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Ein Handbuch zum Medienpaket von Peter Heller, Niklas Goslar, Christoph Steinbrink, Dr. Joachim Paschen, Alexis Malefakis, Heiko Möhle, Peter Meier Apolloni, Roland Schuknecht Grafik und Gestaltung: Jürgen Fiege filmkraft filmproduktion, münchen, http://www.filmkraft.de


Inhaltsverzeichnis 1. Der Aufstieg Deutschlands zur Kolonialmacht (Deutschland erwacht) a. Deutschland als größte Industrienation Europas ohne Rohstoffe (Der Gründerkrach; Folgen des Gründerkrachs; Gesellschaftliche und Politische Ursachen des deutschen Imperialismus; Wirtschaftliche Ursachen des Kolonialismus) b. Sklaverei als Alibi (Filme auf der DVD: Die Liebe zum Imperium; Manga Bell) Zitate

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2. Die Aufteilung des afrikanischen Kontinents (Der Griff nach Afrika / Lockruf des Geldes) a. Geschichtliche Grunddaten zu Afrika vor den Deutschen; Ostafrika vor der deutschen Kolonisation b. Die Kongokonferenz in Berlin 1884/85: Der Wettlauf um Afrika; Die Ergebnisse der Kongokonferenz; Landkarten über die Entwicklung des afrikanischen Kontinents bis 1914 c. Die deutschen Kolonien (mit Bildern): Südwestafrika, - Ostafrika, - Togo, - Kamerun, - Samoa, - Neuguinea, - Tsingtao e. Kolonien als Rohstoffproduzenten; Afrika als Rohstoffquelle; Handelsvolumen und Handelsstruktur; Kolonien als Verlustgeschäft für den Staat (Filme auf der DVD: Die Liebe zum Imperium; Manga Bell; Mandu Yenu; Mulattin Else; Usambara) Zitate

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3. Zwangsarbeit und Gewalt in den Kolonien (Kinder der Kette und des Prügels) a. b. c. d. e. f. g.

Koloniale „Kulturmenschen“ und „Wilde“ Sozialdarwinismus und das Recht des Stärkeren Die Rechtfertigung von Zwang und Gewalt in den Kolonien Die Mär vom faulen „Eingeborenen“ und die „Erziehung zur Arbeit“ Arbeitspolitik in den deutschen Kolonien Prügelstrafe und koloniales „Recht“ als Mittel zur Durchsetzung des Arbeitszwangs Kolonialreformer und die „humanitäre Sicht auf die Eingeborenen (Filme auf der DVD: Die Liebe zum Imperium; Manga Bell; Mandu Yenu; Mulattin Else; Usambara) Zitate

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4. Kolonialverhalten und Rassismus (Didaktik der Edelrasse) a. b. c. d.

Bildung und Kolonisation Missionare, koloniales Bildungssystem und Erziehung zur Arbeit Afrikaner und Missionare Mission als Kolonisation (Filme auf der DVD: Die Liebe zum Imperium; Mandu Yenu; Mulattin Else; Usambara) Zitate

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5. Widerstand gegen die Kolonialmacht (Widerstand und die Antwort des Großen Gewehrs ) a. Maji Maji: Der Volkskrieg gegen die deutsche Besatzungsmacht b. Der Herero-Aufstand 1904: Völkermord in der Wüste c. Der Erste Weltkrieg und der Verlust der Kolonien (Verweis auf Filme: Die Liebe zum Imperium; Manga Bell; Mandu Yenu) Zitate

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6. Postkoloniale Initiativen und Reparationsforderungen (Wohin mit der Erinnerung) a. Wohin mit der Vergangenheit b. Postkoloniale Initiativen in Deutschland c. Stadtrundgänge: Verdecktes sichtbar machen d. Straßennamen: Umbenennen oder Konservieren? e. Denkmäler: Stürzen oder Widmen? Zitate

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Quellen: a. b. c. d. e. f. g. h. i. j. k.

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1. Deutschland erwacht

a) Deutschland als größte Industrienation Europas ohne Rohstoffe (Der Gründerkrach; Folgen des Gründerkrachs; Gesellschaftliche und Politische Ursachen des deutschen Imperialismus; Wirtschaftliche Ursachen des Kolonialismus) b) Sklaverei als Alibi

Eisenwalzwerk von Adolf Menzel (Maler von 1815-1905)

a) Deutschland als größte Industrienation Europas ohne Rohstoffe Die Zeitspanne zwischen der Reichsgründung 1871 bis 1873, die sogenannten Gründerjahre, waren eine von rasantem wirtschaftlichem Aufstieg vor allem in der Schwerindustrie des Deutschen Reiches gekennzeichnete Zeit, die jedoch in die „Große Depression“ der Wirtschaftskrise von 1873 mündete. Aus dieser Krisenlage heraus ist die deutsche Kolonialpolitik entwickelt worden - aus der Angst heraus, dass die Große Depression die deutsche Industrialisierung in eine Sackgasse führen könne, und mit dem Einbrechen des wirtschaftlichen Erfolges eine Gefahr für die Stabilität des gesamten gesellschaftlichen Systems einhergehen könne.

Kaiserproklamation 1871 von Anton von Werner (Maler von 1843-1915) Die deutschen Fürsten lassen Wilhelm I. hochleben. Die kurze Zeremonie im Spiegelsaal des Schlosses Versailles mit der Verlesung der Kaiserproklamation machte aus den Königen von Preußen Deutsche Kaiser.

Otto von Bismarck (1815-1898) Gründer und erster Kanzler des Deutschen Reiches (1871)

Die Export- und Rohstoffsicherung durch die expansive Kolonialpolitik des deutschen Reiches muss also zunächst als eine Abhilfe gegen diese wahrgenommene Gefährdung verstanden werden.

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Seit 1850 hatte es rasche Fortschritte bei der Industrialisierung in Deutschland gegeben, der entscheidende Durchbruch aber kam erst 1871, als Bismarck in einer »Revolution von oben« das preußisch-deutsche Kaiserreich schuf. Nach dem Sieg über Frankreich 1871 flossen Reparationszahlungen in Höhe von etwa 4,5 Milliarden Mark nach Deutschland, von denen etwa die Hälfte direkt in den deutschen Kapitalmarkt einging. So konnte das deutsche Bürgertum mit dem Selbstvertrauen des militärischen Siegers und dem Geld des besiegten Verlierers das Reich zur wirtschaftlichen Großmacht ausbauen. Die wirtschaftliche Leistung Frankreichs konnte innerhalb weniger Jahre übertroffen werden, bald war auch Großbritannien als führende Wirtschaftsmacht in Europa vom Thron gestoßen. Die Grundlage des Aufschwungs war die Schwerindustrie, also die Kohleund Eisenproduktion. Zwischen 1871 und 1910 verfünffachte sich die Eisen-

Die Riesenkanone Krupps auf der Pariser Weltausstellung 1867 Blick in die Kanonenwerkstätte der Kruppschen Fabrik in Essen

Schlachtschiff Kaiser Wilhelm II

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erzförderung, die Roheisenproduktion verneunfachte sich sogar. Mit Hilfe neuer technischer Verfahren konnte auch die Stahlproduktion maximiert werden: bis 1900 holte Deutschland Großbritannien ein (etwa 5 Mio. Tonnen), bis 1910 überrundete Deutschland Großbritannien und produzierte mehr als doppelt so viel Stahl wie der Konkurrent (etwa 16 Mio. Tonnen gegenüber 7 Mio. Tonnen). In der Folge dieses Aufschwungs in der Schwerindustrie wurden das Eisenbahnnetz ausgebaut, eine riesige Handelsflotte und eine gewaltige Rüstungsindustrie für Kanonen und Schlachtschiffe ermöglicht. Der Maschinenbau wurde zum wichtigsten Exportindustriezweig. Doch auch die neuen Industrien der Elektronik und der Chemie, die beide entscheidend zur Beschleunigung der Industrialisierung beitrugen (durch die Erschließung neuer Energiequellen, die allgemeine Elektrifizierung, den Ausbau des Verkehrs- und Kommunikationsnetzes, der Intensivierung der Landwirtschaft), waren sowohl bedeutsam für die wirtschaftliche Vormachtstellung in Europa und in der Welt, als auch für die Stellung Deutschlands im Welthandel interessant: um 1900 lieferten deutsche Firmen etwa 90% der Weltproduktion an synthetischen Farben. 1913 war der Weltmarkt für elektrotechnische Erzeugnisse zu mehr als 50% in deutscher Hand. Eine weitere charakteristische Entwicklung in Deutschland war die Aufhebung der Konzessionspflicht für Aktiengesellschaften 1870. Dies bedeutete, dass die Gründung von Aktiengesellschaften weniger durch strenge rechtliche Einschränkungen reglementiert war, was zur Gründung von über 500 neuen Aktiengesellschaften zwischen 1871 bis 1873 allein in Preußen führte. Dadurch konnte

Dreherei einer Artilleriewerkstatt

Barackenstadt vor Berlin 1875

Berliner Volksküche

Mittagspause

nun mehr privates Kapital der Aktionäre in die rasant wachsende Wirtschaft fließen, wodurch die Aktienkurse stiegen und immer mehr Aktionäre zum Kauf von Aktien ermutigt wurden. Ferner war die Rolle der Banken entscheidend. Durch die Gründung neuer Kapitalgesellschaften wurde die Bildung von Konzernen und Kartellen sowie der Monopolisierungsprozess erleichtert. Hatte es 1979 erst 14 Kartelle gegeben, so entstanden bis

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1890 an die 200. Auch im Bankenwesen gab es ähnliche Prozesse. Das Bankkapital und das Industriekapital verschmolzen im Finanzkapital, dem die Möglichkeiten innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches bald nicht mehr genügten, und das in der Folge international zu operieren begann. Es begann der Welthandel, der Kapitalexport, Investitionen im Ausland, die Gründung multinationaler Konzerne. Eine Folge dieser internationalen Verflechtungen war die wachsende Abhängigkeit des rasanten wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland vom Weltmarkt: immer deutlicher machte sich der Mangel an eigenen Rohstoffen bemerkbar, immer notwendiger wurde die Erschließung neuer Absatzmärkte, und der Konkurrenzkampf, vor allem mit England wurde zunehmend härter. Der Gründerkrach Eine Folge des Wirtschaftsbooms der Gründerjahre war also die Überproduktion in vielen wirtschaftlichen Bereichen und zugleich ein zunehmender Konkurrenzkampf zwischen den europäischen Nationen. Die allgemeine nationale Begeisterung im jungen Kaiserreich und die Reformen des »eisernen Kanzlers« Bismarck hatte zur Investition des Kapitals in die heimische Eisen- und Stahlindustrie geführt, und zur Bildung zahlreicher neuer Banken und Aktiengesellschaften. An der Börse wurde mit den neuen Aktien zügellos spekuliert, und bald wurden die Grundsätze solider und nachhaltiger Finanzierung nicht mehr beachtet. Dies sollte fatale Folgen haben. Als Mitte des Jahres 1871 einige Banken ihre Zahlungsunfähigkeit eingestehen mussten, wurden zahlreiche Anleger und Bankkunden misstrauisch, verkauften ihre Wertpapiere und


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räumten ihre Konten aus Angst davor, ihre Werte komplett zu verlieren. Auf diese Weise wurde das zuvor enthusiastisch investierte Geld dem gesamten europäischen Kapitalmarkt entzogen, was zu einer Ausweitung der Krise auf immer mehr europäische und auch amerikanische Finanzmärkte führte. Der als »Gründerkrach« bezeichnete Einbruch war also in erster Linie ein Banken- und Kreditzusammenbruch, der aber in der deutschen Wirtschaft massive Folgen hatte. Für die deutsche Industrie fielen die Quellen zur Geldbeschaffung mit einem Male weg, was zu einem extremen Rückgang der Produktion und zu massenhaften Entlassungen der Arbeiterschaft führte. Nach einer Phase der überhitzten Konjunktur und des andauernden wirtschaftlichen Aufschwungs hatte der „Gründerkrach“ vor allem auch psychologische Folgen: das beinahe schon naive Vertrauen der Menschen in den grenzenlosen wirtschaftlichen Aufschwung war gebrochen.

schaftsliberalismus in Frage gestellt wurde. Der Staat musste nun wieder mehr in das wirtschaftliche Geschehen eingreifen. Dies tat der Reichskanzler Bismarck in Form von Schutzzöllen, mit denen der Import von Gütern nach Deutschland belegt wurde. Doch die während der Gründerjahre geschaffenen Überkapazitäten existierten immer noch, und konnten im Ausland nicht abgesetzt werden, da andere Nationen zu ähnlichen Schutzmaßnahmen ihrer eigenen Wirtschaft griffen. Vor diesem Hintergrund der wirtschaftlichen Krise, der Politik der Schutzzölle, der wachsenden politischen Opposition der Arbeiterschaft, die von den politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der Industrialisierung schwer betroffen war, erscheint der Imperialismus und die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches als eine Abhilfe gegen diese Missstände im eigenen Land. Die deutsche Nation musste wieder ge-

eint und auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet werden. Die Erschließung neuer Rohstoffquellen für die eingebrochene Industrie und neuer Absatzmärkte für die Überproduktion in den überseeischen und afrikanischen Gebieten konnte als Argument benutzt werden, um die Zukunftsängste abzumildern. Die Mittelschichten der Städte und wenn möglich auch die Arbeiter in der Industrie sollten mit den Zuständen im Kaiserreich wieder versöhnt werden – bevor sie auf die Idee kamen, gegen diese selbst etwas zu unternehmen. Gesellschaftliche und Politische Ursachen des deutschen Imperialismus Die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen im damaligen Europa haben im Deutschen Kaiserreich zur Herausbildung politisch aktiver Interessengruppen geführt.

Folgen des Gründerkrachs Die Krise der deutschen Wirtschaft hatte zur Folge, dass die Idee des Freihandels und der allgemeine Wirt-

Kaiser Wilhelm II Die Revolution Nach einem Plakat von Théophile Steinele Ausdruck einer Sehnsucht nach Veränderung

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Von den negativen Folgen der „Großen Depression“ war besonders die mittelständische Wirtschaft betroffen, und suchte nun nach Ansätzen, um aus ihrer misslichen Lage zu entkommen. Die Industrialisierung hatte ohnehin das gesellschaftliche Gefüge in Deutschland zerrüttet, und weite Teile der Bevölkerung, in erster Linie die Arbeiterschaft, benachteiligt.


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Für diese benachteiligten Gesellschaftsschichten sollte die Kolonialpolitik mit der Hoffnung verbunden werden, dass auch sie nun von der imperialistischen Expansion profitieren sollten. Somit sollte die Kolonialpolitik innenpolitisch ein Bindeglied darstellen, durch das die Interessen der Arbeiter und des in Wirtschaft und Politik dominanten Bürgertums miteinander in Einklang gebracht werden sollte. Durch diese vorgetäuschte Interessenharmonie zwischen Proletariat und Bürgertum, wie sie der damalige

zwischen Rittergut und Hochofen“ entgegen zu wirken. Doch dazu benötigte er ein Zähmungsmittel, durch das beiden Gruppen ein gemeinsames Ziel vor Augen geführt werden konnte. Durch den Erwerb und die wirtschaftliche

Karl Johann Kautsky (1854-1938) Sozialdemokratischer Politiker

im Deutschen Reichstag

Theoretiker der SPD Karl Kautsky bezeichnete, sollte auch das Aufbegehren der Arbeiter gegen die Macht im Kaiserreich abgewendet werden. Doch auch auf Seiten der Herrschenden im Kaiserreich, den wirtschaftlich dominanten Großgrundbesitzern und der Agrarwirtschaft einerseits, und den aufstrebenden aber politisch noch wenig einflussreichen Industriellen andererseits, drohten die Interessen im Zuge der Industrialisierung auseinander zu klaffen. Dieser Spaltung der für den Staat so wichtigen Kräfte versuchte Reichskanzler Bismarck durch sein „Bündnis

Nutzung der Kolonien konnten sowohl Industrie als auch Landwirtschaft damit rechnen, ihre Vorteile zu ziehen. Die so auf eine gemeinsame Zielsetzung fixierten staatstragenden Kräfte sollte auch ein gemeinsames und koordiniertes Vorgehen gegen diejenigen politisch motivierten Kräfte im Land ermöglichen, die eine radikale Änderung ihrer im Zuge der Industrialisierung verschlechterten Situation forderten. Neben diesen innenpolitischen Zielsetzungen war der Erwerb von Kolonien auch auf der außenpolitischen Bühne von Bedeutung. Es erschien Deutschland notwendig, im Kon-

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kurrenzkampf der europäischen Großmächte seine Position zu behaupten. Die „Torschusspanik“ Deutschlands kam darin zum Ausdruck, dass man versuchte im letzten Moment die noch nicht von anderen europäischen Mächten beanspruchten Gebiete in Übersee und Afrika einzuvernehmen. Aus diesen innen- und außenpolitischen Gegebenheiten ergab sich also der Imperialismus im kaiserlichen Deutschland. Der status quo der eigenen Gesellschaft sollte gehalten, und die Position gegenüber den anderen europäischen Großmächten auf der Bühne der imperialistischen Weltpolitik sollte gesichert werden. Doch trotz dieser eindeutig politischen Funktionen des Kolonialismus waren die vorstrebenden Kräfte keine politischen oder militärischen Akteure, sondern private Handelsunternehmen. Denn noch älter als das politische Interesse an besetzten Gebieten in Afrika ist das wirtschaftliche Interesse am Handel mit den Rohstoffen und Erzeugnissen Afrikas. Wirtschaftliche Ursachen des Kolonialismus Besonders die Exportfirmen in Hamburg und Bremen spielten für den späteren Erwerb von Kolonien eine entscheidende Rolle: die Hamburger Handelshäuser C. Woermann und Jantzen & Thormählen waren in Kamerun aktiv, Godeffroy in den Südseegebieten, die Bremer Firma Vietor & Söhne hatte in Togo und Lüderitz in Südwestafrika bereits ihre Unternehmungen etabliert. Ihren Handel hielten diese Privatunternehmer zunächst aufrecht, ohne dass ihnen dabei eine staatliche oder militärische Macht den Rücken deckte. Doch die deutschen Handelshäuser blieben besonders von


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der englischen Wirtschaftssituation und Handelspolitik abhängig. Zwar betrieb das britische Weltreich mit seinen weitreichenden Einflusssphären und großen Kolonien eine relativ liberale Handelspolitik, doch als internationale Handelszentrale war London damals einfach nicht zu umgehen: Der Weltzahlungsverkehr spielte sich überwiegend in der Pfundwährung ab,

und Londoner Versicherungsgesellschaften und Großbanken waren im internationalen Versicherungs- und Kreditgeschäft tonangebend. Die weltweite Depression von 1873 brachte jedoch Veränderungen im weltweiten wirtschaftlichen Gefüge mit sich: Als die USA Maßnahmen ergriffen, um ihre eigenen Märkte gegen den massiven Import englischer Industriegüter zu schützen, wich Großbritannien auf den kontinentalen und kolonialen Raum aus. Somit geriet die deutsche Groß- und Schwerindustrie unter Druck, und forderte ab 1876 zum Schutz der heimischen Industrie gegen die ausländische Konkurrenz die Einführung von Schutzzöllen. Auch wurde jetzt die Forderung nach Kolonien laut, um durch den Import von Rohstoffen zu niedrigeren Preisen, die eigene Industrie und ihre Produkte wieder international konkurrenzfähig zu machen. Und hierbei dienten die bereits existierenden Wirtschaftsbeziehungen der Hamburger und Bremer Firmen nach Übersee als geeigneter Ausgangspunkt für die koloniale Besitzergreifung. Der Wettlauf um asiatische oder afrikanische (»Scramble for Africa«) Besitzungen hatte eingesetzt, während der Grundsatz des wirtschaftlichen Liberalismus zunehmend ins Wanken geriet. Die deutschen Exportfirmen reihten sich in die koloniale Bewegung ein, nachdem sie sich selbst von der britischen Handelsoffensive und den kolonialen Besitzansprüchen Englands und Frankreichs so stark bedroht sahen, dass sie Angst hatten, völlig aus dem Überseegeschäft verdrängt zu werden. Jetzt forderten sie den Schutz des Staates. Er sollte ihren Handel in einem gesicherten „Schutzgebiet“ sicherstellen.

Diamantenschürfer

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b) Sklaverei als Alibi Nicht nur eindeutig wirtschaftliche Argumente dominierten die Debatten über die koloniale Erschließung des afrikanischen Kontinents. Ein weiteres, moralisches Anliegen wurde als Ziel der europäischen Eroberer formuliert: die Abschaffung des in Afrika seit Jahrhunderten größtenteils von Arabern betriebenen Sklavenhandels. Zwar war die europäische Expansion in der sogenannten Neuen Welt (Amerika) mit der dort betriebenen intensiven Plantagenwirtschaft der Grund für die Verschleppung von Millionen von Afrikanern gewesen. Doch die zunehmende Mechanisierung und Industrialisierung dieser Plantagenwirtschaft ließ die Nach-

frage nach billigen menschlichen Arbeitskräften sinken, und der Sklavenhandel wurde immer unrentabler. Erst als die wirtschaftliche Notwendigkeit für den Sklavenhandel zurückging, wurden die moralischen und ethischen Argumentationen gegen den Menschenhandel vernommen. Im britischen Herrschaftsbereich war der Sklavenhandel bereits 1807 und

geprägt. Das dort herrschende Sklavereisystem konnte mit den europäischen Vorstellungen von dem selbstbestimmten Leben jedes Einzelnen, dem Grundsatz der Menschenrechte, nicht in Einklang geSchon 1898 notierte Rochus Schmidt, Hauptmann der LandwehrFeldartillerie und Kompanieführer der Kaiserlichen Schutztruppe für bracht werden. Deutsch-Ostafrika, in zahlreichen Tagebüchern: "Das VerabscheuungsDas Bild, das nun vom würdigste an der Sklaverei sind die Sklavenjagden in Ost- und afrikanischen SklavenhanZentralafrika, wodurch ganze Gebiete, ausgedehnte blühende Landstriche entvölkert und viele friedliche Völkerschaften in steter del gezeichnet wurde, Sorge um ihre Existenz gehalten werden. war ein düsterer Albtraum von Menschenjagden und Massenmorden. Demnach lebten die »Neger« in Afrika mit der ständigen Angst vor der Versklavung, sie würden wie Tiere gejagt und anschließend unter grausamsten Bedingungen an der Küste ihrem elenden Schicksal zugeführt. Der Zusammenhang des Sklavenhandels mit den europäischen Abnehmern dieser menschlichen Ware wurde nun überhaupt nicht mehr gesehen oder erwähnt, stattdessen die bereits seit Jahrhunderten in den afrikanischen Sklavenhandel involvierten Angehörigen der islamischen Welt zu Hauptschuldigen erklärt. Doch war hinter dem Verbot des Sklavenhandels auch ein pragmatischer Grund zu vermuten. Es sollte verhindert werden, dass Afrika in ein menschenleeres Gebiet verwandelt diskutiert. So forderte der Missions- wurde, schließlich wollte man doch inspektor Friedrich Fabri 1886, dass das „Kultur“ und „Zivilisation“ einführen, Deutsche Reich als Kämpferin gegen und dazu benötigte man die den Menschenhandel dem Beispiel Menschen, welche anschließend den Großbritanniens folgen müsse, und Boden für die Europäer nutzbar fügte so die Abschaffung der Sklaverei machen sollten. zum Pflichtenkatalog der deutschen Die afrikanische Arbeitskraft sollte also durchaus auch weiterhin für die euroKolonialmacht hinzu. Die Vorstellung der Sklaverei wurde zu päische Wirtschaft ausgenutzt werdieser Zeit vor allem in der Neuen Welt den, doch sollten die äußeren die Sklaverei schließlich 1833 abgeschafft worden. Auch in den deutschen Kolonial- und Missionskreisen wurde das Thema seit Beginn der eigenen Kolonialpolitik zunehmend

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Rudolf Manga Bell - Studienzeit in Deutschland aus dem Film: Manga Bell (DVD 2) (ganz rechts) Königssohn aus Kamerun, wurde Ende des letzten Jahrhunderts in Deutschland in “Liebe zum Kaiserreich“ erzogen und ausgebildet. Das Foto zeigt ihn im Kreis seiner Gastfamilie, einem Lehrerhaushalt in Aalen/Würtenberg

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Umstände geändert werden. Wie selbstverständlich ging man dabei davon aus, dass die Europäer, mit ihrer überlegenen Zivilisation, von vornherein die „besseren“ Herren der afrikanischen „Wilden“ sein würden, als es „die Araber“ jemals sein könnten. Die Praxis jedoch zeigte, dass dies von den Afrikanern so nicht wahrgenommen wurde: Viele der ehemaligen Sklaven, die unter die Aufsicht der Missionen und Kolonialgesellschaften gestellt wurden, waren mit ihrem neuen Leben nicht unbedingt glücklich, und nur wenige Afrikaner neigten dazu, sich freiwillig in die Obhut der von der afrikanischen Welt abgeschiedenen Missionen und Christendörfer zu begeben. Die Anti-Sklaverei-Politik war insgesamt nicht der tatsächliche Grund für das europäische Eingreifen in die bestehenden afrikanischen Verhältnisse, sondern lediglich ein Vorwand, um andere, wirtschaftliche Interessen zu rechtfertigen. (Alexis Malefakis)


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Zitate:

Fehlts auch im Reich an Geld und Brot was kümmert uns die Wohnungsnot! Sie mögen vegetieren. Heil: Tropen und Kanonenboot! Stolz weht die Flagge schwarz weiß rot. Wir müssen kultivieren!

Deutschland auf der Weltausstellung in Chicago (1893) Sei stolz, o Deutscher und schau herab Auf die Völker jeglicher Zone: Wir Deutsche das erste Kulturvolk sind, wir haben die größte Kanone. Das größte Ausstellungswunder steht Im Kruppschen Pavillone, es ist ein furchtbares Riesengeschütz, es ist die große Kanone. Das Volk der Denker heißen wir längst, nun ist es zweifelsohne! Wir bauten das größte Zerstörungswerk, wir bauten die größte Kanone.

Der Schwarze will zu uns zurück, zu Peitsche, Drill und Liebesglück und preußischen Manieren. Entreißen wir der fremden Tück' den dunklen Erdteil Stück für Stück. Wir müssen kultivieren! (Weltbühne" 1926)

In rührender Eintracht stimmen Die Könige Krupp und Stinnes Für die Heeresvermehrung — Sie wissen genau warum! Das gibt für den Kapitalismus Die wahre Seelenruh, Das gibt im Kanonenfache, Ein Bomben-Geschäft dazu.

Der deutsche Staatsbürger und sein Schutzgeist „Hebt wieder einer gegen Euch die Hand und spricht, Ihr Armen habt kein Vaterland, So steht doch auf und fragt ihn einmal frei, was unser Deutschland für den Reichen sei... Ist es die Heimat, seines Volkes Herd? Das Land der Brüder, die er treulich ehrt? Und nicht das Land, in dem er Schätze rafft? Und nicht das Volk, das mühsam für ihn schafft? Nicht deutsch, nicht Heimat, nur ein Fetzen Welt, so feil, wie alles, um sein schnödes Geld!"' (Schlemihl, Vaterlandslose Gesellen, 9, 1905)

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2. Der Griff nach Afrika / Lockruf des Geldes

a) Geschichtliche Grunddaten zu Afrika vor den Deutschen; Ostafrika vor der deutschen Kolonisation b) Die Kongokonferenz in Berlin 1884/85: Der Wettlauf um Afrika; Die Ergebnisse der Kongokonferenz; Landkarte über die Entwicklung des afrikanischen Kontinents bis 1914 c) Die deutschen Kolonien: Südwestafrika, - Ostafrika, - Togo, - Kamerun, - Samoa, - Neuguinea, - Tsingtao

a) Geschichtliche Grunddaten zu Afrika vor den Deutschen War der afrikanische Kontinent bis vor der Kolonisation für weite Teile der Bevölkerung in Europa noch ein weißer Fleck auf der Landkarte, so ist die Geschichte Afrikas bis heute für die meisten Menschen außerhalb Afrikas noch ein blinder Fleck in ihrem Geschichtsbild. Doch ebenso wenig, wie Afrika ein »verlorener« Kontinent war, der nur darauf wartete endlich »entdeckt« zu werden, sind die Menschen in Afrika Menschen ohne Geschichte, oder Menschen, deren Geschichte erst

d) Kolonien als Rohstoffproduzenten; Afrika als Rohstoffquelle; Handelsvolumen und Handelsstruktur; Kolonien als Verlustgeschäft für den Staat

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mit der Kolonisierung durch Europa beginnt. Das mangelnde Bewusstsein Europas für die Geschichte Afrikas mag am Mangel an schriftlichen Quellen liegen. Denn nur wenige Bevölkerungsgruppen Afrikas benutzten schriftliche Dokumente um ihre Geschichte festzuhalten, die meisten tradierten sie durch die mündliche Weitergabe. Nur wenige der alten Gemeinwesen auf dem Kontinent entsprachen in ihrer politischen und wirtschaftlichen Struktur dem, was wir heute unter einem Staat verstehen. Die geringe Bevölkerungsdichte in den meisten Regionen Afrikas begünstigte die Herausbildung dauerhafter Staaten


2. Der Griff nach Afrika / Lockruf des Geldes

nach europäischem Muster nicht. Doch gab es überall auf dem Kontinent Gesellschaftsstrukturen und Staatengebilde, die unterschiedlichste Formen komplexer politischer, wirtschaftlicher und auch religiöser Organisation kannten, und die keineswegs immer lose Familienverbände darstellten, wie es der von Europäern eingeführte Begriff des »Stammes« suggeriert. Sowohl in West- als auch in Ostafrika gab es überdies Königreiche (wie zum Beispiel das Königreich Ghana, das den heutigen Senegal, Mauretanien und Mali umspannte, oder das Königreich Benin), die ihre Macht und ihren Einfluss über Jahrhunderte hinweg behaupten konnten. Diese Macht war jedoch von grundlegend anderer Art als die Macht der europäischen Staaten. Während die Staatenwesen in Europa seit jeher eine territoriale Macht darstellten, war die Macht der afrikanischen Könige zumeist eine Macht über Menschen. Dies bedeutet, dass sich die Macht der Herrscher nicht auf ein ge-

nau definiertes Staatsgebiet bezog, sondern nur so weit reichte, wie ihre politischen Bündnisse und Loyalitäten

geknüpft waren. So waren die Königreiche Afrikas von intensiven Beziehungen mit angrenzenden Bevölkerungen abhängig, mit denen sie zum Teil in engen politischen, wirtschaftlichen sowie religiösen Beziehungen standen. Diese Beziehungen reichten in einigen Küstenregionen durch den Handel mit europäischen Seemächten bis in weite Teile der Welt. Neben den Handelsbeziehungen mit Europa spielten die Verbindungen Afrikas mit der islamischen Welt eine

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tragende Rolle. Die zwischen dem 7. und 11. Jh. in Nordafrika eingedrungenen Muslime der arabischen Halbinsel hatten ihre Religion bis in die westafrikanische Savanne getragen. Dort fanden sie befestigte Städte und florierende regionale Handelsnetze vor, mit denen einer reger und profitabler Handel über die Sahara hinweg betrieben werden konnte. Auch im südlichen und vor allem im östlichen Afrika war der Einfluss des Islam zu spüren. Die Araber betrieben einen regen Handel mit Sklaven, dem »schwarzen Elfenbein«, die sie von afrikanischen Sklavenhändlern kauf-

ten, und an europäische Unternehmer weiterverkauften. Denn die europäischen Besitzungen in Nord-, Mittelund Südamerika machten den Handel mit billigen Arbeitssklaven für die Plantagenwirtschaft seit dem frühen 16. Jh. unerlässlich. Es entstand ein Dreieckshandel: Mit billigen Tauschwaren befrachtet segelten die Schiffe von Europa nach Afrika, handelten dort von den Sklavenhändlern ihre menschliche Fracht ein, die sie in den amerikanischen Häfen gegen die Erzeugnisse der Plantagen eintauschten. Die späteren deutschen Kolonien Togo und Kamerun lagen an der Sklavenküste Westafrikas, an der bereits im 15. Jh. die Portugiesen aufgetaucht waren und seither Beziehungen zu den ansässigen Gold- und Sklavenhändlern unterhielten. Die süd-


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lichere Küste Westafrikas war hingegen weniger vom Sklavenhandel betroffen. Im Gebiet des späteren DeutschSüdwestafrika waren große Migrationströme über Jahrhunderte hinweg die Faktoren des sozialen Wandels. Die

Geschichte bedeutet nicht nur die Namen von Herrschern und ihren Reichen und die Kriege zwischen ihnen zu kennen, sondern auch die sich wandelnden Aspekte des täglichen Lebens einfacher Menschen zu verstehen.

Für weite Teile der europäischen Bevölkerung war der afrikanische Kontinent vor der Kolonisation eine völlig unbekannte Welt. Die Vorstellung, Afrika sei ein geschichtsloser

Kontinent, dessen Menschen seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden nichts von der übrigen Welt gewusst hätten, und die in einem Urzustand menschlicher Entwicklung als Steinzeit- oder Naturmenschen leben, ist eines der hartnäckigsten Vorurteile, dass die Kolonialzeit hervorgebracht hat, und das seither immer wieder reproduziert wird. Aufgrund des bereits angedeuteten Mangels an schriftlichen Quellen in Afrika ist leider nur wenig über die Geschichte der Menschen und ihrer Gesellschaften bekannt. Ihre mündlichen Überlieferungsformen sind zudem durch den tiefen Einschnitt der Kolonisation zum Teil in solchem Maße zerstört worden, dass heute ein Großteil des wichtigen kulturellen Wissen vieler Bevölkerungen Afrikas für immer verloren ist. Doch sollte man deshalb nicht auf ideologische gefärbte Erklärungsmuster verfallen, nach denen Afrika vor der Ankunft der Europäer ein finsterer Ort voller Tyrannei, Sklaverei und Menschenfresserei war, wie es die Befürworter der Kolonisation so gerne propagierten. Als sicher kann in jedem

Deutscher Besuch beim König von Bamoun aus dem Film „Mandu Jenu“ (DVD 2)

im 16. und 17. Jh. von Zentralafrika eingedrungenen Ovambo und Herero hatten die in Südwestafrika beheimateten Bevölkerungen der Damara und San zum Teil blutig unterworfen oder in die unwirtlichen Gegenden der Kalahari-Halbwüste zurückgedrängt.

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2. Der Griff nach Afrika / Lockruf des Geldes

Fall angenommen werden, dass die vielen kleinen und großen Bevölkerungsgruppen sowohl in West- als auch in Ostafrika seit jeher einem stetigen Wandel ihrer gesellschaftlichen Strukturen und Beziehungen zu angrenzenden Bevölkerungen unterworfen waren – ebenso, wie die Völker und Staaten in Europa auch. Ostafrika vor der deutschen Kolonisation Den vielfältigen geographischen Gegebenheiten entsprechend lebten zur Zeit der Kolonisation in Ostafrika eine Reihe von Bevölkerungen nebeneinanEmpfang bei König Dahomey

der, die in unterschiedlichen politischen und sozialen Strukturen organisiert waren. Die Mehrheit der Bevölkerung stellten verschiedene Bantu-Gruppen, die größte unter ihnen, die an der Küste lebenden Swahili, deren Sprache, das Kiswahili, die Verkehrssprache des Landes wurde. Neben den halbnomadischen Viehhirten der Massai, lebten

delte Staatswesen der Bantu, die seit dem 12. Jahrhundert in diese Region vorgedrungen waren. Seit dem 17. Jahrhundert war diese Region einem ständigen Wandel der ethnischen und somit auch politischen Verhältnisse unterworfen, die sich erst im 19. Jahrhundert relativ dauerhaften Strukturen verfestigt haben. Es entstanden größere Reiche mit weitreichenden Einflussgebieten. Wenn seit der Ankunft der Europäer hier unter anderem Watussi und die Bevölkerungen Afrikas gerne mit Wahuma. Außerdem lebten viele „Stammesnamen“ benannt worden Araber und Inder in der Küstenregion, sind, so dürfen diese von außen indudie bereits seit einigen Jahrhunderten zierten Namen, die oft von vom geographischen Umfeld auf dessen Bewohner übertragen wurden (wie z.B. arabisch: suahel = Küste; ein Swahili ist folglich schlicht ein Küstenbewohner), nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass diese „Stämme“ keineswegs einheitliche und nach außen abgegrenzte „Völker“ darstellten. Die europäische Fiktion der „traditionellen Stämme“ Afrikas wird den ausgeprägten politischen und kulturellen Unterschieden innerhalb der Bevölkerungsgruppen in weiten Teile Afrikas in keiner Weise gerecht. Zudem war die Kategorie der Ethnie, also die Zugehörigkeit zu der einen oder der anderen Bevölkerungsgruppe, nicht von hier aus Handel betrieunbedingt die Grundben. lage der Gesellschaften Das Land zwischen dem indiAfrikas und ihrer Beschen Ozean und den groziehungen untereinanShaka Zulu. König der Zulus ßen Seen am ostafrikanischen der. Wichtiger waren Grabenbruch war seit frühester Zeit meist politische und vor allem wirtdie Heimat einer Vielzahl unterschied- schaftliche Beziehungen zwischen licher Menschen und Kulturen. Im Familien, Großfamilien, Dörfern, KönigGebiet der großen Seen gab es zum tümern, religiösen Bünden und der Teil straff organisierte und dicht besie- gleichen.

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2. Der Griff nach Afrika / Lockruf des Geldes

Auch war Afrika keineswegs ein von der Welt „vergessener Kontinent“, der nur auf seine Erweckung durch die europäischen Herrenmenschen gewartet hatte. Schon lange vor der Kolonisierung war der Kontinent in ein weltumspannendes Handelsnetz eingebunden. Seit dem 18. Jahrhundert hatten sich an der Küste des heutigen Tansanias indische und vor allem arabische Händler niedergelassen, die von dort aus einen lukrativen Handel mit Elfenbein und Sklaven über die kleine, vorgelagerte Insel Sansibar betrieben. Die Herrscher des Oman hatten seit 1785 die Kontrolle über Kilwa, und errichteten um 1800 eine effektive Verwaltung auf Sansibar. 1840 verlegte der Oman sogar seinen politischen

Hauptsitz auf die Insel, trotz des massiven Widerstands der einheimischen „Swahilis“. Der Einfluss der Omanis beschränkte sich jedoch auf Sansibar und einen Streifen an der ostafrikanischen Küste. Eine Folge ihrer langen Präsenz

war, dass die Kultur der Swahilis zunehmend arabisiert wurde (ihre Sprache weist viele arabische Lehnwörter auf, und wurde zunächst in arabischer Schrift festgehalten). In den Küstenstädten wuchs die Zahl der Sklaven und Karawanenträger, mit deren Hilfe die arabischen Händler immer weiter ins Landesinnere vordrangen. Mit dem Vordringen der Händler und dem langfristigen Ausbau der Handelsrouten veränderte sich das regionale Handelssystem insgesamt. Denn das Gebiet, in welchem sich die Araber für ihre wirtschaftlichen Interessen stark machten, war keineswegs ein unberührter Fleck Natur. Sie trafen auf die am Tanganjika-See lebenden Nyamwezi, die dort ihr eigenes Handelsnetz etabliert hatten, und mit denen sie Sklaven und Elfenbein handelten. Zunehmend wurden nun auch Feuerwaffen gehandelt, da der Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen Gruppen von Händlern immer öfter gewalttätige Züge annahm. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts blieb das omanische Sultanat auf Sansibar der wichtigste Handelsplatz, von dem aus neben Sklaven und Elfenbein vom Festland auch Gewürze, wie etwa Nelken, gehandelt wurden. Die in Europa bis heute so beliebte Vorstellung, Afrika sei ein Kontinent ohne Geschichte, von primitiven Naturvölkern ohne Kultur und Zivilisation bevölkert, muss als eine koloniale Konstruktion entzaubert werden, die mit der Realität Afrikas nichts gemein hat. Doch bleibt dieses Bild wirksam in der alltäglichen Bevormundung und Geringschätzung der Menschen Afrikas, in der Politik ebenso wie in unseren Köpfen.

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b) Die Kongokonferenz in Berlin 1884/85: Der Wettlauf um Afrika Nicht nur die Interessen der europäischen Industrie und des Handels waren zentrale Beweggründe für das imperialistische Großprojekt der Kolonisierung Afrikas. Auch weltpolitische Motive der miteinander konkurrierenden Mächte Europas drangen auf eine schnelle Lösung der AfrikaFrage. Vor allem England und Frankreich waren seit Jahrhunderten mit der Ausdehnung ihrer Einflusssphären in überseeischen Weltregionen erfolgreich. Die Ausbeutung fremder Rohstoffe und Produktionen sowie der Versuch einer Ausbreitung der europäischen Zivilisation in entlegene und „unzivilisierte“ oder „wilde“ Regionen der Welt erfuhr um 1885 eine enorme Beschleunigung, als sich der innereuropäische Konkurrenzkampf der Nationen auf die Weltkarte ausweitete. Dabei wurden in bisher ungekanntem Ausmaß diplomatische Bemühungen unternommen, um jedes auch noch so kleine Stückchen Land in den Machtbereich der einen oder anderen europäischen Nation zu stellen. Es wurde


2. Der Griff nach Afrika / Lockruf des Geldes

Afrikakonferenz in Berlin aus "Gartenlaube" von 1885

stillschweigend verhandelt, gefeilscht, getauscht, gedroht und geboten. Doch konnten natürlich nicht alle Vorstellungen der einzelnen Regierungen verwirklicht werden. So wurden Koalitionen zum Erwerb von Kolonien geschmiedet, die nicht ohne Auswirkungen für das europäische Machtgefüge blieben, und die mehr und mehr die Balance der Macht in Europa verschoben und damit auch gefährdeten. Die Berliner KongoKonferenz stellte einen Versuch dar, dieser sich zuspitzenden Krisensituation mit diplomatischen Mitteln entgegenzuwirken. Ausgangspunkt war der Vorstoß des belgischen Königs Leopold II, der seit 1876 sein Privatvermögen in den Aufbau von Handelsstützpunkten am Unterlauf des Kongo gesteckt hatte, und der nun territoriale Ansprüche geltend machen wollte. Sein Anspruch auf den Privatbesitz dieses Gebietes wurde von anderen an dieser Region interessierten Großmächten wie Frankreich oder England zurückgewie-

sen. Zum Ausgleich dieser zunehmenden innereuropäischen Spannungen wollte Bismarck beitragen. Im November 1884 berief Bismarck die internationale Kongo-Konferenz nach Berlin, an der alle irgendwie an Afrika interessierten Mächte teilnehmen sollten. Durch vertragliche Regelungen sollte die Aufteilung Afrikas ein für allemal geregelt werden, und so weitere Streitigkeiten zwischen den Großmächten vermieden werden. Die deutschen Kolonien Togo, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika und DeutschOstafrika erlebten hier ihre kolonialpolitische Geburtsstunde. Mit Hilfe eines Lineals wurden die Besitzansprüche Europas auf der Landkarte Afrikas eingetragen – zu erkennen bis heute an vielen Grenzverläufen der unabhängigen Staaten Afrikas. Dies alles geschah, ohne dass auch nur ein einziger Vertreter der afrikanischen Bevölkerungen mit am Tisch saß. Dabei stellen diese mit dem Lineal gezogenen Grenzen bis heute zum Teil Problemzonen auf dem afri-

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kanischen Kontinent dar, da durch sie Bevölkerungsgruppen voneinander getrennt, oder auch in einen gemeinsamen Staat gedrängt wurden, ohne selbst an diesen Entscheidungen mitgewirkt zu haben. Die Ergebnisse der Kongokonferenz In der Schlussakte der Konferenz wurde ein Kompromiss aller an Afrika interessierten Großmächte festgehalten. Somit wurde für die Europäer der drohende Konflikt um die afrikanischen Gebiete bis auf Weiteres entschärft. Damit sich keine weiteren Probleme beim Wettlauf um Afrika ergaben, hatte man zudem freie Schifffahrt auf dem Niger und dem Kongo vereinbart. Nicht eine einzige europäische Großmacht sollte sich im Inneren Afrikas ausbreiten können, sondern die Beute wurde geteilt. Der dringend nötige Ausgleich zwischen den Nationen Europas wurde auf dem Rücken der Menschen Afrikas ausgetragen, die in den folgenden Jahrzehnten unter dem Arbeitszwang, der Besteuerung, der Prügelstrafe, der Enteignung und Entrechtung, der seelischen Vergewaltigung und Ermordung zu leiden haben würden.


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c) Die deutschen Kolonien: Südwestafrika, - Ostafrika, - Togo, - Kamerun, - Samoa, - Neuguinea, - Tsingtao Deutsch-Südwestafrika

Als zweitgrößte deutsche Kolonie umfasste Deutsch-Südwestafrika ein etwa 835.000 qkm großes Gebiet des südafrikanischen Hochbeckens, dass eine durchschnittliche Höhe von 1.000 m aufweist und an der westlichen Umrandung auf über 2.600 m ansteigt. Die in diesem subtropischen und trocknem Klima äußerst unregelmäßigen Regenfälle führen zu abwechselnden Dürreperioden und Überschwemmungen. Starke jährliche und tägliche Temperaturschwankungen, aufgrund der trockenen Luft und der hohen Wärmeausstrahlung, lassen örtlich sogar gelegentlichen Nachtfrost zu. Die Flora ist, den Regenzonen entsprechend, gegliedert in drei von Westen nach Osten aufeinanderfolgende Zonen: im Westen die kahle Wüstenzone der Namib, der ältesten Wüste der Welt; weiter im Inneren schließt sich eine Halbwüste mit spärlichem Pflanzenwuchs an; höhere Niederschlagsmengen begünstigen die Grassteppe weiter östlich.

Bei der Ankunft der Europäer war dieses Gebiet nur dünn besiedelt. Im Norden lebten die Ovambo, 1913 von der deutschen Kolonialbehörde auf etwa 100.000 Menschen geschätzt. Die im mittleren Teil des Schutzgebietes angesiedelten Herero und Damara wurden auf etwa 84.000 beziehungsweise 35.000 Menschen geschätzt. Im Gebiet der Kalahari lebten verschiedene Gruppen nicht-sesshafter Jäger und Sammler, von den Einheimischen und auch von den Kolonisten abfällig als »Buschmänner« bezeichnet. Im Süden, in dem nach ihnen benannten Land, lebten die Mama, von den Weißen Hottentotten genannt, mit einer Population von ungefähr 25.000 Menschen. Diese verschiedenen Bevölkerungsgruppen lebten in unterschiedlich organisierten kleineren und größeren Gesellschaftsverbänden, und unterhielten politische und wirtschaftliche Beziehungen untereinander. Bereits 1839 war die evangelische Rheinische Mission in dem Gebiet aktiv geworden noch bevor ihnen der offizielle Schutz des Deutschen Reiches zugesichert wurde. Ihnen folgten

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schon sehr früh deutsche Händler und Kaufleute in das Land, die sich an den Missionsstationen ansiedelten. Am 7. Februar 1883 unterrichtete der in Kapstadt residierende deutsche Botschafter das britische Außenministerium über die Absichten des Bremer Kaufmanns Adolf Lüderitz, nördlich der Mündung des Oranje eine Fabrik zu errichten. Das Schreiben richtete an die britische Regierung die Frage, ob Großbritannien dort Hoheitsrechte ausübe und notfalls in der Lage sei Lüderitz zu beschützen. Anderen Falls würde dies von deutscher Seite aus geschehen, jedoch „ohne jegliche Absicht, sich in Afrika niederzulassen", so beschwichtigte man. Am 01.05.1883 kam es – nachdem keine Einwände erhoben wurden – zum Erwerb eines Küstenstreifens durch den Geschäftsmann Lüderitz.


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Gouverneur Leutwein bei Samuel Maharero, 1895

Die dort ansässigen Nama hatte man ausgetrickst und ihnen fast ihr gesamtes Heimatland zum lächerlichen Preis von 200 Gewehren und 100 Pfund Sterling »abgekauft«. Auf der Berliner Konferenz von 1884/85 wurde schließlich Südwestafrika, mit Ausnahme der Walfischbucht, zum deutschen Schutzgebiet erklärt.

Göring bei Maharero, Oberhäuptling der Herero

Die deutsche Politik des »divide et impera« (Teile und Herrsche) war eine Strategie, durch die einheimische Volksgruppen gegeneinander ausgespielt und so die Möglichkeiten eines vereinten und koordi- Maharero nierten Widerstandes gegen die Kolonialherren minimiert wurden. Dass die einheimischen Bevölkerungsgruppen sich dieser Taktik nicht widersetzen konnten, hatte fatale Folgen für sie. Die Deutschen spielten bereits verfeindete Gruppen taktisch gegeneinander aus, schlossen einseitige

Schutzabkommen und verhinderten so den geschlossenen Widerstand der einheimischen Nama, Herero und Witbooi und anderer Gruppen. So ließ sich der Oberhäuptling der Herero, Maharero, auf ein Schutzabkommen mit Göring, dem Vater des berüchtigten Naziluftmarschalls Hermann Göring, ein, in der Hoffnung, in der Auseinandersetzung mit den Nama Rückenstärkung zu erhalten. Die herabwürdigende Haltung der Weißen der einheimischen Bevölkerung gegenüber zeigte sich auch im täglichen Verwaltungsgeschäft und der Rechtssprechung. So wurden beispielsweise die enteigneten einheimischen Viehzüchter durch die Gesetze der Kolonialbehörden schwer bestraft, wenn sie ihre Herden auf dem »Besitz« der neuen weißen Herren weiden ließen. Durch skrupellose Händler, die ihnen kurzfristige Kredite mit enormen Zinssätzen gewährten, wurden viele in die Verschuldung getrieben, die von den Weißen wiederum zur Konfiszierung von Land und Vieh genutzt wurde. Aus dem Jahre 1903 wird berichtet, dass mehr als die Hälfte der Viehherden der Herero in den Besitz weißer Siedler übergegangen seien, die seit 1900 immer zahlreicher ins Land kamen. 1890 lebten nach amtlichen Angaben 310 Deutsche in Südwestafrika. 1896 waren es bereits 2.000, 1903 knapp 3.000. 1901 besaßen die deutschen Siedler mehr als 4/5 des Gebietes, den-

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noch wurde weitergekauft. Durch den Verlust ihres Landes wurden viele Menschen in der Kolonie zur Lohnarbeit für die neuen, weißen „Besitzer“ ihres Landes gezwungen, von denen sie eine erniedrigende Behandlung zu erwarten hatten. Die Haltung deutscher Siedler wird durch folgenden Erlass des »Deutschen Kolonialbundes« gut veranschaulicht: „1. Jeder Farbige hat einen Weißen als höherstehend zu betrachten. 2. Vor Gericht kann die Beweiskraft eines Weißen nur durch sieben Farbige aufgewogen werden."

Deutsch-Ostafrika

Die größte und Bevölkerungsreichste deutsche Kolonie war mit 995.000 qkm und etwa 8 Millionen Einwohnern Deutsch-Ostafrika. In nord-südlicher Richtung zieht sich durch dieses Hochland, das im Binnenland eine Höhe von 1.000 m erreicht, der ostafrikanische Grabenbruch. Steile Vulkane erheben sich an dessen Rändern, der wohl berühmteste unter ihnen der knapp 6.000 m hohe Kilimandscharo. Das Land ist von Steppen und Savannen geprägt, die dem tropischen Klima mit dem Wechsel von Regenund Trockenzeit unterliegen. Die Mehrheit der Bevölkerung stellten verschiedene Bantu-Gruppen, die größte unter ihnen die Swahili, deren


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Sprache, das Kiswahili, die Verkehrssprache des Landes wurde. Neben den halbnomadischen Viehhirten der Massai, lebten hier unter anderem Watussi und Wahuma. Außerdem lebten viele Araber in der Küstenregion, die bereits seit einigen Jahrhunderten von hier aus Handel betrieben. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts spielten deutsche Kaufleute im Handel mit der an der Küste vorgelagerten Insel Sansibar eine bedeutende Rolle, während zur gleichen Zeit deutsche Missionare im Landesinneren tätig waren. Der Inbesitznahme des ostafrikanischen Gebietes durch das Deutsche Reich gingen die Aktivitäten der Gebrüder Lehnhard und Carl Peters voraus.

Carl Peters aus dem Film „Die Liebe zun Imperium“ (DVD 1)

Peters, der aus dem von den gesellschaftlichen Umwälzungen im Reich angeschlagenen Mittelstand stammte, gründete 1884 mit Gleichgesinnten die »Gesellschaft für deutsche Kolonisation«, und macht sich noch im November des gleichen Jahres auf nach Ostafrika. Im Jahr 1884 begann Carl Peters mit einigen der einheimischen Herrschern »Verträge« über ihre Gebiete abzuschließen. Ein Jahr später wurde auf Weisung des Kanzlers Bismarck für diese Gebiete der kaiserliche Schutzbrief ausgestellt. Die genauen Grenzen von Deutsch-Ostafrika mussten jedoch 1890 mit England im sogenannten „Sansibarvertrag“ ausgehandelt werden. Dabei wurden die deutschen Ansprüche auf das Wituland im heutigen Uganda und auf die Insel Sansibar zugunsten Englands fallen gelassen, und Deutschland erhielt im Gegenzug die vormals englische Insel Helgoland. Als im gleichen Jahr eine deutsche Verwaltung die Besitzrechte von der Deutsch-

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Ostafrikanischen Gesellschaft für einen Preis von 600.000 Mark übernahm, wurde das Gebiet offiziell in den Status einer deutschen Kolonie erhoben. Die wirtschaftliche Erschließung des Landes sollte seit 1894 planmäßig erfolgen, und so wurden die alten, von der Küste ins Landesinnere führenden Handelswege ausgebaut, und zwei Eisenbahnlinien gelegt. Unter den großen Mengen an Exportprodukten, welche das Deutsch Reich aus Deutsch-Ostafrika importierte, waren Sisal, Baumwolle, Kopra, Erdnüsse, Kaffee, Felle, Kautschuk, Holz, Salz, sowie intensive Goldvorkommnisse die bedeutendsten. Die einheimische Bevölkerung wurde in die Wirtschaft der Kolonie eingebunden, indem eine Kopfsteuer eingerichtet wurde, die jeder Einzelne in Geld zu bezahlen hatte. Dieses Geld jedoch konnte die einheimische Bevölkerung nur auf einem Weg erhalten: durch die so erzwungene Arbeit für die weißen Eindringlinge. Dieser Arbeitszwang, sowie die von den Deutschen häufig zur Willensbrechung angewandte Prügelstrafe, veranlassten die von den Weißen geknechteten und in ihrer Würde vergewaltigten Menschen sich aufzulehnen. Der letzte große Aufstand, der Maji-MajiAufstand, brach 1905 im Süden des


2. Der Griff nach Afrika / Lockruf des Geldes

deutsch kontrollierten Gebietes aus, und breitete sich rasch auf ein Gebiet von 200.000 qkm aus. Togo

In Togo, einem etwa 87.000 qkm umfassenden Gebiet an der westafrikanischen Küste, lebten einer Schätzung von 1912 zufolge etwa 1 Million Menschen. Sie bewohnten ein landschaftlich in drei Zonen zu gliederndes Land: die Küstenebene, den Bereich des Togogebirges und die Binnenebene. Das nordtropische Klima, mit ganzjährig hohen Temperaturen, wirkt sich im Norden des Landes mit doppelten Trocken- und Regenperioden aus, während im Süden nur eine Trocken- und eine Regenzeit das Jahr unterteilt. Die Menschen dieses dicht besiedelten Gebietes lebten von intensivem Hackbau und an der Küste vom Fischfang. Es handelte sich jedoch nicht um eine einheitliche Bevölkerung die in einer großen politischen oder gesellschaftlichen Organisationsform lebte, sondern um mehrere kleine und eigen-

ständige Gruppen, die in kleinen Gemeinschaften mit eigenen gesellschaftlichen und politischen Strukturen lebten. Auch hier waren lange Zeit vor dem offiziellen Interesse des Deutschen Reiches private Unternehmer und christliche Missionen tätig gewesen. Seit 1856 hatte sich die Bremer Firma Vietor dort etabliert, die Bremer Mission predigte seit 1859 in dieser Region. Ohne eine staatliche Unterstützung zu genießen, standen diese Interessengruppen jedoch der Kolonialpolitik, wie sie sich entwickelte, zum Teil sehr skeptisch gegenüber. Dr. Gustav Nachtigal schloss im Auftrag der deutschen Regierung im Juni 1885 ein „Schutz- und Trutzbündnis“ mit dem obersten Herrscher von Togo ab. Die Kolonie hatte von Anfang an den Zweck, die Handelsniederlassungen an der Küste mit dem Hinterland, dem damals noch so bezeichneten „Sudan“, zu verbinden. Diese rein praktische Absicht spiegelt sich bis heute in der langgestreckten Form von Togo wieder. Der Handel sollte intensiviert werden durch den Ausbau der Verkehrswege. So wurden neben dem Straßenbau auch der Bau dreier

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Dr. Gustav Nachtigal

Eisenbahnlinien sowie modernen Hafenanlagen zum Ziel. Hinzu kam, dass man in der außergewöhnlichen Fruchtbarkeit der Böden und dem großen Wissen der einheimischen Bevölkerungen um deren landwirtschaftliche Nutzungen die Möglichkeit hoher wirtschaftlicher Erfolge sah. Der Exporthandel mit Palmkernen und Palmöl, Kautschuk und Baumwolle nutzte die bereits seit Jahrhunderten bestehenden Strukturen des Handels


2. Der Griff nach Afrika / Lockruf des Geldes

und des Anbaus der einheimischen Bevölkerung. Dagegen gab es nur sehr wenige europäische Bemühungen, eigene Pflanzungen zu gründen. Somit war auch der weiße Anteil an der Bevölkerung entsprechend gering: nur 368 Europäer lebten in Togo im Jahre 1913. Die meisten von ihnen lebten in der Hauptstadt Lomé und waren Kolonialbeamte, Geistliche und Kaufleute. Die Hauptexportprodukte Togos waren Kautschuk, Elfenbein, Palmenkerne und Palmenöl. Doch verringerten sich die Exporte von Kautschuk bis 1913 drastisch, da die diesen Rohstoff liefernde Lianensorte durch den Raubbau fast gänzlich verschwand. Auch Elfenbein, begehrtes und wertvolles Exportprodukt, konnte nicht mehr exportiert werden, nachdem in kürzester Zeit fast alle Elefanten erschossen worden waren. Da die Bevölkerungsdichte keine

intensive Plantagenwirtschaft zuließ, stellte sich auch in dieser Wirtschaftsform keine Alternative dar. Seinen Ruf als deutsche „Musterkolonie“ verdankt Togo dem im Vergleich zu anderen Kolonien gut entwickelten Schulwesen. Bis 1914 wurden vier Regierungsschulen und eine Ackerbauschule gegründet, hinzu kamen an die 200 katholische und

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etwa 165 evangelische Missionsschulen. Der Ausbau des Verkehrsnetzes erlaubte das Befahren der neuen Strassen mit Autos – zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit. Krankenhäuser und –stationen verbesserten die medizinische Versorgung, und die schlimmste Seuche, die Pocken, konnte durch Schutzimpfungen zurückgedrängt werden. Über all dem darf jedoch nicht vergessen werden, dass auch in Togo die Menschen ihres Landes und ihrer Freiheit beraubt, und dem wirtschaftlichen Streben Deutschlands untergeordnet wurden. Als Rechtlose hatten sie massive Repressalien und die Prügelstrafe ständig zu fürchten.


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Kamerun

Handstreich unter deutsche Reichshoheit gestellt. Bremer und Hamburger Kaufleute hatten hier Handelsniederlassungen gegründet, und so war es dann auch ein Hamburger Unternehmer, der Reeder und Kaufmann Woermann, der den Reichskanzler Bismarck von der Bedeutung eines deutschen Schutzgebietes im Bereich der Biafrabucht hinwies. Kamerun wurde somit im Jahre 1884 unter deutsche Reichshoheit gestellt, bevor die Engländer zugreifen konnten. Eine großflächige Plantagenwirtschaft in den besonders fruchtbaren Ge-

Die Fläche von etwa 790.000 qkm, gelegen zwischen dem 1° und dem 13° Grad nördlicher Breite, ist von tropischem Klima mit sehr hohen Temperaturen und einer Luftfeuchtigkeit von meist über 80% geprägt. So ist die Küste von dichtem tropischen Urwald bedeckt, der eine nur schwer passierbare Sperre zum Inland bildet. Dem Kameruner Hochland im Landesinneren schließt sich im Norden die Tschadsee-Niederung an. Nach einer Schätzung durch die deutsche Kolonialverwaltung lebten in Kamerun 1913 etwa 3,5 Millionen Menschen. In dem Gebiet lebten verschiedene afrikanische Bevölkerungsgruppen, die unterschiedliche Sprachen, Gesellschaftsformen und Religionen kannten: die Duala, Bimbia und Bakwiri, und im Süden die Pangwe und Fang, die Baja, Lakka, Musgum und Bamum und im Norden des Landes die Haussa. Seit den 1860er und 1870er Jahren waren deutsche, französische und englische Handelsinteressen auf die Westküste Afrikas gerichtet. 1884, noch bevor England Ansprüche an dem Gebiet geltend machen konnte, wurde Kamerun in einer Art

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bieten um den Kamerunberg ermöglichten der deutschen Kolonie einen blühenden Außenhandel. 1917 befand sich hier die größte zusammenhängende Kakaoplantage der Welt, die „Westafrikanische Pflanzungsgesellschaft Victoria“. Bereits 1903 erreichte die Ausfuhr von Gummi und Kakao Rekordzahlen. Eine solche rasante Einrichtung großflächiger Plantagen konnte nur erreicht werden, da bereits existierende Agrarflächen enteignet und die Siedlungen der dort seit Jahrhunderten lebenden Menschen beseitigt wurden. 1896 erfand man eine neue juristische


2. Der Griff nach Afrika / Lockruf des Geldes

Fiktion: die „Kronlandverordnung“. Sie besagte, dass jegliches Land, für das keine Besitzansprüche von Seiten der Einheimischen „nachgewiesen“ werden konnten, dieses „herrenlose“ Land als Eigentum des Deutschen Reiches zu gelten habe. Dass ein solcher „Nachweis“ in Gesellschaften, deren Begriff von „Eigentum“ unter Umständen nicht der europäischen Konzeption davon entspricht, und die darüber hinaus meist ohne schriftliche Dokumente, sondern durch mündliche Überlieferungen ihre täglichen Belange regelten, nur äußerst schwer zu erbringen war, macht die Absurdität dieser Verordnung und ihre eindeutige Zielsetzung deutlich. Dadurch konnte zum Beispiel das gesamte traditionell von den Bueas bewohnte und bewirtschaftete Land am Kamerunberg zu „herrenlosem“ Land erklärt und eingezogen werden, auch weil diese sich 1895 an einem

Aufstand beteiligt hatten. Im sogenannten »Friedensvertrag» hieß es dazu: „Den Bueas wird ihr bisheriges Gebiet abgesprochen und ihnen aufgetragen, sich neue Wohnungen in bisher herrenlosem Lande zu gründen." - Punktum.

Schutztruppe Kamerun und Togo

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Der hohe Bedarf an Arbeitern für die riesigen Plantagen stellte mitunter ein Problem der Kolonialverwaltung dar. Die 1899 am Kamerunberg angestellten 4.000 Arbeiter reichten bei weitem nicht. So zogen von den Privatunternehmen angestellte Agenten in die umliegenden und auch in entfernt gelegene Dörfer, um dort Arbeiter zu rekrutieren. Dies geschah nicht immer friedlich, sondern führte häufig zu gewaltsamen Entführungen, da sich kaum ein Einheimischer für die Arbeit auf dem gestohlenen Land der weißen Eindringlinge freiwillig anbot. Diese Problematik gipfelte darin, dass Kolonialbeamte mit vielen der ansässigen Machthabern – oder solchen, die von der Kolonialregierung kurzerhand dazu ernannt wurden – Lieferverträge abzuschließen: Menschenhandel auf einer vertraglichen Basis.


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Deutsche Gebiete in der Südsee

ebenfalls an der Kolonisation interessiert waren, geprägt. Kiautschou/Tsingtao

Auch in der Südsee konnte das Deutsche Reich Anspruch auf Territorien erheben: Deutsch-Mikronesien mit den Palaulnseln und den Marianen-Inseln, jedoch ohne Guam, den KarolinenInseln, den Marshall-lnseln und der Insel Nauru; Deutsch-Neuguinea bildete mit dem Teil Kaiser-Wilhelms-Land der Insel Neuguinea, den Inseln des Bismarck-Archipels, sowie der Insel Bougainville, die zur Gruppe der Solomon-lnseln gehört das zweite Gebiet in der Südsee; die beiden westlichen Inseln von Samoa bildeten das dritte Gebiet. Zwischen 1884 und 1890 kamen diese Gebiete unter die Reichshoheit. Die Besitzergreifung der Inseln und Inselgruppen verlief recht unterschiedlich, und war meist von Konflikten mit den anderen europäischen Großmächten und den USA, die im Pazifik

Nachdem 1897 durch die Landungsabteilungen dreier Kriegsschiffe

Tsingtao besetzt worden war, konnte anschließend auf diplomatischem Weg ein Pachtvertrag über das Gebiet mit China abgeschlossen werden, der von 1898 an für 99 Jahre gelten sollte. Somit konnte das Deutsche Reich dort einen befestigten Handelsstützpunkt errichten. Die Kolonie war, ihrer Funktion als handelspolitischer Stützpunkt entsprechend, recht klein. Sie umfasste gerade einmal die doppelte Fläche des Bodensees, sowie einen etwa 50 km breiten Gürtel, der zwar unter chinesischer Verwaltung stand, in dem Deutschland jedoch Vorrechte genoss. Zur Erschließung des Shantung-

Hinterlandes, das mit den von deutschen Firmen betriebenen Bergwerken wirtschaftlicher Mittelpunkt des deutschen Interesses war, wurde 1904 die Shantung-Eisenbahnlinie eröffnet. Im ersten Weltkrieg wurde die Kolonie von japanischen Truppen besetzt, und kam danach unter japanische Verwaltung. Seit Februar 1922 ist Kiautschou wieder chinesisches Hoheitsgebiet.

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2. Der Griff nach Afrika / Lockruf des Geldes

d) Kolonien als Rohstoffproduzenten; Afrika als Rohstoffquelle; Handelsvolumen und Handelsstruktur; Kolonien als Verlustgeschäft für den Staat

Die koloniale Unterwerfung Afrikas durch das Deutsche Reich war ein in erster Linie wirtschaftlich motiviertes Unternehmen das auch Ausdruck der weltpolitischen Konkurrenz um die Vorherrschaft auf dem Weltmarkt war. Einige Menschen in Deutschland träumten zwar davon, als Siedler in Afrika ihre von der Wirtschaftskrise ruinierte Existenz in Deutschland hinter sich zu lassen, und dort ihre neue Heimat zu finden. Doch zeigte sich in der Realität bald, dass tropisches Klima, unzureichende Versorgung mit Trinkwasser, fehlende gewohnte Infrastruktur und die nicht immer einladende Haltung der Einheimischen gegenüber ihren weißen Unterdrückern den großen Strom deutscher Siedler in Afrika verhinderten. Die Unbrauchbarkeit der eroberten Gebiete für die Besiedelung wurde überspielt, indem der wirtschaftliche Nutzen der Kolonien betont und in den Vordergrund gestellt wurde. Wenn die angewachsene Bevölkerung des Deutschen Reiches schon nicht ihr Glück in Afrika finden konnte, sollte die Wirtschaft des Mutterlandes doch von der Ko-

lonialwirtschaft ergänzt und gestützt werden. Bismarck zielte mit seiner Kolonialpolitik darauf ab, ein zu kostspieliges Engagement des Reiches in den Kolonien zu vermeiden. Die großen privaten Handelshäuser mit ihrer langjährigen Erfahrung sollten, bestenfalls mit einem Schutzbrief des Heimatstaates ausgestattet, mehr oder weniger die staatlichen Funktionen übernehmen. Eine eigene imperiale und koloniale Politik der Deutschen Reiches löste das Prinzip der selbstständigen und miteinander konkurrierenden Privatunter-

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2. Der Griff nach Afrika / Lockruf des Geldes

nehmen Afrika erst ab, als die reine Schutzgewalt in den besetzten Gebieten in einen Anspruch des Reiches auf die Souveränität umgewandelt wurde. Klassische Elemente der kolonialen Wirtschaft waren der Export natürlicher und landwirtschaftlicher Rohstoffe aus den Kolonien in das Mutterland, das wiederum seine industriellen Produkte in seine Besitzungen exportierte. So wurde aus Ostafrika zum Beispiel Sisal, Baumwolle, Kopra, Erdnüsse, Kaffee, Felle und Kautschuk sowie Holz aus den Usambarabergen nach Deutschland importiert. Über die Hälfte des Exportund Importgeschäftes dieser Kolonie entfiel auf den Handel mit Deutschland. In Kamerun wurde in den großflächigen Plantagen rund um den Kamerunberg Gummi und Kakao in großen Mengen gewonnen. Die Exportraten für diese Produkte nahmen enorm zu. Der Hamburger Hafen schlug 1903 Kakao aus Kamerun und Togo im Wert von 1,3 Millionen Mark sowie Gummielastikum im Wert von 5 Millionen Mark um, und jeden Tag verließ mindestens ein Schiff den Hafen Richtung Westafrika. Die meisten aus der Kolonie Togo importierten Waren, entstammten der Sammelwirtschaft, waren also keine gezielt angebauten Produkte, da das Land sehr dicht bevölkert war von der deutschen Verwaltung für die intensive Plantagenwirtschaft genutzt werden konnte. Da der Raubbau an der Kautschuk liefernden Lianensorte deren Bestand rasch verringerte, nahm auch der Export von Kautschuk bald ab. Wurde 1906 noch Kautschuk im Wert von 1,16 Millionen Mark aus Togo exportiert, so nahm dieser Wert bis 1913 auf 360.000 Mark ab. Elfenbein verschwand, da bald alle Tiere erlegt waren, ganz als Exportprodukt.

Deutsch-Südwestafrika erlebte 1908 einen wirtschaftlichen Aufschwung, als Diamanten gefunden wurden. Daneben wurden Kupfer, Vanadium, Zinn, Gold und auch Eisen abgebaut und exportiert. Der Import in die Kolonie betrug 1913 etwa 43 Millionen Mark, der Export hingegen an die 70 Millionen. So konnte die Kolonialgesellschaft für Südwestafrika ihren Anteilseignern 64 Prozent Dividende auszahlen, und der Aktienkurs stieg um 2.000 Prozent (1909). Doch wenn auch kurzfristige Gewinne und Renditen vieler neu gegründeter Kolonialgesellschaften zum Teil rasant anstiegen, blieb der gesamte wirtschaftliche Nutzen der kolonialen Eroberungen für das Deutsche Reich

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doch aus. Denn gleichzeitig stiegen die Staatsausgaben für den Erhalt der Kolonien massiv an: für Ostafrika etwa bezahlte das Reich 1901 5,3 Millionen Goldmark, 1908 dagegen bereits 41,8 Millionen. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges blieben die deutschen „Schutzgebiete“ also ein Verlustgeschäft für den Staat. Am gesamten Deutschen Außenhandel machte die Kolonialwirtschaft 1913 gerade einmal 0,6 Prozent aus, am Gesamtimport hatte sie mit lediglich 0,5 Prozent Anteil. (Alexis Malefakis)


2. Der Griff nach Afrika / Lockruf des Geldes

Zitate:

„Das normale Verhältniss einer solchen Herrschaft der germanischen Cultur in tropischen Ländern wird alsdann sein, dass auch die Plebejer unseres Stammes unter den Völkern niederer Rassen zur Aristokratie dieser Länder werden“ (Wilhelm Hübbe-Schleiden, Ethiopien. Studeien über West-Afrika, Hamburg 1879, 294)

Lied der Deutschen jenseits der Meere Noch war die Welt nicht ganz vertheilt! Noch manche Flur auf Erden Harrt gleich der Braut: die Hochtzeit eilt! Des Starken will sie werden. Noch manches Eiland lockt und lauscht Aus Palmen und Bananen: Der Seewind braust, die Woge rauscht, Auf, freudige Germanen! (Felix Dahn)

„Jene Welt wartet der veredelnden Zucht fremder Meisterhand.“ (Hübbe-Schleiden, 279)

„Eine Ausdehnung unsres Wirtschaftsgebietes ist das Einzige, was unser Volk vor der Versumpfung retten kann.“ (Hübbe-Schleiden, 386)

Wir sind bereit auf den Ruf unseres Kaisers in Reih und Glied zu treten, uns stumm den feindlichen Geschossen entgegenführen zu lassen aber wir können dafür einen Preis verlangen und dieser Preis ist einem Herrenvolk anzugehören, das seinen Anteil an der Welt sich selbst nimmt (Alldeutscher Verband)

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"Das Selbstbewußtsein der Kolonisierten " In Berlin hatte man sich im Jahre 1885 unseren Kontinent aufgeteilt, Ohne jemand zu fragen, hatte man sich unseres Elends angenommen. Man kam, um uns aus unserem jahrhundertelangen Elend herauszuziehen, Man kam, um uns zu erziehen, Man kam, um uns zu zivilisieren. Das ist die Höhe! Die Höhe der Entrüstung, die ein menschliches Herz verdauen kann. Das schlimmste aber war, daß man mich dieses Datum lehrte. Ich mußte es auswendiglernen. Vor unseren unbeweglichen Gesichtern: Berlin, die Befriedung Afrikas, die Wohltaten der Zivilisation in Afrika, Den Mut der Forscher, den selbstlosen Humanismus, aber niemand, niemand wies auf die Beleidigung, auf die Schmach, die uns begleitete. In unsere Köpfe stopfte man Philosophie, die Philosophie des Zweifels, die Philosophie des 'Fohlens', die Philosophie des Profits, die Philosophie des Durstes,


2. Der Griff nach Afrika / Lockruf des Geldes

die Philosophie des Selbstmordes, weil Philosophie der Verzweiflung. .. . (Kürzung) Der Verzweiflung an einem Leben, das im Nichts endet: Es war fast tot. Erstorben war das Bewußtsein seiner Persönlichkeit: Mein Volk war kolonisiert... (Michael Kayoya, 1967)

Ein unbekannter Wind fegt über Afrika. Er überrascht die Swahilihändler an der Küste des Pazifik, die Bamounkrieger im Grassland von Kamerun und die Hottentotten an der Walfischbay

Schau ich auf die dunkelblauen Berge Usagaras hin, kommen mir die altersgrauen deutschen Burgen in den Sinn, und ich denke froher Stunden, ohne daß mein Herz beschwert, hab ich doch auch hier gefunden, was des deut schen Mannes wert. In wilden Kampf reißt's mich hinein, und nichts hält mich zurück. Es wird um Tod und Leben sein, dahin ist Ruh' und Glück! Erfüllen muß sich mein Geschick, sei's früher oder spät. Ich trotze Ihm mit festem Blick, auch wenn 's zum Sterben geht. Vielleicht werd' ich den Kampf bestehn, nur dann ist er vorbei. Vielleicht werd' ich zugrunde gehn, mit allen, die mir treu.

Der neue Wind kennt nur einen Ruf: „Afrika muss deutsch werden – vom Tafelberg bis zum Atlas!“

(C. Peters) Es ist der Hauch eines neuen Jahrhunderts, der gierige Atem von Berlin, wo Gott das Eisen wachsen liess. (Weltbühne" 1926)

„Afrika muss deutsch werden vom Tafelberg bis zum Atlas“ (C. Peters)

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3. Kinder der Kette und des Prügels

a) Koloniale „Kulturmenschen“ und „Wilde“ b) Sozialdarwinismus und das Recht des Stärkeren c) Die Rechtfertigung von Zwang und Gewalt in den Kolonien d) Die Mär vom faulen „Eingeborenen“ und die „Erziehung zur Arbeit“ e) Arbeitspolitik in den deutschen Kolonien f) Prügelstrafe und koloniales „Recht“ als Mittel zur Durchsetzung des Arbeitszwangs g) Kolonialreformer und die „humanitäre Sicht auf die Eingeborenen“

a) Koloniale „Kulturmenschen“ und „Wilde“ Die Sicht deutscher Kolonialherren auf die Bewohner der von ihnen eroberten und beherrschten Gebiete war in der Regel von Herablassung und Verachtung geprägt. Besonders Afrikaner – im kolonialen Sprachgebrauch meist „Neger“ genannt – galten als rassisch und kulturell minderwertige Geschöpfe, denen einige „Kolonialex-

perten“ gar das Recht absprachen, zu den Menschen gerechnet zu werden. Eine tiefe Kluft trennte angeblich den deutschen „Kulturmenschen“ vom afrikanischen „Naturkind“. Ersterer galt als zivilisiert, kultiviert, vernünftig und arbeitsam, letzterer als wild, primitiv, triebgesteuert und faul. Max Fleischmann, Professor für Kolonialrecht in Breslau, fasste die koloniale Sicht auf den „Eingeborenen“ kurz und bündig zusammen: „Der Weiße ist dem Farbigen überlegen. Die Linie zwischen beiden darf nicht verwischt werden“. b) Sozialdarwinismus und das Recht des Stärkeren Der Glaube an die angebliche Überlegenheit des „Weißen“ war einerseits eine logische Folge der tatsächlichen militärischen und technischen Macht der Eroberer, der die „Eingeborenen“ meist wenig entgegenzusetzen hatten. Für deutsche Kolonialmilitärs, Beamte, Händler und Pflanzer war es nur logisch, dass der militärisch Stärkere

Charles Darwin (1809-1882) englischer Wissenschaftler, begründete die moderne Evolutionstheorie

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auch der in jeder anderen Hinsicht Überlegene sein müsse. Andererseits gab es eine ganze Reihe rassen- und kulturtheoretischer Argumente, die zur Rechtfertigung kolonialer Eroberung und Herrschaft vorgebracht wurden. Wichtig war zum Beispiel die Übertragung der Evolutionslehre Charles Darwins – bzw. einer vereinfachten und verzerrten Version seiner Ideen – auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit. In seinem Buch „Über die Entstehung der Arten“ (1859) hatte Darwin unter anderem den ständigen Kampf ums Dasein und die Entwicklung der Arten vom niederen zum höheren (Evolution) als Grundprinzipien des Lebens in der Natur formuliert. In der Anwendung dieser Ideen auf die menschliche Existenz (Sozialdarwinismus) wurde der unaufhörliche Kampf zwischen Individuen, Nationen, Rassen oder Klassen als naturgegeben angesehen. Damit erschien die koloniale Unterwerfung fremder Völker als logische Folge und Begleiterscheinung eines unerbittlichen Daseinskampfes, aus dem die „starken, gesunden und glücklichen“ (Darwin) – in diesem Fall die europäischen Kolonisatoren – als Sieger hervorgingen. Die Eroberung der Welt durch die imperialistischen Mächte galt als Beleg dafür, dass diese einer höheren Entwicklungsstufe als die unterworfenen Völker angehörten. Zum Teil wurden auch grundlegende Soldaten mit Gefangenen

biologische Unterschiede der „Rassen“ dafür verantwortlich gemacht. c) Die Rechtfertigung von Zwang und Gewalt in den Kolonien Während derlei Argumente wichtig für die Rechtfertigung und Propagierung des Kolonialismus an sich waren, spielten sie in der kolonialpolitischen Praxis nur eine untergeordnete Rolle. Für die meisten Kolonialbeamten, Pflanzer und Militärs war die Überlegenheit des „Weißen“ gegen-

gen, Siedlerfarmen und beim Straßenund Eisenbahnbau zu bewegen. So sah der Eroberer Deutsch-Ostafrikas Carl Peters im „Neger“ nichts anderes als ein „brutales Vieh“ und einen „geborenen Sklaven“, der dazu verdammt sei, für seine neuen weißen Herren zu schuften. Andere betonten, dass der „Eingeborene“ in mühsamer Arbeit und über viele Generationen hinweg „zivilisiert“ werden müsse, um ihn allmählich – vielleicht – auf die Kulturstufe seiner Herren zu heben. Es wurde jedoch betont, dass auch bei der „Zivilisierung“ des „Eingeborenen“ die Anwendung von Zwang und Gewalt unumgänglich wäre und vor allem die „Erziehung zur Arbeit“ eine wesentliche Rolle spielen müsse. d) Die Mär vom faulen „Eingeborenen“ und die „Erziehung zur Arbeit““

über dem „Eingeborenen“ selbstverständlich und musste nicht erst begründet werden. Aus der angeblichen Faulheit, Primitivität und Kulturlosigkeit des „Eingeborenen“ ergab sich für viele koloniale „Herrenmenschen“ das Recht auf die Anwendung von Gewalt, Zwang und Willkür, insbesondere wenn es darum ging, die Einheimischen zur Arbeit auf Planta-

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Die „Erziehung des Eingeborenen zur Arbeit“ war ein Thema, das von Kolonialexperten in zahlreichen Veröffentlichungen immer wieder erörtert wurde. Letztlich ging es dabei vor allem darum, über die Produktion von Rohstoffen die Kolonien für Deutschland wirtschaftlich nutzbar zu machen. Eine Grundvoraussetzung dafür war die Rekrutierung einheimischer Arbeitskräfte für die koloniale Exportwirtschaft. Insofern sollte der „Eingeborene“ weniger zur Arbeit an sich als zur Arbeit für andere, insbesondere deutsche Pflanzer, Siedler und Kolonialverwaltungen „erzogen“ werden. Die meisten „Eingeborenen“, insbesondere in den afrikanischen Kolonien, waren selbstständige Ackerbauern oder Viehzüchter. Sie produzierten auf ihrem Land Nahrungsmittel für den Eigenbedarf oder lokale Märkte und hatten demzufolge wenig Veranlassung, auf Plantagen oder anderswo


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unter schlechten Bedingungen und für geringste Löhne für ihre neuen Herren zu arbeiten. Ihre Stellung als unabhängige und selbstversorgende Produzenten unterschied sich somit grundlegend von der des europäischen Lohnarbeiters, der gezwungen war (und ist), sich seinen Lebensunterhalt mit der Arbeit für andere zu verdienen. Aus der Sicht der meisten Kolonialherren war jedoch die Weigerung des „Eingeborenen“ Lohnarbeit anzunehmen, eine Konsequenz seiner angeborenen „Faulheit“, nicht seiner Unabhängigkeit. So fand sich in einer Schrift mit dem Titel ‚Was uns die Kolonien bringen’ aus dem Jahre 1910 folgendes Gedicht: „Als unsere Kolonien vor Jahren/noch unentdeckt und schutzlos waren/schuf dort dem Volk an jedem Tage/die Langeweile große Plage/denn von Natur ist nichts wohl träger/als so ein faultierhafter Neger.“ e) Arbeitspolitik in den deutschen Kolonien Die „Arbeitsbeschaffungspolitik“ in den deutschen Kolonien hatte viele Facetten. Ein wichtiges Instrument war die Einführung von Steuern, die entweder in barem Geld oder in Form von Zwangsarbeit zu entrichten waren. Um die neuen Steuern zahlen zu können, waren „Eingeborene“ gezwungen, Lohnarbeit anzunehmen oder ersatzweise Arbeitsleistungen für den Kolonialstaat zu erbringen. In DeutschOstafrika mussten Dorfbewohner eine bestimmte Zeit im Jahr auf staatlichen Baumwollfeldern bzw. Kommunalschamben (Schamba = Swahili für ‚Feld’) arbeiten. Der Lohn war niedrig und wurde – wie auf den Farmen und Pflanzungen weißer Siedler und Plantagengesellschaften im Norden – oft erst nach einem Jahr ausgezahlt. Diese Form von Zwangsarbeit war nicht nur

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unbeliebt, sondern gefährdete in einigen Regionen sogar die Selbstversorgung, weil Bauern nicht mehr genügend Zeit zur Pflege ihrer eigenen Felder hatten. Auch in der deutschen Kolonie Kamerun in Westafrika herrschte großer Arbeitskräftebedarf, besonders für die neu angelegten Plantagen am Kamerunberg. Bisweilen wurden Arbeitskräfte rekrutiert, indem man Verträge mit einheimischen Herrschern über die Bereitstellung von Arbeitern schloss. Auf die Niederschlagung von Aufständen in der Frühphase der deutschen Kolonisation folgte oft die Forderung nach der Stellung von Arbeitern als „Strafmaßnahme“. Die Enteignung von vermeintlich „herrenlosem“ Land und die Schaffung von Eingeborenenreservaten, in denen für die Eigenversorgung nicht mehr genügend Land zur Verfügung stand, waren andere Mittel, um Einheimische zur entfremdeten Arbeit zu zwingen.

f) Prügelstrafe und koloniales „Recht“ als Mittel zur Durchsetzung des Arbeitszwangs Das koloniale Strafrecht wurde bewusst als Mittel eingesetzt, um den Arbeitskräftebedarf zu decken und zu sichern. In Deutsch-Südwestafrika wurden nach den Herero- und NamaKriegen Gesetze erlassen, nach denen

lich für die „Erziehung und „Disziplinierung“ kolonialer Völker angesehen. Nicht nur die koloniale Justiz, sondern auch Siedler und Plantagenbetreiber prügelten gern und häufig, in Afrika mittels eines Tauendes oder einer Peitsche aus Nilpferdhaut (Swahili: ‚Kiboko’). Während „Fachleute“ in den Kolonien und im Mutterland mit deutscher Gründlichkeit diskutierten, welches von beiden Prügelinstrumenten das „humanere“ sei, stand die Notwendigkeit des Prügelns an sich für die meisten außer Frage. g) Kolonialreformer und die „humanitäre“ Sicht auf den Eingeborenen

Afrikaner, die sich weigerten für weiße Farmer zu arbeiten, mit drakonischen Strafen wegen „Landstreicherei“ rechnen mussten. Arbeitsvergehen wie „Faulheit“, „Ungehorsam“ oder gar Flucht aus dem Arbeitsverhältnis wurden mit Prügel und Kettenhaft bestraft. Vor allem die Prügelstrafe gehörte zum Alltag der „Eingeborenen“. In Deutschland längst abgeschafft, wurde sie als unvermeid-

Die deutsche „Prügelkultur“ (August Bebel, Fraktionsführer der Sozialdemokraten im Reichstag) in den Kolonien provozierte wiederholt die Kritik

Totenschein

sozialdemokratischer und linksliberaler Kreise in Deutschland. An den realen Verhältnissen änderte das jedoch wenig. Erst nach den großen Kolonialkriegen in Deutsch-Ostafrika (19051907) und Deutsch-Südwestafrika (1904-1907), die nicht nur ganze Landstriche entvölkerten, sondern auch hohe Kosten für das Reich verursachten, kam es zu ernsthaften Versuchen,

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die deutsche Kolonialpolitik auf eine „humanere“ Grundlage zu stellen. Als neuer Staatssekretär im Reichskolonialamt griff Bernhard Dernburg die Ideen gemäßigter Kreise auf, zu denen vor allem Missionare, Händler und einige wenige Kolonialbeamte gehörten. Diese forderten die tatsächliche Erziehung, Bildung und gesundheitliche Förderung kolonialer Völker. Statt den „Eingeborenen“ zur Plantagenarbeit zu zwingen, wo er unter scharfer Aufsicht und schlechten Bedingungen mehr schlecht als recht arbeitete, sollte man danach trachten, ihn zum eigenständigen kleinbäuerlichen Produzenten von Exportgütern zu „erziehen“. Eine systematische Bildungspolitik sollte ihn zur Annahme westlicher Werte und Normen bewegen und vor allem seine Bedürfnisse nach westlichen Konsumgütern wecken. Um diese zu befriedigen, würde der „Eingeborene“ dann als Kleinbauer freiwillig Exportprodukte wie Baumwolle oder Kakao anbauen und zudem durch den Kauf europäischer Fertigwaren die Bedeu-

tung der Kolonien als Absatzmärkte für die deutsche Wirtschaft steigern. Darüber hinaus sollte das Strafrecht schärfer reguliert, die exzessive Anwendung der Prügelstrafe eingedämmt und Strafen nach festen Prinzipien verabreicht werden, um Todesfälle und Verstümmelungen auszuschließen. Die von Reformern angeregten Maßnahmen sind weniger als Selbstzweck oder im Rahmen einer „Zivilisierungs- und Entwicklungsmission“ zu sehen. Sie dienten

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ebenso wie die „Prügelkultur“, die sie ersetzen sollten, der optimalen wirtschaftlichen Nutzbarmachung und Erschließung der Kolonien im Dienste der Kolonialmacht. Dernburg brachte das Grundprinzip des „aufgeklärten“ Kolonialismus auf den Punkt: „Nur ein satter Neger ist ein guter Arbeiter“. Die Wirkung der Reformen war jedoch begrenzt. Die Plantagen- oder Siedlerwirtschaft blieb bestimmend für die meisten kolonialen Ökonomien, und es gelang kaum, eine Klasse von bäuerlichen Kleinproduzenten von Exportprodukten heranzuziehen. Während die amtlich registrierte Zahl der Prügelstrafen in den afrikanischen Kolonien zunächst zurückging, stieg die Statistik zum Ende der deutschen Herrschaft wieder an. Darüber hinaus schwangen Siedler und Plantagenbetreiber ohnehin weiterhin gewohnheitsmäßig die Kiboko. Prügel und Ketten blieben Teil des kolonialen Alltags. (Rohland Schuknecht)


3. Kinder der Kette und des Prügels

Zitate:

„Naturkinder“ und „Wilde“ "Der Neger ist der geborene Sklave, dem sein Despot nötig ist wie dem Opiumraucher seine Pfeife, und es fehlt ihm auch jeder vornehme Zug. Er ist verlogen, diebisch, falsch und hinterlistig, und wenn oberflächliche Beobachter an ihm eine gewisse Bonhommie wahrzunehmen glauben, so liegt dies ausschließlich an der geringen Irritabilität seines Nervensystems und der daraus folgenden stumpfen Reaktionsfähigkeit seines Willens. " (Dr. Carl Peters, Eroberer Deutsch-Ostafrikas)

„Über die Gräber der Naturvölker ... rast unbarmherzig der Strom der Geschichte weiter. Wo wenige Träge ohne Nutzen für die übrige Welt leben, da werden sie verdrängt von der Energie, dem besseren Können der Leute des anderen Stammes, die von der nämlichen Scholle so viel reicheren Segen ernten für sich und mittelbar für die Menschheit. So will es, kühl bis ins Herz hinan, die Weltgerechtigkeit des Daseinskampfes.“ (Alfred Kirchhoff, Geograph und Sozialdarwinist)

Zwang und die „Erziehung des Eingeborenen zur Arbeit“ Sozialdarwinismus und das Recht des Stärkeren „Dem ewigen Naturgesetz, welchem sich die ganze Schöpfung fügen muß, folgt auch die Ausbreitung der Rassen über den Erdball. Wo auf ihren großen Wanderzügen Völkerstämme von ungleicher physischer oder geistiger Kraft aufeinander platzten, hat stets der schwächere, abgelebtere weichen müssen; nur auf diese Weise konnte das Menschengeschlecht überhaupt zu einer höheren Entwicklung gelangen. Nicht durch die Sklavenjagden und die fortgesetzten Verfolgungen seitens der Weißen geht die schwarze Rasse ihrem Untergang entgegen, sondern weil sie das allgewaltige Naturgesetz nicht begreift und sich nicht fügen will; weil sie sich gegen die Zivilisation – die allein ihre Rettung sein könnte – stemmt, ist ihr Verhängnis unabwendbar. Wir können diese Tatsache bedauern, aber nicht ändern. Eine sentimentale Auffassung der Frage wäre ganz unangebracht; wir müssen uns im Gegenteil sagen, dass so durchaus unproduktive Völkerschaften, wie es die schwarzen Stämme sind, keine Existenzberechtigung haben.“ (August Boshart, deutscher Offizier und Söldner im Dienste des Kongostaates)

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„Die Eingeborenen sind Kinder – sie müssen erzogen werden durch Verbote und Strafen.“ (Paul Bauer, Experte für Kolonialstrafrecht)

„Der größte Fehler, den eine Verwaltung oder eine Truppe in Afrika machen kann, ist der, den Eindruck der Schwäche zu hinterlassen. Der Eingeborene sieht in Nachgiebigkeit nur Schwäche, was seine Angriffslust ins Gefährliche steigert.“ (Paul Rohrbach, evangelischer Theologe und Kolonialfunktionär)

„Zur Ausnützung der Schätze des Bodens sind die Arbeitskräfte der farbigen Bevölkerung unentbehrlich, und bedauerlicherweise ist die Trägheit derselben, ihre Neigung, mitten unter der Arbeit zu entlaufen, wenn nicht gerade der Hunger, die einzige Macht, der sie sich beugen, sie zwingt, sich ihr Brot zu verdienen, eine derart starke, dass ohne Zwangs- und Zuchtmittel gegen den farbigen Arbeiter jede Bodenkultur im Schutzgebiete unmöglich wäre.“ (Paul Bauer, Experte für Kolonialstrafrecht)


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„Mit schönen Worten und Vermahnungen, mit Beten und Bibelsprüchen allein impft man dem Schwarzen keine Kultur ein. Der Haupterziehungsfaktor ist der dauernde Zwang zu sittlichem Handeln, besonders zur Arbeit. Nicht ora et labora, sondern labora et ora muß die Richtschnur sein. Dadurch, dass der Eingeborene an sittliches Handeln gewöhnt wird, ebnet man ihm den Weg zu wahrem Christentum; nicht umgekehrt.“ (Ada Cramer, Farmersfrau in Deutsch-Südwestafrika)

Koloniale Prügelkultur „Die Strafrechtspflege an den Eingeborenen gehört zu den unerfreulichsten Erscheinungen der deutschen Kolonialpolitik . . . Ziemlich häufige Todesurteile, langjährige Gefängnisstrafen und ein widerliches Prügelsystem zeichnen die deutsche Kolonialjustiz sehr zu ihrem Nachteil vor derjenigen anderer Kolonialländer aus ... Von den aller ersten Anfängen der deutschen Kolonialpolitik an ist in barbarischer Weise auf die Neger losgeprügelt worden ..."

„Wissen Sie, die „Djama“ [Deutschen] waren sehr hart! Sie ließen dich ohne Unterbrechung arbeiten. Sie ließen die Menschen auf die Wege und Straßen von Bassar, von Sokodé und von Agbadou ... bringen, um die „Bayari“ [Steuerarbeit] abzuleisten. ... Wissen Sie, die „Bayari“: eine Arbeit ohne Pause. Wenn du dich bücktest, um Erde auszuheben oder mit der Kreuzhacke zu arbeiten, hattest du kein Recht, dich wiederaufzurichten. Es war nicht erlaubt innezuhalten, um ein wenig durchzuatmen. ... Wer auch nur innehielt und sich eine Sekunde aufrichtete, erhielt von den rüden Wachsoldaten eine unbarmherzige Bastonade [Prügel]. ... Einige Leute starben davon! Während der Arbeiten sangen die Konkomba-Leute „Bayari“, zum

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einen, um die Moral aufrechtzuerhalten, zum anderen, um die Weißen und ihre Soldaten zu verhöhnen, die den Sinn dieser Spottlieder nicht verstanden.“ (Erinnerungen des Konkomba-Häuptlings Yendjè Dalaré von Nawaré in Nord-Togo)

„Aus den Verhandlungen des Reichstags ersehen wir, dass daselbst beantragt worden ist, in unseren Kolonien die Prügelstrafe bei Eingeborenen abzuschaffen. Ohne Zweifel liegen diesem Antrag humane Ansichten zugrunde, wie solche aber nur in der Heimat entstehen können, wo man wohl Fragen über Eingeborene theoretisch erörtern kann, aber jede praktische Erfahrung für dieselben noch gänzlich fehlt. Da wir nun in der Aufhebung der Prügelstrafe bei Schwarzen eine ernstliche Bedrohung der gesunden wirtschaftlichen Entwicklung unserer Kolonie sehen, so halten wir es für unsere Pflicht, die Kolonial-Abteilung des Auswärtigen Amtes sehr ergebenst zu bitten, der Gefahr vorzubeugen, welche unserer Kolonie durch Aufhebung der Prügelstrafe drohen würde. Die erste Vorbedingung für eine richtige Behandlung der Eingeborenen ist, dass man sich über ihre Lebensanschauung und ihren Gesichtskreis klar wird. Unsere Eingeborenen leben seit Urzeiten in Faulheit, Rohheit und Stumpfsinn in den Tag hinein; je schmutziger sie sind, desto wohler fühlen sie sich. Für jeden Weißen, der unter Eingeborenen gelebt hat, ist es nicht gut möglich, dieselben als Menschen im europäischen Sinne anzusehen; sie müssen erst mit endloser Geduld, Strenge und Gerechtigkeit im Laufe der Jahrhunderte dazu erzogen werden. Für Milde und Nachsicht hat der Eingeborene auf die Dauer kein Verständnis; er sieht nur Schwäche darin und wird infolgedessen anmaßend und frech gegen den Weißen, dem er doch nun einmal gehorchen lernen muss, denn er steht geistig und moralisch doch so tief unter ihm.“ (weiße Einwohner des Bezirkes Windhoek (Windhuk), Deutsch-Südwestafrika, an die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes) „Sie haben gewiß alle schon von der Faulheit des


3. Kinder der Kette und des Prügels

Negers gehört. Das ist so allgemein gesprochen jedenfalls ein Schwindel. Der Neger will, und das verübelt man ihm so, nicht auf den europäischen Plantagen arbeiten. Ich kann das den Leuten aber durchaus nicht verdenken, denn in Kamerun jedenfalls haben sie es miserabel schlecht gehabt; schlecht und ungenügende Ernährung, viele Lohnabzüge und viele Prügel.“ (Johann Karl Vietor, Kaufmann aus Bremen)

„Was die Kettenhaft anbelangt, halten wir solche für nicht notwendig. In so einer christlichen Stadt wie Lome, die bereits auf eine gewisse Stufe der Kultur gestiegen ist, ist grundsätzlich das Anketten der Gefangenen unangebracht. ... Die Prügelstrafe bitten wir ebenfalls abzuschaffen. Hierzu bitten wir zu bemerken, dass die Bewohner der Nachbarkolonien uns zu unserer größten Beschämung Kinder der Kette und des Prügels nennen.“ (Einwohner von Lome/Togo in einer Eingabe an Kolonialstaatssekretär Wilhelm Solf)

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Für eine neue Eingeborenenpolitik „[Kolonisation] heißt die Nutzbarmachung des Bodens, seiner Schätze, der Flora, der Fauna und vor allem der Menschen zugunsten der Wirtschaft der kolonisierenden Nation, und diese ist dafür zu der Gegengabe ihrer höheren Kultur, ihrer sittlichen Begriffe, ihrer besseren Methoden verpflichtet ... Hat man früher mit Zerstörungsmitteln kolonisiert, so kann man heute mit Erhaltungsmitteln kolonisieren und dazu gehören ebenso der Missionar wie der Arzt, die Eisenbahn wie die Maschine, also die fortgeschrittene theoretische und angewandte Wissenschaft auf allen Gebieten.“ (Kolonialstaatssekretär Bernhard Dernburg)

„Arbeit an einem Naturvolk muss damit beginnen, seinen Fortbestand möglichst sicherzustellen, also seine körperliche Widerstands- und Fortpflanzungskraft zu erhöhen.“ (Diedrich H. Westermann, Missionar der Norddeutschen Missionsgesellschaft)


4. Didaktik der Edelrasse

a) Bildung und Kolonisation b) Missionare, koloniales Bildungssystem und Erziehung zur Arbeit c) Afrikaner und Missionare d) Mission als Kolonisation

a) Bildung und Kolonisation Das Machtzentrum der deutschen Kolonien in Afrika waren die aus Europa stammenden Beamten der kolonialen Verwaltung und die Leiter der ausländischen Firmen. Um ihre Interessen – insbesondere die wirtschaftliche Nutzbarmachung der Kolonien im Dienste der Kolonialmacht – effektiv durchsetzen zu können, war diese Kolonialelite von Anfang an auf einheimische Mittelsmänner angewiesen, auf Dolmetscher, Schreibkräfte, Boten, Polizisten, Lehrer und niedere Beamte. Nur mit ihrer Hilfe konnte der Kontakt zwischen Regierenden und Regierten

aufrechterhalten werden, und somit der Warenumsatz zwischen Europa und Afrika auf- und ausgebaut werden. Unter diesen Umständen entstand eine kleine einheimische Elite, die von den Kolonisatoren durch schulische Bildung für das koloniale Unternehmen nutzbar gemacht wurde.

Eingeborene Briefträger

Anfangs hatten die Kolonialverwaltungen das Schulsystem den Missionsgesellschaften überlassen. Bald ging man jedoch dazu über, Regierungsschulen aufzubauen, deren Lehrpläne

Der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Freiherr Albrecht von Rechenberg

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4. Didaktik der Edelrasse

speziell auf die Bedürfnisse der Kolonialverwaltung ausgerichtet waren. Der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Freiherr Albrecht von Rechenberg, betonte im Jahre 1906, das vordringlichste Ziel der Regierungsschulen sei es, „zur Verwaltung des Schutzgebietes intelligente Eingeborene heranzuziehen“. Der Bedarf der Verwaltung bestimmte die Zahl der Schüler, und der Grad des wirtschaftlichen Interesses an den verschiedenen Regionen war ausschlaggebend für die

mehr mit Mitgliedern der einheimischen Herrschaftseliten. So sorgten die Auswahlmechanismen der Schulen für ein langfristiges Ausschalten der traditionellen Eliten und isolierten dabei zugleich den neu geschaffenen Kader in kultureller und politischer Hinsicht von der breiten Masse der Bevölkerung. Die Regierungsschulen lieferten wichtige Helfer für die Erschließung des Landes und die Aufrechterhaltung der kolonialen Ordnung. Die Schulabgän-

weißen Herren hätte in Frage stellen können. Stattdessen setzte man auf die Heranbildung einer kleinen Elite, die als Vermittler zwischen den Kolonialherren und der Masse der Unterworfenen wirken sollte. Diese Eliten wurden unter Umgehung der traditionellen Machthaber und Machtinstanzen geschaffen, was zu einer weiteren Aushöhlung der traditionellen Hierarchien führte. Doch die neuen Eliten waren ebenso wie die traditionellen Herrscher wenig mehr als Figuren auf dem Schachbrett der Kolonisatoren. b) Missionare, koloniales Bildungssystem und Erziehung zur Arbeit Obwohl ihre Zahl allmählich anstieg, hatten die Regierungsschulen im Vergleich zu den Missionsschulen nur eine

Missionar Dr. Vedder

Verteilung der Schulen in den Kolonien insgesamt. So wurden in Gebieten, die für die Kolonialverwaltung wirtschaftlich ohne Bedeutung waren, auch keine Bildungseinrichtungen geschaffen. Vielen Menschen in den Kolonien wurde schnell klar, dass der Zugang zu den von den Kolonisatoren in Aussicht gestellten »Errungenschaften der Zivilisation« nur über die kolonialen Schulen erfolgen konnte, die den Zugang zu Posten in der Verwaltung ermöglichten. Diese wurden zunehmend mit den Produkten des kolonialen Schulsystems besetzt und nicht

ger fanden Anstellung als Schreiber, Steuereinnehmer, Post- , Zoll- und Eisenbahngehilfen oder auch als Berater für einheimische Sitten und Gebräuche. Ziel der kolonialen Bildungseinrichtungen war es nicht, die Masse der unterworfenen Eingeborenen zu bilden und somit im westlichen Sinne zu „zivilisieren“. Eine allgemeine Schulpflicht wurde in den deutschen Kolonien nie eingeführt. Der Grund war nicht zuletzt, dass eine breite Schicht westlich gebildeter Einheimischer die Überlegenheit ihrer

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relativ geringe Anzahl von Schülern. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges standen 141.000 Missionsschülern gerade einmal 5.500 Schüler der Regierungsschulen gegenüber. Ausschlaggebend für die Gründung von Regierungsschulen war vor allem, dass Kolonialverwaltungen und Missionen zum Teil unterschiedliche Vorstellungen vom Zweck kolonialer Schulbildung hatten. Dies zeigte sich zum Beispiel in den Lehrplänen. Während in den Regierungsschulen der Schwerpunkt auf praktische Fächer wie Deutsch und


4. Didaktik der Edelrasse

Mathematik gelegt wurde, kam in den Missionsschulen dem Religionsunterricht besondere Bedeutung zu. In vielen Missionsschulen wurden die Schüler zudem in ihrer Muttersprache unterrichtet, um einen besseren Bildungseffekt zu erzielen. Vorrangiges Ziel der Missionsschulen war die Verbreitung der christlichen Religion und Kultur wie sie von den unterschiedlichen Missionsgesellschaften wahrgenommen wurde. Dabei ging es keineswegs um die bloße Übertragung europäischer Verhältnisse auf die Kolonien. Bestimmte Elemente der christlich-westlichen Zivilisation des späten 19. Jahrhunderts wurden von den Missionaren vehement abgelehnt. Vor allem die Entstehung einer landlosen Arbeiterklasse nach europäischem Muster versuchten die Missionsgesell-

Die eingeborenen Lehrer der Missionsschule Lukuledi

Schwarze Christen in des Kreuzes Schutz und Schatten

Missionierung und Schule - aus dem Film: Usambara (DVD 2) Andrea Maghissa (großes Bild) war der Dorflehrer in Mlalo zur Deutschen Kolonialzeit ( Tanzania / Deutschostafrika ) Frieda Wohlrab (kleines Bild) wurde in der Mission kurz nach der Jahrhundertwende als Tochter des Missionars Wohlrab geboren und kehrte später nach 50 Jahren in Deutschland zurück in ihr Geburtshaus auf diese Missionsstation in Mlalo. Ihr Vater war vor der Jahrhundertwende der Begründer dieser Protestantischen Missionsstation.

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schaften zu verhindern. Stattdessen setzten sich Missionare in vielen Kolonien für die Heranbildung einer Schicht christlicher Kleinbauern und Handwerker ein, die als mehr oder weniger unabhängige Produzenten die Grundlage des kolonialen Wirtschaftssystems bilden sollten. Die Versuche der Kolonialverwaltungen und Pflanzer „Eingeborene“ durch Zwangsmaßnahmen und Landenteignung zur Lohnarbeit auf Plantagen zu zwingen, stießen deshalb bei vielen Missionaren auf Kritik. Andererseits waren Missionen meist selbst wirtschaftlich tätig und daher ebenso wie Plantagen auf Arbeitskräfte angewiesen. So hatte der protestantische Missionar Alexander Merensky bereits 1886 die Einführung einer Hüttensteuer in den deutschen Kolonien angeregt, um die Einheimischen zur Arbeit für Kolonialverwaltungen, Pflanzer und nicht zuletzt Missionare zu zwingen. Nachdem eine solche Steuer 1897 in Deutsch-Ostafrika eingeführt worden war, freute sich ein Missionar um die Jahrhundertwende: „Sehr stark war der Andrang zur Arbeit in der Zeit, in welcher die Hüttensteuer von der Regierung eingezogen wurde. Man kann sich über den wohltätigen Einfluss der Steuer nur freuen.“ Missionierung und Schulbildung dienten auch der Erziehung der „Eingeborenen“ zu arbeitsamen, loyalen und zuverlässigen Untertanen. Es ging weniger um die von jeglichen politischen und wirtschaftlichen Interessen losgelöste »Ausbreitung des Reiches Gottes im Dienste Jesu Christi«, sondern um einen umfassenden sozioökonomischen Wandel, eine Umformung des „eingeborenen“ Lebens nach europäischen und christlichen Idealen. Darin stimmten die Missionen und die Kolonialpolitik zum Teil in ihren Zielsetzungen überein.


4. Didaktik der Edelrasse

d) Mission als Kolonisation

gen helfen. Durch Strafen und Gesetze kann der Staat den physischen Gehorsam erzwingen, die seelische UnterwürTrotz gelegentlicher Mei- figkeit und Anhänglichkeit der EingeboIn intakten traditionellen nungs ver schie den heiten renen bringt die Mission zustande. Wir Gemeinwesen in Afrika zwischen Missionaren und dürfen daher den kürzlich vom Kolonialstieß die Vermittlung Kolonialbeamten war die staatssekretär Dr. Solf im Reichstag ausdes neuen Glaubens Mission integraler Bestand- gesprochenen Satz »Kolonisieren ist rasch an Grenzen. teil des Kolonisationspro- Missionieren« umkehren in »MissioZum einen blieben Teile Josef Lada (1887 - 1957): zesses. Dies betraf insbe- nieren ist Kolonisieren«“. der christlichen Lehre Koloniales: "Drehen Sie ihn sondere die Verbreitung Eine Folge der Einführung europäischden Einheimischen ein- um, damit die Bestie die unendliche Liebe des von christlich-westlicher Ar- christlicher Werte und der Intoleranz fach fremd – der AuferGekreuzigten kennenlernt." beitsethik, Zeitnormen und und Herabwürdigung allem traditionell stehungsgeschichte wurde zum Teil mit schallendem Gelächter Vorstellungen von Disziplin und Auto- afrikanischen gegenüber war die allbegegnet. Zum anderen trug vor allem rität durch die Missionare. Im Jahre 1913 mähliche Zerstörung der Sozialstruktudie rigide Intoleranz der Weißen den beschrieb der Missionswissenschaftler ren der Einheimischen, ohne jedoch das afrikanischen Traditionen gegenüber – Joseph Schmidlin das Miteinander von europäische Modell vollständig durchbeispielsweise in der Frage der Poly- Mission und Kolonisation wie folgt: „Wie setzen zu können. Gleichzeitig erleichgenie (Vielweiberei) – dazu bei, dass die beiden großen sozialen Autoritäten terten die Aushöhlung der afrikanizwischen Missionaren und Einheimi- Staat und Kirche in der Heimat, so und schen Gesellschaften und der wachsenschen eine nicht zu schließende Kluft noch viel stärker sollen sich in den de Individualismus es den KolonialSchutzgebieten Mission und Kolonial- mächten ihre Ansprüche durchzusetblieb. Den Afrikanern waren die weißen politik stützen und ergänzen; denn was zen. Die Effizienz mit der diese Ansprüche sich auswirkten, Missionare weniger als Übermittler die Kolonien für den Jesko von Puttkamer (1855-1912), führte bei vielen Afrieiner neuen spirituellen Botschaft denn Staat, das und mehr ehemaliger deutscher Gouverneur kanern zur Annerkenals Quelle neuer technischer Kenntnisse noch sind die Missio- von Kamerun (1895-1907) nung der immer und und Fähigkeiten wichtig. Aus der nen für die Kirche. immer wieder betonEinsicht heraus, dass der Weg zur ... Die Mission ist es, die ten Überlegenheit der Vermittlung religiöser und kultureller unsere Kolonien geistig Weißen. Es entstand Werte Europas durch praktische »Ent- erobert und innerlich eine Tradition der geiwicklungshilfe« besser funktioniert, als assimiliert, soweit eine stigen Unterwerfung, durch die bloße äußere »Zivilisierung«, solche Assimilation in in der die unterworfewie etwa durch das Auswendiglernen Anbetracht der tiefgreinen Afrikaner beganchristlicher Grundsätze, begannen die fenden Verschiedenheinen sich so zu sehen, Missionen mit dem Bau von Stationen, ten überhaupt durchwie ihre weißen UnterKirchen, Kaufläden, Krankenhäusern, führbar ist. Der Staat drücker sie sahen. Werkstätten und Schulen. In diesem vermag die Schutzge(Rohland Schuknecht) europäischen Mikrokosmos erhielten biete sich wohl äußerdie Missionszöglinge fortan Unterricht lich an- und einzugliein landwirtschaftlichen und handwerkli- dern; das tiefere Ziel der chen Bereichen, wie im Schmieden, Kolonialpolitik, die inneSchreinern, Buchbinden und sogar im re Kolonisation, muss Telegraphieren. ihm die Mission vollbrinc) Afrikaner und Missionare

Die afrikanische Tochter Else am Grab ihres Vaters Jesko von Puttkamer aus dem Film: Mulattin Else (DVD 2)

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4. Didaktik der Edelrasse

Zitate:

Die Pflicht zur Missionierung der „Neger“ "Der Heiland hat für alle Menschen sein kostbares Blut vergossen, auch für die Neger. Wir sind im Besitze des Christentums, und da der Welterlöser will, daß alle Menschen selig werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen, hatten wir die Verpflichtung, als wir die Negerländer in Besitz nahmen, ihnen das Christentum zu bringen." (Ra. Stieve, Zabern)

helfende und versöhnende Hand entgegenstrecken und neben der äußeren Umwandlung die innere bei ihnen bewirken." (Missionar Gröschel)

"Einig sind wir uns alle darüber, auch die Missionen, daß die Negerseele nicht so ist, wie wir sie haben wollen und brauchen können. Denn nur aus dieser Überzeugung leitet sich ja unsere Berechtigung her, die Negerseele zu beeinflussen und von ihrem bisherigen Entwicklungsgange abzudrängen." (Regierungsarzt Dr. Kiilz)

"Mission Weihnachten 1903" In langen Jahren ist das Werk gelungen, ins stumpfe Hirn die Heilsbotschaft gedrungen, verkündet in des Negers eignen Zungen, am Backe blühet Orange und Banane, der Frieden ruht auf Buschfeldes weiter Plane, dankbar erblickts der Sendling vom Altane.

"Mag man über den Jesuitenorden sonst denken, wie man will, soviel steht außer Frage, daß derselbe in Ostafrika eine Kulturarbeit im wahrsten Sinne des Wortes vollführt. Seine Stationen bilden sozusagen die ersten mächtigen Klammern, an denen die weiße Rasse in diesen üppigen Teil des spröden schwarzen Kontinents sich hineinzwängt." (Carl Peters)

Mission als Kolonisation "Für die kulturfördernde Einwirkung des Handels, wie für die kulturelle Entwicklung unserer Eingeborenen überhaupt, müssen erst die Vorbedingungen geschaffen werden. Und dies geschieht durch Erziehung zur systematischen Arbeit" (Pater Norbertus Weber)

"Drückt die Kulturmacht allein auf die zumeist noch kulturlosen Völker durch ihre Maßnahmen, z.B. Besteuerung und damit Zwang zur Arbeit, so werden sie entweder erdrückt oder sie suchen die auf sie einwirkende Macht abzuschütteln. Da muß ihnen die Mission durch Einpflanzung des Christentums die

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Auch die erwachsenen Zöglinge blieben Missionsuntertanen: "Da wir sie aus der Sklaverei losgekauft haben, behalten wir volle Gewalt über sie;" (meinte Missionar P, Kaysel.)


4. Didaktik der Edelrasse

"Das väterliche Regiment, das wir auf diese Art aufrecht halten, ist ein mächtiger Hebel, sie zur Frömmigkeit anzutreiben und in guter Ordnung und Arbeitsamkeit zu erhalten ", (schrieb 1881 die Zeitschrift "Die Katholischen Missionen“)

Bibel und Flinte (1898) Was treiben wir Deutschen in Afrika? Hört, hört! Die Sklaverei wird von uns allda zerstört, Und wenn so ein Kaffer von uns nichts will, den machen wir flugs und ewig still. Piff paff, piff paff, hurra! O glückliches Afrika! Wir predigen den das Christentum, wie brav! Und wer’s nicht will glauben, den bringen wir um Piff, paff! O selig die "Wilden'", die also man lehrt die "Christliche Liebe" mit Feuer und Schwert Piff paff, piff paff, hurra! O glückliches Afrika! Wir haben gar "schneidige Missionär", Juchhei! Den Branntwein, den Krupp und das Mausergewehr. Die drei. So tragen "Kultur" wir nach Afrika. Geladen! Gebt Feuer! Halleluja! Piff paff, piff paff, hurra! O glückliches Afrika!

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Kritik an Mission und Kolonisation "Was bedeutet in Wahrheit diese ganze sogenannte christliche Zivilisation in Afrika? Äußerlich Christentum, innerlich und in Wahrheit Prügelstrafe, Weibermißhandlung, Schnapspest, Niedermetzelung mit Feuer und Schwert, mit Säbel und Flinte. Das ist ihre Kultur... Es handelt sich um gemeine materielle Interessen, um Geschäftemachen und um nichts weiter!" (August Bebel, Fraktionsführer der Sozialdemokraten im Reichstag, 1894)


5. Widerstand und die Antwort des großen Gewehrs

a) Maji Maji: Der Volkskrieg gegen die deutsche Besatzungsmacht b) Der Herero-Aufstand 1904: Völkermord in der Wüste c) Der Erste Weltkrieg und der Verlust der Kolonien

a) Maji Maji: Der Volkskrieg gegen die deutsche Besatzungsmacht 1905 war die vorübergehende Idylle der deutschen Kolonialherren in Ostafrika zu Ende. Ein einigender Ruf breitete sich wie ein Flächenbrand von Baumwollplantagen des Südens über weite Teile des Landes aus, und rief zum Aufstand gegen die Kolonialherren, ihre Verbündeten und Sympathisanten. Zum ersten Mal überwanden verfeindete Gruppen ihren Zwist, und vereinigten sich gegen die verhassten Unterdrücker. Der Ruf war der nach dem magischen Wasser, „Maji

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Maji!“ (maji ist Kiswahili und bedeutet nichts anderes als Wasser), von dem eine schützende Wirkung gegen die Gewehrkugeln der Schutztruppen ausgehen sollte. In weinigen Monaten war fast die Hälfte der Kolonie in den Händen der Befreier. Ursachen dieses Aufbegehrens waren die Maßnahem zur wirtschaftlichen Erschließung der Kolonie, unter denen die einheimische Bevölkerung, besteuert und so zur Lohnarbeit gezwungen, stark zu leiden hatten. So entzündete sich auch der Widerstand am Gegenstand dieses Arbeitszwang auf den Baumwollfeldern im Süden.


5. Widerstand und die Antwort des großen Gewehrs

Durch enormen Druck auf die lokalen Dorfvorsteher wurde von den Deutschen der Anbau von Baumwolle eingeführt. Die Produktionskampagne der deutschen Wirtschaft orientierte sich nur an den Interessen der heimischen verarbeitenden Industrie, und berücksichtigte die Rechte und Ansprüche der für die produzierenden Afrikaner nicht. So bezahlte man die Baumwollernte erst, wen die deutschen Firmen im entfernten Europa sie aufgekauft hatten, oder gar erst, wenn ihre Produkte bereits auf dem Markt feilgeboten wurden. Nur ein Teil dieser Erlöse floss in die Dörfer in Ostafrika zurück. Für den Plantagenarbeiter bedeutete dies, dass er sein Geld erst ein Jahr nach der getanen Arbeit erhielt.

Der Anbau, die Pflege und die Ernte der Baumwolle wurde kollektiv auf ganze Dörfer übertragen, die an festgelegten Tagen auf den verschiedenen Farmen ihren Arbeitsdienst abzuleisten hatten. So schilderte Mzee Ndundule Mangaya aus Kipatimu: "Wenn du wiederkamst von Samanga, warst du beim Jumbe wieder dran - oder wenn du beim Ortsvorsteher begonnen hattest, erwartete dich schon wieder der Dienst auf Samanga. Warst du erst einmal da, musstest du sehr viel leiden, alle mussten das. Dein Rücken und dein Hintern wurden gepeitscht und du durftest dich nicht wieder aufrichten, wenn du dich einmal niedergebeugt hattest zum Graben. Das Gute an den Deutschen war, dass alle Leute gleich waren unter der Peitsche.

Wenn ein einheimischer Ortsvorsteher einen Fehler gemacht hatte, bekam er auch die Peitsche. Die Arbeit war ungeheuer hart und voll schwerem Leid, aber der Lohn dafür war die Peitsche auf Rücken und Hintern. Und trotz alledem verlangte der Deutsche, dass wir ihm Steuern zahlten. Waren wir denn keine menschlichen Wesen? Und die Wamatumbi haben sich seit jeher noch von keinem belästigen oder beherrschen lassen. Sie waren wirklich wild vor Zorn, ah! Unter so viel Leid geknechtet, hielten sie es für besser zu sterben, als in solcher Qual zu leben. Daher hassten sie die Herrschaft, die grausam war. Das war

Gefangene werden hingerichtet

nicht wegen der Landarbeit, keineswegs. Wenn es eine gute Landwirtschaft gewesen wäre, die Sinn und Gewinn gehabt hätte, wer hätte sich dann aufgegeben, wer hätte dann sterben wollen? Früher schon hatte der Europäer Schwierigkeiten gemacht. Aber als er begann, uns dazu zu bringen, für ihn Baumwolle anzubauen, Straßen zu bauen und so weiter, da sagten die Leute: «Dieser ist einst ein allgewaltiger Herrscher geworden, wir müssen ihn vernichten»". Auf einer solchen Plantage mit Zwangsanbau wurden im Juli 1905 die ersten Toten des Aufstandes gefunden. Die Kolonialregierung konnte diesen Aufstand nicht richtig einschätzen, ihr fehlte jeglicher Kontakt zur lokalen

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5. Widerstand und die Antwort des großen Gewehrs

Bevölkerung und somit jegliches Verständnis für deren tägliches Leben und ihre Kultur. Ohne den religiös-kultischen Charakter des Maji-Maji-Aufstandes besser verstehen zu können, als es die einfältigen Bezichtigungen der „Zauberei“ zuließen, wusste sie der Ausweitung der lokalen Unruhe in einen überregionalen Aufstand nichts entgegen zu setzen. Diese überregionale Ausweitung wurde möglich, da der Ruf nach dem „Zauberwasser“, mit dessen Hilfe die Aufständischen unverwundbar gemacht werden sollten, ganze Pilgerströme ins Zentrum der

Bewegung zog, wo diese „Medizin“ an die Menschen verteilt wurde. Die Aufständischen wurden von ihren Anführern aufgerufen, sich gegen die Besteuerung durch die weißen Kolonialherren aufzulehnen, und diese zu verweigern, und gaben so der Bewegung ihre politische Tragweite. Unter den ersten Bevölkerungsgruppen, welche sich erhoben hatten, waren die Matumbi. Mzee (Kiswahili: alter, ehrwürdiger Mann) Ndundule Mangaya war einer von ihnen. "Sie umzingelten die deutsche Boma (Festung) in mehreren Reihen, die

Den Ngoni werden die deutschen Waffen vorgeführt

Maji-Maji-Krieger gaben mehrere Schüsse ab, aber die Deutschen erwiderten das Feuer nicht... Als dann um fünf Uhr morgens die Matumbi versuchten, den Palisadenzaun zu durchbrechen, befahl der Europäer seinem Soldaten zu feuern. Oh, so viele Menschen starben an diesem Tag! Sie hatten ja nicht gewusst, was ein Maschinengewehr ist! " Eine der bedeutendsten Einzelaktionen des Aufstandes war der Versuch der Mbunga und Pogoro, am 30. August 1905 den deutschen Verwaltungsposten in Mahenge einzunehmen. Ein weißer Missionar beschreibt den Hergang der Ereignisse an diesem Tag, der mit Hinrichtungen in Mahenge begonnen hatte: "Kaum hatte man die fünf Verurteilen an die Bäume gehängt, da stürmte ein Bote mit der Nachricht herein, dass der Feind sich nähert. Jeder nahm den Posten ein, der ihm zugeteilt worden war, und beobachtete aufmerksam die Richtung nach Isongo, von wo er kommen sollte.... Es müssen über tausend Mann gewesen sein... Zwei Maschinengewehre, Europäer und Sol-

Ngoni-Eliten kurz vor dem Aufstand Ngoni-Eliten in Gefangenschaft

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5. Widerstand und die Antwort des großen Gewehrs

Gruppen der ostafrikanischen Bevölkerung in einem gemeinsamen Ziel: Der Beendigung der Fremdherrschaft. Zwar wurden keine neuen politischen Institutionen zu diesem Zweck auf Seiten der Einheimischen geschaffen, doch man überwand seine vielfältigen

daten ließen Tod und Verderben in die Ränge des sich nähernden Feindes regnen... Dann rief jemand plötzlich; «Neue Feinde von der Gambira Seite!» Wir Alte sahen in die Richtung: Dicke Rauchwolken stiegen von unseren drei Schulen empor und eine weitere Formation von mindestens 1200 Mann näherte sich uns. Sofort eröffneten wir das Feuer... Sobald sie in die Nähe kamen, wurden sie vom tödlichen Gewehrfeuer getroffen. Die ersten Angreifer waren nur drei Schritte von der Feuerlinie entfernt, als sie zu Boden sanken, getroffen von tödlichen Geschossen. Die nachfolgenden verloren den Mut, kehrten um und zerstreuten sich. Glücklicherweise war damit der Angriff abgewehrt. Als keine Feinde mehr zu sehen waren, kletterte der Befehlshaber der Station vom Turm der Boma herunter, von wo aus er den Verteidigungskampf kommandiert hatte, und teilte Sekt aus." Der Glaube an die Wirkung des Wassers vereinigte verschiedene politische Uniformen der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika

weitaus stärkere Schutztruppe unterhalten werden, als bisher. 1913 waren neben 260 deutschen Offizieren 2500 afrikanische „Askaris“ beschäftigt, hinzu kam eine 2.100 Mann starke Polizeitruppe mit 65 deutschen Offizieren. Die Zwangsarbeit wurde nach dem Aufstand immerhin abgeschafft.

b) Der Herero-Aufstand 1904: Völkermord in der Wüste

Die von Aufständischen zerstörte und ausgeraubte Farm Etiro - der Beginn des Herero Aufstandes (1904)

Askari - Schwarze Soldaten bei der deutschen Schutztruppe

Gegensätze und kämpfte solidarisch Seite an Seite. Diese zeitweilige Überwindung der Gegensätze zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels war für die deutsche Schutztruppe eine Besorgnis erregende Neuerung. Nachdem der Maji-MajiAufstand von den deutschen Truppen niedergeschlagen wurde – das Wasser konnte gegen die Realität der Maschinengewehrkugeln leider nichts ausrichten – kam es nur noch zu vereinzelten, örtlichen Unruhen. Doch musste in der Kolonie fortan eine

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Major Leutwein

Als die Truppen des Gouverneurs Leutwein im Januar 1904 im Süden der deutschen Kolonie Südwestafrika mit der Zerschlagung eines Aufstandes der lokalen Bevölkerung beschäftigt war, erhoben sich im Norden die


5. Widerstand und die Antwort des großen Gewehrs

Herero. Ihr Anführer war Samuel Maherero, von den Deutschen zu unrecht als fauler und dem Alkohol verfallene Herrscher dargestellt.

Samuel Maharero (im Bild links)

Doch von einem Anführer wurden diese Versuche an die Deutschen verraten – die Politik divide et impera, „stifte Streit zwischen den Bevölkerungsgruppen, und nutze diesen Streit um sie zu unterwerfen“ von Leutwein war aufgegangen. Dennoch schlugen die Herero ohne Vorwarnung und mit überraschender Stärke zu. Hunderte Deutsche wurden auf ihren einsam gelegenen Farmen getötet, und mit ihnen Soldaten und andere Siedler. Die Herero zerstörten die von den deutschen geschaffene Infrastruktur, die Bahnlinien zwischen Swakopmund und Windhoek ebenso, wie die Telegrafenverbindungen. Nach diesem Überraschungsangriff konnten die Herero ihr eigenes Land sieben Monate lang besetzt halten und gegen die Deutschen verteidigen. Der Gegenschlag der Deutschen kam zu einem Zeitpunkt, als viele Gruppen der Herero zusammen mit ihrem Vieh rund um den Waterberg versammelt waren. Mittlerweile war der als gemäßigt geltende Gouverneur Leutwein durch den General von Trotha abgelöst worden, und dieser befehligte seinen Truppen,

Samuel Maharero mit seinen Beratern

Seine Gründe übermittelte Maherero dem Gouverneur in aller Klarheit: „Ich habe den Krieg nicht begonnen. Er ist von den Weißen angefangen worden. Denn Sie wissen genau, wie viele Herero von Weißen getötet worden sind, von Händlern erschossen, in Gefängnissen umgebracht. Und jedes Mal, wenn ich diese Fälle in Windhoek vortrug, wurde das Blut des Volkes mit nicht mehr als mit ein paar Rindern abgegolten." Um ein starkes Bündnis gegen die weißen Unterdrücker zu schmieden richtete Maherero auch das Wort an Hendrik Witbooi und auch an Anführer der Nama.

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die Herero-Verbände am Waterberg einzukesseln. Er äußerte von Anfang an völlig unverblümt seine Absicht, die Herero komplett auszulöschen. Im Oktober 1904 richtete er eine Depesche an die Herero, mit folgendem Inhalt: „Jeder Herero muss das Land verlassen. Wenn sie sich weigern, werde ich sie mit dem Knüppel heraustreiben lassen. Jeder Herero, der innerhalb der deutschen Grenzen bleibt, wird erschossen." Er postierte seine Truppen rund um den Berg, und ließ den Herero nur den Ausweg nach Osten offen. So blieb ihnen nur der Weg in die Halbwüste Omaheke, wo von Trotha an jeder Wasserstelle Soldaten postiert waren. Diese Posten hatten die grausame Aufgabe, jeden vom Durst getriebenen Herero, ob Mann, Frau, Greis oder Kind, mit Waffengewalt von den Wasserstellen fernzuhalten. Auf diese Weise wurden Zehntausende Herero dem sicheren Verdursten in der Omaheke überlassen. Nur etwa 1.200 Menschen gelang die Flucht unter der Führung Mahereros in das Gebiet des heutigen Botswana. Die Deutschen


5. Widerstand und die Antwort des großen Gewehrs

hingegen rühmten sich in der Heimat mit den großen Erfolgen der „ruhmreichen Kämpfe am Waterberg“: „Die Herero, abgeschnitten von den ihnen günstigen Rückzugslinien nach Westen, Norden und Nordosten, wurden von den verfolgenden Truppen in die wasserarme Omaheke getrieben und dort vollendete sich ihr hartes aber gerechtes Schicksal... Am 13. August begannen die gesamten Truppen den Vormarsch zur Verfolgung nach Osten ... Hier und dort wurden versprengte Hererobanden angetrof- Deutsch Südwestafrika fen und auseinander gejagt." Und weiter: „Das Drama spielte sich auf der dunklen Bühne des Sandfeldes ab. Aber als die Regenzeit General von Trotha

kam, als sich die Bühne allmählich erhellte und unsere Patrouillen bis zur Grenze des Betschuanalandes vorstießen, da enthüllte sich ihrem Auge das grauenhafte Bild verdursteter Heereszüge. Das Röcheln der Sterbenden und das Wutgeschrei des Wahnsinns ... sie verhallten in der erhabenen Stille der Unendlichkeit! ... Das Strafgericht hatte sein Ende gefunden. Die Hereros hatten aufgehört, ein selbständiger Volksstamm zu sein." Die christlichen Missionare, die ihre größte Aufmerksamkeit den Herero gewidmet hatten, ergriffen während des Völkermordes an ihnen nicht ihre Partei. Zwar war ihnen die missliche Lage der Herero bereits lange vor dem Aufstand bewusst geworden, doch als der Aufstand ausbrach, stellten sie sich hörig auf die Seite ihrer Obrigkeit, anstatt Solidarität mit den Menschen zu zeigen.

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1905 wurde von Trotha aus politischen Gründen abberufen. Die verbleibenden Herero wurde in Konzentrationslagern interniert. Von den 15.000 registrierten Herero in den Lagern waren im März 1907 etwa 45 % elendig gestorben. Von den 80.000 Herero, die vor dem Beginn ihrer Ermordung das Gebiet in Südwestafrika besiedelt hatten, lebten 1911 lediglich 15.000. Nach der Zerschlagung des Widerstandes wurde das Land der verschiedenen einheimischen Bevölkerungen enteignet und deutschen Siedlern billig zum Kauf angeboten. Ihre Zahl stieg beständig. Aus den 3.000 Weißen im Jahre 1901 wurden bis 1913 an die 14.000. Hinzu kamen die 2.000 Mann der Schutztruppe. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, marschierten südafrikanische Truppen in das Gebiet ein. 1915 mussten die deutschen „Schutztruppen“ kapitulieren. Im Vertrag von Versailles wurde die ehemalige deutsche Kolonie Mandatsgebiet der Südafrikanischen Union. Die meisten der deutschen Siedler konnten jedoch dort bleiben.


5. Widerstand und die Antwort des großen Gewehrs

c) Der Erste Weltkrieg und der Verlust der Kolonien Auch die anderen Kolonialgebiete Deutschlands gingen nach dem Weltkrieg trotz erbittertem Widerstand in den Besitz der Siegermächte über. In Togo schlug von Doering bei Beginn des Weltkriegs den Alliierten vergebens die Neutralisierung des Landes vor, »um den Afrikanern nicht das Schauspiel der miteinander kämpfenden Weißen zu bieten«. Doch nach einem nur dreiwöchigen Feldzug muss die kleine deutsche Polizeieinheit (2 Offiziere, 6 Unteroffiziere, etwa 500 afrikanische Polizisten) den britischen und französischen Verbänden nachgeben. Es folgte die Aufteilung des Gebietes zwischen Frankreich und Großbritannien. Das französische Gebiet erlangt 1960 als Republik Togo die staatliche Unabhängigkeit, das britische Gebiet ist seit 1957 Teil des unabhängigen Ghana. In Kamerun zog sich der Kampf wesentlich länger hin. Zwar kapitulier-

ten die deutschen Truppen in Duala bereits im September 1914, doch in Jaunde zogen die Alliierten erst nach erbitterten Kämpfen im Januar 1916 ein. Den größten Teil des Gebietes erhielt Frankreich, England bekam etwa ein Fünftel. Beide Teile sind heute die Vereinigte Republik Kamerun, die 1960 bzw. 1961 in die Unabhängigkeit entlassen wurde. In Ostafrika mussten die Alliierten gegen den Togo – Deutsche Zivilisten als „Kriegsgefangene“ im Marsch durch hartnäckigen General Queensferry (1914) Lettow-Vorbeck kämpfen, der den britischen Truppen bis wird britisches Mandatsgebiet mit zuletzt schwere Schläge zufügte. 1916 dem Namen Tanganjika Territory. 1964 mussten die Deutschen jedoch den bildete Tanganjika zusammen mit der Truppen aus Belgisch-Kongo und den Insel Sansibar den unabhängigen Staat englisch-südafrikanischen Truppen der Vereinigten Republik Tansania. (Alexis Malefakis) nachgeben. Ein großer Teil der Kolonie

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5. Widerstand und die Antwort des großen Gewehrs

Zitate:

In der sogenannten Hunnenrede des Kaisers anlässlich der Verabschiedung des deutschen China-Korps am 27. Juli 1900 in Bremerhaven hieß es u.a.: »Eine große Aufgabe harrt Eurer: Ihr sollt das schwere Unrecht, das geschehen ist, sühnen. Die Chinesen haben das Völkerrecht umgeworfen, sie haben in einer in der Weltgeschichte nicht erhörten Weise der Heiligkeit des Gesandten, den Pflichten des Gastrechts Hohn gesprochen. [...] Ihr wißt es wohl, Ihr sollt fechten gegen einen verschlagenen, tapferen, gut bewaffneten, grausamen Feind. Kommt Ihr an ihn, so wißt: Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht. Führt eure Waffen so, daß auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr es wagt, einen Deutschen scheel anzusehen.«

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Aufruf an das Volk der Herero Abschrift zu O.K. 17290 Osombo-Windembe, den 02.10.1904 Kommando der Schutztruppe. J.Nr. 3737 Ich der große General der deutschen Soldaten sende diesen Brief an das Volk der Herero. Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten, und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kämpfen. Ich sage dem Volk: Jeder der einen der Kapitäne an eine meiner Stationen als Gefangenen abliefert, erhält 1000 Mark, wer Samuel Maharero bringt, erhält 5000 Mark. Das Volk der Herero muß jedoch das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot Rohr dazu zwingen. Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit und ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen. Dies sind meine Worte an das Volk der Hereros. Der große General des mächtigen deutschen Kaisers. der Kommandeur gez. v. Trotha, Generalleutnant.


6. Wohin mit der Erinnerung

a) Wohin mit der Vergangenheit b) Postkoloniale Initiativen in Deutschland c) Stadtrundgänge: Verdecktes sichtbar machen d) Straßennamen: Umbenennen oder Konservieren? e) Denkmäler: Stürzen oder Widmen?

a) Wohin mit der Vergangenheit? In Buea am Fuße des Kamerunbergs trifft man auf Schritt und Tritt auf Spuren der deutschen Kolonialherrschaft. Kamerun war von 1884 bis zum Ersten Weltkrieg eine deutsche Kolonie und Buea seit 1894 Sitz des deutschen Gouverneurs. Der ehemalige Gouverneurspalast blickt bis heute stolz über den kolonialen Ortskern, wo kamerunische Behörden in ehemaligen deutschen Amtsgebäuden residieren. Sogar einen Bismarck-Brunnen gibt es und einen deutschen Friedhof. Unter dem Vordach des ehemaligen deutschen Postamtes kochen Frauen das Mittagessen für die benachbarte Polizeikaserne.

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Die eigentliche Hinterlassenschaft der Deutschen sind jedoch die Plantagen. Unterhalb von Buea breitet sich eine endlos erscheinende, grüne Weite an den Berghängen entlang der Küstenlinie aus. Ölpalmen, Bananen, Kautschuk und Kakao – am Fuße des Kamerunbergs erstreckt sich das größte Plantagengebiet Westafrikas. Ein kamerunisches Staatsunternehmen betreibt heute im Joint Venture mit amerikanischen Fruchtmultis die Plantagen. Angelegt wurden sie aber bereits in der deutschen Kolonialzeit. Um große Pflanzungsgebiete zu erschließen, ließ die deutsche Kolonialverwaltung zahlreiche Dörfer der einheimischen Bakweri aus ihrem fruchtbaren


6. Wohin mit der Erinnerung

Siedlungsgebiet am Kamerunberg vertreiben und in karge Gebirgsregionen umsiedeln. In den kleinen Dorfreservaten, die den Bakweri blieben, reichte schon bald das Land nicht mehr zum Ackerbau. Landvertreibung, Zwangsarbeit und fortwährende Demütigungen durch die Kolonialmacht beschleunigten die Auflösung sozialer Strukturen und förderten den Prozess der Marginalisierung. Die Situation verschärfte sich durch den Zuzug zahlreicher Arbeitsimmigranten aus anderen Landesteilen. Als nach dem Ersten Weltkrieg die Briten die Verwaltung dieses Teils von Kamerun übernahmen, erhielten die Bakweri nur einen kleinen Teil des von den Deutschen geraubten Landes zurück. Zwar kämpft heute ein Bakweri Land Claims Comitee um Wiedergutmachung, aber das Trauma der Vertreibung sitzt tief. Nicht nur in Kamerun, auch in anderen deutschen „Schutzgebieten“ ging koloniale Gewaltherrschaft weit über den Raub materieller Güter hinaus. Sie führte zur Zerstörung gesellschaftlicher Strukturen und – das wiegt vielleicht am Schwersten – zum Verlust menschlicher Würde. Wenn Ben Ulenga, Vorsitzender der namibischen Oppositionspartei „Congress of Democrats“, von den Herero und Nama spricht, bezeichnet er sie als „gebrochene Völker“. Von 1904 bis 1907 führte das Deutsche Reich einen brutalen Kolonialkrieg im damaligen Deutsch-Südwestafrika, der phasenweise den Charakter eines geplanten Völkermordes zeigte. Auf den Sieg der deutschen Schutztruppe folgte die Enteignung der Herero und Nama von Vieh und Land, das Verbot gemeinsamer Ansiedlungen von mehr als zehn Familien, Arbeitszwang und Einführung einer Passpflicht mit sichtbarem Tragen einer Passmarke und eines Dienstbuches.

Ben Ulenga, Congress of Democrats

Bundesministerin Wieczorek-Zeul, BMZ

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Nach dem Ersten Weltkrieg verleibte sich der Apartheidstaat Südafrika das Territorium Namibias als Mandatsgebiet des Völkerbundes ein. Erst als Namibia 75 Jahre später unabhängig wurde, konnten die Nachfahren der Überlebenden mit Forderungen nach Wiedergutmachung an die Öffentlichkeit treten. Jahrelang ignorierten deutsche Spitzenpolitiker die Initiativen von Paramount Chief Kuiama Riruako, Oberhaupt der Herero. Die Herero reichten schließlich vor amerikanischen Gerichten Klage gegen die deutsche Regierung sowie gegen mehrere Unternehmen ein, denen sie Beteiligung am Völkermord vorwarfen. Bisher scheiterten diese Klagen daran, dass sich die USGerichte aus formalen Gründen für nicht zuständig erklärten. Unter Juristen ist zudem umstritten, ob sich die UNKonvention gegen Völkermord von 1948 auf den Genozid an den Herero anwenden lässt, da dieser sich lange vor Inkrafttreten der Konvention ereignete. Trotz des juristischen Scheiterns konnten die Herero mit ihren Reparationsforderungen im Gedenkjahr 2004, einhundert Jahre nach Beginn des Kolonialkrieges, enormen öffentlichen Druck entwickeln. Ein sichtbarer Erfolg war die Rede von Bundesministerin Wieczorek-Zeul auf einer Gedenkfeier in Namibia im August 2004. Erstmalig räumte dort eine Vertreterin der Bundesregierung öffentlich den Völkermord an den Herero ein und sprach eine Entschuldigung für die Verbrechen unter deutscher Kolonialherrschaft aus. Das von Wieczorek-Zeul geleitete BMZ hat inzwischen eine „Versöhnungsinitiative“ zur Schaffung eines Strukturfonds für die am meisten von der deutschen Kolonialherrschaft betroffene Bevölkerungsgruppe angeregt. Die dafür vorgesehenen 20 Mio. Euro bleiben weit hinter den Forderungen der Herero zurück. Von „Repara-


6. Wohin mit der Erinnerung

tionen“ will die Bundesregierung ohnehin nicht sprechen. Möglicherweise fürchtet sie einen Präzedenzfall zu schaffen, der andere europäische Regierungen angesichts ihrer blutigen Kolonialgeschichte in Verlegenheit bringen könnte. b) Postkoloniale Initiativen in Deutschland Der Deutsche Bundestag hat bis heute nicht Stellung zur Frage des Völkermords an den Herero und zur Wiedergutmachung bezogen. Aber außerhalb von Regierung und Parlament hat das Gedenkjahr 2004 eine öffentliche Debatte über Deutschlands Umgang mit seiner kolonialen Vergangenheit in einer bis dahin nicht gekannten Dynamik ausgelöst. Vor allem auf lokaler Ebene hat sich eine ganze Reihe von Initiativen gegründet, die sich dem kritischen Umgang mit der deutschen Kolonialgeschichte widmen. So vielfältig diese Initiativen sind, sie folgen einem gemeinsamen Grundgedanken: Die Erinnerung an die Tatsache, dass Deutschland als Kolonialmacht unmittelbar Anteil an der imperialen Aufteilung der Welt hatte, ist nach dem Zweiten Weltkrieg systematisch verdrängt worden. Eine Auseinandersetzung mit dieser Zeit ist aber geboten, denn sie wirkt bis heute fort. Der lokale Raum bietet zahlreiche Möglichkeiten, verschüttete und verdrängte Geschichte sichtbar zu machen und Bezüge zur Gegenwart herzustellen. Einige der lokalen Initiativen haben dem Namen ihrer Stadt das Attribut „postkolonial“ hinzugefügt. Damit wollen sie zum Ausdruck bringen, dass wir in einer postkolonialen Gesellschaft leben, in der der Kolonialismus zwar vergangen, aber gesellschaftlich weiterhin wirksam ist. So heißt es im Gründungsdokument der Initiative „hamburg postkolonial“:

„In Hamburg, das als 'Tor zur Welt' eine zentrale Rolle für die deutsche Kolonialherrschaft in Afrika spielte, ist lange der Mantel des Schweigens über dieses unrühmliche Kapitel deutscher Geschichte gedeckt worden. Die Spuren des Kolonialismus sind bis heute präsent: als steinerne Zeugen in Gestalt von Kontorhäusern und Denkmälern, aber auch in Denkmustern und Stereotypen, die unsere Vorstellung von Afrika und unser Verhalten gegenüber Menschen anderer Hautfarbe prägen.“ c) Stadtrundgänge: Verdecktes sichtbar machen Viele der lokalen Initiativen arbeiten nach dem Prinzip, durch das Sichtbarmachen kolonialer und postkolonialer Spuren im öffentlichen Raum eine Debatte anzuregen. Im Rahmen von „hamburg postkolonial“ laden das Eine Welt Netzwerk und die Hafengruppe Hamburg regelmäßig zu

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postkolonialen Stadtspaziergängen und Hafenrundfahrten ein6. Ziel dieser Exkursionen ist es, Hamburger und Touristen zu animieren, die Stadt mit anderen Augen zu sehen. Sie führen beispielsweise zum „Afrikahaus“ der Hamburger Handelsfirma Woermann, die maßgeblich an der deutschen Kolonisierung Afrikas beteiligt war, aber auch zu Orten, die heute nicht mehr existieren, wie das von 1930 bis 1933 existierende Hafenbüro des „Internationalen Gewerkschaftskomitees der Negerarbeiter“. Der Stadtrundgang bietet eine Möglichkeit, die Geschichte(n) hinter den Gebäudefassaden sichtbar zu machen und Bezüge zur Gegenwart herzustellen, etwa wenn in Schaufenstern mit dem Slogan „Jede Woche eine neue Welt“ geworben wird. Für Schüler und Jugendgruppen lassen sich daraus leicht Stadtrallyes entwickeln. Postkoloniale Rundgänge werden inzwischen auch in Berlin und in Augsburg angeboten. d) Straßennamen: Umbenennen oder Konservieren? Nicht jede Gemeinde bietet so viele kolonialhistorische Bezüge im Stadtbild wie Hamburg oder Berlin, aber fast überall gibt es Straßen, die nach den ehemaligen Kolonien oder Kolonisatoren benannt sind. Viele dieser Benennungen erfolgten in der NSZeit, um die Erinnerung an die verlorenen Kolonien wach zu halten und den Anspruch an deutschem Kolonialbesitz zu bekräftigen. Etwa in einem Dutzend deutscher Gemeinden gibt es noch heute Straßen, die nach Carl Peters benannt sind, dem als „HängePeters“ berüchtigen Kolonisatoren Deutsch-Ostafrikas. In Kiel streiten die politischen Parteien um die Umbenennung der dortigen „Carl-PetersStraße“, im Berliner Wedding entledig-


6. Wohin mit der Erinnerung

te man sich des Problems mit einem billigen Trick: Dort heißt die Petersallee jetzt offiziell nicht mehr nach "Hänge-Peters", sondern nach Hans Maria Carl Alfons Peters, einem CDUPolitiker, der während des Faschismus im Widerstand aktiv war.

Die Carl-Peters-Straße in München wurde auf Privatinitiative bereits 2000 umbenannt, doch Siegfried Benker, Fraktionschef der Grünen im Stadtparlament, zählt noch weitere 28 Straßennamen, die an die deutschen Kolonien erinnern. Im Oktober 2006 beschloss der Münchner Stadtrat die Umbenennung der Von-Trotha-Strasse, die 1933 nach dem Hauptverantwortlichen des Völkermords an den Herero benannt worden war. Sie soll in Zukunft Herero-Straße heißen, doch die Umbennung trifft auf Widerstand bei Anwohnern, der CSU und rechtsextremistischen Gruppen. Ein Argument der Gegner einer Umbenennung in Herero-Straße lautet, die Hereros hätten vor 200 Jahren selber einen Völkermord an den San („Buschmännern“) begangen. Der Versuch, die Herero zum Täter-Volk zu stempeln, trägt perverse Züge, er unterstreicht gleichzeitig aber auch, wie notwendig es ist, die Debatte um die koloniale Vergangenheit zu führen. e) Denkmäler: Stürzen oder Umwidmen? 1967 stürzten Studenten das Denkmal des deutschen Kolonialoffiziers Hermann von Wissmann vor der Universi-

tät Hamburg. Eine antikoloniale Tat, die langfristig allerdings unbeabsichtigte Folgen hatte. Das Verschwinden des Denkmals im Keller eines Universitätsgebäudes beschleunigte den Prozess der Verdrängung: Nichts Sichtbares erinnerte mehr daran, dass die Hamburger Universität einmal aus einem „Kolonialinstitut“ hervorgegangen war. 2004 holte die Hamburger Künstlerin Jokinen das Denkmal nach langen Verhandlungen mit den Behörden wieder an die Öffentlichkeit. Ein Jahr lang stellte sie das WissmannDenkmal, das noch Spuren antiimperialistischer Farbbeutelattacken aufwies, an den Hamburger Landungsbrücken aus. Auf dem Sockel wies eine Aufschrift auf die Internetadresse www.afrika-hamburg.de hin. Dort

konnten sich die Besucher über die historischen Hintergründe informieren und an einem virtuellen Diskussionsund Abstimmungsforum über die weitere Nutzung des Denkmals beteiligen. Der partizipative Ansatz dieses Projekts war vorbildlich und problematisch zugleich, denn zeitweise überwogen im Diskussionsforum die Beiträge mit kolonialrevisionistischer bis rechtsextremer Tendenz.

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Kolonialismuskritische Denkmalsinitiativen gibt es inzwischen vielerorts, ins-

besondere dort, wo im Sinne militärischer „Traditionspflege“ Denkmäler für die kolonialen „Schutztruppen“ errichtet wurden. Denkmalsstürze gelten heute kaum noch als zeitgemäß, eher wird versucht, die Monumente mit der Kehrseite ihres idealisierten Geschichtsbildes zu konfrontieren, sie gewissermaßen zu Gegendenkmälern ihrer selbst zu machen. In Braunschweig und in Göttingen initiierten lokale Aktionsbündnisse Umwidmungsaktionen, die aufgestellten Informationstafeln wurden jedoch nach kurzer Zeit entwendet oder zerstört. Ähnlich erging es einer Hamburger Initiative, die ein nach dem Schutztruppen-General Paul von Lettow-Vorbeck benanntes Kasernen-


6. Wohin mit der Erinnerung

gelände in „Bayume Mohammed Hussein Park“ umbenennen wollte. Hussein hatte im Ersten Weltkrieg als Kindersoldat in Lettow-Vorbecks Truppe gedient. Nach dem Krieg lebte er in Deutschland und erlangte unter dem Namen Mohamed Husen als Filmdarsteller, vornehmlich in der Rolle des „treuen Askari“, einige Popularität. 1944 wurde er als Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns im KZ Sachsenhausen umgebracht. Die Informationstafel, die Husseins Biographie darstellte, überlebte nicht einmal einen Tag. Die kontroversen Reaktionen auf Straßenumbenennungen und auf Denkmalsumwidmungen zeigen, dass der Umgang mit der kolonialen Vergangenheit noch längst kein abge-

schlossenes Kapitel ist. Das alte Bild vom durch Stammesfehden zerrütteten Afrika, das der ordnenden Hand des guten Deutschen bedarf, ist heute

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noch populär. Solche Bilder sterben nicht mit einer Generation alter Kolonialnostalgiker aus, sondern sie werden immer wieder aufs Neue produziert und reproduziert, etwa im Internet, wo Websites, die den deutschen Kolonialismus verharmlosen oder beschönigen, wesentlich präsenter sind als solche, die ihn kritisch hinterfragen. Die derzeit so beliebten Afrika-Melodramen im deutschen Fernsehen tun das ihre dazu. Afrikaner werden hier reduziert auf die Rolle des Dieners, des treuen Askari oder – in den etwas „kritischeren“ Produktionen – des Kolonialismus-Opfers. Höchst selten treten Afrikaner im deutschen Fernsehspiel als selbstbestimmte, handelnde Subjekte auf. Diese Bilder wirken nicht nur auf unsere Vorstellung von der Vergan-


6. Wohin mit der Erinnerung

genheit, sondern auch von der Gegenwart. Nirgendwo hat sich das „koloniale Erbe“ so hartnäckig erhalten wie in den Bilderwelten in unseren Köpfen. In Stereotypen und Vorurteilen gegenüber Menschen anderer Hautfarbe, seien sie bösartig-rassisisch oder wohlmeinend-paternalistisch, wirkt der Kolo-

nialismus bis heute fort. Postkoloniale Erinnerungsarbeit und Pädagogik kann sich deshalb nicht mit dem Blick auf die Vergangenheit begnügen. Es gehört zu ihren Aufgaben, koloniale Prägungen in unseren Vorstellungen aufzuspüren und zu dekonstruieren. In diesem Sinne verstehe ich postkoloniale Erinnerungs-

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arbeit in erster Linie als Beitrag zum Antirassismus. Anders herum: Wer etwas an heutigen Verhältnissen ändern will, ist gut beraten, ihre Vorgeschichte zu kennen. Sich gemeinsam zu erinnern, kann helfen, zukünftige Beziehungen gerechter zu gestalten. (Heiko Möhle)


6. Wohin mit der Erinnerung

Zitate:

„Weil keiner seinesgleichen ausplündern, unterjochen oder töten kann, ohne ein Verbrechen zu begehen, erheben sie es zum Prinzip, dass der Kolonisierte kein Mensch ist.... Die koloniale Gewalt hat nicht nur den Zweck, diesen unterdrückten Menschen Respekt einzujagen, sie versucht sie zu entmenschlichen.“ (Jean-Paul Sartre)

„Und wenn ich einige Details dieser scheußlichen Schlächtereien in Erinnerung bringe, so geschieht das keineswegs aus trüber Genugtuung... Sie beweisen, daß die Kolonisation, ich wiederhole es, selbst den zivilisiertesten Menschen entmenscht; daß die koloniale Aktion, das koloniale Unternehmen, die koloniale Eroberung, gegründet auf die Verachtung des Eingeborenen und gerechtfertigt durch diese Verachtung, unweigerlich darauf hinausläuft, den, der sie betreibt, zu verändern; daß der Kolonisator, der sich, um sich ein gutes Gewissen zu verschaffen, daran gewöhnt, im anderen das Tier zu sehen, der sich darin übt, ihn als Tier zu behandeln, objektiv dahin gebracht wird, sich selbst in ein Tier zu verwandeln. ... Ja was denn? die Indianer massakriert, die islamische Welt um sich selbst gebracht, die chinesische Welt gut ein Jahrhundert lang geschändet und entstellt, die Welt der Neger disqualifiziert, unzählige Stimmen auf immer ausgelöscht, Heimstätten in alle Winde zerstreut; all diese Schluderei, all diese Vergeudung, diese Reduktion der Menschheit auf den Monolog, und Sie glauben, für all das müsse nicht bezahlt werden? ...Eine Zivilisation, die vor ihren entscheidenden Problemen die Augen verschließt, ist eine kranke Zivilisation. Eine Zivilisation, die ihre eigenen Prinzipien mit Finten unterläuft, ist eine sterbende Zivilisation. ...Europa ist nicht zu verteidigen. Dies scheint eine Feststellung, über die sich amerikanische Strategen hinter vorgehaltener Hand einig sind. An sich ist das nicht so ernst. Ernst ist dagegen, daß „Europa" moralisch wie geistig nicht zu verteidigen ist.“ (Aime Cesaire)

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The African's Prayer O european, thou art in Africa Disgrace is thy name; Thy kingdom go. Our will be done in Africa As yours ist done in Europe. We take this day our full freedom And we shall not be lead into slavery But will deliver ourselves from exploitation. For Africa is our kingdom, our power, our glorious land. Forever and ever... Amen. (Zitiert in „Grass Roots", community paper der Black Liberation Front, London, November 1973, 8.)

The international monetary fraud This time none of that black cargo business None of that harrowing noise of mournful slaves which haunts sons and daughters of generations to come. None of that grim stuff. Generous too that Atlantic operation. For the smart Alec William wilberforces. Smitten with the Samaritan syndrome and that itch for eternal martyrdom. This time comes a battalion of smiling rat men gowned in three-piece-suits and clutching black briefcases bulging with pamphlets about human rights from the United States and the latest agenda hatched in the metropolis. They fly in as professional well-wishers, special emissaries who attend state banquets and preach sermons about the virtues of austerity budgets. ‘Bitter medicine’, they call it, with pious regrets of course ‘Prosperity around the corner’, they whisper seductively to bewildered Third World officials.


6. Wohin mit der Erinnerung

"Schwarzer Mann, Lasttier jahrhundertelang."

‘Logical laws of world economics’, they remind them and cite from the paragraphs of the Keynesianfried-man bible. ‘Realistic and pragmatical for a lean economy’, they intone, as they burp expensive wine and munch fruits bedecked for the protruding tummies. Then, to remind everybody of the wisdom of their experience, they scrupulously pat their balding heads and dutifully woo their newly-found friends, according to the passion stipulated in protocol 747 titled, ‘International Behaviour and Business Ethics: Ref. File no. 52 / Satellites, Spies, Missionaries and Minerals’. Hours later, when all the workers and peasants are fast asleep, a piercing hymn in praise of the virtues of democracy and private enterprise is heard, accompanied by bitter-sweet notes from a black and white piano.

...Dann kam der weiße Mann: Klüger, verschlagener, grausamer, er tauscht für wertlosen Plunder dein Gold, schändete deine Frauen, machte deine Krieger betrunken, pferchte in Schiffe deine Söhne und Töchter. Die Tam-Tams dröhnten durch alle Dörfer, weit ausbreitend die Trauer, den wilden Schmerz, die Nachricht vom Leid des Exils, in einem, weit, weit entfernten Land, wo die Baumwolle Gott ist, der Dollar König, verdammt zur Sklavenarbeit, Lasttier, von früh bis spät unter brennender Sonne, damit du vergißt, daß du ein Mensch bist... (Patrice Lumumba, 1959)

Heia Safari Wie oft sind wir geschritten auf steilem Negerpfad wohl durch der Steppe mitten, wenn früh der Morgen naht. Wie lauschten wir dem Klange, dem altvertrauten Sänge, der Träger und Askari. Heia, heia Safari.

On the morrow the gowned messiahs of international aid spout sophisticated mathematics according to instructions, refer to the latest gadgetry, the computer witchery which spawns figures and befogs the vision of friend and foe alike.

Steil über Berg und Klüfte, durch tiefe Urwaldnacht, wo schwül und feucht die Lüfte und nie die Sonne lacht, durch Steppengräserwogen sind wir hindurchgezogen mit Trägern und Askari. Heia, heia Safari,

Yes, they come as pilgrims of goodwill flaunting the legendary haloes. They are the latter day missionaries who preach the wizardry of that ancient vampire, the deceit and treachery of the unfinished business of Christian slave traders. By the time they fly out of the country, an additional generation has been cheated of its dreams. And, once more, another part of the world is rendered safe for Democratic Starvation. (R. Zwuwarara, Zimbabwe)

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Und säßen wir am Feuer, des nachts wohl vor dem Zelt, lag, wie in stiller Feier, um uns die nacht’ge Welt, und über dunkle Hänge tönt es wie ferne Klänge der Träger und Askari. Heia, heia Safari. Tret' ich die letzte Reise, die große Fahrt einst an, auf, singt mir diese Weise statt Trauerlieder dann, daß meinem Jägerohre, dort vor dem Himmelstore es klingt wie ein Halali. Heia, heia Safari.


6. Wohin mit der Erinnerung

Das Schutztruppen-Ehrenmal in der Lettow-VorbeckKaserne zu Hamburg-Wandsbek - ein rechteckiger, mauerartiger Block mit 4 Tafeln und einer vom Reichsadler gekrönten viereckigen Säule. Auf den vier mit dem Eisernen Kreuz und- der Graphik einer typischen Landschaft der jeweiligen Kolonie geschmückten Tafeln steht unter den Einleitungsworten "Es starben für ihr Vaterland 1914 -1918" in Kamerun 36 Offiziere und Beamte 144 Unteroffiziere und Mannschaften 1200 Askari in Togo 1 Offizier 15 Unteroffiziere und Mannschaften 15 Askari

„Mögen die Kolonialherren noch soviel Vorteil aus ihren überseeischen Gebieten gezogen haben, es bleibt doch dabei, dass die Kolonialvölker ohne sie heute noch auf den Palmen herumkletterten und von Kokosnüssen und Bananen lebten. Dass der Lehrmeister um seinen Gewinn geprellt wird, mag hingehen, denn er hat ihn vorher reichlich genossen... Dass er wie ein Schuft oder Verbrecher zum Teufel gejagt wird . . . betrifft uns alle, auch die nichtkolonialen Deutschen.“ (Schrieb die Tageszeitung „Der Mittag“, Düsseldorf am 20.12.1961)

„Niemand hat mehr für Afrika geleistet und mehr Verständnis aufgebracht als die Europäer. Allein durch ihre Hilfe ist Afrika zu dem geworden, was es heute ist.“ (aus dem Erdkundebuch „Seydlitz“)

in Deutsch-Ostafrika 103 Offiziere und Beamte 629 Unteroffiziere und Mannschaften 3000 Askari 4750 Hilfskrieger und Träger in Deutsch-Südwestafrika 19 Offiziere und Beamte 208 Unteroffiziere und Mannschaften Die Mittelsäule des Ehrenmals ist inzwischen mit einer Tafel geschmückt worden, auf der über dem Wappen des Deutschen Afrika-Korps geschrieben steht:

„Die weißen Herren brachten den Eingeborenen manches Gute, z.B. die Befreiung vom Sklavenhandel, vom Aberglauben raffinierter Medizinmänner . . . Sie errichteten Straßen, Siedlungen, Schulen, Missionsstationen, Pflanzungen, Bergwerke und Handelsniederlassungen in großer Zahl...“ (aus dem Schulbuch „Frohes Erdkundeschaffen“, Band: „Unserer außereuropäischen Erdteile“, Dümmler)

"Den in Nord-Afrika gefallenen Kameraden des Deutschen Afrika-Korps"

„Tradition heißt nicht Asche bewahren, sondern ein Feuer am Brennen halten“ (Jean Jaures)

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„Jedesmal, wenn ein Mensch über Vergangenes berichtet, und sei er auch ein Geschichtsschreiber, haben wir in Betracht zu ziehen, was er unabsichtlich aus der Gegenwart oder aus dazwischenliegenden Zeiten in die Vergangenheit zurückversetzt, sodass er das Bild derselben fälscht.“ (Sigmund Freud)


6. Wohin mit der Erinnerung

„Geschichte ist Lüge, auf die man sich geeinigt hat.“ (Napoleon Bonaparte)

Am 11. August 2004 startete die Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul zu einer Reise nach Namibia, um dort am Gedenken an die Niederschlagung des Herero-Aufstands vor 100 Jahren teilzunehmen. Die Ministerin hat sich im Namen der Bundesregierung für die Untaten des damaligen deutschen Militärs entschuldigt „Vor hundert Jahren wurden die Unterdrücker - verblendet von kolonialem Wahn - in deutschem Namen zu Sendboten von Gewalt, Diskriminierung, Rassismus und Vernichtung. Die damaligen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde - für den ein General von Trotha heutzutage vor Gericht gebracht und verurteilt würde. Wir Deutschen bekennen uns zu unserer historisch-politischen, moralisch-ethischen Verantwortung und zu der Schuld, die Deutsche damals auf sich geladen haben. Ich bitte Sie im Sinne des gemeinsamen "Vater unser" um Vergebung unserer Schuld. Ohne bewusste Erinnerung, ohne tiefe Trauer kann es keine Versöhnung geben. Versöhnung braucht Erinnerung.“

Paramount Chief Kuaima Riruako reicht eine 2 Mrd. USDollar-Klage wegen Versklavung und Genozid durch die Deutschen beim US-Bundesgericht ein. Damit ziele man, so der Autor, auf bestimmte deutsche Firmen ab, wie Deutsche Bank, Terex Corporation und andere. Sie hätten mit den imperialen Deutschen konspiriert, "um zwischen 1904 und 1907 etwa 65 000 Hereros auszulöschen". „Versöhnung kann es erst nach einer Diskussion über die Vergangenheit geben. Vergangenheit inklusive der Vernichtung in jener Zeit. Dazu gehört die Akzeptanz, dass es unmenschlich war. Wir müssen einen neuen gemeinsamen Stand erreichen, wo wir einander finden. Wo es Vergebung gibt, aber kein Vergessen. Die damaligen Verluste bestanden aus Menschen, Zerstörung der Existenzgrundlagen, Verlust der Kultur und des angestammten Landes. Darauf müssen wir eingehen. Wir haben zwei Nationen - Herero und Deutsche, sie leben Seite an Seite und tragen das im Bewusstsein mit sich und haben ihre Probleme (hang-ups) mit der Ver-

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gangenheit. Lasst uns offen darüber reden, wie wir alles einordnen, kulturell, wirtschaftlich und physisch. So möchte ich vorgehen. Mit der deutschen Regierung suche ich den direkten Dialog.“ (Hererochief Kuaima Riruako, Allgemeine Zeitung Windhoek, Namibia 16.08.2004)

Postkoloniale Zustände „Wer unsere Zeit als eine postkoloniale bezeichnet, spricht von Vergangenheit und Gegenwart. Die Voraussetzungen der gegenwärtigen Globalisierung, die Vorgeschichte unserer wirtschaftlichen und kulturellen Weltgesellschaft, die nach wie vor eine geteilte ist, kommen darin zum Ausdruck. Die Kennzeichnung „postkolonial“ verweist auf die Nachwirkungen kolonialer Beziehungen, ohne zu behaupten, wir lebten nach wie vor in einem kolonialen Zeitalter. Das Präfix „post“ zeigt nicht an, dass etwas überwunden und hinter sich gelassen worden sei, sondern dass die koloniale Erfahrung sich in der Gegenwart spiegelt.“ Die Erziehungswissenschaftlerin Astrid Messerschmidt Quelle: http://www.gep.de/interfilm/deutsch/interfilm3849_15836.htm

Die Landfrage am Kamerunberg „115 Jahre nachdem die tapferen Menschen von Buea unter der Führung ihres furchtlosen Führers Kuva Likenye gegen die deutsche Armee aufstanden, übernimmt eine neue Generation von Bakweri die Verantwortung, erneut für den Schutz des Landes ihrer Ahnen zu kämpfen. Unter Führung des Bakweri Land Claims Committee (BLCC) bringen sie die Forderung nach Entschädigung und Wiedergutmachung für ihr Land vor das kamerunische Volk und vor die internationale Gemeinschaft. Sie bestehen darauf, dass nun, da die kamerunische Regierung beabsichtigt, die Cameroon Development Corporation (die praktisch das gesamte von den Deutschen enteignete Land kontrolliert) zu verkaufen, die hundert Jahre alten Ansprüche der Bakweri berücksichtigt werden.“ Dibussi Tande, BLCC Communications Department Quelle: http://www.blccarchives.org


6. Wohin mit der Erinnerung

Gedenken und Entschädigung in Namibia „Wir sind zu dem Schluß gekommen, daß die Entschädigungsfrage nicht mit dem Gedenken vermischt werden sollte. Durch die eindeutige Positionierung internationaler Organisationen zu unseren Gunsten und ihre eindeutige Verurteilung des Massenmordes haben wir moralisch schon gewonnen ... Aber auch bei uns steht eine Landrefom noch aus und muss dringend in Angriff genommen werden. Bei der Neuzuteilung von Farmland, die früher oder später kommen muss, werden wir darauf achten, daß diejenigen besonders berücksichtigt werden, deren Familien in unserem Krieg gegen die Deutschen besonders gelitten haben. Die Internierung Tausender und der Mord an Tausenden Herero darf aber nicht weiter verschwiegen werden.“ Kuaima Riruako, Paramount Chief der Herero in Namibia im Interview der „jungen welt“ vom 14.01.2004

Eine Sichtweise militärischer Traditionsverbände „Weltweite Beziehungen verbanden das Kaiserrreich und dessen aufstrebende Wirtschaft mit allen Ländern und Völkern der Erde. Das Meer war bester Mittler und Weg für diese friedliche Entwicklung“. Marine-Ehrenmal Laboe (Schleswig-Holstein)

Straßen-Umbenennungen „Die Umbenennung gereicht München zur Ehre, denn es kann nicht angehen, dass hier immer noch Kolonialverbrecher durch Straßenbenennungen geehrt werden. Mit der Umbenennung in Hererostraße erkennt die Stadt München an, dass sich der Blick auf die deutsche Kolonialgeschichte entscheidend verändert hat.“ Siegfried Benker, Quelle: www.sigi-benker.de

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Quellen

Launer, Ekkehard (Hrsg.): Deutscher Kolonialismus. Ein Lesebuch zur Kolonialgeschichte, hrsg. v., Hamburg 1991, 238 Seiten

Gründer, Horst: „… da und dort ein junges Deutschland gründen“. Rassismus, Kolonien und kolonialer Gedanke vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. DTV 30713, München 1999.

Mehle, Jacob E. (Hrsg.): Das kleine Afrika-Lexikon. Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Bonn 2003, 226 Seiten

Quellen zur kolonialen Erschliessung Südwestafrikas sowie zum Völkermord an den Herero und Nama. http://www.hist.net/ag-genozid/quellen.htm

Möhle, Heiko (Hrsg.): Branntwein, Bibeln und Bananen. Der deutsche Kolonialismus in Afrika - Eine Spurensuche in Hamburg, Hamburg 1999, 170 Seiten

Sachliteratur

Speitkamp, Winfried: Deutsche Kolonialgeschichte, Stuttgart 2005 (Reclam-Ausgabe)

Afrika, Aus Politik und Zeitgeschichte, Band 4 (2005), Bonn 2005

Van Dijk, Lutz: Die Geschichte Afrikas, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2005, 234 Seiten, mit Illustrationen von Dennis Doe Tamakloe

Afrika I, Informationen zur politischen Bildung, Nr. 264, München 2001 Afrika II, Informationen zur politischen Bildung, Nr. 272, München 2001

Van Laak, Dirk: Deutschland in Afrika. Der Kolonialismus und seine Nachwirkungen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 4 (2005), vom 24. Januar 2005, S. 3-11

Baer, Martin/Schröter, Olaf: Eine Kopfjagd. Deutsche in Ostafrika. Spuren kolonialer Herrschaft, Berlin 2001, Christoph Links Verlag.

Zeller, Joachim: Kolonialdenkmäler und Geschichtsbewusstsein. Eine Untersuchung der kolonialdeutschen Erinnerungskultur, Frankfurt/Main 2000, 328 Seiten

Becker, Felicitas/Beez, Jigal (Hrsg.): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika. Berlin 2005, Christoph Links Verlag

Zimmerer, Jürgen/Zeller, Joachim (Hrsg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin 2003, 284 Seiten

Bley, Helmut: Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwestafrika 1894-1914, Hamburg 1968

Belletristik

Böhler, Katja/Hoeren, Jürgen (Hrsg.): Afrika. Mythos und Zukunft, Bundeszentrale für politische Bildung, Berlin/ Bonn 2003, 206 Seiten

Seyfried, Gerhard: Herero, Frankfurt 2004, 640 Seiten Inhalt: Aus dem Trubel Berlins verschlägt es den jungen Kartographen Carl Ettmann 1903 in eine Küstenstadt in der deutschen Kolonie Südwestafrika. Dort trifft er die abenteuerlustige Fotografin Cecilie. Als sie gemeinsam weiterreisen wollen, bricht überraschend der Aufstand der Herero los. Während Ettmann den eilig zusammengestellten deutschen Truppen zu Hilfe eilt, wagt Cecilie sich in das umkämpfte Gebiet, um einen Herero-Häuptling von der Teilnahme am Aufstand abzuhalten. Bald muss sie erkennen, wie leichtsinnig ihr Entschluss gewesen ist.

Davidson, Basil: Vom Sklavenhandel zur Kolonialisierung. Afrikanisch-europäische Beziehungen zwischen 1500 und 1900, Hamburg 1966, 252 Seiten Eckert, Andreas: Die Duala und die Kolonialmächte. Eine Untersuchung zu Widerstand, Protest und Protonationalismus in Kamerun vor dem zweiten Weltkrieg, Münster 1992 Gründer, Horst: Geschichte der deutschen Kolonien, Paderborn 5. Auflage 2005, 330 Seiten

Timm, Uwe: Morenga, München 2000, 444 Seiten Inhalt: Deutsch-Südwestafrika, 1904. Beginn eines erbarmungslosen Kolonialkrieges, den das Deutsche Kaiserreich gegen aufständische Hereros und Nama führt. An der Spitze der für ihre Freiheit kämpfenden Schwarzen steht Jakob Morenga, ein früherer Minenarbeiter. Was damals in

Hücking, Renate/Launer, Ekkehard: Aus Menschen Neger machen. Wie sich das Handelshaus Woermann an Afrika entwickelt hat, Hamburg 1986, 200 Seiten Kunert, Roger: Kolonialgeschichtliche Stätten in Deutschland, Berlin 2004, 156 Seiten

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Quellen

Medienstelle, Rudolfstr. 137, 42285 Wuppertal, Tel. 020289004, e-Mail: info@vemission.org, Preis: 10 Euro

dem heute unabhängigen Namibia geschah, hat Uwe Timm in einer geschickten Montage von historischen Dokumenten und fiktiven Aufzeichnungen zu einem historischen Roman verdichtet.

Bildarchive

Theaterstücke

Archiv der Basler Mission: http://www.bmpix.org/ Bildbestand der Deutschen Kolonialgesellschaft in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main: http://www.ub.bildarchiv-dkg.uni-frankfurt.de/

Hussein, Ebrahim N.: Kinjeketile, in: Stücke Afrikas, hrsg. v. Joachim Fiebach, Berlin 1974, S. 5-53 Inhalt: Hauptfigur dieses Stückes ist Kinjeketile Ngwale, eine historische Person, die wirklich existierte und eine zentrale Rolle während des Maji-Maji-Krieges (1905-1907) gegen die deutschen Kolonialherren in Tansania spielte. Hintergrund des Stückes sind das brutale Auftreten der Deutschen gegenüber den Einheimischen und ihre ökonomische Ausbeutung der Afrikaner. Kinjeketile tritt in dieser Situation als eine Art Prophet auf, der die gepeinigten Afrikaner einigt und dazu das Wasser (Maji) als symbolische Medizin gegen die Spaltung einsetzt.

Filme „Deutscher Kolonialismus in Afrika” (DVD), Betzug über FWU (Institut für Film und Bild) in Grünwald bei München Inhalt: * Carl Peters und Deutsch-Ostafrika. Kolonialkritischer Dokumentarfilm (25 Min.) * Die Forderung nach deutschen Kolonien. Propagandafilm 1926, stumm (19 Min.) * Aufgaben und Diskussionsthemen * Arbeitsmaterial

Unterrichtsmaterialien Hernleben, Hans-Georg: Unser Bild von Afrika, Themenblätter im Unterricht Nr. 41, hrsg. von der Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 2004 Bezugsadresse: Bundeszentrale für politische Bildung, www.bpb.de/themenblaetter

„Weiße Geister - Der Krieg gegen die Herero” (72 Min.), Bezugs- und Ausleihbedingungen bitte direkt bei der Filmproduktion erfragen: www.weissegeister.de oder www.baerfilm.de Inhalt: Der Regisseur Martin Baer und der seit Jahrzehnten in Deutschland lebende Herero Israel Kaunatjike begeben sich gemeinsam auf eine Reise nach Namibia, um ihre jeweilige Familiengeschichte zu recherchieren: Israel hatte - wie er erst bei Vorarbeiten zu diesem Film herausgefunden hat - zwei deutsche Großväter. Beide seiner Großmütter bekamen Kinder von Soldaten der deutschen „Schutztruppe”. Ob diese Schwangerschaften aufgrund von Vergewaltigungen zustande gekommen sind (die es im Kolonialkrieg als sog. „Sexsklaverei” häufig gab), lässt sich nicht mehr herausfinden. Auch Martin entdeckt ihm bisher unbekannte Verbindungen seiner Familie nach Afrika. Einige seiner väterlichen Vorfahren, die einst als Siedler nach Deutsch-Südwest gekommen waren, leben bis heute in Namibia und Südafrika. Die Identitätssuche und die Folgen des Kolonialismus sind übergreifende Themen des Films.

Tanzania. Der Maji-Maji-Aufstand (1905-1907) und Namibia. Der Kolonialkrieg (1904-1908) und seine Folgen. Materialsammlung der Cultur Coopertaion e.V., Nernstweg 32-34, 22765 Hamburg, Tel. 040-394133, eMail: info@culturcooperation.de Poenicke, Anke: Kolonialismus und Postkolonialismus. Das Beispiel Afrika, hrsg. v. Myrle Dziak-Mahler, Reihe: Geschichte betrifft uns, Band 6 (2004) Bezugsadresse: Bergmoser + Höller Verlag AG, Redaktion "Geschichte betrifft uns", Postfach 50 04 04, 52088 Aachen, e-Mail: kontakt@buhv.de, Preis: 9,95 Euro „Uns gehört Herero-Land”. Namibia 1904-2004. Materialsammlung für Konfirmantenunterricht, Sekundarstufe I und II und Erwachsenenbildung, hrsg. v. Hanns Lessing, Frauke Bürgers und Eberhard Löschke, Wuppertal 2003, 190 Seiten plus CD-ROM Bezugsadresse: Vereinte Evangelische Mission,

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Quellen

„Deutsche Kolonien“, ein Medienpaket Die Deutschen haben ihre Kolonien früher verloren als Briten, Franzosen, Belgier und Holländer. Aber auch an ihnen hängt nach wie vor die Geschichte des Kolonialismus, vor allem in Afrika. Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist wegen der größeren zeitlichen Distanz etwas mühsamer als bei den anderen Europäern; zweifellos wirken jedoch Entdeckungen in der eigenen Geschichte nachhaltiger als der Hinweis auf die Beispiele der anderen.

„Das Ende von Deutsch-Südwest. Die Deutschen und Namibia” (15 Min.), Bezugs- und Ausleihmöglichkeiten bitte direkt beim WDR erfragen, Ansprechpartnerin: Waltraud Hollitzki, e-Mail: Waltraud.Hollitzki@WDR.DE Inhalt: In diesem Kurzfilm geht es um die Spuren, welche die deutsche Kolonialherrschaft bis heute in Namibia, dem ehemaligen Deutsch-Südwest, hinterlassen hat: deutsche Namen, deutsche Gebäude, deutsche Sprache. In Windhoek und Swakopmund erinnern nach wie vor martialische Denkmäler an deutsche „Heldentaten”, die nichts anderes waren als grausame Eroberungs- und Vernichtungsfeldzüge gegen die schwarze Bevölkerung. Das System der Apartheid, vorbereitet durch deutsche Verordnungen und Gesetze, endete in Namibia erst mit der Unabhängigkeit im Jahre 1990, 85 Jahre nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft.

Auf der beiliegenden DVD finden sie folgende Filme; DVD 1) 1. Liebe zum Imperium (46:48) Ein Film über einen abenteuerlustigen Kleinbürger, der im vergangenen Jahrhundert nach Afrika ausgezogen war, um für Deutschland Rohstoffe, Absatzmärkte und Ländereien zu erobern und dabei auf dem Gebiet des heutigen Tansania ein Kolonialimperium begründete...

„Re-Colonize Cologne” (43 Min.), für Bezugs- und Ausleihmöglichkeit siehe unter www.kanak-tv.de oder www.kanak-tv.de Inhalt: Kaiser Ngon Pouo’o Metzem III. aus Kamerun paradiert auf einer Sänfte getragen in die Kölner Innenstadt. Dort besetzt er ein Stück deutschen Bodens und konstatiert „Ihr habt uns auch nicht gefragt, als ihr gekommen seid, warum sollen wir euch fragen?“ Die Kölner Bevölkerung reagiert. Der Film blättert zurück und holt den verdrängten deutschen Kolonialismus in Kamerun ans Licht. Geschichten von Menschen treten hervor, die seitdem den Weg aus Kamerun nach Deutschland fanden und sich über die Versuche hinwegsetzen, ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken.

2. Mulattin Else (50:20) Der Film zeigt den Konflikt eines deutschen Halbblutes in Afrika. Else, das Mischlingskind aus dem verschwiegenen Harem der deutschen Kolonialelite, die Tochter des Gouverneur-Stellvertreters Jesco von Puttkamer, der ins ferne Deutschland verschwand. 3. Else im Wunderland (24:55) Die Fortsetzung von Mulattin Else Else hat eine Schwester in Deutschland, die legitime Tochter der Kolonialoffiziers Jesco von Puttkamer. Die deutsche Halbschwester zeigt aber kein Verlangen, Kontakt herzustellen. Doch Else geht auf Reisen, beschließt nach Vaters Grab und Familie im fernen Deutschland zu suchen.

„Gehet hin in alle Welt“ - Die Deutsche Mission in Afrika. Regie: Jean-Marie Teno, D/F 2004, 68 min. Inhalt: In seinem neuesten Film entwirft Jean-Marie Teno ein vielschichtiges und komplexes Bild deutscher Missionstätigkeit in Afrika. Neben den Erkenntnissen afrikanischer und europäischer Wissenschaftler vermittelt der Film besonders durch die persönlichen Recherchen des Regisseurs bisher kaum bekannte Perspektiven. Dabei führt ihn die filmische Reise auch nach Namibia, Südafrika, Togo und Kamerun, wo er der Frage der aktuellen Bedeutung der Kirchen nachgeht.

4. Ein Lied für Südwest (17:42) Der Kurzfilm erzählt von der deutschen Landnahme 1883, über den Völkermord an den einheimischen Herero, bis zur heutigen deutschen Touristenkolonie. Total: 02:15: 55

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Quellen

DVD 2) 1. Mandu Yenu (49:09) Die Geschichte eines afrikanischen Königsthrones, der heute im Berliner Völkerkundemuseum bestaunt wird: Das Symbol der Macht des Königs der Bamoun erhielt der deutsche Kaiser vor fast hundert Jahren aus der Kolonie Kameruns zum Geburtstag "geschenkt". Der Film schildert die Begegnung eines schwarzen Königs mit den Europäern, er gibt ein Bild von der hohen Kultur der vorkolonialen Zeit in Westafrika und von der Selbstherrlichkeit deutscher Herrenmenschen, die als Eroberer gekommen waren.

Kontakte und Internetadressen

2. Usambara (42:14) Eer Film über Mission, Entwicklungshilfe und Partnerschaft zwischen den Völkern in der Kolonialgeschichte und Gegenwart, aus Tansania über hundert Jahre auf einer Missionsstation. Zwei greise Töchter der ersten Evangelisten aus Deutschland kehren nach 55 Jahren in ihren afrikanischen Geburtsort zurück. Mit einer neuen Mission...

www.blackandwhite-schwarzundweiss.de Verein für afrikanisch-europäisch-amerikanische Verständigung, mit ausführlichen Informationen zum Thema unter der Rubrik „Kolonialzeit”

www.africome.de Fokus Afrika: Africome 2004-2006, Internetseite zum Schwerpunkthema „Afrika” der Bundeszentrale für politische Bildung www.afrika-hamburg.de Internetseite zum Nach-Denkmal-Projekt der umstrittenen Statue Hermann von Wissmanns mit ausführlichen Informationen rundum die Geschichte des Denkmals, Biographien und das koloniale Hamburg

www.deutschland-postkolonial.de DEPO. Kontaktperson: Stefanie Michels www.deutsche-schutzgebiete.de Internetseite mit Postkarten und Texten aus der Zeit des Deutschen Reiches und des deutschen Kolonialismus (Kolonialapologetisch und völlig distanzlos)

3. Manga Bell (44:26) Im Jahr 1884, als man Afrika aufteilte, schloss ein Reichskommissar den ersten "Schutzvertrag" mit dem Oberhäuptling der Douala. Dessen Enkel Rudolf Manga Bell, der in Deutschland studiert und deutsch zu denken gelernt hatte, wurde später als König von den deutschen Kolonialherren wegen Widerstandes gegen den Kaiser erhängt.

www.entwicklungspolitik.org Zeitschrift Entwicklungspolitik, Seite: http://www.entwicklungspolitik.org/index_27514.htm zur „Geschichtlichen Verpflichtung in Afrika. Von Kolonien zu Partnerländern in der Entwicklungszusammenarbeit” von Uschi Eid www.freiburg-postkolonial.de Kontaktperson: Heiko Wegmann, Redaktion iz3w

4. Gruß aus Kiautschou (05:00) Der Kaiser in Berlin will, dass in seinem Reiche die Sonne nie untergehen soll. Neben kleinen Kolonien in der Südsee will das Deutsche Reich die Bucht von Kiautschou als Handelsstützpunkt, doch die Chinesen lehnen sich gegen die Fremdherrschaft auf. Sie werden nach ihren Kampfmethoden „Boxer“ genannt. Eine deutsche Strafexpedition erhält 1897 den Befehl, die Bucht von Kiautschou einzunehmen. Ein Jahr später überlässt die chinesische Regierung das Schutzgebiet dem Deutschen Reich durch einen Pachtvertrag auf 99 Jahre. 1914 verliert Deutschland die Kolonie an Japan.

www.goethe.de/ins/na/prj/eri/bil/deindex.htm „Erinnern 1904”, Projektseite des Goethe-Instituts Windhoek, zum Gedenken der Kolonialkriege in Namibia, Informationsbörse über die Aktivitäten zum Gedenkjahr 2004 www.gruene-muenchen-stadtrat.de/ seiten/themen/anderes/kolonialstrassenoa.html Projekt der Grünen Fraktion in München über Personen aus der Zeit des deutschen Kolonialismus, nach denen bis heute Straßen benannt sind, ausführliche Informationen u.a. über Lothar von Trotha, Theodor Leutwein, Hermann von Wißmann und Karl von Gravenreuth

Total: 02:15:49

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Quellen

www.majimaji.de Internetseite zum 100-jährigen Gedenken an den MajiMaji-Krieg, vom Tanzania-Network.de e.V.

Speziell zu Namibia / Deutsch-Südwestafrika: Gedenktafel für Hamburger Soldaten, die in den Kolonialkriegen in China („Boxer-Aufstand“ 1900) und Namibia („Herero-Nama-Aufstand“ 1904 – 1907) starben

www.mhudi.de/maji/ „Maji Maji Bibliography Project”. Sammlung von 68 deutschsprachigen Zeitungsartikeln aus der Aufstandszeit. Homepage von Afrikanistik-Studierenden der HumboldtUniversität Berlin

Porträt General v. Trotha an einem Gebäude der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne im Stadtteil Jenfeld

www.tanzania-network.de Internetseite des gleichnamigen Vereins, der sich zum Ziel gesetzt hat, die vielfältigen Beziehungen zwischen Deutschland und Tanzania zu intensivieren und effektiver zu gestalten, mit zahlreichen Informationen zu aktuellen Themen und den diplomatischen Beziehungen beider Länder

Speziell zu Tanzania / Deutsch-Ostafrika: Askari-Relief und Schutztruppen-Ehrenmal im „Tanzania-Park” in Jenfeld, Lettow-Vorbeck-Kaserne, Jenfelder Allee 70a, Ansprechpartner: Kulturkreis Jenfeld, Jenfeldhaus, Tel. 040-654 40 60

www.traditionsverband.de Internetseite des Traditionsverbands ehemaliger Schutzund Überseetruppen – Freunde der früheren deutschen Schutzgebiete e.V. (gruselig!!!)

Ohlsdorfer Friedhof, Grabstellen von Gouverneur Graf von Götzen und Emily Ruete (geb. Prinzessin Salme von Oman und Sansibar), www.friedhof-hamburg.de/ohlsdorf/

www.trotha.de www.schutztruppe.de

„Askari-Reliefs“ und „Schutztruppen-Ehrenmal“ in der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne

Rede der Bundesentwicklungsministerin Wieczorek-Zeul in Namibia http://www.uni-kassel.de/ fb5/frieden/regionen/Namibia/100-jahre.html

„Schutztruppen-Denkmal“ in Aumühle

Weitere Angebote zum Thema

www.marabout.de Stadtrundgang„ Branntwein, Bibeln und Bananen“ Hamburgs Kolonialgeschichte I: Von der Börse zur Speicherstadt Als „Tor zur Welt“ wurde Hamburg mit seinem Hafen im 19. Jahrhundert zur Metropole des deutschen Kolonialreichs in Afrika und im Pazifik. Zwischen City und Hafenrand zeugen die Börse, alte Speicher und Kontorhäuser, Hafenanlagen und Kirchen von Schnapsexporten und Missionseifer, von hanseatischer Kanonenbootpolitik und von afrikanischem Widerstand. Leitung: Heiko Möhle Veranstalter: St. Pauli Archiv, Werkstatt 3, Hafengruppe, Eine Welt Netzwerk Hamburg www.st-pauli-archiv.de/Webcard/rundg.html oder www.ewnw.de „Zwischen Völkerschau und Tropeninstitut“

Boxeraufstand in China http://de.wikipedia.org/wiki/Boxeraufstand Fotogalerie - Koloniale, postkoloniale und weitere Impressionen http://www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/fotos.htm

Erinnerungsorte in und um Hamburg „Afrika-Haus“ des Handelsunternehmens C. Woermann, Große Reichenstraße Bismarck-Denkmal auf der Elbhöhe (zeigt Bismarck als mittelalterliche Rolandsfigur mit Schwert – Schutz des Reiches über den hanseatischen Überseehandel)

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Quellen

Hamburgs Kolonialgeschichte II: Hafenrand zwischen St. Pauli und Neustadt Englische Tuchimporteure, portugiesische Zuckerbarone und preußische Sklavenhändler machten Hamburgs Neustadt seit dem 17. Jahrhundert zur Drehscheibe im aufblühenden Welthandel. Später wurde auch die benachbarte Vorstadt St. Pauli von Hamburgs Entwicklung zum „Tor zur Welt“ erfasst. Tropeninstitut und Deutsche Seewarte siedelten sich auf der „Hafenkrone“ an, am Spielbudenplatz und auf dem „Dom“ wurden exotische Fantasiewelten inszeniert. Neben dem Bismarckdenkmal zeugen noch heute eine Gedenktafel im Michel und das Wissmann-Denkmal an den Landungsbrücken von Hamburgs Rolle als Kolonialmetropole. Leitung: Heiko Möhle Veranstalter: St. Pauli Archiv, Werkstatt 3, Hafengruppe, Eine Welt Netzwerk Hamburg www.st-pauli-archiv.de/Webcard/rundg.html oder www.ewnw.de Hafenrundfahrt „Das Tor zum Weltreich“ Literarisches und Informationen zum deutschen Kolonialismus Kakao aus Kamerun, Kupfer aus Namibia, Kopra aus Samoa: Hamburgs Freihafen mit der Speicherstadt war die Drehscheibe des deutschen Kolonialhandels, an dem vor allem Hamburger „Pfeffersäcke“ verdienten. Widerstand gegen die Kolonialherrschaft wurde blutig bekämpft: Vom Hamburger Baakenhafen gingen seit 1904 die Truppentransporte nach Afrika, um die antikolonialen Aufstände in Namibia und Deutsch-Ostafrika niederzuschlagen. Veranstalter: Hafengruppe Hamburg in Kooperation mit Eine Welt Netzwerk Hamburg e.V. www.ewnw.de oder www.hafengruppe-hamburg.de

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Impressum Das Projekt “Deutsche Kolonien” entstand in Zusammenarbeit von: filmkraft filmproduktion peter heller www.filmkraft.net und medien-im-netz Metz7 GmbH www.medien-im-netz.de Konzept und Produktion filmkraft filmproduktion, münchen Projektleitung Peter Heller Assistent Niklas Goslar Pädagogische Anleitung Christoph Steinbrink Joachim Paschen Beratung Prof. Dr. Helmut Bley Prof. Dr. Andreas Eckert Rohland Schuknecht Autoren der Texte Rohland Schuknecht Alexis Malefakis Heiko Möhle Für den Inhalt der Texte sind die Autoren verantwortlich.

Grafik und Gestaltung Jürgen Fiege Montage Filmclips Wolfgang Grimmeisen Heiko Feld Wir danken: Joachim Paschen, Heiko Möhle, Rohland Schuknecht, Alexis Malefakis, Prof. Dr. Helmuth Bley, Prof. Dr. Andreas Eckert, Dr. Hans Peter Hahn

Deutsche Kolonien Handbuch  

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