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Mittwoch, 17. Januar 2007 / Nr. 13

TA G E S T H E M A 3

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Swissair-Prozess

Bülach und die 19 Bruchpiloten Die Bülacher Stadthalle am Tag eins des gross angekündigten Swissair-Prozesses: Jahrhundertereignisse sehen anders aus. Ein Augenschein. V O N F L AV I A N C A J A C O B , B Ü L A C H

Es ergeht ein Aufruf zur Volksgesundheit: Vorsicht! Glatteis! Vor dem akkurat ausgeleuchteten Warnplakat weidet eine Herde Bildreporter und wartet darauf, dass endlich jemand den Weg an den Stadtrand findet. Ehemalige SwissairAngestellte, wütende Krakeeler, renitente bis prominente Zaungäste vielleicht. «400 Zuschauer am Prozess erwartet» titelt die Lokalzeitung gleichentags. 7.45 Uhr. Ein Passant passiert die Presse. Nuckelt an einem Choco-Drink. Bülach im Ausnahmezustand!

Robin Hood und der Sheriff Eine dunkle Limousine mit Basler Kennzeichen fährt vorbei. Gerhardt Fischer, SAirGroup-Verwaltungsrat von 2000 bis 2001, wählt den Hintereingang.

Dafür tauchen vor der Halle die ersten Beobachter auf. Mutter/Tochter, Pensionäre, frustrierte Anleger. Und Herr Chandiramani. Der ehemalige Analyst der Credit Suisse hat im Sommer 2000 als Erster dunkle Wolken über dem Balsberg aufziehen sehen und der Swissair einen Verlust von 500 Millionen Franken prophezeiht. Sieben Zeilen, von vielen überlesen, haben dem Mann damals den Job gekostet. Jetzt steht er jedem und jeder Red und Antwort. Die Rollen sind verteilt: Hier der Robin Hood, dort, auf der Anklagebank, der Sheriff von Nottingham. «Die Kleinen», sagt ein älterer Herr, «die hängt man auf. Die Grossen lässt man laufen, Sie werden sehen.»

Feuchte Augen 8.15 Uhr. Die Polizei bittet zur Leibesvisitation. In einer Viertelstunde erfolgt der Auftakt zum grössten Prozess in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Inwieweit haben die 19 angeklagten Manager und Verwaltungsräte der SAirGruppe in ihrem Bestreben, die einst stolze Swissair vor dem ökonomischen Absturz zu retten, gegen geltendes Recht verstossen? Jene, die sich mit Paragrafen auskennen, gehen von einer Vielzahl von Freisprüchen aus. Die anderen wollen in irgendeiner Form Sühne. Es kann doch nicht angehen, enerviert sich ein Besucher, dass eine tolle Firma wie die Swissair von ein paar unfähigen Kapitänen in Grund und Boden gewirtschaftet werde. Er trocknet sich die feuchten Augen – daran schuld sei die Zugluft. Warten auf die grossen Kaliber Im Vorraum zum grossen Saal nippt Gerichtspräsident Rainer Hohler an einem Kaffee. Und beobachtet gelassen, was zwischen der Eintrittsschleuse und den Fahnenkästen von Turnverein und Frauenchor vor sich geht. Hohler hat mit mehr Besuchern gerechnet. Ein klein wenig Schadenfreude schwingt mit, wenn er die Medien erwähnt, die von einem Riesenaufmarsch geschrieben hätten. Trotzdem, die Verlegung des Prozesses vom viel zu kleinen

High Noon in Bülach: Die drei Staatsanwälte Ralph Ringger, Christian Weber und Thomas Armbruster (oben, von links). Die ersten zwei Angeklagten Gerhardt Fischer (links BILDER KEYSTONE unten) und Bénédict Hentsch (rechts unten) erschienen gestern in der Bülacher Stadthalle, verweigerten aber die Aussage. Bezirksgericht in die bis zu 1500 Personen fassende Stadthalle werde sich auszahlen; spätestens, wenn die grossen Kaliber wie Bruggisser, Corti oder Honegger vor dem Richter erscheinen. 8.30 Uhr, Richter Andreas Fischer eröffnet die Verhandlung. Im Saal sitzen

IN EIGENER SACHE

Flavian Cajacob berichtet aus Zürich

Zürich ist nicht der Nabel der Welt. Zürich und die Zentralschweiz kommen sich aber immer näher. Deshalb verstärken wir unsere Berichterstattung aus der grössten Stadt der Schweiz mit einer neuen Korrespondentenstelle. Flavian Cajacob (38, Bild), der bis 1998 auf der Stammredaktion der «Neuen Luzerner Zeitung» arbeitete und seither in Zürich lebt, ist unser neuer Korrespondent. Er berichtet künftig über das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche red Leben in Zürich.

gerade mal 100 Zuhörer, darunter auch Thomas Minder, Zahnpastaproduzent und 1. Kanonier im Kampf gegen überrissene Manager-Gehälter. Sieben Minuten dauert die Vorstellung der einzelnen Protagonisten. Noch einmal so viel verwendet Gerhardt Fischer, 73, für die Erläuterung seiner privaten Verhältnisse. Seine Wohnung hat eine Bruttogeschossfläche von 160 Quadratmetern.

9.52 Uhr, der Richter erklärt die Befragung für beendet. Der Saal leert sich. Es sei wohl nichts anderes zu erwarten gewesen, diktiert ein langjähriger Swissair-Angestellter den Reportern ins Mikrofon; «Interessant wird es, wenn die Führungsetage antraben muss.» Dann will er wieder vorbeischauen.

Anders als im Fernsehen Vor der Stadthalle patrouilliert die Polizei («Verdacht – Ruf an!» – PrävenDie Vögel kreisen bereits Fischer antwortet dem siebzig Zenti- tion wird im 16 000-Seelen-Städtchen meter über ihm thronenden Gremium grossgeschrieben). mit sonorer, aber freundlicher Stimme. 10 Uhr. Die Journalisten fragen sich, Freundlich, sachlich, auch der Richter. wo es wohl einen anständigen Kaffee Hinter ihm wirft ein gibt. Und die Beobunsäglich blauer Vorachter wissen nicht «Die Kleinen, die hängt hang Wellen. Über recht, wie sie den man auf. Die Grossen, den Anwälten und Auftakt nun werten den Angeklagten, sollen. Geht es so die lässt man laufen, von denen an diesem unspektakulär weiSie werden sehen.» Morgen auch Thoter? Aus dem FernsePROZESSBEOBACHTER mas Schmidheiny hen kennt man das und Eric Honegger aber ganz anders: anwesend sind, kreisen die Vögel. Sie Richter Alexander Hold! Barbara kleben schwarz an den Scheiben. Salesch! Ein Fall für Männdli! Oder ist 8.45 Uhr, der Richter kommt auf die das etwa nur die Ruhe vor dem Sturm? Anklagepunkte zu sprechen. Gerhardt Zwei Fahnen wimpeln im Wind. Darauf Fischer verweigert die Aussage. steht: Eventstadt Bülach. Im Beet neben 9.15 Uhr, die ersten Zaungäste verlas- dem Treppenabsatz spriessen die Prisen den Saal – ein bisschen mehr hätte meln. In Bülach wird noch bis Anfang es schon sein dürfen! März Geschichte geschrieben.

Nur der Staatsanwalt war gesprächig Der Auftakt des Swissair-Prozesses ist gestern ins Leere gelaufen. Die Angeklagten Gerhardt Fischer und Bénédict Hentsch hüllten sich in Schweigen. Beide Ex-Verwaltungsräte der zusammengebrochenen SAir bekräftigten ihre Unschuld.

Ein Schaden in Milliardenhöhe Die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich warf Fischer und Hentsch Gläubigerschädigung durch Vermögensminderung sowie ungetreue Geschäftsbesorgung vor. Konkret ging es dabei um die Restrukturierung der

Airline-Tochter SAirLines und um die Beteiligung bei der belgischen Fluggesellschaft Sabena. Im Zuge der Bündelung von lukrativen Geschäftsfeldern unter das Dach der Subholding SAirLines seien den Aktionären der Muttergesellschaft SAirGroup Vermögenswerte in Milliardenhöhe entzogen worden. Die Restrukturierung sei vorgenommen worden, obwohl die Verwaltungsräte Kenntnis vom desolaten finanziellen Zustand der SAirLines hatten und es sich nicht um eine betriebswirtschaftliche Sanierung gehandelt habe. Der

Schaden für die Gläubiger wurde auf 1,177 Milliarden Franken beziffert. Bei der kriselnden Sabena hätten die Verwaltungsräte einer Finanzspritze von 150 Millionen Franken zugestimmt, obwohl sie um die finanzielle Lage der Gesellschaft gewusst hätten. Zudem sei der Anteil an der Sabena aufgestockt worden – im Wissen darum, dass Sabena statt Aktien nur (praktisch wertlose) Partizipationsscheine ausgeben würde.

«Zu komplex» Zu diesen beiden Anklagepunkten und zur Hunter-Strategie der Swissair

befragte Gerichtspräsident Andreas Fischer die beiden ersten Angeklagten akribisch. So fragte Richter Fischer den Angeklagten Fischer etwa, ob bei ihm angesichts der Zahlen zur finanziellen Lage der Sabena nicht «die Alarmglocken geläutet» hätten. Fischer schwieg zu dieser wie auch zu allen anderen Fragen der Anklage. Hentsch tat es ihm gleich. Angesichts der Komplexität des Themas, aber auch im Hinblick auf hängige Zivilprozesse wolle er vor Gericht keine Aussage zur Sache mared chen, sagte Fischer dazu.

EXPRESS Gestern begann in Bülach der lang erwartete Swissair-Prozess. Am ersten Verhandlungstag erschien nur wenig Publikum. Die prominenten Angeklagten standen allerdings noch nicht vor Gericht.

RICHTER FISCHER

Einer von dreien

Den Vorsitz im Swissair-Prozess hat der 51-jährige Andreas Fischer. Ihm zur Seite stehen der 46-jährige Stephan Blättler und der 47-jährige Alain Kessler. Richter Fischer arbeitet seit 20 Jahren am Bezirksgericht Bülach und ist ebenda Vizepräsident. Gerichtspräsident Rainer Hohler ist in den Ausstand getreten, weil sein Bruder einen der Angeklagten verteidigt. Andreas Fischer machte gemäss «Tages-Anzeiger» im Sommer 2001 Schlagzeilen, als er einen Arzt wegen fahrlässiger Tötung verurteilte. Fischer sprach diesen mitschuldig am Erstickungstod eines geknebelten Ausschaffungshäftfwc lings aus Palästina.

Andreas Fischer, gestern während des Prozesses gezeichnet. KEYSTONE


Swissair Prozess