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FLEDERMAUS Horror- und Phantastik-Zine Grusel-Serie von JÜrg Herbig Ersterscheinung 2011 63263 Neu-Isenburg D.I.Y. Leseprobe Fledermaus Nr. 1 – 5 (Ausschnitte) Layout nicht originalgetreu


FLEDERMAUS Nr. 1


Jörg Herbig Die Raupe >>Warum isst du immer nur Obst?<< Der kleine, schwarzhaarige Junge blickte seine Erzieherin neugierig an. Ich saß zwei Meter von ihnen entfernt und wartete gespannt auf die Antwort meiner Kollegin. Sie reagierte nicht, stattdessen schob sie sich ein weiteres Stück Apfel von ihrem reichlich

gefüllten Teller in den Mund. Sie schmatzte. Gewöhnlich bin ich in solchen Dingen nicht sonderlich empfindlich, aber dieses penetrante Schlürfen und Quietschen drehte mir beinahe den Magen um. Es hörte sich an, als liefe jemand mit Gummistiefeln durch knöcheltiefen Morast. Ich nahm meine Kaffeetasse vom Tisch, trank einen Schluck und

schaute gelangweilt aus dem Fenster. An meinem Zivildienst im städtischen Kindergarten in Darmstadt gab es nicht viel zu meckern, höchstens vielleicht am Kaffee (wir waren alle keine begnadeten Kaffeekocher) und an Marianne, der molligen, Obst verschlingenden Erzieherin, die mich und die gesamte Männerwelt hasste.


Anfangs suchte ich die Gründe für ihr Verhalten noch bei mir selbst, aber mit der Zeit durfte ich feststellen, dass sie ausnahmslos alle Männer, die in der Einrichtung auftauchten, entweder unfreundlich oder wie Luft behandelte – Zivis, Hausmeister, Postboten, die Väter der Kinder. Der Junge verlor das Interesse an seiner Frage über das Obst, packte seine Brotdose ein und lief mit

Rucksack auf dem Kopf aus dem Essensraum. Jetzt waren nur noch Marianne und ich dort. Ich verspürte den Drang, etwas zu sagen, mich zu unterhalten, eine Phrase über das Wetter zu verlieren – das Schweigen, wie auch immer, zu beenden. Es gibt Menschen, bei denen macht es mir nichts aus, wenn eine Weile nicht geredet wird, bei Marianne jedoch gruselte es mich.

>>Steffen!<< Ich drehte meinen Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Eine in Jeans und Sweatshirt gekleidete Frau stand lächelnd in der Tür. Die Leiterin des Kindergartens. Zwei oder drei Jahrzehnte älter als ich, aber humorvoll und mit einer atemberaubenden Figur. Wie sehnte ich mich danach, ihre Hand wieder einmal auf meinem Arm oder Bein zu


fühlen. Es hatte nichts zu bedeuten, aber ich liebte es trotzdem, wenn sie mich während eines Gesprächs beiläufig berührte. >>Unten im Keller steht ein Karton mit Partybeleuchtung<<, sagte sie. >>Bist du so gut – und holst ihn herauf?<< Ich fand es toll, dass sie mich fragte, selbst wenn es nur aus Höflichkeit war. Botengänge gehörten mit zu meinen

Aufgaben; da gab es für mich nichts zu überlegen, aber der Ton machte schließlich die Musik – ich konnte bestens darauf verzichten, herumkommandiert zu werden. >>Meine Pause ist sowieso gerade zu Ende<<, antwortete ich, kippte mir den Rest meines lauwarmen Kaffees in den Rachen und stand eilig von dem winzigen Kinderstuhl auf.

Plante sie womöglich, mich dort unten zu verführen; sollte ich deshalb in den Keller kommen? Immerhin würde uns da keiner hören. >>Du brauchst Steffen nicht zu schicken, Ursula. Ich gehe in fünf Minuten sowieso in den Keller.<< Ich sah Marianne überrascht an. Sie glotzte ausdruckslos auf ein Stück Erdbeere in ihrer Hand.


Hatte dieses Biest das wirklich gerade gesagt?


Ich schwankte innerlich zwischen Zorn und Verwunderung. In den zurückliegenden Monaten hatte Marianne keine noch so kleine Freundlichkeit für mich übriggehabt, und auf einmal wollte sie mir einen Gefallen tun. Wie passte das denn? Probierte diese Schlange etwa zu verhindern, dass Ursula und ich – >>Ich mache es gerne<<, mischte ich mich ein.

Meine Chefin streichelte mir über den Arm und entschied, dass ich zusammen mit Marianne in den Keller gehen solle. Ich stach genüsslich mit einem imaginären Fleischermesser auf meine Kollegin ein, während ich auf sie wartete und mir die Zeit mit einem Tagtraum vertrieb. Nach einer halben Ewigkeit war sie endlich fertig, räumte ihren Teller weg

und ich folgte ihr hinunter. Es war das erste Mal, dass ich den Keller betrat. Ich vermutete, dass es dort unten nach Staub und Sägespänen riechen würde, nach Holzlack und Fahrradöl, schlimmstenfalls nach Mäusepisse, aber was mir am Ende der Treppe in die Nase stieg, erinnerte viel mehr an eine tote Katze – es stank nach Fäulnis und Verwesung, nach Moder. Verdammt, es stank nach


einem ganzen Raum voll toter Katzen. Mühsam einen Würgereiz unterdrückend hetzte ich hinter Marianne her. Sie wirkte völlig unbeeindruckt von der Möglichkeit, dass irgendwo hinter einem der vielen Regale oder zwischen all dem Krimskrams ein verendetes Tier vor sich hingammelte. Bemerkte sie den Geruch denn gar nicht? Oder kannte sie ihn bereits? >>Da ist der Karton<<,

meinte sie, nachdem wir einige Gänge und Abzweigungen hinter uns gebracht hatten. Der Keller schien sich über die gesamte Grundstücksfläche hinzuziehen. Es gab offenbar nur einen einzigen, riesigen Raum, aber mannshohe Stapel aus Spielsachen, Lehrmaterialien, Bastelutensilien und Sperrmüll unterteilten ihn zwangsläufig in unzählige kleine Kammern; dazwischen ein

Labyrinth aus zufällig entstandenen Wegen. >>Schnapp dir den Kram und verschwinde!<<, drängelte Marianne und trat demonstrativ gegen einen großen Umzugskarton, der in einer dunklen Ecke auf dem Fußboden stand. Ich nickte und widmete mich dem Karton. Hastig entknotete ich ein Kabel, das aus den oberen Klappen heraushing und


sich mit dem Kabel eines herumstehenden Fernsehgeräts verheddert hatte. Schnell zurück an die frische Luft, dachte ich die ganze Zeit. Marianne ließ mich allein, und bald hörte ich sie in einem anderen Teil des Kellers im Gerümpel wühlen. Oder kamen die Geräusche möglicherweise von Ratten, die gerade das Aas wegschleppten?

Eine Sekunde lang schwankte ich zwischen Ekel und Neugier. Wollte ich wirklich die Überreste einer toten Katze sehen? Dann gewann das Gefühl der Neugier. Leise schlich ich auf das Geräusch zu. Ein Rascheln und Scheppern drang aus der Stille, und mit jedem Schritt, den ich näher kam, verstärkte sich der fürchterliche Pestilenzgestank. Dann sah ich diese Höhle mit dem Buch.

Ich hatte eine Menge Schrott zur Seite geschoben, da gelangte ich am Rand des Kellers zu einer Art Versteck. Einem Unterschlupf, wie ihn Kinder bauen würden. Irgendeiner hatte zwei alte Kleiderschränke und ein wackliges Bücherregal so aneinandergestellt und mit Wolldecken zugehängt, dass es einen kleinen Raum bildete. Kaum größer als ein Fahrstuhl. Brennende Kerzenstummel


tauchten die Kammer in ein unheimliches Licht, als ich durch einen schmalen Spalt hineinsah.

wahrscheinlich in Wirklichkeit war – in diesen Minuten wie ein Presslufthammer in meinen Ohren.

Auf einem selbstgebasteltem Altar lag ein aufgeschlagenes Buch. Ein Tonkelch mit einer schwarzen Flüssigkeit stand daneben.

Die Vorderseite der Schränke zeigte nach innen. Einer war halb geöffnet.

Fliegen schwirrten durch die dicke, süßliche Luft des unheiligen Tempels, und ihr Brummen dröhnte – so unscheinbar und leise es

Von einer grauenhaften Faszination ergriffen wagte ich mich in die Höhle hinein, um an der Schranktür vorbei in dessen Inneres blicken zu können. Ich schrie wie ein Schuljunge, kaum dass ich mich weit genug

vorgebeugt und im selben Moment in das Antlitz einer bizarren Kreatur gestarrt hatte. Einer Mischung aus Mensch und Raupe – mit schwarzschimme rnden, regungslosen Insektenaugen und zuckenden Greifzangen am sabbernden Maul. Ein Raupenkopf, groß wie eine Suppenschüssel, saß auf dem Körper einer Frau. Es war Mariannes Körper. Ich erkannte ihre


Strickjacke. Sie war es. Aber es war nicht ihr Kopf. Ich sprang entsetzt zurück, verlor das Gleichgewicht und fiel rücklings in das marode Bücherregal, das augenblicklich in sich zusammenbrach. Zahllose Wolldecken landeten auf dem Fußboden, auf den Kerzen – auf meinem Gesicht. Ich brüllte wie am Spieß und schlug die Decken von mir weg.

Ich hatte Panik, einen Angriff nicht abwehren zu können, blind zu sein, zu ersticken. Dann musste ich sehen, was ich nicht sehen wollte. Die Schranktür öffnete sich ganz, und das groteske Wesen kam in all seiner Widersprüchlich keit zum Vorschein. Es rührte sich nicht, doch mein Verstand begriff, dass nur einer von uns beiden den Keller lebend verlassen würde.

Erst jetzt sortierten sich meine Gedanken wieder, und ein weiteres Grauen erschloss sich mir – etwas, das längst für mich sicht-, aber nicht fassbar gewesen war, die Erkenntnis, was das Monster hinter sich im Kleiderschrank verbarg. Die grausam deformierte Frau, die dort in einem sargähnlichen, mit Erde gefüllten Blumenkasten lag, würde nie mehr ein Kinderlachen hören, nie


mehr Musik, nie mehr ein >>Ich liebe dich<<. Nie mehr sagen: >>Lana, jetzt komm endlich!<< Die Tote erinnerte nur noch entfernt an die verschollene Mutter der kleinen Svetlana. Vor knapp einem Monat war sie nach einem Elterngespräch mit Marianne spurlos verschwunden. Es waren eindeutig ihre Klamotten, ihre Halskette, ihre künstlichen Fingernägel.

Was hatte Marianne ihr nur angetan? Was sollte das? Wie hatte das Monster es bloß geschafft, sie derart zu entstellen? Svetlanas Mutter verwandelte sich offenbar in Obst. Sie hatte ohne Zweifel Weintrauben anstelle von Haaren, eine Erdbeere als Mund – einen überdimensionalen Apfel, wo ihr Becken, ihr Arsch normalerweise sein müsste.

Plötzlich dachte ich an Marianne, wie sie Tag für Tag im Essensraum gesessen hatte (und vielleicht auch in Zukunft sitzen würde) – mit einem randvoll gefüllten Obstteller vor sich stehend und ekelhaft schmatzend. Mir wurde schlecht, und ich übergab mich schwallartig auf den Fußboden. Ich bemerkte, dass neben mir Rauch aufstieg und Flammen züngelten, aber es interessierte mich nicht. Ich


erlebte alles wie in Watte gepackt. Mein Instinkt hämmerte in Todesangst auf jede einzelne meiner Alarmglocken, doch erst mein Selbsterhaltungs trieb hievte mich mit letzter Kraft auf die Beine. Träge taumelte ich davon. Ich achtete auf nichts und niemanden, lief einfach nur weiter, immer weiter und weiter, bis ich wie durch ein Wunder die Treppe erreichte.

Ich kletterte auf allen Vieren nach oben, griff nach der Türklinke wie nach dem berühmten letzten Strohhalm und stieß die Tür mit aller Wucht auf. Dann trafen mich wie aus dem Nichts zwei harte Schläge auf den Rücken und auf den Hinterkopf. Ich kippte zur Seite und blickte in ein bleiches, maskenhaftes Frauengesicht. In Mariannes Gesicht. Ich weiß nicht warum, aber ich

lachte über den verbeulten Tennisschläger in ihrer Hand. >>Das hat jetzt aber wehgetan<<, sagte ich vorwurfsvoll – das Nächste, an das ich mich erinnere, ist, wie ich in einem Krankenwagen aufwache und ein Martinshorn ertönt. Ich wollte dem Sanitäter berichten, was passiert war, doch er verbot mir zu reden, und daran habe ich mich gehalten. Bis heute.


Nach meiner Genesung leistete ich meinen Zivildienst im gleichen Kindergarten weiter, aber ging Marianne fortan möglichst aus dem Weg und setzte keinen Fuß mehr in den Keller. Meine Version der Ereignisse passte in so gut wie keinem Punkt mit dem überein, was mir an Theorien und Geschichten über das Feuer um die Ohren gehauen wurde. Angeblich war alles die Folge

einer defekten Stromleitung gewesen. Nicht mehr und nicht weniger. Es wurde auch nichts von einer Leiche im Keller erwähnt, also, schwieg auch ich darüber – und über Mariannes wahre Identität. So wurde ich unfreiwillig zu ihrem stillen Komplizen. Als Kind musste ich mit ansehen, was sie mit einem Menschen machen, der angeblich den Verstand verloren hat – das wollte ich

auf keinen Fall selbst erleiden. Ich stellte mich einfach unwissend, wenn hin und wieder nach einer entführten Frau gesucht wurde.


Jörg Herbig Die Göttin des Glücks Die schwachen Frühlingssonnenstrahlen richten nur wenig gegen die morgendliche Kälte aus, aber ihre zufälligen Spiegelungen in Kochtöpfen, Gürtelschnallen und auf der beinahe glatten Wasseroberfläche des Mains verlangsamen dennoch meine Schritte und vertreiben zunehmend meine übliche Eile.

>>Katzensarkophag – mit echter Katzenmumie – dreitausend Jahre alt<<, wiederholt der Händler, als ich an seinem Flohmarktstand die hölzerne Skulptur einer Katze aufmerksam begutachte. Ich bin überzeugt, dass er mit seiner makaberen Geschichte nur den Preis in die Höhe treiben will, trotzdem finde ich an dem kunstvoll gestalteten Stück schnell Gefallen.

>>Echtes Tempelopfer zu Ehren von Bastet – ausgegraben 1888 – kaufen Sie, kaufen Sie! << Der Geburtstag meiner Frau Alex rückt näher, und die Suche nach einem geeigneten Geschenk erweist sich wie gewöhnlich als äußerst schwierig. An zwei Abenden bin ich bereits durch die Kaufhäuser und Juweliergeschäfte von Frankfurt getigert, aber ohne einen nen-


nenswerten Erfolg. In so Momenten beneide ich meine Freunde und Arbeitskollegen, die schon vor Jahren mit ihren Ehefrauen einen Pakt geschlossen haben, sich gegenseitig nichts mehr zu Weihnachten und zum Geburtstag zu schenken. Eine in der UBahn zufällig belauschte Unterhaltung zwischen zwei Studentinnen brachte mich schließlich auf

die Idee, am Samstag auf den Flohmarkt zu gehen, um dort nach einer originellen Überraschung Ausschau zu halten. Vielleicht würde ich zumindest etwas Schönes für ihr Hobby entdecken, hoffte ich. Meine Frau Alexandra redet nur selten darüber, aber ihre große Leidenschaft ist das alte Ägypten. Sie kauft jedes Magazin, in dem ein Artikel darüber zu finden ist, besitzt

eine Dauerkarte fürs Historische Museum und liest selbst die dicksten und trockensten Geschichtsbücher über die Zeit der Hieroglyphen und Pharaonen. In den Anfangstagen unserer Liebe habe ich ein paar Mal versucht, sie mit halbseidenen Gesprächen über Mumien und Pyramiden zu beeindrucken, aber es ist ihr sichtlich unangenehm gewesen; sie hat immer sehr schnell das Thema


gewechselt, seitdem lasse ich es einfach bleiben und beschränke mich darauf, sie nicht zu stören, wenn sie ihrer süßen kleinen Obsession nachhängt. >>Original Mumie aus Ägypten – ursprünglich aus Sakkara – nicht weit weg von Kairo – kaufen Sie, kaufen Sie! << In einem fast hypnotischen Singsang bietet der junge Mann seine Ware feil. Ich persönlich kann mit dieser

toten Epoche überhaupt nichts anfangen, aber als Inspiration für Notfallgeschenke kommt sie mir hin und wieder durchaus gelegen. Als Notfallgeschenke bezeichne ich all jene Geschenke, die ich auf den letzten Drücker und aus purer Verzweiflung kaufe, quasi, wenn mir nichts besseres einfällt. Die billige Nachbildung eines ägyptischen Katzensarkophags wäre

zweifelsohne ein sogenanntes Notfallgeschenk. >>Gute Qualität – kaufen Sie, kaufen Sie!<< Ich gebe mir einen Ruck und erwerbe die alte Holzschnitzerei für einen zweistelligen Betrag. Hübsch ist die Katze allemal – mit ihrem vergoldeten Kopf und dem weiß angemalten Körper. Der Verkäufer wickelt sie in Zeitungspapier ein und überreicht sie mir mit


geschäftiger Miene. Zuhause verstecke ich die Einkaufstüte mit dem angeblichen Sarg in der hintersten Ecke meines Kleiderschranks und beachte sie in den kommenden Tagen nicht weiter. Erst am Vorabend von Alexandras Geburtstag hole ich sie in einem ungestörten Moment heraus und setze mich auf unser Ehebett – Schere, Klebeband und Geschenkpapier

neben mir auf dem Kissen liegend. Die Katzenskulptur wiegt in etwa so viel wie zwei oder drei übereinander gestapelte Milchpackungen und ist kaum größer als eine Tüte Popcorn. Etwas breiter natürlich, aber unwesentlich. Ich fahre mit dem Zeige-finger eine feine Linie entlang, die genau zwischen den Augen vertikal rund um die Katze verläuft und die beweist, dass die

Skulptur aus zwei gleichen Holzhälften besteht. Mich fröstelt es bei dem Gedanken, dass dieses Ding tatsächlich eine mumifizierte Katze enthalten könnte. Falls ja, überlege ich, muss das Tier außerordentlich eng zusammengeschnürt sein. Mit ausgekugelten, an den Körper gepressten Beinen. Ich verzichte darauf, den Sarkophag gewaltsam zu


öffnen, und packe ihn stattdessen hastig in das rote Geschenkpapier, das ich bereit gelegt habe, ein.

kapiere nicht, wie sie plötzlich zu der Annahme kommt, es würde ausgerechnet jetzt gelingen.

Erleichtert stelle ich am nächsten Morgen fest, dass meine Frau sich über die Katze sogar freut.

Alex bemerkt meinen fragenden Blick und ergänzt schnell, was die ägyptische Mythologie über Katzen verrät.

Die Priester hatten Katzen aus dem Grund in Massen gezüchtet, getötet und mumifiziert an die unzähligen Pilger verkauft, die sie im Tempel als Fleischopfer für die Gottheit zurückließen.

>>Wenn es jetzt nicht klappt mit einem Baby<<, sagt sie. >>Dann hilft uns gar nichts mehr!<<

Offenbar waren die alten Ägypter der Ansicht gewesen, dass Katzen die Fähigkeit besitzen, mit ihrem Miauen zu Bastet, der Göttin des Glücks und der Fruchtbarkeit,

Eine strangulierte Katze war damals also nicht zwangsläufig etwas Grausames oder Ekliges, sondern brachte unter Umständen Glück.

Ich bin verwirrt. Gut, wir wünschen uns seit fünf Jahren ein Kind, aber ich

Kontakt aufzunehmen.


Meine Frau möchte eine Stelle in unserem Schlafzimmer für den Sarkophag auswählen, aber das ist mir zu viel des Guten. >>Ich habe keine Lust, mir von einer toten Katze beim Vögeln zusehen zu lassen<<, protestiere ich. Alex fasst mir lachend in den Schritt und beendet das Wortspiel mit der Frage, ob ich Angst um meine Eier hätte. Mein Geschenk erhält einen Ehrenplatz im Wohnzimmer,

und eine Weile wirkt die Mumie wie ein Aphrodisiakum auf meine Frau. In jeder freien Minute haben wir Sex.

Ihre Vorfreude auf ein Baby steigt ein halbes Jahr lang mit jedem bepinkelten Schwangerschaft stest ins Unermessliche, aber – obwohl wir uns ärztlich haben bestätigen lassen, dass wir beide so zeugungsfähig wie nur menschenmöglich sind – bleibt es bei >>Nicht schwanger<<. Von Monat zu Monat wird es wieder seltener mit den Tests und schließlich auch mit unseren Liebesspielen.


In einer eiskalten Nacht Anfang Januar wache ich mit heftig klopfendem Herzen auf. Ich habe nichts Schlimmes geträumt, soweit ich mich im Halbschlaf entsinnen kann, dennoch krabbelt mir die Furcht wie eine fette, haarige Spinne den Rücken hoch. Die Leuchtziffern des Radioweckers stehen auf drei Uhr. Ich höre neben mir im Bett das

Atmen meiner Frau. Es klingt angestrengt. Fast so, als hätte sie Schmerzen oder Geschlechtsverk ehr oder würge etwas, das ihr im Hals stecke, herauf. Im matten Licht des Radioweckers sehe ich, dass ihre Augen geschlossen sind. Sie macht – bis auf das Stöhnen – nicht den Eindruck, dass es ihr schlecht geht. Auf einmal bewegen sich ihre Lippen.

Erst nur stumm, dann dringen unverständliche Laute aus ihrem Mund hervor. Ich erkenne ihre vertraute Stimme, aber es liegt auch etwas Fremdes, Unbekanntes, Unheimliches in ihr, beinahe so als würde sie in verschiedenen Tonhöhen gleichzeitig reden. >>Bastard!<<, entschlüssele ich nach einer Weile ihr Kauderwelsch. Immer wieder dieses eine Wort: >>Bastard!<<


Ich rüttele Alex zunächst sanft, dann kräftiger an der Schulter, aber sie ist einfach nicht wach zu kriegen.

will ihr beim Frühstück davon erzählen, aber verzichte dann angesichts ihrer guten Laune doch darauf.

Erst nachdem ich meine Nachttischlampe anschalte und für helles Licht im Zimmer sorge, verstummt sie endlich.

Ich versuche, es als erledigt zu betrachten und nicht mehr daran zu denken, aber ihr nächtlicher Kampf lässt mich trotz allem nicht los. Mich quält die Ahnung, dass es mehr zu bedeuten hat – vielleicht gibt es etwas, das sie mir nicht zu sagen wagt, vielleicht bedroht oder belästigt sie jemand und sie

Ihre Atmung entspannt sich, und für den Rest der Nacht schläft sie vollkommen ruhig. Am nächsten Morgen denke ich viel über den Traum meiner Frau nach. Ich

teilt es mir auf diese Weise unbewusst mit. Abends nach der Arbeit drehe ich durch das viele Grübeln und Sorgenmachen völlig am Rad und komme beim Blick auf die Mumie zu dem verrückten Hirngespinst, dass Alexandra gar nicht Bastard sondern den Namen der ägyptischen Göttin Bastet gerufen haben muss. Ich stelle mich lesend und gebe vor, noch nicht müde zu sein, als


meine Frau gegen Mitternacht vom Sofa aufsteht und fragt, ob ich ebenfalls schlafen gehe. Ich verneine und bl채tterte zum Schein eine Seite in meinem Buch um. Geduldig warte ich darauf, das Wohnzimmer f체r mich allein zu haben.


Kaum liegt Alex eine Viertelstunde im Bett, hole ich mein Klappmesser aus der Schublade und widme meine ganze Aufmerksamkeit ihrem katzenförmigen Sarkophag. Das Holz knarrt und splittert leicht, als ich ihn mit dem Messer an der feinen Linie entlang aufhebele. In seinem Inneren offenbart sich ein künstlicher Hohlraum, nicht viel größer als das braune

Leinenbündel, das darin verborgen liegt. Ich räume unseren Wohnzimmertisch von Krimskrams und Zeitschriften frei, schmücke ihn als Opferaltar, lege vorsichtig die Mumie in dessen Mitte und ritze mir einen ungewollt tiefen Schnitt in die linke Handfläche. Meine Blutstropfen bilden auf den uralten Stoffbinden der Katzenmumie wie von selbst ein geheimnisvolles Zeichen, das

genau in dem Moment spurlos verschwindet, in dem ich Bastet um ein Baby für meine Frau und mich angefleht habe. Einen Monat später sitzt eine fremde Katze morgens kurz vor Sonnenaufgang miauend auf unserem Balkon – mit weißem Körper und rötlich schimmerndem Fell an Kopf und Schwanzspitze. Ihr durchdringendes, Mitleid erregendes Rufen hat mich von der Küche bis hin zum


Wohnzimmerfenster gelockt. Zaghaft öffne ich die Balkontür und beuge mich zu ihr hinunter. >>Na, wer bist denn du?<<, frage ich die Katze, während ich ihr über den Kopf streichele. Sie scheint es zu genießen. >>Verrätst du mir, wie du es zu uns in den fünften Stock heraufgeschafft hast? Oder bist du von oben heruntergefallen?<< Die Katze schnurrt, als ich

ihr den Nacken kraule. Ihr wunderschönes Fell hat starke Ähnlichkeit mit dem bemalten Katzensarg. >>Schickt dich etwa Bastet als Geschenk für uns – anstatt eines Babys?<< Die Katze miaut, huscht zwischen meinen Beinen hindurch und schlüpft in die Wohnung. Ich laufe ihr hinterher und erblicke sie nach einigem Suchen im Schlafzimmer – auf dem Arm meiner Frau.

Alexandra hat sie sofort ins Herz geschlossen und sich mehr über ihr Erscheinen gefreut als gewundert. Sie besteht darauf, dass wir die Kleine behalten, bis wir ihren Besitzer ausfindig gemacht haben. Es ist schön, meine Frau so glücklich zu erleben; sie liebt dieses Tier vom ersten Moment an wie ein eigenes Kind. Wir melden uns entgegen unserer Pläne nicht bei unseren


Nachbarn, doch unser schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen.

dass sie gelegentlich wie vom Erdboden verschluckt ist.

Die Katze – meine Frau gibt ihr den Namen Cleopatra – hat es gut bei uns; sie wird Teil unserer Familie.

Sie darf nicht aus der Wohnung, trotzdem ist Cleopatra oft für Stunden weg.

Eine Schwangerschaft klappt weiterhin nicht, dennoch fühlen wir uns mit einem Haustier unter unserem Dach endlich wie Eltern – wie Vater und Mutter. Zunächst äußert sich Cleopatras Andersartigkeit nur dadurch,

Wir durchstöbern anfangs noch jede Ecke nach ihr, doch schließlich geben wir auf und gewöhnen uns mit der Zeit an ihre merkwürdigen Ausflüge. Am Freitag, den dreizehnten August, legt sie mir nach an einem ihrer

mysteriösen Expeditionen plötzlich eine tote Maus vor die Füße. Ich erschrecke und möchte Cleo am liebsten anschreien, aber ich beherrsche mich und lobe sie stattdessen – genau, wie ich es in einem Ratgeberbuch gelesen habe. Zwei Tage später trägt Cleopatra etwas Gelbes in ihrem Maul. Ich erschaudere, als ich es bemerke und sie damit zu mir aufs Sofa springt.


Stolz legt sie mir einen toten Kanarienvogel in den Schoß.

ernsthaft, dass ich mich bei dem Mistvieh entschuldige.

Diesmal reagiere ich nicht im Geringsten beherrscht, sondern werfe die Katze im hohen Bogen von mir weg. Ich tobe regelrecht und schlage vor Wut und Ekel mit einer Zeitung auf sie ein.

Ich soll mich entschuldigen – ich? Was kommt als nächstes – Cleo den Arsch abwischen?

Meine Frau kommt erschrocken aus dem Bad gerannt und wirft sich schützend vor Cleo.

Cleopatra hat sich wieder einmal in Luft aufgelöst, und meine Frau Alexandra besucht gemeinsam mit ihrer besten Freundin einen

Sie beschimpft mich und verlangt

Ich sage nur: Stellungskrieg. Am folgenden Abend bin ich zum Glück allein zu Hause.

Bauchtanzkurs an der Volkshochschule. Ich drücke mich mit einer Flasche Bier vor dem Fernseher herum und verfolge die erste Halbzeit eines Fußballspiels. Meine Konzentration gleicht der eines ADS-kranken Kindes. Unsere Ehe steht spürbar auf der Kippe. Dieser Streit ist kein gewöhnlicher Streit – das ist heftiger als sonst. Es ist kurz nach dem Eins zu Null, als ich aus dem


Augenwinkel einen Schatten wahrnehme, der sich über den Teppich bewegt. >>Wenn das nicht unser kleiner Killer ist! <<, begrüße ich die zurückgekehrte Katze. Sie miaut, als würde sie mir antworten, dann dreht sie sich weg, senkt ihren Kopf und kommt rückwärts auf mich zu. Sie zieht offenbar etwas hinter sich her. Etwas Schweres. >>Was hast du denn da?<<

Ich erkenne eine winzige Hand in ihrem Maul. Es ist nur eine Puppe, denke ich, nur eine Puppe – es ist keine Puppe. Es ist keine Puppe! Ich entdecke Blut an Cleos Pfote, dann einen bleichen, schlaff herunterhängenden Kinderarm, einen blauen Strampelanzug, Kratz- und Bisswunden in einem starren Jungengesicht. Ich fühle mich am Rande eines Nervenzusammenbruchs,

packe die Katze wortlos am Genick und schleudere sie weinend vom Balkon. Ihr verebbender Schrei klingt wie ein Lachen in meinen Ohren. Das Monstrum landet auf seinen Beinen, humpelt über den Rasen und versteckt sich im Gebüsch. Seit zwei Stunden und elf Minuten sitze ich nun mit einem toten Säugling im Arm auf unserem Sofa, wage nicht die Polizei anzurufen und warte auf meine


Frau. Was wird sie sagen, wenn

sie heimkommt â&#x20AC;&#x201C; auĂ&#x;er:

>>Sebastian!<<


FLEDERMAUS Nr. 2


...


Jörg Herbig Nachricht aus Rehgib 1. Lieber Empfänger meiner Flaschenpost, in tiefster Not schreibe ich diese Zeilen. Eine Rettung meines Lebens wage ich nicht zu erhoffen. Vielmehr

ersehne

ich

einen

erlösenden,

wahren,

endgültigen, unwiderruflichen Tod. Ich spüre, wie das Schwarze

Gift

meine

Adern

durchströmt,

jeden

meiner Sinne schärft und meine Gedanken verwirrt. Frau und Kind wurden mir genommen. Freunden bin ich nun ein Feind. Der Rote Nebel vereitelt jede Flucht. Meine letzte gute Tat soll diese Flaschenpost sein. In ihr sende ich dir so viele meiner Zeitungsartikel aus

den

vergangenen

Wochen,

wie

ich

noch

auftreiben konnte. Sie dokumentieren den Untergang von Rehgib. Lies oder stirb! Herzlichst, Claus


2. Was geht in einem Menschen vor, der billigend den Tod eines kleinen Kindes in Kauf nimmt? Bei einem Anschlag auf die Segenskirche erlitt am Samstag ein zehn Monate alter Säugling schwerste Verletzungen an Kopf und Hals. Bei einer Taufe wurde er mit hochprozentiger Schwefelsäure übergossen. Unbekannte hatten die gefährliche Substanz in das Taufbecken der Kirche gefüllt, in das Pfarrer Matthias B., 54, nichtsahnend seine Kupferkanne eintauchte und dem Kind beim Aufsagen der Taufformel die Flüssigkeit über die Stirn goss. Ärzte der Sonnenklinik konnten das Leben des Säuglings vorerst retten, dennoch schwebt er weiterhin in Lebensgefahr. 5. Was als harmlose Unterhaltungssendung gedacht war, endete in einer schrecklichen Katastrophe. Ein missglückter Zaubertrick versetzte mindestens 10.000 Fernsehzuschauer dauerhaft in Hypnose. Rund 3,5 Millionen Menschen sahen am vorletzten Samstag Wahrheit oder Pflicht, die neue Show von Thomas Schlindwein. Zu Gast waren die Schauspielerin Serena Ludolf, Radsportlegende Tim Luft und der Sänger Martin Terpentin. Höhepunkt des Abends stellte ein Auftritt


des Magiers Peter Hahn dar – den älteren Zuschauern vermutlich besser bekannt unter dem Namen Der große Pethah. In den 1970er feierte er einige Erfolge. Besondere Attraktion seines aktuellen Bühnenprogramms ist eine Hypnose-Nummer, die er mit den Zuschauern zuhause vor den Bildschirmen durchführt. Tatsächlich gelang es ihm, einen Teil des Publikums vor den Fernsehern in seinen Bann zu ziehen, wie sich nach der Sendung zeigte, doch das anschließende Zurückholen aus der Trance scheiterte. Im Normalfall wäre das nicht weiter schlimm, erklärt DiplomPsychologin Inga Dreher: >>Wird eine Trance nicht aufgelöst, so entwickelt sich daraus ein gewöhnlicher Schlaf, aus dem der Proband von selbst wieder erwacht.<< Auch sei eine Spontanauflösung durch beispielsweise ein lautes Geräusch möglich. Sie warnt vor einer unnötigen Panikmache und rät, im Zweifelsfall einen Arzt hinzuzuziehen. Letzteres haben bereits 10.483 besorgte Angehörige getan. Knapp ein Viertel der hypnotisierten Familienmitglieder wurden daraufhin zur weiteren Behandlung in Psychiatrien aufgenommen. Wodurch die Hypnose des Großen Pethah neben dieser bemerkenswerten Hartnäckigkeit auch eine ungewöhnliche Robustheit gegen Medikamente aufweist, konnte selbst nach 12 Tagen nicht geklärt werden. Besorgniserregend ist zudem die Dunkelziffer: Wie viele Menschen sind ebenfalls in jenem Trancezustand gefangen, aber wurden bisher nicht gefunden? Es ist zu befürchten, dass wir in den kommenden Wochen mit zahlreichen verdursteten Menschen zu rechnen haben.


6. Eine schreckliche Entdeckung machten gestern Nachmittag zwei Schüler aus Rehgib in der ehemaligen Brotfabrik. Beim Durchstreifen des leerstehenden Gebäudes stießen sie in den Kellerräumen auf den Leichnam einer enthaupteten Frau. Der Körper lag entkleidet auf einer scheinbar aus Schrottresten zusammengeschweißten Guillotine. Bei einer Hausdurchsuchung fand die Polizei die Kleidung der jungen Frau, doch gibt die Stelle aus ermittlungstaktischen Gründen vorerst nicht bekannt. Hintergrund der Tat ist möglicherweise ein diabolisches Rollenspiel. Wie die Polizei mitteilte steckten in den Hosentaschen des Opfers drei zusammengeknüllte Zettel mit merkwürdigen Anweisungen. Alle Nachrichten sind handschriftlich und in blauer Tinte verfasst. Die Polizei bittet die Bevölkerung um Mithilfe: Erkennt jemand die Handschrift des anonymen Briefeschreibers oder hat selbst Aufforderungen dieser Art erhalten? Sachdienliche Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen. Auf Zettel Nr.1 steht folgende Nachricht: Mache

heute

um

genau

Mitternacht

alle

Lichter deiner Wohnung an, wenn ich mich wieder melden soll! Auf Zettel Nr.2 ist zu lesen:


Sage heute um genau Mitternacht deinen Namen in die Gegensprechanlage, wenn ich mich wieder melden soll! Der dritte Zettel besagt: Zeige

heute

nackten

um

genau

Brüste

am

Schlafzimmers,

wenn

Mitternacht

deine

Fenster

deines

ich

mich

wieder

melden soll! Eine vierte Botschaft meint die Polizei an der Außenwand des Rehiger Amtsgerichts ermittelt zu haben; seit vorgestern befindet sich dort ein großflächiges Graffiti, das unter anderem eine schwarze Rose und einen Grabstein zeigt und das in der Handschrift des Briefeschreibers ergänzt wurde um die Worte: Ich werde da sein… Die Polizei schließt momentan weder einen tragischen Unfall noch Mord aus.


10. Ein Naturereignis der besonderen Art lässt sich seit einer Woche besonders gut von den Zinnen der Burg Falkenstein betrachten. Ein wunderschöner, roter Nebel liegt momentan über dem Moor. Beinahe hat man den Eindruck, er breite sich aus und käme jeden Tag ein Stückchen näher, was aber, laut Revierförster Hase, zum Glück nur eine optische Täuschung sei. Leider ist das Messerspitzer Moor in dem Teil, in dem sich der Nebel befindet, für Mensch und Fahrzeug unzugänglich. Hobby-Fotografen finden aber auf Burg Falkenstein eine traumhafte Aussicht auf das Spektakel.

12. Auf dem Waldfriedhof trieben am Wochenende Grabschänder ihr Unwesen. Alle insgesamt 136 Gräber wurden widerrechtlich geöffnet, die Leichname der Verstorbenen anschließend exhumiert und geraubt. Einen derartigen Fall von Vandalismus hat Friedhofswächter Jochen N., 64, bislang noch nicht erlebt, wie er am Montag der Presse mitteilt. Das Makabre an dem Diebstahl sei, dass die Grabräuber offenbar mehrere Fußspuren von Skeletten in die weiche Erde gedrückt haben. >>Gerade so, als wären die Toten von selbst aus ihren Gräbern gestiegen<<, beschreibt er die Szenerie. Hinweise auf die Täter liegen der Polizei bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht vor.


Jörg Herbig Blut Sie schließen sich wieder ein Verriegeln Türen und Fenster Bleiben zu Hause, meiden Wald Und Wiesen, Straßen und Parks Als Kinder haben sie mich bereits Gefürchtet, inzwischen wissen sie Dass ich kein Ammenmärchen bin Höre das Rauschen in ihren Adern Rieche den Duft ihres Geschlechts Der Nachtwind neckt meine Sinne Steigert meinen Appetit, ich fühle Die Vibrationen ihrer Schritte, sie leben, um für mich zu sterben, ich Erblicke sie von fern, hole sie mir


All die Mittelchen und Waffen, die Mich vertreiben oder töten sollen All die Versuche, mich zu kriegen Wirkungslos – selbstmörderisch Denn mein ist die Nacht, mein Ist das Blut und die Furcht, ich Bin die Offenbarung des Pfählers Mich können sie nicht töten, ich Bin überall und nirgends, tauche Auf und verschwinde, erwarte sie Stille an ihnen meinen Blutdurst Niemand überlebt, den mein Auge Einmal entdeckt, keiner kehrt heim Der meinen Atem im Nacken gespürt


Jörg Herbig Präzession Kein Zittern der Hand, kein Zögern Keine Wut – Konzentration, tabula rasa Die Linien im Geiste gezogen, Stille Mit leichtem Druck die Grenze passiert Atlantis steigt aus der Tiefe empor Geheimnisse hütend, Welten ernährend Es öffnet sich die Pforte aus Haut Der Weg ist frei, du kannst hindurch Tanzende Vulkane speien rotes Gold Schlangen liebkosen die eiserne Faust Im Lehrbuch des Lebens unter Tod Eine Seekarte, gezeichnet von Piraten Vollkommene Schönheit, alles mit Sinn Eine Symbiose aus Ordnung und Chaos Ein Souvenir als Krönung deiner Reise Was übrigbleibt, den Ratten ein Mahl


Jörg Herbig Fremde Schuld Der erste Schlag schmerzte Der zweite Schlag schmerzte Der dritte und der vierte Schlag Trennten das Innere vom Äußeren Der fünfte Schlag traf den Kern Der sechste Schlag brach den Stock Der siebte, achte und neunte Schlag Verhöhnten die Feuerqualen der Hölle Das vertraute Gesicht der Angst Verloren hinter Furchen des Hasses Gesprengtes Schloss, entblößte Seele Willkürliche Sühne für fremde Schuld Der zehnte und der elfte Schlag Surreale Schatten, brachen Knochen Projektionen, Lust, getauschte Rollen Der zwölfte Schlag, er brach den Blick


Jörg Herbig Frieden und Freiheit Unter den Blumen ruht ein Herz Fern des Sturmes, fern der Glut Es träumt von vergangener Süße Vermisst nichts, kennt keine Furcht Lauscht der Besucher nahe Schritte Vernimmt der Lieben Wortkristalle Geborgen in Erde und Erinnerung Eins mit Melodie und Sternenstaub


Jörg Herbig Projekt 20-15-4 (Experimente an lebenden Untoten)

Abb. 5 1. EINLEITUNG Die Existenz von Untoten zu belegen, stellt im Rahmen unserer Studie ein untergeordnetes Ziel dar. Wir dürfen uns darauf beschränken, die uns zur Verfügung stehenden Versuchsobjekte als echte Untote zu identifizieren, um unser Hauptaugenmerk auf die gründliche Erforschung ihrer Eigenschaften und Fähigkeiten zu richten. Die Klassifizierung von Untoten, auch Wiedergänger genannt, erwies sich aufgrund unterschiedlicher volkskundlicher Überlieferungen bislang als schwierig. Die Unterscheidung


der Arten orientierte sich bedingt durch eine abergläubische oder auf Unterhaltung sinnende Motivation weitestgehend an einer Kategorisierung der Wesen und einer variablen Zuordnung von Merkmalen. So finden sich allein in der Vampirmythologie unzählige voneinander abweichende Charakterisierungen, die frei veränderbar erscheinen. Beispielhaft sei hier die Entstehung eines Vampirs beschrieben. Wird ein Mensch automatisch zum Vampir, wenn er von einem gebissen wird? Oder muss der Gebissene zunächst Blut trinken, das durch die Adern des Vampirs geflossen ist? Kann der Untote womöglich entscheiden, was mit seinem Opfer geschieht? Oder entsteht ein Vampir dadurch, dass eine Katze über einen Leichnam oder ein offenes Grab springt?


Abb. 23


Nachtdienst Objekt UT003 (Aquene) schlief bis 23.40 Uhr. Stand bis Dienstende vor der Schleusent端r und kratzte mit den Pfoten an der Scheibe. Hat kein Wasser und Futter anger端hrt. KM


Traumtagebuch – Eintrag Nr. 448

Ich pflücke Blumen im Wald. Einen ganzen Blumenstrauß halte ich bereits in der Hand. Eine Blume ist schöner als die andere. Ich lege den Strauß in einen Weidenkorb, doch


der Korb hat keinen Boden. Die Blumen fallen in ein Loch. Im nächsten Moment stehe ich auf einer Waldlichtung. Vom Himmel schweben Kirschblüten in meine ausgestreckten Hände. Ich fühle einen weichen Frauenkörper in meinen Armen. Feste, kleine Brüste schmiegen sich an meinen Busen. Wir liebkosen einander. Die Frau trägt ein grünes Sommerkleid. Ihr Gesicht ist das eines jungen Mädchens. Aus ihren grünen Augen fließen rote Tränen aus Blut. Ihr Mund lächelt. Ich streichele ihre Wange, um sie zu trösten, doch meine Berührung setzt ihr zartes Gesicht in Flammen. Plötzlich springt das Feuer auf ihre Haare über. Eine Sekunde später brennt ihr ganzer Körper. Ich wache auf. Es ist 1:06 Uhr.


Stammblatt Objektnummer: UT003

Name: „Aquene“

Art: Lykanthrop Gefährlichkeitsstufe: niedrig Herkunft: Deutschland Geschlecht: weiblich Tatsächliches Geburtsdatum: --Vermutliches Geburtsdatum: ca. 1985 n. Chr. Körpergröße: 179 cm Körpergewicht: 56,3 kg Vitalzeichen: RR 108/59 mmHg P 70 Schläge/ min A 24 Atemzüge/ min Temp. 35,2°C (rektal) Nahrung: rohes Fleisch Schokolade Besondere Merkmale: --Sprache: Tierlaute (Wolf)



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