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2 Brüder

Als wir damals zusammen aufgebrochen sind, ich erinnere mich noch an deine Worte. Als wir damals aufgebrochen sind, hast du gesagt, wir stehen wie ein Baum, wenn sie uns die Zweige abrechen, sollen sie doch erleben, was der Frühling bringt. Und dann hast du noch gesagt, du wärst der Sommer. Seit langen liegt nun schon der Sommer unter dem Winter begraben. Und es ist alles ein Herbst. Ein Herbst ohne große Worte. Kein Blatt mehr da zum fallen, weil kein Baum da ist zum Blätter verlieren. Keine Brüder und Kastanien mehr da, um sich zu bewerfen und Krieg zu spielen. Keine Granaten mehr mehr da, um Krieg zu machen. Wie alles angefangen hat? Das hat dich nie gekümmert. Ich bin immer hinter dir hergelaufen, die Arme voll Kastanien und noch ein paar als Reservemunition in der Tasche. Geschmissen hast immer du. Als der Aufruf kam und Mutter so seltsam blickte, ich glaube, sie war nicht Stolz, sondern besorgt, da hast du mich beiseite genommen. Gesagt, wir müssten reden, unter Männern. Bestimmt hast du das Glitzern in meinen Augen gesehen. Das war keine Abenteuerlust, es war Furcht. Du hast mir Bilder von den Anderen gezeigt und Weltkarten. Ich habe als Erster unterschrieben. Du als Zweiter. Ich fragte dich noch, wegen der falschen Reihenfolge. Alles in Ordnung, daß hiesse nur, daß ich auch ohne dich unterschrieben hätte. Alles in Ordnung. Es hat dann alles seine Ordnung gehabt. Wir haben neue Kleidung bekommen, Uniformen, hast du Stolz gesagt, du warst damals auf alles Stolz. Darüber, daß wir von nun an mit schlechtem Essen gefüttert wurden, darüber das wir mit vielen schnarchenden und stinkenden Kameraden in großen Zelten wohnen mussten, darüber, daß wir im Dunkeln und bei Eiseskälte von schreienden Unteroffizieren geweckt wurden und im Schlamm herumkriechen mussten. Als dein Marschbefehl kam und ich nicht mitkommen durfte, hast du mir geholfen. Du hast den Offizieren Texte vorgelesen und dabei immer auf mich gezeigt. Dann hast du mir auf die Schulter geklopft und wir haben zusammen aus einer Flasche getrunken. Du warst sehr froh und ich habe versucht stolz auf dich zu sein. In der ganzen Zeit habe ich nach einem Zweifel in deinen Augen gesucht. Ich habe nur ein wenig Verlorenheit in ihnen gesehen. Jetzt bin ich sehr sicher, daß du gezweifelt hast. Ich kam mir mit dem Gewehr und dem schweren Gepäck immer etwas dumm vor, erst recht als du meinen Rucksack im schweren Gelände auch getragen hast. Wenn du und die Kameraden nachts am Feuer saßen, habe ich mich schlafend gestellt. Egal, was die anderen auch über mich sagten, du hast mich immer glühend verteidigt. Meistens hast du dann deine Texte herausgeholt und wieder Landkarten vor den anderen ausgebreitet. Deinen Augen haben sie alles geglaubt. Wir hatten erst nach etwa zwei Monaten den ersten Feindkontakt, alles ging sehr schnell, du hast mich wie immer geweckt und mir mein Gewehr in die Hand gedrückt. Sie greifen immer im Morgengrauen an, hast du noch gesagt. Ich bin sitzen geblieben und du hast mich geschüttelt. Komm. Komm!


Ich hab den Donner und die Wucht der Aufschläge von Granaten und das feindliche Feuer gehört und das Funkeln in deinen Augen gesehen. Und wirklich, ich bin dir gefolgt und habe deine Kameraden gesehen, wie sie liefen und wie sie fluchten. Und viele, die starr ihr Gewehr umklammerten mit bleichen Fingern. Und schossen, in die andere Richtung und ich lag neben Dir und habe auch geschossen. In die andere Richtung. Dabei hast du mir zugelächelt und wieder etwas gesagt. Ich konnte es nicht hören, weil die anderen auch geschossen haben, in unsere Richtung. Am besten erinnere ich mich daran, daß immer wieder etwas Sand neben uns aufspritzte und ich und du hatten die ganze stolze Uniform voll Dreck und in den Haaren hatten wir auch Dreck und mir war alles gleichgültig und ich schoss immer weiter in den Tag und musste Lachen und schaute dich an und du hast auch gelacht. Wir lachten und schossen und neben uns weinten einige Kameraden und du hast mir immer wieder genug Munition gegeben, damit wir weiterschießen und weiterlachen konnten. Als dann Ruhe war und die Sonne uns richtig gut beleuchtete, ich konnte sogar kurz die ganzen getöten Kameraden sehen, hast du mich umarmt und geweint. Ich habe dich auch umarmt. Einen Tage später, am Abend hatten wir wieder eine Flasche geleert und endlich geschwiegen, wurde ich versetzt. Diesmal hast du mir nicht geholfen. Ich ging und du hast dich verabschiedet. Keine großen Worte hast du gesagt, und mir war auch nicht nach großen Worten. Ich habe grade die Feldpost bekommen und von dir eine Handvoll Orden und einen Brief an Mutter, sie soll sich keine Sorgen machen. Und einen kleinen Stapel von losen Blättern. Alles meine Handschrift, alles meine Worte.

2Brüder  

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