Page 1


10

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

DROGe biLd rauchen darf man ja nich mehr. dafür gibt’s jetzt visuelle drogen: «subversion der bilder» im Fotomuseum winterthur – die erprobung eines Aufstandes. Text: Monika Hardmeier

Ja ja, die surrealisten. Anarchisten waren sie, weltverbesserer, ein verschworenes Kollektiv von erwachsenen Kindern. in der grossen Künstlerfamilie waren alle eingeladen, am geistigen Abenteuer teilzunehmen. die definition eines avantgardistischen surrealismus als Kunstform stand dabei nie im vordergrund. Ateliers, Pinsel, wohnung, Liebhaber, alles wurde geteilt. Nicht ein star sollte im mittelpunkt stehen, sondern die gemeinsame vision. die surrealisten glaubten an die macht der bilder und dieser Glaube löste den drang aus, die bilder von all jenen Tabus zu befreien, die ihre wirkung beschnitten. Louis Aragon brachte es auf den Punkt: «das Laster der surrealisten ist der obsessive und leidenschaftliche einsatz der droge bild.»

die Ausstellung «subversion der bilder» umfasst mehr als 400 Fotografien, Filme und dokumente; berühmte Fotografien von man ray, hans bellmer, Claude Cahun, raoul Ubac, Jacques-André boiffard und maurice Tabard, weniger bekannte bilder, magazinpublikationen, Automatenfotos und Gruppenbilder. Genauso zielbefreit wie die surrealisten durch die Pariser Nächte flanierten, so darf man sich im kreativen Chaos ihrer Unterwelten, Träume und Alpträume verlieren. die Ausstellung versucht, die vielfalt an ideen, methoden und medien in neun Kapitel zu gruppieren. doch macht man sich bewusst, wie gross die sehnsucht der surrealisten nach Ausbruch aus Kategorien und festgeschriebenen Formaten war, erstaunt es

kaum, dass diese Unterteilung nicht ganz gelingt. die brutalen einsichten zum menschlichen Naturell, die der erste weltkrieg offenlegte, steckten den surrealisten noch in den Knochen. Gewalt war Teil des Alltags und kollektives Trauma. All die unterdrückten Träume und Fantasien müssen befreit werden. was in den menschen schlummert, muss sich über bilder manifestieren können. so wurden in der surrealistischen bewegung nicht nur formale Tabus gebrochen, sondern auch die Tabus der gängigen moralvorstelllungen hinterfragt. es wurde nicht nur in Frage gestellt, wie ein klassisches Portrait auszusehen hatte, sondern auch, was an versteckten sehnsüchten, Leidenschaften und Gewaltfantasien nicht ausgedrückt werden durfte. wenn sich die Künstler auf dem Jahrmarkt in Fotoautomaten zwängten, um der realität Grimassen zu schneiden, war dies die kindliche Form der Provokation, die ihren spiegel in werken wie hans bellmers grausam abgründigen Puppen-experimenten findet. wenn man mit allen mitteln das innerste des menschen nach aussen kehren will und diese innere welt auch noch bild werden lässt, darf man nicht verwundert sein, wenn sich nicht nur die poetischen seiten der menschlichen seele offenbaren. surrealistische Kunst tut genau das, was Kunst immer tun sollte: sie bewegt. man findet in dieser surrealistischen wunderkammer eine wunderschön skurrile Anhäufung davon, was das Leben an Unwirklichkeiten drauf hat, wenn man nur genau hinschaut.

«Subversion der Bilder», noch bis 24. Mai 2010 im Fotomuseum Winterthur, www.fotomuseum.ch

© man ray Trust / 2010, ProLitteris, Zürich

FIRTIG_Ausgabe2.indd 10

10.05.10 15:19


11

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

FIRTIG_Ausgabe2.indd 11

10.05.10 15:19


12

firtig Die Zeitung zum Feiertag – Ostern 2010

Die Nummer 1 Manche sagen, früher sei alles besser gewesen. Ist natürlich Quatsch. Der Silber-Beefy ist immer noch genau gleich gut. Und auch sonst hat sich an und in der Silberkugel wenig geändert. Also, eigentlich gar nichts. Zum Glück? Besuch bei einer Vergessenen. Text: Lisa Catena Bild: Peter Hauser

FIRTIG_Ausgabe2.indd 12

Silber-Beefy erteilten mir den Ritterschlag. Ich war eine von ihnen, endlich. Jetzt, ein paar Jahre älter und von den sozialen Neurosen eines Erstsemestlers befreit, sitze ich wieder in der Silberkugel. Es hat sich nichts verändert. Streng genommen hat es das seit dreissig Jahren nicht. An den Wänden hängen Plakate, Kiss im Hallenstadion, Bobby McFerrin in der Tonhalle. Die Bar schlängelt sich wie eine Passtrasse durch das Lokal. Die paar Männer, die da Es war in meinem ersten Studienjahr. Ich war das ran sitzen, sehen aus, als wären sie in den 80ern hier voreinzige Mädchen unter vielen Jungs und genau das wollte beigekommen und irgendwie kleben geblieben, aus Grünich nicht sein; das Mädchen, die Andere. Ich wollte dazu den, die sie lieber vergessen wollen. Die Bedienung lässt gehören, eine von ihnen sein. Dafür tat ich so einiges. sich Zeit, sie räumt Besteck in die Schubladen hinter der Zum Beispiel ging ich jedem Mittag mit den Jungs essen. Bar und redet mit ihrer Kollegin, die sich gemütlich an die Das bedeutete in der Regel: Augen zu und ins Migros- monströse, gelbe Kaffeemaschine kuschelt. Im Fernsehen restaurant am Stadelhofen. Das Menü ohne Fleisch war an der Wand zeigt Eurosport die Endrunde eines SnookerTurniers. Steve Davis versenkt die drei Franken billiger als dasjeletzte Kugel und macht ein Freunige mit Fleisch. Der Trick war, Fettige Pommes und ein dentänzchen. Ich sitze gleich unter das Fleisch unter einem Berg zwei Lautsprechern und bereue es: Nudeln oder Reis zu verstecken. Silber-Beefy erteilten mir den Radio Zürisee-Agenda, präsentiert Die Frau an der Kasse merkte es Ritterschlag. Ich war eine von der Schweizerischen Anlagenie. Irgendwann mal hatten wir von ihnen, endlich. bank. Heute um halb acht in der ein Seminar in der Nähe des XGemeinschaftspraxis Atria in Ustra am Limmatplatz. In der Mittagspause zogen die Jungs los, ich natürlich mit, und sie ter, der Vortrag Frauen und Männer in den Wechseljahsteuerten auf direktem Weg auf ihr Ziel zu, wie Pferde, ren». Die Männer, die hier an der Bar sitzen, scheint das die den Hafer riechen. Ich fragte, wohin wir denn gehen. nicht zu interessieren. Entweder haben sie die WechselDie Jungs sagten: Silberkugel!» Ihre Augen glänzten, wie jahre schon hinter sich, oder - was wahrscheinlicher ist Silberkugeln halt. Das Wort klang aus ihrem Mund wie - keine Frau, die sie zu solchen Anlässen mitschleppt. Die Bedienung stellt mir mit einem Kopfnicken Silein Zauberspruch. Mit Silberkugeln kann man Werwölfe abknallen, so- ber-Beefy und Pommes hin. Viel wird nicht geredet. Jeviel wusste ich. Sonst war mir der Begriff fremd. Das Zau- der scheint mit seinen Gedanken an einem eigenen Ort berwort entpuppte sich als Schnellimbiss und Take-Away zu sein, stören will niemand. Man blickt auf sein Essen, mit nicht mehr ganz taufrischem Interieur und Ambiente. in die Zeitung, oder ins Leere. Die Szene wirkt klischiert; Wir bestellten Burger und Pommes, dazu Cola und sicher unweigerlich kommt einem das Hopper-Bild Nighthawks» keinen Salat. Ich fand es super dort, der gross angepriese- in den Sinn. Die berühmte Handvoll Leute, die in einem ne Silber-Beefy schmeckte mir und alles andere auch. Und Kaffee sitzt, jeder einsam, aber keiner scheint unglücklich während wir so in der Silberkugel sassen und den letzten damit zu sein. Wenn man die Fantasie etwas anstrengt, Rest Ketchup aus den Plastikschälchen putzten, passierte wähnt man sich in einem Roadmovie, irgendwo in Texas das Wunder: Meine Kollegen musterten mich mit verän- oder Arizona, always on the run, egal woher und wohin, dertem Blick. Ich las daraus Verwunderung. Sogar Bewun- Hauptsache unterwegs. derung. Dann sagte einer: Du bist die erste Frau, mit der Ich blicke durch die Bullaugen-Fenster auf die stark ich in die Silberkugel gehen kann und die es mag. Du bist befahrene Limmatstrasse. Die Aussicht passt zum Rastcool!». Von diesem Moment an war alles anders: Ich war stätten-Charme des Lokals und erinnert an die ruhmich, nicht mehr das Mädchen. Fettige Pommes und ein reiche Vergangenheit, als Besitzerin Mövenpick noch

10.05.10 15:19


13

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

viele silberkugeln an Autobahnraststätten in der ganzen schweiz glitzern liess. im Laufe der Zeit mussten sie dem neuen Konzept Cindy’s diner weichen und heute gibt es gerade noch vier Lokale: An der Franklinstrasse in oerlikon sowie an der stampfenbachstrasse, dem bleicherweg und der Limmatstrasse in der Zürcher innenstadt. «radio Zürisee – sound for you», der happy moderator wird nicht müde, und jetzt kommt money money money». Am Geld wird ein besuch in der silberkugel nicht scheitern. Nebst dem Klassiker, dem silber-beefy für 6.90 Franken, gibt es auch preiswerte menüs, zum beispiel den Napoleon b.-beefy mit Pommes und einem halben Liter Cola, alles für nur 12.50. Genauso viel kostet eine Portion spaghetti, wahlweise Napoli oder bolognese. die Getränkekarte ist so bewährt wie einfach, die Preise auch hier fair. bezahlen tut man seine Konsumation nicht am Tisch, sondern an der Kasse am Ausgang, zwischen mars- und Kaugummidispensern und einer roten Kühltruhe, gefüllt mit vanille- und erdbeer-Cornets. ich nehme eins mit.

FIRTIG_Ausgabe2.indd 13

Liebe silberkugel, du warst einmal sehr gut zu mir. darum will ich jetzt das Fähnlein für dich hochhalten. du bist nicht jedermanns sache. man muss burger und Fastfood lieben, um dich zu mögen. man muss die Farbe und Form deiner wände und deiner möbel grosszügig übersehen und deine beschallung überhören. man muss einen sinn für retro-Trash haben (und ich meine nicht den hippen berlin-Chic), um in dir Zeit zu verbringen. Nein, trendy bist du nicht, liebe silberkugel, aber du hast stil - auf deine Art. Und wer zu cool ist, um bei dir zu essen, der kann ja immer noch der Facebook-Gruppe i love silber-beefy with cheese» beitreten. roman Camenzind ist auch dabei.

10.05.10 15:19


14

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

24 STunDen FreAK schreien, schlafen, hüpfen, in fremden Frisuren rumwuscheln – hundertmal am Tag melden sich unsere Triebe. Nur folgen tun wir ihnen nicht, wir wollen ja nicht ins brughölzli einziehen. dabei würde es sich durchaus lohnen: Unsere Autorin hat für einen Tag ihre beherrschung verloren. Text: nora Steiner Illustration: Claudio Kaiser

FIRTIG_Ausgabe2.indd 14

Fett gefeiert, nichts gelernt. das ist das Fazit meines wochenendes. Um das schlechte Gewissen zu beruhigen, werde ich mich für zwei stunden in der Zb hinter meinen büchern verbunkern. Kaum aus dem haus, stolpere ich über ein steinchen. ich beginne, es vor mir her zu kicken. das will ich bis zur Tramstation durchziehen. ich hebe es über das Trottoir, dribble über den Fussgängerstreifen. erst als ich die haltestelle erreiche, lass ich es liegen, Aufgabe erfüllt! im Tram setze ich mich neben eine junge mutter. ihr gegenüber sitzt ihre etwa dreijährige Tochter. das mädchen hat eine nervtötende Quengelstimme. mit der fragt es die mutter: «warum sind deine schuhe rot?» dann, warum die hose blau sei, wieso die Jacke schwarz, wieso, wieso, wieso. Als alle Klamotten der mutter durchgefragt sind, schaut das mädchen zu mir herüber. wie von selbst schiebt sich meine Zunge über meine Lippe. Jawohl, ich strecke der Göre die Zunge raus. das mädchen schaut mich entsetzt an und beginnt, in einem unerträglich hohen Ton zu schreien. Ausser der Kleinen hat meine Zunge zum Glück niemand gesehen. bis der schreihals sich beruhigt hat, ist das Tram am Central angekommen und ich ausgestiegen. Ufff. in der bibliothek gelingt es mir, mich zwei stunden trieblos zu konzentrieren. Als ich von meinem Platz aufstehe und meine sachen zusammenpacke, reizt mich die stille. «ich bin fertig! viel spass noch!» verabschiede ich mich in den stummen raum. Kaum sind die worte ausgespuckt, schiesst mir das blut in den Kopf, das herz rast und die hände zittern. ich wünschte, meine eltern hätten sich nie kennen gelernt. Fragende, verwirrte und genervte Augenpaare starren mich an. ich eile in richtung Ausgang. Zwei Frauen lachen. ich werde mir eine neue bibliothek suchen. oder die haare färben? etwas zu mittag essen werde ich auf jeden Fall. in der migros entscheide ich mich für einen salat, doch auf dem weg zur Kasse erblicke ich einen berliner. ich sehe genau die stelle, wo die Konfitüre reingespritzt wurde. ich kann nicht anders, ich beisse rein. den berliner möchte ich aber nicht kaufen, ich wollte ja nur diesen einen bissen. ich versuche, ihn unauffällig zurückzulegen, doch eine verkäuferin hat mich beobachtet. sofort packe ich den berliner in eine Plastiktüte und gehe zur Kasse, bezahle salat und angebissenen berliner. Nach dem mittagessen mache ich mich auf richtung Gessnerallee, wo ich heute Nachmittag Theaterproben

habe. Unterwegs begegne ich einem mann, der unserem werten herrn bundesrat Ueli maurer zum verwechseln ähnlich sieht. wie immer, wenn ich an Ueli maurer denke, will ich losjaulen. «Uuuhuhhhuhuhuu». ich habe es getan. wow. das hat spass gemacht. dafür hat es sich gelohnt, ein paar die-Tussi-spinnt-ja-total-blicke zu kassieren. in den Theaterproben kann ich meinen Trieben freien lauf lassen. hier tuns alle. Nach den Proben habe ich mich mit meinem vater zum Abendessen im La Cucina verabredet. Unterwegs verspüre ich plötzlich den drang, mich kurz hinzulegen. Nur zwei minuten. ich tue es. direkt vor der rio bar leg ich mich aufs Trottoir. ein netter herr bietet mir seine hilfe an. ich lehne dankend ab. Kurz darauf stehe ich auf und gehe weiter. die rio-Gäste, welche Zeugen meines Powernaps geworden sind, starren mich an. hoffentlich kennt mich keiner von denen. im La Cucina bestellen mein vater und ich Pizza. ich erzähle ihm von den Theaterproben, als ich plötzlich rülpsen muss. der Ton, den ich von mir gebe unterbricht für einen kurzen moment das Gespräch am Nebentisch. den andern Gästen scheint die situaton unangenehm. warum eigentlich? die müssen sich doch nicht schämen, war ja ich! mein vater zischt «Nora». in dem moment wünschte er sich wohl auch, er hätte meine mutter nie kennengelernt. Komischerweise ist mir die situation nicht wirklich peinlich. vielleicht, weil ich merke, wie sich alle um mich herum fremdschämen. da muss ich mich ja nicht auch noch selbstschämen. in einem rekordverdächtigen Tempo schlingt mein vater seine Pizza runter, begleicht die rechnung und schon stehen wir draussen. Auf dem Nachhauseweg lass ich mir die ereignisse des Tages nochmals durch den Kopf gehen. Zürcherinnen und Zürcher waren sich heute einig: in dieser stadt wird nicht gejault und schon gar nicht auf Trottoirs geschlafen. entsetzte blicke und schüttelnde Köpfe waren deutliche signale. erstaunlich eigentlich, wie wenig Anderssein akzeptiert ist, in einer Zeit, in der individualismus gross geschrieben wird. es scheint, als wären wir gar nicht so individuell wie wir immer meinen. statt unseren Trieben zu folgen, wollen wir lieber, nun ja, normal sein. die Normalität bietet sicherheit. in ihr finden wir ein verhaltensmuster an dem wir uns orientieren können. vielleicht brauchen wir das, um nicht ins burghölzli eingeliefert zu werden. Aber mich haben die nicht erwischt!

10.05.10 15:19


FIRTIG_Ausgabe2.indd 15

10.05.10 15:20


FIRTIG_Ausgabe2.indd 16

10.05.10 15:20


FirTiG Poster by sara merz, saramerz.tumblr.com

FIRTIG_Ausgabe2.indd 17

10.05.10 15:20


18

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

VOM FuSSbAllpROFI ZUm TeLLerwÄsCher

helden können tief fallen. Assimeron war mal Kapitän von Äthiopiens Fussball-Nationalteam. heute wäscht er Teller im Kreis 5. eine erfolgsgeschichte im rückwärtsgang. Text: Daniel A. egli, bild: Danilo neve

FIRTIG_Ausgabe2.indd 18

10.05.10 15:20


19

firtig Die Zeitung zum Feiertag – Ostern 2010

Glatze, Schnauz, breites Grinsen rote Trainingshose. Assimeron erinnert an den früheren NBA-Star Michael Jordan. Er will über Fussball sprechen, das haben wir im Vorfeld vereinbart. Weil das mit der politischen Situation in seiner Heimat Eritrea, das sei eben sehr schwierig. Also sprechen wir über Fussball. Denn Assimeron kann Fussball spielen. Richtig gut sogar. Fussball war sein Leben. Der 37-Jährige wurde in Eritrea geboren, wuchs aber in Äthiopien auf. In einem Internat für Waisenkinder, weil seine Familie bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Er spielte Fussball, er spielte gut, sie entdeckten sein Talent. Er sei glücklich gewesen, damals, mit sich und seinem Leben. Nun ja, soweit das halt geht, in einem Land, in dem über 49 Prozent der Bevölkerung unterernährt sind. Er wurde Profi. Seine Augen leuchten, seine Kleider riechen nach Curry und Abwaschmittel. Ein Club engagierte ihn vom Fleck weg, aus dem Internat. Wann das war, das weiss er nicht mehr so genau. Er verdiente, nicht einmal schlecht. Genug zum Leben. Und dann kam das Aufgebot: die Nationalmannschaft! Der schönste Tag in seinem Leben. Er spielte in vollen Stadien, Länderspiele gegen Ägypten, gegen den Sudan. Für den Africa Cup reichte es nie. Dafür waren die Auslandspiele finanziell reizvoll. Und zwar nicht wegen dem Hungerlohn des äthiopischen Fussballverbands. Nein, das Team musste manchmal gar Auswärtspartien absagen, weil die Flugkosten zu hoch waren. Meistens fuhren sie per Bus. Dafür gab es in anderen Ländern billige Waren. Nicht in Ägypten, wegen den vielen Touristen. Aber im Sudan: DVD-Player, Gameboys… Die kauften sie für zwanzig oder dreissig Dollar. Daheim in Äthiopien konnte man sie für sechzig oder achtzig verticken. Eine gute Sache. Meistens blieben sie für ein Auswärtsspiel gleich eine ganze Woche weg. Die Spiele gewannen sie selten, dafür machten sie gute Geschäfte. Die Grenzübertritte waren nie ein Problem. Welcher Zöllner filzt schon die eigene Fussball-Nationalmannschaft? Und jetzt kommt Assimeron trotzdem auf die Politik. Respektive: auf die Auswirkungen, die diese auf ihn persönlich hatte. 1998 brach der Krieg aus, Eritrea gegen Äthiopien. Als gebürtiger Eritreer musste er fliehen, Frau und Kind zurücklassen. Über die Grenze in den Sudan, dort blieb er vier oder fünf Jahre. Genau weiss er das nicht mehr, weil dort die Zeitrechnung anders ist. Ein paar seiner Kollegen aus der Nationalelf waren mit ihm gekommen, mit ihnen spielte er weiter, hinter der alten Fabrik am Stadtrand. Jeweils um 19 Uhr, wenn die Arbeiter nach hause gegangen waren. Sein Geld verdiente er mit Wetten, 100 Dollar auf den Sieger. Sie spielten gegen die Fabrikarbeiter oder gegen die Busfahrer. Sie gewannen immer. So konnte er 20 Dollar pro Spiel sparen, für die teure Reise nach Europa. Um dort richtiges Geld zu verdienen. Und um nicht mehr flüchten zu müssen. Nach vier, fünf Jahren versuchte er es über die Grenze, nach Libyen. Das war gefährlich, da Libyien einen Deal mit Italien hatte. Italien bezahlt den Lybiern einen besseren Preis für ihr Erdöl, dafür macht Libyien die Grenzen dicht und kontrolliert Einwanderer. Das hörte man zumindest auf der Strasse. Assimeron musste sich zwischen Marktkörben verstecken, auf der Ladefläche eines alten Trucks. Zum Glück wussten sie, wann die Zeit für die Überfahrt günstig war: 16 Uhr, Kaffeestunde für Sudaner wie Libyer. Grenzübergang, 16 Uhr. Sie schafften es. Doch in Libyen mögen sie keine Immigranten. Zumindest keine aus dem Süden. Und keine Christen. Assimeron musste sich verstecken. In einem Haus, dessen Besitzer fünf Dollar Miete im Monat verlangte. Abends konnte er ein bisschen spazieren. Schnell auf den

FIRTIG_Ausgabe2.indd 19

Markt, Essen kaufen. Die Libyer waren unberechenbar, immer wieder kam es zu Pöbeleien und Handgreiflichkeiten. Sein Geld hatte er versteckt, um den Gummisaum seiner Trainingshose gewickelt. National Football Team Of Ethiopia stand darauf. In goldenen Lettern. Die Hose trägt er bis heute. Gedankenverloren spielt Assimeron am Wappen der Demokratischen Bundesrepublik Äthiopien herum. Er zeigt die Schlitze, durch welche er damals sein gesamtes Vermögen in kleinen Dollarnoten gesteckt hatte. Das gelobte Land Europa kostet einen hohen Eintrittspreis. Mehrmals zogen sogenannte Schlepper Assimeron über den Tisch. Hunderte von Dollars kostete ihn das. Nach drei, vier Jahren klappte es endlich. Das Boot war winzig, ursprünglich für ungefähr fünf Personen gedacht. Dreissig waren es mit Assimeron. Still sitzen und beten. Jeder in seiner Sprache, jeder zu seinem Gott. Egal. Hauptsache Sie spielten gegen die keine Wellen. Wer sich daneben benahm, flog über Bord. Fabrikarbeiter oder Einfach so. Stillsitzen! Beten! gegen die Busfahrer. Die See blieb ruhig, bis Sizilien Sie gewannen immer. ohne Probleme. Auch keine Polizei. Keine Küstenwache. Mit dem Zug fuhr er bis Rom. Dort lebten Landsleute, mit denen er sich in seiner Sprache verständigen konnte, immerhin. Wohin er denn wolle? Egal, irgendwo, Hauptsache Europa. Er stieg in den nächsten Zug, nach Mailand. Immer noch keine Polizei. Von dort mit dem Auto, die letzten Dollar. 16 Uhr ist eine gute Zeit. Dann sind alle beim Kaffe, Italiener wie Schweizer. 16 Uhr, Grenzübergang Chiasso. Er schaffte es. Das Auto fuhr bis Zürich. Zum Hauptbahnhof, nächster Zug, bis Kreuzlingen sollte er fahren. Oder einfach die Stationen zählen. Fünfmal muss der Zug halten. Dann sollte er aussteigen, zur Fremdenpolizei gehen. Die sei gleich auf der anderen Seite vom Bahnhof. Dort gäbe es Asyl. Zwei oder drei Interviews mit Schweizer Behörden, mit Dolmetscher. Danach kam er ins Asylzentrum Kollbrunn. Warten auf den Entscheid. Zu tun gab es praktisch nichts, ab und zu etwas Sport. Wenigsten traf er Leute, die seine Sprache kannten. Die sogar seinen Namen kannten, vom Fussball. Warten, warten auf den Entscheid. Assimeron schwitzt jetzt, trotz kühlen Temperaturen. Eine letzte Frage. Wie gefällt es dir in der Schweiz? Er kam nach Zürich, Aufenthaltsbewilligung F. Das heisst, er darf so lange bleiben, wie er Arbeit hat. Der weit gereiste Fussballstar fand sie in einem asiatischen Restaurant an der Langstrasse. Als Tellerwäscher. Dazu eine Wohnung im Kreis 5. So arbeitet er jetzt, fast jeden Tag. Wäscht Curry und Reis von den Tellern. Ab und zu spielt er Fussball, auf der Josefwiese. Aber nur selten. Er muss viel arbeiten. Sparen will er jetzt. Irgendwann Reisedokumente erhalten. Seine Frau und sein Kind suchen, aber eben. Trotzdem gefalle es ihm nicht schlecht, eigentlich. Auch wenn er als Tellerwäscher ungefähr gerade mal 3'500 Franken im Monat verdient, in der Schweiz kein Vermögen, aber eben. Hinter der alten Fabrik im Sudan wären das 175 Fussballspiele gewesen.

10.05.10 15:20


ii

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

IMpReSSuM DeR FIRTIG IST: die einzige gedruckte Zeitung der stadt Zürich, die an Feiertagen erscheint (und nur dann). 2. Ausgabe, Auffahrt 2010. GeSCHRIeben HAben: Alejandro Jimenez (jim), Nora steiner (nor), isabelle Zeller (isa), Fabienne schmuki (fas), Natalie Gyöngyösi (nat), daniel A. egli (dae), Lisa Catena (liz), monika hardmeier (moh), david signer. GelAyOuTeT HAben: dominique magnusson, ondrej maczko. GeKnIpST HAben: Peter hauser (phuckphotography.ch), sara merz (saramerz.tumblr.com), danilo Neve (lightriders.ch). TITelFOTO: Peter hauser. GeIlluSTRIeRT HAben: bea Kaufmann (gutundschoen.ch), Claudio Kaiser, Julia marti, Christina baeriswyl (mdpt.ch), Justyna Chudzinska.

FIRTIG_Ausgabe2.indd 2

GebIlDReDAKTIOnIeRT HAben: simon smit, marco rüegg, dominique magnusson. bRIeFbOMben, bluMenSTRäuSSen unD GeTRAGene unTeRWäSCHe An: simon smit und marco rüegg, herausgeber. DRuCK: Zds Zeitungsdruck schaffhausen AG AuFlAGe: 3000 exemplare ReDAKTIOnSADReSSe: FirTiG, Pflugstrasse 7, 8006 Zürich MITMACHen? redaktion@firtig.ch WeRben? anzeigen@firtig.ch DeR näCHSTe FIRTIG eRSCHeInT AM pFInGSTSOnnTAG, 23. MAI 2010.

10.05.10 15:19


20

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

robin rehmann (der von virus und so) hat eine Punkband, die ihm als Alibi dient, Clubs mit Kunstblut zu bespritzen. Und wir haben eine redaktorin, die diese band – sie heisst Krank – ziemlich kacke findet. ein briefwechsel mit fast schon rührendem ende. lIebR ReHMAnn ich bekam von der FirTiG-Chefetage den Auftrag, einen bericht über deine band Krank zu schreiben. was die Chefetage bis jetzt nicht wusste ist, dass ich selber mal in einer Punkrock band gesungen habe, und dass ich auch heute noch für ein Fanzine schreibe. eines, das du wohl kaum kennst. Na ja, und unter vier Augen: ich als gebürtige deutsche und weniger viva-affiner mensch kenn dich bis dato auch gar nicht. Geht mir auch ziemlich an meinem alten Arsch vorbei, in welcher stadt du unter «Cervelat Promi» läufst. Also, ich hatte auf eurer bandsite mal rumgekuckt und eigentlich fiel mir gar nix zu ein. das dem Kunstblut is ja nu echt en oller hut und wenn ich dann zugesteckt kriege, dass ihr offenbar die Lokalität vorher mit Folie abklebt, versaut einem das ja selbst den letzten Funken spass. wer Gwar und exCops erlebt hat, oder GG Allin zumindest auf dvd, der ist hiervon höchstens im sinne von «Jöööh!» beeindruckt. die musik hab ich mal direkt ausgeblendet. oi Polloi und The Pissed for ever, wa? Ne, ich meine, auch das muss es ja geben. so richtig asige Komasaufgeschichte. hab ich mit 20 ja auch… ne, eigentlich

FIRTIG_Ausgabe2.indd 20

doch nicht. Und warum trägstn eine deutsche Polizeiuniform? Kaum aus sympathiebekundung. ich hoff nicht, dass du denkst, die deutschen bulletten seien die grösseren Faschos als die hier. da wäre doch eine französische oder belgische Uniform auch angebracht. Na ja und überhaupt – irgendwie ist doch das ganze «deutsche bullenschweine» auch ein bisschen faschoid – und war der Punk-Gedanke nicht mal genau in die andere richtung? Zu meiner Zeit (macht ja nur 8 Jahre Unterschied) waren Punks irgendwie eher links und vor allem fast alle vegetarier und hatten so gar keine Freude an Kunstblutrumgespritze. hätteste eine Ch-Uniform angelegt, dürfteste jetzt sagen: TsmAUL! doch eigentlich will ich gar nich so über deine studi-band herziehen (beim song «wenn ein Zug entgleist», entgleisen bei mir allerhöchstens die Gesichtszüge. Aber weisst was? Kürzlich sah ich ne Punkband, die fand ich noch verschissener als euch). weil, viel interessanter is ja, dass du in wirklichkeit ein Gesellschaftsschosshündchen bist. wenn ich lese, dass du laut rumgrunzt, mit lächerlich hohen Prozentpunkten deiner FacebookFreunde gepennt zu haben, dann frag ich mich, durch welche einflüsse du überhaupt zum Punk gekommen bist (und erspar mir übrigens, anhand der Anzahl deiner Facebook-Freunde nachzuzählen, wie viele Typen du in relation gepimpert haben musst). Ja, du nimmst in jeder hinsicht alles, was du kriegen kannst. die Liste der belustigungsfaktoren ist lang: soap opera «Liebe zum Glück», viva-vJ (wenn du das als verarsche gemacht hättest bis du rausfliegst, wär’s schon fast cool, aber so…), ein blog, wo du dein ganzes Leben platt trittst und einen Flirtkurs für ChF 360.- anbietest. mh womöglich steckst du dann den Kopf mit Xenia, Amanda und Co. zusammen auf nem Prosecco-Apéro im Kaufleuten und lachst über so alte Punk-

rocker wie mich, die ihre musik und den Gedanken dahinter viel zu ernst nehmen. wie sieht euer Krank-Publikum eigentlich aus? 15jährige viva-Girlies, die ihre schlüpper werfen, während du was gegen bmw rumzeterst, obwohl die mädels ja nachm Konzert genau mit dem nach hause gebracht werden wollen? radikal abnormal trifft’s in dem Fall doch ganz gut. Aber eines muss ich dir lassen: immerhin schreib ich doch über dich – an dich – und wie heisst das bei den yuppies: Lieber schlechte Publicitiy als gar keene. verwirrt zeigt sich: isabelle Zeller

10.05.10 15:20


21

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

lIebe ISAbelle es freut mich, deinen brief zu lesen. er zeigt mir, dass wir mit unseren Provokationen nicht am Ziel vorbeischiessen. Natürlich fühle ich mich geehrt, wenn du Krank mit GG Alin und Gwar vergleichst, auch wenn du das mässig schmeichelhaft tust. Um das mit der Uniform zu klären: die trage ich genau für Leute wie dich. Für die Punkpolizei, die vorschreibt, was erlaubt ist und was nicht. es wäre löblich wenn dir mein Cervelat-Promistatus wirklich am alten Arsch vorbei gehen würde, doch leider versperrt er dir die sicht auf das wesentliche. Aber ich kann dich verstehen. An deiner stelle würde ich genauso denken. die Frage, durch welche einflüsse ich zum Punk oder zum C-Promi wurde, ist berechtigt. Als ich mit 16 Quetschenpaua und Knochenfabrik gehört habe, hätte ich mir nie im Leben vorstellen können, jemals bei viva zu arbeiten. was ich, nebenbei, seit zwei Jahren nicht mehr tu. in einer Punksendung beim basler Lokalsender radio X haben wir damals über «realness» gesprochen, wie du das heute tust. es ist erschreckend zu erkennen, dass nicht jeder banker oder Popstar, auch nicht jeder im Kaufleuten, ein Arschloch ist. Für mich bedeutet Punk: Tun, worauf man bock hat, ohne dabei anderen zu schaden.

mit Krank zelebrieren wir den wahnsinn, der täglich auf der strasse und hinter verschlossenen Türen abgeht. wir setzen das künstlerisch um. das soll nicht jedem gefallen. Aber das kleine stück Chaos, das wir auf der bühne veranstalten, ist die einzige wahrheit für mich. weil dann alles andere still steht. Auch die «Faschos», die dir vorschreiben, wie du dein Leben zu leben hast. in deinem brief, bombardierst du mich noch mit weiteren vorwürfen. du hast etwas gegen «Liebe Zum Glück», in der das soapFormat mit Langstrassenkids auf die schippe genommen wird. Und du verstehst nicht die ironie hinter dem spruch, dass ich mit 90 Prozent meiner Facebook-Freunden sex hatte. wie kann ich noch deutlicher werden, dass virtuelle beziehungen weit weg von intim sind? du amüsierst dich über den Flirtkurs für 360 stutz? ich mich auch! Für 20‘000 back ich dir einen Kuchen! herzlich willkommen in unserem kapitalistischen system. Falls irgendwer das Angebot jemals annimmt, schmeiss ich mich vor Lachen weg! ich kann nicht erwarten, dass die welt mich versteht. Aber ich bin immer wieder enttäuscht, wie menschen aus der Punkszene, in der ich die wunderschönsten momente erleben durfte, so böse sein können. vorverurteilen nach herkunft, beruf, Aussehen... in diesem boot sitzen wir alle. ich muss mich

selber in Acht nehmen, dass ich dich nicht vorverurteile. Früher hätte ich nur etwas für dich übrig gehabt: meinen mittelfinger. heute würde ich liebend gerne mit dir an der Limmat ein paar bierchen vernichten und checken, wer von uns beiden verrückter ist. wir stecken beide hier drin und lebend kommen wir bestimmt nicht raus. Zum schluss eine Parole für die Punkerin: «Create! don’t destroy!» Zum wohl. robin rehmann

Wer Robin Rehmann und KRANK trotzdem (oder gerade deswegen) live sehen will kann das tun: Whit Sunday Rock im Abart, Pfingstsonntag, 23. Mai.

blöd. oh.

...making love with his ego Ziggy sucked up into his mind... ...Oh yeah Ooooooo Ziggy played guitaarrrrrr...

...später

...noch später

Gott sei Dank

n Ger hehen! gesc r ich bin Abe ans. H der

FIRTIG_Ausgabe2.indd 21

10.05.10 15:20


22

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

Sex, DRuGS unD ROCK`n`ROll Gesehen, gehört und gelesen von Fabienne schmuki

seX

GAInSbOuRG mit eric elmosnino, Laetitia Casta. (Pathé, derzeit im Kino) Lucien Ginsburg hatte alles: die Freundschaft mit dalí, die bardot im bett und die lange Nase im Gesicht; vier Kinder von drei Frauen, zwei ehen, eine Nikotin- und Alkoholsucht. serge Gainsbourg als verführer und als ekel: das biopic schildert das surreale dasein des Künstlers auf adäquate Art und weise.

DruGs

WE LIKE «WHeRe DID THe nIGHT FAll» U.N.K.L.e. (surrender All/irascible) «war stories» ist Geschichte: Auf ihrem vierten studioalbum stricken James Lavelle und Pablo Clements ein Gewand aus psychedelischem rock, Afrobeats und electronica. damit kleiden sie die stimmen ihrer Gastsänger, darunter mark Lanegan und sleepy sun. der Track «heavy drug» setzt den Akzent: «where did The Night Fall» ist harter stoff mit hoher suchtgefahr.

FIRTIG_Ausgabe2.indd 22

CSI: ZH-nIeDeRDöRFlI sandburgen bauen, Alle gegen Alle, wer macht das schon? wir sind doch alle zu alt zum spielen. sind wir? oder spielen wir einfach nicht, weil wir zu fest damit beschäftigt sind, Leute zu spielen, die keine Lust zum spielen haben? Finden wir es heraus – und spielen räuber und Poli. diesen samstag. (nst) eins, zwei, drei… wenn die sonne langsam in den baumkronen des Lindenhofs versinkt und die Predigerkirche sechsmal gebimmelt hat, versammeln sie sich zum high Noon vor der Zentralbibliothek im Niederdörfli: halunken, Gangster, bullen, Kommissare. es werden zwei Gruppen gebildet und los geht die Jagd. Neo-Polizisten scheuchen die möchtegern-räuber über das Kopfsteinpflaster des Niederdorfs, vorbei an schmusenden Pärchen, schlagerkneipen und botellonierenden Teenies. wer von einem Polizisten drei schläge auf den rücken kassiert, wandert ins Gefängnis. Genau wie früher. Aus dem Knast führt so schnell kein weg wieder raus, gute Führung hin oder her. Gefangene räuber müssen auf gute Komplizen hoffen. wenn diese sich an den Augen der Polizei vorbei hinter die Gitter pirschen können, dürfen sie ihre Kumpane befreien. Aber Achtung, vielleicht ist nach dem massenausbruch das ganze Gebiet von Polizisten umstellt, und der vermeintliche weg in die Freiheit war bloss ein one-way-Ticket in die Zelle. so viel zu den regeln. Ach ja, und weil ja niemand freiwillig Polizist wird (ausser den komischen menschen in Uniform, die auf dem busstreifen auf der Langstrasse velofahrer anhalten), bringen potenzielle räuber als bewerbungsunterlage ihren möglichst langen strafregisterauszug mit. Jawohl!

roCK’N’roll «Du nennST DAS GIeR» silvano Cerutti (salis-verlag) im solothurnischen bätzigen regiert das schweizerische Kleinbürgertum. Als zwischen stammtischpolitik und Gemeindeversammlung ein mord geschieht, mausert sich ein depp zum hobbydetektiv - und landet selber in der Patsche. Temporeich geschrieben, gespickt mit seitenhieben und einer deftigen Portion ironie, stets unterhaltsam, nie belanglos: ein roman, süffig wie ein guter Gin Tonic. FIRTIG verlost 2 exemplare von Ceruttis «du nennst das Gier». mail mit betreff «dä silvano isch en geile siech» und Adresse an redaktion@firtig.ch!

10.05.10 15:20


23

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

GenIAl GenITAl: FeUChTe ALP-TrÄUme werdeN wAhr der gut gebaute Jungregisseur will steiger kommt seinem weniger gut gebauten Kollegen michi steiner zuvor: er adaptiert in seinem neusten pornofilmischen höhepunkt die Alpensaga vom sennentuntschi. Und wie er das tut! Text: natalie Gyöngyösi

in dem mit dem sinnigen Namen «sennenlut- im inneren ihres möbels förderlich für das schi» betitelten streifen basteln zwei sexuell Klonen von Nymphomaninnen sein müssen. ausgehungerte sennen (Chefsenn: will stei- sie verfrachten deshalb die erstgeschlüpften ger, sennenassistent: Chris hilton) eine stroh- weibchen nach einer Probe aufs exempel puppe zu erotischen Zwecken. Über Nacht wieder in den brutkasten. die dritte Nacht verstauen sie das ding in einem holzschrank. beschert den zwei Allvätern des Nuttensogleich die erste schlüsselstelle: der stroh- schrankkosmos überwältigenden Zuchterfolg: haufen transformiert zu einer jungen dame evastöchtern Nummer drei und vier (heiss: (bezaubernd: shirley Nitro) aus äusserst wil- Taranee devil und sidney Love). in der ursprünglichen sage vermehrt ligem Fleisch und blut, sich das sennentuntschi übaber ohne hirnzellen. was dieses werk von rigens nicht im innern eines das dämlein verfügt einrichtungsstücks. da zieht über eine rudimentär anderen des Genres es dem einen sennen zum ausgeprägte sprachbe- unterscheidet, ist schluss aus rache die haut gabung. Flapsig kann es sein intellektueller über den Kopf: Aus die maus. einfache worte nachZum Finale von «sennenlutplappern. die zwei sen- Anspruch. schi» sei nur so viel verraten: nen freuen sich derweil über die metamorphose im schrank. Nach der steiger übertrifft sich selbst – der schluss ist menschwerdung der Puppe kommt der Film also nicht nur oben ohne. mit «sennenlutschi» hat will steiger zur zweiten wendung (an diesem Punkt verlässt der regisseur übrigens das originalwerk durch die genitale Kameraführung mit Lieals Leitfaden): es entsteigt in der zweiten be zum detail und seiner brillanten erzählNacht ein zweites Gör (sexy: Lili Cute) nackt methode ein künstlerisch wertvolles stück wie ein Pudel dem Zauberschrank. die beiden schweizer Film abgeliefert. was dieses werk sennenschlauköpfe erfassen, dass die bio- von anderen des Genres unterscheidet, ist chemischen und klimatischen bedingungen sein intellektueller Anspruch. steiger kokettiert mit elementen der griechischen mythologie (Pygmalion-effekt) und beweist Feingefühl für sozio-politische branchenthemen. er bringt dem Publikum das harte sennenunterleibsleben näher, indem er klischeefrei szenen der Landarbeit zeigt: in sonntagstracht stroh mit der mistgabel von links nach rechts und dann wieder von rechts nach links schmeissen; in der sonntagstracht mithilfe eines walholzes sinnlos viele brote backen. daneben beleuchtet der regisseur die Problematik der kulturell diversifizierten Gesellschaft. in «sennenlutschi» wird dem Publikum vorherumgemacht, wie ein scharfer blick für die bedürfnisse des Gegenübers Kulturen einander tiefer durchzunehmen verhilft. steiger flechtet gar subtil sprachübungen für immigranten in

FIRTIG_Ausgabe2.indd 23

die dialoge: das sennenlutschi – strohblöde blondheit mit deutschen wurzeln – übt mit dem einführsamen sennen mundartvokabeln. er: «süggele!» sie: «süggele?» er: «blose!» – sie: «blose?» Generell ist es steiger ein Allerwertestenliegen, mit gesellschaftlichen vorurteilen aufzuräumen. blonde Frauen sind in seinem Film nicht dümmer, als brünette – sie sind alle gleich dämlich. steiger steht standhaft hinter jeder seiner diskriminierten minderheiten. er schafft es, dass sich seine zwei anfänglich zu steif wirkenden hauptakteure in den Griff kriegen und beweist viel inteamführungskraft. beeindruckend auch, dass trotz der ganzen aktiv praktizierten Liebe die handlung nie ins Kitschige abgleitet. ein wahrhaft genitales werk. Übrigens: es kursieren Gerüchte, erfolgsregisseur michael steiner («Grounding», «mein Name ist eugen») wolle den Kultfilm «sennenlutschi» nun als vorbild für eine Grossproduktion verwenden. sie wird voraussichtlich diesen herbst auf Zürcher Leinwänden zu sehen sein. vielleicht. irgendwann.

grosse 5x VERLOSUNG FirTiG verlost eine signierte Autogrammkarte des ganzkörper-rasierten will steiger sowie fünf sennenlutschidvds! e-mail mit Adresse und betreff «süggele» an: winner@firtig.ch.

«Das Sennenlutschi» (CH 2009, von Will Steiger, mit Shirley Nitro, Taranee Devil, Mia, Sydney Love, Lili Cute. Produkti on: Peter Preissle) ist auf DVD an den Kassen der Kinos Stüssihof, Walche und Roland erhältlich, oder Online-Vertrieb www.orgazmik.ch.

10.05.10 15:20


24

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

MAT COen: der robiN hood voN AUssersihL

seit donnerstag läuft robin hood im Kino. er ist im Fall grottenschlecht. wir haben was besseres im Köcher: Unser hobby-Kriminologe dave signer schickt den Chaosdetektiv mat Coen auf die mission «rache der Gerächten». statt helden in strumpfhosen gibt’s Nutten in strapse. Text: David Signer, Illustration: Julia Marti

FIRTIG_Ausgabe2.indd 24

10.05.10 15:20


25

firtig Die Zeitung zum Feiertag – Ostern 2010

ckerstrasse machte ich Halt und rauchte ein paar Zigaretten, zusammen mit den wartenden Pagen. Ein paar geleaste und geerbte Schlitten kamen an und die Pagen führten ihre jämmerlich reichen Besitzer in den Club und die Autos in die Tiefgarage. Als ein silbergrauer Aston Martin DBS ankam und ein toller, junger Hecht mit Silberschmuck und Seidenanzug ausstieg, zwängte ich mich vor, übernahm Es war an einem heissen Donnerstag, irgendwann im Mai, als die vom Fahrer den Schlüssel und fuhr davon. Schnell genug, damit der ganze Welt frei hatte. Gott alleine wusste wieso. Für mich war dies verkokste Besitzer und die Pagen den Schwindel erst bemerkten, als allerdings ein gewöhnlicher Arbeitstag und so sass ich um fünf Uhr ich schon um die Ecke in die Brandschenkestrasse eingebogen war. an diesem flimmernden Nachmittag am Schreibtisch meines spärlich Ich war zufrieden, kurvte um den Block in die Freigutstrasse und hielt eingerichteten Büros, rauchte eine Zigarette bis ganz an den Filter und vor der Tramstation Tunnelstrasse. Dort sass ein fetter, alter Penner mit verfilzten Haaren und buschigem Bart. Ich rief ihn zu mir und warf Dartpfeile auf den Stadtplan, der gegenüber an der Wand hing. Die Idylle zerbrach wie ein rohes Ei, als die Türe mit dem übergab ihm den Schlüssel. Seine milichigen Augen guckten erst verSchriftzug «Mat Coen - Privatdetektiv» aufschwang und ein kleiner, wirrt, dann aber schnallte er sein unerwartetes Glück und stieg ein. dicker Kerl in Armani eintrat. Er sprach: «Coen, ich habe einen Auf- Er zündete den Motor, warf seine Prix-Garantie-Bierdose aus dem Fester und brauste davon. Ich stand da und war zufrieden. trag für Sie!» Ich riet ihm, sich erst mal auf den ranzigen Bürostuhl, gegenüber Meine fast schon unübliche Zufriedenheit verlor ich allerdings zu setzen. «Coen.», fragte er beinahe euphorisch. «Kennen Sie Robin bald. Ich wollte nämlich nochmals am Club vorbei marschieren und Hood?» «Sie meinen die Schwuchtel in den grünen Leggins?», fragte ich aus der Ferne die jammernde und jämmerliche Mine des Goldküstenzurück. «Nein.», entgegnete der kleine Armani enttäuscht. «Sie mei- Schnösels besichtigen, dessen Auto ich «gerobinhooded» hatte. Doch nen Peter Pan, Coen. Robin Hood ist der Held der Armen. Der Räuber, als ich in die Nähe des Aphrodisia kam, sah ich plötzlich einen grauder die Reichen beklaut und die Beute den Armen verteilt. Gestern war en Aston Martin DBS angebraust kommen. Der Wagen hielt und ein fetter Penner (mein fetter Penner!) stieg aus. ich an der Filmpremiere. Und wissen Sie, ich Vermutlich dachte dieser, er könne sich jetzt dachte mir, warum macht das niemand in der «Kennen Sie Robin Hood?» im Club vergnügen. Doch dem war nicht so, realen Welt?» Seine kleinen Rattenaugen findenn die gesamte Entourage des jungen Pseugen an zu funkeln. «Ja warum eigentlich?», «Sie meinen die Schwuchtel dopimps stand noch vor dem Club und dachte antwortete ich gleichgültig. «Sie könnten ja in den grünen Leggins?» natürlich, der Penner hätte das Auto entführt. der neue Robin Hood sein.» Er schüttelte seine Ich wollte es auf sich belassen, da anfängtadellos frisierten Kopf: «Nein, kann ich nicht. Das Herz, wissen Sie. Zu tiefer Blutdruck und so.» Er fasste seine Brust. lich nur der Pimp auf den Penner einprügelte, und das mit derartigen «Aber Sie, Coen, Sie könnten es. Und ich werde Sie dafür bezahlen.» Klein-Mädchenschlägen, dass der Betrunkene nur abwesend kicherte. Jetzt stand er auf und setzte fort: «Ich höre, sie haben kein Problem Als dann aber des Pimps breitschultrige Entourage einschritt und sie mit etwas tougheren Aufträgen, in denen man unter Umständen die sich zu fünft an meinem dicken Kollegen zu schaffen machten, eilte Legitimität vor die Legalität setzen muss. Darum frage ich Sie: Sind ich zu Hilfe, zückte meine 44er Magnum und hielt sie dem Pimp unter die Fresse, drohend, dass ich ihm sein Gesicht auf dem Autolack verSie Robin Hood? Ich dachte daran, dass ich gerade erst aus der Untersuchungshaft teilen werde, wenn er nicht sofort seinen Trupp zurückpfiff. Er tat es. entlassen worden war, in der ich gesessen hatte, weil eine alte Frau Ich half dem Penner auf und zog ihn weiter. Als wir um der Ecke waaufgrund meiner Erscheinung und dem Anblick meiner 44er Magnum ren, nahm ich ihn mir zur Brust. «Ich glaub ich fress ein Pferd!», schrie einen Infarkt kriegte. Mein Anwalt hat mir gekündet und mein Psy- ich, «Ich besorge dir ein verfluchtes Auto und du fährst damit direkt chiater will nun, dass ich viermal wöchentlich auf seiner Couch platz zu seinem Besitzer zurück.» «Ich konnte ja nicht wissen, dass du das nehme. Ich war auf Bewährung und ich hielt Armanis Idee für ziem- geklaut hattest.», antwortete der Streuner schulterzuckend. «Ja denkst lich bescheuert. Den Einfall, ihn nun auszurauben, da er reich, war du etwa, ich schenke dir etwas, das mir gehört? Kennst du etwa Robin und dann das Geld mir selbst zu spenden, verdrängte ich sogleich, da Hood nicht?» «Was denn? Die Schwuchtel in den grünen Leggins?», dies ihn nur in unnötige Unsicherheit gebracht hätte und ausserdem fragte er. «Nein verdammt!», schrie ich wieder. «Der Räuber der Armen hatte er je bekanntlich ein schwaches Herz. «Vergessen Sie es!», meinte ich schliesslich. «Es klingt verlo- und der... Ach was red ich eigentlich. Was wolltest du überhaupt in diesem Club? Nur weil du ein dickes Auto hast, heisst es noch lanckend, aber ich habe meine Prinzipien, die ich niemals breche.» Die Umstände änderten sich, als der Armanianzug mir satte ge nicht, dass du dort gratis Blöterliwasser saufen kannst.» «Oh dreitausend Kröten als Vorschuss auf die Tischplatte blätterte. Mein doch.», antwortete der Penner, zeigte grinsend seine verfaulten ZähAuftrag bestand also nun darin, der neue Robin Hood zu sein, wäh- ne und schwenkte eine golden glänzende Kreditkarte. «Lag auf dem rend seine Limousine mich verfolgen würde, damit er das Schauspiel Beifahrersitz.» mit ansehen konnte. Ich steckte meine Knarre hinten in den Hosen- Wir schlemmten wie die Götter der Auffahrt in der Kronenhalle. bund, so wie es die Gangster machen. Erstens, weil Robin Hood ein Mein dicker Penner bestellte das fünfgängige Menu, ganze dreimal, Gangster war und zweitens, weil ich meinen Schulterhalfter nicht tra- und trank zwei Flaschen Chateau Marceau. Alleine. Ich selbst griff gen konnte, da es in dieser Affenhitze Tag kein Mantel verdeckte und weniger zu, aber kaufte mir mit der Kreditkarte noch ein Jahresabo und eine Mitgliedschaft der Kronenhalle. Mein neuer Freund wollte ich nur mit Hemd und Weste aus dem Büro trat. Ich überlegte mir, was ein besonders edler Raub wäre, schiss danach noch weiter, doch ich liess ihn alleine mit der Kreditkarte zieaber kurz darauf auf den Gedanken und beschloss, mir meinen Lohn hen. Auf den Vorschuss folgte schliesslich noch die Nachbezahlung. auf möglichst einfache Art zu sichern. Vor dem Aphrodisia an der Sto- Und ich konnte in Ruhe mein Dartspiel beenden.

FIRTIG_Ausgabe2.indd 25

10.05.10 15:20


26

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

ZüRICH, verNeiGe diCh! Für den blue stars youth Cup fliegt der Nachwuchs des zweitbesten Fussballclub der welt in die schweiz: die boca Juniors aus buenos Aires umgibt ein Kult, der weit über die nicht ganz gerade gezogenen seitenlinien ihres baufälligen stadions hinausgeht. Text: Marco Rüegg bild: Reto Kägi

ich glaube, alle haben so einen Freund: im studium versifft er jeden Abgabetermin, schlängelt sich aber mit Charme und schalk durch alle bewertungen. er versetzt die Kollegen am Laufmeter, aber wenn er auftaucht, ist er der superstar der runde. Und im Club kotzt er das Lounge-sofa voll und schleppt nachher trotzdem die geile barmietze ab. so einen Freund gibt es auch als Fussballclub: die boca Juniors aus dem hafenquartier La boca in buenos Aires, wo die Kloake des riachuelo die Capital Federal von der Provinz abschneidet. An Pleiten mussten sich die Juniors bald gewöhnen. Genau genommen bei ihrem ersten kapitalen match gegen CA river Plate aus demselben Quartier. es ging darum, wer die boca-Farben weiss-rot für sein Club-wappen beanspruchen dürfe. die boca Juniors verloren. Nach dem spiel sass die mannschaft – italiener, iren, spanier – am Fluss, atmete den Gestank von schweiss und Fisch und entschloss sich, anhand der Flagge des nächsten schiffs ihre vereinsfarben zu bestimmen. da bog ein schwedischer Frachter in den hafen ein. das ist jetzt 105 Jahre her. Und 1919 stand der erste meisterpokal in der blaugoldenen vitrine. so erzählt es die Legende – und die Taxifahrer, welche Touristen aus allen ecken der stadt für viel zu viel Geld nach La boca karren. Zum Caminito, einem kopfsteingepflasterten Tango-disneyland am riachuelo. man sagt, hier sei aus dem ruckartigen Gewanke der hafenarbeiter der Tanz der Leidenschaft entstanden. heute ist es ein ort für Leute in Tennissocken, die im Urlaub gern einem ausgestreckten schirm hinterher wackeln. Gitarristen jaulen in den schwülen Nachmittag, männer mit lustigen hüten wirbeln Frauen in Netzstrümpfen über den Asphalt. rundherum hunderte farbige, ineinander verschachtelte bretterbuden mit wellblech obendrauf, als hätte jemand eine Kiste riesen-Lego ausgekippt. Und irgendwo dazwischen: das stadion. dAs! stadion. wie Nella martinetti in einen Flugzeugsitz quetscht sich das estadio Alberta Jacinto Armando zwischen die häuserzeilen. ein ausgestreckter mittelfinger and die ste-

FIRTIG_Ausgabe2.indd 26

rilisierten Konsumarenen, in denen manchester United oder bayern münchen auflaufen. die ränge der «bombonera» – spanisch für Pralinenschachtel – wachsen steil wie mammutbäume in den himmel. Auf dem streifen zwischen spielwiese und machendrahtzaun ist knapp genug Platz für einen Purzelbaum. Über 57'000 verwandeln jedes boca-heimspiel in ein blau-goldenes Fegefeuer und die Trommeln auf den stehplätzen schlagen den Puls des barrios. ein fussballtechnischer orgasmus sind die derbys zwischen boca und river. beim «superclásico» reduzieren sich die 2.75 millionen Quadratkilometer Argentinien auf die rasenfläche zwischen vier eckfahnen. die Anhänger der beiden rivalen machen drei viertel der bevölkerung aus. sagt wikipedia. rekordmeister river Plate zog in den 30ern ins bonzenquartier Nuñez um – und ins Nationalstadion «el monumental». dort spielen auch U2, bon Jovi und manchmal sogar gute bands. seitdem ist das derby gleich Klassenkampf: bonzos gegen obreros, Kapitalisten gegen Chrampfer. «Galinas» (hühnchen) gegen «bosteros». ein Ausdruck für bedienstete, die ende des 19. Jahrhunderts Pferdemist von randsteinen kratzten. mist ist inzwischen auch die romantisierung des superclásico. die boca Juniors sind längst zu einem globalen millionenbetrieb angewachsen, die 18 internationalen Titel können nur berlusconis schuhder akuelle Juniorsküsser bei der AC Präsiden macri milan überbieten. der aktuelle Juniorsschmeisst mit Pesos Präsident und manaum sich, als sei es ger mauricio macri herbstlaub. ist seit 2007 bürgermeister von buenos Aires und schmeisst mit Pesos um sich, als sei es herbstlaub. das Netz der Fanclubs erstreckt sich von Kolumbien bis in die Ukraine. Und kürzlich erwägten Los Xeneizes (nach den Genoischen Gründervätern), die boca Juniors UsA in der amerikanischen major League soccer einzu-

10.05.10 15:20


27

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

führen. das Projekt ging den bach runter und vielleicht ist das besser so. Grossartigkeit und Grössenwahn sind nämlich zwei alte Kumpel. Genauso wie den Triumph kennt La boca das grandiose scheitern. die Juniors wissen, wie man Titel gewinnt. sie wissen aber auch verdammt gut, wie man sie im letzten moment verspielt. Licht und schatten, genau so, wie unten am hafen von buenos Aires. wenn dort der horizont die sonne verschluckt, machen sich die Touristen davon wie ratten von einem sinkenden schiff. Natürlich, hier kosten Pizza und Pasta ein Taschengeld. Aber manch einer hat den nächtlichen besuch in La boca mit seiner spiegelreflex-Kamera oder einem gebrochenen Nasenbein bezahlt. etwas weiter den Fluss hoch wärmen yonquis und vagabundos ihre hände über brennenden mülltonnen. regelmässig toben demonstrationen gegen das selbstgefällig regierende ehepaar Kirchner durch die strassen von La boca. Licht und schatten, genau wie im Leben der identifikationsfigur der boca Juniors. diego Armando maradona ist im bauch der bombonera ein ganzes museum gewidmet. Auf dem Caminito winken Papmaché-Abbilder von

FIRTIG_Ausgabe2.indd 27

den balkonen und diego-doppelgänger posieren für erinnerungsfotos. der Zauberzwerg kam 1981 kam zu boca. ein Jahr darauf zog er nach barcelona, doch sein herz blieb für immer, weil er selbst in kläglichen verhältnissen aufgewachsen ist. Zwanzig Jahre nach seiner Premiere winkte die «hand Gottes» beim Abschiedsspiel in der bombonera den vollen rängen zu, drehte ehrenrunde um ehrenrunde und warf mit Kusshänden um sich. es hätte ein happy end sein können. es war keins, aber das ist eine andere Geschichte. Gerade heute erinnert sich blau-Gold wieder besonders gern an jene glorreichen momente. Aktuell liegen die boca Juniors in der argentinischen halbjahresmeisterschaft abgeschlagen im unteren drittel der Tabelle, Trainer werden gefeuert, spieler gescholten, Presse, Fans und management verfallen in einen Kanon des Jammergesangs. Allerdings bleibt selbst in diesen bitteren stunden ein Trost: man liegt noch vor river Plate. immerhin. Spielplan des Fifa Blue Stars Youth Cup vom 12. und 13. Mai: www.youthcup.ch

10.05.10 15:20


FIRTIG_Ausgabe2.indd 28

10.05.10 15:20


29

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

HOROSKOp by madame La effe

STIeR 21. ApR. – 20. MAI

ZWIllInGe 21. MAI – 21. JunI

KRebS 22. JunI – 22. JulI

löWe 23. JulI – 23. AuG.

es war ja gut gemeint, aber als du dem himmelfahrtskommando beigetreten bist, hast du dich keinem spirituellen Zirkel angeschlossen. Prost Nägeli!

du bist 45 minuten zu spät zum Familiendinner. Als du endlich ankommst, hechtest du das Treppenhaus hoch, stolperst und verstauchst dir den Knöchel. hättest dir ja denken können, dass man an Auffahrt den Aufzug nehmen sollte.

der Tag hat so gut angefangen – und jetzt liegst du auf der Psychiater-Couch. hättest ja am sbb-Ticketschalter nicht darauf bestehen müssen, «himmelfahrt einfach» lösen zu wollen.

es ist Christi himmelfahrt: du fühlst dich heute berufen und versuchst, es dem alten Knaben gleich zu tun. Auf dem weg nach ganz oben verlierst du aber in einer eyjafjöll-Aschewolke die orientierung. hatte Jesus eigentlich GPs?

JunGFRAu 24. AuG. – 23. Sep.

WAAGe 24. Sep. – 23. OKT.

SKORpIOn 24. OKT, – 22. nOV.

SCHüTZe 23. nOV. – 21. DeZ.

Auch du willst von einem engel hoch hinauf getragen werden. stattdessen landest du mit einem blutigen Auge im strassengraben. hast du echt geglaubt, der bärtige hell’s Angel würde dich huckepack nehmen?

Nachdem dir ein skorpion erzählt hat, die hand Gottes sei nicht unter der Nummer der dargebotenen hand zu finden, suchst du sie im Computer-rollenspiel «Legend: hand of God». Als die elfe mit Cosma shiva hagens stimme zu dir sprichst, weißt du: Gott hat dich erhört. Amen.

wenige Tage nach Auffahrt erhältst du eine saftige Telefonrechnung. dabei hast du doch die dargebotene hand nur deshalb so oft angerufen, weil du dachtest, dahinter stecke die hand Gottes...

die Polizei verhört dich: du hättest verbindungen zu raser-Kreisen. wie kommen die bloss darauf? Ach so: Auf dem Flyer zu deiner Party hat sich ein schreibfehler eingeschlichen. da steht gross und fett: sAUFFAhrT.

STeInbOCK 22. DeZ. – 20. JAn.

WASSeRMAnn 21. JAn. – 18. Feb.

FISCHe 19. Feb. – 20. MäRZ.

WIDDeR 21. MäRZ – 20. ApR.

bei einer Prügelei auf der strasse gehst du mutig dazwischen. Keine gute idee, die Faust des Angreifers landet in deinem Gesicht. Passend zum Feiertag hast du ab sofort eine himmelfahrtsnase – an silvester auch «Nez rouge» genannt.

du hörst dir konzentriert den Auffahrts-Gottesdienst im Autoradio an. wenige sekunden später machst du einen Auffahr-Unfall. müssen Gottes Zeichen immer so direkt sein?

du verfährst dich mit deinem wagen, immer und immer wieder. bis du endlich realisierst: es heisst «Auffahrt», nicht «Ausfahrt»…

Feiertag gleich frei gleich feiern, als gäbe es kein morgen. schön und gut – allerdings wird Auffahrt für dich dadurch zum Absturz. Feiertage können wehtun.

KreUZHworTrÄTseL WAAGReCHT 4. 7. 8. 9. 13. 14. 16. 17.

6. 7. 10. 11. 12. 15.

1 4

hier schmiedet GC Talente vom Tal in die stadt auf den berg Trägt die socken weiss ist auch ein schiff heisst nicht max, sondern moritz endstation für immer (Kreis 3) diese Frau hat den Kopf verloren 0844 333 333

SenKReCHT 1. 2. 3. 5.

Illustrati onen: Bea Kaufmann

Zwischen wollyhood und Aussersihl Unten, oben, früher drogen wird zur Chaoszone bei vulkanausbrüchen Polanski flüchtete dorthin, aber nicht, weil er Konzerte besuchen wollte… dresscode: rockerkluft Züri-Nord mini-bronx 58 intercity-minuten vom hb hat zwei räder und einen Neon-rucksack das U bei 7 waagrecht Kopfloser Lover von 16 waagrecht

lösung auf Seite 30.

FIRTIG_Ausgabe2.indd 29

2

3

5

6

7

8 9 10

11

12

13

14

15

16 17

10.05.10 15:20


iii

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

InHAlT

5 10 14 16 18 20

22 24 29 30

FIRTIG_Ausgabe2.indd 3

AleJAnDRO JIMÉneZ KOMMT eS SpAnISCH VOR diesmal findet Alejandro den Krieg doof – und sagt dem Kerl deshalb mal ordentlich die meinung. DROGe bIlD wir haben jetzt eine redaktorin, die kann so richtig krasses Kunstzeugs schreiben. Guckst du, hä? DIe GeTRIebene nORA manchmal möchte man doch einfach… Unsere Autorin hat’s getan, und ist einen Tag lang ihren Trieben gefolgt. wohin es geführt hat? Auf seite 14. pOSTeR sara merz will doch nur spielen. VOM FuSSbAllpROFI ZuM TelleRWäSCHeR das Leben des 37-jährigen Assimeron ist eine erfolgsgeschichte im rückwärtsgang.

ZelleR VS. KRAnK Unsere Autorin sollte über robin rehmanns Punktruppe schreiben. sie findet die band scheisse – und hat es robin in einem brief mitgeteilt. Und robin? der hat zurückgeschrieben.

GAInSbOuRG & CO. Frankreichs dirty old man im Kino, englands U.N.K.L.e. auf Platte, silvano Cerutti auf Papier – und räuber & Poli zmitzt im Niederdorf.

eDITORIAl dANN bLeib doCh dAheim! Ja, wir haben’s extra gemacht. wir haben in der osterausgabe extra nicht hingeschrieben, dass bea Kaufmann die geilen horoskop-Piktos gemacht hat. die dame wäre vor lauter Fanpost ja zu nix anderem mehr gekommen. Auch das L von Adliswil haben wir im KreuZhworträtsel mit Absicht weggelassen. wir haben nämlich vernommen, die behörden würden das bald auch so handhaben, um auf der verwaltung druckertinte zu sparen. Und der 1. mai, ja, den haben wir ganz bewusst ausgelassen. erstens hätten uns die bullen-Joggel beim verteilen am schluss noch eine Ladung Gummischrot in unseren herausgeber-hintern gepfeffert – und zweitens hätte sich von euch doch eh keiner vor die Tür getraut, um in einem Kafi den FirTiG zu lesen. Aber wisst ihr was? das müsst ihr jetzt auch gar nicht mehr. das machen jetzt nämlich die velokuriere vom Lily’s home delivery für euch. ihr müsst bloss noch anrufen, 044 251 70 70, was zu feines zum mampfen bestellen (zum beispiel so ein Tamil Chicken Curry), und kriegt unsere Feiertagszeitung mitgeliefert. direkt in die gute stube, wo ihr weiterhin schloten könnt, so viel ihr wollt. Und bevor uns jetzt die Krebsliga auf die Palme steigt: Natürlich liegt der FirTiG immer noch in deinem Lieblings-Nichtraucher-Café auf. das ganze lange wochenende. Geil, oder?

Simon Smit und Marco Rüegg, FIRTIG-Herausgeber

beSuCH DeR KleInen MARADOnAS FirTiG hat diesmal auch einen sportteil. oder zumindest so was Ähnliches. HAuSFRAuenSeITe KreuZhworträtsel für ihn, horoskop für sie. AGenDA wir wissen wann wohin.

10.05.10 15:19


30

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

RAuS MIT DIR! der FirTiG ist zum Feiern da.

auffahrt, 13. mai

samstag, 15. mai

AbART: Admiral James T (Ch) und etwa 100 andere Punkabillys feiern Leech-redda-Geburi

AlTe böRSe: 4 years City Fox, und wer hat schon wieder die Gans gestohlen? CAbAReT: Jake The rapper (d), mordsmässig geil!. HäRTeReI: 90ies Party, No no, no no no no Limits! MOODS: Ali baba sound system, wir suchen noch 40 räuber. ROTe FAbRIK: enter The dancehall, und komm ordentlich durchgeschüttelt wieder raus. MASCOTTe: Lipstick, mit viel vitamin s.

sonntag, 16. mai DynAMO: K’s Choice (UK), deine wahl? HAllenSTADIOn: Kiss (UK), Zungenkuss! bAZIlluS: monkey Lounge iii, welch ein Affentheater.

HelSInKI: Trio From hell (Ch), jeden sonntag, Pausen sind für Arschlöcher!

HIVe: Zoot woman (UK), Kinder vom bahnhof Zoot

Hey: 2ram (Ch), «Live mantra music", was immer das ist.

MASCOTTe: stereo Total (F/d), Total normal.

STAll 6: 5 Jahre balkanexpress, Cevapcici-Grill und Live-sound.

KAuFleuTen: Jamie Lidell (UK), Little Jamie ganz gross.

x-TRA: Jethro Tull (UK), Pfeift aus dem letzten Loch.

ROTe FAbRIK: offene Leinwand, zugesoffene Jungfilmer.

ROHSTOFFlAGeR: UNKLe (UK), James Lavelles Familienkränzli.

x-TRA: salsamania, zum aus der haut tanzen.

brücke, 14. mai COCunA: Kling-A-Ling, kaiserliche dancehall zu bettlerpreisen.

WE LIKE

exIl: Fiji (Ch), die Nacht trägt strapse und der mond ist eine discokugel. HIVe: 2 Jahre Neon, ein Abend blau. pApIeRSAAl: indigo Lotus yoga Festival, Gschpürsch mi? ROTe FAbRIK: Nomeansno (Can), und wir sagen trotzdem: yeah! MASCOTTe: royal Flush, Pokerface!

AUFLösUNG KreUZHworTrÄTseL: WAAGReCHT: 4. Niederhasli, 7. sZU, 8. Aargauer, 9. Tram, 13. Leuenberger, 14. sihlfeld, 16. regula, 17. Pizza. SenKReCHT: 1. enge, 2. Letten, 3. Flughafen, 5. exil, 6. Abart, 7. seebach, 10 . bern, 11. veloblitz, 12. Uetliberg, 15. Felix

roCKY votolato (usa) 15. MAI, 20 uHR, ZuKunFT Als er klein war, hat rocky votolato einen grenzdepressiven engel verschluckt. seit dem säuselt dieser tief drin in rockys brust songs, die zu schwer zum Lachen sind, und zu schön zum weinen. melodien, an denen der wüstensand klebt, zu denen rocky (seine eltern haben ihn übrigens nach dem familieneigenen hengst benannt) die Gitarre streichelt, als wäre sie ein im sterben liegendes Lamm.

x-TRA: 80ies-sause für west end Girls.

FIRTIG_Ausgabe2.indd 30

10.05.10 15:20


Hol dir den FIRTIG nach Hause! N ur

Für 20.– bist du dabei und bekommst den FIRTIG bis an die Wohnungstür. Doch das ist nicht alles: Zu jeder Lieferung gibt es fast geschenkt für einen kleinen Aufpreis ein Gericht vom Lilys Home Delivery* dazu. Z.B:

20.-

pro AusgAbe !

*Lieferung ohne Gericht leider nicht möglich.

ToM YAM guNg Zuschlag nur CHF 4.50

YAKI sobA Zuschlag nur CHF 2.50

Eine vollständige Auswahl der Gerichte auf www.lilys.ch

Lilys_oma.indd 2

pAD sI Yu Zuschlag nur CHF 2.5 0

firtig

10.05.10 13:52


Teuflisch scharf.

inserat_auffahrt_202x285_2fg_cmyk.indd 1

FIRTIG_Ausgabe2.indd 32

SHOPVILLE UND STADELHOFEN

AN AUFFAHRT OFFEN

Himmlisch s端ss.

07.05.10 18:23

10.05.10 13:56


FIRTIG_Ausgabe2.indd 4

10.05.10 15:19


5

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

AleJAnDRO JIMÉneZ KommT es sPANisCh vor

lIebeR KRIeG Illustration: Justyna Chudzinska

Jetzt habe ich sie schon wieder in der Zeitung gesehen. entschuldigung, aber haben sie eigentlich gar keine manieren? sie töten Unschuldige, die gar nicht wissen, warum sie sie führen. warum suchen sie nicht einfach einmal alle die verantwortlichen idioten heim, die sie ausrufen? die hätten doch mal einen zünftigen Krieg verdient, diese schwachmaten. Zum Glück gibt es sie wenigstens in Friedenszeiten nicht. Nirgends. Letztens habe ich, um ganz sicher zu gehen, im supermarkt gefragt, ob sie denn eigentlich in ihrem sortiment auch Krieg führen. die haben mich angeguckt wie einen irren, dabei finde ich die Frage völlig legitim. Jetzt weiss ich, dass ich im supermarkt sicher bin, wenn wieder irgendwo ein Krieg ausbricht. ich bin auch in ihrem verein, wo wir sie regelmässig üben. das muss man ja leider in der schweiz. das

FIRTIG_Ausgabe2.indd 5

ist so wie religion. da hat man mich auch ungefragt hineingeschubst. Aber eines muss ich ihnen dann schon sagen, lieber Krieg. bei unserem verein sollten sie besser nie vorbeikommen, denn wir haben echt keine Ahnung von ihnen. Und darüber bin ich sogar froh, muss ich sagen. Natürlich habe ich auch ihre letztes Jahr erschienene Autobiographie «ich Krieg, die Krise» gelesen und muss sagen, dass ich geradezu schockiert war über ihr verhalten in den letzten beiden Jahren. Finden sie das etwa lustig, wenn wir um unsere Arbeitsplätze bangen müssen? ich weiss dass sie schon länger hier sind als ich, aber dennoch finde ich, dass sie schon genug Unheil angerichtet haben und das für sie die Zeit gekommen ist, zurückzutreten. sollten sie dies nicht tun, werden wir im Notfall auch gegen sie demonstrieren.

10.05.10 15:19


6

firtig Die Zeitung zum Feiertag – Ostern 2010

So long, Nikotinzwerg! Unsere Autorin sucht die Erlösung. Pleite und atemlos keucht sie über die Schwelle eines Seminars zur Raucherentwöhnung. Was es gebracht hat? Lest selber… Text und Bild: Natalie Gyöngyösi Chrüsimüsi aka Flussdiagramm: Fabienne Schmuki

FIRTIG – Flussdiagramm: Zu welchem RaucherTyp gehörst du?

START Beim Wort «Rauchen» denkst du intuitiv...

Gar nicht. Da wir auch schon vor und während dem Essen geraucht haben, wird diese Frage gar nicht erst auftauchen.

Na klar! Oder wie soll ich sonst die fünf Minuten Wartezeit bis zur Busankunft überbrücken?

Du hast Gäste zum Abendessen. Nach dem Dessert möchte dein Bekannter auf dem Balkon eine rauchen. Wie reagierst du?

an ein Feuer

Du möchtest eine Zigarette rauchen, aber dein Pack ist leer. Fragst du den Junkie an der Bushaltestelle neben dir um eine Zigi?

an eine Zigarette

an deinen Vater / Chef / Lehrer

FIRTIG_Ausgabe2.indd 6

Sie sind erfolgreich, intelligent, selbstbewusst oder sexy – und cool. Che Guevara, James Dean und Marilyn Monroe. Robbie Williams, Jean Renault oder Peter Bichsel. Alle stolze Nikotinzwerghalter. Und auch ich habe mir so ein kleines, hässliches Monsterchen zugelegt. Es braucht ungefähr ein Zigarettenpäckchen pro Tag und wird immer fetter und fetter. Da mir der Parasit aber allzu penetrant auf der Tasche liegt und ich beim bergauf trampen mit dem Velo jeweils beinahe die Lungen rauskotze, muss das Biest schleunigst weg. Dazu brauche ich professionelle Unterstützung. Sprich: einen Raucherentwöhnungskurs. So einen wie Anthony Hopkins und Richard Bransons Nichtraucher-Seminar nach Allan Carr. Genau, dem umstrittenen, inzwischen toten Raucherentwöhnungs-Guru. Carr, 1934 in London geboren, schrieb Bücher zum Thema Lebenshilfe. Sein bekanntestes: «Endlich Nichtraucher!» (Im Original: Easyway to stop smoking). Darin stellt der ehemalige Kettenraucher die durch seine Erfahrungen entwickelte Methode vor, wie selbst langjährige Raucher nullkommaplötzlich die Finger vom Glimmstängel lassen. Der Trick: Die Teilnehmer sollen während der Entwöhnung zunächst weiterschloten. Nach Ende des Seminars rühren sie freiwillig keine Zigarette mehr an, weil die «positive Gehirnwäsche» - die mentale Befreiung von emotionalen und psychologischen Assoziationen - seine Wirkung tut. Da so eine kleine Spülung meinen Gehirnwindungen bestimmt nicht schadet, mel-

Der Gast am Tisch hinter dir zündet sich eine Zigarette an. Machst du ihn darauf aufmerksam, dass du am Essen bist und es dich stört?

Ich sage meiner/m Freund/in, er/sie soll doch den Gast zurechtweisen.

Ich bin entsetzt. Wegen ebendiesem Freund habe ich extra vegetarisch gekocht. Und jetzt so was! Ich lebe in einer Nichtraucherwohnung mit einem Nichtraucherbalkon!

Nur, wenn gerade eine scharfe Frau vorbeigeht, der ich mit meinen coolen Rauchringli imponieren will.

Er darf, aber ich geselle mich nur dazu, wenn mein/e hübsche/r Nachbar/in auf gerade auf dem Balkon steht und eine raucht.

Ich halte ihm einen Vortrag über die gesundheitlichen Folgen des Passivrauchens und schliesse, indem ich die Zigarette in seinem Bier lösche.

Der Rauch stört mich nicht. Im Gegenteil: In meinem Aschenbecher brennt ja auch noch eine Zigi vor sich hin.

10.05.10 15:19


7

firtig die Zeitung zum Feiertag – ostern 2010

de ich mich an. 649 Franken kostet der zweifelhafte spass. Ausser mir nehmen zwei Jungs teil, roger (37) und Kai (29), beide von ihrem Chef in den Kurs beordert. Freiwillig, versteht sich, sonst nützt das seminar nichts. Unser leitender Gehirnwäscher heisst martin böhler, ein sympathischer Kerl. er fragt uns bezüglich unserer rauchgewohnheiten aus. wann haben wir unsere erste Zigarette geraucht? wie hat sie geschmeckt? dann geht die Anti-raucher-berieselung los: soundso viele menschen sterben jährlich an den Folgen einer durch das rauchen verursachten Krankheit. soundso viele Giftstoffe stecken in einer Zigarette. Gift, das auch als insektenvertilgungsmittel dient. isst ein erwachsener fünf Zigaretten, vergiftet er sich tödlich. ein Kleinkind killt schon eine einzige. dann ist Pause, wir sollen «ein Lungenbrötli» zu uns zu nehmen. machen wir auch und kehren nach fünf minuten zurück in den Kursraum. böhler zeichnet auf einem blatt eine Querlinie und beschriftet sie mit 100 Prozent. darunter eine zweite Linie, 90 Prozent. weiter unten malt er einen 50-Prozent- und einen 40-Prozent-strich. die oberen zwei Linien stellen die Lebensqualität des Nichtrauchers dar, die unteren diejenige des rauchers. die hochs und Tiefs eines Nichtrauchers schwanken demnach nahe am maximum. ein raucher kann aus Gründen wie der gesundheitlichen beeinträchtigung, Abhängigkeitsverhalten oder gesellschaftlicher Ächtung (what the fuck?) nie volle Zufriedenheit erreichen. Je-

hast du schon mal versucht, mit dem rauchen aufzuhören?

Nikotinkaugummis, Pflaster, hypnose – mal im enrst: denkst du, ich hätte im Lotto gewonnen?

den ersten grossen Konflikt mit deinen eltern hattest du...

Als ich beim Zigarettenschnorren im 1. Klässler-Zimmer erwischt wurde.

...»Nein» gestimmt und drei Zigarettenstummel ins Couvert gelegt.

bei der Abstimmung zum rauchverbot hast du... ...deine mutter nach rat gefragt. mindestens so oft, wie ich schon mit dem rauchen angefangen habe.

...«Ja» gestimmt und es dreimal fett unterstrichen. sorry, süsser, hab grad meinen letzten sprit aufgebraucht... Kettenraucher, halt!

Als ich sagte, die Kirche stelle für mich eine grössere Autorität dar als mein vater.

Ja, ich mag diese alten Filme mit grossen Gefühlen. Aber nur, wenn darin nicht geraucht wird.

Nein, die sind mir zu langweilig, ich stehe auf Actionfilme mit viel Lärm und geilen weibern.

FIRTIG_Ausgabe2.indd 7

du brauchst Feuer? weißt du eigentlich nicht, dass seit dem 1. mai rauchverbot herrscht?

der Casanova im Club fragt dich nach Feuer. deine Antwort?

Meine Taumfrau Mein Traummann!

magst du alte europäische Filme?

Ja klar! schliesslich wurde damals noch mit stil geraucht. Und in jeder szene!

du hast dein erstes date mit einer bezaubernden begleitung. er / sie ist raucher/in.

Typ 1 Typ 2 Typ 3

10.05.10 15:19


rz_202x285_WLD.indd 1

FIRTIG_Ausgabe2.indd 8

17.03.10 19:04

10.05.10 15:19


9

firtig Die Zeitung zum Feiertag – Ostern 2010

Typ 1

Der VerbRAUCHER Du rauchst eine Zigarette um die andere. In der Zeit, die du nicht mit Rauchen verbringst, denkst du an die nächste Zigarette. Du verbrauchst nicht nur Pack um Pack, sondern auch Gedanke um Gedanke an das braune Gold: Tabak. Das Rauchverbot kommt in deiner Wahrnehmung einem klinischen Tod nahe.

Typ 2

Schall und Rauch(er) Du rauchst, um Effekte zu erhaschen. Eigentlich stinkt dir jede einzelne Zigarette. Aber es sieht so verdammt cool aus, wenn du inhalierst, den Mund weit geöffnet, um den Rauch dann wieder durch die Nase auszuatmen. Insgeheim freust du dich über das Rauchverbot. Dann musst du deine Show nicht mehr ganz so häufig abziehen.

des Mal, wenn ihn das Verlangen quält, sinkt das Wohlbefinden auf 40 Prozent. Dank Glimmstängel kommt er immerhin wieder auf 50. So lange, bis er aus Gier auf die nächste Zigi eine innere Leere, Nervosität oder Unzufriedenheit verspürt und diese Regungen mit der Zuführung von Nikotin kurzfristig unterdrückt. Dasselbe Prinzip wie bei Heroinjunkies. Ich denke: «Shit, jetzt hat er mich! Ich höre auf! Jetzt. Vielleicht…» Der Coach schickt uns raus, Nikotinzwergfütterung. Etwas zögerlicher, als auch schon. In der nächsten Runde erklärt Böhler, dass es falsch sei, von «Verzicht» zu sprechen. Wir müssten begreifen, dass es ein Gewinn sei, sich keine Zigaretten zu zuführen. Auch die «Belohnungszigi» sei Schwachsinn. Es ginge nicht um Disziplin, sondern um die Einsicht. Man müsse froh sein, dass man keine «Shit, jetzt hat er brauche. Herr Böhlers Formumich! Ich höre auf! lierungen werden radikaler, er hört auf, die Zigarette «ZigaretJetzt. Vielleicht…» te» zu nennen und spricht von «Insektenvertilgungsmittel». Er redet und redet und redet, drei Stunden sind vergangen. Langweilig ist es nicht, obwohl das Gesagte sich in neuen Ausdrücken wiederholt. Böhler vergleicht, mit angenehmer Stimme und feinem Humor, das Rauchen mit einem stinkenden Mitbewohner, der einem jeden Tag Gift in den Kaffee kippt. Mein kleines Monster! Vor der nächsten Pause fordert der Scheff eine Entscheidung: Aufhören! Wir stolpern in die Raucherecke, die Jungs sind überzeugt: Sie hören jetzt auf. Noch eine letzte Zigarette. Diese verdammten Streber. Ich bin unsicher, zum Rauchen ist mir die Lust im Moment vergangen. Als wir zurückgehen, fragt der Gehirnreiniger, ob wir uns entschieden hätten. Roger und Kai sagen ja. Ich sage, ich wisse es nicht, und fühle mich ein bisschen schwach. Und doof. Ich frage den Böhler, ob ich einfach zu dumm sei, um aufzuhören. Er meint: «Rauchen hat nichts mit dem Intellekt zu tun. Raucher sind meist kreative, kommunikative und witzige Leute. Es geht um etwas anderes: Illusion.» Rauchende Menschen bildeten sich ein, mit dem Rauchen Stress besser bewältigen zu können. Lauter Pseudo-Gründe, es existierten in der Tat keine rationalen Argumente, das Rauchen zu verteidigen. Am Ende machen wir so Meditation, ich falle beinahe vom Stuhl. Sechs Stunden sind vorbei, zum Ausgang begleitet mich mein schlechtes Gewissen. Ich werde eh nicht aufhören. Nun, aber zum Glück liegt das - wie der Gehirnwaschmann sagt - nicht an meiner Intelligenz. Ich bin einfach sehr kreativ im Erfinden von Ausreden, warum ich weiterhin rauchen muss. Und witzig, weil ich mich so gut selber verarschen kann. www.easyway.ch

Typ 3

Der Weihrauch(er) Du hast einmal in deinem Leben an einer Zigarette gezogen. Im Traum. Das hat dich dermassen zum Husten gebracht, dass du davon erwacht bist. Rauch existiert für dich nur in einer Form: nach Myrrhe duftend in der Kirche. Das Rauchverbot beweist für dich: Gott hat deine Gebete erhört. Amen.

FIRTIG_Ausgabe2.indd 9

10.05.10 15:19

FIRTIG 2 AUFFAHRT 2010  

Der zweite FIRTIG, die einzige Zeitung, die an Feiertagen erscheint.

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you