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FILM DIENST Das Magazin für Kino und Filmkultur

SETH ROGEN

König der Kino-Nerds ER STEHT FÜR EINEN MÄNNERTYPUS, DER DERZEIT DIE HOLLYWOODKOMÖDIE FEST IM GRIFF HAT

€ 4,50 | www.filmdienst.de 66. Jahrgang | 15. August 2013

17|2013

Häuser: (Un-)heimliche Stars Häuser sind in Kinofilmen mehr als nur Schauplätze. Eine Typologie „gut gebauter“ Darsteller E NEUE FOLG

Musikfilm

BAD B BA GIRLS in Deutschland

Dass unanständige, selbstbewusste Frauenfiguren reizvoller sind als ihre braven Schwestern, zeigte schon Fritz Langs „Metropolis“. Im aktuellen Kino beweist das die junge Heldin in der Verfilmung des Skandalromans „Feuchtgebiete“.

TV-Beilage

44

Seiten alle Kinofilme im Fernsehen

17 4 194963 604507


FilmDienst 17 | 2013

Alle Filme im TV vom 17.8. bis 30.8. Das Extraheft 44 Seiten

e im TV Extra-Heft: Alle Film

Kritike 80.000 Film-

.filmdie n unter www

nst.de

DER LETZTE TYCOON 26.8. arte ÜBER UNS DAS ALL 17.8. WDR

HEXENKESSEL 20.8. ARD

Ständige Beilage

FILM DER MACKINTOSH-MANN 27.8. WDR

IM TV

MARIE ANTOINETTE 19.8. SF 1

17.8.–30.8.2013

Kino 10

LILI MARLEEN 30.8. 3sat

den Coen-Brüdern Men Hochspannung von No Country for Old Werften tation um Bangladeshs AbwrackEisenfresser Dokumen kte Gefühle studie um hitzig unterdrüc Pingpong Kühle Charakter

[17.8. PROsieBen] [20.8. ARte] [27.8. BAYeRn 3]

No Country for Old Men Bitterer Drogen-Krimi 17.8. ProSieben Eisenfresser Doku über Abwrack-Arbeiter 20.8. arte Pingpong Kühle Charakterstudie 27.8. Bayern 3

Seth Rogen inmitten seiner Hollywood-Freunde Danny McBride (l.) und James Franco (r.) beim Abfeiern der Apokalypse in „Das ist das Ende“

Akteure

SCHÖNER WOHNEN!? Herausforderung und Eldorado des Production-Designs, Dreh- und Angelpunkt einer Filmhandlung: Häuser sind die oft (un)heimlichen Diven vieler Hollywood-Filme - ob mobil oder statisch, als Festung, Luxusobjekt oder Heimathafen für die Figuren. Eine Wohnungsbesichtigung. Von Felicitas Kleiner + Häuser im Film

DIE PRINZESSIN VON MONTPENSIER 29.8. WDR

1941 - WO, BITTE, GEHT‘S NACH HOLLYWOOD 23.8. kabeleins

Unheimlich thront es über Norman Bates‘ Motel: das Haus in Alfred Hitchcocks „Psycho“

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KÖNIG DER KINO-NERDS Seth Rogen und seine KomödienKumpel erleben aktuell in „Das ist das Ende“ die Apokalypse. Für manche ist Rogen selbst eine Apokalypse des guten Geschmacks. Dennoch hat er sich vor und hinter der Kamera zum zugkräftigen Star entwickelt. Ein Porträt des derzeit erfolgreichsten Slackers Hollywoods. Von Kathrin Häger

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DIE NACKTE WAHRHEIT Regisseur David Wnendt scheint ein Faible für Frauenfiguren zu haben, die auf Konfrontationskurs mit gesellschaftlichen Normen gehen. Nach seinem Debütfilm „Kriegerin“ hat er sich nun an die Verfilmung von Charlotte Roches Skandalroman „Feuchtgebiete“ gewagt. Ein Gespräch mit dem Filmemacher. Von Heidi Strobel

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IN MEMORIAM Die eine spielte „verworfen“ selbstständige Frauen zwischen Vamp und Circe fürs Publikum der Adenauer-Ära. Die andere hatte ein ähnliches Rollenspektrum und gilt als eine der großen Galionsfiguren der französischen Nouvelle Vague. Im Juli starben Renate Mannhardt und Bernadette Lafont.

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DIE ZUKUNFT IST JETZT Wäre Rainer Erler nicht Regisseur geworden, er hätte Deutschland als investigativer Journalist in Unruhe versetzt. Mit Spielfilmen wie „Fleisch“ und „Plutonium“ packte er heiße Eisen an, die bis heute nachglühen. Ein Porträt zum 80. Geburtstag des Enthüllungsregisseurs. Von Roland Mörchen + Filme von und Filmbücher über Erler„Millions“

Neue Filme auf DVD/Blu-ray 4

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S. 48


Mit seiner Tonfilmoperette „La crise est finie“ (1934) knüpfte der nach Paris emigrierte Robert Siodmak an den deutschen Musikfilm an

Film-Kunst 19

FILMMUSIK Für seine Orchestrierung von „The Lone Ranger“ hat sich Hans Zimmer auf die Spuren Ennio Morricones begeben. Katrin Sass wiederum lässt ihre klare, alles andere als einschmeichelnde Stimme für Filmsong-Interpretationen auf „Königskinder“ erklingen. Wir haben reingehört.

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WIR WANDERN SINGEND DURCH DIE WELT

Titel: Warner Home Video S. 4/5: Sony Pictures; Universal; Archiv FILMDIENST; W-film; Tobis

Der fünfte Teil unserer Serie „Musik liegt in der Luft. Der deutsche Musikfilm von 1929 bis 1960“: Als sie dem nationalsozialistischen Deutschland den Rücken kehren mussten, fanden viele jüdische Filmemacher zunächst im europäischen Exil eine neue Heimat. Von Helmut G. Asper + Musik-CD- und DVD-Empfehlungen

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DVD-PERLEN Zwei Filme mit überwältigendem StarAufgebot und vielen Handlungsfäden, die unweigerlich auf eine Katastrophe zulaufen. Mit Stanley Kramers „Das Narrenschiff“ und Robert Altmans „Nashville“ sind zwei große Ensemblefilme auf kleiner Disc erschienen. Von Ralf Schenk

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MAGISCHE MOMENTE Verlockend und abgründig ist das Augenzwinkern, das Brigitte Helm 1927 in Fritz Langs „Metropolis“ von der Leinwand schickte. Als Roboterfrau Maria gelang ihr ein magischer Moment und das mit erst 17 Jahren. Von Rainer Gansera

Kritiken und Anregungen?

Neue Filme

Oben ist es besser, egal in welchem Genre: Im Sci-FiKracher „Elysium“ will Matt Damon der verdreckten Erde in Richtung All entfliehen; im Independent-Kino wird die in einen Brunnen gefallene Esther zum „Kid-Thing“; Sofia Coppolas „Bling Ring“-Clique findet ihr Elysium in den gekaperten Villen der Stars.

+ ALLE STARTTERMINE

46 43 41 46 38 47

Apple Stories [22.8.] Camille - Verliebt nochmal! [15.8.] Can’t Be Silent [15.8.] Dr. Ketel [22.8.]

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s. ELYSIUM

Elysium [15.8.] Feuchtgebiete [22.8.] Kinotipp der katholischen Filmkritik

S. 36 GOLD [15.8.] Western von Thomas Arslan

37 37 45 42 37 39

Grossstadtklein [15.8.] Kick-Ass 2 [15.8.]

45

s. KID-THING

Kid-Thing [22.8.] Mr. Morgan’s Last Love [22.8.] Pain & Gain [22.8.] Percy Jackson 2: Im Bann des Zyklopen [15.8.]

40 46 46 37 44

The Bling Ring [15.8.] Sadhu [22.8.] Upside Down [22.8.]

40

s. THE BLING RING

Verborgene Welten 3D [15.8.] Welcome to Pine Hill [22.8.]

Hollywood-Korrespondent Franz Everschor über Darren Aronofskys SintflutAdaption (S. 27)

Noah: Ein biblischer Mad Max

RUBRIKEN Editorial Inhalt Magazin E-Mail aus Hollywood Im Kino mit ... Vorschau Impressum

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Die nackte Wahrheit Vor gut fünf Jahren sorgte der Erstlingsroman von Charlotte Roche für Furore. „Feuchtgebiete“ (2008) polarisierte Kritik und Öffentlichkeit, der Erzählstil wurde sowohl als derb-pornografisch diskreditiert als auch als unbefangen-frisch gelobt. Nach einer Theateradaption folgt nun die Romanverfilmung. David Wnendt war nach seinem ersten Kinofilm „Kriegerin“ nicht unbedingt der Regisseur, mit dem man rechnen konnte. Im Gespräch erläutert er sein Interesse an dem Stoff und spricht über seine Vorliebe für starke, unkonventionelle Heldinnen. Das Gespräch führte Heidi Strobel.

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S

ie greifen gern Themen auf, die schockieren oder skandalträchtig sind. Wnendt: Das stimmt. Mir geht es aber nicht darum zu provozieren. Ich kannte den Roman und mochte ihn. Doch vor allen Dingen löste die Hauptfigur in mir eine ähnliche Faszination aus wie diejenige von „Kriegerin“: Helen ist eine vielschichtige Figur, an der man immer wieder etwas Neues entdecken kann. Ihre Frauentypen sind ungewöhnlich, widersprüchlich. Helen ist einerseits eine Frau, die genau weiß, wie sie die Männer anpacken muss, andererseits bedient sie doch perfekt Männerfantasien. Wnendt: Mit Helen hat Charlotte Roche den Kumpeltyp neu erfunden. Helen ist eben keine Femme Fatale, die durch ihre geheimnisvolle Art Männer erotisch stimuliert. Mit ihr kann man Pferde stehlen. Dabei ist sie bereit, der Projektion ihres Partners zu entsprechen, ohne jedoch ihre eigene Lust zu negieren. Sie ist ein ganz neuer, selbstbewusster Frauentypus. Damit eckt Roche natürlich auch bei klassischen Feministinnen an.

Fotos: Majestic Filmverleih

Nur bei Feministinnen? Wnendt: Dass der Widerstand und die Vorbehalte gegenüber „Feuchtgebiete“ so stark sein würden, hätte ich nicht gedacht, angefangen von den Schauspielern und Agenturen bis hin zu den Motivgebern. Als der Verleih erwog, für die Promotion des Films mit einem Kondom-Hersteller zusammenzuarbeiten, wollte keiner mitmachen. Die Hersteller wollten nicht, dass ihr medizinisches Produkt mit „Feuchtgebieten“ assoziiert wird. In manchen Erotikszenen werden Sie auch ganz schön drastisch. Also wollen Sie doch provozieren? Wnendt: Dass es nicht vordergründig um Provokation geht, bedeutet nicht, dass der Film harmlos ist. Es gibt Szenen, die schocken. Aber ich wollte ebenso die Erwartung unterlaufen, dass das Buch nur eklig und pornografisch ist. Ich wollte den Leuten einen schönen, bunten Blumenstrauß

Carla Juri spielt die Hauptrolle in „Feuchtgebiete“

David Wnendt

präsentieren, sie durch Humor und eine sehr fröhliche Erzählweise anlocken. Erst später bemerken sie, dass der Strauß auch Dornen hat. Da fällt mir die Szene ein, in der in Zeitlupe Männer auf eine Pizza masturbieren, musikalisch untermalt mit „An der schönen blauen Donau“ von Johann Strauß. Statt der Raumfähre aus „2001: A Space Odyssey“ sieht man Sperma durch die Luft fliegen. Solche Szenen hätten früher doch nur Pornodarsteller gedreht. Reißen sich die Schauspieler um solche Rollen? Wnendt: Die Szene, die bewusst „over the top“ ist, haben wir mit Pornodarstellern gedreht, das hat ja schon Lars von Trier bei „Idioten“ gemacht. Soweit man die Profis denn finden kann, da inzwischen, gerade in Deutschland, jeder in einem Pornofilm mitmachen kann. Die Darsteller hatten es beim Dreh schwer, weil ihnen als Spielpartner nur eine Pizza zur Verfügung stand. Zur Animation haben sie ihr eigenes „Fluff Girl“ mitgebracht. Es war erstaunlich, wie leicht man sich daran gewöhnt, so etwas zu drehen. Soll diese Szene den Porno-Diskurs brechen oder ironisch auf Kubrick verweisen? Wnendt: Nein. Ich beziehe mich mit dieser Szene, die wie eine Eduscho-Werbung aufgezogen wurde, auf ein ikonenhaftes Werk, um meinen Bildinhalt zu ironisieren. Es geht darum, den Kulturanspruch zu verballhornen, indem man ein Werk wie „Feuchtgebiete“ mit an die oberste Spitze der Kunst puscht. Genauso majestätisch und edel wie die Raumschiffe durchs All schweben, soll das Sperma auf die Pizza fliegen. Ich finde es ja schon auffällig, dass Sie in Ihren Film pornografische Darstellungsmuster einbezogen haben. Wnendt: Wenn man eine Erektion sieht, hat diese per se etwas Ehrliches, etwas Wahrhaftiges sozusagen. Ich meine damit, dass sie nicht digital hergestellt oder von Schauspielern fingiert wurde.

Akteure

Und ich finde es gut, dass in einem Film mit künstlerischem Anspruch auch solche Elemente auftauchen. Weshalb beschäftigt sich diese Zeit so offensiv mit expliziter Sexualität? Wnendt: Das kann ich nicht sagen. Es gibt immer mehr Filme, gerade amerikanische Serien, die sich trauen, immer mehr Nacktheit und Sexualität zu zeigen, und es war nie so leicht wie heute an pornografisches Material heranzukommen. Aber irgendwo ist immer noch etwas im Argen. Jedenfalls kommt die Beschäftigung mit diesem Thema immer zur richtigen Zeit. Die Gesellschaft kriegt das, was sie verdient. Und die Gesellschaft ist trotz aller Zugänglichkeit von Pornografie wieder prüder geworden. Ich glaube tatsächlich, dass wir noch sehr weit entfernt sind von der Gleichberechtigung. Es gibt auch sehr freizügige Szenen mit Carla Juri. Wie war es für sie, in die Rolle der Helen zu schlüpfen? Wnendt: Wir haben von Anfang an klar vereinbart, wo die Grenzen liegen. Expliziter Sex wurde ausgespart, es sollte keine Aufnahme von Geschlechtsteilen geben. Trotzdem musste sie sich immer wieder von Szene zu Szene überwinden. Also einfach war das nicht für sie. Gibt es da Tricks, um das Spiel solcher Rollen zu erleichtern? Wnendt: Zur Vorbereitung von „Feuchtgebiete“ waren wir zusammen mit dem Team in der Sauna, damit uns Carla auch einmal nackt sah. Und wir versuchten bei den Szenen, die Teamgröße und die Technik sehr zu reduzieren. Die Beleuchter machten die ganze Zeit von draußen Licht. Insgesamt haben wir mit einem eher kleinen Team gedreht. Auch bei anderen Szenen sollte Konzentration und Ruhe am Set sein. Aber es blieb schwierig, trotz alledem. Und es war nicht erotisch. Es war wirklich Arbeit. Die erotische Wirkung entsteht durch den Schnitt und dadurch, dass alle Elemente zusammenkommen.

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Akteure

David Wnendt

Ihr Spielfilmdebüt „Kriegerin“ war ungleich konventioneller erzählt. In „Feuchtgebiete“ mischen Sie sehr viele Stilelemente, etwa Animationsszenen, wenn die Kamera vergnügt durch eine künstliche Bakterienwelt fährt. Es gibt Split Screen, Fotos, Zeitlupe usw. Inwieweit haben der Produzent und das ZDF auf die Gestaltung des Films Einfluss genommen? Wnendt: Der Stoff hat diese Erzählweise ermöglicht. Aber es war von Anfang an auch der Ansatz des Produzenten, dass der Film unterhalten soll. Er sah einen Film vor Augen wie „Trainspotting“. Die Geschichte sollte mit einer großen Leichtigkeit erzählt sein, und es sollte eine Hauptfigur mitspielen, die leinwandfüllende Präsenz hat und den Zuschauer berührt. So konnte ich, was die Effekte, die Stilmittel angeht, aus dem Vollen schöpfen. Diese Form der Einflussnahme ist nichts Negatives in Form von Zensur, weil man dadurch auch mehr reflektiert. Haben Sie sich mit diesem Film auch ein Stück weit von Ihrer Ausbildung an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg gelöst? Wnendt: Dass man im ersten Jahr seiner Ausbildung an der HFF zunächst einmal einen Dokumentarfi Dokumentarfilm lm macht, führt dazu, dass man einem realistischen Ansatz zuneigt. Damit ist man jedoch keineswegs eingeschränkt. Es gibt eine enorme Bandbreite, vom komplett improvisierten Film, der ohne Drehbuch und mit Handkamera gedreht wird, bis hin zu einem durchgestalteten Film mit großem Formenreichtum. Nach „Kriegerin“ hatte ich viel mehr Lust auf Gestaltung als noch eine weitere Reduktion anzustreben. Aber es sind imStoff, die für mich mer der Film und der Stoff, die Herangehensweise diktieren. Inwieweit ist das auch ein Trend: Wir mischen für einen erfolgreichen Film einmal möglichst viele Stilelemente? Wnendt: Man darf nicht vergessen, dass das Kino vom Varieté herkommt. Als ich in Amerika war, besuchte ich ein Kino, das Quentin Tarantino gehört. Dort sah ich den Grindhouse-Film „Switchblade Sisters“. Ich bin reingegangen mit der Erwartung, reinen Trash zu sehen, aber der Film war

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ein Erweckungserlebnis für mich. Er bot archaische Unterhaltung, mit der man ganz nah an die Wurzeln des Kinos geführt wird. Der Film war vollgepackt mit krasser Gewalt, billigen Sexszenen und ExploitationStilelementen. Und trotzdem hatte die Geschichte, die an „Othello“ angelehnt war, Tiefgang. Der Film ging voll auf. Das fehlt dem deutschen Film manchmal, so ein bisschen Saft und Kraft. Wenn sich Kino davon zu weit entfernt, kann es sehr verkopft und blutarm werden. Ihnen fehlt also das Unterhaltungsmoment im deutschen Kino. Wnendt: Solche zugespitzten Statements sind immer blöd, weil dann Tausende von Leuten aufschreien. Es gibt viele sehr unterhaltsame deutsche Filme, nur der Umgang mit Unterhaltungsmomenten an sich ist manchmal verkrampft. Die HFF ist stilistisch von der „Berliner Schule“ geprägt. Doch so gut wie ich manche von deren Filmen finde – und sie hat den Film in Deutschland vorangebracht –, ist es für mich nicht reizvoll, diese Stilrichtung weiter zu treiben. Ich will wieder

wnendt im Profil David Wnendt, geb., 1977, wuchs als Diplomatenkind in Islamabad, Miami, Brüssel und Meckenheim auf. Mit 18 Jahren verwirklichte er seine erste Mini-Doku. 2005 folgte der Kurzfilm „California Dreams“, drei Jahre später der 60-Minüter „Kleine Lichter“. Seine Expertise erarbeitete er sich als Cutter, Beleuchter, Regie- und Produktionsassistent. Zudem studierte er BWL und Publizistik an der FU Berlin, bevor er sein RegieStudium an der HFF Konrad Wolf begann, das er 2011 mit seinem Debütfilm „Kriegerin“ beendete. „Kriegerin“ erhielt u.a. drei Deutsche Filmpreise.

mehr Story, will wieder mehr Dramaturgie, aber kombiniert mit dem extrem realistischen Spiel der „Berliner Schule“. Ich selbst finde Dramaturgie dann spannend und gelungen, wenn sie sich nicht allzu weit von der tatsächlichen psychologischen Entwicklung und dem Erwachsenwerden des Menschen entfernt.

David Wnendt mit der Schweizer Schauspielerin Carla Juri am Set von „Feuchtgebiete“


8 0 . 0 0 0 F i l m - K r i t i k e n u n t e r w w w. f i l m d i e n s t . d e

FILM Mr. Morgan‘s Last Love Drama

[start 22.8.]

DIENST

ALLE NEUEN FILME

The Bling Ring von Sofia Coppola

[start 15.8.]

SO WERTET FILMDIENST HANDWERK

Die Qualität von Regie, Schnitt, Kamera, Musik.

INHALT

Thema und Gehalt der erzählten Geschichte.

DARSTELLER

Die Leistungen der Schauspieler.

Je Kategorie vergibt die Redaktion von FILMDIENST max. 5 Punkte

Camille – Verliebt nochmal! Zeitreise-Dramödie

[start 15.8.]

Feuchtgebiete von David Wnendt [stARt 22.8.] Gold von Thomas Arslan [stARt 15.8.] Kid-Thing von David Zellner [stARt 22.8.]

Elysium

Dystopischer Science-Fiction-Film

[start 15.8.]

S. 47 S. 36 S. 45

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Last Woman Standing Berliner Schule trifft (Spät-)Western: Thomas Arslan schickt Nina Hoss auf Goldsuche in die kanadische Wildnis Zeitgenössische Fotografien waren eine der Quellen, die Thomas Arslan zu seiner ungewöhnlichen „Reisefabel“ inspirierten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, so erzählt er, habe sich die Amateurfotografie in Windeseile entwickelt, als man die handlich gewordenen Kodak-Kameras auch ohne Stativ bedienen konnte. So hat man noch heute einen authentischen Eindruck jener von Hoffnung, Mut und womöglich von großer Verzweiflung getriebenen Goldsucher auf ihrem Weg zum Klondike-Fluss: Männer, die sich vor einen vollbepackten, klapprigen Handkarren spannten, Frauen in „züchtiger“ und dementsprechend höchst unbequemer

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Reisekleidung, Kinder mit zusammengerollten Matratzen auf dem Rücken. Sie alle folgten um das Jahr 1898 dem „Lockruf des Goldes“, unter ihnen viele Deutsche, die zuvor als Auswanderer in die USA gekommen waren und die nun ein weiteres Mal aufbrechen, um sich ihre uneingelösten Hoffnungen auf einen Neuanfang doch noch zu erfüllen. Dabei folgen sie höchst trügerischen Versprechungen: Raffgierige Propagandisten, schlecht vorbereitete Reisebegleiter mit miserablen Landkarten, misstrauisch-distanzierte Dorfbewohner und selbst schweigsame Indianer stürzen sich auf die Reisenden, beuten sie schamlos als

willfährige Opfer aus. Immer wieder zeigt Arslan diese Mechanik als perverse Kehrseite des Kapitalismus, als emotionsfreien Deal ohne Mitleid oder Empathie: Hast Du Geld, dann helfe ich Dir, ansonsten kannst Du sehen, wo Du bleibst. Nicht nur beugt er damit jeglicher Legendenbildung vor, verweigert konsequent jede romantische Ästhetisierung.

Scope. Deutschland/Kanada 2013 Regie & Buch: Thomas Arslan Kamera: Patrick Orth Musik: Dylan Carlson Schnitt: Bettina Böhler Darsteller: Nina Hoss (Emily Meyer), Marko Mandic (Carl Boehmer), Lars Rudolph (Rossmann), Uwe Bohm handwerk

inhalt

(Gustav Müller), Peter Kurth (Wilhelm Laser), Rosa Enskat (Maria Dietz), Wolfgang Packhäuser (Otto Dietz) Länge: 100 Min. | FSK: ab 12; f Verleih: Piffl Medien Kinostart: 15.8.2013 FD-Kritik: 41 848 darsteller

Fotos: Jeweilige Verleiher

Gold [15.8.]

Der Mythos des Westerns hat sich längst abgenutzt, jeder Anflug von glanzvoller Abenteuerlichkeit erscheint angesichts der strapaziösen Odyssee deplatziert. Das Licht über Arslans kleinem Reisetrupp ist nur das natürlich vorhandene, die Größe der Landschaft hat kaum etwas Großartiges, eher im Gegenteil: Angesichts der wachsenden Orientierungslosigkeit durch karge Felsenszenerien, labyrinthische Flussebenen und undurchdringliche Wälder stellt sich Klaustrophobie ein – ein intensiv spürbarer Zustand von Angst und Beklemmung in einem für die Reisenden nicht zu fassenden und zu begreifenden Raum. Vielleicht wäre das ja alles sogar zu ertragen, würden die Reisenden nicht zusätzlich noch an sich selbst so schwer zu tragen haben; an ihren jeweils eigenen individuellen Geschichten, ihren Taten und Ängsten, Vorurteilen und Ansprüchen – an allem, was ihnen die Zivilisation an (falschen wie richtigen) Vorstellungen von Moral, Recht und Unrecht aufgebürdet hat. Insgesamt sind es sieben Goldsucher, die an


Fotos: Jeweilige Verleiher

im Kino

neue Filme

GroSSStadtKlein [15.8.]

BEWERTUNG DER FILMKOMMISSION Eine Frau schließt sich 1898 in Kanada einer kleinen Gruppe an, deren Mitglieder am Fluss Klondike Gold suchen wollen. Die Reise erweist sich als lebensgefährlich, was an äußeren Bedrohungen wie an Verwerfungen innerhalb der Gruppe liegt. Thomas Arslan inszeniert das Western-Sujet auf der Basis historischer Zeugnisse als existenzielle Grenzerfahrung, die nicht auf dramatische Zuspitzungen setzt, sondern auf die Teilhabe an den körperlichen Mühen und seelischen Zerreißproben, wobei er die Weite der Landschaft ins Klaustrophobische wendet. - Sehenswert ab 16.

einem Sommertag im Jahr 1898 von der nördlichsten Bahnstation in Kanada aufbrechen, voller naiver Zuversicht auf ein besseres Leben. Nur allmählich kommt es unter den sich Fremden zur Annährung. Zunächst nur mit Blicken, dann in ersten Gesprächen taxiert man sich, nimmt Einschätzungen vor, verteilt Sympathien und Antipathien. Als besonderer Fremdkörper sticht von Beginn an Emily Meyer (Nina Hoss) aus der Gruppe heraus: eine allein reisende, zudem sichtlich selbstbewusste Frau, an der sich die Haltungen der anderen auf grundverschiedene Weise ausrichten. Am Ende ist es Emily, die noch am weitesten kommt – vielleicht weil sie am wenigsten zurückblickt: „Ich habe nichts, wofür es sich lohnt umzukehren“, sagt sie einmal. Alle

anderen scheitern an ihren Dämonen: Der Betrüger wird fast gelyncht, der alkoholabhängige, zur Herrschsucht neigende Reporter tappt in die einzige Bärenfalle weit und breit, um elendig zu sterben; der „zärtelnde“ Familienvater verfällt dem Wahnsinn und verschwindet nackt im Nichts; den Abenteurer, dem noch am ehesten das Flair des einsamen Westerner umgibt, holt eine zurückliegende Gewalttat ein. Es sind gänzlich unromantische Episoden einer aussichtslos-widersinnigen Reise, die Arslan zu einer anfänglich spröden, dann immer spannenderen Tragödie verdichtet. Wie die Personen untereinander, so nähert auch er sich ihnen langsam und behutsam, arbeitet geschickt mit Auslassungen. Dies rückt die Monotonie der beschwerlichen Reise in den Vordergrund, während vieles indirekt erschlossen werden muss – vor allem aus den immer sonnenverbrannteren Gesichtern, die von Erschöpfung und wachsender Mutlosigkeit erzählen. Ganz selten blitzt etwas von den Ressourcen menschlicher Vitalität auf, etwa wenn Nina Hoss einen koketten Tanzschritt ausübt; und mitunter schiebt sich ein wohltuend grimmiger Humor in die Erzählung, etwa wenn Lars Rudolph angesichts der Absurdität der Ereignisse wunderbar lamentierend mit dem Schicksal hadert. Horst Peter Koll

Ausführliche Kritiken zu jedem Film Online unter www.filmdienst.de

Ole reist per klapprigem Moped aus der Provinz von Mecklenburg-Vorpommern nach Berlin - um ein Praktikum anzutreten, die Familie zu heilen und womöglich die wahre Liebe zu finden. Tobias Wiemann hat seinen Debütfilm inhaltlich ein wenig überfrachtet, entwickelt seine Geschichte dabei aber stets sorgfältig an den Figuren entlang. Diese zeichnet er gemeinsam mit der ausdrucksstarken Besetzung nicht ohne Klischees, opfert dabei aber die schrulligen Gestalten nie irgendeinem billigen Witz. - Ab 14. Deutschland 2013 | R: Tobias Wiemann | 98 Min. | FD-Kritik: 41 849

pain & Gain [22.8.] Zwei Mitarbeiter eines Fitnessstudios wollen gemeinsam mit einem Kumpel ihr Salär aufbessern, indem sie einen reichen Kunden entführen und unter Folter zum Geldüberweisen zwingen. Was theoretisch einfach klingt, entwickelt sich in der Praxis zu einer Anhäufung von Katastrophen. Nach einer wahren Begebenheit von Michael Bay als Chaos-Komödie inszeniert, entwickelt sich der Hochglanz-Film aufgrund seines zerdehnten Spannungsbogens zu einer Geduldsprobe mit infantilem Humor. - Ab 16. USA 2013 | R: Michael Bay | 130 Min. | FD-Kritik 41 850

verBorGene Welten 3d – die höhlen der toten Ein eindrücklich mit stereoskopischer Kamera eingefangener Einblick in eine selten dokumentierte Unterwasserwelt der Höhlenlabyrinthe auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Die deutsche Dokumentation, die durch ihre überwältigenden HD-Bilder besticht, mystifiziert diese als Grundlage für die Maya-Kultur erachteten, bis zu 100 Meter tiefen Wasserlöcher. Unnötig mit MayaReenactment-Szenen aufgepeppt, bleibt der Film dennoch ein Erlebnis für Tauch- und Naturfreunde. - Ab 10. Deutschland 2013 | R: Norbert Vander | 93 Min. | FD-Kritik: 41 851

KicK-aSS 2 [15.8.] Drei Jahre nach „Kick-Ass“ müssen die selbsternannten Alltagshelden mit neuen Herausforderungen fertigwerden: Mindy („Hit-Girl“) erlebt die Traumata, die ein Mädchen in der High School erwarten, während Dave („Kick-Ass“) mit seiner Rolle als „Held der Straße“ hadert. Doch dann taucht ein neuer Superschurke auf. Das Sequel schafft es nicht, die Figuren interessant weiterzuentwickeln, sodass aus dem Mix aus Superhelden- und High-School-Film ein halbwegs stimmiger Plot entstünde. - Ab 16. USA 2013 | R: Jeff Wadlow | 113 Min. | FD-Kritik: 41 852

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