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Leichtfüssig urban

Urban Lebenswandel mit Parkour

Parkourläufer Pascal Bueb Im Porträt

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er Weckruf kommt aus dem Nichts. Als Jugendlicher zockt Pascal Bueb am Rechner, manchmal satte 24 Stunden am Stück. Mit 15 spielt er in einer Liga, fährt auf Turniere und LAN-Partys. „Counter Strike, auf semiprofessionellem Niveau. Ich war ein ziemlicher Nerd.” Da zeigt ihm sein Freund am Nebentisch ein Video mit Parkourbegründer David Belle, der darin für einen Werbespot der BBC durch London läuft und springt. „Ich fand es unglaublich, was er da machte. Und habe meinem Freund nicht geglaubt, dass das Video echt ist. Wir sind dann direkt nachts um drei noch rausgegangen und haben angefangen, auf Mauern zu balancieren und ein wenig rumzuhüpfen. Aber Computernerds haben jetzt nicht gerade das krasseste Gefühl über ihren Körper und so waren es natürlich erst mal sehr nahe Distanzen”, sagt Pascal. Diese ersten Sprünge aber beenden sein bisheriges Leben auf radikale Weise. Die Computerwelt ist Geschichte. Selbst im kältesten Winter trainieren die beiden Freunde draußen Bewegungsabläufe und Techniken, bringen ihre Körper an die Grenzen. Auch Trainings für den Muskelaufbau stehen auf ihrem ersten Programm. Auf allen Vieren laufen sie rückwärts Treppenstufen hoch. „Quadrupedie ist superanstrengend, aber eben auch eine gute Kraftübung. An einem dieser Wintertage habe ich zu meinem Kumpel gesagt, überleg mal, es ist Samstag früh, wir sind über eine Stunde hierher gefahren, um auf kalten Treppen auf allen Vieren rumzulaufen. Stattdessen könnten wir jetzt im warmen Zimmer vorm PC sitzen, irgendetwas FettigUngesundes essen und einfach nur abhängen. Er hat mich angeguckt und gefragt, ob ich das denn wollen würde. Aber ich wollte es nicht mehr.” Pascal beginnt mit Parkour, seinem Körper etwas zurückgegeben. „Ich war ein ziemlich abgemagerter Junge. Du brauchst nicht viel Masse zum Computerspielen.”

„Ich wollte stark sein, wollte anderen Leuten zeigen: Das, was ich kann, das könnt ihr auch.“

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Als der Stuttgarter Parkour für sich entdeckt, gehört er zu den ersten in seiner Heimatstadt. Die Szene ist anfangs noch etwas unbeholfen. „Wir hatten nur wenig Ahnung von dem, was wir da gerade taten. Aber ich wusste, was Parkour damals bedeutete: Sei stark und nützlich. Und das war einer der wichtigsten Aspekte, die ich für mich mitgenommen habe. Es bedeutete, wenn ein Haus brennt, sei fähig, reinzurennen und Menschen zu retten. Darauf habe ich hintrainiert. Ich wollte stark sein, wollte anderen Leuten zeigen: Das, was ich kann, das könnt ihr auch. Es war mir wichtig, etwas von meinen Weg zu teilen”, erinnert er sich. Nur kurze Zeit nach dem Ausstieg aus seinem alten Leben prägt Pascal mit einigen anderen Pionieren die Parkourcommunity in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. „Wir waren plötzlich in einer anleitenden Position, nahmen die Nachkommenden unter unsere Fittiche. Und fingen an, eine Struktur zu schaffen. Die Leute kamen am ersten Samstag im Monat zu ‚Parkour Stuttgart’ und trainierten. Nach und nach haben wir dann ein Forum aufgebaut, auch eine Internetseite entstand. Die Community wuchs rapide an.” Noch immer sei das Weitergeben von Erfahrungen elementarer Bestandteil in seinem Leben. „Was ich mache, ist gar nicht so schwer. Am liebsten gebe ich Neuen den Sport an die Hand und sage, probier es mal aus, ich zeige dir die ersten Schritte. Natürlich kannst du nicht auf dem Niveau einsteigen, auf dem ich heute bin, ich habe nun mal ein jahrelanges Training hinter mir. Aber wenn du es möchtest, kannst du es genau so gut wie ich”, sagt der 25-Jährige. Zehn Jahre nach seinem Parkourstart koordiniert er heute die Arbeit der Agentur Ashigaru. Das junge Team besteht aus Parkour- und Freerunningathleten. Sie bieten Workshops an, treten mit Shows auf und stellen Sportler für TV- und Werbeproduktionen. Das spätere Frankfurter Gründungsteam von Ashigaru um Jason Paul und Enis Maslic lernt er bereits kennen, als er einen der ersten Parkour­ events der Republik ins Leben ruft – als 16-Jähriger. „Ich hatte die Idee, in ganz Deutschland zu schauen, wer alles Parkour macht. Wir kamen alle auf einem Fleck zusammen. Jason, Enis und ich waren gleich ‚Brüder im Geiste’ und so stieg ich bei ihnen ein. Schon bald hatten wir das Level, um Shows zu machen. Und dann kamen immer mehr Anfragen.” Er kommt an den Punkt, an dem er sich fragt, was er aus seinem Leben machen möchte. Irgendwo angestellt sein? Oder versuchen, auf einer professionellen Ebene Parkour auszuüben und damit Geld zu verdienen? Die Entscheidung steht nach seiner Ausbildung zum Mediengestalter, die er mit Bravour abschließt. 2008 macht sich Pascal mit Ashigaru selbständig. „Anfangs hat es mich eher unruhig gemacht. Ich war jung, hatte ein Start-up gegründet und fragte mich, was passieren würde, wenn es nicht klappt. Heute kann ich das leben, was ich schon immer wollte: mein Hobby. Ich bin in diesen zehn Jahren ein sehr reflektierter Mensch geworden, habe inzwischen zu einer großen inneren Ruhe gefunden. Auch durch die Arbeit, denn mittlerweile bin ich an dem Punkt, sagen zu können, dass es funktioniert”, bemerkt Pascal. Être et durer – Sein und Bestehen: Enis Maslic in Frankfurt am Main

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„Heute kann ich das leben, was ich schon immer wollte: mein Hobby. Ich bin in diesen zehn Jahren ein sehr reflektierter Mensch geworden, habe inzwischen zu einer großen inneren Ruhe gefunden.“

Erst vor einem Jahr ist der Schwabe nach Frankfurt gezogen, betreibt Ashigaru zusammen mit Enis, Danny Stang und Tim Horst. Die Stadt entdeckt er auf seine Weise. „Es ist unglaublich, wie sich mit Parkour meine Perspektive auf die Gesellschaft und auf das urbane Leben miteinander, aber auch gleichzeitig auf die Architektur ändert. Ich habe damit in Städten eine neue Ebene für mich gefunden: Dächer. Es sind so unglaublich schöne Orte, die für die wenigsten Menschen in der Gesellschaft einfach nie sichtbar werden. Es ist eine komplett eigene Welt, die dort oben zu finden und zu entdecken ist. Selbst in einer Stadt wie Frankfurt, in der so viele Menschen auf einem Fleck leben, wo es so grell und laut ist, mit all den Lichtern und Autos. Aber du kannst dennoch innerhalb von zwei Minuten komplett allein sein und deine Ruhe haben, wenn du einfach nur die richtigen Plätze kennst.” Parkour bedeute für ihn, eine inzwischen verbreitete städtische Mentalität abzulegen: „Gehe ich durch die Straßen, sehe ich, wie alle Leute nur nach unten auf ihre Smartphones schauen und ausschließlich zielorientiert sind. Ich habe das Gefühl, dass viele Leute nicht rausgehen, um draußen zu sein, sondern sie gehen raus, um ihr Zeug zu erledigen und so schnell wie möglich wieder zu Hause zu sein. Mit Parkour dagegen gehst du raus, um die Welt zu erkunden. Das ist schön, weil es nicht bedeutet, irgendwo hochzuklettern, um sich checkermäßig irgendwo runterzustürzen. Es bedeutet, deine Stadt zu entdecken. Das ist etwas, das verloren gegangen ist.”

© Maier Sports

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In zehn Jahren Parkour beobachtet Pascal, dass sich der Sport Stück für Stück verändert habe. Die ersten Traceure hätten früher nur die Mauer gesehen und sich dann schlicht überlegt, darüberzuspringen oder einen Katzensprung zu machen. „Man wusste noch nicht, was überhaupt alles im urbanen Raum möglich ist. Man nutzte die Mauer, um effektiv von A nach B zu kommen. So schnell, kontrolliert und sauber wie möglich. Das haben wir trainiert. Erst die Bewegung reinbekommen, dann immer mehr Anlauf, immer schneller und schneller. Heutzutage dagegen drehen sich die Leute an der Mauer, machen akrobatische Bewegungen, es ist saltolastiger geworden. Traceure wollen sich heute mit einzelnen Elementen wie beispielsweise einer Bordsteinkante so lange wie möglich beschäftigen. Und sie trainieren viele Stunden daran, entwickeln über die Zeit ein unglaub­ liches Bewegungsspektrum. Das ist der Sprung, den Parkour mittlerweile gemacht hat”, sagt er. Die viel diskutierte Abgrenzung zwischen Parkour und Freerunning sieht Pascal seit einiger Zeit fließend.

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„Zurzeit trainiere ich sehr viel in einer Boulderhalle. Klettern, Handstand, Akrobatik, da vermischt sich alles. Das ist schön und ich bin nicht mehr so in meinen Strukturen gefangen wie noch zu Anfang. Aber es ist auch eine endlose Diskussion. Ich habe meine Essenz darin gefunden, mich einfach zu bewegen und dabei frei zu fühlen. Für mich nenne ich das Parkour, auch wenn jemand, der mir beim Training zusieht, sagen würde, nach dem Lexikon machst du da aber gerade Freerunning.” Zehn Jahre Parkour haben auch auf vielen anderen Ebenen in Pascals Leben Einfluss genommen. Ein respektvoller Umgang mit seinem Körper bildet dabei das Grundgerüst. „Wenn ich Parkour trainiere, nehme ich dem Körper sehr viel. Respekt bedeutet für mich, ihm auch wieder etwas zurückzugeben. Durch ein vielschichtiges Training, durch langsames Herantasten an das, was ich von ihm möchte. Aber auch durch Ernährung, das ist für mich ein riesiger Faktor. Ich lebe inzwischen vegan. Einfach, um dem Körper nicht zu schaden, um eine gesunde Basis aufzubauen”, sagt der 25-Jährige. „Als ich noch alles gegessen habe und einen ‚Shit Day’ hatte, habe ich direkt gemerkt, was das mit mir macht. Du fühlst dich müde und kaputt, bist viel zu überfressen, hast gar keinen Bock, dich zu bewegen. Und im Gegensatz dazu mache ich mir heute mein Essen vor dem Training und bekomme dadurch sogar noch einen Boost. Es ist unglaublich, dass du direkt ein Gefühl dafür entwickelst, was Ernährung mit dir selbst und mit deinem Körper machen kann.”

Rausgehen und loslegen: Pascal Buebs Tipps für erste Schritte als Parkourläufer Log out, shut down, go out and run. Selbst wenn du am Anfang fast alles falsch machst, hast du immer noch eine Sache richtig gemacht: das Anfangen. Einfach rauszugehen, ist schon mal der erste richtige Schritt. Such dir einen Spot, an dem du möglichst ungestört bist und dir vorstellen kannst, Parkour zu machen. Und balanciere einfach mal auf Bordsteinkanten. Da kann nichts passieren, das ist supereasy und du kannst damit gut ein Gefühl entwickeln. Anschließend erweitere es auf Mauern und Stangen. Versuch, deine Mitte zu finden. Und setz dich damit auseinander, wie du das Hindernis kreativ überwinden kannst. Lauf auf einer Stange, und wenn es langsam und schnell wirklich gut funktioniert, schließ die Augen, geh seitlich, rückwärts, mach Kniebeugen darauf, dann einbeinige Kniebeugen, spring, auch von Stange zu Stange. Damit kannst du Stunden verbringen. Und zu guter Letzt, das Wunderschöne an Parkour: Du bist als dein eigener Trainer von nichts abhängig, bist absolut flexibel und kannst selbst entscheiden.  Weitere Infos unter  www.ashigaru.de und www.parkour-lernen.de

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Être fort pour être utile – Sei stark, um nützlich zu sein: Tim Horst beim Katzensprung in Frankfurt am Main

„Wir sind dann direkt nachts um drei noch rausgegangen und haben angefangen, auf Mauern zu balancieren und ein wenig rumzuhüpfen. Aber Computernerds haben jetzt nicht gerade das krasseste Gefühl über ihren Körper und so waren es natürlich erst mal sehr nahe Distanzen.“

Aaron Martin beim Wallflip über den Dächern Frankfurts

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Lucas Wilson, Frankfurt am Main

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Auch sein Bauchgefühl habe sich in den Jahren verändert. Früher, so sagt er, sei er sehr berechnend gewesen, habe immer danach geschaut, was ihm einen Vorteil bieten würde. „Das habe ich komplett abgelegt. Meine Erkenntnis ist, dass man nicht von Natur aus berechnend ist, sondern dass es angelernt ist. Ein gesellschaftliches Phänomen, das man beigebracht bekommt. Natürlich dagegen ist, aus Erfahrung heraus zu handeln und auf sein Bauchgefühl zu hören. Das habe ich inzwischen gänzlich adaptiert. Und das kann jeder. Schwieriger ist es allerdings, sein Bauchgefühl präzise einzuschätzen. Die Frage nach dem Warum wirklich zu definieren, dafür habe ich eine Weile gebraucht. Und ich glaube, dass das Parkourtraining sehr positiv dazu beigetragen hat. Auch hier muss man sich seiner Angst und vielen anderen Gefühlen stellen. Und dann herausfinden, warum fühle ich das in diesem Moment, und ist es berechtigt oder nicht.”

„Ich habe das Gefühl, dass viele Leute nicht rausgehen, um draußen zu sein, sondern sie gehen raus, um ihr Zeug zu erledigen und so schnell wie möglich wieder zu Hause zu sein. Mit Parkour dagegen gehst du raus, um die Welt zu erkunden.“

Anschluss und Auswahl: Pascal Buebs Location-Tipps in Deutschland München Olympiapark „Rote Stadt“ Stuttgart Universität, Vaihingen Frankfurt Finanzamt, direkt am Hauptbahnhof Köln Mediapark Berlin Gelbes Dorf, U-Bahn Prinzenstraße Hamburg Hafencity, Überseequartier

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Nach einem vor einem Jahr erlittenen Kreuzbandriss kommt Pascal Bueb zurzeit gestärkt zum Parkour zurück. Sein Umfeld sieht die Situation während der Verletzung deprimierter als er selbst. Seine Karriere sei in Gefahr, sagen die einen, er solle sich schon mal aufs Dickwerden einstellen, sagen die anderen. Er dagegen nutzt die Zeit für kleine sportliche Seitensprünge. Lernt jonglieren, macht Yoga. „Inzwischen habe ich sogar einen super Handstand. Ich wurde nur bereichert durch den Kreuzbandriss. Vielleicht ist das für mich der Indikator, das alles nicht so schlimm zu sehen. Und tief in mir weiß ich, ich werde für immer in dieser Szene verankert sein. Egal ob ich will oder nicht. Parkour ist ein Teil von mir geworden und wird es auch immer bleiben. Selbst wenn ich irgendwann an einen Punkt komme, an dem ich nicht mehr so aktiv trainieren kann, wie ich es jetzt tue, an dem ich vielleicht auch diesen Spirit nicht mehr so in mir tragen kann – mein Herz wird immer dafür schlagen. Das weiß ich.”

Enis Maslic, Frankfurt am Main


Potrait Pascal Bueb Ashigaru