, wurde von den pfälzischen Müttern, des Französischen unkundig, ein „Mach ma kä Fisimatente“ zur Warnung ausgesprochen. Leider lässt sich nicht belegen, ob diese schöne Geschichte der Wahrheit entsprungen ist. O_o

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22 KOLUMNE

Whe r e t h e w i n d ma y b l o w

„Für mich ist es befriedigend, dass selbst solche Persönlichkeiten wie Uli Hoeneß erkannt haben, dass unsere Nachwuchsarbeit alternativlos für die Entwicklung der Spieler ist.“ 2

„Alternativlos“ – Zur Genealogie der Verblödung Der Berg gebar eine Maus. Soviel steht fest. Das Ergebnis also vorweg. Und worum geht’s? Ganz einfach: um eine Redewendung, die aus den PolitikStuben des Landes hervor kriecht, bemüßigt, einem Inhalt Ausdruck zu verleihen, der darin liegt, möglichst administrativ im Begriff und klar in der Botschaft zu sein. Das Prädikat „alternativlos“ ist die Höchststrafe, passend für alle Größen. Erst von Regierungsmitgliedern, Koalitionsmitgliedern und Hinterbänklern hauptsächlich formuliert. Nun aber raus aus dem Labor und hinein ins Feld. Durften ehemals die Sätze noch mit „ich finde“, „find ich spannend“ und „ein Stück weit“ beginnen, also immerhin Sätze formuliert wurden, wenn auch mit offenem Ausgang, so braucht bald gar kein Satz, brauchen gar keine Sätze mehr gesprochen zu werden, weil mit einem Wort alles gesagt sei. Die gern gehörte „normative Kraft des Faktischen“ oder war es die „faktische Kraft des Normativen“ rückt in den Kontext, könnte sozusagen die Methodologie darstellen, das aber führt, um im Rahmen zu bleiben, zu weit, und wäre, nach Reglement, alternativlos. Wieso nun Verblödung? Vox audita perit - littera scripta manet 1 könnte lakonisch dem Verlust gesprochener Sprache nachgesungen werden. Was aber nicht ausgesprochen wird, wird auch nicht aufgeschrieben. Wenn alles in unseren Köpfen bleibt, weil es keine Alternativen gibt, dann bleibt kaum mehr Mitteilung übrig, allein der Stuhl auf dem ich sitze, sollte möglichst bequem sein und die Nachos gut schmecken. O_o

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Das gesprochene Wort verweht, das Geschriebene bleibt bestehen. (Horaz)

„Die zu beschließenden Hilfen für Griechenland sind alternativlos, um die Finanzstabilität des Euro-Gebietes zu sichern.“ 3

„Das ist sicherlich eine der größten Reformen der Geschichte. Aber es gibt keine Alternative.“ 4

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(DFB-Sportdirektor Matthias Sammer am 27.7.2010 in FAZ.net) 3 (Bundeskanzlerin Angela Merkel am 5.5.2010 in der Regierungserklärung)

4

(Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg am 26.7.2010 in der Süddeutschen Zeitung über die Reform der Bundeswehr)


Wasser gehör t in Bürgerhand! Im Jahre 1999 wurden die Berliner Wasserbetriebe zu 49,9% an RWE Aqua und Veolia Wasser verkauft. Infolge dessen wurden Arbeitsplätze abgebaut, Wasserwerke geschlossen und im internationalen Städtevergleich zahlen wir die höchsten Wasserpreise. Um das Ausplündern der öffentlichen Daseinsvorsorge durch private Konzerne zu verhindern, ist mindestens eine Kontrolle notwendig. Das Volksbegehren „Unser Wasser“ ist für die vollständige Offenlegung aller Geheimver träge zur Teilprivatisierung der Berliner Wasserbetriebe. Bis Ende Oktober werden hierfür 170.000 Unterschriften benötigt, um den Volksentscheid herbeizuführen. Nähere Infos findest du unter: www.berliner-wassertisch.net

Im nächsten Heft ... „Da ham‘ wa den Salat“ – wir beschäftigen uns mit (fast) allem, was es zum Thema „Ernährung“ zu sagen gibt. Außerdem verlieren wir uns im Irrgarten in Marzahn und steigen beim Besuch des Fichtebunkers in die Berliner Unterwelt hinab. In einem Stück für drei Personen und Chor gehen wir der Frage nach, ob wir vor den antiken Griechen bestehen können und schließlich sind wir auch zuversichtlich, euch in der 4. Ausgabe von FLUX endlich sagen zu können, wie ihr als Schüler UN-Diplomat werden könnt.

Das aussterbende Wort

… ist ein wenig auf Abwegen. Denn es soll diesmal um Metaphern gehen, die zwar noch im Sprachgebrauch sind, bei denen bisweilen jedoch in Vergessenheit gerät, wie sie eigentlich den Weg in unsere Sprache gefunden haben. An dieser Stelle soll die mythologische bzw. literarische Herkunft dreier solcher Sinnbilder erhellt werden, verbunden jeweils mit einer Buch-Empfehlung.

Wegen seiner Nibelungentreue zu Klose und Podolski musste sich Bundestrainer Löw vor der WM 2010 harsche Kritik anhören. Wie wir heute wissen, hat sich selbige ausgezahlt. Nicht so in der literarischen Vorlage: In dem um das Jahr 1200 von einem unbekannten Dichter niedergeschriebenen Nibelungenlied führt das uneingeschränkte Einstehen der Burgunder-Könige für ihren Vasallen und Freund Hagen, der sich des Mordes an Siegfried schuldig gemacht hat, zum blutigen Untergang. Der Begriff Nibelungentreue steht daher für eine bedingungslose, emotionale und unter Umständen verhängnisvolle Treue und wurde geprägt von Reichskanzler Bernhard von Bülow, der ihn erstmals 1909 in Bezug auf

das Verhältnis des Deutschen Reichs zu Österreich-Ungarn gebrauchte. – Das Nibelungenlied. Herausgegeben und neu übersetzt von Ursula Schulze. Artemis & Winkler 2005, ISBN 3-538-06990-5. Trojaner als Abkürzung für Trojanisches Pferd ist ein Begriff, der keinem Internetnutzer fremd ist. Seine Herkunft geht auf die griechische Mythologie zurück. Im Trojanischen Krieg kämpften die antiken Griechen lange Jahre erfolglos um die Mauern von Troja. Um die Stadt endlich zu erobern, erdachte sich Odysseus die List, ein riesiges hölzernes Pferd zu bauen, in dessen Bauch sich die griechischen Soldaten verstecken konnten. Die Bewohner Trojas glaubten, es handelte sich dabei um ein Geschenk, und zogen das Pferd in die Stadt, wodurch die Griechen Zugang erlangen, die Stadttore öffnen und Troja zerstören konnten. Das Trojanische Pferd steht deshalb für eine Täuschung, bei der der Angreifer, als etwas Nützliches getarnt, den Angegriffenen dazu verleitet, ihn in den geschützten Bereich einzulassen, um dort Schaden anzurichten (wie z.B. das Schadprogramm). Dieser, wie

auch der folgende Mythos werden erstmals erwähnt in Homers Epos „Odyssee“ (8.Jh.v.Chr.). – Insbesondere für Jugendliche zu empfehlen ist die Nacherzählung von Ulrich Karger: Die Odyssee. KlettSchulbuchverlag 2004, ISBN 3-12262460-5. Sisyphosarbeit beschreibt eine vergebliche Mühe, eine Aufgabe, die trotz qualvoller Anstrengungen nie zu einem Ergebnis führt. Ursprung der Metapher ist eine Gestalt aus der griechischen Mythologie: Die Götter hatten Sisyphos dazu verurteilt, einen Felsblock unablässig einen Berghang hinaufzuwälzen, von dessen Gipfel der Stein immer wieder hinabrollt, so dass die Arbeit von neuem beginnen muss. Für Albert Camus wird Sisyphos im Jahre 1942 zum Sinnbild für das Absurde des Lebens schlechthin – für das Scheitern des sinnsuchenden Menschen an einer Welt, die ihren Sinn nicht preisgibt. Dennoch kommt Camus zu dem tröstlichen Ergebnis: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ – Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos. Rowohlt TB Vercis lag 2000, ISBN 3499227657.

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FLUX September 2010